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Tausend und eine Nacht, Zweiter Band

Gustav Weil: Tausend und eine Nacht, Zweiter Band - Kapitel 37
Quellenangabe
typefairy
authorGustav Weil
translatorGustav Weil
year1984
titleTausend und eine Nacht, Zweiter Band
firstpub1838
isbn3-86070-308-0
senderhille@abc.de
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Geschichte Ibn Manßurs und der Frau Bedur.

Der Kalif Harun Arraschid hatte einst eine schlimme Nacht; er fühlte sich so beklommen, daß er sich von einer Seite zur anderen herumwälzte und nicht einschlafen konnte. Da sagte er zu Masrur: »Verschaffe mir ein Mittel zur Erheiterung.« Masrur sagte: »Willst du in den Garten gehen, der im Palast ist, und die Sterne aufgehen sehen und den Mond, der in ihrer Mitte sich im Wasser spiegelt?« Der Kalif antwortete: »Dazu habe ich keine Lust.« Da sagte Masrur: »Mein Herr! du hast dreihundert Mädchen in deinem Schloß: wenn du willst, so gebiete ich einer jeden, sich allein in ihr Gemach zurückzuziehen; du machst dann die Runde bei ihnen und unterhältst dich dabei.« Harun erwiderte: »O Masrur! das Schloß ist das meinige und die Mädchen sind mein Eigentum, das macht mir keine Freude.« Da sagte Masrur: »So will ich deinen Gesellschaftern und den Dichtern befehlen, daß sie dir Gedichte rezitieren.« - Der Kalif versetzte: »Auch dafür habe ich jetzt keinen Sinn.« - »Nun«, versetzte Masrur, »laß mir den Kopf abschlagen, vielleicht wird dir dann besser.« Der Kalif lachte und sagte: »Sieh einmal, wer von den Gesellschaftern an der Tür ist.«

Masrur ging hinaus, kehrte wieder zurück uns sagte: »Ali, der Sohn Manßurs, der Schalk aus Damaskus, ist an der Türe.« Der Kalif sagte: »Bring mir ihn her!« Ali grüßte den Kalifen. Dieser erwiderte ihm seinen Gruß und sagte: »O Sohn Manßurs! erzähle mir doch eine deiner Geschichten.« Ali sagte: »Soll ich etwas Überliefertes erzählen, oder etwas, das ich mit Augen gesehen?« Der Kalif antwortete: »Erzähle lieber, was du selbst gesehen, denn etwas Anderes ist, was man gehört hat, und etwas Anderes, was man mit eigenen Augen sieht.« Da erzählte Ali: Wisse, ich habe jedes Jahr einen Gehalt von Mohamed, dem Sohne Suleimans, Statthalter von Baßrah, zu beziehen. Als ich einst nach meiner Gewohnheit zu ihm reiste, fand ich ihn bereit, auf die Jagd zu reiten; er lud mich ein, mit ihm zu reiten, ich sagte aber, daß ich nicht reiten könne, und bat ihn, mich in dem für Gäste bestimmten Hause zu lassen; er empfahl mich den Kammerherren, die mich mit viel Auszeichnung bewirteten. Da dachte ich: Bei Gott; wunderbar! ich komme nun schon solange nach Baßrah und kenne nichts, als das Schloß des Statthalters und den Garten; wann werde ich so gut Zeit haben wie jetzt, umherzugehen und die Stadt zu sehen? Ich beschloß daher auszugehen, um auch zugleich mein Essen zu verdauen, zog daher meine schönsten Kleider an und ging allein in der Stadt herum, und du weißt, o Fürst der Gläubigen, daß Baßrah siebzig Quartiere hat, jedes siebzig Meilen groß; ich verirrte mich bald und wurde durstig. Auf einmal kam ich vor eine große Türe mit zwei messingnen Ringen und einem roten Vorhange, vor welcher ein paar Bänke, von Reben umschattet, standen. Ich setzte mich vor diese Tür und hörte eine rührende Stimme aus einer traurigen Brust folgende Verse rezitieren:

