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Teutsche Winter-Nächte

Johann Beer: Teutsche Winter-Nächte - Kapitel 43
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleTeutsche Winter-Nächte
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid96c6f564
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IV. Capitul. Vier Studenten machen sich bei dem Schneider eine Collation.

Das Glück ist tückisch, still und schlau,
Dir brät mans, und er frißt die Sau.

»Nachdem ich die Doctorin dergestalten beschämet, legte ich mich auf allerhand lose Stücklein, und wenn man alle meine Condiscipulos oder diejenige, welche dazumal mit mir studieret haben, schrauben und zwicken sollte, so würden sie in der Wahrheit bekennen und gestehen müssen, daß sich keiner auf der ganzen Schule dazumal eingefunden, der mir an der Schalkheit überlegen gewesen.

Gleichwie ich aber in des Schneiders Quartier allerlei Mutwillen getrieben, also schaffte ich ihm in dem Gegenteil wieder allerlei Nutzen. Er beklagte sich gar oft wider die Leute, die unangemeldet in seine Stube gleich den unhöflichen und groben Bauren hineinplatzten, und er fragte hin und wieder vor einen Rat, den ihm doch niemand als meine geschwinde Invention mitteilen konnte, indem ich ihn hieß die Klinke wegnehmen, und solchergestalten mußten alle anklopfen, welche in der Stube etwas zu verrichten hatten.

Einsmals hatte sich sein Weib unter der Zeit, da er in der Kirche war, heimlich eine Wurst gebraten, weil sie sich ganz alleine zu sein vermeinet. Und als unter dem Zurichten jemand anläutete, mit welchem sie eine ziemliche Weile darunten in dem Hause zu reden hatte, schlich ich heimlich aus meiner Kammer hervor und schmiß die Wurst ins Feuer hinein, daß sie über und über verdorrete und verbrannte. Wenn sie einen Braten in ihrem Fleischkasten aufgehoben, eröffnete ich das Schloß mit einem Dietrich, schnitt das beste Fleisch von dem Beine, und hernach zernagte ich den übrigen Knochen mit den Zähnen, sperrte auch zur Bescheinigung meiner Unschuld eine Katze hinein, und diese mußte alsdann den Braten gefressen haben, so wenig sie auch davon zu beißen bekommen hatte. Dieses war zwar kein großer Nutzen des Schneiders, meines Hauswirts, aber ich wies ihm entgegen gar viel Arbeit von den Schülern zu, von welchen er dort und dar ein paar Groschen erhäkelte, die wir abends in rotem Brandewein versoffen.

Einesmals bestellten die Schüler durch mich eine Spansau. Es waren unser viere, und weil sie dazumal sehr rar und teuer, auch zum Teil nicht wohl zu bekommen waren, gab der Mann sechs Groschen, und waren willens, solche in meinem Quartier zurichten zu lassen, weil es bei den andern keine so gute Gelegenheit gegeben, unsere Mahlzeit zu verzehren. Wir bestellten beinebens einen Salat und Karpfen. Aber damit die Mahlzeit dem Schneider alleine blieb, nahm ich ein Schnuptuch, solches tauchte ich in einen Safransaft und braune Latwergen, davon es natural ausgesehen, als hätte einer gleich wie ich an der Doctorin ihr Leibstücke getan. Dasselbe stackte ich unversehens in den Bauch des Spanferkels, und an dem Tische gab ich vor, es wäre der Hader, mit welcher wir unserer Magd ihr krätziges Bein verbunden, fluchte auch auf den Schneider und seine Frau, daß nichts darüber, durch welches ich meinen Mitfressern einen solchen Ekel verursachet, daß einer hinter die Bank, der andere hinter den Ofen gekotzet.

Solchergestalten brachte ich die Spansau salvo und franco davon, und der Schneider, mit welchem ich die Sache haarklein abgeleget, wußte sich so artig in das Spiel zu finden, daß michs selbst über ihn wundernahm. Er sagte, daß es ihm von Herzen leid wäre und daß nicht er, sondern seine Magd, die erzverdammte Galgenhure, daran schuldig wäre, welche ihm schon mehr dergleichen Fauten und Possen angerichtet. Sobald ihr nur das böse und geschwollene Bein würde gut und heil sein, wollte er sie zum Teufel und seiner Mutter jagen, er hätte sie auch deswegen schon zerprügelt wie einen Tanzbären. Die Herren Studenten sollten sich ihr Geld nicht gereuen lassen, die zwei Karpfen wären schon hübsch blau abgesotten, sie sollten sich derohalben an denselben in etwas erholen, aufs nächste wollte er in dergleichen Begebenheiten selbst in der Küche sein und gute Ordre halten, daß alles nach der Ordnung und gebührendermaßen möge zu- und vorübergehen. Diese Rede gefiel meinen Kameraden gar wohl, und weil ich keine Mühe ersparet, sie zu befriedigen, gaben sie sich endlich zufrieden. Aber sie fluchten nichtsdestoweniger der Magd viel tausend Schock Teufel auf ihren Rücken, weil sie durch ihren abscheulichen Fußlappen wären um die köstliche Spansau gekommen, dergleichen noch kaum ein Schüler gefressen hat.

