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Teutsche Winter-Nächte

Johann Beer: Teutsche Winter-Nächte - Kapitel 33
Quellenangabe
pfad/beer/teutwint/teutwint.xml
typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleTeutsche Winter-Nächte
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100210
projectid96c6f564
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VI. Capitul. Der Seilfahrer wird ein Bader, kommt wunderlich aus der Gefahr.

Die Lieb ist blind, acht' keinen Stand,
Nimmt Kot vor Gold in ihre Hand.

»So klug sich sonsten der Præceptor gedünkte, so merkte er doch diesen Streich keinesweges, ob ich ihn schon merklich hinter die Springe gewiesen, weil er aber meinen Worten nicht glauben wollen, als ließ ich die Sache immer gut sein und erzählte ihm vor diesmal, weichergestalten des Kammmachers Tochter gestern abend ins zweite Mal hergeschikket und entbieten lassen, daß er morgen, als nämlich heute, sich zwischen Glock neun und zehn in der Nacht gewiß und unfehlbar bei ihrem Haus einfände. Sie wollte in der Hornkammer, da das Horn läge, seiner erwarten, allwo sie etwas Absonderliches mit ihm zu reden hätte. Der Præceptor sprang wegen dieser fröhlichen Zeitung vor Freuden aus dem Bette, und hätte ihm gleich der Kopf noch einmal so wüst und wehe getan, achtete ers doch keinesweges, sondern dichtete schon auf tausend Einfälle, wie er möchte in die Kammer kommen, weil ihm nicht unbewußt war, daß der Kammacher das Haus allenthalben wohl zu verschließen pflegte.

Weil ich nun die Post so sauber und manierlich bei ihm abgeleget, als hielt er mich auch darüber zu Rat, wie ihm nämlich am füglichsten wäre in die Kammer zu helfen. Ich säumete mich hierzu keinesweges, sondern schlug ihm unsere Feuerleiter vor, vermittelst welcher er ohne Anstoß hineinsteigen und mit der Butzlia hantieren könnte, nachdem es ihm gutdünken würde. Er sah, daß hierinnen meinem gegebenen Rat nicht ein weniges zu trauen war, erwartete also der Zeit, und weil ich schon vorher ohne Perspectiv ersehen und spüren konnte, wie sich diese Comödia schließen würde, als raumete ich indessen alle meine Sachen zurecht, auf daß ich mich in dem Sprung heimlich aus dem Staube machen könnte. Es ging mir gar erwünscht vonstatten, denn als die bestimmte Zeit vorhanden, nahm der gute Præceptor die lange Leiter unter das Mäntelchen, und weil es ohnedas stock- und blindfinster war, verhoffte er desto ungehinderter in die Kammer der Butzlia zu kommen, so ihm aber ausdermaßen mißlungen und fehlgeschlagen. Er ging gar behutsam hin an das Haus, und ich folgete aus Begierde, den Ausgang anzusehen, mit einer Laterne hintennach. Er hatte aber seine Leiter kaum so bald an das Kammerfenster angestellet, als er schon auf allen Seiten gleich einem Nachtdieb mit bewaffneter Hand angefallen und auf die Hauptwache geführet worden.

Ich aber packte mein Felleisen geschwinde zusammen, nahm es unter meinem Mantel auf den Rücken und marschierte immer heimlich zu der Stadt aus, weil sie allenthalben offenstund. Außer des Orts lag bei vier Meil Weges ein Sauerbrunnen, daselbst hatte ich einen Wirt zum Vetter, bei dem ich mich vor diesmal als ein Pædagogus aufgehalten und ihm seine zwei kleine Töchter informieret. Und weil sich an diesem Ort allerlei Reisige von fremden Orten wie auch aus vorbemeldter Stadt herzugetan, erforschte ich gar bald hernach von einem Burger, daß der Præceptor die Kammachers-Tochter wider des Teufels Dank habe ehelichen und bei zwanzig Taler auf das Rathaus Strafe geben müssen. Mir aber hätte er gedrohet, sobald er mich unter die Fäuste kriegte, den Kragen wie einer Gans umzudrehen. Bis hieher hatte der Seiltänzer seinen Lebenslauf mit sonderlicher Kurzweil erzählet, und die Wahrheit zu bekennen, so hatte er in solcher Erzählung eine so angenehme Manier erwiesen, davon das Frauenzimmer eine absonderliche Vergnügung empfunden, ja, was noch das Allerverwunderlichste unter allem ist, so hat sich zwischen solcher Relation in ihn verliebt ein über die Maßen schönes und adeliges Jungfräulein mit Namen Kunigunda. Ihr Geschlecht war weder gar zu alt noch zu bekannt, aber wegen ihrer Schönheit und großem Reichtum war sie allenthalben im Ruf; und ich glaube selbsten, daß Isidoro aus keiner andern Ursach zu meiner Hochzeitfreude gekommen, als nur deswegen, daß er sich bei ihr an das Brett bringen möchte, weil er durch dieses Mittel ein stattliches Wildbret in das Garn könnte bekommen haben, welches aber freiwillig in des Seiltänzers Netze gelaufen. Daraus wir zu sehen haben, wie verkehrt und widerspenstig die Liebe in den Herzen der Menschen zu spielen pfleget.

