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Teutsche Winter-Nächte

Johann Beer: Teutsche Winter-Nächte - Kapitel 30
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleTeutsche Winter-Nächte
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid96c6f564
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III. Capitul. Discurs bei der Tafel.

Heißt du ein jeden, was er ist,
So heißt dich jeder, was du bist.

Unterdessen fing das Frauenzimmer auch an zu singen, denn es war eine unter ihnen, die hieß Fräulein Anna, die hatte ehedessen von einem Pedanten oder lateinischen Schwarzmantel etwas aus der Musik gelernet. Sie schlug einen hauptsächlichen guten Driller und machte sehr fertige Coloraturen, daraus wir geschlossen, daß sie sehr wohl müsse haben singen lernen und daß ihr Lehrmeister sehr fleißig in die Information gegangen. »Ach nein,« gab Fräulein Anna zur Antwort, »die Herren irren sich gar weit, denn ob ich schon einen Schüler zum Lehrmeister gehabt, habe ich doch von ihm nicht halb soviel als von unserer Amme gelernet, welche ausdermaßen trefflich damit umspringen konnte.

Der, so mich gelernet, war aus der Weise ein artiger Mensch. Er sang einen Discant und gab sich vor einen Kapaun aus. Dahero stach mich der Vorwitz, von dem Menschen singen zu lernen, weil ich, die Wahrheit zu bekennen, die Kapaun all mein Lebtag sehr liebgehabt. Aber anstatt er mir die Noten weisen sollen, machte er allerlei Gaukelpossen, damit er die meiste Zeit verschwendet und hingebracht. Wir meinten uns oftermalen über ihn krank zu lachen, so einen artigen Humor hatte der Kerl. Dahero lernte ich wohl in acht Tagen nicht vier Noten singen, und die Lieder, die er mir vorsang, die quiekte ich so lang nach, bis ichs auswendig konnte wie der Papagei das Paternoster. Sonsten wollte ich wohl etwas von ihm gelernet haben, aber, wie gesagt, so trieb er seine Lehrstunden nur mit Narrenpossen hin und lachte uns noch zu Hause wohl aus darzu. Habe also das wenige, was ich kann, nicht von ihm, sondern von der Amme erlernet.«

Ich verwunderte mich, wie die Amme zu dieser herrlichen Kunst gelanget, und als Fräulein Anna verstanden, daß ich einziges Verlangen trüge, dahinter zu gelangen, bat sie mich um Gehör, indem sie entschlossen war, die ganze Geschicht zu erzählen. »Monsieur,« sagte sie, »es ist gar ein artiger Casus, so hierinnen vorgelaufen. Es wohnete eine Dam in einer Stadt, die begehrte und war willens, etwas in der Musik zu tun, weil sie eine absonderliche schöne Stimme hatte. Es hielt sich auf dem Rathause desselben Orts ein Schreiber auf, welcher fast der beste Musicant der ganzen Stadt war. Von demselben verlangte die Dam unterrichtet zu werden, aber nachdem der gute Mensch das erste Mal bei ihr gewesen, verliebte er sich dergestalten in sie, daß er den Hasen keinesweges bergen konnte. Die Dam merkte es endlich, nicht ohne sonderlichen Widerwillen ...«

»Madam,« fiel ihr Isidoro in die Rede, »Sie spaziert hinter der Wahrheit, es ist ihr eine herzliche Freude gewesen!« – »Ach, wahrlich nein,« gab Fräulein Anna zur Gegenantwort, »gewiß, sie war recht böse und sagte, er sollte sich in seinesgleichen verlieben.« – »O köstliche Antwort!« sagte hierauf Isidoro, »ich höre es schon, die Dam hat vor Freuden nicht gewußt, was sie antworten sollte, sonst hätte sich was anders auf ein solches Beginnen gebühret.« – »Ach, seht doch,« ruft Fräulein Anna, »das Frauenzimmer ist gewiß so grob, flugs mit Maulschellen um sich zu werfen! Zudem war zu besorgen, ob ihr nicht der Schreiber wieder eine dichte Dachtel gegeben, denn es war ein ziemlich ungeschickter Dieb, der einem eine gute Huschen hätte versetzen können.« – »Saprament,« sagte Isidoro, »war er ein solcher Kerl, der gute versetzen kann? Ich habe in unserm Dorf ein paar alte Weiber, die haben sehr schlimme, könnte er vorhanden sein und ihnen ein paar gute davor versetzen, er sollte ein gut Trankgeld davontragen.« – »Pfui,« sagte Fräulein Anna, »Monsieur Isidoro ist gar garstig, ich schweige still.«

