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Teutsche Winter-Nächte

Johann Beer: Teutsche Winter-Nächte - Kapitel 20
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleTeutsche Winter-Nächte
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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V. Capitul. Er hat daselbst groß Glück und dahero Ursach, sich zu betrüben.

Oft manchen Menschen würgt die Gnad,
Ein Käfer stirbt am Rosenblatt.

Auf diesem Hause und bei so beschaffenen Sachen wurde ich gewahr, daß demjenigen, welcher das Glück hatte, die Liebe auch mitten in dem Schlaf über den Hals fiel. Denn unerachtet meines schlechtbeschaffenen Lebens und rechten Übelstandes liebte mich doch diese schöne Jungfer dergestalten, daß ich zweifelte, ob es vielmehr eine Glücks- oder eine natürliche Liebe zu heißen wäre. Sie befahl alsobald, ein Bad anzumachen, und nachdem solches in gegenüber gelegenem Zimmer zubereitet war, verschloß ich mich ganz alleine und säuberte mich geschwinde, soviel mir die Zeit Raum gab. Nach solchem brachte mir die Jungfer selbsten ein Kleid, welches vor diesem ihrem Herrn Vetter, als verstorbenen Besitzer dieses adeligen Gutes, zugehöret, damit ich solches an den Leib werfen und mit ihr zu Mittag speisen konnte. Sie hängte beinebenst einen kostbaren Bademantel nebenst einem seidenen Schlafrock an die Wand, dahero kann der Leser leichtlich bei sich selbst die Rechnung machen, daß es mir auf diesem Hause viel besser als auf dem Schlosse des Isidoro ergangen. Sie wusch mir selbst den Kopf und trücknete mir die Haar mit eigener Hand, und nachdem nichts mehr übrig war, gehet sie hinweg und hieß mich bald nachfolgen.

Eine solche Gestalt hatte es um mich dazumal, als ich fast nicht wußte, was ich tun oder lassen sollte. Eine so gute Gelegenheit war nicht wohl aus den Händen zu lassen, gestaltsam sie sich nicht alle Tage und kaum alle hundert Jahr einmal auch nur allein den Allerglückseligsten ereignet. Und solcher sich so unbesonnen zu unterfangen, war auch nicht gar ratsam, weil man sich in dergleichen Feuer leichtlich verbrennet, und ich ehedessen mit Isidoro auf dem adeligen Gut zu Peltzingen genugsam erfahren müssen, wie ein unverhofftes Übel sich derjenige auf den Rücken zu binden pfleget, der ohne alle Vorsichtigkeit herumzunaschen keinen Scheu träget. Stund dannenhero in tausend Sorgen und fand in der Wahrheit, daß auch der Mensch zu einer solchen Zeit mit den größten Grillen behaftet sei, welche seine glückseligste zu sein pfleget.

Ich zog mich an und fand vor mir solche Kleider, die ich weder durch Geburt noch durch meine Wissenschaft verdienen können. Jedennoch wollte ich dieser adeligen und schönen Dam nicht zuwider sein in einem solchen Zustand, da es mir am nötigsten war, meinen bloßen Leib zu bedecken. Ich hatte zwar Ort und Gelegenheit genug, meine Sorgen auf die Seite zu setzen, aber die vorige Ursach und noch eine andere, die der Leser bald erfahren soll, hielten mich gar billig an meiner Freiheit zurücke und machten, daß ich mich nicht wenig forchte. So gar ist der Mensch der Eitelkeit unterworfen, daß er auch in seiner allergrößten Glückseligkeit nicht vollkommen vergnüget sein kann, sondern es hänget ihm stets eine Makel an, die ihm durch seine eigene Einbildung verdrüßlich wird. Ich kam in das Zimmer, allwo der Tisch gedecket und die Speisen schon aufgetragen waren. Sie hieß den jungen Knaben beten, und bei ihrer Beschließerin gab sie vor, daß ich vor diesem ihr Præceptor gewesen.

Es ermangelte nicht an der geringsten Höflichkeit, so sie mir, als eine adelige Dam, erweisen können, und unser Discurs war nichts als Ratschlüsse, wie ich ungehindert auf ihrem Schlosse verbleiben und sie mich genug bedienen möchte. Es ist gewiß, und wird es nur ein Unverständiges leugnen können, daß ich dazumal meinem Glück recht in dem Schoß gesessen, denn die Dam ließ sich endlich heraus, sie wollte mich durch ihre Mittel adeln lassen und hernach zum Ehemann annehmen. Diesergestalten hatte ich einen Vorschlag von hunderttausend Reichstalern.

Nach Tische redeten wir etwas mehr von der Sache, und sie führte mich mit sich in ihr Cabinet, allwo ich alle kostbare und rare Sachen, so sie von ihrem Vetter geerbet, zu sehen bekam. Die Ducaten lagen in einem sonderlichen Schrank, in welchem Fach auch die Ringe und andere Kleinodien verschlossen waren. Das übrige Currentgeld stund in versiegelten Säcken, welche in eiserne Kisten eingeleget waren. Sie wies mir beinebens eine Kiste von einer Elle, so mit Reichstalern durch einen Hammer ganz voll angeschlagen war, also daß man keinen mit der Hand herauskriegen konnte. Die Ställe stunden voll Vieh, und der Boden lag voll Getreid, ohne was sonst in Mobilien und anderer Barschaft da war. Sie hatte drei Dörfer und in jedem achtzehn bis zwanzig Bauren. Desgleichen hatte sie Gerechtigkeit, zwei Gehege zu jagen und vier Teiche zu fischen, aus welchen jährlich alleine vierundvierzig Centner Karpfen zu verkaufen wären.

