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Teutsche Winter-Nächte

Johann Beer: Teutsche Winter-Nächte - Kapitel 15
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleTeutsche Winter-Nächte
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XII. Capitul. Die Liebsgeschicht der drei Jungfern auf dem Landgut Peltzingen.

Wer andern in die Karte guckt,
Dem wird der Buckel abgejuckt.

»Bruder,« sagte Isidoro zu mir, »die Sache können wir perfect verrichten.« Mir schauerte die Haut und wurf allerlei Meinungen ein, warum es nicht sein könnte, aber Isidoro war in allem zu arglistig, daß er mich bei einem Haar überredet hätte. Ich sagte, daß, ob wir gleich den bestimmten Ort, nämlich das Peltzingen, wüßten, so mangelte uns doch das Hauptsächlichste, nämlich, daß wir nicht wüßten, wie die Jungfern hießen. Vors andere kunnten wir auch die Sprache nicht, derer sich die zwei Galanen bedienten. »Possen,« antwortete Isidoro, »daran ist am wenigsten gelegen, die zwei Edelleute, an welche die Abschrift lautet, wohnen von hier nur anderthalbe Stund, der eine heißt Ignatius und der andere Ruprecht. Sie sind weder Brüder noch Freunde zusammen, aber solche Erz-Galanen, dergleichen im ganzen Erdenrund schwerlich werden anzutreffen sein. Christoph aber, welchen sie zurückzulassen gebeten, ist ein rechter Erz-Flegel, der weder Ehr noch Respect in acht nimmt, sondern seine Saupossen allenthalben, absonderlich aber bei dem Frauenzimmer so zotenhaftige Schnitzer vorbringet, davor sie sich billig zu scheuen und zu beklagen Ursach haben. Aber ich glaube, ich will ihnen die Fuchtel in eine andere Scheide stecken lehren, darum gehe der Herr Bruder geschwinde in die Stube, da der Bot lieget, und sehe, wie Er den Ranzen hinwegkrieget. Sodann wollen wir verkleidet nacher Peltzingen ziehen. Ob wir gleich der Jungfern Namen nicht wissen, kann man doch solches von dem Landvolk bald erfahren, und ist genug, daß wir die großen Buchstaben in dem Briefe gesehen haben. Ruprecht redet fast wie der Herr Bruder, und ich glaube, daß Er nur ein klein wenig eine subtilere Sprache habe. Aber Ignatius redet etwas heischer, und ist nur um eine Handvoll welsche Nüsse zu tun, so wird man zwischen mir und ihm einen geringen Unterscheid finden. So ist auch noch das beste, daß wir verlarvet sind, denn durch dieses Mittel wollen wir perfect dahin gelangen, wo wir noch niemals gewesen.«

Isidoro hatte mich mit diesen Worten ganz eingenommen, und dannenhero kriegte ich den Ranzen aus der Stube des Botens gar sicher und unvermerkt hinweg. Wir fanden in demselben zwei Jägerskleider und rote Sammet-Larven, deren wir uns nach Inhalt des Briefes bestmöglichst bedienen sollten. Sobald wir nun angekleidet waren, gaben wir dem Torwärter Befehl, nicht das geringste von unserm Abschied zu vermelden, weil wir heute nacht gewiß wiederum auf dem Schlosse uns einfinden würden.

Wenn wir durch das Dorf nicht so geschwinde geloffen wären, hätten uns die Bauerjungen leichtlich mit Kotbrocken dörfen auf den Buckel werfen, aber wir kamen gar bald auf das Feld und sprangen über die Äcker wie die jungen Ziegenböcke, weil wir auf solchem Weg nacher Peltzingen eine gute Viertelstunde näher hatten. Es war schon Glock vier Uhr abends, als wir das Dorf zu Gesicht brachten, in welchem diese drei Damen sich enthalten sollten. Je näher wir nun hinzukamen, je begieriger wurden wir, uns mit Manier in diesem Spiele zu üben, darzu keine geringe Sorgfältigkeit erfordert würde.

Als wir fast nur einen Steinwurf an den Garten hatten, welcher an dem Hofe stund, satzten wir uns nieder und unterredeten uns alles haarklein, damit einer den andern nicht verriete und uns also Selbsten in dieser Hauptsache bloß gäben. Wir sagten, daß wir alle Lichter, gleich als geschehe es aus Spaß, mit den Hüten ausleschen wollten, denn unsere Gesichter trafen mit der zweien Edelleuten ganz nicht überein. So hatten wir auch andere Haare, welches eine Haupt-Faute bei solchen Comödien verursachet, und hätten die Kleider wie auch die Larven nicht das Beste getan, glaube ich schwerlich, daß wir uns einer so gefährlichen Sache unterfangen hätten.

