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Teutsche Winter-Nächte

Johann Beer: Teutsche Winter-Nächte - Kapitel 65
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleTeutsche Winter-Nächte
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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II. Capitul. Er läßt einen vom Adel prügeln. Wird von etlichem Frauenzimmer besucht. Ihre Complimenten vor dem Tor. Wunderlicher Duell.

Gleich wie man schreiet in den Wald,
Also das Echo widerhallt.

»Diese Abgesandte verrichteten ihre Sache gar wohl und gaben vielleicht mehr Schläge aus, als ihnen der Edelmann zu tun befohlen. Konnte sich auch mein Herr nicht genugsam erfreuen, als er gewahr worden, daß etliche ganz mit Blut bespritzet vor ihm erschienen. Er sprang vor Freuden in die Höhe wie ein Ziegenbock, und sie mußten ihm alles haarklein erzählen, wie sich der Geprügelte angestellt oder was er zu ihnen geredet hätte. Allein, sie konnten ihm nichts anders berichten außer, daß sie ihn übers Pferd abgeworfen, ihm die Dreschflegel über den Buckel geschmissen und das Pferd zu Tod geschlagen hätten. ›Ja,‹ sagte einer, ›wie einen Frosch haben wir ihn zudroschen, und wären ihm nicht etliche zu Hülfe kommen, wir hätten ihn gar mausetot geschlagen. Aber wir entsprangen noch zu unserm großen Glück in einen Busch, in welchem sie uns nicht nachreiten konnten, ob sie schon mit zwei Pistolen hinter uns drein geschossen haben.‹

In diesem Gespräch kam eine Gutsche voll Frauenzimmer in das Schloß, welche auf der vorbeschriebenen Hochzeit gewesen und gehört hatten, wasgestalten dieser Orten ein so karger Filz lebte, als einer möchte anzutreffen sein. Deswegen waren sie vielmehr aus Spaß als aus einer andern Ursach gekommen, den Edelmann, als meinen Herrn, zu besuchen, damit sie die abenteuerliche Mär in rechten Augenschein nehmen möchten.

Sie kamen gleich vor dem Schloßtor an, als ich mit ihm daselbsten unter zwei großen Linden spazierengegangen. Weil er nun sein Schulmeisters-Kleid nicht ausgezogen, kannten sie ihn auch nicht, sondern fragten ihn, ob der karge Lumpenhund, der Edelmann Kratzfilz, zu Hause wäre oder nicht? ›Ja,‹ sagte er, ›er ist zu Hause und wartet nur auf eine Gutsche voll abgefeimter Huren. Wenn ihr es seid, so könnet ihr nur hineinfahren.‹ Hieraus erkannten sie, daß ers selbst war, hießen den Gutscher umkehren und sagten ihm ins Gesicht, daß sie die Zeit ihres Lebens keinen so garstigen Flegel und groben Erz-Bachanten als eben ihn nicht gesehen noch gehört hätten. ›Seht doch,‹ sagte er, ›leckt mich doch alle woanders, ihr garstigen Seichtaschen!‹ – ›O du Schabhalser,‹ schrie eine aus der Gutsche, ›du bist nicht wert, daß dich eine Laus beißet!‹ Hiermit fuhren sie schnell fort und hießen ihn einen Hutzelnager und er sie hinwider Erzhuren. Also ruften sie beiderseits so lange mit Ehrentituln zu, so lange sie aneinander hören konnten.

›Seht mir doch die stolzen Bachstelzen an,‹ sagte er zu mir, ›wie sie so geschwind in dem Harnisch sind. Ich glaub, der Teufel will sich gar an mir reiben. Oho, sie fressen mich mit ihrem Gespötte noch lange nicht! Und wer weiß, wer den andern begräbt, die Hunde fressen auch Fleisch. Narren, Narrenpossen! O ihr Rabenäser, ihr Aschebrätel, ihr flöhsichtigen Gabelhexen! Ihr habt Zeit gehabt, daß ihr davongefahren seid, sonsten wollt ich euch den Kratzfilz gemusiciert haben, ihr Erz-Sackpfeifen! Es wird euch kaum ein Paar Handschuh verehret, da fangt ihr an zu stolzieren, ihr reiche Narren! Oh, daß euch ja der Teufel euer Schimpfen eintränkte! Hab ich das um euch verdient? Habt ihrs Herz, kommt mir wieder! Dem heutigen Galgenvogel habe ich schon gewiesen, wieviel es auf der Uhr ist. Wüßte ich nur, wer ihr wäret, ich wollte euch garstige Teufel so abklopfen lassen, daß euch der Filz zu Augen und Nasen ausspringen sollte, ihr stinkende Ledersäcke! Da machen die Narren ein Prahlen daher, und wenn man ihnen die Röcke aufhebt, so haben sie zerrissene Hemder an! Ja, der Teufel müßte mich reiten, daß ich eine vom Adel nehme! Nein, nein, ich weiß es viel besser, jenseit der Bäche sind auch Leute und vielleicht viel besser als ihr, ihr Bettratzen!

