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Teutsche Winter-Nächte

Johann Beer: Teutsche Winter-Nächte - Kapitel 37
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleTeutsche Winter-Nächte
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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X. Capitul. Urteil des Frauenzimmers über diese Geschicht.

Wer sich geschwind entschließen kann,
her ist ein recht glückselig Mann.

»Diese Historia«, sagte Isidoro, »ist etwas melancholisch, aber die Wahrheit zu gestehen, so haben aus solcher junge Leute zur Genüge zu sehen, welch einer Gefahr sie sich alsdann unterwerfen, so sie ohne Vorbedacht nach einem solchen Köder schnappen, an welchem sie oftermalen das Leben vor der Zeit abfressen. Es wäre nach dem Urteil des Herrn Irländers freilich besser gewesen, wenn sich Philipp Celsi in dem Zimmer der Damen hätte über den Haufen brennen lassen. Aber wenn es darzu kommt, so hat die Larve ein anders Aussehen. Der Tausendste ist kein solcher Narr, daß er sich flugs totschießen lasset, und in einem solchen Fall ist es unmöglich, sich so geschwinde zu resolvieren. Der in der ganzen Welt bekannte Wallensteiner, so beherzt und unerschrocken er sonst war, konnte doch dazumal vor großer Entsetzung kein Wort aus dem Munde bringen, als er in der letzten Nacht seines Lebens zu Eger überfallen und totgestochen worden. Ihr Herren, Ihr Herren, sterben sollen ist ein hartes Bißlein, und eine geschwinde Resolution zu dem Tode ist ein solches Blümlein, welches nicht in jedem Garten anzutreffen. Aber die ehrvergessene Phile muß barbarische Brüste gesogen haben, daß sie denjenigen erwürgen lassen, welchen sie aus Furcht des Todes zu ihrer Liebe gezwungen, wohl wissend, daß durch solches Mittel viel könne erhalten werden.

Man sieht auch hieraus das leichtfertige Gemüt etlicher Weiber, welche nur deswegen mit ihrem Stande ganz unanständigen Personen zu tun haben, damit ihre Laster nur desto mehr sollen verschwiegen bleiben, und meinen, daß dieselbe verbergen gar nicht sündigen heiße.

Etliche charisieren gar kleine und unerzogene Jungen und wissen nicht, daß sie dadurch nicht allein ihre, sondern auch die Seele des Jünglings verlieren. Denn die Hurerei ist kein schlechtes Werk, wie es von etlichen unter uns gehalten wird, und wenn es hier an der Zeit wäre, so wollte ich Selbsten etliche traurige Exempel beibringen, welche sich erst vor einem Jahr in meinem Heimat zugetragen, da einer vom Adel einen Stalljungen bei seiner Tochter erwischet und denselben alsobald in der Kammer an sein Servet aufgehenket. Aber wer sich will warnen lassen, der hat an den beiden Historien des Herrn Irländers schon genug zu sehen, wie übel und elend es den beiden armen Teufeln ergangen. Carl Heinrich von Zweydig betreffend, ist dem Narren recht geschehen, denn es ist nicht zu zweifeln, daß es auch noch heutzutage solche Extranarren abgebe, die sich mit ihrer Liebe ein Haufen einbilden und hätten schier Lust, sich deswegen zu Ritter schlagen zu lassen, wenn nur die Leute Narren wären und den Phantasten flugs Epitaphia aufschlügen.

Ich kenne einen solchen in einer Stadt, der geht bald zu der, bald zu jener, und dorten plaudert der Monsieur nichts als von der Liebe, wie er nicht lieben könnte noch wollte. Aber warum gehet er an solche Örter, da man nichts anders schließen kann? Er sagt, er könne nicht lieben, und kann es doch nicht lassen, dem Frauenzimmer aufzuwarten. Sagt man ihm von einer Heirat, so stellt er sich an, als wenn er darum gebeten sein müßte, und glaubet festiglich, die Jungfer sei übel aufgehoben, die er nicht heiratet. Er kann nach unsern allgemeinen Gesetzen doch nur eine zum Weibe bekommen, und dahero lasset sich schließen, daß nach seiner Meinung die andern alle crepieren müßten. Ha, ha, ich habe gar oft über diese Grillen gelachet. Er glaubet ganz festiglich, daß alle diejenige übel geheiratet, welche ihn nicht um Rat gefraget haben, und wenn man seine Ratschläge bei dem Licht besieht, so hat er sich bis dahero selbsten noch wenig helfen können oder hat auf das wenigste kein taugliches Zeugnis, daß er andern geholfen habe.

