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Teutsche Winter-Nächte

Johann Beer: Teutsche Winter-Nächte - Kapitel 70
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleTeutsche Winter-Nächte
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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VII. Capitul. Der Alamode-Schneider führt anstatt der Hochzeitkleider Heu und Stroh in das Schloß. Ein Bauerknecht verliebt sich in Zendorii Köchin.

Den Reichen sieht man immer froh,
Greift er nach Geld, so hat er Stroh.

Indem sie sich nun so ausdermaßen darüber verwunderte, nahm ich meine Stockfiedel und geigte das Lied: ›Dreizehen Schneider hab'n vierzehn Pfund, fressen ein Geißbock in anderthalb Stund.‹ Nach diesem nahm ich eine andere Phantasie vor, denn es ist gewiß, daß ich in dieser Einsamkeit keine bessere Zeitvertreibung als durch die Musik gesuchet, welche ich ehedessen in meiner Jugend gelernet und schon allgemach nach den Noten habe singen können. So wohnte auch unfern von meinem Schlosse ein Organist in einem kleinen Städtlein. Demselben spendierte ich etliche Scheffel von meinem Wintergetreid. Davor mußte er alle Mittwoch zu mir auf das Land herauskommen und mir ein bißchen von der Composition weisen. Ich schreibe nicht umsonst ›ein bißchen‹, denn er konnte selbst nicht gar viel. Sonsten hätte er mich noch mehr lernen müssen.

Ich hatte zwar eine große Ölshaut, aber die Stücklein, die ich darauf satzte, waren sehr klein, weil ich nichts als Trompetenstücklein componieret, die mir die Schalmeienpfeifer auf unsern Zusammenkunften abblasen müssen. Unterweilen schrieb ich auch Verse und unterschiedliche Lieder, welche ich aber nur deswegen nicht hereintragen wollen, damit der Tractat nicht zu weitläuftig und die Lust des Lesers dardurch nicht gehemmt werde.

Etliche habens zwar im Gebrauch, denn sie meinen, das Haus sei nicht wohl gebaut, wenn nicht ein oder andre Reimzeile daran geschrieben stünde. Aber, die Wahrheit zu bekennen, ob ich schon selbsten eine unzählige Menge allerlei dergleichen Lieder ausgearbeitet und dardurch oft manche langweilige Zeit, absonderlich aber in den verdrießlichen Winternächten, passiert, bin ich doch in der Sache und in dem Grund selbsten kein großer Liebhaber der Poesie, weil die Phantasie niemalen mehr mit Lügen überdecket ist, als wenn man Verse schreibt. Diese Ursach habe ich dem Leser nicht verhalten wollen, auf daß er nicht meine, ich hätt es etwan liederlicherweise übersehen oder wäre entweder so rar und delicat mit meinen Sachen wie etliche andere Narren jetziger Zeit, welche auch nichts herausgeben wollen, es sei denn, daß man ihnen vor jeden Buchstaben einen Taler auf dem Brett weg zahle. Aber man wird ihnen was anders in den Beutel tun, und in diesem Stück bin ich ganz einer andern Meinung, weil ich einen Kopf vor mich habe und mich nach andern Leuten so wenig richte als die Franzosen nach der schwäbischen Mode.

Demnach geigte ich mit meiner Stockfiedel tapfer auf, zwischen welcher Zeit das Abendessen fertig geworden. Caspia hatte bei meiner Wiederkunft einen Kaphan an den Spieß gestecket und einen Karpfen blau abgesotten, weil ich solchen Fisch überaus gerne genossen. Und indem ich bei mir selbsten in Gedanken gesessen und mich entschlossen, eine lustige Comödia mit dem Pickelhering zu machen, hörte ich auf der Straßen etliche Schellenkränze erklingen. Sie kamen immer näher. Deswegen mutmaßete ich, sie würden das Schloß vorbeifahren, weil die Hauptstraße des Landes vorüberging. Sobald sie aber herzukamen, stunden sie stille und fragten, ob hier nicht ein Wirtshaus wäre, darinnen sie diese Nacht herbergen könnten. Ich rufte über das Fenster hinab, daß ich zwar kein Wirtshaus hätte, wenn sie aber die Nacht in diesem geringen Schlößlein heute nacht vor gut nehmen wollten, wäre es mir lieb, so ich ihrer Gesellschaft genießen könnte. Derjenige, so das Commando über die beiden Schlitten führte, wollte schon weiterfahren, als ich ihn abermal dazubleiben geheißen, welches er endlich einging, doch mit der Condition, daß ich seiner Grobheit verzeihen und mir wegen ihrer keine Ungelegenheit zuziehen wollte. Allein mir geschah dadurch vielmehr ein stattliches Wohlgefallen, weil ich mit niemanden lieber als denjenigen geredet, die das Land auf und ab gereiset. Ja, ich kann es mit gutem Gewissen sagen, daß kein Bettler sicher vor mein Schloß passieren können, der mir nicht seinen ganzen Lebenslauf von Wort zu Wort erzählen müssen.

