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Teutsche Winter-Nächte

Johann Beer: Teutsche Winter-Nächte - Kapitel 23
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleTeutsche Winter-Nächte
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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VIII. Capitul. Caspia wird begraben.

Wer sich die Buß ein Ernst läßt sein,
Geht vor dem Tod das Leben ein.

Indessen hatte ich allerlei Mittel ersonnen, mir die verdrüßliche Zeit zu verkürzen, denn es ist gewiß, daß das Verlangen einen Augenblick oftermalen zu einer Stunde machet. Derowegen reisete ich bald da-, bald dorthin, weil ich durch solches Mittel einen absonderlichen Weg fand, meinen häufigen Grillen zu entgehen. Ich bauete mir dazumal unzählig viel Schlösser in die Luft, und glaube schwerlich, daß sich ein großer Potentat noch so viel Ratschläge geschmiedet, als ich dazumal in Hoffnung meiner künftigen Fortun getan. Dazumal wurde ich erst gewahr, was es hieß, glückselig sein, aber die Wahrheit zu bekennen, so war ich doch noch nicht also zu heißen, weil meine völlige Vergnügung noch an der zukünftigen Zeit gehangen, welche den Menschen ungewiß zu sein pfleget. Die Schönheit der Caspia stund mir immer in Gedanken, und dahero konnte ich auf nichts anders als ihre angenehmste Gestalt bedacht sein. Solchermaßen verbrachte ich alle meine Zeit in den Liebesgedanken und verschwendete durch den Essig meiner noch unvergnügten Zustände gar viel Perllein derjenigen Sachen, die ich zu meinem bessern Nutzen billig hätte anwenden sollen.

Des Tages setzte ich mich wohl zwanzigmal über die Landkarten. Bald meßte ich mit dem Circul, bald mit der Nadel die Örter ab und fand schon eine Zufriedenheit in der bloßen Ansehung der Gegend, wo sich meine Caspia enthielt. Wahr ist es, daß ich dazumal ein rechtschaffener verliebter Narr war, derowegen schätze ichs unvonnöten, den Leser mit solchen Sachen zu beschweren, welche nichts als eine eitle Torheit mit sich zu führen pflegen, sondern werde dermalen fortschreiten, zu erzählen meine folgende Begebenheit. Es strichen etliche Tage hinaus, als sich Isidoro an dem Ort befand, allwo wir zusammenzukommen verlassen hatten. Er erzählete mir wohl dreißig wunderliche Streiche, die ihm indessen in der Fremde zugestoßen, und in solcher Erzählung brachten wir eine ziemliche Zeit auf der Rückreise gegen das Schloß und Rittergut der Caspia. Ich stellte ihm ingleichen vor, wie gar wunderlich das Glück mit mir gespielet hätte und auf was vor eine Art ich mich indessen durchgebracht, über welcher Erzählung er gleichfalls großes Vergnügen hatte. Wir kehrten eines Abends mit unsern Pferden in einer Herberg ein, welche von dem Schloß der Caspia nur noch etliche wenige Meil Weges abgelegen war. Daselbsten satzten wir uns zu Tische und verstunden von einem Landreisenden, daß vergangenes Tages eben auf dem Gut, da Caspia wohnete, eine Leiche aus dem Schlosse geführet worden, welche mit großen Ceremonien in nächstgelegener Stadt allerehestens würde beigesetzet und begraben werden. Aus der Rede dieses Reisenden konnten wir wohl schließen, daß es keine niedrige Standesperson gewesen. Dahero fragte ihn Isidoro, ob er nicht wisse oder gehöret hätte, wer diese Leiche oder von wannen sie wäre? »Monsieur,« gab der Fremde zur Antwort, »es ist eine ledige Dam von adeligem Stande namens Caspia, welche, wie mich die Leute berichtet, kürzlich gestorben. Und weil ich gestern ohnedem vorbeireuten mußte, blieb ich so lange daselbst stehen, bis die Sach vollzogen ward, in Erwägung, daß ein Reisender sich deswegen in der Welt herumtut, allerlei Begebenheiten, wie und wo sie sich auch zutragen mögen, zu besehen und darauf zu merken.«

All mein Lebtag ist mir kein solcher Stich durch das Herz gegangen als eben, da der fremde Gast uns eine so gar unverhoffte Zeitung vorbrachte, die alleine stark genug war, mir den Geist aus dem Leibe zu jagen. Isidoro erblaßte im Angesicht wie ein weißes Tuch, daraus der Fremde leichtlich schließen können, daß ihm an der Erzählung seiner Historien ein merkliches müßte gelegen sein. Gleichwie aber die Bestürzung über einer Sache ein großes Verlangen erwecket, die gründliche Wahrheit zu erfahren, als satzten wir uns wieder zu Pferd, willens, in einem Currier dahin abzulaufen und zu sehen, wie es um die Caspia beschaffen sei. Die glaubwürdigen Worte dieses ehrlichen Mannes konnten wir nicht in den geringsten Zweifel ziehen, zumalen solches sein hohes Alter und Ehrbarkeit verbot, und ob wir auch solchem keinen Beifall gegeben hätten, fanden wirs doch mehr als wahr, da wir eben an einen Ort gerieten, allwo sie mit sechs Pferden kurz vor uns durchgeführt worden. Die Straße lag von unserm Weg auf rechter Seite ab, derohalben wandten wir die Pferde, der Leiche zu folgen und die Sache aus dem Grund zu erkundigen. Ich fing dazumal schon an zu weinen und konnte vor Tränen nicht sehen, wo ich hinritt, obschon Isidoro mich zweimal berichtet, daß er die Leiche fahren gesehen. In einem solchen Zustand sprengten wir hinnach, und Isidoro hatte kein geringes Mitleiden mit mir betrübtem Menschen, welcher sich durch das Glück gleich einem Federlein in der Luft hin und wider mußte drehen und wehen lassen.

