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Teutsche Winter-Nächte

Johann Beer: Teutsche Winter-Nächte - Kapitel 38
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleTeutsche Winter-Nächte
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100210
projectid96c6f564
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XI. Capitul. Ludwig erzählet seinen Lebenslauf.

Der junge Most vergärt im Haus
Und stößt dem Faß den Zapfen aus.

Als man verstanden, weichergestalten Monsieur Ludwig seinen Lebenslauf erzählen würde, wurde der Tanzsaal alsobald leer, aber das Frauenzimmer wendete wegen Verlassung desselben viel eine andere Ursach vor, indem sie die große Kälte vorschützten, durch die sie gezwungen würden, in eine warme Stube zu gehen. Man ließ ihre Ursach an seinem Ort beruhen, denn man muß nicht so grob sein und das Frauenzimmer lügen heißen, ob man es auch gleich mit Händen greifen kann, und weil gleichsam in einem Augenblicke das Zimmer voll worden, mußte man noch aus andern Zimmern Stühle hereintragen, auf die sich diejenigen setzen konnten, welche heute früh nicht bei der Erzählung des Seilfahrers gewesen.

Mein alter Vater kam selbst in seinen schwedischen Stiefeln angestochen, und ich glaube, daß auf dem ganzen Schlosse kein einziges Kammer- oder Jungfermägdchen mehr übrig gewesen, welche sich nicht heimlich hinter den Ofen oder hinter das Bett gestecket, weil sie wohl wußten, daß Monsieur Ludwig eine stattliche Historia erzählen würde, wenn er anders all diejenige Stücklein hervorbringen wollte, die er die Zeit seiner Jugend begangen. Hiermit setzte er sich auf einen großen Sessel, und nachdem sich die adelige Gesellschaft in der Form eines halben Mondes um ihn herum gesetzet, fing er folgende Rede an:

»Zehen-, zwanzig-, dreißig-, vierzig-, fünfzig-, sechzig-, siebenzig-, achtzig-, neunzig-, hundert-, tausendmal habe ich mich verwundert, wie ein reputierlicher Mensch ich in meiner Jugend gewesen. Als ich noch ein kleiner Knabe und kaum der Mutter von den Brüsten genommen war, denn sie saugte mich selbst und hielt mir keine geschorne Hure zur Amme, wie etliche heutzutage gewohnet sind, da fing ich schon meine Schelmenspossen mit den Raben an. Wir hatten einen Jäger, der war ein Mensch, der hinschießen konnte, wo er wollte, denn er tat Fledermäus-Herze unter das Blei, wie auch junges Hirschhorn, welches zur gewissen Zeit dem Tier muß abgenommen werden, dadurch er viel und unterschiedliche Gewinn in seinen Sack schob.

Derselbe Jäger brachte mir zwei lebendige Raben in das Schloß, und ich verehrte ihm davor einen silbernen Löffel, welchen ich in der Küche heimlich hinweggestohlen. Nach solchem half er mir, die Raben mit allerlei gefärbtem Papier und anderm Gezeuge auskleiden; auf den Kopfsatzten wir ihm ein Raquet mit Pulver, und durch das Naseloch zogen wir ihm eine Feder von einem Pfauschwanz, und an jedes Ende derselben Feder hängten wir eine kleine Schelle. Und als wir den ganzen Vogel halb blau und halb rot angestrichen hatten, zündeten wir das Raquetlein über seinem Kopfe an und ließen ihn alsdann fliegen, wohin er selbst wollte.

Durch dieses verursachte ich schon ein ungleiches Urteil unter den benachbarten Leuten, denn etliche hielten es vor einen Drachen, etliche vor einen Paradiesvogel, und hatten doch die Zeit ihres Lebens keinen unter beiden gesehen. Etliche hielten es gar vor einen fliegenden Cometen, denn wir banden ihm wohl vierundzwanzig Klafter langen Zwirn an den Schwanz und machten von dem Raquet ein Lauffeuer hinunter, davon der Rabe am ganzen Leibe zu brennen angefangen. An jedes Ende der Flügel hängten wir ingleichen eine Schelle, damit er sich durch derselben Resonanz desto mehrere Zuseher verursachte. Auf eine solche unerhörte Weise brachten wir die Leute in einen tausendfältigen Argwohn, und es ist hernachmals weit und breit in die Zeitungen geschrieben worden, daß man einen brennenden Drachen in der Luft gesehen, die Leute sollten sich bekehren und fromm sein, sonst dörfte es nicht gut werden, habe also durch dieses Mittel gar viel Menschen von dem Bösen abgeschrecket.

