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Teutsche Winter-Nächte

Johann Beer: Teutsche Winter-Nächte - Kapitel 51
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleTeutsche Winter-Nächte
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XII. Capitul. Einer hängt am Galgen. Sie discurrieren davon. Betrogene Leichproceß. Isidoro macht Hochzeit mit der Zusia.

Die Arbeit zeucht nach sich den Lohn,
Wer stiehlt, der wird – du weißt es schon.

Folgenden Morgen begaben wir uns auf die Reise, und nachdem man beiderseits mit sonderlichen Complimenten Abschied genommen, ritt jede Partei seinen Weg. Es fing dazumal an, mit Gewalt Winter zu werden. Derohalben mußten wir in dem Schnee mit großer Verdrießlichkeit fortreiten und kürzeten uns den Weg mit allerlei Gesprächen, absonderlich aber wegen des wunderlichen Geschickes, so sich dieser Zeit mit und zwischen uns zugetragen. Mein Vater wußte selbst keine solche wunderliche Veränderungen, so alt und erlebet er auch war. Daraus wir gesehen, daß uns das Glück gleich einem runden Ballen gebrauchet und uns bald an diesen, bald an jenen Ort ganz wunderbarlich in der Welt herumgeschmissen. Ludwig wußte wohl, daß Isidoro ziemlichermaßen in die Zusiam verliebt war. Deswegen wollte er in der Sache Unterhändler sein und sie allerehestens zusammenbringen, ja, er verhoffte auch, diesen Winter solche Kurzweilen anzustellen, damit sich die Nachbarschaft über nichts weniger als über eine langweilige Kälte zu beklagen hätte.

Zwischen solchen Unterredungen ritten wir vor einen Galgen, daran ein Dieb ganz starr gefroren hing. Wir fragten von einem Bauern die Ursach dieser Hinrichtung, welcher uns zu verstehen gegeben, daß er etliche Schaf und Hammel gestohlen, wie auch seinem Nachbar das dürre Obst von dem Boden entfremdet. Aus dieser Antwort bekamen wir Ursach zu discurrieren, ob der Kerl billig gehangen worden oder nicht. Und mein Vater sagte: »Nein, denn erstlich wäre es wider das heilige Gesetz, welches nicht will, daß man einen Dieb henken soll, sondern daß er doppelt gebe, was er gestohlen. Hätte ers aber nicht, so solle man ihn verkaufen zur Dienstbarkeit und so fortan. Ob nun schon die Juristen sagen, daß demjenigen nichts Unrechts geschehe, welcher weiß, daß er wegen des Diebstahls henken muß, so fragt sichs, ob sie genügsamen Grund haben, einen Dieb zu hängen. Sie antworten: Es ist wahr, daß es das Gesetz nicht haben will und in diesem Fall nicht nach dem Leben zielet, aber: crescentibus delictis crescunt poenæ. Darauf antworte ich, daß auch andere Sünd und Laster wachsen, und dennoch behalten sie ihre verordnete Strafe. Ja, sagen sie, die Strafe des Diebstahls ist bestandenermaßen zu gelind, so wird geantwortet: Ihr sollt nicht von dem Gesetz, sondern aus dem Gesetz urteilen, welches nicht haben will, daß man einen Dieb henken soll. Ob nun Lex Carolina mehr gilt als Lex Sacra, davon ist gar nicht zu disputieren.

Sie kommen über dieses und sagen, es stünde in der Schrift, ein Lügner wäre ärger als ein Dieb, aber zuletzt kämen sie beide an den Galgen. Aus welchem satt, klar und offentlich erscheine, daß die Diebe gehenkt würden. Ich sage: Nein, mein Herr. Das Hebräische heißt nicht Galgen, sondern es heißt: Zuletzt kommen sie beide ins Verderben, welches der Dolmetscher um deutlicherer Erkenntnis nach dem Gebrauch unserer Zeit durch das Wort Galgen gegeben. Denn es ist klar, daß man noch wenig oder gar keinen wegen einer Lügen gehenket, sonst wären mehr Galgen in der Welt als Ziegel auf den Dächern, taugt also ganz nichts zur Sache.

