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Teutsche Winter-Nächte

Johann Beer: Teutsche Winter-Nächte - Kapitel 34
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleTeutsche Winter-Nächte
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100210
projectid96c6f564
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VII. Capitul. Die Geschicht wird censiert.

Der Zwang ist wider die Natur,
Zeucht man stark auf, so reißt die Uhr.

»Zuvor, ehe daß ich anfange zu reden von meinem eigenen Geschicke, muß ich sagen, was ich von der Erzählung des Herrn Seilfahrers halte. Erstlich hat er wohl getan, daß er nicht alle Possen oder etwan dasjenige bei seiner Erzählung dargetan, was entweder nicht tauglich zu erzählen noch würdig zu merken ist. Vors andere hat er übel getan, daß er seine Historia so gar garstig und ohne Beschneidung hervorgeschwatzet ...« – »Ja,« sagte der Seilfahrer, »Madam, ich bin ein Christ und kein Jud, deswegen tat ichs ohne Beschneidung.«

Hiermit lachten sie alle, absonderlich Kunigunda, welche von Herzen froh war, daß derjenige, in welchen sie petersilisch verliebt war, sich so wacker und behende gerochen hatte. »Er sei ein Christ oder Jud,« sagte die von Pockau weiter, »so ist Er doch mit einem garstigen Spieß darein gelaufen ...« – »Das ist erlogen,« sagte Monsieur Ludwig, »es kam ja die Alte darzu, sonst hätte es leichtlich dörfen geschehen!«

Auf dieses lachten wir noch abscheulicher, aber die von Pockau ließ sich nicht irremachen, sondern redete fort und sagte also: »Mein Herr Seilfahrer, die Gräfin, welche in Ihn verliebt gewesen, ist zu loben und zu schänden. Zu loben ist sie ...« – »... daß sie ihn hat wollen drüber lassen«, sagte Ludwig. Kunigunda sagte: »Pfui, Herr Ludwig, wie ist Er so grob!« – »Wenn Er mir so in die Rede fallen will,« sagte die von Pockau, »so will ich meine Historia einer andern überlassen.« – »Meinethalben,« sagte Ludwig, »so hebe ich an, meine Geschicht zu entwerfen, welche vielleicht die euren alle übertreffen soll, darum so höret mir zu.« – »Nichts, nichts,« sagte Zendorio, »Bruder, lasse das Frauenzimmer fortreden!« – »Madam,« sagte Caspia zu der von Pockau, »Sie solle ihrer Erzählung überhoben sein, aber Sie sage, was ist Ihr Urteil von der Geschicht des Seilfahrers?« – »Mein Urteil«, sagte die von Pockau, »ist dieses, daß diejenige Eltern, welche aus Grund einer zufälligen Sache ihre Kinder zu ehlichen nötigen, eine unbescheidene Sache vornehmen. Aber daß sie sich so unbillig verliebet, ist auch nicht allerdings billig zu heißen, weil einem tugendsamen Gemüt zustehet, das Unglück mit Geduld zu ertragen und den widrigen Winden mit starkmütigen Schultern entgegenzugehen.« – »Ihr habt gut davon sagen,« antwortete Monsieur Ludwig, »Ihr habt vierzehn Kinder gezeuget und des Dinges öfters genossen, als mein nackichter Hund Haare auf dem Leibe hat. Ihr könnt wohl sagen, wie man tun soll, aber Ihr könnt nicht beweisen, wie man tun kann. Eine junge Dam ist so wenig ein Narr als ich; das Ding will gefüttert sein wie ein junges Pferd!«

Auf dieses Wort lief das gesamte Frauenzimmer zur Stube hinaus, und Monsieur Ludwig sperrte dasselbe zu, wohl wissend, daß sie wegen instehender großer Kälte nicht lang würden draußen bleiben können. Demnach mußten sie wieder anklopfen, und Monsieur Ludwigs Frau sagte zu ihnen, daß es ihr Mann nicht anders zu machen pflegte, deswegen sollten sie ihm etwas zugut halten, denn je mehr sie sich darwider sperreten, je gröbere Zoten würde er auf die Bahn bringen. »Ha, ha,« rufte er nach ihrem Anklopfen heraus, »gelt,ihr könnet wieder um Pardon bitten. Ich sehe, ihr wollt es noch gröber hören. Kommet nur herein, ihr müßt erst hören, wie es mir gegangen, darnach könnet ihr hingehen, wo ihr hin wollet. Aber Fräulein Anna kommt mir vor, als ob sie wäre pinkeln gewesen«; hiermit fuhr ihm seine Liebste über das Maul, sonst hätte er noch was gesagt, das ich nicht hätte beschreiben dörfen.

Nach solchem satzten sie sich wieder an ihre alte Örter und sagten, so er wieder würde so garstig sein, wollten sie alle die Finger vor die Ohren stecken. »Ich dachte,« sagte er, »ihr habt sagen wollen: in den Hintern.« Hiermit erhebte sich ein abscheulich Gelächter, und weil man mit der Glocke das Zeichen zum Mittagmahl gab, verwunderten sie sich alle über der schnell hin gestrichenen Zeit.

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