Weil aber die Compagnie noch voll Verlangen war, seine weitere Historia anzuhören, in specie aber, wie er zu dem Gaukeln gekommen, redete er mit genommener Licenz folgendermaßen fort: »Zuvor habe ich der adeligen Gesellschaft die erste Geschicht meines Schulstandes erzählet und bin gekommen bis in das Wirtshaus meines Vetters auf den Sauerbrunnen, allwo ich zwei Kinder informieret, welche Arbeit ich mehr aus Spaß als Not vor die Hand genommen, weil ich von Jugend auf ein großer Liebhaber der neuen Zeitungen war, derer man an gegenwärtigem Ort fast täglich eine ziemliche Zahl haben können. Und hätte es auch schon an den ausländischen ermangelt, so konnte man bei den schwätzigen Mägden und bei den Wäschweibern fast stündlich so viel zusammenbekommen, davon man sich wohl ein halbes Jahr möchte beholfen haben.

Diese Art zu leben war mir fast die allerangenehmste, und ich trieb sie so lang, bis zu einer Zeit eine Gräfin an dem Ort angelanget, sich daselbsten der Cur zu gebrauchen. Ihre Diener sagten mir, daß sie es wegen ihrer Unfruchtbarkeit täte, aber sie meinten, daß sie fruchtbar genug wäre, so nur ihr Herr etwas taugte, welcher sich durch den angewöhnten Suff dermaßen verderbet, daß alle Hoffnung, einen Erben zu bekommen, bei ihnen verloschen war. Ich spielete dazumal schon ein wenig auf der Harpfen, und sie verliebte sich dermaßen in selbiges Instrument, daß sie mit meinem Vetter bald einig wurde, mich mit ihr zu nehmen und zu ihrem Kammerdiener zu bestellen. Hundert gute Jahr, wie war ich dazumal so froh! Ich sprang in meiner Kammer höher als gegenwärtiger Ofen und rüstete mich, so gut ich vermocht, auf gegenwärtige Reise.

Sie reisete vier Tage darnach von dem Ort hinweg und satzte mich zu ihr in die Gutsche, allwo sie mir so viel Ehre erwiesen, daß ichs selbst kaum glauben können, daß sie es ernstlich meinete. Nachdem wir etliche Stunden gefahren, trafen wir an einen sehr hohen Berg, auf welchem ein dichter Wald war. Der Weg war etwas steinicht und widerlich zu fahren, derowegen stunden wir aus der Gutsche, und sie ging mit mir über die Höhe und befahl mir, sie zu führen, weil sie des Steigens sehr übel gewohnet war. Die andern Laquayen hieß sie der Gutsche folgen, und solchergestalten kamen wir bald voneinander, weil sie unter dem Berg, wir entgegen ober demselben hingingen.