Ich ging endlich gar hinunter und verstund gar bald, wer der angekommene Monsieur war. »Mein Herr,« sagte er zu mir, »Er verzeihe meine Grobheit. Die Nacht und die Kälte überfallen mich zugleich. Ich bin heute schon sechs Meilen gereiset und fürchte, es dörfte den Pferden Schaden tun, wenn ich länger in die Nacht hinein führe, ob ich schon keine Zeit übrig habe, meine nötige Reise zu verzögern, denn ich bin ein Alamode-Schneider aus einer benachbarten Landschaft und habe etliche Brautkleider auf das Schloß Wildenstein zu führen, allwo einer mit Namen Ergasto allerehestens wird Hochzeit machen. Die vier, welche auf dem hintern Schlitten gesessen, sind meine Obergesellen, die auf dem Beilager werden arbeiten müssen. Und also hat mein Herr Nachricht von unserer Compagnie. Hoffe, sie wird dem Herrn nicht zuwider sein.«

»Monsieur,« sagte ich zu dem neuen Alamode-Schneider, »ich habe aus seiner Relation gar genug verstanden. Er lasse seine Obergesellen nur mit sich hereinspazieren. Ich werde sie zwar nicht alamode tractieren, aber wohl versichern, daß sie mir sehr angenehme Gäste sein werden.« Hiermit führte ich sie in meine Wohnstube, allwo sie sich überaus über die Zierlichkeit derselben verwunderten. Sie fragten meine Leute, wer ich wär. Aber ich hatte schon zuvor geboten, daß sie mich vor einen Weißgerber ausgäben. Derohalben bekamen sie keine andere Antwort, als daß ich ein solcher Handwerksmann sei. Zum Behuf dessen ließ ich etliche gearbeitete Bock- und andere Häute hin und wider in dem Vorhause aufhängen, und also glaubten die Schneider leicht, was meine Leute von meiner Profession bei ihnen ausgaben. Die Kisten, in welchen die Brautkleider verschlossen lagen, ließ ich in mein obers Zimmer bringen. Aber unter währendem Essen befahl ich dem Josten, daß er solche heimlich aufschlüge, die Kleider herausnähme, solche in dem Cabinet hinter dem Schreibtisch verwahrte und die Kisten anstatt derselben mit Heu und Strohwischen ansteckte. Jost verrichtete seine Sachen, daß ich damit zufrieden sein konnte, und ich erwies dem Alamode-Schneider samt seinen Assessoren und Mitcollegen mit meinem Kaphan und dem Karpfen keinen unangenehmen Dienst. Der Principal redete unter ihnen das allermeiste, das allerwenigste aber von seinem Handwerk, sondern nur von hohen Staatsmaterien, darüber ich mich verwunderte. Aber es waren lauter Sachen, die in den gedruckten Zeitungen das Land auf und ab fuhren und niemand verborgen waren, als die nicht lesen konnten oder keine Ohren hatten. Ich sagte: »Mein Herr, ich bin ein geringer Handwerksmann und weiß um die Sachen das ganze Jahr kein Wort. Ich esse mein Stücklein Brot mit Frieden und lasse die kriegende Parteien Sturm laufen, Bomben anfeuren, die Stuck und Cartaunen losbrennen, Schiffbrücken schlagen, über die Wasser setzen, die Bagage anfallen und so fort. Dahero ist mir mit solchen Sachen sehr wenig gedienet, weil ich nur dadurch verunruhiget werde und doch keinen Pfennig Interesse davon habe. Dieses halte ich vor die größte Wissenschaft und vor die allernötigste Zeitung: Fromm leben und selig sterben.«

