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Teutsche Winter-Nächte

Johann Beer: Teutsche Winter-Nächte - Kapitel 21
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleTeutsche Winter-Nächte
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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VI. Capitul. Macht sich aus dem Staub. Beweiset eine wunderliche Gegenlieb.

Unkeusches Herz verdirbt in Spott,
Die keusche Seel sucht Ruh in Gott.

Hier muß ich dem Leser seine eigene Mutmaßung passieren lassen, was vor ein wunderlicher Zustand sich nach meinem Hinscheiden auf diesem adeligen Hause erhoben. Zweifelsohne wird diese Zeitung weit und breit von mir ausgelaufen sein, und wird Monsieur Isidoro, Monsieur Ludwig und noch mehr andere Edelleute sich von Herzen geschämet haben, daß sie mit einem Schinder auf Brüderschaft gesoffen haben. Ja, die alte Edelfrau wird ihrem Sohn nicht einen Filz deswegen gegeben, sondern ihm wohl täglich, ja sogar stündlich vorgeworfen haben, daß er mit einem so liederlichen Teufel sich vermenget, welcher fast bei der ganzen Welt verhasset und verspottet war. Ich will nun nicht sagen von der großen und schmerzlichen Reue, welche die Caspia sich darum wird zu Herzen gezogen haben, daß sie mich nicht allein bei der Beschließerin vor ihren gewesenen Praeceptor, sondern hernachmals gar vor ihren eigenen Bräutigam gehalten und ausgegeben.

Ach, was wird wohl der Pfarrer mit dem Hochzeittext vor Grillen gemacht haben? Gewiß, die gute Caspia wird sich fast zu Tod geweinet und mich sowohl als ihren Unstern, welcher sie hierinnen ganz unvorsichtig betroffen, viel mehr als Millionen-tausendmal verfluchet und an den Galgen gewünschet haben. Und wenn mans etwas besser betrachtet, so hatte sie zu solchem gar keine unbillige Bewegung, indem der erste Liebhaber Faustus sich henken wollen und der letztere, als ich, Zendorio, ein gebornes Schinderkind war. Und was noch das Allerschlimmste in dieser Sache gewesen, so wußte sie sich in ihrem Gewissen überzeuget, daß sie sich aus freiem Willen ohne meine Zumutung mit mir verlobet und verbunden hatte, und konnte hier die Ungleichheit des Standes gar nicht schaden, weil ich ihr genugsam zu verstehen gegeben, daß ich viel zu niedrig wäre, ihr Mann zu sein. Aber, möchte einer sagen, ich hätte ihr vor dem Verlöbnis wegen meiner Geburt sollen Meldung tun, auf daß sie sich in diesem Hauptstücke wohl vorsehen mögen. Aber, lieber Leser, ich wollte kein solcher Narr sein, noch mir durch meine eigene Verräterei ein so köstliches Stück Brot vor dem Maul wegschneiden, zudem, so stund es auch noch dahin, ob sie diese Entschuldigung nicht vielmehr vor einen nichtigen Entschluß und keinnützige Ausflucht gehalten, dadurch ich sie an meiner Standhaftigkeit hätte können zweifelnd machen. Ja, ich hatte dazumal den Pfeffer rechtschaffen versalzen und war gänzlich entschlossen, all mein Leben lang nicht wieder zurückzukehren, noch mich in dieser Gegend meines Vaterlandes einzufinden, weil mich aufs wenigst ihre Freunde wegen dieser abscheulichen Beschimpfung würden aufreiben und aus dem Wege räumen lassen. Und hieraus hat der Leser zu lernen, was vor einer großen Unbescheidenheit sich diejenige unterfangen, welche sich unwissend aller Umstände aus einem bloßen Ansehen verlieben und hernachmals ohne Rat und Tat heimlich in einem Winkel ihren Ehecontract schmieden, daraus hernachmals Früchte entstehen, davon ein ganzes Land zu singen und zu sagen weiß. Ja, ich glaub es ungezwungen, daß man diesen Streich auf allen offenen Gassen an den Wochenmärkten wird abgelesen und gesungen haben, so sehr es auch diejenige verdrossen, die an ihrem eigenen Schimpf die größte Ursach war.

Ich habe zuvor gesagt, daß ich dem österreichischen Lande zugewallet, daselbst meine Fortun zu suchen, so gut es die Zeit und Gelegenheit leiden würden. Dahero hielt ich mich an keinem Ort lange auf, denn ich machte mir die Einbildung, Faustus würde mir aus übermäßigem Eifer schnell nachsetzen und mich auf dem Ort und der Stelle in Stücken und Fetzen zerhauen, allwo er mich anträfe. Allein ich forchte mich ganz vergebens, weil ich mehr als sicher dahin gelangte, wo sich meine Lust hingestrecket hatte. Es war mir alles Tun der Menschen zuwider, und ich wünschte mich lange tot und begraben zu sein. Einesteils plagte mich die Liebe, die ich noch zu der Caspia trug, andernteils beschämte mich die Offenbarung meiner Person. Dahero ging ich unter den Leuten herum wie ein Schatten und schrieb mir Selbsten zum Trost allerlei Verse, die ich nur ersinnen konnte. Wenns mir beliebte, sollte der Leser hier durch etliche Bogen nichts anders zu erfahren haben als etliche Carmina, die ich in meiner großen Trauer zu Papier gebracht; denn so einen fähigen Geist ich hatte, ließ mich doch die Schamhaftigkeit wegen meiner niedrigen und verachteten Geburt nicht hoch steigen noch auch beflissen sein, mich Selbsten in die Höhe zu schwingen, aus Furcht, ich möchte noch mit größerer Ungelegenheit heruntergestoßen werden, als bei diesem Verlöbnis geschehen. Brachte also meine Zeit dahin als ein Famulus und behalf mich bei einer Conditions-Person, die ich nicht nennen will. Sonsten dörften seinesgleichen glauben, ich hätte ihnen zum Praejudiz geschrieben, daß ihnen ein Schinderssohn aufzuwarten genug wäre.