Als wir ein wenig in den Wald kamen, fing sie an, gegen mich folgendes zu reden: ›Monsieur, auf der ganzen Welt und unter der Sonnen ästimiere ich nichts so hoch als die Liebe, und Er sei versichert, daß ich seine Person nicht wegen der Harpfe, sondern bloß allein wegen der Inclination, die ich des ersten Anblicks zu Ihm gehabt, zu mir genommen. Will Er, daß ich leben soll, so versichere Er mich seiner Gegenliebe, und will Er, daß ich Ihn lieben soll, so verspreche Er mir, verschwiegen zu sein. Ich habe einen Mann aus Notzwang meiner Eltern heiraten müssen, weil er von ansehnlichen Mitteln und ein Graf ist. Von Geburt bin ich nur eine von Adel und habe in nichts wenigers als in diese verdrüßliche Ehe willigen wollen, so ich nicht wider meinen Willen darzu wäre benötiget worden. Ist mein Herr aber entschlossen, dasjenige zu tun, was ich denselben gebeten, so versichere Er mich dasjenige, was ich von Ihm verlanget!‹

Man kann gedenken, wie ich über der Rede der Gräfin werde ausgesehen haben. Ich schätzte meine Glückseligkeit ganz unermeßlich, denn ich kann nicht genugsam entwerfen, wie sehr mich die Schönheit dieser Damen besieget. Ich glaube nicht, daß der türkische Kaiser so fröhlich gewesen, da man ihm die Eroberung der Vestung Neuheusel vorgetragen, als ich dazumal war, da mir diese Schöne Selbsten den Paß öffnete. Sagte derohalben kurz und gut: ›Allerschönste Creatur, wer Sie nicht lieben wollte, müßte entweder etwas mehr oder weniger als ein Mensch sein. Eine solche Affection ist die allergrößte Vergnügung dieser vergänglichen Zeit, durch dero Genuß man sehen kann, was schwarz oder weiß ist. Meine Verschwiegenheit soll so gewiß als meine Treu erfolgen, so Sie mir ingleichem zusaget, daß Sie hiervon weder Ihrem Herrn noch jemand anders entweder durch Wort oder andere Gebärden will zu verstehen geben, daß Sie mir gewogen sei!‹ Hiermit umfing sie mich mit einem Kuß, als wir nächst vor uns die Gutsche sahen an dem Ort, da wir mußten zusammentreffen. Damit ließ sie es gut sein, und wenn ich mich vor dem adeligen Frauenzimmer nicht ein wenig schämte, wollte ich alles haarklein erzählen, was wir miteinander in der Gutsche getrieben, bis wir heim in das Schloß kamen, welches von dem Sauerbrunn nicht gar sechs Meil Weges abgelegen war.«

»Ha,« sagte Monsieur Ludwig, »das sind Possen, Herr Seiltänzer, das Frauenzimmer höret es gar gerne, und je gröber es ist, je lieber hören sie es an. Äußerlich zwar tun sie wie der Teufel, innerlich aber gedenken sie in ihrem Herzen: noch mehr, noch mehr, noch mehr.« – »Ja freilich,« sagte Fräulein Anna, »gleich, wie Monsieur Ludwig meinet, Herr Seiltänzer, ich bitte Ihn, Er verschweige es. Aber wenn Er Herrn Ludwigen einen Gefallen zu erweisen verlanget, so erzähle Ers immer heraus, er liebt die Zoten, daß nichts darüber.« – »Sehet doch,« antwortete Monsieur Ludwig, »wie ist das Fräulein Anna heute so keusch worden, man weiß gewiß nicht, wie sie es macht. Sobald sie ein verliebtes Buch in die Hände bekommet, stellet sie sich in einen heimlichen Winkel, und wo es am garstigsten ist, da lieset sie wohl vier- bis fünfmal hinunter und fraget nichts darnach, ob es schon noch gröber und natürlicher herauskäme. Ja, sie machet ihr noch wohl Gedanken darzu, die nimmermehr in dem Buche anzutreffen, und leugnet es nur nicht,« sagte er ihr weiter ins Gesicht, »ich kenne Frauenzimmer, die es noch wohl garstiger machen, und wenn sie was dergleichen lesen, so wollten sie gar, daß noch Kupferstücke darzu darbeistünden oder daß sie gar an der Tür stehen und der Sache Selbsten durch ein Löchlein zusehen könnten, und dieses sind solche Leute, denen es man nicht ansehen sollte. Aber, Herr Seiltänzer, Er fahre fort und verschweige ja nichts, was sich mit Ihm auf dem Schlosse zugetragen. Ich will hernachmals auch ganz unparteiisch sein und in meiner Erzählung nicht das Allergeringste außen lassen, was sich mit meiner Person zugetragen.«