In solchem Wahn ist seine beste Jugend hindurchgestrichen, und er ist allgemach nicht weit mehr von fünfzig Jahren, welches Alter dem Frauenzimmer von Natur nicht gar angenehm ist, hat also schon das beste Mittel, dem Frauenzimmer angenehm zu sein, hindurchstreichen lassen; und dieser Fehler ist um so viel desto häßlicher, weil er ihn erstlich als ein Hofmeister der Liebe selbsten begangen und vors andere kein Mittel unter der Sonnen kann erfunden werden, durch welches er denselben verbessern möchte. Was ist aber endlich der Ausgang solcher Personen, die sich einbilden, daß sich das Frauenzimmer sogar von ihnen träumen lasse? Nichts anders als ein höhnisches Gelächter derjenigen Leute, die sie zuvor in die Schul führen wollen. In fine videtur, cuius toni, alsdann findet sichs im Auskehren, wie unbescheiden man gehandelt, wenn man andern auf das Pferd helfen wollen und sich selbsten auf den Signor Esel setzet. Mancher bildet sich ein und gibt vor, er wolle keine andere heiraten, welche nicht ein Capital von 40000 Ducaten besäße. Aber meinen sie denn, daß die Leute das Geld hofieren oder von den Bäumen herunterschütteln können? Vierzigtausend Ducaten sind keine Narren, und damit ich die Sache desto deutlicher gebe, so beliebe Ihnen zu wissen, daß derselbe Kerl ein Maler und nur so lang glückselig ist, als der Fürst lebet, dem er dienet. Darnach muß er ›Marchier extra!‹ malen und hingehen, zu sehen, wo seine Grandetz eine Stell finden kann.

Er ist so stolz, daß nichts darüber, und wenn er in sein Vaterland kommt, alsdann ist gar keiner über ihn, sondern er allein bleibt Meister in allem, daß man sehen solle, wie angesehen er bei Hofe sei, da es sich doch in der Wahrheit mit ihm der Mühe nicht so sehr belohnet, als er sichs wohl einbildet. Er lobet andere Malereien trefflich, aber bei sich Selbsten hält er seine Arbeit jederzeit vor die beste und kann seinen eigenen Ruhm nicht bergen. Dahero weiß ich nicht, ob ihn die Natur oder die Liebe des Frauenzimmers so wunderlich disponieret habe, daß er diesen merklichen Fehler einer guten Politik so liederlich übersiehet, da er doch sonsten kein geringes Glied an dem politischen Körper zu sein vermeinet.

Was hilft es, ob sich ein solcher in seinem Vaterland so großmachet, man weiß doch wohl, wer er ist, und wird ihm deswegen keine größere Ehre als sonsten erwiesen, so sehr ihn auch darnach verlanget. Ich bin ein Cavalier von lustigem Humor, und solche Lustbarkeit schätze ich höher als die höchste Ehre dieses ganzen Landes. Ich habe wohl das Herz, Bettelleute auf der Gasse anzupacken und mit denselben eins herumzutanzen, und wenn ich auf mein Schloß komme, so fresse ich ein gebraten Rebhuhn und bin so ehrlich als zuvor. ›Ja,‹ sagt mancher, ›du Kauz, das stehet übel vor dem Frauenzimmer.‹ Aber ich sage hinwieder: ›Mein lieber Kauz Selbsten, Frauenzimmer hin, Frauenzimmer her, meinest du denn, daß ich dardurch etwas verliere? Ein Frauenzimmer, das mich liebet, achtet solche wenig oder gar nicht, entgegen die, so mich nicht lieben will, lasset sich auch wohl deswegen abschrecken, wenn ich nur eine Fliege totschlagen Ein Mannsbild ist von Natur edler als ein Weib, so edel dieselbe auch sei, und dahero muß mich das Weibesvolk und nicht ich sie charisieren. Aber wer kann davor, daß es solche Weichmietlinge gibt, die sich einer jeden Sauborstenkrämers-Tochter unterwerfen und sie eine Göttin nennen. Einen solchen bärnhäuterischen Geist habe ich nicht im Herzen, und hätte ich ihn, so wollte ich mich so lange zerprügeln lassen, als lange noch ein Glied an meinem Leibe wäre.«