»Mein Körper ist ein Sitz der Krankheit und der Trauer geworden, wegen eines jungen Rehs, das fern von mir weilt. O ihr Zephyre der Wüste, die ihr meinen Schmerz aufwühlet, kehrt ein bei ihm, ich beschwöre euch, und machet ihm Vorwürfe, vielleicht wendet er sich mir wieder zu. Gebt ihm gute Worte, wenn er aufhorcht, erzählt von Liebenden, seid gütig gegen mich und fragt ihn auf mich anspielend: Warum soll ich schuldlos durch Trennung verderben? Nie war ich ihm ungehorsam, nie brach ich den Liebesbund; lächelt er, so fraget ihn: was würde es schaden, wenn du ihr Wiedervereinigung gewährtest? sie liebt dich, wie sie soll, und bringt ihre Nächte schlaflos in Tränen und unter Seufzen zu. Zeigt er sich gütig, so ist mein Wunsch erfüllt, findet ihr ihn aber zornig, so führt ihn irre und stellt euch, als kennt ihr mich nicht.«

Ich dachte: ich möchte wohl mit meinen Augen die Person sehen, die eine so schöne Stimme hat. Ich näherte mich der Tür und hob den Vorhang auf: da sah ich ein weißes Mädchen, schön wie der Mond, mit sich aneinander schließenden Augenbrauen, mit Augen und Hals, wie die einer Gazelle, Lippen wie Karneol. Ihr Mund glich Salomons Siegelring, ihre Zähne den klarsten Perlen, ihr Busen Granatäpfeln und ihre Brust dem Marmor eines Badehauses, wie ein Dichter sagte:

»Wenn sie sich nähert, bringt sie den Tod, und wenn sie den Rücken kehrt, verwunden ihre Pfeile jedes liebende Herz. Sie gleicht der Sonne und dem Mond, doch ist es nicht ihre Art, sich fern zu halten, in ihren Armen öffnet sich die Pforte des Paradieses und über ihrem Hals strahlt der Vollmond.«

Als das Mädchen mich erblickte, sagte es ihrer Sklavin: »Sieh, wer an der Tür ist.« Die Sklavin kam zu mir und sagte: »O alter Mann, schämst du dich nicht, mit deinem grauen Haar in ein fremdes Haus einzudringen, um anderer Leute Frauen zu sehen?« Ich antwortete: »Entschuldige mich, ich bin hier fremd und sterbe halb vor Durst.«

