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Teutsche Winter-Nächte

Johann Beer: Teutsche Winter-Nächte - Kapitel 57
Quellenangabe
pfad/beer/teutwint/teutwint.xml
typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleTeutsche Winter-Nächte
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100210
projectid96c6f564
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VI. Capitul. Der Schreiber bekommt weidliche Pumpernisse, retiriert sich woandershin.

Wer sich mit Federvieh vermischt,
Wird von den Gänsen ausgezischt.

»Ihr Herren,« antwortete der Doctor, »Ihr wollt von mir haben, daß ich nicht behaupte, was ich behaupten gehört, und solchergestalt werde ich auch nicht sagen dörfen: quod ego sim animal.« – »Gar recht,« antwortete Ludwig, »ebendiese Definition halt ich vor caduc, denn ich bin kein animal, sondern creatura ad imaginem Dei creata. Diese Definition ist besser und um zwölfmal exquisiter als die alte, die so viel tausend Logici ohne besserer Untersuchung gleich hinpassieren lassen. Aber davon zu abstrahieren, ist es recht, daß man den Dieb wider den Willen der Schrift hänge oder nicht?« – »Domine,« sagte der Doctor, »wo ist es in der Schrift verboten, daß ich den Dieb nicht solle hängen lassen? Alsdann will ich antworten.« – »Ha, mein Herr Doctor,« antwortete Monsieur Ludwig, »in diesem Fall muß ich Euch ein wenig in die Schul führen. Ihr müßt wissen, daß in dem Gebot stecke das Verbot und in dem Verbot stecke das Gebot. Exempli gratia: wenn dasteht: Du sollst Vater und Mutter ehren, so ist es soviel als: Du sollst deinen Vater und deine Mutter nicht verunehren; steckt also in dem Gebot das Verbot virtualiter und eminenter, welches kein vernünftiger Mensch umstoßen wird.

Entgegen wenn es heißet: Du sollst nicht töten, so ist es soviel als: Du sollst leben lassen. Steckt also in dem Verbot das Gebot. Nun beziehe der Herr Doctor diese beide Exempel gegen das Gebot in dem Gesetz, vermittelst welchem der Dieb sollte gezüchtiget werden, so wird Er sehen, daß in dem Gebot das Verbot stecke, das ist: er soll auf keine andere als auf die vorgeschriebene Weise gestraft werden. Vors andre verzeihe mir der Herr Doctor, ist Er katholisch, oder ist Er lutherisch?« – »Monsieur,« sagte der Doctor, »ich bin lutherisch.« – »Nun,« antwortete Ludwig, »so haben die Katholischen Fug und Recht, die andere Gestalt des Abendmahls aufzuheben, denn es stehet nach des Herrn Doctors Urteil nirgend in der Schrift, daß man den Kelch nicht wegtun solle, und ich sehe nicht, wie Er ausfliehen kann, es sei denn, daß Er gestehe, das Verbot stecke in dem Gebot.«

»Es ist wahr,« sagte der Doctor, »ich habe mich in etwas verhauen. Monsieur Ludwig sagte gar recht, meinetwegen mag man einen henken oder den Staupbesen geben lassen, ich habe wegen dieser Materia öfters gedisputiert, aber weil es schon der Gebrauch war, daß man die Diebe an den Galgen knüpfe, so konnte weder ich noch ein anderer viel damit ausrichten. Wer ein guter Politicus ist, der weichet nicht von dem Sentenz der Mehristen. Tut ers, so verketzert man ihn mit tausend Flüchen, und mancher griffe gern besser um sich, wenn er nicht fürchten müßte, dardurch seine zukünftige Fortun zu demolieren und über den Haufen zu werfen.« – »Ihr habt Euch nun gar wohl verantwortet«, sprach Ludwig.