»Ja, ja,« sagte der Schneider, »mein lieber Herr Weißgerber, es ist wahr, daran hänget freilich das meiste. Indessen muß doch ein Mensch auch wissen, wie es die Welt treibt. Eins muß man tun und das andere nicht lassen, auf der Erden leben und nichts um die Erd wissen ist eine grobe Unwissenheit. Und wie meinet der Herr,« sagte er weiter zu mir, »wenn sich der Krieg in unser Land ziehen sollte und die Armeen in diese Gegend zu stehen kämen, meinet der Herr nicht, daß ich viel Kleider zu arbeiten und der Herr viel Häute gar zu machen bekäme? Oh, es weiß noch keiner, wo einer oder der andere seine Fortun machen kann. Ich hab manchem was zugute getan, absonderlich den Krämern. Denn der die elendeste War' hatte, zu dem wies ich die meisten Leute an und gab vor, daß er recht frische und französische Waren bekommen, dergleichen weit und breit nicht anzutreffen wären. Solchergestalten half ich manchem verlegenen Stuck Zeuch aus dem Kram, und ich hatte meinen gewissen Profit, welcher mir als einem Kleider-Advocaten billig nicht konnte abgeschlagen werden.«

Die Rede des Schneiders gefiel mir nicht übel, aber an seinen Schelmenstücken hatte ich schlechtes Wohlgefallen, trank ihm demnach wacker mit Weine zu, bis ich ihn samt seinen Leuten ganz berauschet. Solchergestalten gingen sie zur Ruhe, und morgen, ehe es Tag war, wollten sie die Zeche wissen. Allein ich sagte, daß man in diesem Weißgerbershause nichts bezahlen dörfte, sondern daß ichs vielmehr meinem Handwerk vor eine sonderliche Gnad ausrechnete, indem ich gewürdiget worden, von einem Alamode-Schneider heimgesuchet zu werden und seiner trefflichen Ansprache zu genießen, welches ich an meinem Orte mit gleichgültigen Diensten wiederum würde zu ersetzen wissen.

Mit einem solchen Compliment fertigte ich den Schneider mit seiner Zugehörung ab, und er fuhr mit seinen Schellnkränzen lustig davon, nicht anders glaubend, als wäre er diese Nacht bei einem Weißgerber gelegen. Und weil ihnen mein Knecht den Weg bis über das Gebirg hinaus weisen müssen, brachte er zurück, daß sie sich über nichts mehrers als über meinen stattlichen Reichtum verwunderten. Indessen hatte ich aber die Hochzeitkleider ein Stück nach dem andern besehen, und möchte nichts Liebers wissen, als warum doch Ergasto so gar still mit diesem hohen Werke zu verfahren gedächte, da wir doch als Gesellschafter und gute Freunde nicht das geringste gegeneinander zu verschweigen ehedessen versprochen hatten. Aber wie ich hernachmalen verstanden, so hat ers nur deswegen in der geheim behalten, auf daß er uns desto unverhoffter zusammenrufen und also eine unverhoffte Freude anrichten könnte, bei welchem man insgemeine zum lustigsten ist. Denn je unverhoffter die Freude, je angenehmer ist die Lust derselben, aber mir war sie um so viel desto ergötzlicher, weil ich zu solcher allgemach einen fröhlichen Anfang gemachet.

Ich dachte wohl einen ganzen Tag, was doch Ergasto und sein Bruder Isidoro zu diesem Streiche sagen, auch wie sich doch der Alamode-Schneider in Eröffnung der Kleiderkisten anstellen würde. Aber ich mußte die Geschicht mit kommender Zeit erwarten, zwischen welchem ich aufs neue allerhand Lieder componierte und solche hernachmals in die Musik übersetzte. Ich hatte auch meine sonderliche Kurzweil mit dem Sperling– oder wie mans in Österreich heißet, mit dem Spatzenfangen, welche sich häufig auf meinem Misthaufen einfanden. Teils erschoß ich sie mit Pallester- Kugeln, teils fing ich sie mit Leimruten und dergleichen, und unerachtet ich mir ziemliche Anzahl derselben zusammengebracht, war ich doch lange nicht so karg und filzig, daß ich solche braten und meinem Gesind zu essen hätte geben lassen, mit welcher Hudelei viel andere meinesgleichen auf dem Lande und in den Städten umgegangen, welche ihren Leuten nit allein Sperlinge, sondern sogar geschossene Raben vor Wildtauben zu fressen gegeben.