Nach solchem tat mich mein Vater in eine Schule, so nicht gar weit von dem Schlosse abgelegen. In derselben trieb ich so viel Schelmenstück, die ich wohl innerhalb fünfzehn Jahren nicht würde erzählen können, denn wenn mir der Schulmeister wegen meiner Nachlässigkeit im Lesen oder Schreiben Schläge gab und mich einen ungeschliffenen Flegel nennete, so legte ich ihm in seinem Absein Schusterpech auf das Ort, wo er saß, und alsdann zerriß er gar oft aus Unvorsichtigkeit seine Hosen. Zuweilen wurf ich ihm auch die Fenster ein und schmierte in der Nacht seine Haustür mit vernünftigem Tierenkot und hetzte auch zu solchem meine Mitschüler an, welche sich von mir viel ehe als von dem Schulmeister bereden ließen.

Weil der Ort vorerzähltermaßen von meines Vaters Wohnung etwas abgelegen war, so dingte er mich bei dem Schulmeister auf ein halb Jahr in die Kost und versprach, ihm vor die Kost samt dem Lehrgeld zwanzig Taler zu geben. Aber ich kann schwören, daß ich dem Schulmeister zwischen und binnen solcher Zeit wohl vor vierzig Schaden getan, denn ich seichte ihm in alle seine Dintentöpfe, zuweilen auch wohl in die Trinkgeschirre, und konnte mich also trefflich bei mir selbst ergötzen, wenn ich sie über Tische daraus trinken sah. Die zerbrochene Fensterscheiben zerrieb ich zu Pulver und streuete solches hernachmals in der Mägde ihre Betten, davon sie sich am ganzen Leibe wund gerieben haben. Wenn ich zuweilen zuviel Zwetschgen oder anders Obst aß, davon mich zur Nachtszeit das Rumpeln in dem Leibe ankam, so hofierte ich ihm in die Kammer und sagte des andern Tages, das Bauchwehe hätte mich von seinem Essen angekommen; und solchergestalten trauete er nicht, mich zu strafen, weil er forchte, mein Vater möchte ihm einen harten Filz geben, daß er mir vor das Geld nicht besser zu essen gab.

Einsmals hieß mich die Magd einen lausigen Landschuften und Kratzhansen, da schmiß ich in ihrem Absein wohl eine ganze Handvoll tote Fliegen in den Kraut- und Fleischtopf, und als das Essen so unsauber auf den Tisch kam, konnte sich der Schulmeister abscheulich darüber zereifern und schlug also die Magd eine Treppe hinunter, die andere wieder hinauf. Wenn er sich unterweilen einen roten Vigerner Wein, welchen er überaus gerne trank, holen ließ und etwan zu der Stube ging, da raufte ich mir selbst die Haare aus dem Kopfe und schmiß solche heimlich in das Geschirr, denn ich wußte, daß er nichts essen noch trinken konnte, worinnen er nur das allergeringste Härlein fand. Solchermaßen bekam ich den Wein zu saufen, und er ließ sich einen frischen holen. Er hatte seine Instrumenten, als Clavicimbel, Lauten, Geigen und Clavichordien, kaum so bald bezogen, als ich dort und dar die Saiten wieder hinweggerissen. Ich ließ es auch nicht bei dem bleiben, sondern zerschnitt ihm Mäntel, Rock und Hosen, und was ich nur an einer Wand hangen sah, darüber wischte ich mit meinem Taschenmesser her und zerlästerte fast alles, was mich ankam. Wenn der Küfer kam und die Faß ausbesserte, so satzte sich die Schulmeisterin gemeiniglich auf eine Bank, daselbsten dem Arbeiter zuzusehen, und indem er mit seinen Gesellen zu klopfen anfing, nahm ich einen Stein und Nagel, und damit nagelte ich die Schulmeisterin unter währendem Klopfen der Küfer perfect an die Bank, und wenn sie hernach wieder davongehen wollte, so schleppte sie entweder die Bank hintennach, oder sie riß ein Loch in den Rock.

Soviel mir fremde Hunde in das Haus kamen, denen machte ich eine papierene Krause um den Hals, bestrich sie über den ganzen Leib mit Dinte und ließ sie hernachmals hinlaufen, wo ihr Weg am nächsten war. Mit einem Wort: ich trieb es so gar grob und wild, daß sich der Schulmeister endlich gegen dem Vater beklagte, und nach diesem kam ich wieder nach Haus, allwo ich einem Præceptori unter die Information getan worden, dem ich vor seine große Mühe allen Widerwillen erwiesen.

