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Teutsche Winter-Nächte

Johann Beer: Teutsche Winter-Nächte - Kapitel 16
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleTeutsche Winter-Nächte
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Der Teutschen Winter-Nächte
Zweites Buch

I. Capitul. Sie kommen hinter den Betrug. Gesalzene Prügelsuppe.

Die Rache triffet jedermann
Und oftmals den, der nichts getan.

Dieser stattliche Prügelschmaus, welchen wir gar zu wohl auf diesem adeligen Gut verdienet, indem wir, aus bloßem Vorwitz getrieben, nicht allein den Brief unrechtmäßig eröffnet, sondern noch überdieses dem Boten den Ranzen genommen, die Kleider angeleget und endlich gar unter verborgener Gestalt fremde Personen uns präsentieret. Darum hatten wir uns über niemand mehr als über uns Selbsten zu beklagen, die wir hierinnen der Anfang und das Ende unser eigenen Stöße waren. Bald mußten wir lachen, bald wiederum wegen der Schmerzen heulen und klagen. Einer vexierte den andern, und jeder meinete, der andere hätte die meiste Schläge empfangen, da doch einer so gut als der andere ist abgeprügelt worden.

Es hatte gleich Glock acht Uhr in die Nacht geschlagen, als wir uns ganz heimlich auf unserm Schlosse in die Torstube verfügten. Die Edelfrau wie auch die andern alle wußten nichts um die vorgegangene Masquerade, und dahero hatten wir gar gute Gelegenheit, die Kleider samt den Larven in den Ranzen zu stecken und den Brief, so gut wir konnten, wiederum zuzusiegeln. Es gelingte alles sehr wohl, und so gut wir die Sachen hinweggepracticieret, so gut brachten wirs wieder an die vorige Stelle, ohne daß jemand um den Betrug etwas gewußt hat. Der Bote kam endlich zu sich selbst, und weil ihm nach seinem eigenen Bekenntnis der hohe Fall in dem Rausch widerfahren, fühlete er nach seiner Ausnüchterung keine so große Schmerzen, weil man gemeiniglich in dem Trunk die empfangenen Schläge nicht so schwerlich, als die man ungetrunken bekommt, empfindet. Ja, es reuete uns Selbsten, daß wir nicht zuvor einen guten Salus angesoffen, ehe wir auf das Gut zu Peltzingen gegangen, allwo sie uns den Pelz ziemlich ausgeklopfet haben.

Er sagte, daß er sich nirgend als in dem Rücken verrenket hätte, deswegen wollte er seine Reise fortsetzen, müßte uns aber zur Dankbarkeit unserer erwiesenen Höflichkeit etwas vertrauen, welches nicht der zehente wüßte. Wir satzten uns zu ihm auf die Bank, auf welcher er sich allgemach aufgerichtet hatte, und glaubten, es würde vielleicht ein Kunststücklein sein, welche dergleichen Leute auf ihren Reisen hin und wieder zu erfahren haben. Aber weit einen andern Anfang hatte des Botens Rede, und wir merkten um so viel beflissener auf, je mehr uns die Sach anging.

»Gestrenge Herren,« sagte er, »ich bin ein Bot und wohne in dem Dorf zu Killingen, eine kleine Viertelstund von dem Dorf Gertzing. Daselbsten wohnet ein Rittmeister mit Namen Doppel, der hat drei Schwestern, so schön und zart, daß nichts darüber. Nun sind nicht weit von hier drei Edelleute lediges Standes auf einem Schlosse beisammen, die haben die Jungfern fast alle Wochen zwei-, dreimal, auch wohl öfter besuchet. Der Rittmeister ist gar ein spitziger Mann und hat immer geforchten, die drei Edelleute möchten ihm eine Schande antun, denn er hat bald diesen bei der und jenen bei jener Schwester alleine in der Kammer angetroffen. Er tat in der erst, als ob ers nicht achtete, aber endlich kamen sie auch über seine Frau, und weil der Rittmeister voll Eifersucht war, träumte ihm nichts Gutes.

Nicht lang darnach verbot er ihnen das Schloß, absonderlich aber den zweien, welche ziemlich hinter dem Hütlein zu spielen gewußt. Der dritte aber ist kein sonderlicher Liebhaber des Frauenzimmers und hält alle Weibesbilder sehr höhnisch, so höflich sie sich auch gegen ihm anstellen. Dieses bewog den Rittmeister, ihn vor den andern zu gedulden und wohl zu leiden, wollte doch wegen der beiden einem nicht günstiger denn dem andern sein, sondern verbot ihnen zugleich, daß sich keiner im Schloß sollte blicken lassen.

Die drei Schwestern stieß solches hart vor die Köpfe und wollten zu Bezeugung ihrer Freiheit dennoch löffeln, wo es ihnen am tauglichsten vorkam. Sie haben noch eine alte Mutter, weil sie aber Stiefkinder sind, gibt keine nichts auf sie, sondern tun, was ihnen anstehet und beliebet. Das merkte der Rittmeister und paßte gar oft auf die Edelleute, aber sie wichen ihm wohl zwanzigmal arglistig aus dem Garn. Ihr könnt gedenken, wie der Mensch so widerwillig geworden, dahero resolvierte er sich neulich änderst. Er bricht in seiner Schwestern Kammer und vermeinte da die Galanen anzutreffen, aber sie waren schon über alle Berge aus, ob er schon gewisse Kundschaft hatte, daß sie dagewesen. Letztlich setzte er sich über einen Brief, und zwar über diesen, so ich hier in der Taschen habe, malte auch die Hand seiner Schwester Susanna so ähnlich und scheinlich nach, daß der tausende nicht anders gedenken wird, als sei es eine Weiberhand.