»Es ist wahr,« sagte der Seiltänzer, »Frauenzimmer sind Menschen und dahero von Begierden nicht entäußert. Ja, sie stecken von denselben viel völler als mancher Mensch, der sich durch schwere Arbeit allerlei Üppigkeit befreiet. Die Faulenzereien, welcher dasselbe unterworfen, stecket sie mit tausend schädlichen Gedanken an, und ich halte, dieses sei die Ursach, daß etliche Österreichische vom Adel ihre Töchter lassen in dem Kühstall arbeiten und mit den Hausmägden allerlei andere Arbeit verrichten, damit sie desto weniger Gelegenheit hätten, ihren verliebten und von Natur zur Buhlerei inclinierten Meinungen nicht nachzuhängen. Aber weil etliche das donum continentiæ nicht haben oder aber von ihren Eltern gar zu sehr eingesperret werden, damit die Cavalier nicht darüberkommen möchten, geschicht es gar oft, daß statt derselben die Stallknechte darüber herwischen und also die Schande vierfach so groß machen, als es sonsten gewesen wäre. Ich hätte der Exempel genug anzuführen, weil ich aber keine fremde, sondern meine eigene Erzählung vorzustellen entschlossen, unterlasse ich solches und fahre in meiner eigenen Geschicht fort.

Auf dem neuen Schlosse hatte ich auch neues Glücke, denn die Gräfin konnte kaum einen Tag vorbeistreichen lassen, als sie mir schon durch tausend Winke zu verstehen gegeben, wie sehr sie sich in mich verstrickt befand. Ich selbsten blickte sie viel mehr als verliebt an, aber es gab nicht die allergeringste Gelegenheit, allein mit ihr zu sprechen, dahero könnt Ihr gar leichtlich gedenken, welcher einer schweren Trauer ich dazumal unterworfen gewesen, darüber ich nicht in eine geringe Melancholey geraten. Aber solche zu verbergen, wußte ich gewisse Krankheiten vorzuwenden, welche mich alles Verdachts enthoben.

Der Graf war ein Mensch von kleiner Statur. Seine Hosen waren nicht viel über eine Viertelelle lang, und dahero könnt ihr leichtlich urteilen, welch ein großer Ries er gewesen, denn man mußte gar wohl Achtung geben, wenn man ihn unter andern Leuten sehen wollen. Er hatte einen Bruder, der war ein ausdermaßen geiziger Mensch, und wie man sagt, so solle er aus großem Geiz sich verkleidet und den Bauren den Mist aus dem Stall haben tragen helfen, damit er nur des Tages einen Groschen verdienen können. Diese Filzigkeit ist ihm bei andern Cavaliern dermaßen vor ungut gehalten worden, daß sie ihn endlich eingesperret und ihm von allen seinen Gütern nur so viel an Speise, Trank und Kleidern reichen lassen, damit er nicht vor Hunger noch Blöße stürbe. Aus diesem kann man sehen, von was vor einer Gattung mein Graf gewesen, welcher, ob er schon nicht so geizig, doch auch nicht allzu freigebig war.

Er hörte meine Harpfe nicht gar gern nur deswegen, daß er mir zu essen geben mußte, denn er meinete, durch solches wäre ein Künstler meinesgleichen schon zu befriedigen. Es ist nicht zu erzählen, wie ihm der Rotz stetigs zu der Nase heraushing, dahero kann ichs der Gräfin bis gegenwärtige Stunde nicht vor unrecht ausdeuten noch ihr Beginnen als ein freventliches Stück halten, wenn sie ihm aus natürlichem Antrieb nicht hat können gewogen sein. So war er beinebens so ungestalt, und wenn diejenigen Könige wären, die große Nasen haben, so dörfte dieser wohl unter allen die größte Krone davongetragen haben.

Er war in keinerlei Ritterspielen noch andern Exercitien erfahren, weil zu allen diesen sein Leib und die Glieder ganz indispost und ungeschickt waren. So war er auch von so obscurem Ingenio, daß er kaum recht lesen konnte. Seine Discurs waren meistens von seinen Kleidern, was er vor Zeug bei denselben hätte und wenn sie fertig wären geworden. Item, wie lang er vor diesem geschlafen hätte und wie er einsmals aus Unvorsichtigkeit über eine lange steinerne Treppe hinuntergefallen.

