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Teutsche Winter-Nächte

Johann Beer: Teutsche Winter-Nächte - Kapitel 49
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleTeutsche Winter-Nächte
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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X. Capitul. Sie kommen zu einem Leichbegängnis. Schreckliche Geschicht eines Totengräbers.

Die Welt fragt nach dem Erdenkot
Mehr als um einen sanften Tod.

Oben ist mit mehrerm gedacht worden, welchergestalten sich Monsieur Ludwig mit mir entschlossen, dem Faustus zuzusprechen und ihn wegen seiner getanen Heirat zu befragen. Aber ob er gleich auf der Straße mit mir dahinritt, hielt ers doch für ratsamer, daß wir uns verkleideten und die Caspia heim auf ihr Gut reisen ließen, weil wir innerhalb zwei Tagen gar gewiß daselbst erscheinen würden. Derowegen verkleideten wir uns in unserer Laquayen Röcke, und nachdem wir mein Weib beurlaubet, ritten wir auf ebendas Dorf, darinnen sich Faustus mit seiner Braut nach dem gemeinen Ruf aufhalten sollte.

Wir hatten zum bessern Behuf unserer Sachen meinen alten Vater mitgenommen, vor dessen Diener wir uns bei dieser Gelegenheit auszugeben entschlossen waren. Demnach ritt er voran, und wir beide folgeten ihm mit seinen zwei Knechten, gleich als gehörten wir zu ihnen. Etwan eine halbe Stunde darnach trafen wir in eine volkreiche Stadt, in welcher wir an dem Tor angehalten worden, weil gleich eine herrliche Leiche sollte heraus- und in den nächstgelegenen Kirchhof getragen werden.

Es war eine erlebte Matron, und ihr Herr besaß in selbiger Stadt kein geringes Amt, ob er schon ehedessen soll ein Pflastertreter und ein solcher Mensch gewesen sein, der den Leuten nur zum Verdruß unter den Augen herumging und nichts als einen Prügel in der Hand herumzutragen hatte. Demnach er aber omnia cum tempore zu einem hohen Amt gestiegen, als fanden sich auch bei der Leiche gar viel Bürger und andere Menschen ein, die es entweder ihm zu sonderlichen Ehren oder aus andern Ursachen taten. Denn das Leichgehen hat viererlei Ursachen: die erste und Hauptursach, zu der Leiche zu gehen, ist diejenige, wenn man muß. Exempli gratia: es stirbt einer von unsern Befreundten oder aus unserer Verwandtschaft, da muß man darzu, ob man gleich nicht will oder mag, so heißt es doch: du mußt gehen; ingleichen auch, wenn unsere gute Freunde oder Bekannten sterben, so muß man ebenermaßen mitgehen, wenn man anders Hirn in dem Kopfe hat.

Die andere Ursach ist und heißet der Reputationsgang, als wenn einer ein Amt bekommt und die Stadt weiß es nicht, so geht ein solcher geschwinde mit der Leiche, und durch dieses Mittel kann man der ganzen Stadt ein offenes Zeichen des Rangs und Vorganges geben und ohne Mühe beibringen. Ja, es ist auch gar genau zu observieren, daß gar viel bei dem Leichenbitter sich anschmeicheln und ihm ein Viergroschenstück spendieren, damit er sie nur wacker hinauflociere, und dieses sind die größten (verstehe, Narren).

Der dritte Modus, zur Leiche zu gehen, heißet Modus adulandi oder der anschmeichlende Gang, und hierein gehöret das Sprichwort: dum moritur dives, concurrunt undique cives. Dieser schmeichlende Gang ist weltkündig und dahero so gemein wie das Schusterhandwerk. Es geschieht also das Leichengehen auf solche Art aus keiner rechten Andacht, sondern ganz aus einem andern Grund, welcher der Tugend ganz zuwider und conträr ist. Gleichwie aber die Fuchsschwänzer in allen Sachen sich einzumischen wissen, als können sie von der Leiche nicht bleiben.