Zwischen diesem Discurs stieß ich den Ergasto in die Seite und sagte ihm, daß ebendieses der Ludwig wäre, welchem er die Raben so sauber angekleidet und solche hernachmals in die Luft ausfliegen lassen. Darob schlug er die Hände über dem Kopf zusammen, und als der Doctor seinen henkermäßigen Discurs absolfünfet, redete Ergasto Ludwigen mit folgenden Worten an: »Monsieur Ludwig, wollen wir bald wieder fliegende Raben machen und den Leuten Ursach geben, solche vor brennende Drachen anzusehen?« Ludwig erstaunte ganz über dieser Rede, wendete sich vom Doctor hinweg und machte ein großes Kreuz vor sich. »Hunderttausend Straplicordi,« sagte er, »und ist Er derjenige Jäger? Das hätte ich mir die Zeit meines Lebens nicht mehr eingebildet. Potztausend gute Jahr, und ist Er derselbige Jäger?« – »Ja,« antwortete Ergasto, »ich bin derselbige Jäger, der dazumal seine Schwester geliebet, und wüßte ich, wo sie wäre, sie sollte mir anitzo lieber sein als zuvor.« – »Ach, Ihr guter Mensch,« antwortete Ludwig, »sie ist schon lange vor die Hunde gegangen.«

Und weil Ergasto die Geschieht gern anhören möchte, erzählte Ludwig folgendes auf der Post herunter: »Das arme Ding bekam einen Mann, der hatte keinen, nämlich keinen adligen Sitz.« – »Pfui, garstig,« sagte Zusia, »ich sehe wohl, Monsieur Ludwig ist diesen Winter um kein Haar anders geworden, als Er vergangene Hochzeit auf seinem Schloß gewesen.« – »Narrenpossen,« sagte Ludwig weiter, »ist doch der Caplan nicht da, und zudem versteht ihrs nicht recht, man legt euchs denn zuvor recht aus. Derohalben so hat meine Schwester einen Mann bekommen, der hatte keinen, nämlich keinen adeligen Sitz. Es war wahrhaftig ein recht elender Kerl und soff stetigs in seiner Dorfschenke mit den Bauren, in Meinung, durch seine Familiarität dieselbe an sich zu bringen. Aber unter dieser Meinung verschwand sein ganzer Respect, und die Bauren dreheten ihm zuletzt den Hut auf dem Kopf herum. Absonderlich, wenn er sich vom Tobak und Brandwein vollgesoffen, da wurden die Bauren so gemein mit ihm, daß sie ihm auch sogar Brüderschaft zutrunken. Da saß nun der Bruder Edelmann unter den Bauerflegeln, und meine Schwester weinte zu Haus Rotz und Wasser untereinander.

Es verdrießt mich von Herzen, daß ich meinem Schwager kein bessers Lob geben kann, und wenn ichs gleich täte, so wäre es doch erlogen, desto besser ist es, ich sage die Wahrheit, wie es an sich selbst ist. Er war ein Spieler, daß es zu erbarmen war, denn er dorfte nur einen Groschen verspielen, da fing er an zu fluchen und schelten, daß sich der Himmel ober ihm und die Erde unter ihm hätte auftun mögen. Endlich weinte er gar wie ein Kind, dem der Truthahn das Butterbrot genommen, und er hatte das Herz, sich wegen eines Zweipfennigers eine ganze Stund zu zanken und zu keifen.