Mit solchen verdrüßlichen Sachen verbrachte er seine Discurs, und wenn man ihm von fremden Sachen sagte, so riß er das Maul auf und fragte, ob in Hispanien auch Leute wären und ob dieselben auch Köpfe hätten. Aus diesem ist wohl zu sehen, daß die Gräfin vielmehr einem Block als einem Menschen ist anvertrauet worden, weil sie von diesem Salpeter nicht die geringste Ergötzlichkeit hatte, und was noch das allerschlimmste, so hat er Befreundte auf dem Schlosse, als seine Mutter und noch ein anders Frauenzimmer, die geben Tag und Nacht Achtung, damit die Gräfin nicht extra gehen und etwas suchen möchte, das ihr abgeschabener Mann nicht hätte, dadurch sie viel ärger geplaget worden, als ob sie in dem allergröbesten Gefängnisse zu Wildenstein auf der Vestung gesessen wäre.

Die Gräfin sah wohl, daß es unmöglich war, mit mir zu sprechen, es wäre denn Sache, daß solches durch eine sonderliche Invention gesuchet würde, in Erwägung, daß ihr von der alten Gräfin stets auf den Dienst gelauret worden, welche vielleicht am besten gewußt, wie man den Paß abschneiden solle; aber dem ohne Schaden stellete sie die Sache ganz auf eine andere Art an, ob ich schon nicht das geringste Wort darum gewußt.

Eines Abends, als ich ganz allein an dem Fluß, welcher das Schloß vorbeirann, auf und ab spazierenging, hieß mich ein vorübergehendes Weib geschwinde folgen, weil sie mir etwas Nötiges zu sagen hätte. Ich ging ihr nach, und als wir unter die Bäume gerieten, sagte sie mit Verwunderung, daß sie bei der Gräfin gewesen, und zwar vor acht Tagen. Die hätte ihr an mich folgende Post abzulegen befohlen:

Erstlich, so wäre sie vor ihre Person die Baderin in dem Flecken und hätte ehedessen gold- und silberne Spitzen in das Schloß gemachet, damit sie auch noch bis gegenwärtige Stunde zu tun und zu arbeiten hätte. Und in Erwägung ihrer Verschwiegenheit hätte sie die Gräfin so lieb und wert, daß nichts darüber, indem sie ihr auch die geheimste Sachen nicht verhielte. Sie wüßte wohl, und hätte ihrs die Gräfin schon vertrauet, daß sie mich von Herzen liebte, und ich solle mich zu ihr, als der Baderin, so sicher als gegen mich selbst versehen, daß sie hiervon nicht das geringste Wörtlein offenbaren oder unter die Leute bringen wollte. Die Gräfin hätte nicht ohne Schmerzen meiner so lange entbehren müssen. Ließ mir derohalben durch sie vermelden, wie ich zu ihr alleine gelangen könnte. Ich sollte nämlich bei der Tafel ein Glas zerbrechen, welches von sonderm Wert wäre. Dadurch würde die alte Gräfin bewogen werden, mich aus dem Schlosse zu schaffen, und sie, die junge Gräfin, wollte selbst daran sein, damit ich desto eher davonkommen möchte. Auf solches sollte ich zu ihr, der Baderin, gehen und mich daselbsten vor einen Badknecht ausgeben, auch Dienste suchen. Wenn solches geschehen, so wollte mich die Gräfin als einen Bader in ihre Badstube auf das Schloß holen lassen, ihr daselbst zu schröpfen, und solchergestalt könnten wir alleine zusammenkommen, sonsten wäre es ganz unmöglich ins Werk zu richten.

Meine Gönner können gedenken, daß mir diese Botschaft viel angenehmer als ein Säckel voll Gold war, in Erwägung, daß die Qualitäten der Liebe allen Wert der Metallen weit übertreffen. Dahero redete ich die Sache mit der Baderin ferner ab, und ich fand sie in allen Stücken so richtig, daß sie billig ein Muster der vollkommensten Kupplerinnen hätte können genennet werden. Weil es sich auch an diesem offenen Ort nicht viel conferieren ließ, ging sie von mir, und ich versprach, morgen auf das längste in ihrem Hause zu sein.