Ich klaubte den Hunden Flöhe und den Betteljungen die Läuse von den Köpfen und Kleidern, solche tat ich in ein Schächtlein zusammen und streuete sie hernachmals auf meines Præceptors Kleider und seinen Mantel. Wenn er nun also bei uns über Tisch saß, so ist nicht zu sagen, wie abscheulich ihm alsdann die Läuse hin und wider auf der Achsel herumgekrochen, ja, meine Frau Mutter hat sich oftermalen darüber so sehr entsetzet, daß sie von dem Essen weggehen müssen. Und weil ihn männiglich vor einen Lausebalg gehalten, gab ihm der Vater seinen Abschied, und ich bekam dadurch meine vorige Freiheit, mit dem Jäger hinzugehen, wo mir beliebte, ob ich schon kaum so viel gelernet, daß ich meinen Namen recht schreiben konnte.

Eine Stunde von unserm Gut wohnete ein Geistlicher, dahin wir alle Sonn- und Feiertage in die Predigt fuhren. Demselbigen Pfarrer habe ich in meiner Jugend wohl tausendmal den Teufel auf den Hals gefluchet, weil er meinem Vater weisgemachet, daß er eine große Sünde beginge, so er mich in meiner Jugend so sehr verabsäumete; schlug ihm hiermit unterschiedliche Gelegenheiten vor, wie mir am füglichsten möchte geholfen werden. Sie wurden endlich eins, und ich mußte zu dem Pfarrer in die Kost, daselbsten so viel Lateinisch zu lernen, daß ich aufs wenigste tauglich sein möchte, auf eine lateinische Schul zu kommen, und auf eine solche Manier wurde mir ein ziemliches Stück meiner Freiheit abgeschnitten, ob ich schon den Mägden und Knechten wie auch des Pfarrers Schreiber selbsten manchen Possen gerissen.

Wir wohnten nächst an der Kirche, und neben uns war des Küsterers sein Haus, bei welchem ein kleiner Obstgarten stund. Und weil solchen von unserm Gebäude nur eine kleine Mauer entschied, fand ich mich meistens, wenn es wollte Abend werden, mit einer Leiter an dem Ort ein und rupfte dort und dar eine Birn, Apfel, Zwetschgen oder auch einen Pfirsich hinweg, nachdem ich viel haschen und langen konnte. Aber einsmals paßte mir der Küsterer auf und gab mir solche Kopfnüsse, dergleichen ich noch die Zeit meines Lebens nicht gegessen hatte.

Dieses Abendessen verdroß mich so sehr, daß ich entschlossen war, dem Küsterer ein brennend Raquetlein in sein Haus zu werfen, weil seine Dachfenster gleich gegen die unserige über stunden. Aber ich ging etwas in mich selbst und gedachte, daß uns die Gefahr sowohl als ihn betreffen dörfte, weil sein Boden voll mit ungedroschenem Korn lag, welches er von den Kirchbauren zum Zehent bekommen. Dannenhero ergriff ich ein anders Mittel, und weil es von unserm Hintergebäude ein Fenster in den Kirchturm hatte, stieg ich dort heimlich hinein und besudelte die Glockenstricke über und über mit Pfifferling, daran hernachmals der Küsterer seine Hände abscheulich besudelte. Weil mir nun dieser Poß so wohl angegangen, versuchte ichs auch das andermal und war willens, die Stricke gar abzuschneiden, aber der Küsterer passete mir dazumal gleichwie vor hinter einer Ecke auf und zerklopfete mich mit dem Strickknopf aufs neue so herum, daß ich zum Fenster so bald wieder heraussprang, als ich hineingekommen.«

»Ach,« sagte das Fräulein Anna, »das ist recht gewesen. Wüßte ich den Küsterer noch anzutreffen, ein paar Taler wäre mir nicht zuviel, ich wollte ihms deswegen verehren.« – »Großen Dank, mein schönes Fräulein,« sagte Monsieur Ludwig, »Sie sei in dieser Sache unbemühet, Sie wird bald hören, wie es dem armen Schelmen gegangen hat. Denn als ich noch voll Zorn und Rachgier zurückkam, brannte ich das gemachte Raquet an und schmiß es in einem Hui hinüber in das Stroh, davon nach einem Vaterunser lang die Glut schon zu dem Dachfenster herausgeschlagen und auf der Gasse ein grausames Geschrei erschollen. Ich lief immer, was ich laufen konnte, und als ich mich auf dem Felde zurücksah, erblickte ich schon das Feuer wohl drei Klafter hoch in die Luft schlagen, und es ist nicht auszusprechen, wie sehr michs gereuet, daß ich ein solches Elend angerichtet, weil ich geforchten, der Pfarrer würde ingleichem schon angestecket sein.«

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