Er hat all sein Lebtag keinen Pfenning Trankgeld ausgegeben, aber vor Lumpensachen, die nicht einen Heller wert waren, verschwendete er abscheulich viel Geld. Meine Schwester hat uns oft in geheim vertrauet, daß, wenn sie einem Kind einen Apfel oder sonst was gegeben, habe ers ihnen heimlich aus den Händen gerissen und gefressen. In der Dorfschenke hat er dergestalt gesoffen, daß, wenn der Wirt den Pachtzins verrechnet, hat ihm der ehrbare Schwager noch Geld darzu hinausgeben müssen. Mit einem Wort: er hielt gar zu grob Haus, und unerachtet ihn der selige Vater die Woche wohl zehenmal ausgefilzet, half es doch alles nichts. Dahero ging sein Gütlein bald zugrunde, und die Schwester starb auf unserm Schloß, nachdem sie fast anderthalb Jahr nicht mehr bei ihm gewohnet. Die zwei Kinder sind hernach auch bald gestorben, und er hat sich unterhalten lassen, weiß also nicht, wo er etwan einen Stadtgraben gefüllet hat.« Ergasto war über dieser Erzählung nicht ein wenig betrübt, weil ihm hierdurch ein erwünschtes Mittel abgeschnitten worden, sich in Ludwigs Gesippschaft zu begeben. Aber wir machten ihm bald eine andere Speranz, weil dergleichen Vögel die ganze Welt voll war und Monsieur Ludwig noch viel adelige Freunde hatte, die generis feminini studieret hatten.

Unter diesem Gespräche entstund in dem Schloßhofe ein großes Geschrei, und als wir die Fenster eröffneten, waren es zwei Dienstmägde, die miteinander zankten und haderten, daß es taugte. »Es ist erlogen,« sagte die erste, »du hast es getan, du hast es getan.« – »Was?« sagte die andere, »du Plundervieh, du Hexenvieh, du Couranie, du hast es getan!« – »Du lügst es in deinen Hals hinein,« replicierte die erste hinwider, »du Schandbalg, du Rabenstück, du ausgedörrte Commißhure, du hast es getan!« Darauf schrie die andere entgegen: »O du aller Hurenkinder Großmutter, du Generalhure, du Feldhure, du Soldatenhure, du hast es getan!« Die erste rufte mit unter: »Du Studentenhure, du Erzhure, du Galgenhure, du Handwerkskerlnhure, du Bauernhure, du aller Huren Hur, du Diebin, du Vettel, du Teufelshure, du hast es getan, du hast es getan, du hast es getan und kein andrer Mensch!«

»O du Sternhure,« schrie die andere ganz zornig, »ich schlage dir die Schlüssel um den Kopf, du Totengräbershure, du Henkershure! Stundest du denn nicht dabei, du Aas, du Frosch, du Ding auf der Erd?« – »Däßti der Teufel hol!« antwortete die erste, »komm her, hast du das Herz, du Gauklershure, du Bubenhure, du der ganzen Welt Hure!« Hiermit schlugen sie die Schlüssel, welche sie an den Seiten trugen, hurtig um die Köpfe und griffen endlich gar in die Haare, daß ihnen die Haube samt dem Zopf von dem Kopfe fiel. Isidoro befahl seinem Schreiber, nachdem sie sich eine Weile würden miteinander herumgezauset haben, sollte er mit seinem spanischen Rohr Fried machen und sie voneinander reißen.

Solchergestalt überwürfen sich die beide Mägde, daß ihnen der Rock samt dem Hemd über dem Kopf zusammenschlug und sie uns gar oft den bloßen Hintern anzusehen gaben. Als sie aber letztens um die Messer griffen, schlug der Schreiber wacker auf sie los, und: »Ihr verfluchte Corporalshuren,« sagte er, »wer heißt euch hier einen solchen Tumult anfangen?« Aber die Mägde sprangen voll Zorn und Widerwillen über den Schreiber her, rissen ihm erst den Überschlag von dem Hals hinweg, hernachmals kriegten sie ihm das Rohr aus der Hand, und ist nicht zu beschreiben, wie artig sie ihn unter sich gekriegt. Und dergestalten zog eins das andere in dem Schnee herum wie drei in den Pflug gespannte Ochsen. Es schien fast, als sollte der Schreiber die meiste Schläge davontragen, derowegen kamen zwei andere Diener zu Hülfe, und als der Schreiber wieder emporgekommen, prügelte er erst nach Vermögen und Kräften zu, und ich glaube, er hätte es zuvor getan, so ihn nur nicht die zwei Mägde so grausam bei der Cartausam gehalten hätten. Derohalben brachte er anitzo ein, was er zuvor versäumen müssen, und er gab ihnen viel mehr Streiche, als sie ihm Haar aus dem Kopf gerissen.

