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Teutsche Winter-Nächte

Johann Beer: Teutsche Winter-Nächte - Kapitel 10
Quellenangabe
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typefiction
authorJohann Beer
booktitleDie teutschen Winter-Nächte & Die kurzweiligen Sommer-Tage
titleTeutsche Winter-Nächte
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
editorRichard Alewyn
year1985
firstpub1682
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100210
projectid96c6f564
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VII. capitul. Isidoro gewinnt die Wette.

Ums Geld bekömmt man all's zu kauf,
Das Glück löst Wett und Rätsel auf.

Kein Mensch hat sich, solang die Welt stehet, so sehr verwundert als wir beide, da wir mit Lichtern zu der Gutsche geloffen, daselbsten die alte Frau zu empfangen, denn anstatt derselben saß eine ganz junge Weibesperson, etwan in dem achtzehenten Jahr ihres Alters, darinnen. Sie selbsten erschrak über uns, und nachdem sie herausgestiegen, sah sie sich allenthalben in dem Hofe herum und wußte sich nicht zu erkennen. »Gutscher,« sagte sie, »Ihr seid irrgefahren!« – »Ei was!« gab der Gutscher zur Antwort, »ich bin ja hier in meinem Schlosse!« Als er aber zurücksah, verwunderte er sich, wie diese junge Dam in seine Gutsche gekommen. Sie mochte aber machen, was sie wollte, so war es doch nunmehr hohe Nacht, und das Schloß lag auf einer weitschichtigen Einöde. Dahero mußte sie wider ihren Willen an dem Orte verbleiben, so gern sie auch wieder zurückkehren und nach Hause fahren wollen.

Der Edelmann nahm mich auf eine Seite und sagte mir heimlich ins Ohr: »Monsieur, dieses ist die Frau desjenigen Cavaliers, mit welchem ich gewettet, ich wolle mit ihrem Willen bei ihr schlafen. Weil nun durch den Kleiderwechsel diesen Tag so manches Stücklein offenbar worden, werde ich mich ankleiden als eine Jungfrau, mich vor die Beschließerin ausgeben, und Er sehe indessen zu, daß Er sich anstelle, als wäre Er der Sohn in dem Schlosse. Ich verhoffe und lebe der gewissen Zuversicht, weil Er in dem Gefängnisse davor gehalten worden, sie wird solches auch gewiß glauben, weil sie mich über zweimal all ihr Lebtag nicht gesehen.«

Die Sach ging perfect an, denn nachdem ich diese Dam in ein Zimmer begleitet und ihr gar sichers und gutes Logament versprochen, mit Versicherung, daß ich sie morgens bei aufgehendem Tage wiederum wollte heimführen lassen, gab sie sich in etwas zufrieden. Sie sagte: »Monsieur, seine ungemeine Art, das Frauenzimmer zu bedienen, ist in der Wahrheit weit angenehmer, als ich solches sagen und rühmen kann. Es ist mir sehr leid, daß ich durch eine recht verwunderliche Irre zugleich seine höfliche Gebärden verunruhigen müssen. Weil es das Glück so füget, bitte ich, meine Unhöflichkeit entschuldiget zu halten. Monsieur sei versichert, daß mein Herr sowohl als ich in allen Gegendiensten schuldigstermaßen abstatten und in andern Diensten gutmachen werden.«

