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Teutsche Winter-Nächte

Johann Beer: Teutsche Winter-Nächte - Kapitel 53
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleTeutsche Winter-Nächte
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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II. Capitul. Artig Geschicht des Jägers.

In einer Stund geschiehet oft,
Was man ein ganzes Jahr nicht hofft.

Kurz und gut, heißet das gemeine Sprüchwort, also machte ichs auch mit denjenigen, welche entweder mit großen oder kleinen Schelmereien auf meinem Schlosse umgingen und hausierten, denn ich halte, daß in diesem Stücke die größte Glückseligkeit der Menschen bestehe, nämlich in Belohnung der Tugenden und in Bestrafung der Laster ohne Ansehung einziger Person, wes Standes oder Würden dieselbe auch sein möge, welches ich zwar so gar sehr nicht vonnöten gehabt, denn meine Jurisdiction erstreckte sich nicht gar weit, und dahero hatte ich keine sonderliche Capitalsache zu verrichten. Damit ich mich aber nicht zu lang in meinem eigenen Lob enthalte, schreite ich zu der Erzählung meiner folgenden Begebenheit.

Ich bin von Jugend auf ein großer Liebhaber der Musik gewesen, und dannenhero hatte ich von derselben manche Ergötzung zu genießen, wenn ich unterweilen eine Stockfiedel oder kleines Flötlein zuhanden kriegte, worauf ich ehedessen auf der Schul gelernet hatte. Mit dieser Kurzweil ging ich auch dazumal um, als ich auf bemeldtem meinem Schlosse in diesem Werk begriffen war, solches aufzuzeichnen und hernach in den Druck zu verfertigen.

Einsmals ging ich in dem Zimmer auf und ab, als ich unvermerkt außer des Schlosses einen Büchsenschuß vernahm. Ich legte das Geiglein, auf welchem ich das Lied ›Drei Schmied bei einem Amboß stunden, sie waren all drei schwarze Kunden‹ aufgestrichen, beiseits, eröffnete das Fenster und gab meinen Knechten Befehl, dem Schuß nachzugehen, denn mir gedünkte, es sei ein Pirstrohr, mit welchem keiner unter Verlust desselben in dieser Gegend und Revier wie auch in all meinen Gehegen zu schießen befugt war.

Nicht lang darnach brachten sie mit sich geführet einen Jäger von ziemlicher Stärke, und allem Ansehen nach hätten sie ihn nicht übermeistert, wenn mir nicht der eine Knecht gesagt, daß er ganz ohnmächtig in dem tiefen Schnee gestecket und sich annoch nicht besinnen konnte, wie ihm wäre. Ich muß es ohne Ruhm bekennen, daß ich gegen die notleidende oder sonst andere betrübte Menschen trefflich mitleidig war, gestaltsam sich in solchem Mitleiden nicht ein geringes Stück des wahren Christentums enthält. Derowegen mußten mir ihn die Knechte hinter den Ofen legen, damit er alldorten, durch die Wärme erquicket, zu sich selbst käme.

Mein Rat war nicht ohne Frucht, denn der Jäger stund endlich auf, und gleich als kam er erst aus der neuen Welt daher, sah er sich allenthalben in dem Zimmer herum. Er griff nach seinem Hirschfänger, und die Wahrheit zu bekennen, so forchte ich dieses Beginnen und glaubte, er wollte mir damit über den Leib, weil ich die vergangene Nacht ohnedem einen wunderlichen Traum gehabt hatte, fragte ihn derowegen, wer er sei und woher er wäre.

