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Teutsche Winter-Nächte

Johann Beer: Teutsche Winter-Nächte - Kapitel 36
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleTeutsche Winter-Nächte
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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IX. Capitul. Philipp Celsi, ein Kaufmannsdiener, kommt durch die Liebe in ein wunderlich Bad.

Zuvor getan, hernach betracht',
Hat manchen in groß Leid gebracht.

Über solcher Erzählung fingen etliche Frauenbilder an zu weinen, und weil meine Liebste absonderliches Belieben daran getragen, nahm sich der Irländer Erlaubnis, noch eine zu erzählen, die sich nicht lang nach dieser zugetragen, über welchem Vortrag das Frauenzimmer wohl zufrieden war. Daraufmachte er seine Reverenz und fing an zu erzählen:

»Die unglückliche Liebe Philippi Celsi,
eines Kaufmanns-Dieners
in Paris.

An was für ein großes Joch sich die geilen Gemüter anzubinden pflegen und welch eine Last sie sich selbst auf den Rücken binden, erzeiget nebenst der täglichen Erfahrung folgende Jammergeschicht:

Philipp Celsi, ein Normandier, hatte sich durch die Kaufmannschaft von Jugend auf ernähret und ist endlich in Paris zu einem vornehmen Handelsmann als ein Buchhalter in Dienst gegangen. Die Dam Del Phile oder, wie man sie dazumal nennete, die Princessin aus Roan, kaufte einer Zeit ein Stück seidenen Zeug, unter welchem Kauf sie sich in diesen Celsi dergestalten verliebte, daß sie ihres hohen Geschlechtes ganz vergessen und stets um die Liebe dieses Kramdieners geseufzet.

Sie findet bald ein Mittel, dem Celsi ihre Meinung zu verstehen zu geben, weil sie befahl, ein Stück dergleichen Zeug herzubringen, indem sie entschlossen, noch vor ein Kleid auszunehmen. Der Kaufmann, als Principal, wußte die eigentliche Endursache dieses Handels nicht, deswegen bringt er den Zeug selbst, womit die Princessin ganz nicht zufrieden war, wie sie denn den Kaufmann wieder hinweggeschicket, vorgebend, daß mit seinem Diener noch einmal so gut als mit ihm, dem Principaln, zu handeln wäre. Der Kaufmann lacht, gehet weg und schickt statt seiner den Celsi in das Logament der Princessin, welcher sich aber nicht hineinzugehen getrauete, sondern gibt den Zeug einem Laquay, so vor dem Zimmer aufwartete.

Die verliebte Phile empfand hierüber kein geringes Vergnügen und heißet den Diener selbst vor sich kommen, damit sie ihm vielmehr ihre große Liebe entdecken als den begehrten Zeug abhandeln konnte. Celsi, welcher so gar blöd nicht war, entsetzte sich doch anfangs über ihrem Zumuten und entschuldigte sich wegen seiner tiefen Niedrigkeit, bat ingleichen, die Princessin solle seiner Wenigkeit verschonen, indem er vielmehr ihr zu dienen als sie solchergestalten zu lieben geboren wäre. Die Princessin verfluchte sich hoch und teuer, so er hierinnen nicht parieren würde, solle er viel eher seines Todes als ihrer fernern Gnade gewärtig sein. Er solle ihr deswegen bei gegenwärtiger Gelegenheit einen Eid schwören, daß er sich zu ihrer Vergnügung wollte brauchen lassen und von solcher Heimlichkeit keinem Menschen, ja auch seinen allerbesten Freunden nicht das geringste davon melden.

Celsi wußte nicht, was hierinnen am tunlichsten wäre, denn er konnte sich in dieser verwirrten Sache nicht so bald entschließen. Indem geht die Princessin weg und bringet mit sich drei Laquayen, jeden mit einem Puffer, die sollten ihn, sofern er nicht ja sagen wollte, in dem Zimmer über den Haufen schießen. Als er sah, daß es Ernst war und die Diener allgemach die Puffer gespannet hatten, gibt er nur der Princessin einen Wink, nach welchem sie die Laquayen wieder abwies, und Celsi mußte ihr darauf einen teuren Eid schwören, daß er von der Heimlichkeit zwischen ihnen beiden nicht das Allergeringste vermelden wollte. Auf solches wurde der arme Mensch zu allen Schandtaten gezwungen, und so gern er auch seinem Ungemach entfliehen wollen, fand er doch keinesweges einzige Gelegenheit, sich von dem Irrwege zu entäußern, weil sie ihm so sehr angelegen, daß er endlich von ihr ganz überwunden wurde.

Scipio, so hieß sein Nebendiener, ein Mensch, welcher viel mehr mit Betrug als mit seiner Rechnung umzuspringen gewußt, bestahl aus Angebung anderer losen Beutelschneider seinen Principalen und ging mit einem ziemlichen Particul durch, nachdem er zugleich in dem Hause Feuer angeleget, dadurch er verhindert, daß ihm nicht alsobald hat können nachgesetzet werden.

