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Teutsche Winter-Nächte

Johann Beer: Teutsche Winter-Nächte - Kapitel 44
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleTeutsche Winter-Nächte
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid96c6f564
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V. Capitul. Ludwigs seltsame Krankheit. Seine Visiones, Briefe und dergleichen.

Wer seinen Witz, nicht brauchen kann,
Sieht Weißes oft vor Schwarzes an.

»In der erst war mir nicht anders, als wenn ich etliche Wagen, voll mit Ziffer und Stecknadeln gefüllet, daherfahren sah, welche nach Frankfurt auf die Messe reisen und daselbsten auf dem Seil tanzen wollten. Darnach kam eine Landkarte in einem Mantel dahergezogen, die gab sich vor einen Schuhknecht aus. Bald darauf satzte ich mich auf einen Vogelbauer und ritt damit über Berg und Tal, oft in einem Sprung wohl vierhundert Meil Weges, und es gedünkte mich natürlich, als müßte ich meinem Præceptor aus der Terra di quir ein gut neu gebacken Paar Semmel holen. Bald kamen viel hundert Paar gestrickte, zerrissene und zerlumpte Strümpfe, die flickte ich mit meinem Schreibgezeug, und sie verehrten mir zum Recompens eine alte Paruque. Auch sah ich die Leute in der Luft herumschiffen und Stockfische von der Erde hinauffischen. Meine Grammatica zerriß ich in tausend kleinen Stücken, und dieselben Papierlein ließ ich an einem Spieße braten und fraß sie vor calecutische Hühnerfedern. Bald kam mir eine mit Saiten bezogene Ofengabel vor das Bett, auf welcher ich länger als vier Stunden aneinander musicieret. Die Schrauben waren von Taubenflügeln und der Sattel eine Bierstütze, aus solchem könnt Ihr schließen, wie närrische Sachen mir in der Krankheit zugestoßen, über die ich noch bis gegenwärtige Stunde von Herzen lachen muß.

Oftermalen gedünkte mich, ich kröche in einen Floh hinein, und in dem Floh saßen lauter Mohren und Ägyptianer, und wenn ich mich dann vor ihnen forchte und zum Hintern wieder hinausschliefen wollte, blieb mir der Floh am Halse hängen, und gedünkte mich natürlich, als wäre es ein Handfaß, daraus man sich waschet. Den Ofen, in welchem mir ein geheizet wurde, sah ich gar oft vor einen Baum an, auf welchem Bratwürste wüchsen, und sooft ich eine herunterlangte, ward ein Taschenmesser daraus. Oftermalen kam ein ganzes Regiment Totenköpfe zu mir ins Bett, und war mir nicht anders, als ob einer mit einem Fliegenwedel hinter ihnen drein wäre, welcher sie wieder von mir hinwegjagte. Die Frau, welche mir gewartet hat, sagte oftermalen, daß sie all ihr Lebtag keinen Menschen so gar artlich als eben mich hätte reden hören. Bald habe ich sie gefragt, wer ihrem Pelz die Nase abgeschnitten, bald wieder, wieviel Wochen man reisen müßte, ehe man in einen Pantoffel käme. Zuweilen gedünkte michs, als führte mich ein Schmied auf seinem Amboß gleich in einem Schlitten über die höchsten Berge aus, und wenn wir dann so in der Luft herum Schlitten fuhren, so gedünkte michs wieder, als säße ich auf dem Meer. Anstatt des Wassers sah ich lauter Entenschnäbel, und die Insuln bestunden in lauter Weiberhandschuhen. Die Schiffe dünkten mich von Fensterblei zusammengegossen, und in denselben wurde georgelt, daß es taugte. Ich kann nicht genugsam aussprechen, wie in abscheuliche Klüften der Erde ich gefallen und gefahren.