Meinesteils halte ich die Hurerei so stark und hoch als den Diebstahl. Denn der da gesagt: Du sollst nicht stehlen!, der hat auch gesagt: Du sollst nicht huren! Und dennoch werden sie mit einer gelindern Strafe beleget. Da wird geantwortet, die Hurerei sei gelinder Gradu; aber ich frage: Was ist mehr, etwas stehlen, das man wiedergeben kann, oder etwas stehlen, das man nicht wiedergeben kann? Wenn ich Herr wäre, so müßten mir die Hurer sowohl hängen als die Diebe. Aber man sagt: non exstat, es ist nicht geboten. Ich frage: Wo ists geboten, daß du den Dieb henkest? Sie sagen: in Cconstitutionibus Carolinis, aber quid Carolus adversus scripturam? Und dannenhero halte ichs mit dem Hugo Grotius, weil man in so hohen Sachen, absonderlich wo es das Leben des Menschen kostet, behutsam verfahren solle.«

In diesem Diebesdiscurs gelangten wir auf mein Schloß, allwo Caspia, an dem Fenster stehend, uns empfangen, nachdem sie zuvor frische Pferde entgegengeschicket, durch welche wir desto eher fortkommen können. Wir waren kaum in die warme Stube gekommen, als schon ein Bot' vor dem Hause erschienen, welcher durch ein Schreiben mitgebracht, daß Isidoro seine Mutter in höchster Krankheit angetroffen, darauf sie nach etlichen Stunden ihren Geist aufgegeben.

Auf solches condolierten wir ihm durch ein Antwortschreiben und wünschten ihm auch in demselben zugleich Glück zu seiner herrlichen Erbschaft, und Ludwig setzte ins Postscriptum, ob ihm seine Mutter die Zusiam nicht vermachet hätte, darüber er zweifelsohne wird gelachet haben. Und also bekamen wir Gelegenheit, uns zu unterreden, wie wir künftigen Frühling passieren möchten, weil Isidoro nicht lang in der Trauerbinde herumzugehen entschlossen war, gestaltsam solches sein Brief genugsam folgendermaßen ausgewiesen, welcher von Wort zu Wort also lautete:

›Geliebte Freunde! So Sie samt den Ihrigen vergnüglich nach Hause gelanget, gaudeo. Ego autem habe meine Frau Mutter in gar schlechtem Zustande angetroffen, wie sie dann auch tres horas darnach gestorben und noch in dem Sarg stehet. Sie werden mir die absonderliche Ehre und Freundschaft mit Ihrer angenehmen Gegenwart erweisen und aufs längste über drei Tage hier bei der Begräbnis erscheinen. Solches zu verschulden wisset und kennet Ihr Euren getreuesten und aufrichtigsten Freund, welcher sichs vor die größte Glückseligkeit schätzet, angenehme Gegendienste zu leisten.

Den Flor werde ich nicht gar zu lange tragen, und werde es machen wie unser Dorfmüller, der sich noch in der Trauermahlzeit nach Absterben seiner Frauen mit einer andern verlobet. Aus diesem habet Ihr nicht zu schließen, daß ich nicht traurig sein sollte, sondern daß mir die Gesellschaft auf dem Schlosse noch in dem Kopf stecket. Denn ich muß noch darüber lachen, wenn ich daran gedenke, wie sehr mich der betrogene Ludwig geküsset. Ich werde in diesem Fall genugsam zu erfahren haben, ob er mir so sehr mit Affection zugetan sei, als er sichs dazumal in der Kammer merken lassen. Valete! und kommt gewiß. Der Seilfahrer, der Irländer und in summa alle, die neulich beisammen gewesen, werden gewiß erscheinen.‹

Dieser Brief war vor einen traurigen etwas zu lustig, aber wir wußten wohl, daß es Isidoro aus keinem Frevel getan, zumalen uns sein gutes Gemüt gar zu bekannt war. Und es ist gewiß, daß ein solcher Mensch oft mehr Schmerzen in dem Gemüt empfindet, je fröhlicher er sich äußerlich anstellet. Denn je härter der Stein ist, je mehr Feuer liegt in demselben verborgen; also je fröhlicher sich das Herz bei dergleichen Begebenheiten äußerlich erzeiget, je mehr Betrübnis kann es innerlich verborgen haben. Die Tränen sind oftermalen falsche Botschafter einer ernstlichen Trauer, und ob er auch gleich Spielleute und Sackpfeifer deswegen aufgenommen, so hätten wir doch nichts darnach zu fragen gehabt, weil er vor sich tun mögen, was er gewollt, und uns an seinen Gebärden nicht ein Heller auf Interesse gelegen. Nur dieses ist zu beklagen, daß die Welt alles anders auszulegen pfleget, als sie gemeint sind.

Wir machten uns darauf mit unsern Trauerkleidern zurechte, und als wir ganz schwarz auf das Schloß des Isidori angelanget, lachten uns die anwesende Cavalier von Herzen aus. Sie trieben ihren Spott, daß es nicht zu beschreiben, denn es war alles nicht wahr, was Isidoro wegen des Todes seiner Frauen Mutter an uns abgehen lassen, aber dieses war nur die Ursach, daß er uns auch auf seiner Hochzeit sehen möchte, weil er mit der Zusia auf dem Schlosse noch die Abrede genommen und ihm die Mutter noch bei ihren Lebzeiten das ganze Vermögen eingeraumet hatte. Es waren alle diejenigen zugegen, so vor wenig Tagen auf meiner Hochzeit erschienen, ja, Faustus selbst, samt seiner Liebsten, wie auch Carander erschienen bei dieser angenehmen Winterfreude, allwo wir sehr köstlich und höflich tractiert worden sind.