Da rief das Mädchen eine ihrer Sklavinnen und sagte ihr: »Gib ihm aus dem goldenen Becher zu trinken.« Sie brachte mir einen goldenen Becher, mit Perlen und Edelsteinen besetzt, nach Moschus duftend und mit einem grünen seidenen Tuche zugedeckt. Ich trank langsam und warf dem Mädchen verstohlene Blicke zu, dann gab ich den Becher zurück und blieb stehen. Da sagte das Mädchen: »Was willst du noch?« Ich erwiderte: »Ich denke über den Wechsel des Schicksals nach.« - »Du hast recht: die Zeit übt Wunder; doch, was veranlaßt dich dazu?« - »Ich dachte an den Besitzer dieses Hauses, der mein Freund war.« - »Wie hieß er denn?« - »Sein Name war Mohamed, der Sohn Alis, des Juweliers; er war ein sehr reicher Mann: hat er wohl Kinder hinterlassen?« - »Eine Tochter, welche Bedur heißt und sein ganzes Vermögen geerbt hat.« - »Mir ist, als wärest du diese Tochter.« - »Ja, die bin ich auch; doch hast du nun lange genug geschwatzt, geh jetzt deines Wegs.« - »Gut; doch ich sehe schwere Sorgen auf deinem Gesicht: mache mich mit deinem Schicksal bekannt, vielleicht kann ich dir helfen.« - »Wenn du ein zuverlässiger Mann bist, so will ich dir mein Geheimnis vertrauen: doch sage mir zuerst, wer bist du denn?« - »Meine Dame, ich bin Ali, der Sohn Manßurs, der Schalk aus Damaskus, der Tischgenosse Harun Arraschids, des Fürsten der Gläubigen.« Als sie meinen Namen hörte, stieg sie vom Sofa herunter, grüßte und bewillkommte mich und sagte: »Ich liebe und bin von meinem Geliebten getrennt.« - »Du bist ja so vornehm und hübsch, und liebst gewiß auch nur einen edlen Mann.« - »Ich liebe Djubeir, den Emir der Söhne Scheiban, den schönsten und gebildetsten Mann seiner Zeit.« - »Wechselt ihr keine Briefe miteinander und habt ihr keine Zusammenkünfte?« - »Freilich! doch ist noch kein Ehekontrakt zwischen uns geschlossen.« - »Und wie habt ihr euch denn entzweit?« - »Eines Tages machte mir diese Sklavin hier die Haare, und als sie mir meine Zöpfe geflochten hatte, gefiel ich ihr so gut, daß sie über mich herfiel und mir die Wangen küßte. Djubeir trat plötzlich herein, und als er dies sah, ging er zornig weg, und seither läßt er nichts mehr von sich hören.« - »Und was kann ich jetzt für dich tun?« - »Bring ihm einen Brief von mir: wenn er dir eine Antwort gibt, so sollst du fünfhundert Dinare von mir haben; wo nicht, gebe ich dir hundert Dinare für deine Mühe.« Als ich mich dazu bereit erklärte, ließ sie sich von einer Sklavin Tinte und Papier bringen und schrieb folgende Verse:

»O Geliebter! wie lange soll noch dieser Zustand dauern? wo ist unsere frühere Liebe hingekommen? wie lange soll noch der Schlaf mich fliehen? wann werde ich dein altes Gesicht wiederfinden? Gewiß hast du den Verleumdern dein Ohr zugeneigt, aber hüte dich, ihren falschen Worten zu glauben. Bei deinem Leben! sprich, was hast du von ihnen gehört? du weiß es ja, sei nur gerecht! Bedenke, wie leicht jedes Wort verunstaltet werden kann; ist nicht selbst die Tora, das Wort Gottes, von einem ganzen Volke verfälscht worden?Die Muselmänner glauben, das jetzt vorhandene alte und neue Testament sei nicht das von Gott geoffenbarte. Wie oft haben sich schon falsche Gerüchte verbreitet! Hat Jakob geglaubt, Joseph habe gestohlen? Einst wird ein furchtbarer Tag kommen, wo du und ich und meine Verleumder alle zusammentreffen werden.«

Sie versiegelte den Brief und überreichte ihn mir. Ich ging zu Djubeir und wartete in seinem Haus, bis er von der Jagd zurückkam. Als ich ihn auf seinem Pferd sah, verblendete mich seine Schönheit ganz. Er kannte mich aber, grüßte und umarmte mich, und ich glaubte die ganze Welt zu umarmen; er führte mich dann in sein Haus und ließ mich auf sein Sofa sitzen. Nachdem wir ausgeruht waren, wurde ein Tisch, vom feinsten Holz aus Chorasan, mit allerlei Backwerk, Braten und süßen Speisen beladen, vor uns aufgestellt.