Hiermit fingen sie alle an zu lachen, und war ihr Ausspruch, daß deswegen einer doch ein rechtschaffen Kerl wäre, ob er gleich sich unterfinge, eine höhere Standesperson, als er ist, zu lieben. Das wären geringe Possen, ein Mensch sei ja wie der andere, und grobe Leute hätten auch grobe Affecten, und dahero gäben sie oft mehr Vergnügung als mancher großer Prahler, der sich, weiß nicht was, bei der Sache zu tun einbildet. Eine Dam wäre doch deswegen dennoch eine von Adel, ob sie schon zuweilen recreationis gratia einem armen Stümper einen Kuß verstattete, welches so wenig zu bedeuten hätte, als ob ihr ein Strumpfband aufginge.

»Ja,« sagte Monsieur Ludwig, »das sind die Rechten, und ich halte meinesteils alles adelige Frauenzimmer samt den Bürgerstöchtern vor rechte Narren, wenn sie eines andern Glaubens sind, und es bilde sich ja keine ein, daß sie von einem Edelmann so sehr wird geehret und geliebet werden, als so sie einen von niedrigem Stande zum Manne oder ihrem Liebhaber bekommet. Denn durch den Grund dieses Mittels hat sie schon Gelegenheit und Ursach genug, über ihn zu herrschen, ihm das Commando zu nehmen und also einen steten Sclaven aus ihm zu machen, da sie im Gegenteil das ganze Widerspiel erfahren und oft von ihren Männern tapfer ausschandieret, gestiegelfritzet und geholhipt werden. Meine Frau kann selbst Zeugnis geben, wie oft ich ihr den Stock um das Wammes gemessen, denn es kann zuweilen nicht so gleich in der Ehe hergehen. Ein Bißlein vor das Haus schadet nicht gar sehr, und ich tat es auch nur zu Fortpflanzung besserer Liebe, weil ich durch das Sprichwort erfahren, daß wahre Liebe muß gezanket haben. Wenn ich ein Weibesbild wäre, so wollte ich mich in einen solchen niedrigen Menschen von Herzen verlieben, mit ihm heimlich auf und davon wischen, in der Fremde mich auf ein Rittergut setzen und also alle meine Tag in Fried und Freud zubringen.«

»Potztausend,« sagte eine gegenübersitzende Edelfrau, »das ist eine feine Resolution. Hätten wir doch alle so getan und wären mit Schreibern, Stallknechten, Studenten und Schuhknechten davongelaufen, darnach möchte ich gern sehen, wen Monsieur Ludwig wollte geheuratet haben.« Diese Rede belachten alle Anwesende, aber Monsieur Ludwig wickelte sich gar bald heraus, wenn er sagte, daß er so gern eine Bauerdirn als eine vom Adel wollte zum Weibe haben, weil er anders vor der Ehe, anders aber in derselben hätte schließen gelernet.

»Meine liebe Frau von Pockau,« – von diesem Geschlecht war sie – sagte er zu ihr, »Sie mag sagen oder höhnisch darauf sein, wie Sie will, so ist es doch wahr. Ihr wisset euch in der Jugend mit eurer abgeschabenen und lausigten Affection so viel, daß ihr meinet, alle eure Blicke sollen und müssen mit doppelten Wechselbriefen bezahlet werden, und es reimt sich gar nicht, daß Ihr unter die gemeine Kerl die Studenten mit einmenget. O liebste Frau von Pockau, seid versichert, daß es Studenten gibt, die noch nach höhern Frauenzimmer, als Ihr seid, nicht eines Nagel groß fragen. Studenten sind keine Narren, sie wissen, wo sie sitzen. Der hohe Stand tuts nicht alleine, die Galgenvögel machen keins auf, man spendiere ihnen denn pro labore & studio ein paar Reichstaler, wie den Herren Medicis, nachdem sie einen Kranken curiert haben. Und wenn es wahr ist, was das lateinische Sprichwort von den Studenten saget, so halte ich sie hac in parte und diesesfalls vor die besten Contentierer in der ganzen Welt; denn es heißet: omne animal post coitum triste, excepto studioso. Wollt Ihr wissen, meine Frau, was dieses heißet, so lasset Euchs durch Euren Aufwärter verteutschen, denn der dünkt mich auch ein solch animal zu sein, weil er mir trefflich spitzfindig auf das Maul gucket.« Hierüber lachten sie alle auf den Studenten, welcher der Frau von Pockau vor diesmal bei der Tafel aufwartete, aber sonsten zu Hause ihre Kinder informierte. Der Seiltänzer machte vor Freuden eine Capriol in die Höhe, und die von Pockau wurde selbst in ein Gelächter beweget, so sehr sie auch Monsieur Ludwig getroffen hatte.

