Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Gustav Weil >

Tausend und eine Nacht, Zweiter Band

Gustav Weil: Tausend und eine Nacht, Zweiter Band - Kapitel 36
Quellenangabe
typefairy
authorGustav Weil
translatorGustav Weil
year1984
titleTausend und eine Nacht, Zweiter Band
firstpub1838
isbn3-86070-308-0
senderhille@abc.de
Schließen

Navigation:

Geschichte Ali Schirs.

Vor vielen Jahrhunderten lebte in Chorasan ein sehr reicher und angesehener Mann, mit Namen Muhamed Eddin. Er war schon sechzig Jahre alt, als ihm Gott noch einen Sohn schenkte, den er Ali Schir nannte. Als dieser das männliche Alter erreicht hatte, wurde Muhamed Eddin gefährlich krank. Er ließ Ali Schir zu sich rufen und sagte ihm: »Mein Sohn, ich bin dem Tode nahe und möchte dir nun meinen letzten Willen kund tun.« Ali Schir fragte: »Was befiehlst du, mein Vater?« - »Vor allen«, erwiderte der Sterbende, »meide schlechte Gesellschaft und schenke niemanden dein Vertrauen, denn selbst deine Freunde könnten dich verraten. Ein frommer Dichter hat gesagt:

»Es lebt kein Mensch in unserer Zeit, dessen Freundschaft wünschenswert; kein Vertrauter bleibt uns treu, wenn das Schicksal uns bedroht. Lebe einsam und baue auf niemanden, das ist mein Rat, er genüge dir.«

Ali Schir sagte: »Ich werde gehorchen, mein Vater! Was gebietest du noch?« - »Sei mildtätig, solange du kannst, und versäume keine Gelegenheit, Wohltaten auszuüben, denn nicht zu jeder Zeit kann man dazu kommen. Ein Dichter hat gesagt:

»Nicht zu jeder Zeit bieten sich schöne Handlungen dar, darum hasche danach, wenn du es in Sicherheit kannst, und fürchte, das Schicksal möchte dir treulos werden.«

»Auch diesen Rat werde ich befolgen, hast du mir noch etwas zu sagen?« - »Mein Sohn! bewahre dein Vermögen, es wird dich dann auch schützen, verschwende es nicht, sonst möchtest du der gemeinsten Menschen bedürfen, der Wert des Menschen besteht in seinem Besitz, wie ein Dichter gesagt:

»Ist mein Vermögen gering, so will niemand mein Freund sein; ist es groß; so drängt sich ein jeder um mich. Wie mancher geht nur meines Geldes willen mit mir um, wie mancher andere verläßt mich, sobald mein Geld dahin ist.«

»Dann, mein Sohn, befolge den Rat älterer Leute, übereile dich in nichts, habe Mitleid mit denen, die unter dir sind, so werden auch deine Oberen dich bemitleiden. Ein Dichter sagte:

»Bist du mächtig, so tue niemand Gewalt an, denn der Unterdrückte ist immer zur Rache vorbereitet; wenn dein Auge schläft, so wacht der, dem Unrecht geschehen, er verwünscht dich, und Gottes Auge schläft nie.«

Ferner hüte dich, Wein zu trinken; er ist die Quelle vielen Unheils; er unterdrückt den Verstand und verleitet zur Gemeinheit. Das ist mein letzter Wille; Gott wache statt meiner über dich.« Hierauf fiel er eine Weile in Ohnmacht, dann rief er Gott um Verzeihung an, legte sein Glaubensbekenntnis ab und ging zur Barmherzigkeit Gottes über. Ali weinte und schluchzte, dann ermannte er sich und machte die Vorbereitungen zur Beerdigung; die vornehmsten Leute der Stadt folgten dem Leichenzug; der Koran wurde für ihn vor seinem Sarg gelesen, kurz, es wurde nichts unterlassen von allem, was einem angesehenen frommen Muselmann gebührt. Dann betete man für ihn und legte ihn in die Erde, und schrieb folgendes auf sein Grab:

»Du stammst von Erde her und erhieltst Leben und wurdest ein beredter Mann, dann bist du als Leiche zur Erde zurückgekehrt, als wärest du von jeher nur Staub geblieben.«

Ali Schirs Mutter betrauerte ihren Gatten, bis auch sie bald nach ihm starb, und Ali Schir ließ sie mit denselben Ehrenbezeigungen, wie sein Vater, bestatten.

Ein Jahr lang lebte nun Ali Schir seinem Handel und knüpfte mit niemanden Freundschaft an. Aber nach einem Jahr kamen schlechte Menschen zu ihm, die ihn zum Bösen verleiteten; er ging dem Vergnügen nach, wurde verschwenderisch und dachte: »Mein Vater hat dieses Vermögen für mich gesammelt, wem soll ich es hinterlassen? Bei Gott! ich will die Worte des Dichters beherzigen, welcher sagte:

»Wenn du dein ganzes Leben lang einsammelst, wann willst du das Gesammelte genießen?«

Ali Schir zehrte nun an seinem Vermögen Tag und Nacht. Aber bald ging es Ali, wie es in einem Sprichwort heißt:

»Wer immer ausgibt, ohne zu rechnen, wird arm, ohne es zu wissen.«

Ali Schir mußte bald seinen Laden und seine Häuser verkaufen, zuletzt auch seine Kleider, so daß ihm nur noch ein einziges übrig blieb. Eines Tages, als er nicht mehr so viel hatte, um davon zu frühstücken, da erwachte er aus seinem Rausch und empfand Reue. Er wollte zu seinen Freunden gehen, um ihre Hilfe anzusprechen, aber sie verbargen sich vor ihm, so daß er fast verhungerte.