Er hat sich aber mit achtzehn Soldaten, seinen Schwestern ganz unwissend, auf das Gut zu Peltzingen begeben, darinnen wird er sie erwarten und nach allem Ansehen jämmerlich zerklopfen. In diesem Ranzen liegen zwei Kleider und zwei Larven, und der Rittmeister hat mich selbst gebeten, die Sache noch so nötig zu machen und den zweien zu sagen, daß sie den dritten zu Hause ließen, weil er den armen Teufel nicht wollte in solchem Unglück wissen.

So ungern ich nun meines Nächsten Schaden suche, so muß ich doch etwas wider meinen Willen und Wohlgefallen tun, weil er mir sonsten gedrohet, eine Kugel durch den Leib zu jagen. Das bin ich versichert und gewiß, daß sie eine wackere Prügelsuppen bekommen werden, dergleichen sie nicht vermutend sind, denn die Soldaten sind alle vermummet und haben schon heute abend mit großem Verlangen ihrer Ankunft erwartet, aber wegen meines zugestoßenen Unglücks haben sie die Lust bis hieher noch versparen müssen. Nun bitte ich gar freundlich, die gestrenge Herren wollen mir sagen, was ich vor die unverdiente Aufwartung schuldig bin, weil ich mich ohne fernem Verzug aufmachen und die Sache zum Ende bringen muß.«

Dazumal hätten wir einen klugen Kopf gebraucht, welcher uns hätte raten sollen, was hierinnen zu tun wäre. Isidoro sah gern, daß die zwei Edelleute auch geprügelt würden, und wollte doch auch beinebens dem Rittmeister einen extra Possen reißen. Endlich sagte ich ihm in das Ohr, wie ich eine Invention ersonnen, daß wir beides zugleich gar leichtlich verrichten könnten. Wir ließen zu Ende dessen den Boten an das bestimmte Ort mit dem Briefe fortwandeln, und kann der Leser leichtlich erraten, was wir sowohl zwischen währender Erzählung als auch nach Vollendung derselben gedacht haben. Aber damit an der Sache nichts versäumet wurde, verkleideten wir uns beide, nahmen sechs Bauernknechte zu uns und paßten also vermummet in einer Höhle auf, allwo der Bot mit den zwei Edelleuten vorbei mußte.

Ehe wir aus dem Schlosse schieden, schrieben wir einen Brief folgenden Inhalts an den Rittmeister: ›Verfluchter Cujon! Dein Masquarada haben wir viel eher gerochen, ehe du sie zu Werk gebracht. Die zwei, so du abgeprügelt, waren Bauernflegel, die wir statt unser dahin geschicket, und dieser Bot wird dir schon zu sagen wissen, wie es ihm durch unsere List auf dem Wege gegangen. Wir werden zwar deine Grenzen nicht mehr betreten, aber lasse dichs gelüsten und komme auf unsern Mist, wir wollen dich gewiß brennen, daß dir der Dampf zu den Hosen ausgehet. Dieses schreiben wir dir zur Warnung.‹

Nach Verfertigung dieses Briefes begaben wir uns mit den bestellten Bauernknechten in die vorerwähnte Höhle, allwo wir so lange stehengeblieben, bis der Bot mit den zwei Edelleuten auf der Straße daherkam. Wir hielten uns mit unsern Knitteln sehr fertig, und als sie nahe an uns kamen, fielen wir zugleich hinaus und klopften sie ärger als die Stockfische, bis sie endlich gleichwie wir auf die Erde gefallen und um Gnade gebeten.

Dazumal gedachte ich an die vorgelesene Poesie, und zwar an das Genus Pumpidi, Pumpidi, Pumpidi, Pum, weil wir sie abscheulich zerklopfet haben. Der Bot wußte nicht, an wem er war, denn die Wahrheit zu gestehen, so hat er fast die meisten Schläge davongetragen, ja, wir droheten ihm, noch schröcklicher zu prügeln, sofern er uns nicht bei Treu und Glauben zusagte, daß er unsern Brief dem Rittmeister Selbsten in die Hände überliefern wollte. Er versprach dieses nicht allein, sondern wohl noch ein mehrers zu tun, wir sollten ihn nur dieses Mal mit Schlägen verschonen, weil er kurz zuvor über einen Berg herabgefallen. Hiermit gaben wir die Losung, hinwegzulaufen, und verstreueten uns auf dem Felde, einer da-, der andere dorthin. Ich begab mich mit Isidoro wiederum heim in das Schloß, allwo wir mit vielem Gelächter eine ziemliche Zeit zugebracht, indem dieser Poß nicht allein wohl angefangen, sondern auch glücklich und nach unserm Verlangen vollendet worden.

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