»Mein Herr,« gab er mir zur Antwort, »ich weiß in der Wahrheit nicht, wo ich bin. Jedennoch muß ich mich gegen demselben nach dem äußersten Vermögen unterdienstlich bedanken, daß Er mich an diesen Ort bringen und also meinem Verderben aus dem Rachen reißen lassen.« Ich sagte, daß solches nicht aus meinem guten Willen, sondern vielmehr aus einer billigen Rache geschehen, welche diejenige mehr als wohl verschuldeten, die wider Gebühr und Recht sich in und um gegenwärtiges Schloß mit einzigem Büchsenschuß hören ließen. »Ihr wisset wohl,« sagte ich zu ihm, »daß die Gehege ein Teil der Kammergüter vornehmer Herrn sind, und weil Ihr Euch als ein Jäger in einer solchen Sache vergriffen, die Ihr doch vielmehr mit Eurem Vermögen beschützen und die frevlen Übertreter davon abhalten sollt, dörft Ihr Euch nicht verwundern, wenn ich Euch nicht allein Eures Geschoß berauben, sondern noch darzu vor etliche Reichstaler strafen lasse, weil ich über meiner Freiheit sowohl als über meinem Leben halte und nichts zu tun verlange, was der gemeinen Ordnung und den Landesstatuten zuwiderläuft. Habt Ihrs gehört?«

»Ich hab es wohl gehört,« antwortete der Jäger, »und habe nur gar zu viel gehört. Die Rede, welche Euer Gestreng gegen mich führet, ist nicht allein an den Worten, sondern an der Sach selbsten höchlich zu rühmen. Daß das hohe und wilde Bahn-Recht muß gehandhabet sein, ist mir als einem Jäger unverborgen, der ich selbsten ehedessen viel Gehege beritten und die Übertreter nach Gestalt der Sachen abgestraft habe, und solches, verhoffe ich, wird mir auch an gegenwärtigem Ort widerfahren, wenn ich sage, daß ich nicht darum geschossen, auf daß ich das Wild schrecken oder ein anders Tier fällen möchte, nein, sondern ich fiel unversehens in einer Windesbraut in einen Haufen Schnee, in welchem ich mich so lang und viel herumgearbeitet, bis ich endlich schachmatt ward und mir länger nicht zu helfen wußte.

Wie ich nun also immer weiter und weiter hinunterpurzelte, ging mir die Büchse von sich selbst los, vielleicht darum, weil es das Glück also verordnet, daß ich durch Hülfe anderer Leute herausgehoben und also bei Leben erhalten würde. Und es ist gewiß, wo ich nur noch eine Viertelstunde wäre in dem Schnee liegen- und steckengeblieben, wäre ich ohne Zweifel darinnen umkommen und nunmehr schon ersticket. Aus diesem urteile Euer Gestreng, ob ich recht oder unrecht habe, was meinen Sie?«

»Wenn die Sache so beschaffen,« sagte ich, »so habt Ihr nicht unrecht. Aber ich will die Umstände von meinen Knechten erforschen, wie und auf was vor eine Art Ihr gefunden und in dem Schnee angetroffen worden.« Hiermit rufte ich dieselbe zu mir, aber es zeugte jeder dem Jäger zum Besten, weil sie vorgaben, daß er in dem Schnee schon halb tot gewesen und kein Zeichen von sich gegeben hätte. Dieses Zeugnis vergnügte mich um so viel desto mehr, weil ich ihn selbsten in einem recht erbarmenswürdigen Zustand zu sehen bekommen, wie denn seine Kleider abscheulich zugerichtet waren. Ich ließ darauf etwas mehr einheizen und ihn dieselbe an dem Ofen trücknen, weil es trefflich windig und kalt war.

Auf solches schaffte ich zur Erquickung einen Trunk Wein und bat den Jäger, daß er mir erzählen sollte, wer er sei und wohin er dermalen zu reisen gesinnet. Und weil ich schon viel Leute angehalten, daß sie mir ihren Lebenslauf erzählen möchten, ersuchte ich auch hierum diesen Jäger, welcher sich sehr fertig erwies, und als er sich auf den nächststehenden Sessel mit dem Rücken gegen den Ofen gesetzet, fing er an, folgendes zu erzählen:

»Ich wollte ein Dutzet Taler darum schuldig sein, so ich meinen Herrn berichten könnte, wer mein Vater oder meine Mutter gewesen, denn dardurch würde ich meines großen Kümmernisses befreiet, welches mich nicht selten gleich einer großen Marter peinigt und plaget. Weil ich auch unter den Burschen oftermal deswegen beschimpfet worden, habe ich mich fast so oft geschlagen, als viel ich Haar auf dem Kopfe habe. Meine Jugend verbrachte ich bei einem Gärtner, dem ich dazumal vor die Tür gesetzet worden, und derselbige hat mich aus Befehl der Obrigkeit wider seinen Willen ernähren und aufziehen müssen, ob er schon an der Tat unschuldig und sonst ein recht christlicher und frommer Mann war. Er lebte allgemach ins zehente Jahr in dem Witwenstand, als ihm dieser Extraordinar-Schimpf angetan worden. Aber ich muß es gleichwohl gestehen, daß er michs nicht in dem geringsten entgelten lassen, sondern hat sich vielmehr bemühet, von der Stadt zu wenden, außer welcher er dazumal seine Gärtnerei in dem Schwang führte.

Ich gedenke es kaum wegen allzu zeitiger Jugend, als er auf ein Schloß befördert worden, allwo ich mich noch bis gegenwärtige Stund aufhalte und der Gräfin daselbsten vor einen Hofjäger aufwarte, weil sie mich nach meines Pflegvaters Hinscheiden zu sich genommen und mich in dieser Kunst hat unterrichten lassen. Ich dienete nach Erlernung der Jägerei auf unterschiedlichen Schlössern, unter andern aber nächst des wilden Forstes auf einem Schlosse bei einem wohlhabenden Edelmann. Der hatte einen Sohn mit Namen Ludwig; mit demselben Ludwig trieb ich allerlei Mutwillen, denn ich lernte ihn die Raben gar artig mit Feuer und Farben auskleiden; und wenn wir solche in der Luft fliegen ließen, kam in der Nachbarschaft ein Geschrei aus, gleich als wäre ein brennender Drach herumgeflogen. Mit solchen Possen vertrieb ich eine geraume Zeit auf dem Schloß, bis sich endlich die ältere Tochter eisenfest in mich verliebte, und weil ich nicht wußte, wer mein Vater war, schwätzete ich ihr oft ein Haufen wegen einer hohen Geburt vor. Und weil die Verliebten ohnedem leichtgläubig sind, überredete ich sie gar leicht mit solchen abscheulichen Lügen, die man wohl mit allen fünf Fingern hätte haschen und greifen können. Sie schenkte mir gar viel Geld, auch zuweilen silberne Löffel, die ich verschacherte, und das Geld zu solchen Sachen wandte, davon ich und bemeldeter Ludwig einziges Vergnügen haben konnten. Allein, er wurde endlich von seinem Vater in eine Schule geschicket, daselbst er der gepflogenen Schelmereien so gewohnet war, daß er dem Schulmeister und dessen Frauen so mancherlei Possen gerissen, als mancherlei er sie erdenken können. Er nagelte die Schulmeisterin gar oft auf den Stuhl, darauf sie saß, dem Schulmeister legte er Harz auf den Sessel und trieb sonsten so leichtfertige Stücklein, darüber sich der Schulmeister gegen dem Alten beklagen und ihn zugleich bitten mußte, daß er seinen ungeratenen Sohn wiederum zu sich abfordern möchte.

Solchergestalten kamen wir wieder zusammen, aber ich verunglückte bald darauf auf der Hirschspur, mußte also wider meinen Willen von dem Schlosse hinweg und zu einem andern Edelmann auf sein Gut ziehen, dessen Frau mich vortrefflich charisieret hat. Es trugen sich zwischen mir und dieser Edelfrauen so viel Schnacken und Abenteurei zu, davon ich allein einen ganzen Tag zu erzählen hätte. Denn sie kam hinter etliche Briefe, welche mir die Tochter des vorigen Edelmanns nachgeschrieben, und daher kann mein Herr leichtlich gedenken, wie sehr ihr der Hureneifer zu Herzen gestiegen, worzu sie doch nicht die allergeringste Ursach hatte. Denn erstlich war ich nicht ihr Mann, vors andere ihr auf keinerlei Art noch Weise zugetan als aus einer blinden teuflischen Begierde, welche gemeiniglich alles Ungemach nach sich zu ziehen pfleget.