»Potzhundert gute Jahr!« sagte Isidoro, »Bruder Zendorio, es reuet mich fast, daß ich anhero gekommen, aber laß es immer gut sein, kommen sie schon hinter den Betrug, so wissen sie doch nicht, wer wir seien, und sollten sie es gleich darnach erfahren, wird es doch so viel nicht zu bedeuten haben, weil sie dadurch nur ihre eigene Schande entdecken würden.« Ich gab ihm in allem recht. Indem gehet eine Magd mit einem großen Bund Heu. Die fragten wir, wem das Gut zugehöret, und ob sie nicht wüßte, wer sich anitzo darinnen aufhielte. Die Magd wußte nicht, solle sie uns vor Engel oder vor Teufel halten, und gab zur Antwort, daß sie den Besitzer nicht anders als den Rittmeister Doppel nennen hören, sie wüßte aber nicht, ob er oder wer anderer anitzo hier wäre, Leute hätte sie zwar gesehen, die heute das Tor aufgemachet, und darnach wären zwei Kerl in langen Golleten hineingeritten. Damit ging sie fort.

Isidoro und ich machten uns hierüber tausend Gedanken, denn er wußte, daß Rittmeisters Doppel seine Schwestern die schönsten Jungfern im ganzen Lande waren. So konnte er sich auch beiläufig entsinnen, daß die älteste unter denselben Susanna hieß, welcher Name mit dem großen Buchstaben in dem Brief allerdings übereinkam. Derohalben stunden wir auf, und ich muß bekennen, daß uns bei der Sach nicht allerdings wohl war, so viel wir auch Herz im Leibe hatten.

Wir gingen den Zaun an dem Garten hinauf und wandten uns ganz heimlich um etliche Stroh-Städel hinum, bis wir zu dem Tor gelangten. Sobald wir solches eingetreten, schrie ein Kerl vom Gang herunter: »Macht zu, macht zu, macht zu!« Augenblicklich versperrte man hinter uns das Tor, und es fielen aus allen Winkeln des Hofes bewaffnete Kerl hervor, welche so wohl vermummet waren als wir, die zerklopften uns recht jämmerlich mit Knitteln und Prügeln, daß es taugte. »Ihr Bärnhäuter!« schrien sie, »wir wollen euch lehren, auf die Courtesie gehen!«, und in solchem Zuschlagen suchten wir Mittel und Wege, uns aus dem Hofe zurückzubegeben, aber es waren uns schon alle Löcher verrennet. Wir schrien endlich um Gnad und Hülfe, denn die Menge unserer Widersacher hatte uns den Buckel dergestalten zerklopfet, daß es zu erbarmen war. Damit stießen sie uns wieder zum Tor hinaus und hießen uns hingehen, wo wir hergekommen.

Der geneigte Leser kann gedenken, wie wir da aneinander angesehen haben. Einer klagte seinen Arm, der andere seinen Kopf. »Nun,« sagte Isidoro, »der Teufel weiß es, was unter dieser Karte stecket, heißt das, auf eine Courtesie eingeladen? Halt, halt, ich will dahinterkommen, und soll ich das Leben darum einbüßen.« – »Bruder Isidoro,« sagte ich, »hier ist nicht gut lang zu bleiben. Das allerbeste ist, daß man uns nicht erkennet. Indessen bleibt doch wohl der Spott dem Ignatius und Ruprecht, ob wir gleich die Schläge davongetragen. Es ist gar nicht ratsam, sich hier zu offenbaren und sich Selbsten eine ewige Beschimpfung auf den Hals zu laden. Laß uns wieder nach Hause eilen, sie dörften uns sonsten noch ein Confect auftragen, das härter zu verdauen wäre als die vorige Speisen, es geschieht uns eben recht, es ist mir vorgegangen, wir würden in die Kluppe geraten.« – »Dasti der tausend Henker hol!« sagte Isidoro. »Bin ich nicht ein Erz-Bärnhäuter und laß mich so zerprügeln. Halt, der Bot soll mir sagen, was es vor eine Beschaffenheit hat, oder ich will den Schelm im Schlosse totschlagen, wenn er anders nicht verrecket ist.«

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