Wir bekamen die vorigen Stadtpfeifer auf diesem Castell wieder zusammen, und was wir ihnen zuvor zu viel getan hatten, das ersetzten wir mit einem stattlichen Recompens und hielten uns untereinander so bescheiden und vergnügt, daß keiner über eine angetane Unehre sich zu beklagen hatte. Denn wir wußten wohl, daß man mit Zwietracht und Uneinigkeit wenig auszurichten pflegte, sondern daß durch guten Vertrag und Einigkeit die Menschen, wer sie auch seien, in stetem Frieden zu erhalten wären. Und auf eine solche Art bin ich auch geflissen und bis dahero bemühet gewesen, meinen Kiel also zu gebrauchen, damit durch denselben auch nicht der Geringste beleidigt würde. Denn was hilft es dem Menschen oder was bringt es ihm vor Nutzen, wenn er seinen Groll durch öffentliche Schriften ausstreuet, welchen er gegen einer oder andern Privatperson führet? Wahrhaftig, er gibt dadurch zu erkennen, daß sein Gemüt unversöhnlich und nur mit Zänkerei schwanger gehe. Daß ich aber ein und anders Laster umschweifig angezogen, ist geschehen nicht zur Verbitterung, sondern vielmehr zur Lust derjenigen, die sich dardurch getroffen befinden.

Ich habe niemalen etwas auf Erden höher geschätzet als die Freiheit. Darum vergönne ich auch einem jeden, dieses Buch nach seinem Gutdünken auszulegen, weil ich ihn nicht zu berauben gedenke desjenigen Kleinods, welches ich selbst vor das köstlichste halte. Ich habe mich in vielen Stücken selbst durchgezogen und unter andern Historien meine eigene Zustände entworfen. Habe also in diesen Winternächten in dem Schnee vorangewandelt, auf daß mir diejenige, so ich dort und da getroffen, desto leichter, gleichsam in einem gemachten Pfad, folgen möchten. Alles, was ich in diesem Buche discurrieret, gebe ich nicht aus vor einen unbeweglichen Grund, sondern nur als gewisse Meinungen, die ich von denjenigen Sachen halte, von welchen ich geredet. Ob auch jemand sagte, daß keine Zierlichkeit der Worte hierinnen anzutreffen, so ist zu wissen, daß ich diese Schrift an einer langen Zeitelle nicht ausmessen können und ich sie meistens zur Nachtszeit ausgearbeitet, dahero sichs nicht zu verwundern, daß kein Glanz einer Beredsamkeit darinnen anzutreffen. Ich habe dardurch des Menschen Leben und nicht seine Beredsamkeit zu unterrichten gesuchet, deren ich Selbsten unerfahren bin.

Die Ursach dieser Schrift ist nicht entsprossen aus einer eitlen Phantasie, sondern aus dem getanen Versprechen, daß ich alle diejenige Handlungen beschreiben wolle, welche mir und denjenigen, so bis dahin mit mir umgegangen, begegnet. Hab also mein Wort nicht widerrufen, sondern, soviel möglich, alle Stück, derer ich mich entsinnen können, ganz kürzlich entwerfen wollen. Ich hätte zwar die Mühe solcher Schrift dem Herrn Irländer oder einem andern gerne gönnen wollen, aber weil sie mich hierzu gleichsam genötigt, hab ich um soviel desto bessere Ursach gehabt, die Sach also zu beschreiben, wie es an sich selbsten gewesen.

Nach vollzogener Hochzeit des Isidoro lief nichts Denkwürdiges vorbei, ohne daß er bei solcher eine Comödia spielen ließ, welche lustig genug war. Der Irländer versprach, uns allerehestens zu seiner Hochzeit einzuladen, und nach diesem schied jeder seinen Weg, den übrigen Winter zu Hause zuzubringen.

Andre haben ihre Ergötzlichkeit auf eine andre Weise gesuchet, ich aber satzte mich, dasjenige zu entwerfen, weswegen ich mich der Compagnie, absonderlich dem Isidoro, so sehr verobligiert hatte. Ob ich auch gleich gemeinet, das Werk etwas kürzer zu verfassen, hat es doch nicht sein können, wenn ich nicht etliche Stück hinweggeworfen, die ich vor diesmal nicht auf die Seite stellen können.

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