Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Johann Beer >

Teutsche Winter-Nächte

Johann Beer: Teutsche Winter-Nächte - Kapitel 11
Quellenangabe
pfad/beer/teutwint/teutwint.xml
typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleTeutsche Winter-Nächte
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100210
projectid96c6f564
Schließen

Navigation:

VIII. Capitul. Schnelle Ausforderung. Gefährliches Gefechte. Kommen wunderlich hinter den Betrug.

Der falsche Wahn ist Trügens voll,
Stift' oft, was er nicht stiften soll.

Wir bekräftigten alle beide, daß wir nicht das geringste mit ihr vorgenommen, welches nicht zu ihrer absonderlichen Ehre gereichet. Was den Gewinn wegen getaner Wette anbeträfe, den hätte man bei so beschaffenen Zeiten auf keine andere Weise als geschehen erhalten können, und Isidoro setzte anbei, daß er nach dem Zorn der Damen so sehr nicht fragte, wenn er nur seine dreihundert Ducaten im Säckel hätte, man möchte darnach von ihm halten oder ausschreien, was man wollte. Aber seine Frau Mutter hieß ihm dieses Stücklein nicht allerdings gut, so sehr er solches auch zu bescheinigen wußte, sondern sie vermeinete, daß, wenn der Ehemann dieser Frauen die Sache erfahren würde, dörfte er ins Teufels Küchen kommen, weil dergleichen Stücklein bei ihren Lebzeiten mehr geschehen, welche allezeit große Gefahr, auch zuweilen Mord und Totschlag nach sich gezogen. Aber Isidoro lachte so lang und hielt seinen Hohn von dem Spiel, bis von dem Edelmann abends ein Schreiben eingelaufen, welches er mit der zurückkommenden Gutsche übersendet.

Die Überschrift stund an Isidoro, und er bildete sich in Erblickung desselben ein, es wären vielleicht in solchem die dreihundert Ducaten verschlossen. Nach Erbrechung desselben fängt er mit mir an zu lesen folgende Worte: ›Erz-Bärnhäuter! Der Teufel soll dich über Stock und Stauden holen, wenn ich dich attrappieren werde. Dein Gewinn soll dir über deinem Kopf zu Feuer werden, und ich will dich lehren, wie du Erz-Schlingel eine Wette gewinnen sollest. Hätte dir meine Liebste ein Messer davor in den Leib gestochen, hätte sie besser getan, als daß sie sich nach getaner Beschimpfung gegen dir noch bedanket hat. Der andere Flegel, so den Betrug befördern helfen, ist hierinnen gleichfalls begriffen, und ihr sollt beide wissen, daß ich euch vor die allerliederlichsten Erz-Schelmen auf der Erden und unter der Sonnen ästimieren werde, so ihr euch nicht räsonabel mit mir herumschmeißet, nachdem ichs verlangen und begehren werde. Ihr Schlingels!‹

Dieses war der grausame Inhalt des Briefes, und kam zu unserm Unglück gleich dazumal die alte Frau darzu, als ihn Isidoro in die Ficke stecken wollen. »Gib mir den Brief her,« sagte die Mutter, »denn ich habe schon vor der Tür gehöret, daß dich einer auf die Fuchtel gefordert. Ach, wie hab ich doch eine so stete Plage mit dir ungeratenem Kind auszustehen! Du bringest mich noch vor der Zeit ins Grab, und kann keine Stunde ohne Sorge leben, weil ich stets fürchten muß, daß du noch endlich dem Henker in die Hände geraten werdest!«

»Frau Mutter,« antwortete Isidoro, »das wäre nicht gut, will nicht hoffen, daß das Euer mütterlicher Segen sein soll. Hier habt Ihr den Brief, und sehet, ob ich nicht genug darinnen angegriffen bin. Der Schelm ist zornig, daß er die dreihundert Ducaten hergeben soll, und will sich lieber davor schlagen. Aber ich schwöre ihm, daß ich ihn mit der Fuchtel so herumzausen will wie einen Tanzbär. So kommt man mit den Galgenvögeln an, darum lasset nur ab, ungeduldig zu sein, da liegt meine Reputation an, ich muß mich schlagen.« »Hör doch,« sagte die Mutter, »es muß nicht sein, denn das ist kein Cartel, sonst hätte er dirs müssen durch einen von Adel und deinesgleichen Standes Person zuschicken, was hat der Stallknecht damit zu tun?« – »Ei,« sagte der Sohn, »Adel hin oder her, morgen will ich vor sein Schloß reiten und den Bärnhäuter so zerhudeln, bis er herauskommt und sich mit mir links und rechts, nach der Läng und der Quer, hinten und vornen und mit einem Wort: auf alle Arten und Stellungen, wie diese Namen haben mögen, schlägt und schmeißet, davor solle ihn die ganze Welt und seine Handvoll Untertanen nicht schützen noch handhaben können!« Die Mutter weinte immer, daß es taugte, aber sie konnte doch dem erzürnten Sohne das vorgenommene Werk nicht aus dem Kopfe schwätzen. Sie sagte, er sollte bedenken, daß er der einzige Erbe ihrer Güter wäre, aber es war alles nicht genug, seinen Zorn zu stillen, sondern er ließ des andern Tages zwei gute Pferde satteln, auf welchen wir vor das Schloß desjenigen geritten, welcher uns gefordert hatte.

