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Teutsche Winter-Nächte

Johann Beer: Teutsche Winter-Nächte - Kapitel 13
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleTeutsche Winter-Nächte
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100210
projectid96c6f564
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X. Capitul. Eine neue Poesie.

Wer alles neu will richten ein,
Ist töricht, wenn er klug soll sein.

Wir hatten den Monsieur Ludwig dergestalten angesoffen, daß er nichts von Sinnen wußte. Er purzelte von einer Seite zur andern, bis wir ihn endlich zu Bette brachten und mit warmen Tüchern zudeckten. Es mangelte uns nur an Compagnie, sonst hätten wir wahrhaftig die ganze Nacht hindurch geschwärmet, zumalen wir ohnedem viel ärger gesoffen als die Bürstenbinder. Endlich brachte uns die alte Frau durch gute Worte zu Bette, allwo wir die Decken und Polster in Stücken zerrissen, daß die Federn in der Kammer herumgestoben, daraus man zu sehen hat, was volle und besoffene Leute vor Narren sind, daß sie auch keinen Scheu tragen, ihre eigene Sachen zu zernichten, ob sie sich schon den andern Tag darum zwischen den Ohren krauen.

Des folgenden Tages machte sich Monsieur Ludwig wieder auf sein Schloß und schickte noch selbigen Morgens die Ducaten zurück, um welche er sich durch sein eigenes Maul gebracht hatte, nebenst einem Brief, daß er die versprochene Mahlzeit allerehestens ausrichten wolle, dazu wir uns bereit und fertig halten sollten. Es gereuete mich keinesweges, daß ich allhier geblieben, denn Isidoro hatte vergangener Tagen aus einer Stadt stattliche Landkarten mit sich gebracht, und weil ich von solchen ein großer Liebhaber war, durchsuchte ich eine nach der andern und entsinnete mich in Ansehung der Städte zugleich etlicher Schelmenstücklein, die ich in solchen ehedessen begangen hatte.

Seine übrige Bibliothek bestund meistens in historischen Büchern, und weil mir der Kopf ohnedem ziemlich wehe tat, setzte ich mich zu einem jüngst herausgegebenen Buche, über welches ich mich fast krank gelachet. Der Titul desselben gab leicht zu verstehen, daß es eine Information wäre, innerhalb vierundzwanzig Stunden den perfectesten Vers zu machen, derohalben legte ich die Landkarten beiseite und fing an, folgende Zeilen zu lesen:

Des allgemeinen Collegii Poetici
Pars prima
oder Erster Teil

Die Poesie ist gewesen weiland Fritzens in der Schustergassen älteste Tochter, so sich interdum mit Strümpfstricken ernähret. Dahero kommt das Sprichwort: Versum contexere, einen Vers machen.

Nachdem sie aber an einen Sammetweber verehlichet worden, hat sie ihr officium aufgegeben, und ist dermalen die Poesie nichts anders als ein Schleifstein, an welchem man die übrige Stunden hinwegpallieret.

Ihre Objecta circa quod sind alle Sachen, deren man sich entsinnen kann, derer man sich aber nicht entsinnen kann, die sind objecta oblivionis.

Ihre Accidentia sind allerlei Spendaschien, die man dort und dar recompensweise erhält, es sei gleich viel oder wenig. Und obschon heutzutag mancher großer Prahler vor ein hauptsächliches Carmen nur ein paar Groschen gibt, soll sich dennoch der Versifex nicht einbilden, daß sein Carmen dadurch getadelt, sondern nur nicht genug bezahlet sei.

Das Subjectum der Poesie ist das Papier, da es darauf stehet.

Das Objectum ist der Poet in eigener Person.

Und das Medium der Vers, er sei gleich gut oder bös. Nach diesem kommt Causa principalis und darnach Causa minus prinapalis seu suboriinata und endlich Causa finalis oder die Endursach, warum ich endlich den Vers schreibe oder geschrieben habe.

Principalis causa oder die Hauptursach des Verses ist Lesen und Schreiben, denn dieses wird principaliter erfordert.

Minus principalis, seu subordinata, ist der Tag oder das Licht, sonsten könnte man unmöglich in der Finster schreiben.

Und Causa finalis ist die Zeitvertreibung. Quia autem unius rei plures possunt esse fines & modi, lässet mans dabei bewenden, daß das objectum per quod, welches der Poet ist, tausend Ursachen anführen mag, warum er Verse schreibet, und entsinne mich hier zu meinem großen Glück, welchergestalt ein Student, so von den Häschern wegen Nacht-Krakeels in die Eisen geschlossen worden, über Nacht diesen Vers gemacht:

O Teutschland, großer Platz der wolfsgegrabnen Gruben, Ich sitze wie ein Narr hier in der Schergenstuben!

Dieser hat seine Causam finalem wegen der Schergenstuben gehabt, ein andrer Poet kanns anders haben, nachdem es ihm anstehet und beliebet.

Gibt also die Freiheit jedem, finaliter zu handeln und zu schreiben, wie es ihm beliebet.

Nach diesem folgen die Modi figurales und chorales, fast wie in der Musik. Denn gleichwie die ganze Musik in Figural und Choral eingeteilet wird, also auch die Poesie. Was ist aber, möchte einer fragen, die Figural-Poesie? Und respondetur: die Figural-Poesie ist eine Weise und Art, einen Menschen oder ein Ding rechtschaffen zu loben, und dieses heißt figuralismus plausibilis.