Als mich Djubeir zum Essen einlud, schwur ich: »Bei Gott, ich werde keinen Bissen essen, bis du mein Anliegen anhörst.« Er fragte: »Und worin besteht es?« Da überreichte ich im Bedurs Brief. Als er ihn gelesen und den Inhalt verstanden hatte, zerriß er ihn, warf ihn auf den Boden und sagte. »O Ibn Manßur! was du auch für ein Anliegen haben magst, ich will es dir gern gewähren, doch diesen Brief werde ich nicht beantworten.« Ich stand zornig auf, aber er hielt mich am Kleid fest und sagte: »Ich will dich etwas fragen.« - »Was denn?« - »Hat dir nicht die Schreiberin dieses Briefs fünfhundert Dinare versprochen, wenn du ihr eine Antwort bringst, und hundert Dinare für deinen Gang?« - »Ja« - »Nun, bleibe heute bei mit, iß und trink, du sollst von mir fünfhundert Dinare haben.« Ich blieb bei ihm, wir aßen und tranken und unterhielten uns mit allerlei Erzählungen. Dann sagte ich: »Mein Herr! gibt es keinen Gesang in deinem Hause?« Er erwiderte: »Bei Gott, du hast recht, wir trinken schon gar zu lange ohne Musik.« Er rief hierauf eine Sklavin aus ihrem Gemache; sie kam mit einer fein polierten Laute in einem seidenen Sack, setzte sich, legte sie auf ihren Schoß, präludierte ein wenig und sang dann folgende Verse:

»Wer die Süßigkeit und das Bittere der Liebe nicht kennt, der weiß die Nähe des Geliebten von seiner Anwesenheit nicht zu unterscheiden. Wer nicht den rechten Pfad in der Liebe wandelt, dem sind sanfte und rauhe Pfade gleich. Ich habe mich der Liebe hingegeben, bis ich mit ihren Freuden und ihrem Leid vertraut wurde. Ich habe den Kelch der Liebe so weit geleert, daß ich vor Freien und vor Sklaven mich demütigte. Wie manche Nacht hat mein Geliebter bei mir zugebracht und mich aus seinem Munde Wonnetrank küssen lassen. Aber die Nacht unserer Vereinigung war so kurz, als hätte die Morgenröte den Abend berührt; dann hat das Schicksal gelobt, uns zu trennen und bald hat es sein Gelübde erfüllt. Doch wer kann sich der Bestimmung widersetzen? welcher Sklave kann den Befehl seines Herrn trotzen?«

Als die Sklavin diese Verse gesungen hatte, schrie ihr Herr laut auf und fiel in Ohnmacht. Die Sklavin sagte nur: »Möge dich Gott nicht strafen! wir trinken schon lange ohne Gesang und unser Herr bleibt ruhig. Nun gehe in dein Gemach, dort ist ein Bett für dich, unser Herr wird diese Nacht nicht mehr zum Bewußtsein zurückkehren.«

Ich schlief in meinem Zimmer bis zum folgenden Morgen, da kam ein Junge und brachte mir fünfhundert Dinare und sagte: »Hier ist, was mein Herr dir versprochen, du brauchst nicht zu dem Mädchen zurückzugehen, niemand hat uns gehört, und wir werden alles verschweigen.« Ich nahm den Beutel, ging fort und dachte: Das Mädchen erwartet dich, bei Gott! ich muß zu ihr und ihr erzählen, was zwischen mir und ihrem Geliebten vorgefallen, sie wird sonst über mich und alle meine Landsleute schimpfen. Als ich zu ihr kam, sagte sie, sobald sie mich sah: »Deine Sendung ist nicht gelungen.« - »Woher weißt du das?« - »Soll ich dir noch mehr sagen? als du ihm den Brief gabst, zerriß er ihn, warf ihn weg und sagte dir, er wolle dir alles gewähren, nur diesen Brief nicht beantworten. Du standest dann zornig auf, er hielt dich aber zurück, bot dir fünfhundert Dinare an und hieß dich den Tag über bei ihm bleiben. Du unterhieltst ihn dann, eine Sklavin kam zuletzt und sang, bis Djubeir in Ohnmacht fiel.« - »Warst du denn bei uns?« - »Weißt du nicht, was einmal ein Dichter sagte:

»Die Herzen der Liebenden sehen besser, als anderer Menschen Augen.«

Bedur fuhr dann fort: »O Ibn Manßur! es vergeht kein Tag und keine Nacht über etwas, ohne daß eine Veränderung damit vorgehe.« Sie hob dann ihr Aug gen Himmel und sprach: »Mein Gott und mein Herr! verpflanze die Liebe, die ich für Djubeir fühle, in sein Herz.« Hierauf gab sie mir hundert Dinare, ich verließ sie und ging zum Statthalter von Baßrah, der von der Jagd zurück war, nahm meinen Gehalt in Empfang und kehrte wieder nach Bagdad zurück. Als ich im folgenden Jahre wieder nach Baßrah kam und nach vollendetem Geschäfte nach Bagdad zurückreisen wollte, dachte ich: bei Gott! ich will doch einmal sehen, was zwischen Bedur und ihrem Geliebten sich ereignet hat; ich ging nach ihrem Haus, da fand ich vor der Türe rein gekehrt und gespritzt, ich sah schöne Teppiche und eine Menge Diener und dachte: gewiß hat der Gram das Mädchen getötet, und nun wohnt irgend ein Emir in ihrem Hause. Ich ging weg und begab mich nach Djubeirs Wohnung, da fand ich die Bänke zerstört und kein Diener war an der Türe, ich dachte: der ist gewiß auch gestorben, blieb eine Weile an der Türe stehen und sprach folgende Trauerverse:

»O meine Freunde! sie sind dahin und mein Herz folgt ihnen; o kehrten sie doch wider, das wäre ein Festtag für uns. Ich stehe vor eurer Wohnung und klage und weine; ich frage die trauernden Ruinen des Hauses: wo sind die, welche so selig in euren Mauern waren? Ziehe weiter (antworten sie), die Freunde sind ausgewandert und ruhen unter der Erde. Möge uns Gott ihre schönen Handlungen nach allen Seiten hin vorführen, und ihre Verdienste nie verhüllen!«

Während ich so die Bewohner dieses Hauses betrauerte, trat ein schwarzer Sklave zu mir heraus und sagte: »O hätte dich deine Mutter doch nie geboren! was betrauerst du dieses Haus so?« Ich antwortete: »Es gehörte einem meiner Freunde.« - »Wie hieß er denn?« - »Djubeir; sage, was ist ihm denn geschehen?« - »Er ist ganz wohl, nur hat ihn Gott mit der Liebe eines Mädchens heimgesucht, welches Bedur heißt, und die Liebe hat ihn in einen harten Felsenstein verwandelt; wenn er hungert, fordert er nicht zu essen, und wenn er dürstet, sagt er nicht: gebt mir zu trinken.« - »Fragt ihn einmal, ob ich ihn besuchen darf.« - »Mein Herr! willst du einen verständigen Mann oder einen Verrückten besuchen?« - »Ich muß jedenfalls zu ihm.« Der Sklave führte mich zu Djubeir, ich redete ihn an, er blieb aber wie ein Stein und sprach kein Wort. Eine seiner Sklavinnen sagte mir dann: »Rede ihn in Versen an, sonst wird er dir nicht antworten.« Ich richtete folgende Verse an ihn:

»Hast du Bedurs Liebe vergessen, oder tust du dir Gewalt an? Durchwachst du deine Nächte, oder schläft dein Auge? Wenn deine Tränen reichlich fließen, so wisse, daß deine Schuld die größere ist.«

Da öffnete er seine Augen, hieß mich willkommen und sagte: »Nun ist der Scherz Ernst geworden.« Ich sagte: »Mein Herr! bedarfst du mein?« Er antwortete: »Ich will dir einen Brief mitgeben: bringst du mir Antwort, so sollst du tausend Dinare; wo nicht, so gebe ich dir zweihundert Dinare für deinen Gang.« Ich sagte: »Tue, was dir gutdünkt.«

Djubeir ließ sich von einer Sklavin Tinte und Papier bringen und schrieb folgende Verse:

»Ich beschwöre Euch bei Gott, habt Geduld mit mir, denn die Liebe hat mir den Verstand geraubt. Einst schätzte ich die Liebe gering und hielt sie für etwas Leichtes, nun hat sie sich meiner bemächtigt und treibt mich auf einem stürmischen Meer wild umher, und ich entschuldige ihre Opfer. Habt nun Mitleid mit mir und beglückt mich mit Eurer Nähe.«