Dazumal gedachte ich aufs neue zurück an die Veroniam und seufzete wohl tausendmal, daß ich mich nicht vielmehr in dem Gefängnis umbringen lassen, als daß ich mich Selbsten um nichts anders als meine eigene Geburt bekümmern mußte, die ich doch nicht anders machen konnte. Dahero sah ich klar, daß jeder Mensch seinen gewissen Ursprung hat, daraus er muß gepeinigt werden, so lang er lebet. Ich hatte weder gestohlen noch gemordet, weder geraubt noch die Häuser angezündet, so war ich auch sonsten mit keinem hauptsächlichen Laster behaftet, doch schmerzte michs unvergleichlich, daß mir durch meine Geburt verschlossen waren alle Türen, sowohl zur Ehre als zur Glückseligkeit zu gelangen.

Mein Herr hatte eine Frau, die war nicht gar zu richtig. Sie suchte allerlei Gelegenheit, mit mir zu reden, und gab ihre Meinung genugsam zu verstehen. Neben absonderlichen Ehrbezeigungen spendierte sie mir Geld und Kleider, doch also, daß ihr Herr nichts davon merkte. So war ich über dieses ein so verschwiegener Mensch, daß ich mir viel eher den Kopf hätte einschlagen lassen, ehe ich das geringste Wörtlein offenbaret. Aber als die Sache zu weit kommen wollte, offenbarte ich mich ihr im Vertrauen ganz aufrichtig und redlich, damit sie nicht länger betrogen und ich nicht weiter verführet würde. Aber die Frau fragte nicht allzuviel darnach, ich möchte gleich eines Schinders oder Henkers Sohn sein, sondern sie gab vor, sie liebte nicht meine Geburt, sondern meine Person, aestimierte nicht den Ursprung, sondern meine Qualitäten, denen ich gewachsen genug wäre. Dazumal wurde ich erst recht klug und muß bekennen, daß ich gleichsam erst anfing zu leben und kennenzulernen, in was vor einem schröcklichen Aberwitz und in was vor einer großen Irre wir Menschen hier auf Erden herumzuwandeln pflegen, die wir uns oft selbst nicht kennen noch unsern eignen Schimpf vermeiden.

Es waren ihrer mehr, welche diese zu besuchen pflegten, dahero entschloß ich mich; die Frau zu betrügen, ihr etliche Ketten zu stehlen und damit davonzulaufen. Schmeichelte mich dannenhero so viel an sie, als ich nur konnte, und brauchte gar keine Mühe, sondern dorfte nur den Schlüssel umreiben, so hatte ich zwei Ketten zu ergreifen, die etliche Mark wägten. Damit machte ich mich vor Tages davon, und vor meiner Abreise schlug ich alle Scheiben in dem Hause ein, zerriß mein Bettgewand, und wenn ich Feuer gehabt, hätte ichs Haus darzu angezündet. So feind war ich der Huren, welche wider alle Ehr und Ehrbarkeit sich an einen jeden Flegel angehänget und sich nicht gescheuet, mit mir als einem Schinderskind sich wissentlich in Gemeinschaft einzulassen.

Der Herr war von so großen Mitteln noch Gewalt nicht, daß er mir hätte können nachsetzen lassen, so eilete ich auch nicht gar sehr, weil ich durch den Raub dieser Ketten keinen Diebstahl, sondern nur eine kleine Züchtigung vorgenommen, aus welcher die schlimme, wilde und unzüchtige Frau lernen sollte, wie es ihr ins Künftige gehen dörfte. Sie hatte drei bis vier Töchter, aber es war keine besser als sie. Endlich wurden auch sie zu Huren wie die Mutter, und war nur der Unterschied unter ihnen, daß eine älter und die andere Hure jünger gewesen. Das beste war, daß ich meinen Namen verleugnet, indem ich mich anstatt Zendorio Fidrian genennet, dadurch man mich in der ganzen Welt nicht erfragen können, wenn anders das Lumpengesind auf mich etwas Hauptsächliches suchen wollen. Aber gleichwie sie die Hurerei vor keine Sünde hielten, also schätzten sie auch mein Tun vor keine Übeltat, wie es denn in der Wahrheit auch keine zu heißen war, weil ich die Hur durch diesen Griff nur ein wenig gestraft habe. Ich wollte, es würden dergleichen Stück mehr gepracticieret, so würden sich hinfüro nicht so viel Bestien auf den Messen einfinden.

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