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Teutsche Winter-Nächte

Johann Beer: Teutsche Winter-Nächte - Kapitel 17
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleTeutsche Winter-Nächte
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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II. Capitul. Wie sie beide die Zeit passiert. Der andere Teil der Poesie.

Wer bei dem Ofen sitzen kann,
Hats besser als ein Wandersmann.

Es ist gewiß keine geringe Lust, einen arglistigen Vogel arglistig zu fangen, dahero kann sich der Leser leichtlich einbilden, welch eine Freude wir in dem Herzen empfunden, daß wir unsere Schläge wieder an den Mann gebracht haben, und zwar eben an diejenige, auf die es ursprünglich angesehen war. Wir hätten uns noch einmal so vergnügt befunden, so wir nur gewußt hätten, was sich doch die zwei Edelleute als auch der Rittmeister selbst nach empfangenem Brief vor Mutmaßungen gemachet, denn wenn ich die Wahrheit bekennen will, so hat sich unter allem demjenigen, was sich bis auf gegenwärtige Stunde in diesem Schloß mit mir und dem ehrlichen Bruder Isidoro zugetragen, keine solch lustige Abenteuer als eben diese begeben, darüber ich wohl tausendmal lachen müssen.

Diesen Tag bekam Isidoro ein neues Kleid, welches eine ganz sondere Mode war. Er hat sichs selbst inventieret und dem Schneider ein Model vorgerissen, nach welchem ers verfertigen müssen. Jedennoch nahm er sich vor, bei ehester adeliger Zusammenkunft beständig vorzugeben, als wäre es die neueste französische Mode, da wollte er auf tausend Taler parieren, daß nicht vier Tage ins Land gehen würden, da man schon ein Dutzet dergleichen an jungen Edelleuten zu sehen bekäme. Auf eine solche Art rüsteten wir uns aus, weil wir Bericht empfangen, daß der Edelmann, so die Ducaten verwechselt, künftiger Tagen seine versprochene Mahlzeit halten würde, dabei wir dann die Hauptpersonen präsentieren sollen.

Inzwischen suchten wir unsere Ergötzlichkeit auf der Wildbahn, und weil sich ein Laquay auf dem Schlosse enthielt, welcher ehedessen ein Wildhetzer gewesen, bekamen wir Gelegenheit, die Hasen aufzusuchen, weil dazumal eine ziemliche Kälte einfiel und allgemach mit Gewalt der Winter herzu nahete. Frühmorgen, ehe die Sonne aufging, waren wir mit unsern Windhunden schon zu Pferde und ritten neben den Weinbergen eine Seite hinab, die andere wieder hinauf. Zuweilen hebte sich ein Has nahe, zuweilen auch ferne, aber wir holten sie mit den Hunden bald ein, und hätten sie sich auch auf hundert Schritt vor den Pferden aufgehoben. Den Bauren und Dorfleuten ritten wir durch Kraut und Rüben, und sagten sie was, so schmissen wir sie mit der Carabatschke noch darzu über den Rumpf, bis der Staub davonging, unerachtet wir zuvor Schaden genug verursachet hatten.

Als wir dieser Lust bis an den Mittag hin genossen und die Hasen zu Wald gezogen waren, fanden wir uns wieder in dem Schloß ein und vertrieben nach dem Mittagmahl die Zeit mit Brett- oder Kartenspiel. Unterweilen schossen wir auch mit dem Pirst-Rohr nach der Scheibe, und die Edelfrau sah gar gern, daß ich ihrem Sohn Gesellschaft leistete, weil er sonsten gewohnet war, in die umliegende Städte zu verreisen und daselbsten in einer Nacht oftermalen so viel Geld zu verspielen, welches er in Jahr und Tag nicht wiederum zu gewinnen wußte.

Unterweilen setzte ich mich wiederum über die Bücher, und weil ich bei dem warmen Ofen meine Zeit nicht besser vertreiben konnte, passierte ich solche mit Lesen, denn die Wahrheit zu gestehen, so hatte ich aus solchem Fleiß mehr Nutzen, als ob ich zwölfmal in ein Collegium gegangen und daselbsten dem pro und contra zugehöret hätte. Ich bekam zu meiner absonderlichen Vergnügung den Schlüssel zu sehen, welcher eben an dem Kasten stackte, darein Isidoro vor zwei Tagen die wunderliche Reguln der Poesie verschlossen hatte. Dannenhero eröffnete ich solchen und fand gleich von vornen das Buch stehen, über welches ich mich zuvor so sehr ergetzet. Wo ichs nun zuvor gelassen, da fing ich aufs neue wiederum an, weil man unter Verlust einer großen Annehmlichkeit nicht wohl eine einzige Zeile unterlassen konnte. Es waren aber folgende Reguln dieses Inhalts:

Nachdem wir nun genug geredet von den vier Figuralismis, muß man notwendig zu einer höhern Scienz, welche bestehet in Ausmessung und Erkenntnis der Füße, schreiten und gehen. Die Füße sind aber viererlei, unter welchen zwei Directi und zwei Indirecti genennet werden.

Die directi sind wieder dreierlei, und wird die erste Art derselben genennet curre cito, das ist: solche Füße, die geschwinde laufen können, gleichwie etwan der Renntiere, Hirsche oder auch die Schweinfüße, denn es ist klar und braucht keines großen Beweises, daß die Schweine fix genug laufen können, sofern sie einmal recht erhitzt sind.

