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Tausend und eine Nacht, Zweiter Band

Gustav Weil: Tausend und eine Nacht, Zweiter Band - Kapitel 9
Quellenangabe
typefairy
authorGustav Weil
translatorGustav Weil
year1984
titleTausend und eine Nacht, Zweiter Band
firstpub1838
isbn3-86070-308-0
senderhille@abc.de
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Geschichte der Dichter mit Omar, Sohn des Abd Alafis.

Man erzählt ferner: Als Omar, Sohn des Abd Alafis, Kalif wurde, verfügten sich die Dichter zu ihm, wie sie es bei den früheren Kalifen gewöhnt waren. Sie warteten lange vor der Türe und wurden nicht vorgelassen. Als endlich ein Mann, Namens Adi, zum Kalifen ging, bat ihn der Dichter Djerir, er möchte doch ihm und den übrigen Dichtern beim Kalifen Zutritt verschaffen.

Als Adi zu Omar kam, sagte er ihm: »Die Dichter stehen schon lange im Vorsaale und werden nicht vorgelassen; weißt du nicht, daß ihre Worte von Dauer und daß ihre Pfeile vergiftet sind?« Omar sagte: »Was habe ich mit den Dichtern gemein?« - »Der Prophet (Gottes Huld sei mit ihm)«, erwiderte Adi, »hat auch die Dichter, die ihn lobten, beschenkt und an ihm muß jeder Muselmann Beispiel nehmen.« - »Und wer hat den Propheten gelobt?« - »Abbas, Sohn des Mirdas, dem er ein Ehrenkleid schenkte, indem er zu Bilal sagte: Wir müssen seine Zunge unschädlich machen.« - »Kannst du etwas von ihm rezitieren?« - »Ja wohl;« und auf Omars Verlangen rezitierte er folgende Verse:

»Ich sah dich, du edelstes aller Geschöpfe, mit deinem Buche, das die Wahrheit offenbarte, welche vor dir ganz verdunkelt war, Du hast durch den Islam schwarze Wolken zerstreut und durch die Offenbarung die Flammen der Hölle gelöscht. Du hast den Weg der Wahrheit wieder hergestellt, von dem jedermann abgewichen war. Hoch ist dein Platz auf dem Throne des Glückes, und durch dich ist auch Gottes Ruhm noch erhöht worden.«

Omar fragte dann: »Wer ist vor der Türe?« Adi antwortete: »Omar, Sohn des Abi Rabia.« »Gott entferne diesen!« rief der Kalif; »sind nicht folgende Verse von ihm:

»Dürfte ich, wenn ich sterbe, die Wangen meiner Geliebten küssen und läge sie im Grabe neben mir, so würde ich mich wenig um Paradies und Hölle kümmern.«

»Wäre dieser Mann nicht ein Feind Gottes«, fuhr Omar fort, »so würde er sie sich für diese Erde wünschen und sich dann zu frommen Handlungen wenden. Bei Gott! Der soll nicht vor mir erscheinen. Wer ist noch im Vorsaale?« - »Djumeil«, antwortete Adi. Da sagte Omar: »Der hat in einem Gedichte gesagt:

»O könnten wir doch beisammen leben, und wenn wir sterben, in einem Grabe ruhen! Ich wünsche, solang ich lebe, nichts anderes, als daß einst ein Grabstein uns bedecke!«

»Der soll mir wegbleiben! Wer ist noch vor der Türe?« - »Achtal, aus dem Stamme Tagleb«, antwortete Adi. Omar sagte: »Sind nicht folgende Verse von diesem Ungläubigen:

»Ich habe in meinem Leben keinen Ramadan gefastet und auch kein Fleisch der Opferfeste gegessen; ich stehe nicht, wie andere, vor Tag auf, wenn man zum Gottesdienste ruft. Ich trinke früh vom besten Weine und bete erst, wenn der Tag hell leuchtet.«

»Der soll, bei Gott, meinen Teppich nicht betreten. Wer ist noch draußen?« Adi antwortete: »Djerir.« Omar sagte: »Wenn durchaus jemand vor mich kommen soll, so sei es dieser!« Adi ging und rief Djerir zum Kalifen. Er kam und sprach folgende Verse:

»Derjenige, der den Propheten Mohammed sandte, hat jetzt das Kalifat einem gerechten Imam übergeben, dessen Gerechtigkeitsliebe und Treue die ganze Welt umfaßt, so daß jeder ohne zu straucheln sich aufrecht hält. Auch ich erwarte freudig von ihm eine reiche Gabe, denn die Liebe zu irdischen Gütern ist dem Menschen angeboren.«

Der Kalif unterbrach ihn mit den Worten: »Djerir, fürchte Gott und sage nur die Wahrheit!«

Djerir fuhr dann fort:

»Wie manche Witwe schmachtet fern von dir in Jamama, wie manche schwächliche Waise, verlassen wie ein junges Hühnchen, das nicht fliegen und nicht laufen kann. Wir hoffen aber, daß uns die Milde des Kalifen den Regen ersetzen wird, der uns fehlte.«

Als der Kalif die Verse hörte, sagte er: »Bei Gott, Djerir, ich besitze nur noch hundert Drachmen, die soll dir mein Diener geben.« Djerir ging wieder zu den übrigen Dichtern und sagte ihnen: »Der neue Kalif ist ein Mann, der lieber Arme als Dichter beschenkt, doch bin ich mit ihm zufrieden.«

Mit diesen Worten schloß Schehersad ihre Erzählung. In der nächsten Nacht begann sie jedoch eine neue Geschichte, wie folgt:

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