Euer Gestreng können gedenken, wie leichtfertig die Frau an ihr selbst gehandelt, indem sie aus großer Liebe gegen mir sich entschlossen, ihren Herrn zu vergeben, der doch noch ein junger und stattlicher Cavalier, auch noch kaum fünfzig Jahr alt war. Dieses Beginnen erschreckte mich auf einmal so sehr, daß ich nichts mehrers trachtete, als mich von dem Ort hinweg und wieder auf das vorige Schloß zu der adeligen Jungfer zu begeben, welche mir ganz in das Herz – hätte bald woandersthin gesagt – gebacken war.

Aber der Edelmann war zeit meines Abseins hinter die Springe gekommen, war also nicht gut Plasy zu finden, weil er seine Tochter über einem Brief erwischet, welchen sie an mich ausgefertiget. Da prügelte er sie mit der Carabatschke dergestalten herum, daß ich glaube, er hätte noch nicht aufgehöret, wenn nicht die Edelfrau in die letzteren Streiche gefallen, welche ihre Kinder gar zu viel charisieret, dadurch nicht wenig an ihrer Wohlfahrt versäumet worden. Nach solcher Züchtigung und ausgeteiltem Schreiblohn kam er selbst zu mir und drohete, mich an der Stelle totzuschießen, so ich nicht noch vor abends das Schloß räumen und mich aus dem Staube machen würde. Solchergestalten nahm ich meine Ranzen auf den Buckel, das Jägerhorn um den Leib, mein Pirstrohr über die Achsel und marschierte immer ad patres, was ich nur marschieren konnte.

Dazumal war ich in den Begierden fast ersoffen und klagte über nichts mehr als das große Unglück, welches mich wider Verhoffen auf diesen beiden Schlössern in die Fessel bekommen. Aber was sage ich Unglück! Ich sollte mich vielmehr über mein großes Glück erfreuet und dem Himmel gedanket haben, daß er mir durch seine gnädige Hand diese Gelegenheit abgeschnitten, in einen rechten Pfuhl der erschröcklichen Unreinigkeit zu fallen, aus welchem sich der Tausende nicht herauszuwickeln weiß.

Ich versuchte es auf eine andere Art und verehlichte mich auf meiner Gräfin Schloß mit ihrem Kammermädchen, mit welcher mirs teils wohl, teils übel gegangen, wie es insgemein in dem Ehestand zu gehen pfleget. Aber gewiß ist es, daß ich mir tausendmal mehr Ergötzlichkeit zuvor eingebildet, als ich hernachmals nicht genossen habe; denn wir hatten beide nicht viel zum Besten, und der Teufel konnte ihre Hoffart nicht von dem Hintern wegreißen – Monsieur verzeihe mir, daß ich so grob reden muß, es ist die Wahrheit. Also ging mein bißchen Geld auf das bloße Gewand und hatte hingegen wenig oder gar kein Brot zu Hause. Ich weiß nicht, was ich länger mit ihr hätte anfangen sollen, aber zum Glück starb sie mir in dem andern Jahr an einer Krankheit, welche allen hoffärtigen Weibesbildern gar gemein ist, indem sie nicht leiden können, daß andre auch so gut sind als sie, und solcher Zorn dringet ihnen eifrig zu Herzen, durch welchen auch mein Weib aufgeopfert worden.

Ich fand, daß mir durch ihr Abscheiden eine ziemliche Sorge von dem Herzen gewälzet worden, denn die Wahrheit zu bekennen, liebte ich sie nicht allzusehr, nur darum, weil sie so ausdermaßen stolz und übermütig war, denn sie hieß mich ohne Unterlaß einen Hurensohn über den andern. Und wenn mich andere Leute einen hießen, so defendierte sie mich doch und sagte zu denen, so wider sie zankten, ich wäre so redlich als keines unter ihnen, ja, noch wohl tausendmal redlicher darzu. Also ward mein Weib gleich den Ketzern, welche niemal einig sind, als wenn sie die wahre Kirche bestreiten.«

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