Einsmals war mir nicht anders, als hängte mir einer wohl hundert Mühlsteine an die Füße, damit fuhr ich in einem Augenblick durch die Erde hindurch in eine Schublade hinein, allwo ich in eine Landschaft gekommen, darinnen man nichts als lauter Wehrgehänge verfertigte. Nichts Artlichers kam mir unter allem vor, als da mich gedünkte, ich sähe zwei Eichbäume auf der Fechtschul mit dem Dusacken miteinander fechten. Alle, die solchem Gefechte zusahen, wurden hernach zu Schweine verwandelt und fraßen die Eicheln auf, welche die beide zuvor mit dem Holz aneinander heruntergeklopfet hatten. Es war mir nichts Neues, aus dem Bette zu springen und die Fenster einzuschmeißen, weil sie mir als herumfliegende Grillen vorkamen, die mich stechen wollten.

Oftermalen war mirs, als regnete es Schlafhauben und Hufeisen untereinander, sobald sie aber auf die Erde gekommen, wurden Eierschalen daraus. Alle, die mich in dieser Krankheit besuchten, hielt ich vor Felleisen, Flederwische, Turmknöpfe, Haselnüsse, Schreibfedern, Bänkfüße und auch Kühschwänze, so gar grausam hatte mich meine eigene Mutmaßung betrogen. Ich bin zeit währender Krankheit mehr denn dreißigmal mit einem Fuchsschwanz geköpfet und geradbrecht worden, und es war mir gar oft, als gäbe mir eine alte Frau mit einem Waschblei den Staupbesen. Keine einzige Speise konnte ich an dem Geruch noch an der Gestalt erkennen, sondern wenn ich die Suppe aß, war mir nicht anders, als fräße ich Werg und Hobelspäne, und den Löffel hielt ich vor einen Schlafrock. Unterweilen kam ich zu mir und weinete über mich Selbsten, weil es sich je länger je schlimmer mit mir anließ.

Wie es nun so gar arg mit mir und meiner Krankheit wurde, besuchte mich die Frau des Præceptors, in dessen Klass' ich dazumal saß, und welcher so viel Flachs von meiner Frauen Mutter ist spendieret worden. Dieselbe nun fragte mich um meinen Zustand, denn sie wußte noch nichts um die große Raserei, in welcher ich gegenwärtiger Zeit begriffen war. Und weil ich sie in meiner Phantasie für eine Feuerzange hielt, sagte ich zu ihr: ›O du verrostetes Donnerding, der. Teufel hat dich vor meine Herrlichkeit geführt, wer heißet dich reden? Gehe mir vom Gesicht, oder ich schneide dir das nächste, das beste Ohr von dem Kopf hinweg. Sa! Ihr Brüder, werfet die Hagelsfeuerzang in Ofen. O du garstige Feuerzang, wie tut mir meine Fußsohle so wehe! Ach, hätte ich nur dieses Mal eine Halsuhr, daß ich sehen könnte, was wir vor einen Tag hätten. Ha, ha, ha! Seht, seht! Wie die Pomeranzen nacheinander heruntergaukeln! Auf die Seite, du mit deinem Tragkorb, gehe weg, gehe weg, Feuerzang, gehe weg! Ich habs all mein Lebtag gehört, daß kein Unglück bei dem Soldatenleben sei; denn sie haben viermal gewesen, sehen zu, und warum denn der Drechsler? Eine gute Nacht! Großen Dank!‹

Diese Worte und verwirrte Possen redete mir hernachmals meine Wartfrau von Wort zu Wort nach, und ich schrieb sie zum Angedenken in meine Schreibtafel, nachdem ich wieder mächtig worden, meine Vernunft samt der Feder zu gebrauchen, woran es mir aber in meiner Krankheit nicht allerdings gemangelt. Denn ich schrieb einen Brief an meinen Vater, wo er mich nicht würde gesund machen lassen, so wollte ich ihn bei dem türkischen Kaiser verklagen und dergleichen.

Der Brief hieß also: ›Vater, Vater, Vater, ich schreibe Dir, Du Vater, Vater, Vater! Ich bin krank, mach mich gesund, oder ich will Dich bei dem Ottomanus Ottomani Ottomano Ottomanensis, hörst Du es? verklagen, accusare, verklagen will ich Dich. Anitzo will ich auf das Feld spazieren und meinen königlichen Thron mit Nußschalen zieren, ornare, ornavisti. Salus.