Diese Tat schien etwas verwegen, und weil der Obrigkeit zu argwohnen vergönnet ist, wurde Celsi eingezogen, weil man glaubte, daß er sowohl wegen des Diebstahls als angelegten Feuers gute Kundschaft gehabt. Er verpflichtete sich, einen Eid zu tun, weil man aber in seinen Kisten die schönsten Diamantringe und andere Edelgestein gefunden, wurde gemutmaßet, er hätte sich solche kostbare Sachen von dem gestohlenen und entwandten Gelde zuwegen gebracht. Alle diese Kleinodien aber waren nichts als Geschenke, mit welchen ihn die Princessin begabt, denn er kam niemalen unter hundert Kronen von ihr, und weil er seine Hurerei allgemach ein Jahr lang getrieben, kann man gedenken, welch einen Vorrat die Obrigkeit gefunden, daraus sie genugsam schließen können, daß er solchen Wert seit der Zeit durch seine bloße Buchhalterei keineswegs gewinnen können.

Man examinierte ihn ins dritte Mal, und weil er wegen getanen Eides sich pflichtschuldig urteilte, die Sache zu verschweigen, wollte er mit der Sprache durchaus nicht an den Tag, sondern schützte allerlei Sachen vor, durch welche er sich mehr bloß gab als jemals zuvor, weil er als sonst aufrichtiger Mensch noch nicht gelernet hatte, wie man mit subtilen Lügen und Betrügereien umgehen solle. Es kommt mit ihm zur Folter, und dorten bekannte er aus Schmerzen, was man mit guten Worten nicht von ihm bringen können, nämlich, er habe allen diesen Reichtum von der Princessin von Roan, der sogenannten Phile, auf eine solche Art bekommen, die sie sich selbsten wohl würden einbilden können; erzählte beinebens den Anfang und den Ursprung, wie oben verzeichnet. Aber es war das Schlimmste vor den armseligen Menschen, daß, indem er die Wahrheit geigte, hielt es die Obrigkeit vor einen Mantel, mit welchem er seine strafwürdige Schuld zu verdecken suchte. Es kam endlich dahin, daß er das andermal sollte aufgespannet werden, und weil er von der vorigen Aussage nicht abweichen wollte, wurde mit der Tortur fortgefahren, denn es hat sich keiner unter den Pachtern einbilden können, daß sein Vorgeben in der Wahrheit gegründet sei, weil die Princessin als ein Exemplar aller Reinigkeit und jungfräulicher Keuschheit in der ganzen Stadt ist gehalten worden.

Die Schmerzen, welche der elende Mensch ausstund, zehrten ihm den Leib dergestalten hinunter, daß er endlich keinem Menschen mehr gleich sah. Ja, sein Principal hatte selbst Erbarmnis mit ihm und weinete gar oft in dem Gefängnis, denn er konnte wohl merken, daß Celsi mit der Princessin zu tun gehabt. So wurden auch die Ringe von unterschiedlichen Jubilierern gekannt, und stund dahin, daß man die Sache wollte an die Princessin gelangen lassen, welche sich zeit währender Begebenheit auf der Jagd erlustieret.

Es geschieht aber, daß der schuldige Kramdiener zu Lyon wegen eines andern Diebstahls gefangen gesetzet und wegen seines Lebens examinieret wird, allwo er unter anderm auch dieses gestanden, daß er in Paris der einzige Urheber dieses Frevels gewesen. Die Sache kommt aus und also vor Gericht, welches den bis auf den Tod gemarterten Celsi entschlossen ist, loszusprechen, wird auch Anstalt gemachet, ihn nochmalen wegen der Princessin zu examinieren, damit man desto gewisser hinter die Sache kommen möchte.

Phile hatte sich nunmehr genug auf der Jagd ersättiget, kommt nach Paris und schickte nach ihrer Gewohnheit um ihren Buhler, aber die Kupplerin berichtet ihr bald ein anders, denn es ging schon das Geschrei in der ganzen Stadt, als sollte er auf das Feuer geworfen werden. Die Princessin entsetzte sich ausdermaßen, und gleichwie endlich nichts kann verschwiegen bleiben, kommet sie bald dahinter und wird ihr das Protocoll zu lesen vergönnet. Sie war eine hochvermögende Person, deswegen war man beflissen, dem Pöbel hierdurch das Maul zu stopfen, indem Celsi noch selbigen Abend in dem Gefängnis mit einem großen Seil gewürget und dergestalten elendiglich und also recht jämmerlich getötet worden.

Aus diesem traurigen Exempel entstehet die Frage, ob Philipp Celsi seinen Eid zu halten schuldig gewesen oder nicht. Und es wird geantwortet: nein, denn er hat nicht geschworen, die Folter zu erdulden, sondern seine Zusage betraf nur den Statum extra torturam, welches er endlich wohl hätte tun können. Vors andere ist ers keinesweges schuldig gewesen ratione obligationis, weil die Dam gar keine Gerechtigkeit hatte, den armen Menschen mit einem Eid zu verbinden, entgegen hatte die Obrigkeit wohl Gewalt, ihn davon zu entledigen. So ist auch dieses kein zulässiger Eid zu nennen, welcher zu Bekräftigung der Sünde und Unterdrückung der Wahrheit geschiehet, ich geschweige von dem augenscheinlichen Zwang, welchen die Phile hierinnen vorgenommen. Aber da hat er unrecht getan, daß er sich nicht ehe totschießen als sich zu einer so schändlichen Unreinigkeit gebrauchen lassen, præstat enim honesta mors turpi vitæ: weil ein tugendsamer Tod viel höher als ein schändliches Leben zu schätzen ist.«

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