»Bruder Isidoro,« sagte Monsieur Ludwig, »du redest etwas deutlich, aber doch wahr. Vor diesem lag ich eben in dem Spital krank. Ich zerlöffelte mich, ich zerbuhlte mich, ich zercharisierte mich, ich verschamerierte mich, ich verobligierte mich, ich verschwur mich, in summa, ich vernarrisierte mich, daß ichs selbsten nicht genugsam aussprechen kann. Aber seitdem ich die Frau an dem Halse habe, ist mir der Narr ziemlich gestochen worden, darum sage ich, daß kein Mensch recht klug sein kann, er habe denn gefreiet. Derohalben,« sagte er zur Fräulein Anna und der Kunigunda, »so freien Sie fein bald, damit Sie auch dermaleins klug werden.« Aber Fräulein Anna gab zur Antwort, wenn Monsieur Ludwig gleich noch zwanzigmal ehlichte, so bleibe er doch vor wie nach, denn sie hätten an ihm keine andere Klugheit in der Ehe wahrgenommen, als die er zuvor in dem ledigen Stande gehabt. Aber dieses müßten sie zeugen, daß er je länger je garstiger in seinen Reden geworden. »Ja,« sagte er, »wovon ich rede, daran gedenkt ihr desto öfter, könnte ich eure Gedanken sehen, wie sollte ich artliche Posturen erblicken, fast wie zu Schlackewerth in dem Gartensaal auf der Oberdecke anzutreffen.«

Über solche Rede lachten all diejenigen, so an dem Orte gewesen, und Fräulein Anna möchte es selbst gerne wissen, so sie nicht geforchten hätte, Monsieur Ludwig dörfte ihr eine garstige Antwort geben. Und in solchen Gesprächen vertrieben wir bis drei Stunden, und wurden von uns diejenigen am glückseligsten geschätzet, welche die Affecten der Liebe klüglich mäßigen und sich von aller Gesellschaft der Weiber behutsam vorsehen könnten. Hiermit wurde die Tafel wieder aufgehoben, nach welcher wir einem lustigen Tanz beigewohnet, darzu das Frauenzimmer einen Spielmann in dem Dorfe und noch einen andern Vaganten bestellet, welche beide elend genug aufgekratzet.

Die Gedanken aber, welche ich und Caspia wegen des Faustus geschöpfet, quäleten uns immer im Gemüt, denn wir forchten, der wunderliche Mensch dörfte etwan in eine unverhoffte Verzweifelung geraten, weil er sich schon ehedessen an einem Baum aufgehenket und gleichsam ein Vorbild seines zukünftigen Zustandes entworfen. Ludwig aber redete uns solche Grillen mit genügsamen Gründen aus dem Sinn, denn er vermeldete, daß Faustus ein Mensch von sonderlichen Capricen sei, welcher oft in einer Sache seine größte Vergnügung gesuchet, daran ein anderer kaum seine Schuhe zu wischen verlanget. Derohalben halte er davor, Faustus würde sich mit einer Bauersmagd viel besser vertragen als mit einer königlichen Princessin aus dem Lande des Großen Moguls. Und damit ich die Geschicht recht ausführlich erfahren möchte, versprach er mir, allerehestens mit mir verkleidet dahin abzureisen, durch welches Mittel wir seinen Zustand von Grund aus könnten innen werden.

Dieser Vorschlag stellete mich in etwas zufrieden, und weil dieser Tag sehr lustig und nicht ohne Moralien zugebracht worden, bat ich Monsieur Ludwigen, die noch übrige Zeit bis zur Abendmahlzeit mit Erzählung seiner Lebensgeschicht zuzubringen, worzu er schon bereit war, so nur das Frauenzimmer genaue Aufmerksamkeit haben wollte. Hierauf brachten wir diejenigen, so nicht länger zu tanzen verlangten, in das Zimmer, und obschon Kunigunda über die Maßen gerne tanzte, so folgete sie doch dem Isidoro auf dem Fuß nach, weil sie ihm wegen absonderlicher Eigenschaften allgemach ganz zugetan war.

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