Heißen mich die Donnerhuren einen kargen Lumpenhund und, was noch mehr ist, auch einen Kratzfilz darzu! O ihr Lumpenhunde selber, ihr seid Lumpenhund und nicht ich! Ihr wisset noch nicht, was die Gesparsamkeit vor eine Tugend ist, ihr lasterhafte Leute. Seht doch, seht doch, sie heißen mich einen Kratzfilz, ach, daß euch doch weiß nicht wer in dem Hintern kratzte, ihr garstige Lochtauben. Ei, daß ich nicht ein Schwert habe, welches eine Meil Weges lang ist, ich glaub, ich wollte euch zerhacken wie die kleine Rüben!‹

In solchem Gespräche, das er abermal mit sich selbst führte, schickte er mich zu seiner Base, damit sie nichts zu essen machte, weil er mit erschrecklichem Zorn und Widerwillen eingenommen war. Und als ich ihr die Ursach erzählet, wie es ihm sowohl auf dem Tanzboden als vor dem Schloßtor gegangen, verwunderte sie sich nit groß darüber, weil sie wohl wußte, wie schändlich der gemeine Pöbel von seiner Haushaltung zu reden pflegte. ›Mein lieber Jost,‹ sagte sie zu mir, ›die Hudelei meines Vettern ist gar zu bekannt. Wenn du erst recht dahinterkommen wirst, alsdann kannst du mirs besser glauben, als ich dirs sagen kann. Ich hab mir schon meine Rechnung gemacht, gehts mir an, so frag ich nichts darnach.‹

Ich wußte nicht, was sie durch diese Red wollte zu verstehen geben, aber hernach erfuhr ich die Auslegung mehr als zu viel, muß dahero alles nach der Ordnung erzählen, auf daß der Herr hören kann, wie artig es auf dem Schlosse abgelaufen. Derjenige Edelmann, welcher von den vier Bauren aus Anstiftung des kargen Filzes so jämmerlich zu Schaden gekommen, hat endlich die Abenteuer ausgekundschaftet, und weil er hiervon gewissen Grund hatte, schickte er meinem Herrn folgenden Brief: ›Ein Beschimpfter vom Adel wünschet dem Erzschurken Crispan alles Unheil über den Hals, welches einem Bärnhäuter unter der Sonnen begegnen kann. Hiermit mache dich fertig zum Scharmützel, oder du sollst dein Schloß samt dem Dorf innerhalb zwei Stunden in der Flamme sehen. Was dich dein Schulmeister nicht mit der Rute gewiesen, das will ich dir mit dem Degen weisen, und das Fell, welches dir die Bärnhäuterei angeleget, das will ich dir mit meinen Händen über den Kopf herunterreißen, du aller Schelmen Erzschelm! Ich werde nicht ruhen, bis ich deinen Leib mit tausend Wunden durchstoßen. Alsdann sollen denselben die Raben unter dem Himmel auffressen, und mit Pflugscharen will ich deinen Sitz umackern lassen, wie vor diesem zu Troja bräuchlich gewesen, wenn ohnedem deine Wissenschaft sich bis außer das Dorf erstrecket. Hiernach wisse dich zu richten, in einer halben Stunde bin ich vor dem Tor.‹

Diesen Brief brachte ein Laquay, und sobald er ihn übergeben, nahm er seinen Abschied, mit Vermelden, daß sein Herr in großem Zorn entbrannt und ehestens auf einem Schimmel erscheinen würde. Nach solchem Bericht ging er wieder zurück, und meinem Herrn war wegen dieser unverhofften Herausforderung so angst, daß er sich nicht zu resolvieren wußte, was in diesem Fall zu tun sein möchte.«

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