Mit solcher Rede dieser ausdermaßen schönen Frauen führte ich sie folgends in eine Kammer, allwo ich ihr das Schlafbett wies mit Zusage, daß die Beschließerin sich zu ihr legen sollte, damit sie ihr desto weniger förchtete, ob es sonsten schon ganz sicher in dem Schlosse wäre. Sie bedankte sich nochmals meiner Gutwilligkeit. Indessen hatte sich Isidoro schon angekleidet, und wenn ich zuvor nicht um den Betrug gewußt hätte, sollte mich nimmermehr kein Mensch überredet haben, daß er eine Mannsperson wäre, so gar ausdermaßen wußte er sich in seinen Habit zu schicken. Er hatte von Natur eine ganz subtile Weiber-Sprache, und dahero fragte er die adelige Dame, ob sie zufrieden wäre, daß sie bei ihr schliefe, auf welches die Dam in Beisein vieler andern Knechte und Schloßleuten mit einem Ja geantwortet, und solchergestalten hatte Isidoro die Wette schon gewonnen. Er stellte hierauf so viel Personen in die Kammer, so viel sich nur heimlich verbergen konnten, und es war kein Winkel so klein, in welchen er nicht einen Kerl hineinsteckte, mir aber, der ich nebenst zweien andern unter der Bettstatt lag, befahl er, sobald er sich zu der Dam würde geleget haben, hervorzuspringen und öffentlich zu zeugen, daß ichs samt den andern gesehen, daß er nach seiner Wette wahrhaftig bei der Frauen gelegen hatte.

Hiermit gingen kurze Complimenten vor, und nachdem wir alle in der Kammer verborgen lagen, leuchtete ihr Isidoro hinein und kleidete sie aus. Sie legten sich miteinander zu Bett, und die junge Edelfrau schwätzte mit ihm von nichts als von der vergangenen Hochzeit, welche Erzählung währete fast in eine gute Stund. »Gestrenge Frau,« sagte Isidoro, »mir ist heute auf diesem Schlosse ein großes Glück zugestoßen, welches ich die Zeit meines Lebens nicht vergessen werde.« – »Wie denn so?« fragte die vom Adel, »habt Ihr vielleicht einen Liebsten bekommen?« – »Ach nein,« antwortete Isidoro, »ich gewann innerhalb zwei Stunden dreihundert Ducaten.« – »Das ist viel,« sagte die vom Adel, »aber wo nehmet ihr Mägde so viel Geld her, daß ihr euch im Spielen dergestalten sehen lasset?« – »Strenge Frau,« sagte Isidoro, »ich habe nicht gespielet, sondern solches Geld ist mir durch eine gewonnene Wette zugestanden.« – »Wer hat es denn verspielet?« fragte die vom Adel. »Madam,« gab Isidoro zur Antwort, »Ihr Herr!« – »Was,« sagte sie, »mein Herr?« – »Ja,« antwortete Isidoro, »Ihr Herr. Denn wisset Ihr nicht, wie wir miteinander gewettet, ich wollte mit Zulassung Eurer bei Euch in dem Bette schlafen?« – »Hilf Himmel!« schrie die Dam, »ist Er der Isidoro?«

Und damit wollte sie zum Bett hinausspringen, aber Isidoro hielt sie zurücke und rufte: »Allo, Ihr Herren, die Ihr hier verborgen seid, kommet hervor, daß Ihr zeugen könnet, welcherweise ich bei der Frauen gelegen!« Wir hatten zu unserm Behuf das Nachtlicht brennen gelassen, und sobald Isidoro gerufen, krochen wir hinter dem Bett, ober dem Bett, zwischen dem Bett und in summa aus allen Winkeln hervor, und die Frau versteckte sich aus großer Scham hinter die Decke. Endlich schrie sie hervor, sie wollte die dreihundert Ducaten zu bezahlen gerne schuldig sein, Isidoro sollte sich nur dieses Mal aus dem Bett machen. Nach solchem Versprechen stieg er heraus, und die Dame blieb in viel tausend Bestürzungen an dem Orte liegen.

Des andern Morgens wurde ihr Feder, Dinte und Papier vor das Bette gebracht, eine Obligation wegen des verspielten Geldes zu schreiben, nach welchem man sie mit einem kostbaren Frühstücke beehret und auf der Gutsche heim auf ihr Schloß führen lassen, dahin sie vier Meil Wegs zu reisen hatte.

