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Teutsche Winter-Nächte

Johann Beer: Teutsche Winter-Nächte - Kapitel 47
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleTeutsche Winter-Nächte
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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VIII. Capitul. Etliches Frauenzimmer erzählet ihren Lebenslauf.

Das Frauenzimmer schwätzet viel,
Und wenn es soll, so schweigt es still.

Monsieur Ludwig hatte heut morgen dem Koch ansagen lassen, daß er sich diesen Nachmittag wiederum auf ein neues Gaukelspiel fertigmachen sollte, weil sie von den Lebenserzählungen ein wenig innenhalten wollten. Zudem so entschuldigte sich auch das Frauenzimmer mit Vorwand und hohem Beteuern, daß sie nichts Absonderliches zu erzählen hätten, welches ihnen nicht ohnedem sattsam und zur Genüge bekannt wäre. Man wüßte ja wohl, daß sie als Weibespersonen wenig unter die Leute gerieten, und dannenhero könnte man leichtlich erachten, welche Heldengeschichten ihnen in ihrem ganzen Leben zugestoßen, wenn es aber den Cavaliern beliebte, so wären sie erbötig und erkenneten sich schuldig, eine gelesene Historia zu erzählen, sonsten wäre es ihnen unmöglich, etwas mehrers zu tun.

Monsieur Ludwig und wir insgesamt waren mit dieser Entschuldigung nicht allerdings zufrieden, und der Irländer gab vor, daß ihren Worten nicht stracks Glauben beizumessen wäre und daß sich vors andere mit dem Frauenvolk in einem heimlichen Winkel oft viel seltsamere und merkwürdigere Sachen zuzutragen pflegten als mit manchem Reisenden, welcher die halbe Welt hindurchpassierte. Derohalben sollte es bei dem gefaßten Entschluß bleiben; und als das Frauenzimmer sah, daß es nicht anders sein konnte, waren sie es zufrieden, damit man nicht Ursach zu sagen hätte, sie wären nicht so generös, dasjenige zu erzählen, was ihnen in ihrem Leben zugestoßen wäre. »Ei ja,« sagte Monsieur Ludwig, »hierinnen begehet ihr auch eine große Klugheit, sonsten würden wir uns artige Concept wegen euers Lebens machen und uns solche Sachen einbilden, die euch nicht mehr begegnen können.« Damit satzte man sich zur Tafel, und wurde dem Koch seine Gaukelei bis morgen wieder abgesaget, weil das Frauenzimmer entschlossen war, sich nach dem Essen in dem vorigen Zimmer wieder einzufinden und ihre Begebenheiten zu eröffnen.

Es ist nicht genug zu beschreiben, wie begierig die gesamte Gesellschaft zu Anhörung dieser Geschichten war. Derowegen wurde noch einmal so geschwinde abgespeiset, als es sonsten wohl geschehen wäre, und Monsieur Ludwig stackte auch voll Begierde, dem Seiltänzer einen stattlichen Possen zu reißen. Demnach kam man geschwinde auf den Tanzsaal, und als daselbsten etliche wenige Ballette abgestrichen worden, eilete man wieder in das warme Zimmer, allwo das Frauenzimmer losen mußte, welche die erste zu der Erzählung sein sollte.