Nach diesem ging ich in meine Kammer, daselbsten meinen häufigen Grillen Audienz zu geben, und verwunderte mich nicht unbillig über diese Invention, die wahrhaftig das äußerste Mittel war, zu der Gräfin zu gelangen. Derowegen resolvierte ich mich, das schönste Glas von der ganzen Tresur zu zerschmeißen und mich nach der Tat aus dem Schlosse zu packen.

Folgenden Morgens wurde ich mit meiner Harpfe zur Aufwartung bestellet, und ich stellete mich mit derselben so ungeschickt, daß ich nicht allein ein, sondern wohl zwölf Gläser von der Stellage herunterstieß. Die alte Gräfin fing an der Tafel an zu fluchen und schelten, und wenn der Graf gewußt hätte, wie man sich in dergleichen Fällen verhalten sollte, so hätte er mir ohne allen Zweifel einen Teller an den Kopf geschmissen. Die junge Gräfin schmälte selbsten wider mich, und ehe ich mich recht umgesehen, schickte die alte schon einen Kammerdiener zu mir, der mir den Dienst aufsagte und noch darzu mit einem Gefängnis drohete. In Erwägung aber, daß ich noch ein junger Diener war, ließ mans darbei bewenden, daß ich meinen Dienst samt dem Schlosse räumen mußte, sobald es sein könnte. Damit ging ich fort, nahm mein Felleisen auf den Rücken, und als es schon ziemlich Nacht war, wendete ich mich auf der Straße zurück und kam zu der Baderin, wie ich ihr zuvor versprochen hatte.

Anitzo kann ich in meiner Erzählung keinen großen Umschweif suchen, sondern muß geschwind heraus sagen, daß folgenden Tages die Gräfin eine Kammermagd zu der Baderin geschicket mit Vermeldung, daß sie sich gerne wollte schröpfen lassen. Deswegen solle sie einen Knecht hinauf in das Schloß schicken, der zwischen vier und fünf Uhr Nachmittag gewiß droben wäre, denn sie wollte darauf noch spazierenfahren. Ich war schon ganz verkleidet, so hatte ich auch statt meiner natürlichen Haare eine garstige rote Paruque aufgesetzet, und weil ich ohnedem kaum fünf Tage auf dem Schlosse gewesen, brauchte ich keine fernere Kunst, mich vor dem Schloßgesinde besser zu verbergen. Auf solches machte ich mich mit zugehörigem Zeuge fertig, schlug den Mantel um und nahm den Kasten unter den Arm, mit welchem ich in langen Schritten dem Schlosse zuwanderte und daselbsten durch ein altes Weib in die Badstube geführet wurde, derer bequeme Gelegenheit ich zuvor nicht gewußt habe.

Nach ungefähr einer Viertelstunde kam sie selbst an, und nach ihr ging eine schon ziemlich erlebte Jungfer, welche ihr die Badkleider nachtrug. Es hatte gleich darneben ein Stübelein, in welchem sie sich angekleidet und zu mir hereingekommen, allwo alle Sachen in guter Bereitschaft stunden. Sie sperrete die Tür sehr feste zu, und ich verwunderte mich rechtschaffen über die Zartheit ihres Leibes, dergleichen ich noch die Zeit meines Lebens nicht gesehen habe. Ich umfing sie mit großem Belieben, und sie küssete mich nach aller Möglichkeit. Wir wollten uns auch schon zusammen niedersetzen, als eine andere Magd an der Badstube anklopfte und vermeldete, daß die alte Gräfin auch ankommen würde und sich jetzund wollte schröpfen lassen.

