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Teutsche Winter-Nächte

Johann Beer: Teutsche Winter-Nächte - Kapitel 18
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleTeutsche Winter-Nächte
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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III. Capitul. Ludwigs Gasterei. Was dem Zendorio dabei begegnet.

Die Trunkenheit macht matt und träg,
Wo Wein eingeht, geht Witz hinweg.

Noch diesen Abend bekamen wir durch einen Laquay in einem blauen Rock ein langes Schreiben von Herren Ludwigen, welcher nunmehr entschlossen war, die Mahlzeit anzustellen, darauf wir uns bis daher so greulich gespitzet hatten, indem wir willens waren, uns auf solcher rechtschaffen lustig zu machen, und zwar so sehr, als wir noch niemals getan hatten. Isidoro versah mich mit sauberm und reinem weißen Gewand, er machte mir eine Parücke zurecht, ließ vor mich einen wackern Gaul satteln, Geschoß und Zeug fertig halten, und in einer solchen Form erschienen wir beide auf dem Schloß, diejenige Lust zu genießen, auf die wir so lang mit Verlangen gewartet hatten. Ja, wir hatten indessen auf unserm Schlosse gar oft mit der Karte gespielet, wer unter uns beiden den mehrsten Wein aussaufen sollte; und dergestalten gingen die Unkosten über niemand als Ludwigen, es möchte gleich verspielen oder gewinnen, wer da wollte.

Ich halte es gar vor unnötig, mich lange bei demjenigen aufzuhalten, davon sich der Leser selbst wird berichten können. Ich meine die absonderliche Höflichkeit, welche uns Monsieur Ludwig bei unserer Ankunft erwiesen. Er hieß uns seine Tausendbrüder und rechte Galgenvögel, so wir nicht von Herzen bei ihm würden lustig und guter Dinge sein. Das Zimmer, in welches er uns logierte, hing voll mit achtundneunzig Bildnissen von Narrenköpfen, und sobald wir hineingetreten, sagte Monsieur Ludwig: »Ihr Herren Brüder, nun sind hundert herein!«, und damit schloß er die Tür zu und ließ uns alleine stehen. Wir mußten über die Capricen des artlichen Menschen von Herzen lachen, und als der Knecht unser Reisezeug heraufbrachte, berichtete er uns, welchergestalten gar viel Frauenzimmer und andere Edelleute auf Pferden und in Caleschen angekommen, so zweifelsohne zu diesem Gastgebot würden invitiert und eingeladen sein.

Man holete Spielleute, soviel man in der Nähe finden und bekommen konnte, und diese fingen allzugleich ihre Fiedelei an, einer in diesem, der andere in jenem Winkel. Ja, es stunden sogar welche in den Dachfenstern, in welchen sie ebenmäßig aufgeigten, so gut sie es gelernet hatten, denn Monsieur Ludwig hatte fast in die zweiundvierzig zusammengebracht, davon er welche vor die Secret und heimlichen Gemächer stellete, auf daß sie denjenigen, welche in solchen ihre Notdurft verrichteten, den Pergamasca darzu aufspielen sollten. Er kleidete sie an wie Satyren, und sie sahen so abscheulich häßlich, daß sich ein schwanger Weibesbild gar leichtlich hätte versehen können.

Man machte an der Tafel eine bunte Reihe, und es fehlete nicht viel, so hätte ich mich bei einem Haar verliebt, so ich nur gewußt hätte, in welche ich mich am meisten verstricken sollte; denn das Frauenzimmer war fast gleicher Schöne und Höflichkeit, auch von gutem Esprit, daß sie wohl zu unterscheiden wußten, was aus Vexation oder aus Ernst gemeinet war. Es ist nicht sattsam zu entwerfen, wie gar einig und fröhlich die ganze Compagnie war, und uns war nichts Liebers, als daß die alte Edelfrau wegen zugestoßener Unpäßlichkeit nicht bei dem Schmaus sein können, dahero dörfte Isidoro den Hasen nach seinem Gefallen laufen lassen. Das anwesende Frauenzimmer war erwünscht vergnüget, und ich glaube, daß sich auf dieser Zusammenkunft wohl dreißig Hochzeiten angesponnen, wie sie aber ausgeschlagen, weiß ich nicht zu berichten. Etliche soffen ewige Brüderschaft zusammen, aber es stunden kaum drei Wochen an, als wir hernachmals gehöret, daß sie sich auf Leib und Leben miteinander geschlagen. Ich selbsten kriegte nicht einen geringen Particul adeliger Personen zu Saufbrüdern, aber mein Intent stund meistens auf das Frauenzimmer, und daher hörete und vernahm ich kaum das zwanzigste Wort, was zu mir geredet ward.