Die Zahl belief sich in neun Personen, als Fräulein Anna, Fräulein Zusia, Fräulein Leonora, Fräulein Kunigund, Fräulein Crusis, die Frau Ludwigin, Frau von Pockau, Frau Burgundia und meine Caspia. Weil auch dazumal ziemlich frühe angefangen worden, verhofften sie vor dem Abendessen noch alle hinauszukommen. Denn sie nahmen sichs vor, nicht den halben Viertelteil so lange, als der Seiltänzer und Herr Ludwig getan, sich damit zu verweilen. Und der Irländer mußte ihnen versprechen, seinen Lebenslauf hernach bei dem Abendessen zu erzählen. Damit war die Sache verglichen, und das Los hatte mit großem Gelächter der ganzen Gesellschaft gleich Fräulein Anna getroffen, weil sie unter allen das allerkürzeste Hölzlein gezogen. Derowegen satzte sich jeder an seinen bestimmten Ort, und sie fing an, folgendes zu reden: »Ich habe unter allen das kürzeste Hölzlein gezogen, unter allen will ich auch in Erzählung die Kürzeste sein.« Aber Monsieur Ludwig wurf ein, daß, wo sie nicht aufrichtig und nach der Wahrheit verfahren würde, wollte er heute nacht eine Trud über sie schicken samt noch einem Gespenst, welches er in dem Schlosse hinschicken könnte, wohin er nur verlangte. »Ja, ja,« sagte das Fräulein Anna, »ich werde meinesteils nichts außen lassen, es müßte nur sein, daß ich etwas vergessen hätte.«

Damit fing sie weiter an und sagte: »Meine Geburt ist Ihnen allen bekannt, und meine Jugend verbrachte ich in Österreich auf einem Schlosse, welches den um Krembs Wohnenden wohl bekannt ist. Anfangs meiner Jugend, als ich eben zwölf Jahr alt war, verliebte sich in mich ein Freiherr, aber es war ein häßlicher Mensch, als ich jemalen einen gesehen. Er stank nach den Füßen, daß ich oft vermeinet, neben ihm umzufallen, und tat auch alle Nacht gleich einem kleinen Kind in das Bette. Wenn er sich seine Stiefel flicken ließ, so schrieb ers ins Hausregister, und solches brachte er allezeit mit sich auf unser Schloß, damit meine Eltern nur sehen sollten, wie einen fleißigen Haushalter ich bekäme, so ich ihn heiraten würde. Sein Kammerdiener gefiel mir viel besser als er, dahero gab ich ihm so oft den Korb, so oft er um mich anhielt.

Nach diesem fand sich ein junger Gelbschnabel ein, der erst neulich aus Frankreich gekommen. Der wollte lieben und konnte sich nicht dareinfinden. Er konnte von der französischen Sprache nichts als Monsieur und Madam, diese zwei Worte mischte er unter alle seine Reden, und wenn er was erzählte, so mengete er allezeit mit unter, daß er zu Paris gewesen oder dasjenige in Paris gesehen hätte, was er erzählete. Er hat mir auf zweihundert Reichstaler Wert in einer Woche angehänget, und ich halte, er hätte noch mehr getan, so ihm solches nicht von seinem Hofmeister wäre verboten worden, welcher wohl gewußt hat, daß nichts daraus würde, denn er war noch nicht zwanzig Jahr alt und hatte kaum achthundert Reichstaler bare Mittel. Er wußte nicht mehr als ein einziges Reverenz, und dasselbe machte er gegen einem jeden Jungen, der auf der Gasse den Hut vor ihm abgenommen. Endlich machte er mir Liebesverse, die waren so artlich, daß man glauben sollte, er wäre dazumal mit Monsieur Ludwigs seiner Krankheit behaftet gewesen; und ich muß, nur der Kurzweil wegen, einen einzigen Brief erzählen, welchen er mir voll Liebe und Zuversicht mit Versen zugeschrieben. Dieser hieß also:

O Lieb, o Lieb, du großer Stein,
Wie druckst du doch das Herze mein!
Mein Geist verschwindet gar in mir;
Ich brüll vor Liebe wie ein Ochs.
Wenn ich an Fräulein Anna denk
Und ihr viel tausend Seufzer verehr,
Freut sich mein Herz vieltausendmal,
Im Bett, bei Tisch und überall.
Monsieur Cupido, der hat mich
Ganz überwunden grausamlich.
Er schoß mit seinem Liebesschwert
Mein Herz bis in den Grund der See.
Die Morgenröte mich nicht kann
Mit ihrem Munde lachen an,
Wenn Fräulein Anna mich nicht will.
Das Herz klopft mir gleich einer Plump'.
Ein wildes Tier hat es viel besser
Als ich verlornes Taschenschwert.
Die Qual will mich zu Tode drücken,
Ich reiß die Haar aus der Parüquen,
Die ich gekaufet zu Paris,
Nicht weit vom Markt bei Sanct Denis.