Endlich ereileten wir solche mit Schmerzen nächst einem hohen Berge, allwo sie stille gehalten, damit die Pferde auf der Höhe nicht ermüdet würden. Man nahm aus den anbeiliegenden Bauerhäusern Vorspanne, und dahero hatten wir indessen Gelegenheit genug, uns mit demjenigen zu unterreden, welcher befehlicht war, die Obsicht zu halten. Es war ein Mann von ziemlichen Jahren, und er betrübte sich selbst über den frühzeitigen Tod dieser edlen Caspia, weil er nichts mehr bedauerte, als daß durch ihre Person der Welt ein ziemliches Stück kluger und vorsichtiger Weisheit aus dem Schoße gefallen.

Ich konnte vor allzu großem Schmerzen keine Tränen mehr vergießen oder hatte mich aufs wenigste schon dergestalten von denselben ausgeleeret, daß ich bei gegenwärtigem Zustand nichts als seufzen konnte. Hiermit wandte sich Isidoro zu mir auf die Seite, sagend: »Bruder Zendorio, du bist ein Mensch von schlechter Beständigkeit, wenn du dich nicht weißt zu schicken in das allergrausamste Unglück, so dir widerfahren mag. Die Tote aufzuwecken ist weder mir noch deinem Seufzen zugelassen. Darum ist es vergebens, daß wir uns bekümmern über eine Sache, die nicht mehr kann anders werden. Eine kurze Geduld überwindet ein langes Elend, und du wirst dich selbst trösten können, wenn du gedenkest, daß sie dich nur allein geliebet und vielleicht noch auf dem Totbett tausendmal gewünschet, daß es dir wohl und nach deinem besten Vergnügen gehen möchte.«

Nach solcher Rede des Isidoro beurlaubeten wir den Befehlshaber, und ich wußte nicht mehr, wo ich mich enthalten sollte. Ja, so sehr auch Isidoro an mir war, konnte ich doch keinesweges seines Willens werden, sondern entschloß mich, der Leiche zu folgen und mich alsdann selbsten zu erhungern, weil mich die Trauer dazumal dergestalten eingenommen, daß ich mich nicht scheuete, mir selbsten das Leben zu nehmen. Auf diesem Wege entschloß ich mich, zu meinem Vater zu reuten, auf daß ich aufs wenigste in diesem großen Schmerzen einige Linderung fühlen möchte, weil ich sonsten des gänzlichen Vorsatzes war, mich samt dem Pferde in eine See zu stürzen, dadurch ich in eine viel größere Pein und Qual würde gefallen sein. Aber Isidoro hatte gute Aufsicht, bis wir das Gut meines Vaters erlangten, auf welchem wir überaus stattlich empfangen worden.

Dieser Tag war der erste, an welchem ich meinen Vater habe kennenlernen, und er bat es mir unzähligmal, auch sogar mit vielen Tränen ab, ihm zu verzeihen, daß er mir so übels Geschicke durch seinen Aberglauben über meine Person gezogen. Er beweinete neben mir den plötzlichen Hintritt der alleredelsten Caspia und erzählete beinebens allerlei Ursachen, welche sie zu dem Tod gebracht, darunter die absonderliche Melancholey, welche sie wegen der Abwesenheit meiner Person geschöpfet, nicht die geringste gewesen.

Alle diese Erzählungen verwundeten mein Herz aufs neue. Derowegen begab ich mich auf dem Schlößlein in ein abgelegenes Zimmer, darinnen ich alle meine Zeit mit Seufzen und Ächzen zugebracht. Ich hatte nur noch eine Schwester von fünfzehen Jahren, die war sehr tugendsam erzogen, dieselbe tröstete mich nach ihrem kindlichen Verstand und wußte nicht, wie sehr der Verlust desjenigen Dinges schmerze, welches man sowohl aus dem Besitz als der Hoffnung verloren.

Der Vater selbst trauerte mit mir. Er weinete und stellete sich wegen meiner schmerzhafter, als ichs geglaubet hätte, daß ers sollte tun können. Meine Frau Mutter war ingleichen geschäftig, mich meines so jämmerlichen Schmerzens zu entledigen, aber ihre Gründe waren nicht genug, mir dasjenige aus dem Herzen zu heben, was sich mehr als zu tief darinnen eingesenket und gegründet hatte. Ich verschloß dannenhero das Zimmer und weinete ganz allein, ohne Trost und Hoffnung, wie der verlassenste Mensch unter der Sonnen.

Isidoro hatte sich indessen wieder nach Hause verfüget, welchem der Vater das Geleite gegeben und ihn gebeten, mich nach seiner Gelegenheit zu besuchen und zu sehen, wie er mich wieder zurechtbrächte, weil ihm an mir ein merkliches gelegen. Er glaubte auch gänzlich, so ich mir in solchem Zustand einiges Leid zufügte, daß er an solchem allen die einzige Ursach wäre. Nach solchem nahmen sie auf der Straße voneinander Urlaub, und mein Vater tröstete mich nach seiner Zurückkunft, soviel ihm anständig und möglich war. Ich aber wurde je länger je melancholischer und fand in dem Grund der Wahrheit, daß kein so lustiges Gemüt auf Erden zu finden, welches durch die Zustände einer unvergnügten Liebe nicht zu überwinden und mit den allerdickesten Wolken der Trübseligkeit zu überziehen wäre.

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