Der andere Modus aber ist diesem e diametro contrar, denn er wird gebraucht, die Menschen oder ein Ding abscheulich zu zerschänden, und dieses heißt figuralismus spurius.

Diese beide figuralismi versieren circa Argumenta topica und werden nur probabiliter geschmiedet. Exempli gratia: Ich will einen per figuralismum plausibilem loben, daß er ein wackerer Mann sei, so sag ich also (das subjectum laudis soll sein ein Scherg): Du allerbester Mann, der sein mag auf der Welt, Bekommest von dem Rat dein Amt, dein Kleid, dein Geld!

Und diese figuralismi sind hauptsächlich schön anzubringen, wie denn aus obgesetzten Versen zur Genüge erhellet, absonderlich aber per negatiotiem suppositi, als wenn ich exempelsweis sage von einem heimlichen Aufseher oder Leisegeher:

Du bist kein Schelm, kein Dieb, kein Flegel, auch kein Jud, Ob man dich überall gleich heißet ein Hunds- etc.

Solchergestalten sind diese zwei figuralismi ordentlich ausgeleget, und dieses wird eigentlich die Figural-Poesie genennet. Camerarius Justus nennet sie optimam poesiam Teutonum, denn es ist ziemlich teutsch und lasset sich fast von allen verstehen.

Nun will ich auch de poesia chorali Meldung tun, welche ist vierfach:

Die erste ist Pfaffutianisch, die andere Bartmausisch, die dritte Hobelabisch und die vierte Stutz-Michlisch. Alle viere will ich nun etwas weitschichtiger auslegen.

Die Pfaffutianische Choral-Poesie kommet urspringlich von einem Pfaffen her, dahero sie, philologice davon zu reden, den Namen führet. Der Pfaff und Autor hieß Pfafficus Pfaffatius von Pfaffenhoven, Pfarrer in der Pfalz. Weil nun gar viel Pf hierinnen anzutreffen, müssen die Verse fliegen wie ein Pfeil und consequenter gar geschwinde gelesen und ausgesprochen werden. Exempli gratia:

Geschwind, geschwind
Wie der Wind,
Wer nicht sieht, der ist blind.

Dieses muß in einem Hui und Augenblick herausgeredet werden, sonst hat es keine Art. Es werden auch solche Vers von etlichen Poeten militärisch geheißen, weil sie fast wie die Werbung auf der Trummel lauten, und hat solches ein Feldscherer observieret, als er um Mitternacht auf die Scharwache schlagen hören.

Die andere Art, nämlich der Bartmausischen Verse, gehöret auf die, so rote oder sonsten unförmliche Bärte haben, und wird von etlichen Autoribus barbarisch genennet. Kann gebraucht werden auf die Geburts- oder Namenstage des Frauenzimmers folgendergestalten:

Mein Barbarilis schöner Art
Ist wert viel tausend Groschen,
Dieweil sie hat kein roten Bart
Um ihr leichtfert'ge Goschen.

Hier muß der Leser nicht gedenken, daß leichtfertig eine calumnia oder formula calumniandi sei, nein, sondern es bedeutet soviel als: leicht und fertig zu reden, zu arbeiten, zu nähen, zu würken und zu complimentieren. Denn solche Verse recht auszulegen, gehöret darzu ein fähiger und fertiger Geist, welcher eigentlich hierinnen requiriert und erfordert wird.

Die dritte Art abgesetzter Verse ist die Hobelabische, kommet her von den Schreinern, Zimmerleuten und Drechslern, welche sich allerlei Hobel gebrauchen, durch welche sie die rauhen und unglatten Bretter abhobeln und von den wilden und hockerichten Ästen befreien und losmachen. Also, wenn ein Poet einem groben Bachanten einen Vers will schreiben, muß er vor allem wohl zusehen und in Obacht nehmen, daß er bei Leib und Leben kein anders Genus Carminis als ebendieses unter die Feder nehme, als Exempli gratia:

Ich hobel, ich hobel gleich, was ich will,
Ich hobel gleich offen oder still,
So hobel ich dich doch nimmer gar,
Du bleibst dein Leben lang ein Narr.

Diese Vers halte ich vor meinen Teil vor die allernötigsten in der ganzen Welt. Aber nun kommt die vierte und letzte Art, nämlich der Stutz-Michlischen.

Diese Stutz-Michlischen Verse werden ex tempore gemachet. Wenn man nämlich einen Kerl prügelt und unter währendem Zuschlagen Vers dreinredet, so werden solche von den Accuratioribus Poetis geheißen Stutz-Michlisch oder Knipper-Dollingisch, und wäre zu wünschen, daß sich die Poeten, absonderlich aber die Tyrones, fleißig in diesem exercitio übten und zuweilen bei der Nacht eine Prob versuchten, dabei sie dann ungefähr folgendes recitieren könnten:

Pumpidi, Pumpidi, Pumpidi, Pum!
So schlägt Tambour die große Trum.

Sobald man aber dergleichen Verse gemacht hat, muß man geschwinde in der Still davonlaufen, sonst kommt die Wacht und verderbt die ganze Composition, daß es ein Spott und Schande ist. Es ist auch ratsam, daß sich der Autor solcher Verse beileib nicht mit eigenem Namen unterschreibe, sondern sich, so viel möglich, verborgen halte.

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