Solche lächerliche Verse schrieb er mir gar viel auf das Schloß, und sie taugten unserm Schreiber trefflich zum Lichteinmachen. Ein halb Jahr darnach fiel ich unversehens auf dem Schloßhofe, weil es sehr glatt gefroren war. Über diesen Fall mußte ich wohl zehen Wochen in der Stube bleiben, und dieses ist meine meiste Begebenheit, der ich mich entsinnen kann. Andere Possen, die zwischen und unter unsern Mägden vorgelaufen, mag ich nicht erzählen, weil wir keine Bauernknechte unter uns haben, die sich darnach zu richten wüßten.«

Frau Burgundia war an der Zahl die andere und an den Worten etwas gravitätischer. Sie erzählte von nichts, als wie sie stricken, würken und nähen gelernet. Derowegen verdrießt michs rechtschaffen und will sie nicht so viel würdigen, daß ich ihre abgeschmackte Pertel-Würkers-Possen in diesem Buche beitragen sollte, weil solches nur zur Ergötzung der darinnen Lesenden von mir aufgezeichnet und beschrieben worden.

Die dritte war an der Ordnung Fräulein Zusia, und damit sie sich bald absolvieren möchte, erzählte sie folgendes: »Meine Herren! Die Geburt meiner Person ist Ihnen bekannter als mir, und man hat genügsame Zeugnis, daß ich meine Jugend in dem Felde zugebracht, weil mein Vater ein Obrister über zwei Regimenter zu Pferde war. In dem zehenten Jahr meines Alters kam ich zu einer Gräfin, welche an Frommkeit ihresgleichen nicht hatte, ob sie schon von Natur von ziemlichen schwachen Kräften war. Sie war mir in etwas befreundet, und dahero hatte ich gute Hoffnung, auf ihrem Schlosse zu bleiben, wenn nur nicht eine erschreckliche Sache in den Weg gekommen, die uns voneinander geschieden.

Ihr Herr hurte mit einer andern, so die Schönste in dem ganzen Lande gewesen. Und damit er seiner Frau los und entgegen der andern möchte habhaft werden, erwürgte er seine Frau mit dem Pferdezaum auf einem Sessel und gab hernachmals vor, sie wäre an dem Schlag gestorben. Aber ein Page, welcher an der Tür gestanden und den ganzen Proceß angehöret hatte, offenbarte die Sach an einem solchen Orte, da sie am allerverdächtigsten war, und es wäre dem Täter nicht so ungestraft hingegangen, so er nicht ein erschreckliches Geld in die Büchse geblasen hätte. Er heiratete hernachmals seine Concubina, hatte aber in allem seinem Tun und Wandel keinen glücklichen Fortgang, vielleicht, weil er eine solche Sache begangen, die sich schwerlich verantworten lässet. Man hat kurz darnach den Page in einem Wald tot gefunden, daraus man geschlossen, er sei durch einen Jäger, welcher darzu von dem Grafen bestellet gewesen, erschossen worden. Denn solches zu argwohnen, verursachte die Kugel, welche in seinem Kopfe gefunden und ausgeschnitten war. Aber das Schloß ging letztlich in dem Feuer auf, und die Concubina verbrannte samt einem Kind, so sie zeit währender Ehe gezeuget.