Diese erwünschte Gelegenheit gab mir Ursach, mich zu entschließen, mich diesen Abend noch mit einer Damen, sie möchte auch sein, wer sie wollte, in eine vertraulichere Bekanntschaft einzulassen, richtete dahero mein Absehen bald hin und wider. Denn weil sich dergleichen Gelegenheit nicht täglich präsentierte, hielt ich es vor eine absonderliche Vorsichtigkeit, sich die Pfeife zu schneiden, da man noch in dem Rohr sitzet, weil die hinweggegangene Gelegenheit so wenig als die abgewichene Zeit sich zu ereignen pfleget. Dahero hielt ich vor das Ratsamste, mein Glück zu versuchen, weil sich durch dieses manch elender und armer Bärnhäuter wohl eher in die Höhe und emporgeschwungen. Und ob ich auch gleich keiner von Adel, noch auch keines Mesners Sohn – davor ich mich zwar bei Isidoro ausgegeben hatte –, sondern von einem solchen Geschlecht war, darüber sich der geneigte Leser kurz hernach selbst verwundern wird, so hatte ich doch wohl solche Qualitäten an mir, damit auch wohl mancher Großhans nicht begabet war. Ja, ich hätte auch dazumal ohne allen Zweifel durch meine angenehme Art ein Frauenzimmer über den Tölpel werfen und mir anhängig machen wollen, so ich nicht von Monsieur Ludwigs Compagnie dermaßen zeitlich mit Weine zugedecket worden, daß ich endlich keine Katzen mehr erkennen können, sondern wohl darzu einen weißen Hund vor einen Müllerknecht angesehen habe.

Dergestalten wurde ich zu fernerer Ergötzlichkeit ganz untüchtig gemachet und hörete nur gleichsam in dem Traum, wie lustig sie auf dem Tanzsaal nächst meiner Kammer herumsprangen. Weil ich auch nicht wußte, was ich tat, stund ich auf und ging also in dem Hemd auf den Saal, darob das Frauenzimmer dergestalten erschrocken, daß sie teils in die Zimmer, teils über die Treppe hinuntergeloffen. Isidoro brachte mich endlich noch zurecht, und ich wußte so lang nichts von der Sache, bis er mich den folgenden Morgen berichtet, daß ich alle Leute erstechen und tothauen wollen. Er vermeldete anbei, daß man mir hinten und vornen durch das Hemd gesehen, weil ich solches vor Ungeduld in Stücken zerrissen hätte. Ja, was das Allerschlimmste war, so war in demselben hinten her ein so abscheulicher großer gelber Fleck gewesen, darüber sie sich fast krank gelachet, absonderlich aber hätte das Frauenzimmer gefraget, was das vor ein grober Flegel sei. Aus der Rede meines Bruders Isidoro verging mir aller Mut, fast wie jenem, der mitten in dem Meer auf einem Felsen gesessen und mit seiner Laute heruntergestürzet.

Monsieur Ludwig machte mir noch größere Possen, denn er brachte ein Hemd in meine Kammer und schwur hoch und teuer, das Frauenzimmer sendete ihn damit hieher, sie hätten sich gestern mit Verwunderung meiner Blöße erbarmet, und hiermit wollten sie mich mit einem schlechten Frühstücke beehret haben. Ich glaube nicht, daß so viel Federn in dem Bette gewesen, als vielmal ich mich vor großer Ungeduld hin und wider gewendet, denn ich fand, daß Isidoro ganz nicht gelogen hatte, weil ich mein Hemd wohl in tausend Stücken zerrissen sah. Ich konnte mich auch noch zum Teil entsinnen, daß ich auf den Saal gekommen, wie aber und auf was Weise man mich wieder zu Bette gebracht, davon hatte ich nicht die geringste Wissenschaft. Bald kam gar eine ganze Compagnie Frauenzimmer vor die Kammertür und machten mir zu Ehren Pfaffutianische Verse, darüber ich im Bette vor Scham zerspringen mögen, resolvierte mich dannenhero, heimlich in den Stall zu gehen und allen unwissend davonzureiten.

Zu solchem gab mir keine geringe Ursach die große Beschimpfung und Calumnien, die ich in voller Weise wider etliche Cavalier herausgestoßen hatte. Denn sobald ich in den Stall kam, berichteten mir hiervon die Knechte, welche dabeigestanden hatten. Isidoro hat es, vielleicht aus Höflichkeit, gegen mich verschweigen wollen, aber mir war die Sach dermaßen zuwider, daß ich mich auch nicht die geringste Viertelstunde länger auf diesem Schlosse zu enthalten verlangte, setzte mich dahero zu Pferd und ritt immer davon, daß es stäubte. Der schnelle Lauf nahm mir den Hut, aber ich sah mich nicht einmal zurück, unerachtet mir alle Cavalier, ja das Frauenzimmer selbst nachgerufen, aber ich hörte und sah nicht mehr.

Sie schickten zwei bis drei Kammerdiener nach mir, aber sie hatten zu tun, daß ich ihnen mit der Klinge nicht über die Köpfe herwischte, so grausam war ich außer mir selbst. Und damit es nicht das Ansehen hatte, als wollte ich einen Pferdraub begehen, ritt ich heim in das Schloß, stieg ab und gab dem Torwärter das Zeug in Verwahrung, bat auch, Herrn Isidoro zu vermelden, daß ich hiergewesen und ihn hinfüro so bald nicht wiedersehen würde. Auf eine solche Weise ging ich von dem Schloß hinweg und machte mir wunderseltsame Grillen. Ich wollte gern ein Finger aus der Hand darum geben, daß ich niemalen zu dieser Gesellschaft gekommen noch, sie mit einem Auge gesehen hätte. Aber es war geschehen, ob sich schon niemand so sehr als eben ich durch mich selbsten beschimpfet befand. Meine Zehrung war so groß nicht, deswegen mußte ich mich behelfen, so gut es der Säckel litt, und solchergestalten vagierte ich von einem Pfarrhofe zum andern, wohl wissend, daß alle Geistliche derjenigen Schuldner seien, welche mit Supplicationen zu ihnen kommen.

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