In einem solchen Stand befand sich ihr Vermögen, und ich wollte einen Finger aus der Hand darum gegeben haben, wenn das Gut und diese Gelegenheit mir außer Landes oder gar hundert Meil Wegs von dar zugestoßen wäre, dahero fand sie mich in allem sehr kaltsinnig, und sie konnte sich verwundern, daß ich so traurig war. Ich seufzete öfters, aber ob sie gleich nach allen Kräften um die Ursach fragte, wollte ich doch nicht heraus, sondern gab vor, die zuvor auf der Reise ausgestandene große Kälte bekäme mir so übel, daß ich eine bevorstehende Krankheit daraus urteilete. Sie gab mir auf solches Vorgeben kostbare Medicin ein und pflegte meiner nach aller Möglichkeit, daraus ich mit Verwunderung verstehen müssen, daß dieses liebe Kind mit mir nicht anders als ihrem leiblichen Bruder umging, aber es war mir doch nichtsdestoweniger recht übel bei der Sache, und hätte über mein eigenes Verhängnis selbst weinen mögen.

Solchen Zustand erlitt ich auf dem Hause bis in den vierten Tag, als sie mit Gewalt an mich setzte und mich dahin brachte, daß ich ihr zusagte, sie zu ehelichen. »Adelige und schönste Jungfer,« gab ich ihr zu verstehen, »Ihre große und ungemeine Qualitäten verdienen einen Cavalier, welcher meiner Wenigkeit weit vorzuziehen ist. Ich bin nicht reich, nicht schön, nicht klug, nicht verständig und weiß also kein Mittel, Ihre Holdseligkeit zu vergnügen, über welches ich billig Ursach zu seufzen habe. Weil Sie aber zu meiner Person so sehr getrieben wird, bin ichs zufrieden, Sie also zu vergnügen, als es mein Vermögen zulassen wird. Ich habe mich billig zu erfreuen über ein solch hohes Glück, welches nicht jedem entgegenlaufet. Aber zum Behuf meiner Niedrigkeit schwöre ich hier einen hohen Eid, daß ich von mir Selbsten nicht getrachtet, Sie zu ehelichen, wo ich nicht, Ihr eigenes Verlangen zu stillen, mich höchst schuldig befunden, das große Glück samt Ihrer Person demütigst zu umfassen und Ihr durch mein ganzes Leben als ein gehorsamer Diener aufzuwarten.«

Caspia, so hieß sie mit Namen, war über meine Antwort höchst vergnüget, und weil es zu diesen Zeiten ohnedem der Gebrauch war, stille und heimliche Hochzeiten ohne Wissen und Willen der Befreundten, ja, wohl auch ohne Consens des Vaters und der Mutter zu machen, als verehrete sie mir einen Ring von zehen Kronen, und über drei Tage wollte sie welche von ihren besten Freunden hieher rufen und die Hochzeit vollziehen lassen.

Nun war ich auf einer solchen Stufe, auf welche noch der zehente nicht gestiegen, ich wußte nicht, wie mir selbst war, denn es ging mir vor, daß ich so geschwinde wieder hinunterfallen würde, als ich hinaufgestiegen. Hätte ich gewußt, daß es so weit mit mir kommen sollte, ich wollte mich nimmermehr so herausgelassen haben, denn ich gedachte etwan dadurch ein gutes Trankgeld davonzutragen. Aber die Dam war schon zu heftig in mich verliebt, bin derohalben nur deswegen unglückselig zu nennen gewesen, weil mir das Glück gar zu wohl gewollet hat.

Man machte auf dem Hause allerlei Zubereitungen, und dem Pfarrer war schon der Text geschicket, welchen er bei der Trauung auslegen sollte. Indem trägt sichs zu, daß ein Stück Rind umfället und verrecket. Weil es nun bei gegenwärtigen Zeiten bald mußte aus dem Hofe geschaffet werden, holete man den Schinder, und zu meinem Unglücke war ich gleich dazumal mit der Caspia in dem Keller, weil ich daselbsten den Wein auskosten sollte. Sobald wir wieder zurückgelanget, gehet der Schinder durchs Haus, und als er mich sah, grüßte er mich und sagte: »Sohn, wo kommt Ihr da her?« Ich konnte es nicht leugnen, daß er mein rechter Vater wäre, darum kann der Leser gedenken, wie ich nebenst der Caspia erschrocken. Ich wurde wie ein Schnee und Caspia feuerrot. Der Schinder aber lachte und hieß mich mit der Hand willkommen. Ich dankte ihm und gab einen Wink, aber die Sache war schon zu grob am Tage.

Caspia wußte nicht, an wem sie war, und ich eilete vor Spott und Schand auf und davon, so schnell ich auch nur eilen konnte. Mein ganzer Reichtum bestund in dem Ring, den sie mir auf die Ehe gegeben, welchen ich in nächster Stadt verschacherte und meinen Weg den österreichischen Landen zu nahm. Sie hat mir einen langen Weg auf der Straße nachgerufen, ich sollte zurückbleiben, daraus ich noch verstehen konnte, daß sie mich dennoch liebte; aber ich sah mich nicht einmal mehr um und glaube, es wird den Schinder wohl tausendmal gereuet haben, daß er sich sowohl als mich durch seinen Gruß eines so merklichen Glückes verlustig gemachet. Und ebendieses ists, warum ich zuvor so traurig gewesen, nämlich, weil ich geforchten, ich möchte offenbar werden, daß mein Vater nicht weit von dem Ort ein Schinder war, welches ich dem Isidoro noch nicht geoffenbaret hatte.

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