Wir wurden unterwegen eins, mit demselben auf den Hieb zu schlagen, und zwar einer nach dem andern. Isidoro machte mir gute Hoffnung zu dem Sieg, weil er vorgegeben, daß unser Contrapart all sein Lebtag nichts auf dem Fechtboden getan und oftmals von schlechten Lumpenhünden wäre gestochen und gehauen worden. In solchem Gespräche kamen wir nahe an das Schloß und sahen in einer nächstgelegenen Wiese vier miteinander hauen und stechen. Wir hielten es nur vor Vexiererei und glaubten gänzlich, der Edelmann exercierte sich vielleicht mit Rappieren, auf daß er in dem ernsten Gefechte mit uns möchte desto sicherer sein. Aber wir fanden endlich den Ernst gar zu nahe unter Augen, weil ein Kerl über den Haufen fiel und mit großem Ach und Weh den Geist aufzugeben schien. Wir eileten hinzu, die Partie zu entscheiden oder zu sehen, was es bedeutete, als ein Laquay gegen uns gelaufen kam, bittend, wir sollten uns nicht nähern, denn es lägen in einem Busch achtzehn Kerl mit Musqueten, die wären nach Abrede der duellierenden Partei dahin gestellet, alle diejenige über den Haufen zu brennen, welche sich unterfangen würden, sie in dem Gefechte zu verstören und zu verhindern.

Der Diener, so uns solches gesagt, redete sehr schlimm teutsch, doch weil er seine Sach mit einer sonderlichen Manier vorgebracht, entschlossen wir uns, die Begebenheit etwas genauer aus ihm zu forschen, fragten dannenhero, wie und aus was Ursachen sich dieser Streit erhoben. »Meine Herren,« antwortete der Diener, »dieser Streit hat sich noch angesponnen in Paris, und gehet nunmehr schon in das andere Jahr, als ein Kaufmann aus diesem Lande darinnen gewesen, der heißet Valentin Isidoro, welcher meinem Herrn mit einer Wette einen absonderlichen groben Possen gerissen.

Sie wetteten miteinander, wer dem andern die ärgste Schalkheit tun könnte, und weil mein Herr außer der Stadt ein stattliches Landgut liegen hatte, passete ihm dieser Isidoro an der Straße mit seinem Diener auf, erschoß ihm das Pferd, entkleidete ihn auf offenem Felde, legte solches Kleid über seinen Leib, und in einer solchen Postur ritt er abends in meines Herren Schloß. Weil ihn auch die Frau wegen Dunkelheit der Nacht nicht erkennen können, legte sie sich zu ihm ins Bett, und dergestalten behauptete er, daß er die Wette gewonnen und mein Herr schuldig sei, ihm tausend Kronen zu bezahlen, vor welche Summa sie gewettet hatten. Er sah aber wohl, daß ihm dieser Streich trefflich mißlingen würde, hat sich dahero in der Stille aus dem Staube gemachet, und weil mein Herr fast vor Zorn gestorben, hat er sich entschlossen, eine Tour in Teutschland zu tun und den saubern Vogel aufzusuchen.