Die vierte Ursach, dieses Werk zu verrichten, ist die Gleisnerei, daß die Leute sagen sollen: Ach, wie ist dieses ein christlicher Mann! Wie ist dieses ein andächtiger Mann! Sehet doch, wie er so fleißig zur Leiche gehet; es wird das ganze Jahr niemand ohne ihn begraben, es ist ja gar zu ein christlicher Mann! Solche Wort hören die Gleisner gar gerne, und weil es ihnen sonsten um nichts anders zu tun ist, so können sie hierinnen eine große und erschröckliche Ergötzlichkeit finden.

Alle diese Arten sind verwerflich und ungültig, weil sie nicht geschehen noch ursprünglich herkommen aus einem solchen Grunde, der ohne Larven ist. Die Toten begraben ist ein christlich Werk, und gehöret auch darzu oder wird durch das Totenbegraben verstanden, mit der Leiche zu gehen oder den toten Leichnam bis zu dem Grabe begleiten und nicht hinter der Haustür oder unter dem Stadttor auf die Seite gehen und ausreißen. Mein, was wäre dieses vor eine Ehre, wenn dich einer zu Gaste bäte, dich zu Tische setzte und auftragen hieße, die Köchin aber trüge die Speisen nur bis an den Tisch und von dort geschwinde zu der Kammer hinein. Du würdest in der Wahrheit gedenken, man hielte dich vor den größten Narren. Eben ein solches begehest du in einem solchen Proceß. Du sollst mit der Leiche gehen und tust es nicht. Mancher sagt: Weib, ich will mit der Leiche gehen. Er nimmt darauf den Mantel um, gehet hinweg, und sobald er nur in das Buch geschrieben ist, kehret er wieder zurück nach Hause, hat also weder Sarg noch Klagleute gesehen, und das soll zur Leiche gegangen heißen.

Ja, wir sahen uns an diesem großen Stadttor fast zu halben Narren, denn da riß ein Paar aus, dort wieder ein Paar, und blieben von fünfzig Paaren kaum zehen übrig, welche gar in den Kirchhof gingen.

Wenn du in dem Sarg lägest und könntest durch ein Fensterlein herausgucken, ich glaube, du solltest dich ohne Zweifel darüber von Herzen betrüben, daß die Freundschaft derjenigen nicht größer sei, welche sich dir oder den Deinigen so oft verbunden haben. Mancher sagt: Ich mag nicht mit der Leiche gehen, denn der Tote gehet doch auch nicht mit mir! Diese Rede soll im Scherz geredet sein, aber wie ärgerlich sie in dem Grund sei, laß ich andere aussprechen, die einen größern Verstand haben! De mortuis & absentibus nil, nisi bene: von Toten und Abwesenden soll man nichts als alles Gutes reden. Ob aber dieses eine gute Rede sei, kann ich nicht glauben, weil sie auch unter den blinden Heiden unbekannt gewesen.

Nach den Männern kamen die Weiber in ihrer Ordnung, die schwätzten von der jetzigen Mode, und anstatt sie bei der gegenwärtigen Gelegenheit den Tod und ihr zukünftiges Sterbstündlein erwägen und betrachten sollten, hatten sie eine andere Plauderei von Bettgewanden, Küchengeschirre, von ihren Dienstboten, Aufwartmägden und Kindern. Eine schwatzte gar, wieviel sie dieses Jahr Freier gehabt hätte, die andere redete wieder von einer Sache, die des Staupbesens nicht wert war. Derohalben verwunderte ich mich über die Trägheit der blinden Weltgemüter, welche nicht ehe an den Tod gedenken wollen, bis er vor der Tür stehet. Wahrhaftig, da ist es zu spät. Und weil an dem Sterben unser meistes gelegen, ist es vonnöten, daß wir die Gedanken des Todes niemalen verlassen oder auf die Seite setzen. Nachdem nun alles Volk, das zur Leiche gehörte, aus dem Tore, ritten wir hindurch und fragten den nächsten Weg, auf das Dorf zu gelangen, welches uns über zwei Feld Weges hinüber gewiesen wurde.

