Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Johann Beer >

Teutsche Winter-Nächte

Johann Beer: Teutsche Winter-Nächte - Kapitel 7
Quellenangabe
pfad/beer/teutwint/teutwint.xml
typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleTeutsche Winter-Nächte
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100210
projectid96c6f564
Schließen

Navigation:

IV. Capitul. Er muß von dem Schlosse die Flucht nehmen.

Was wir verdecken ganz und gar,
Wird oftmals plötzlich offenbar.

»Es gingen nicht so bald zwei Stunden vorüber, als ich das Schloß schon zu Gesichte bekommen, denn die Wahrheit zu bekennen, so trieb mich die Liebe noch einmal so schnell fort, als ich sonsten zu gehen pflegte, und absonderlich in einem großen und rauhen Mönchsrock, welchen ich zu tragen nicht gewohnet war. Das Schloß lag an einer See, und weil von einem Dorf ein Schiff dahin abfuhr, dingte ich mich auf und kam an das Ufer, allwo ich meinen Mantel um mich schlug und dem Schloß zueilete. Ich verlangte vor die Gräfin, vorgebend, ihr ein Geschenke zu überreichen, welches ich um so viel füglicher tun können, weil ihr Herr, dem gemeinen Ruf nach, noch auf der Jagd war. Sie ließ mich gar bald vor sich, und als ein Geistlicher konnte ich ohne Argwohn gar wohl in ihr Cabinet gelassen werden, allwo ich anfing, ihr von der großen Armut zu schwätzen, die ich in dem Klippen-Wald ausstehen müßte, denn also war derselbe Wald genennet, darinnen ich die Kutte geborget hatte. Dahero bat ich die Gräfin, mir eine bessere Wohnung zu schaffen, ich wollte alles in demütigen Diensten und dergleichen entgelten.

Die Gräfin seufzete hierauf, und als sie gehöret, daß ich aus dem Klippen-Wald gekommen, forschte sie aus mir, ob ich nicht einen wahnwitzigen Menschen in demselben angetroffen, welcher ein Edelmann und Isidoro heißen sollte. Ich erschrak über ihre Erwähnung und sagte ja, daß ebenderselbe sich auf der Erde gleich einem Hunde hin und wider gewälzet hätte, was ihm aber sei, wisse kein Mensch, weil er auf keine Frage einzige Antwort gebe. Hierauf seufzete sie und schwieg lange still. Ich merkte ihrs an, daß sie Mitleiden mit mir trüge, und weil ich gerne wissen wollte, an wem oder an was ich wäre, offenbarte ich mich ihr ganz treuherzig und erzählte ihr meinen Zustand in und an sich selbst und verlangte nichts mehrers als ihren Entschluß.

Sie wurde ganz blaß, und weil sie in dieser Verwechselung nicht geschwinde zur Resolution kommen konnte, sagte sie: »Monsieur, mein neulicher Zorn war so böse nicht gemeinet. Ein beständiger Liebhaber wirft nicht so geschwinde einen Mönchsrock über den Leib, Er sei versichert, daß ich Ihn durch meine Mienen nur versuchen wollen, ob Er auch beständig sei in dem, das Er mit so großer Gefahr an mich gesuchet.« Aber indem wir am besten miteinander redeten, kam der Graf von der Jagd ganz unvermerkt ins Zimmer. Er nahm erstlich den Hut vor mir ab und sagte: »Woher, Herr Pater, woher?« Dem Grafen war meine Sprache wohlbekannt, derohalben neigte ich mich sehr tief, drehete mich zu der Tür und lief ohne Antwort zum Zimmer aus. Es ist bei meiner Treu wahr, daß ich all mein Lebtag nicht so sehr geloffen bin. Ich ließ den Mantel, meinen Stock und die Capuzen hinter mir hinwegfallen, und weil sich der Graf nicht geschwind resolvieren konnte, legte ich einen ziemlichen Weg zurücke, ehe mir die Diener nacheileten. Es sprangen wohl ihrer acht oder noch mehr nach mir, aber ich hatte mich schon in den Wald verstecket und mich ganz heimlich an die vorige Klausen gemachet, allwo ich meine Kleider angezogen und mich ohne ferners Umsehen auf meinem Gaul nach diesem Schlosse gewendet.

So kalt und frostig es dazumal war, so schwitzte ich doch am ganzen Leibe, und fehlete nicht viel, ich hätte das Pferd bei einem Haar zu Tode geritten, weil mir an dieser Flucht nicht ein geringes gelegen war. Meine Frau Mutter erschrak selbst über meiner schnellen Ankunft, aber ich erzählte ihr weit eine andere Zeitung, die mich so geschwinde zu sprengen verursachet hatte. Zwei Tage hernach kam ich wieder, aber in einem andern Habit, auf das Schloß, und zwar viel mit einer andern Courasche, als ich bis dahero hatte spüren und sehen lassen, weil mir die Ungewißheit der vorigen Liebe allen Geist genommen und mich nur mit verdrießlichen Schmerzen beleget hatte. Mein Herr wird gewiß das Lachen nicht enthalten können, wenn ich Ihm sage, welchergestalten die Auslaufer aus dem Schlosse bis in den Klippen-Forst nachgesetzet und daselbsten den armen Einsiedler mit sich gefangen auf das Schloß gebracht haben, denn die Gräfin brachte eine Haupt-Entschuldigung zu ihrem und meinem Behuf vor, indem sie ausgegeben, der Einsiedler hätte sie totstechen wollen. Und dieses ist eigentlich die Ursach, warum der Graf so schnell nachsetzen lassen. Aber als der Graf die grauen Haare des Altvaters erkennet, reuete es ihn, daß er sich an ihm vergriffen hatte, bat ihn um Vergebung und lud ihn zu Gast. Aber unter währender Tafel erzählte der Einsiedler all dasjenige, so sich mit mir in dem Wald begeben hatte. Ich verbarg mich vor ihm, soviel ich konnte, und ich glaube, so er meinen Namen gewußt, ich wäre samt der Gräfin zuschanden worden, aber ob es schon dazumal verschwiegen geblieben, konnte ich doch meinem Unglück nicht entfliehen, in welches ich endlich gleich einem gefangenen Vogel in den Sprenkel gefallen.«

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.