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Teutsche Winter-Nächte

Johann Beer: Teutsche Winter-Nächte - Kapitel 6
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleTeutsche Winter-Nächte
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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III. Capitul. Isidoro wunderlicher Zustand in des Einsiedlers Habit.

Brand, Schwefel, Pech, das quälet sehr,
Die Liebe aber noch viel mehr.

»Gegenwärtige Nacht war ein rechtes Vorbild meines Geistes, welcher gänzlich mit einer irdischen Finsternis umgeben war. Das allerschlimmste war, daß ich das wilde Vieh brummen hörte, und dachte erst dazumal an meine große Torheit, da ich keine Gelegenheit mehr hatte, aus dem Wald zu gelangen. Ich wollte mich zur Versicherung meiner Person auf einen Baum retirieren, aber weil ich des Steigens unerfahren, mußte ich mein Vorhaben zurückstellen, so lieb mir auch das Leben war. Dazumal verschwanden mir die Liebesgedanken ein ziemliches, und ich hätte in der Wahrheit nicht in der Revier ein Glöcklein gehöret. Erstlich machte ich mir die Einbildung, es wäre vielleicht eine Kuh in dem Wald verirret, der man eine solche Glocke an den Hals gehenket, und dahero bekam ich Ursach zu argwohnen, als wäre nächst hierbei eine Schäferei. Aber zum andernmal, als ich den Schall hörte, fand ich, daß ich mich selbst in meiner Meinung betrogen, weil es viel eine größere Glocke gewesen, als ein solches Mastvieh an dem Hals hätte tragen können. Ich ging dem Schall nach und sah auf einem hohen Berge ein Licht schimmern, daraus ich geschlossen, daß sich daselbst ein Einsiedler enthalten müßte. Mein Pferd hatte ich zum Raub des wilden Viehes, an der Tanne gebunden, stehenlassen, weil ich viel zu sorgfältig war, mein eigenes Leben zu erretten. Der Einsiedler läutete noch einmal, und als ich mich auf dem Berge ganz verstiegen, rufte ich sehr laut um Hilfe, weil ich mich keines geringen Falls beförchtete. Nach solchem Ruf eröffnete der Klausner sein Fensterlein, und ich bat ihn nochmalen ganz freundlich, mir aus der Irre zu helfen. Er läutete ein anders Glöcklein, auf dessen Schall alsobald ein junger Eremit mit einer brennenden Laterne gegangen kam und mir vermittelst eines Strickes zu sich hinaufhalf, weil ich sonsten weder vor noch hinter mich gekonnt hätte. Er führte mich mit sich in des Alten seine Zelle, welche meist von Baumrinden und Moos beschlagen und ausgezieret war. Daselbsten satzte ich mich an den warmen Ofen, weil ich in dem Wald ein ziemliches gefroren hatte. Ich war froh, daß ich so einen sichern Ort vor meine Person gefunden, und erzählete den Einsiedlern ganz einen andern Weg, wie und auf was Weise ich in den Wald gekommen. Sie hatten mit meinem Geschicke ein treffliches Mitleiden, und der Junge ließ nicht nach, das Pferd so lange zu suchen, bis er solches durch einen gebahnten Weg mit sich über den Berg zu der Zellen brachte, allwo ers in eine Kammer einsperrte, darinnen sie ihre Instrumenten, die Wurzeln zu graben, liegen hatten.

Ich wäre wohl der größte Narr auf Erden gewesen, so ich den Einsiedlern von meiner Liebe einzige Nachricht erteilet hätte, deswegen verlangte ich, mich niederzulegen und auf meinen ausgestandenen Schrecken ein wenig auszuruhen. Sie versorgeten mich hierauf mit einer Liegerstatt viel treuer als leibliche Brüder, und es war nichts in ihrem armen Vermögen, welches sie mir nicht angetragen, soferne ich es nur würde vonnöten haben.