Erst gestern bekam uns ein Gutscher in nächster Herberg an der Straße, welcher von dem Schlosse ausgefahren, den fragten wir um den Isidoro und ob er von solchem Namen keine Wissenschaft hatte. Aber er sagte, daß sich dieser auf dem Ort aufhielte, wo er hinführe. Weil auch unsere Frau hoch beteuret, daß Isidoro noch einen bei sich gehabt, den sie vor einen Laquayen angesehen, als mutmaßete mein Herr, derselbe Gesell würde auch zu der Sach geholfen haben, forderte sie also durch einen Brief, welchen er in dem Schloß schrieb, alle beide zugleich. Aber weit ein anders begegnete uns gestern abends, denn als wir, uns zu erlustieren, mit dem Edelmann dieses Schlosses auf der Straße ausritten, begegnete uns dieser ehrliche Isidoro samt seinem Diener, den er dazumal vor seinen Laquay gebrauchet. Wir sahen lang einander an, aber mein Herr gab ihm seine Meinung mit wenigem zu verstehen, und weil die Sache keinen großen Aufschub litt, verabredeten sie sich stehenden Fußes, heute früh an gegenwärtigem Ort zusammenzukommen. Und weil der Kaufmann selbander war, so nahm mein Herr einen von seinen Dienern zu sich, und den Ihr dorten habt zur Erden fallen sehen, der ist des Isidori Diener, und werden wohl so lange zu stechen und hauen nicht ablassen, es sei denn, daß sie die Nacht oder der Tod scheidet.«

Wie wunderlich uns diese Zeitung vorgekommen, kann der Leser bei sich selbsten betrachten. Wir stunden beide von den Pferden und sahen nebenst dem Laquay dem Scharmützel mit sonderlichem Belieben zu. Der Kaufmann wehrte sich nach äußerstem Vermögen, und weil sie zu Fuß fechteten, sprang er bald hin, bald her, den Streichen seiner Feinde zu entweichen. Die hieben einander herum, daß die Haar davonflohen, aber der gute Diener kroch auf der Erde wie eine Schildkröte davon, weil ihm des französischen Cavaliers sein Laquay einen ziemlichen Fang in die Seite gegeben. Letztlich traf das Unglück auch den Kaufmann, denn er wurde so abscheulich auf dem Leib hin und wider zerfetzet und zerhauen, daß ihm das Blut sowohl über den Kopf als über den Leib abfloß. Die Lappen von dem Rock und Hemde hingen ihm natürlich an der Seite wie einem Strohmännlein, das man zum Schrecken der Hirsche in die Rübenacker stellt. Endlich begehrte er auf gebogenen Knien Quartier, aber sie gaben ihm unerachtet dessen noch einen Hieb zwischen die Ohren, davon er auf die Erde hin umsank. Nach solchem eileten die verborgene Soldaten mit den Secundanten hinter dem Busch hervor und geboten Friede. Die zwei Verwundeten wurden in das Schloß gebracht, und weil wir zu solchem etwan vier Büchsenschuß hatten, bekam Isidoro Lust, solches zu sehen und den Inwohner zu fragen, was es mit seiner Wette vor eine Beschaffenheit hätte, denn er war gänzlich resolviert, sofern er ihm die dreihundert Ducaten nicht darschießen würde, wollte er ihn, gleich diesem geschehen, zerhauen und nachmals mit mir die Flucht zum Lande ausnehmen.

In solchem Entschluß ritten wir in das Schloß, allwo wir von der Frauen alsobald erkennet worden. Der Besitzer lachte von Herzen, und als Isidoro ins Zimmer gekommen, lagen die dreihundert Ducaten in specie auf dem Tische, die er nur einstreichen und zu sich stecken dörfte. Ja, was noch mehr war, so erwies uns dieser Herr allerlei Höflichkeit und lachte seine Frau noch aus darzu, daß sie sich so unvorsichtig betrügen lassen. Und dieses Stück ist an diesem Herrn nicht genug zu loben, weil er gesehen, daß zu geschehenen Sachen das Beste zu reden sei, wo man änderst nicht verlanget, dieselbe zu verschlimmern; und eine kurze Geduld tut in einem solchen Fall viel mehr denn eine langwierige Widerspenstigkeit. Denn ob sich gleich der französische Cavalier so generös erzeiget und, sich an dem Kaufmann zu rächen, sein Vaterland verlassen, hat er sich doch dadurch jedermann ins Maul gebracht und verursachet, daß seine Victori von vielen nicht geglaubet, seine Person aber von allen vor einen leibhaftigen Hahnrei gehalten worden.

Wir soffen alle drei miteinander Brüderschaft, und sie versprachen, mir mit allerehestem zu einem guten Dienst zu helfen, es wäre gleich auf dem Dorfe oder in der Stadt. Solchergestalten fragte ich wenig darnach, daß ich so großen Kummer in dem Gefängnis ausgestanden, sondern gleichwie man nach aufgegangener Sonne die Finsternis der abgewichenen Nacht wenig oder gar nicht mehr achtet, also achtete ich auch nicht bei solchem fröhlichen Zustand die Stunden, so ich voll mit vergeblichen Sorgen in der Custodi zugebracht hatte.

 << Kapitel 10  Kapitel 12 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.