Weil nun, originaliter davon zu reden, diese Verse curre cito heißen, so werden sie mit einem Wort Currecitianische Verse genennet und müssen viel geschwinder gelesen und ausgesprochen werden als die obbeschriebene Pfaffutianische Choral-Poesie, als zum Exempel:

Reuten und reuten und reuten zu Pferd
Ist doch die köstlichste Lust auf der Erd.

Diese Art recht zu exprimieren, wäre vonnöten, daß man ein geschwindes Tripla-Zeichen davor setzte, wie die Musici zu tun pflegen, wenn sie den Tact geschwinde anzeigen wollen. Dahero ist mein getreuer und wohlgemeinter Rat, daß sich beileib keiner über dieses genus mache, welcher eine langsame Zunge oder Feder führet.

Die andere Art der Füße, so directi sind, heißet und wird insgemein genennet tardianisch, das ist: langsam und fein sachte, und wird diese Art Verse der vorigen e diametro entgegengesetzet, wie ich denn beileib keinem will geraten haben, solches genus Carminis geschwinde auszusprechen, sondern ganz langsam, gleich als ob einem die Zunge abgehauen wäre, auszusprechen, als exempelweis:

Langsam ... langsam ... liebes Kind!

Folgender Vers muß schnell gelesen werden, denn er ist ein Currecitianischer:

Du eilest vergebens so schnell und geschwind!

Wenn man diese zwei Vers nicht recht, und zwar jeden nach seiner Art und Natur, gelesen hat, ist es nötig, daß man solche noch einmal wohl betrachte und alsdann regelmäßig überlese.

Die dritte Art dieser Verse ist intelligenzisch, das ist, welche ohne Ausdrückung der Wort verstanden werden, als Exempli gratia:

Du meinst, du bist der Kriegsgott Mars,
Komm her und lecke mich ...

Da versteht es sich von selbst, daß es heißen muß: im Arsch. Denn dieses ist die Natur dieser intelligentianischen Verse, daß mans auch wider seinen Willen verstehen muß. Will noch ein Exempel geben, auf daß ich dem begierigen Discipel desto bessere Erleuchtung gebe:

Ich schieb mit dir nicht gerne Kegel,
Denn du bist gar ein ... ...

Da versteht es sich abermal durch obbenannte Figur, daß es heißen muß: grober Flegel. Und auf eine solche Weise wird der geneigte Liebhaber in dergleichen intelligentianischen Versen nach seinem eigenen Belieben fortzufahren wissen, nachdem ihm solches sein eigenes Gut-Gedünken erklären wird. Damit ich aber die Zeit nicht vergebens so hinwegstreichen lasse, muß ich, um bessere explication willen, nur noch ein Exempel hersetzen, quia per exempla via brevis est. Gebt Achtung, so kommt es hübsch:

Es ist an dir kein Härlein gut,
Du bist ein grober ...

Da versteht es sich intelligentianischerweis, daß es heißen muß: Funfzehn-Hut. Und dieses nennen etliche reservationem mentalem poeticam, und wenn mans betrachtet und recht bei dem Licht besiehet, so ist es zulässiger, als mit welcher sich etliche Scholastici so großgemachet, indem von ihnen ausgegeben worden, daß es ein sonderliches theologisches Stratagema sei, einen per reservationem mentalem tapfer hinter das Licht führen können.

»Wett der Teufel,« sagte Isidoro, als er zu der Stube hereinging, »bist du schon wieder über dem Buch?« Damit riß er mirs aus den Händen und sagte, er wollte mich lieber alle Bücher im ganzen Schlosse als dieses lesen lassen, weil es ein seiniger Vetter zum ewigen Schimpf der ganzen Freundschaft geschrieben und er sich ehedessen in den Trivialschulen wegen dieser Schrift trefflich hätte leiden müssen, indem der Autor die Schulfüchse nur zu scheren gesuchet und dort und dar solche Stiche ausgegeben, die ihnen in dem Herzen wehe getan. Es wäre besser, daß ein solch Buch im verborgenen bliebe als jedermann ohne Unterscheid in die Hände liefe, zumalen die glorwürdige Künste und absonderlich die Poesie ohnedem genugsam geschimpfet und bei vielen in einem üblen Verdacht wäre. Wäre also unvonnöten, daß man Läuse in den Pelz setzte und den Teufel an die Wand malete. Deswegen wollte er das Buch zu Staub und Aschen verbrennen. Und damit schmiß ers in Ofen. Mich aber reuete es wohl tausendmal, daß ichs nicht heimlich in die Tasche geschoben und mit mir incognito davongetragen hatte.

Dieses Mal konnte es aber nicht anders sein, und ob ich gleich einen Schürhaken genommen, dasselbe wieder aus dem Feuer zu kratzen, verhinderte mich doch Isidoro so lang, bis die Blätter allgemach angegangen und der ganze Tractat unbrauchbar gemachet worden. Zwar die Wahrheit zu bekennen, so hatte ich hieran nicht gar zuviel verloren, denn weil ich die Invention einmal gesehen, war es mir keine so große Kunst, dergleichen Reguln viel tausend, ja noch wohl lächerlichere zu schreiben. Denn ich fragte wenig darnach, ein anderer möchte von meiner Arbeit halten oder judicieren, was er wollte, wenn ich nur dadurch meine Grillen verjagen und meine langweilige Stunden verkürzen konnte, nach einer solchen Weise, die ich bei mir selbsten vor die vergnüglichste hielt.

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