Einer unter diesen war ein Weinschenkenssohn, und weil er zu Hause unterweilen in den Keller hat laufen müssen, bestahl er seine eigene Eltern nicht um ein geringes an dem Geld, sondern er schickte auch durch seine Mit-Consorten viel Wein an gewisse Örter, allwo wir ihn hernachmals versoffen haben. Dieses Mal ging es auch nicht anders, denn wir bestellten des vorigen Tages die Schneiderin eben zu der Zeit, als er zu Hause war. Derselben gab er unter dem Schein, als kennte er sie nicht, wohl zwölf Maß von dem besten Fasse und sagte zu seinen Eltern, die Schneiderin hätte ihm um einen Groschen zu viel gegeben, darüber seine Mutter wohl zufrieden war, weil sie eine unter der Zahl derjenigen, welche dem Nächsten augenscheinlich unrecht zu tun keinen Scheu tragen.

Dieses konnte er aber um so viel desto sicherer sagen, weil die Cassa des Weingeldes in dem Keller stund und niemand sehen konnte, ob er etwas oder nichts hineingeworfen. Dieser kam uns bei so beschaffener Gestalt trefflich wohl zustatten, denn wir hatten nicht gar viel übrige Pfenninge zu verzehren, und hätten es die Præceptores gewußt, ich glaube, sie sollten uns haben das Benedicite gesungen. Aber wir aßen nichtsdestoweniger unsern Fisch und den Salat frisch aus der Schüssel und hatten noch wohl das Herz darzu, auf Gesundheit des Herrn Rectoris seiner Tochter zu trinken, weil sie es trefflich mit den Schülern gehalten und ihren Vater manchmal von der Schul abgehalten, wenn wir gesagt, daß es Schläge regnen würde. Es hatte auch dieser Rector einen Sohn, der mit uns in der Klasse saß. Das war ein Strick von einem Jungen, denn er stahl seinem Vater alle diejenigen Argumenta, die morgen sollten gemachet werden, den vorigen Abend aus dem Cabinet, dardurch wir Gelegenheit bekamen, solche vor der Zeit auszuarbeiten, und solchergestalt gingen wir schliffeln und schlenkern, wenn die andern Schüler mit Haut und Haar darüber saßen und fast ihre Köpfe zerbrachen.

Ich habe schon zuvor etwas von meiner Buhlerin gemeldet, wie ich nämlich schon dazumal auf die Courtesie gegangen, und zwar an solche Örter, vor welchen billig die Jugend allen Abscheu haben sollte. Aber weil ich mir nicht zu helfen wußte, sondern den süßesten Zucker suchte, da das allerstärkste Gift verborgen lag, verwundert michs gar nicht, daß ich so gar nichts gelernet. Diese Courtesien kosteten mich viel Geldes, denn je ärmer die Mägdchen waren, mit welchen ich umzugehen pflegte, je mehr mußte ich ihnen kaufen und an ihren garstigen Leib schaffen.

Ha, es reuet mich wohl tausendmal, daß ich mich in meiner Jugend mit den Schandbälgen so gemein gemachet, und was noch das meiste ist, so kam etwan vor fünf Wochen noch eine alte und bucklichte Bettlerin auf der Gasse zu mir und sagte: ›Herr Ludwig, Herr Ludwig!‹ Ich sah die Frau über die Achsel an und gedachte, was ihr wäre, da fuhr sie fort: ›Wisset Ihr denn gar nichts mehr von der schönen Catharina? Habt Ihr sie denn ganz vergessen? Wisset Ihr noch, wieviel Eid Ihr herausgestoßen, nur daß sie glauben sollte, daß Ihr sie vor allen andern liebet?‹ Da muß ich bekennen, daß ich über der Rede dieser scheußlichen Frauen überaus erschrocken, denn ich wußte mich noch zu entsinnen, daß ich auf bemeldeter Schul mit einer Magd gelöffelt, welche ich meine schöne Catharinam genennet. Ich mußte mich wider meinen Willen entsinnen, daß ich ihr vielmal einen Eid geschworen, daß ich sie viel höher als die ganze weite Welt mit allen Königreichen liebte und schätzte, und dannenhero sagte ich zu ihr: ›Ja, ich weiß noch darum, und wie geht es denn meiner schönen Catharina?‹ – ›Ach, Herr Ludwig,‹ sagte sie, ›sehet mich recht an, ich bins selbsten und keine andere, die Ihr so oft geherzet und geküsset.‹