Unterwegens erzählte mein Vater eine erschröckliche Historia von einem Totengräber, welcher vor achtzehen Jahren zu Magdeburg den verstorbenen Leuten das Herz aus dem Leibe geschnitten, dadurch er ein Pulver brennen wollen, auf daß alle, denen ers auf die Gasse streuete und darübergingen, sterben mußten, und er also zum Reichtum gelangen könnte. »Einsmals trägt sichs zu, daß ein kleiner Jüngling eines vornehmen Mannes begraben wird. Dem schneidet der Erz-Böswicht gleichfalls das Herz aus seinem zarten und unschuldigen Leibe, und dem Vater traumete in derselben Nacht, wie sein begrabenes Kind zu ihm käme und keine Brust mehr hätte. Er erwachte über dieses Gesicht und erzählet es seiner Frauen, welche ihm die Gedanken aus dem Sinn geredet, vorgebend, es wäre nur ein Traum, der könnte ja leichtlich betrügen. Er sollte sich nichts irren lassen, ihr Kind wäre schon begraben und an dem Ort, da es hingehörte. Er sollte sich deswegen keine vergebene Sorgen mehr machen und schlafen. Er schläft darüber ein, und sein Söhnlein erscheinet ihm aber einmal wie zuvor, darüber er aufs neue wieder aufwachte und schmerzlich darüber seufzete. Die Frau tröstete ihn wie zuvor, bis er endlich zum drittenmal einschlief und nichtsdestoweniger von seiner Vision keine Ruhe hatte. Ist auch vors dritte Mal dergestalten darüber erschrocken, daß er mit Verlangen den Tag erwartet und alsobald zu dem Totengräber gegangen, bittend, er möchte ihn das Grab seines Kindes noch einmal sehen lassen. Der Totengräber tut es, aber der Vater findet das Grab in einer andern und ganz unordentlichen Gestalt, bittet ihn dahero, er solle das Kind herausgraben, er wollte es nur noch einmal sehen. Aber der Totengräber will sich hierzu durchaus nicht bewegen lassen, weil er die große Strafe der Obrigkeit vorgeschützet, mit welcher sie ihn deswegen belegen dörfte.

Endlich gehet der Vater an die Obrigkeit, welche ihm sein Begehren gestattet und dem Totengräber befiehlt, das Kind auszugraben. Er tut solches, aber der betrübte Vater sah ganz erstaunend das Kind eben in einer solchen Gestalt, wie es ihm in dem Traum vorgekommen. Darüber wird der Totengräber eingezogen, allwo er hernach in der Marter alles und noch ein mehrers bekannt hat. Unter anderm bekannte er ingleichen, daß er eine Sechs-Wöchnerin – wie man sie zu nennen pfleget – samt ihrem Kind, welches sie in den Armen hatte, in der Nacht ausgegraben und ihr das Kind aus den Armen habe reißen wollen. Aber die Mutter hätte dasselbe so fest und stark an sich gehalten und endlich die Augen aufgetan, darüber er dergestalten erschrocken, daß er das Grab geschwinde wiederum zugemachet, und neben demselben hätte er lauter Augen erblicket, die er gar nicht von sich treiben können.

Einen solchen Ausgang nehmen solche Missetaten, und dergleichen Leute sind nur deswegen recht unglückselig zu nennen, weil sie ihr eigenes Unheil nicht ehe erkennen lernen, bis ihnen die Rute über dem Kopfe ist. Man hat so viel tausend Exempel, daß niemalen ein Laster ungestraft geblieben. Ist es nicht hier, ist es doch dort. Und doch sieht man die Gottlosen um den Kranz streiten, der ihnen doch nicht geflochten ist, und indem sie nach demselben laufen, fallen sie in die Hände des Henkers, weil ein jeder der Meinung ist, er wolle es am allerbesten machen. Wie der Spiegel den Augen dienet, so sollen uns dienen die Zufälle unsers Nächstens, aber die verkehrten Gemüter scheuen nicht den pechschwarzen Rauch der Sünden. Dahero ist sichs nicht zu verwundern, daß sie sich auch stürzen in eine unaufhörliche Flamme und oftmals von dem zeitlichen in den ewigen Tod gehen.«

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