Diese Post, wie sehr sie uns erschrecket, können Sie leichtlich gedenken, indem durch dieses all unser Vorhaben zu Grund und Scheitern gegangen. ›Das ist ein altes Rabenfell,‹ sagte die Gräfin, ›welche mir auch nicht trauet, einen sichern Tritt zu tun. Ach, wäre ich doch so frei, daß ich die Hoffnung haben könnte, davonzulaufen, alle Mauern des Schlosses sollten nicht so hoch sein, ich wollte doch darüberspringen und mein Leben lieber in einer ungeheuren Wildnis als unter diesen Leuten zubringen, welche mich nur zu peinigen geboren sind.‹

Kaum als sie diese Worte geredet, kam die alte Gräfin in dem oberwähnten Badstüblein an, allwo sie sich ausgekleidet und sich überaus verwundert, daß ich ganz alleine bei ihrer Schwiegertochter verschlossen wäre. Sie fragte mich, wie ich hieße und wo ich her wäre, aber ich war wohl so klug, der alten Kratzerin eine Nase zu drehen, und sollte sie klüger als der Teufel selbst gewesen sein. Denn ich gab mit einer ausländischen Sprache vor, wie ich erst aus Stralsund daherkäme und unterwegens von zweien Beutelschneidern bis auf das Hemd wäre ausgezogen und ausgeraubet worden. Item so sagte ich ihr auch, wie ich vor zwei Jahren unter dem Türken wäre gefangen gewesen, hätte auch in solchem Gefängnisse mit einem türkischen Säbel eine Wunde in den Kopf bekommen, von wegen welcher mir oftermalen ganz unversehens eine so starke Ohnmacht zuginge, daß ich mich länger als eine halbe Stunde nicht zu besinnen wüßte.

Sie verwunderte sich über meine Erzählung, und mir war angst und bang, denn ich war in dem Schröpfen ganz unerfahren, ja, ich wußte sogar nicht, wie man die Fliete ansetzen und damit in das Fleisch hauen sollte, machte es doch endlich so gut, als ich konnte, und fing an der Alten an, welche über meinem ungestümen und unbarmherzigen Zuhauen zu schreien angefangen. Ich aber fiel meiner vorigen Erzählung gemäß rücklings nach der Länge in die Badstube hin und stellte mich so artig an, daß sie selbst nicht anders glauben konnte, als wäre mir der Zufall, mit welchem ich seit dem türkischen Gefängnisse behaftet, aufs neue zugestoßen. Rufte dahero ihrer Magd, so indessen in dem Badstüblein bei den Kleidern geblieben, dieselbe mußte allerlei Stärkwasser bringen, mit dem sie mich wieder aufbrächten und ohne Verzug nach Hause schickten.

Dieses war die Invention meines unverhofften Geschickes, ohne welcher ich mich trefflich hätte dörfen bloßgeben. Die Baderin verwunderte sich selbst über meine Arglistigkeit und schickte einen andern Kerl, welcher statt meiner das Werk verrichten sollte. Also mußte sich die verliebte Gräfin wider ihren Willen schröpfen lassen. Aber bald darnach kam die Baderin von dem Schlosse und bat mich, so lieb mir das Leben sei, solle ich mich aus dem Staube machen, weil die Alte ziemlich hinter die Sprünge gekommen, indem mich eine Magd erkennet hätte, daß ich der Harpfenist gewesen. Diese Post brachte sie mir den dritten Tag, nachdem ich in der Badstube gewesen. Dannenhero sah ich mich nicht lang um, und weil ihr die Gräfin ohne Verdacht kein Geld mitgeben dörfen, hat sie ihr befohlen, mir drei Stück güldene Spitzen zu geben, damit ich auf dem Weg eine Zehrung hätte. Ich verkaufte solche flugs in der nächsten Stadt, und dort wäre ich bei einem Haar in das Gefängnis gekommen, weil ein Cavalier in dem Hause war, da ich die Spitzen verkaufte, welcher erkannte, daß sie von der Fasson der Gräfin wären. Von dar an lernete ich von einem Gaukler zur Kurzweil Seilfahren, und Sie haben mich bis dahero vergebens einen Seiltänzer genennet, zumalen mir kein Glied am Leibe gebrochen ist. Aber das Seilfahren brauche ich zur Lust, hat mir auch bis dahero so sehr gelungen, daß ich dadurch und meine Harpfe bishero mein Brot gewonnen.«

Diejenige Frau, welche sie zuvor die von Pockau genennet, bedankte sich wegen der andern allen, daß er seine beste und merkwürdigste Lebensstücke vorgetragen hätte, und weil sie an der Reihe die Ordnung traf, fing sie folgenden Discurs an:

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