»Ihr nichtswürdige Hagelshuren,« sagte er im Zorn, »nun will ich euch lehren, wie man soll mit meinesgleichen umgehen. Wer heißet euch mich so in die Klauen nehmen? Der Teufel soll euch über das Schloß da wegholen. Ich will euch zerklopfen, daß es gut heißet. Haben mich die Äser nicht zerrauft und zerkratzet? Heißet das die Reputation in acht genommen, einen Schreiber so erschrecklich zuzurichten? Wartet, ihr eingefleischte zwei Teufel, ich will euch zurichten, wie der Henker und seine Jungen!« Und unter währenden solchen Worten schmiß er immer nach allen Leibeskräften auf die Mägde los, welche endlich wie die Katzen zu schreien anfingen, denn das spanische Rohr war schon in kleine Stücken und fast bis zu dem Handknopf hinunter zerschmissen. Und als er aus der Ursach nicht mehr zuschlagen konnte, stieß er ihnen das übrige Trumm noch ins Genicke und mattete sich dergestalten ab, daß er schwitzte wie ein Bär, der allgemach eine halbe Stunde in der Hatze gewesen.

Wir mußten uns in der Wahrheit viel mehr über den Schreiber als über die zwei Mägde zerlachen, welche ihn gleich den Katzen am ganzen Gesicht abscheulich beschändelt und die Nase so zerdroschen, daß sie gleich einer großen Pfundbirn aufgelaufen. Und was noch das Ärgste war, so merkte es der Schreiber nicht, daß ihn Isidoro mit Fleiß in die Gefahr geschicket, weil er wohl gewußt, daß es ihm nicht anders gehen würde, als es etlichen gegangen, die sich unterstanden haben, ehedessen diese zwei Mägde, welche das Raufen schon gewohnet, zu entscheiden.

Als nun der Scharmützel in etwas gestillet und jede Magd wieder an ihrem Ort war, rufte man sie herauf, und als sie erschienen, mußte eine auf die rechte, die andere aber auf die linke Seite des Zimmers stehen, und Isidoro examinierte sie, aus was Ursachen sich zwischen ihnen ein solcher unverhoffter Streit erhoben. »Gestrenger Herr,« sagte die erste, »die Beschließerin kam heute früh in die Küche. Da sah sie auf der Erde ein zerbrochen Ei liegen, das hat dieselbige dort« wies hierauf mit allen fünfen auf die Gegenüberstehende – »getan, ich habs gesehen.« – »Nein, Herr,« sagte die Beklagte, »es ist mein Seel nicht so, sie hats getan.« – »Herr, glaubt mir, sicherlich,« sagte die erste, »sie hats getan.« – »Wenn es wahr ist,« sagte die andere, »so will ich verschwinden, sie hats getan.« – »Ihr Teufelshexen,« antwortete Isidoro, »wer lehret euch so fluchen? Sollt ihr wegen eines Eies einen solchen Tumult erregen und übereinander in die Haare fallen? Ihr Küchenratzen! Samt der Beschließerin ist eine so gut als die andere. Schert euch aus dem Schlosse, oder ich will euch den Weg weisen, daß euch der Henker über den Hals kommen soll. Um eines kahlen Eies willen so zu hadern und zu fluchen! ...« – der Schreiber sprang unter solcher Rede immer vor Freuden in die Höhe – »packt euch aus meinen Augen, und seh ich euch über eine Viertelstund, so wirds andre Birn regnen! Zusia,« sagte er zu seiner Frau, »gebt ihnen ihren Sold und lasset die Äser hinlaufen, wo sie wollen.«

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