Die Fräulein Anna wurde nach diesem von dem Irländer und Monsieur Isidoro gebeten, die Geschicht wegen der Dam und dem Schreiber zu continuieren und auszuführen, auch nicht zu achten, was Monsieur Ludwig oder auch ein anderer dawider einwerfen würde, weil ihr ohnedem zur Genüge bekannt wäre, warum sie an gegenwärtigem Ort zusammengekommen, und daß sie nicht allein ein wenig lustig, sondern auch ein bißchen grob sein müßten, welches gute Freunde untereinander nicht übel auslegen würden. Mit diesem fing Fräulein Anna aufs neue an und sagte wie folget: »Die Art des Schreibers war in der Wahrheit sehr kurzweilig zu betrachten, denn der Mausekopf liebäugelte dergestalt auf die Dam, daß es nicht zu beschreiben. Anstatt der Noten schwätzte er ihr etwas von der Liebe daher, und damit er zu solchem Discurs Gelegenheit hätte, so höret, wie ers herumbrachte: ›Madam,‹ sagte er, ›die Ton sind unterschiedlich. Etliche sind lustig, etliche traurig, etliche mittelmäßig. Die lustigen Toni kommen den Vergnügten zu, die traurigen den Verliebten und die mittelmäßigen den Hoffenden, und in diese Zahl der letztern bin auch ich eingeschlossen, weil ich stets in Hoffnung lebe.‹ Nach solchem Discurs brachte er der Dam immerzu Lieder aus den allertraurigsten Tonen. Dahero bekam die Dam Gelegenheit, ihn zu vexieren, denn sie glaubte, er müßte nicht allein hoffen, sondern auch verliebt sein. Er sagte, daß es mehr als wahr wäre, und sagte rundheraus, was seine Meinung sei.

Die Dam hielt es anfangs vor einen Scherz, aber der Schreiber legte ihr die Hand auf die Schoß, dadurch sie gezwungen worden, ihn zu verlassen und sich in ihr Zimmer zu begeben. Nun war dazumal unsere Amme noch eine Jungfer ...« – »Das weiß Sie mit keinem Eid zu bekräftigen, Fräulein Anna«, sagte Ludwig. »Nun,« gab ihm Fräulein Anna zur Antwort, »sie mag gewesen sein, wer sie will, so hatte sie doch dazumal noch keinen Mann, sondern wartete dieser Dam vor ein Kammermensch auf, welcher die Dam alles dasjenige geklagt, was der Schreiber mit ihr voll Begierde und Unsinnigkeit ohne alle Complimenten hätte vornehmen wollen. Das Rabenaas war so klug und legte des andern Tages der Damen ihre Kleider an, putzte sich in ihren gewöhnlichen Schmuck und erschien also vor dem Schreiber, welcher nicht änderst glaubte, als wäre es die Dam. Fängt darauf mit ihr an zu singen, und im Hinweggehen bittet er sie gar höflich um Verzeihung, versprechend, daß er ihr alle Vorteil in der Musik offenbaren wollte. Solches tat er, und die Amme lernete dazumal hauptsächliche Triller und Manieren von dem Schreiber, weil sich die Dam nicht mehr getrauet, in seine Gesellschaft zu kommen.

Endlich, als die Dame fast singen konnte, hielt der Schreiber um die vorige Gelegenheit aufs neue an. Die Amme hatte aber schon zum Vorrat drei Nadel unter das Vortuch an ein bequemes Instrument gemachet, daran der Schreiber mit der Hand hinangefahren wie ein Bauer mit einem Fuder Holz wider die Steinmauer. Er stach sich in die Finger, daß das Blut darnach lief ...« – »Wenn Sie auch ein solch Instrument darunter gehabt hätte,« sagte der Irländer zu der Erzählenden, »so hätte mancher zerstochene Finger davongetragen.« – »Bei meiner Treue,« sagte sie, »die Herren schrauben mich je länger je ärger.« Darauf schwieg sie still und wurde noch mehr ausgelachet als zuvor. »Ihr seid mir wohl die Rechten zusammen,« sagte die Frau von Pockau, »oh, man höret wohl, wie schön ihrs treibet.« – »Frau von Pockau,« sagte Isidoro, »kein Haar anders als der Schreiber.« Darüber lachten sie noch abscheulicher, und damit redeten sie noch allerlei, bis endlich die Tafel aufgehoben wurde.

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