Es ist ungezweifelt wahr, daß ich ihr Leben tausendmal heiliger schätzte sie recht glückselig, daß sie den Irrweg noch nie so weit wie ich gewandelt hatten; aber dessenungeachtet ließen mich doch meine Anfechtungen bei keinen heiligen Gedanken, sondern zerstreueten solche wohl tausendfältig nach der Gewohnheit ihrer giftigen Art, welche stetigs zu töten suchet denjenigen, so ihnen zu viel nachhänget.

Die unterschiedliche und mannigfaltige Verwirrungen ließen mir nicht so viel Ruhe, daß ich hätte einen Augenblick schlafen können, sondern die Veronia, die Veronia stak mir immer im Kopf. Und so sehr ich mich auch ihrer Gedächtnis entschlagen wollen, konnte ich doch über mich selbsten nicht Meister werden, vielleicht darum, weil ich mein Vorhaben gar zu seichte und auf liederliche Mutmaßungen gegründet, da ich doch davor die wahre Tugend zum Fundament sollte geleget haben.

Nach einer Stunde nahm der junge Klausner Urlaub, und der alte machte sich auch zu Bette, vor welchem ich von Herzen erschrak, denn es war eine Totenbahre mit Moos angefüllet, die zog er hinter einer Bank hervor. Das Hauptkissen war ein großer ausgehöhlter Stein, darein er sich nach der Länge auf den Rücken legte mit der Überdeck seines Mönchmantels, welchen er auch vor den Regen trug. Er redete mit mir fast eine halbe Stund, nachdem er sich niedergeleget, und vermeldete mir unterschiedliche Ursachen, warum er in die Klausen gegangen und aus der gottlosen Welt gewichen wäre. Er sagte, daß der junge Einsiedler ein Graf sei, dessen Geschlecht er aber mit Fleiß verborgen hielt. Er hätte sich seinesteils schon achtundsechzig Jahr in dieser schröcklichen Wildnis aufgehalten, in welcher er sich mit Wurzeln und Wasser, auch zuweilen mit wildem Obst und gebetteltem Brot gespeiset und ernähret hätte. So sammlete auch der Junge wöchentlich in den Dörfern herum und brächte Käse, Butter, Milch, Brot, Eier, Fleisch und Kraut mit sich, und solchergestalten beliefe sich ihre Hofhaltung, und waren doch allem Ansehen nach viel frischer und gesünder als ich, der ich doch bei einer köstlichen Tafel von Jugend auf erzogen worden.

Er erzählte beinebens unterschiedliche Begebenheiten, so sich seit der Zeit seiner ersten Ankunft in dem Wald mit ihm zugetragen hatten, aber die Nachsinnung meiner eingebildeten Liebe verbot mir, ihm ferner Gehör zu geben, weil ich mich entschlossen, den Eremiten dahin zu persuadieren, daß er mir seinen Mönchsrock liehe, damit wollte ich angekleidet in das Schloß gehen und von der Gräfin in unbekannter Gestalt endliche Resolution holen, sie möchte darnach urteilen und sich entschließen, was sie wollte.

Auf solches schlummerte ich ein wenig ein, aber des folgenden Tages wurde ich eins mit dem Alten, daß er mir wollte leihen einen alten Rock, welchen er noch vor zehen Jahren getragen, und vor solchen schoß ich ihm so viel Geld dar, davor er einen neuen bekommen konnte. Er behielt das Pferd bei sich, und weil das obgedachte Schloß seiner Aussage nach nur zwei kleine Meilen von dar abgelegen war, versprach ich, innerhalb vierundzwanzig Stunden gewiß wieder in der Klause zu sein. Damit zog ich den Habit über den Leib, und weil ich ohnedem einige Parücke trug, konnte ich wohl leiden, daß sie mir das übrige Haar gleich einem Mönch von dem Kopf hinwegschnitten, und in einer solchen Gestalt wiesen sie mich aus dem Wald auf die Straße, so zu dem Schloß leitete.«

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