Wir wußten so wenig als sie um die Verwechselung, dahero ließen wir die Sache immer gut sein, sie möchte sich zugetragen haben, wie sie wollte, weil wir nur das Geld gewonnen und die Dam ausdermaßen artig betrogen hatten. Hierauf begaben wir uns wieder in das vorige Zimmer, weil sich der Edelmann nicht getrauete, anderwärts aufzuhalten.

Alldorten fingen wir allerlei Discursen an, die zu Vertreibung der Zeit am tauglichsten waren. Indem rückte der Mittag heran, und ich sah von fern auf der Straßen eine Gutsche gegen unser Schloß fahren, welche der Edelmann nicht erkennen können. Sie rückte immer je näher und näher heran, bis sie endlich gar für das Tor kam. Aber weil der Edelmann gemutmaßet, es dörfte in solcher ein verdecktes Essen vor seine Person verborgen sein, hatte er zuvor durch eine Glocke ein Zeichen gegeben, das Tor zuzuschließen. Der Gutscher wußte nicht, was ihm zu tun wäre, aber der Edelmann sah mit Verwunderung, daß seine Mutter aus dem Wagen herausguckte und aufzuschließen befahl.

Hiermit eröffnete man das Schloß, und die alte Frau bewillkommte uns beide sehr freundlich. Sie fragte ihren Sohn heimlich in das Ohr, wer ich sei. Da gab er ihr zur Antwort, daß ich vor diesem auf Universitäten sein bester Freund und Camerad gewesen, auf welchen er sich in dem allergefährlichsten Zustand am allermeisten hätte verlassen können, und was dergleichen Aufschnitte mehr waren.

Sie hieß mich mit ihrem Sohne zu Tische kommen, allwo sie mir alle Höflichkeit erwies. »Frau Mutter,« sagte Isidoro, »all mein Lebtag ist mir kein solcher Poß als eben in dieser Nacht widerfahren.« – »Ja, mein Sohn,« sagte sie, »mir auch nicht. Denn als wir gestern von der Tafel aufgestanden, wurde ein Tanz gehalten, auf welchem sich absonderlich unser junger Vetter Pongratz wacker sehen lassen. Wir sahen dem Herumspringen eine ziemliche Zeit zu, und zwar bis es endlich ganz finster war. Man machte darauf bald Kehraus, und es lief alles untereinander zu den Gutschen wie die Schafe. Ich hätte mich tausendmal nicht bereden lassen, daß ich in einer fremden Gutschen säße, denn sie siehet innenher natürlich aus wie die meine, und heute Glock acht Uhr Vormittag kamen wir an einem Hohlwege zusammen, und weil es die Gelegenheit nicht gab, die Gutschen umzuwenden, bin ich genötigt worden, in dieser hierher und sie dorthin auf ihr Schloß zu fahren.

Fuhren also in dem Land hin und wider, von dem zu dem, und muß von Herzen lachen, wenn ich daran gedenke, wie der Edelmann erschrocken, als er anstatt seiner jungen Frauen mich aus der Gutsche gehoben, und wie man mir gesagt hat, so habe er den Gutscher heimlich im Stall so herumgeprügelt, daß es taugte. Er schlug ihm fast alle Pferdhalftern an dem Leibe entzwei, soviel er nur in dem Stall erhaschen konnte, aber gegen mir ließ er sich im geringsten nichts vermerken, sondern sagte, er schätzte sich diesen Wechsel vor eine absonderliche Glückseligkeit, indem er noch niemalen die hohe Ehre genossen, meiner Person auf seinem Schlosse aufzuwarten. Ich Selbsten bin überaus erschrocken, denn ich konnte mich nicht so geschwinde besinnen, wo und in welchem Ort ich war. Doch will ich verhoffen, ihr werdet mit der vom Adel so verfahren sein, daß sie keine Ursach habe, sich gegen ihrem Herrn wegen einziger ihr angetaner Unhöflichkeit zu beklagen, denn sie ist sonsten ausdermaßen empfindlich, und man darf ihr nur ein scheeles Aug zuwerfen, so findet sie sich auf Leben und Tod beschimpfet.«

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