Dazumal habe ich in einer Stunde oft mehr geweinet als anitzo in zehen Jahren. Denn ich kann nicht sagen, wie eine fromme und liebe Frau meine Bas' gewesen. Nur weil sie nicht schöne war, so hassete sie ihr Herr ausdermaßen, unangesehen, daß sie eine überaus gute Haushälterin war und ihm niemalen einzig böses oder widerwärtiges Wort gegeben. Darauf kam ich in Ungarn und von dorten hieher, und dieses ist alles, was ich von meinem ganzen Leben zu erzählen weiß.«

Auf solches fing die Frau von Pockau an, denn sie war an der Ordnung die vierte, und sagte: »Die Geschieht der Fräulein Zusia hat genugsam zu verstehen gegeben, wie eine blinde Wegweiserin die nichtige Begierde sei, welche die Schönheit vor die Tugend erkieset und also in schändliche Laster einplumpset, weil sie eine Sünde mit der andern zu verknüpfen pfleget und aus einem Übel immer in ein größers fället. Wie es aber der Graf mit seiner ersten Gemahlin gemacht hat, ebenso hat es eine meinige Befreundte mit ihrem Herrn getrieben, welches ich nun kürzlich erzählen werde.

Meine Mutter starb an dem Fieber, und weil man vermeinet, als wäre es vielmehr eine grassierende Seuche gewesen, tat man uns Kinder von dem Schlosse hinweg, und ich kam samt meinem Bruder, der vor zwei Jahren in einem Duell erstochen worden, in eine Stadt, außer welcher meine Muhme zwei liegende Güter hatte.

In einer Nacht hörten wir einen greulichen Tumult in dem Hause, und wir meinten dazumal nicht anders, als verübten solches die Geister und Gespensten, weil es mitten in der Nacht war, aber der leidige Ausgang gab es, daß unser Vetter in seiner Kammer heimlich überfallen und verräterisch erstochen worden. Das Stilett steckte ihm noch in der Brust, und meine Muhme war samt ihrem Galan, welcher ein Student soll gewesen sein, über sieben Berge aus. Aber bald darnach ist der Student erwischet, in einem Wald gefangen und auf das Rad geleget worden, die Frau aber hat kein Mensch mehr erforschen noch erfragen können.

Hiernach kam ich zu einem Apotheker in die Kost, aber nicht zu dem, welchem Monsieur Ludwig einen so artigen Brief geschrieben, sondern zu einem solchen Mann, der weder Himmel noch Hölle geglaubet und stets mit Goldmachen umgegangen. Er hatte einen Sohn, den informierte ein Schüler, so auch Ludwig hieß, und in denselben Præceptor habe ich mich merklich verliebet und wollte ihm gar gern ein paar Ducaten spendieret haben, so er einmal bei mir geschlafen hätte, aber es konnte mir dazumal so gut nicht werden. Aber gegenüber wohnte ein Schuhknecht, der verliebte sich recht abenteuerlich in mich, und ich muß die Wahrheit gestehen, daß ich dem Narren so gar ungünstig nicht gewesen, und ich glaube, wenn wir bessere Gelegenheit gehabt hätten, miteinander zu sprechen, es dörfte etwas geschehen sein, welches ich nicht gern offenbaren wollte. Aber es blieb dazumal auch unterwegen, weil er von den Studenten in der Stadt gehauen worden und sich hernachmals aus Furcht, gar totgemachet zu werden, hinwegbegeben müssen.

Das geschah noch in dem Stand meiner jungen Jahre, da ich weder um Schwarzes noch Weißes wußte, aber da ich ein wenig klüger wurde, verliebte sich in mich ein stattlicher Cavalier. Demselben wurde ich ein Jahr darnach verehlichet, denn er mußte wegen meiner Jugend so lange auf mich warten, und ich kann nicht sagen, wie sehr ich mich durchs ganze Jahr auf die Hochzeit gefreuet. Ja, ich nahm auch in gesunden Tagen Arznei ein, nur daß ich nicht krank werden möchte, damit ja die Hochzeit ihren Fortgang haben möchte. Derselbige Herr wurde in dem Krieg erschossen, nach welchem ich zum andernmal an einen Obristen vermählet worden, der Ihnen allen wohlbekannt gewesen. Nun aber bin ich eine Witwe und zweiundvierzig Jahr alt.«

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