Er versiegelte dann den Brief und überreichte mir ihn. Ich ging damit zu Bedur und hob den Vorhang wie früher ein wenig zurück; da sah ich zehn Jungfrauen wie der Mond und in ihrer Mitte war Bedur, welcher man keinen Kummer mehr ansah. Als sie mich erblickte, bewillkommte sie mich und hieß mich hereinkommen; ich näherte mich ihr, grüßte sie und überreichte ihr Djubeirs Brief. Als sie ihn gelesen und verstanden hatte, sagte sie lachend: »Ein Dichter hat gesagt:

»Ich ertrage standhaft deine Liebe und warte mit Geduld, bis wieder ein Bote von dir zu mir kommt.«

»Nun, Ibn Manßur, ich will ihm antworten, damit er dir gebe, was er dir versprochen.« Ich dankte ihr, sie ließ sich von einer Sklavin Tinte und Papier bringen und schrieb folgende Verse:

»Warum habt Ihr mich verlassen, als ich Euch treu war? Warum wart Ihr ungerecht, als ich gerecht war? Ihr allein habt die Trennung gewollt, als ich sorgsam die Liebe pflegte und Eure Ehre schonte. Nun habe ich mit eigenen Augen gesehen und auch von anderen gehört was mir an Euch mißfällt. Soll ich mich erniedrigen und Euch länger verehren? Wahrlich, hättet Ihr mich geehrt, so wäret Ihr auch von mir geehrt worden, nun will ich aber mein Herz von Euch abwenden und Eure Liebe ganz abschütteln.«

Ich sagte: »Bei Gott! Meine Herrin, dieser Brief wird ihm den Tod geben.« Ich zerriß ihn und bat sie, andere Verse zu schreiben. Sie schrieb:

»Ich bin getröstet und der Schlaf ergötzt mein Auge wieder, denn die Tadler haben mir alles berichtet; mein Herz hat Euch nun vergessen und meine Augenlider wollen nicht länger wachen.«

Ich sagte: »Bei Gott! meine Herrin, sobald er diese Verse zu Gesicht bekommt, wird die Seele aus seinem Körper entfliehen.« Sie versetzte: »Nun, Ibn Manßur, so weit ist es gekommen.« Ich erwiderte: »Er verdient noch mehr als dies, aber Verzeihung ist eine Tugend edler Menschen.«

Sie ließ sich dann wieder Tinte und Papier reichen und schrieb mit Tränen im Auge einen Brief, wie ihn niemand im Divane zu schreiben imstande wäre. Es waren auch folgende Verse darin:

»Wie lange noch so hochmütig und so ungerecht? Solltest du geheilt sein, während mein Herz mächtig pocht? Habe ich, ohne es zu wissen, gefehlt, so sage mir, was war mein Vergehen? Du bist mir teurer, als der Schlaf meinen Augen; hast du den Liebeskelch geleert, so tadle mich nicht, wenn du mich betrunken siehst.«