Pfui Teufel, gedachte ich bei mir, was habe ich getan? ›Bist du die Catharina?‹ – ›Ja,‹ sagte sie, ›ich bins selbsten.‹ – ›Packe dich weg von meinem Angesicht,‹ antwortete ich ihr, ›oder ich stoße dich mit einem Beine, daß du über gegenwärtigen Berg hinuntergaukelst, du teuflische Schandhure! Du hast mich in meiner Jugend zu allerlei Unreinigkeit verleitet und Anlaß gegeben, daß ich meine bevorstehende Glückseligkeit in dem Studieren versäumet habe.‹ – ›O mein Herr Ludwig,‹ sagte sie, ›Ihr seid dazumal selbst schon so klug gewesen, daß Ihr gewußt, was zu Eurem Aufnehmen gut sei. Habe ich Euch nicht vielhundertmal gebeten, Ihr sollt in die Schule davor gehen, Eure Priceptinger würden böse werden, und was dergleichen Zeuges mehr war? Aber habt Ihrs getan? Habt Ihr gefolget, oder habt Ihr mich zufriedengelassen? Oh, wahrlich nicht, je mehr ich mich gewehret, je besser habt Ihr an mich gesetzet, und ich konnte in der Nacht niemalen Bier oder andere Sachen ins Haus holen, so seid Ihr mir schon heimlich auf dem Fuß nachgeschlichen. Ihr habt keine einzige Gelegenheit versäumet, mich zu hintergehen, und anitzo gereuet es Euch, daß Ihr mit mir umgegangen? Ach, daß Euch ja der Teufel geholt hätte, ehe ich Euch zu sehen bekommen, denn Ihr seid an meinem ganzen Verderb die Ursach. Schenkt mir doch nur einen Kreuzer, daß ich meinen Bettelweg weiter fortgehen kann.‹

Sie können sich einbilden, wie ich mich in dem Herzen müsse geschämt haben, und damit sie nur aus meinen Augen käme, gab ich ihr einen Groschen, und wenn es nicht auf offener Straße gewesen, hätte ich mir selbst eine Ohrfeige geben mögen, so sehr verdroß michs auf mich selbst, daß ich so unvorsichtig gehandelt und mich an diese Hexe gehangen hatte. Ja, hernachmals wurde ich etwan sechs Tage darnach berichtet, daß sie gerichtlich wegen Zauberei eingezogen worden, allwo man sie auch jüngst verbrannt hat.

Wenn es die Zeit leiden wollte, könnte ich noch andere Exempel anführen, in was großes Unglück und in welch schröckliche Laster ich auf eine solche Art gefallen. Aber ich bin versichert, daß Ihr ohnedem wohl wissen werdet, wie es in dergleichen Begebenheiten zuzugehen pfleget, darüber man hernachmals die Hände über den Köpfen zusammenschlagen möchte.

Dazumal überfiel mich eine große und schwere Krankheit, und diese war eigentlich der Deckmantel meiner Faulenzerei, der ich die ganze Zeit auf der Schule ergeben gewesen. Denn ich sagte nach meiner Genesung und Hinkunft auf das Schloß, daß mich die Krankheit dermaßen meiner Memori beraubet, darüber ich all dasjenige vergessen, was ich bis dahero so fleißig gelernet hätte. Ich sagte, daß mir meine Bücher seit der Niederlage ziemlich entwendet worden, und auf eine solche Art ließ sich mein Vater überreden, daß der Sache nicht anders sein könnte. Inderselben Krankheit hatte ich unzählige Phantasien, und ich redete länger denn sechs Wochen ganz irre, weil mir die allerabenteuerlichsten Sachen vorkamen, die unter der Sonnen geschehen könnten. Weil ich auch hier noch ein wenig Zeit und Gelegenheit habe, will ich wegen gewisser Ursachen erzählen, wie mir eigentlich in derselben Krankheit zumut gewesen und wie artige Bildnissen meiner Phantasie vorgekommen.«

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