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Teutsche Winter-Nächte

Johann Beer: Teutsche Winter-Nächte - Kapitel 22
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleTeutsche Winter-Nächte
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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VII. Capitul. Zendorio wird ganz bestürzt über der Abenteuer, die ihm Isidoro erzählet.

Wir irren stets in unserm Wahn,
Wohl dem, der kommt auf rechte Bahn.

Mit den Ketten machte ich keinen langen Proceß, sondern versilberte sie zu meinem Vorteil bei der nächsten Gelegenheit, so sich an die Hand gab. Nach solchem eilete ich den Donaustrand hinunter, willens, mich in den Krieg zu begeben und zu suchen, ob mir da das Glück favorisieren wollte, gleichwie es willens gewesen, mich außer desselben in die Höhe zu schwingen. Zu Ende dessen nahm ich mir vor, in dem Feld ein wenig herumzuspazieren und in solchem Gang den endlichen Entschluß zu fassen, wie mir am besten durch mein zukünftiges Leben möchte geholfen sein. Ich setzte mich auf einen grünen Wasen unter den Schatten eines Baumes, als ich eine Gutsche daherfahren sah, auf welcher ich den Fuhrmann kennen sollte. Es war ebenderjenige, welcher bei dem Isidoro auf dem Schlosse gedienet hatte, und als ich etwas genauer Achtung gab, sah ich den Isidoro selbsten in der Gutsche sitzen.

Eben an dem Ort brach ein Rad entzwei, darum mußten sie halten, und unerachtet ich indessen wohl viermal bei der Gutsche vorbeispazieret, wollte mich doch Isidoro nicht erkennen, entweder weil meine Gestalt von dem starken Trauern und unaufhörlichen Melancholieren ganz verfallen war oder aber weil ich einen andern Habit anhatte. Endlich räusperte ich mich und rufte nur vor mich so hin: »Isidoro!« Sobald er solchen Namen nennen gehöret, siehet er mich etwas schärfer an, und: »Wett der Teufel,« sagte er, »was machst du hier? Du Tausendkerl, was tust du da? Bruder Zendorio, wie bekomme ich dich da zu sehen? Sehet doch, wie die Menschen so wunderlich zusammentreffen!« Auf solche Worte empfingen wir aneinander, und weil man erst aus der Stadt ein neues Rad mußte bringen lassen, gingen wir indessen hin in das Feld und unterredeten uns, was sich in meinem Absein zugetragen, weil ich nunmehr schon ein halb Jahr aus war.

Isidoro verwunderte sich anfangs sehr heftig über mich, daß ich mein eignes Glück so jämmerlich geflohen, als ich aber sagte, es würde ihm wohl, und zwar zur Genüge, bekannt sein, warum ich solches zu fliehen wider meinen Willen wäre gezwungen worden, fing er laut an zu lachen und sagte: »Bruder, setze dich ein wenig hier in das Gras, ich will dir sagen, wie du, die Caspia und der Schinder in dem Hause aneinander betrogen worden. Liebster Zendorio, du meinest, du bist eines Schinders Sohn, und dein Vater ist doch ein Edelmann in dem Lande von solchen Mitteln, als du selbst nicht weißt. Nachdem du aus dem Lande entflohen, wurde dir allenthalben nachgesetzet, und es sind noch etliche Posten aus, die deinem Namen nachforschen sollen, und allem Ansehen nach mußt du denselben verwechselt und verändert haben, weil man nicht einen Buchstaben von deiner Person erfahren können.

Dein Vater ist einer von Adel und wohnet eben auf dem Ort, da du meinest, von dem Schinder gezeuget zu sein. Er wird genennet Monsieur Pilemann und hat all sein Leben lang auf nichts mehrers als Wahrsagereien der Zigeuner und anderer Landfahrer gehalten. In deiner Geburt wurde ihm eben von einem solchen Landstürzer prophezeiet, daß, so er dich in deiner Jugend würde unter die Bauren tun, welche dich berichten würden, daß dein Vater ein Schinder sei, so würdest du ein Glück haben als kein Mensch im ganzen Lande, ja, sie logen ihm vor, du würdest noch im achtzehenten Jahr ein General über eine ganze Armee werden, und was dergleichen Lumpensachen mehr waren. Dein Vater glaubte den Stümpern mehr, als sie von ihm verlangten, dahero tat er dich noch in der Jugend unter die Bauren, welche dir diese Sache so weisgemachet, daß sie dich bis gegenwärtigen Augenblick gedrücket und gequälet hat.

In solchem Irrtum schickte man dich auf die Schule, und du wurdest dennoch keinesweges eines andern berichtet, dahero ist es geschehen, daß du diesen Fehler von Jugend auf vor die allergewisseste Wahrheit gehalten. Es wurde deinem Vater ferner vorgelogen, er solle sich dir nicht eher zu erkennen geben, bis du ein Monarch wärest, sonst dörfte es sein Leben kosten. Und weil er diesen Schwachheiten keinen geringen Glauben beigemessen, hat er sowohl sich als dich Selbsten betrogen. Ich gehe nun das andere alles vorbei, wie kümmerlich du dich mit gar wenigen Mitteln durchbringen müssen, welche dir von ihm, aber erst durch die sechste Person, übermachet worden.

Zu der Zeit aber, als du vor einem halben Jahr einen so glücklichen Zug an der Caspia tatest, gab sich die Gelegenheit, daß dort eine Kuh umfiel, wie dir selbst bekannt ist. Hat sich also dein Vater in die Gestalt des Puffers verkleidet und dir zuvor einen Schröcken, hernach aber desto größere Freude verursachen wollen, indem er viel glaubwürdige Zeugen bei sich hatte, dir deinen Scrupel zu benehmen. Aber du konntest des Ausganges nicht erwarten, und mich freuet von Grund meines Herzens, daß ich dich in dieser weit abgelegenen Landschaft auftreibe, und lebe versichert, daß ich viel eher sterben, als dich zurücke lassen werde. Caspia seufzet tausendmal um dich, und ich kann selbst noch etliche Lieder auswendig, welche sie in deinem Absein auf dich gemachet hat.«

Dazumal hatte ich Ursach und Gelegenheit, über die Erzählung des Isidoro mich recht zu verwundern. Ich stund von der Erde auf und sah gen Himmel, schlug die Hände ineinander, wurf den Kopf auf die Seite, seufzete und sagte: »Bruder, ist es möglich, was du sagest, und soll ich deinen Worten Glauben beimessen?« – »Ich betrüge dich nicht,« antwortete mir Isidoro, »und wollte wünschen, du wärest zu Hause, dann solltest du Ursach haben, dich zu verwundern.« Hatte ich nun zuvor nachgegrübelt, so grübelte ich darnach noch mehr nach. Aber Isidoro beredete mich gar leichtlich, mich dieser Narrheiten zu entäußern, weil man sich durch das Melancholisieren nur das Leben abfresse. Er hatte eine kleine Reise vor, Schulden einzufordern. Wenn ich mich acht Tage an gegenwärtigem Ort enthalten wollte, sollte ich mich indessen parat machen, mit ihm nach Hause zu reuten, und ein Paar Pferde bestellen. Zwischen solcher Rede wurde das Rad verfertiget, und Isidoro stieg wieder auf die Gutsche, nachdem wir zusammen verlassen, daß wir zwischen dieser Zeit an einem gewissen Ort zusammentreffen und miteinander nach Hause kehren wollten.

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