Als Bedur geschrieben hatte, versiegelte sie den Brief, ich sagte: »Dieser Brief muß jeden Kranken heilen«, nahm ihn und ging damit fort; da rief sie mir noch nach: »Sage ihm, ich werde diesen Abend sein Gast sein.« Ich freute mich sehr und eilte zu Djubeir, dessen Augen stets nach der Tür gerichtet waren, weil er eine Antwort erwartete. Sobald er den Brief gelesen hatte, schrie er laut auf und fiel ihn Ohnmacht. Als er wieder zu sich kam, sagte er: »O Ibn Manßur! hat Bedur diesen Brief mit ihrer Hand geschreiben?« Ich erwiderte: »Mein Herr! schreiben denn die Leute mit den Füßen?« Und bei Gott, kaum hatte ich dies gesagt, so hörten wir schon das Geklirr ihrer Fußringe. Als Djubeir sie sah, sprang er auf und umarmte sie, als hätte er gar keinen Schmerz mehr. Dann setzte er sich nieder; sie aber blieb vor ihm stehen, und als ich sie fragte, warum sie nicht neben ihm Platz nehme, sagte sie: »Ich setzte mich nur unter einer Bedingung.« Ich fragte, was das für eine Bedingung wäre? Sie erwiderte: »Das ist ein Liebesgeheimnis, das niemand wissen darf.« Sie sagte dann Djubeir etwas ins Ohr, worauf dieser antwortete: »Recht gerne.« Dann sprach er geheim mit einem seiner Sklaven, der sogleich wegging und bald wieder mit dem Kadhi und zwei Zeugen zurückkam. Djubeir holte einen Beutel mit tausend Dinaren und sagte zum Kadhi: »Schreibe den Ehe-Kontrakt zwischen mir und diesem Mädchen, hier sind tausend Dinare als Morgengabe.«

Der Kadhi fragte sie, ob sie einwillige, und als sie seine Frage bejahte, schrieb er den Kontrakt. Bedur nahm dann eine Hand voll Gold, gab es dem Kadhi und den Zeugen und reichte Djubeir das übrige Geld zurück. Ich blieb dann in angenehmster Unterhaltung bei ihnen, bis der größte Teil der Nacht vorüber war. Dann dachte ich: Hier sind zwei Liebende, die lange getrennt waren, ich will sie nun allein lassen. Als ich aber aufstand, hielt mich Bedur zurück und sagte: »Was ist dir eingefallen? Du hast gewiß gedacht, wir wollten allein sein, aber bleibe nur sitzen, wir wollen dir schon sagen, wenn du gehen sollst.« Ich blieb noch bei ihnen bis nahe am Morgen. Dann hieß mich Bedur in ein Zimmer gehen, wo ein Bett für mich war, und ich schlief bis in den Tag hinein.

Als ich aufstand, kam ein Diener mit einem Waschbecken, ich wusch mich und betete das Morgengebet. Da kamen Djubeir und seine Frau aus dem Bad, das im Hause war, und preßten ihre Locken aus; ich wünschte ihnen guten Morgen und Glück zu ihrer Vereinigung und sagte: »Wer ein frommes Versprechen macht und es hält, dem geht es gut.« Djubeir erwiderte: »Du hast recht und verdienst es.« Er rief dann seinen Schatzmeister und ließ mir tausend Dinare geben. Ich sagte aber: »Ich werde nichts nehmen, bis du mir erzählst, warum du sie wieder so heftig geliebt, nachdem du solange von ihr getrennt bliebst.« Er antwortete. »Wisse, wir haben ein Fest, man nennt es das Schifferfest, da fahren alle Leute im Nachen spazieren. Ich fuhr auch mit meinen Freunden aus, da sah ich einen Nachen mit zehn Mädchen darin wie der Mond; Bedur war in ihrer Mitte und hatte ihre Laute bei sich. Ich folgte ihrem Nachen und hörte, wie sie sang:

»Feuer ist kälter, als die Flamme meines Herzens, Felsen sind weicher, als das Herz meines Geliebten; ich wundere mich über seine sonderbare Natur: wie schlägt ein so hartes Herz in einem Körper, welcher sanfter ist als Wasser?«

Ich bat sie, diese Verse zu wiederholen, aber sie weigerte sich. Da sagte ich den Matrosen, sie sollten ihr Orangen nachwerfen, und sie taten dies in solchem Maße, daß ich befürchtete, ihr Nachen möchte untergehen; hierauf ging sie ihres Weges fort und meine Liebe zu ihr nahm zu.« Ich wünschte ihnen dann noch einmal Glück zu ihrer Wiedervereinigung, nahm die tausend Dinare und kehrte in mein Heimat zurück.

Der Kalif war durch diese Geschichte zerstreut und sein Geist heiterte sich wieder auf.

In der nächsten Nacht begann Schehersad die

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