Dein getreuer Spiritus, Spiritus,
Spiritus, habes, habes, adieu
.‹

Diesen und noch viel andere Briefe schickte ich dazumal nicht allein nach Hause, sondern auch anderwärtig hin, Absonderlich schrieb ich einen an den Apotheker in der Stadt, denn ich hielt ihn vor meinen Vetter und auch vor einen Türken, weil ich mir gänzlich einbildete, ich wäre König in Peru. Der Brief war dieser:

›Großmächtigster, mächtigster und kunsterfahrner Patruelismus habet in Genitivo patruelismi, participii casus!

Hiermit deute ich Dir an, daß ich bin König worden. Du weißt schon wo, darum lasse mir meine Hosen flicken und stoße meine Krön in dem großen Mörsel, purgiere sie wohl und gut, wohl und gut, wohl und gut. Sage Deiner Schwester, daß sie mich heirate, oder ich werde nicht König. Alsdann will ich Constantinopel belägern und dem König aus Persien den Rock von dem Arsche hinwegreißen. Meine Pantoffeln gehen ganz zugrunde, du mußt mir Laquayen verschaffen und Trummeln bestellen, damit wollen wir in Africa schiffen und daselbst Contribution von den Bauren nehmen.

Jede Tobakspfeife wollen wir vor ein Zielrohr einschachern, und der König aus Griechenland muß unser Spielmann werden. Dann wollen wir erst recht zu tanzen anfangen und den Leuten Pillullen eingeben, davon sie bettlägerig werden. Der Wirt im Roten Rössel reiset auch mit uns, ich habe schon achttausend Wagen voll Lunten und Pulver bestellet, das muß alles mit.

Die Wunden, welche ich in Arabien empfangen, will ich schon wieder auswetzen, wenn ich erst Alexander dem Großen seine Sturmhaube mit Füßen treten werde. Deine Schwester ist ja gar zu schöne, sie muß auch mit, sie muß auch mit, sie muß auch mit. Die Fahnen sind schon voran, nun kommen deine Medritat-Büchsen hintennach, darnach der Schnupftobak und süßen Säfte, die wollen wir den Bauren geben, so uns den Weg weisen und den Feind verraten. Die Völker sind schon zu Schiffe, siehe Du zu, wo Du die Trompeter bekommest, es sind schon drei gestorben. Friedrich ist noch nicht Kaiser in Japonien, sonst hätte er mir auch drei Regimenter geschicket. Mein Präceptor auf der Schule gibt mir vier Squadronen Fußgänger mit, die müssen zu dem Sturm gebraucht werden. Rüste Dich nur bald, ich bin schon wegfertig und will nur noch das Frühstück essen. Kommst Du nicht beizeiten, so reite ich davon, daß der Staub hinter mir dreingehet. Indessen lebe wohl und schicke mir ein Aquavit.

Ich verbleibe des Herren Oberprofectors
über die Medritat-Büchsen
alleruntertänigster Herrscher in Peru
Jeremias Sebastian Ludwig,
der König zu Antissenhofen.‹

Diese Briefe sind mir nach meiner Genesung wieder vorgelesen worden, und ich schämte mich über meine eigene Grillen, weil ich berichtet worden, daß sie gar in der Aderlässe großer und vornehmer Leute herum geschicket worden, welche sich nicht ein wenig damit gekützelt hätten. Denn es ist wahr, daß mir dazumal nicht anders zumut gewesen, als wäre ich ein großer und mächtiger König über zwölfhunderttausend Mann, mit welchen ich Constantinopel belägern wollte. Die Vorhänge hielt ich vor meine Kriegesfahne und meinen Nachtstuhl vor die Kesselpauken.

Sooft die Wartfrau mit ihrem Suppennapf zu mir kam, hielt ich sie vor einen türkischen Chiausen, welcher mir von seines Kaisers wegen Krieg ankündigte. Meine Mitschüler kamen mir vor als große Squadronen Fußknechte, deren sie vielleicht in ihren Hosen und Hemden einen ziemlichen Teil sitzen hatten, und wenn sie mir einen Gruß von dem Præceptor brachten, meinte ich, der Præceptor ließ mir durch sie noch mehrer Völker zu meinem bevorstehenden Kriege anbieten, aus welchem leichtlich zu schließen, wie mit einer großen Wahnsinnigkeit ich dazumal schwanger gegangen.«

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