O nein, ein solcher Sparmunks bin ich all mein Leben lang nicht gewesen und will auch, wenns Wetter gut ist, noch lang keiner werden, denn was hat der Mensch auf Erden anders zu genießen als das Leben? Wahrhaftig nichts. Drum ist es eine absonderliche Eitelkeit, so lange sparen und scharren, bis man ins Grab gehet, da man doch von den erworbenen Mitteln nicht einmal froh noch satt wird, weil die Geizhälse immer gedenken: Heut zerrinnet mir mein Hab und Gut, morgen zerrinnet mirs, übermorgen zerrinnet mirs, und so fort ohne Ende. Nein, solche lapperhaftige Gedanken hab ich niemalen in mein Herz kommen lassen. Ich ließ mein Gesind und Schloßbediente meiner Mittel und des wenigen Vermögen reichlich genießen und fraß selten einen Braten, da ich nicht ihnen auch einen zurichten ließ. Ja wohl, Sperlinge, es war mir genug, daß ich durch den Fang derselben die Zeit passieren konnte. Was sollte ich erst noch darzu einen Gewinn gesucht und solche den armen Dienstboten zu essen vorgesetzet haben? Sie arbeiten ja viel mehr als ich, deswegen hielt ichs vor unbillig, daß ein Feiernder besser denn ein Arbeiter solle tractieret werden. Und in diesem Teil erhielt ich kein geringes Lob unter meinen Leuten. Sie arbeiteten auch noch halb soviel, und ich spürete ihre fleißige Hände in Zunehmung des Viehes, in Fruchtbarkeit der Äcker und in Ersprießung vieler andern Sachen um ein merkliches.

Zwei Tage darnach, als der Alamode-Schneider seinen ehrlichen Abschied von mir genommen, kam ein Bauernknecht aus dem Dorfe zu mir, vorgebend, er hätte auf meine Köchin eine heimliche Liebe geworfen. Wenn ich so gnädig sein wollte und ihm zu der Heirat würde behülflich sein, wollte er mir ein Dutzet Taler nicht versagen. Ich sagte zu ihm, daß sein Vorhaben nicht schlimm, sondern vielmehr zu loben sei, absonderlich, weil er diese Sache an dem gehörigen Ort anbrächte und mir als ihrer Herrschaft solches anfangs zu wissen machte. »Mit deinem Geld«, sagte ich zu ihm, »kannst du den Acker bestellen, denn ich bin kein Bärnhäuter, der wegen einer solchen Sach sich mit einer Kalmäuserei zu tun schaffet. Hast du aber schon mit meiner Köchin geredet?« – »Gestrenger Herr,« antwortete der Verliebte, »geredet hab ich nichts mit ihr, aber sonsten bin ich mit ihr umgegangen.« – »Wie bist du denn mit ihr umgegangen?« – »Herr,« sagte er, »ich hab mit ihr ein paarmal getanzet.« – »Ja,« sagte ich, »so bist du nicht mit ihr umgegangen, sondern du hast mit ihr umgetanzet.« Hiermit erzählete er mir die Gelegenheit, wo er sie zu sehen bekommen, und weil mir der Narr nicht übel gefiel, ließ ich meine Frau und die Köchin heraufkommen. Denselben trug ich vor, wasgestalten dieser gute Freund, aus einer sonderlichen Liebe getrieben, eine ehliche Werbung an mich getan, und zwar wegen der Köchin. Wenn sie nun hierinnen gleiches Sinnes sei und sich in ein ehliches Gelübde mit ihm einlassen wollte, stünde es zu überlegen und sich darnach zu richten. Ich und meine Hausfrau würden unsersteils nichts dabei ermangeln lassen, was zu ihrem Besten und Aufnehmen gedeihen möchte, und was dergleichen Worte mehr waren.

»Was,« sagte die Köchin, »soll ich einen Bauernflegel heiraten? Oh, das geschieht nimmermehr! Er kann mit seiner Werbung wegen meiner wohl zu Hause bleiben, wenn kein anderer kommen will, so mag es dieser auch bleiben lassen. Ich glaub nicht, daß ich noch ein Wort mit ihm gesprochen, und er darf sich unterstehen, um mich zu freien? O der schändlichen Unbehutsamkeit! Ich sehe, daß der Kerl ein Narr ist oder aufs wenigst den Sonnenschuß hat. Nein, nein, ich mag noch nicht heiraten!« Damit lief sie zum Zimmer hinaus.

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