Er ging hierauf nach dem Bazar und sah hier viele Leute zusammengerottet; er schwur bei Gott, nicht zu weichen, bis er gesehen, weshalb die Leute hier einen Knäuel bilden und erblickte eine Sklavin von schönem Wuchs und rosigen Wangen, wie sie ein Dichter schilderte:

»Sie ist aus der Form der Schönheit vollkommen hervorgegangen, weder zu lang, noch zu kurz, weder zu stark, noch zu mager; der Mond ist ihre Stirne, ein Banzweig ihr Wuchs, ihr Atem Moschus und ihr ganzer Körper aus Perlenwasser gegossen.«

Ali Schir fand diese Sklavin so schön, daß er schwur, nicht vom Platze zu weichen, bis er wisse, wer sie kaufe und was für sie geboten werde. Er stellte sich zu den übrigen Kaufleuten, so daß sie glaubten, es sei auch ein Käufer, weil sie wußten, wie viel er von seinem Vater geerbt und wie wohlhabend er war. Der Makler rief aus: »O ihr Kaufleute und reichen Herren, groß und klein, was bietet ihr für diese Sklavin, Herrin des Monds, leuchtende Perle, kostbaren Smaragd, Ziel des Verlangenden, Ergötzung des Sehnenden?« Da bot ein Kaufmann fünfhundert Dinare, ein anderer fünfhundertundzehn; ein alter häßlicher Mann mit blauen Augen bot sechshundert; wieder einer sechshundertundzehn; worauf der Alte sogleich wieder tausend bot. Da schwiegen alle Kaufleute, und der Makler fragte ihren Herrn, ob er sie für tausend Dinare geben wolle? Er antwortete: »Ich habe geschworen, sie nur dem zu verkaufen, der ihr gefällt; frage sie, ob sie diesem Käufer gehören will.« Der Makler zeigte ihr den Alten, und als sie ihn sah, sagte sie: »Dem will ich nicht verkauft werden. Ein alter Dichter sagte einst:

»Ich forderte einen Kuß von meiner Geliebten, aber sie sah mein graues Haar, und obgleich ich sehr reich war, wandte sie sich weg und sagte: Nein, bei dem, der den Menschen aus nichts geschaffen, ich habe keine Freude an einem weißen Bart, soll ich bei meinem Leben mir den Mund mit Baumwolle stopfen?«

Als der Makler diese Worte hörte, sagte er: »Bei Gott, du hast nicht Unrecht, du bist wohl tausend Dinare wert.« Er sagte dann den Kaufleuten, daß sie den Alten nicht wolle. Da trat jemand hervor und sagte: »Ich gebe auch tausend Dinare.« Als sie ihn betrachtete, fand sie, daß er einen gefärbten Bart hatte, und sprach folgenden Vers:

»Sage dem Unbesonnenen, der sich färbt: was bedeutet diese List? Du gehst mit einem Bart weg und kommst mit einem anderen wieder, als wärest du irgend ein Schattenspieler.«

Der Makler sagte: »Bei Gott, du hast Recht.« Da kam ein Halbblinder und sagte dem Makler: »Frage sie, ob sie mich zum Herrn will?« - »Von einem solchen Mann«, antwortete die Sklavin, »hat ein Dichter gesagt:

»Lebe keinen Tag in Gesellschaft eines Halbblinden, und sei gegen seine Bosheit auf deiner Hut, denn wäre etwas Gutes an ihm, so hätte sich nicht sein eigenes Auge von ihm getrennt.«

Der Makler zeigte ihr dann einen anderen Kaufmann und fragte sie, ob sie diesen wolle? Er war aber so klein, daß sein Bart ihm bis zu den Beinen herunter hing. Sie antwortete: »Von diesem sagt ein Dichter:

»Ich habe einen kleinen Freund mit einem Bart, den Gott ganz zwecklos hat wachsen lassen; er gleicht einer langen, kalten und finstern Winternacht.«

Der Makler sagte: »Nun, meine Dame, sieh dich einmal um, wer von den Anwesenden dir gefällt.« Die Sklavin warf ihren Blick auf den ganzen Kreis, und als er auf Ali Schir fiel, fühlte sie tausendfaches Weh in ihrem Herzen, denn er glich einer Gazelle und war zarter, als ein Zephyr; sie sagte dem Makler, auf Ali hindeutend: »Ich will nur diesem jungen Mann mit schönem Gesicht und feinem Wuchs verkauft werden, von einem solche Mann hat ein Dichter gesagt:

»Sie haben dein schönes Gesicht gezeigt, dann tadeln sie die von demselben Verführte. Wollten sie meine Keuschheit, so hätten sie dein schönes Gesicht verhüllen müssen.«

»Nur ihm will ich verkauft werden«, fuhr sie fort, »seine Worte fließen wie ein Strom aus dem Paradies, sein Blick heilt jeden Kranken; auf ihn passen folgende Verse:

»Seine Küsse sind süßer Wein, sein Atem ist frisches Basilienkraut, seine Zähne sind Kampfer. Ridhwan hat ihn aus seiner Wohnung verjagt, aus Furcht, er möchte die Huri verführen. Man tadelt ihn wegen seines Stolzes, aber entschuldigt man nicht den Stolz des Mondes? Ich will keinen andere, als den mit lockigen Haaren und rosigen Wangen.«

Als der Makler dies hörte, ging er zu ihrem Herrn und sagte: »Deine Sklavin hat mich ganz verrückt gemacht mit ihrer Schönheit, Beredsamkeit und Dichterkenntnis; sie ist mehr als tausend Dinare wert.« Der Eigentümer versetzt: »Ich kann dir noch mehr von ihr sagen: sie kennt die sieben Schriftarten und liest den Koran nach den sieben Lesarten; ihre Hände sind Gold und Silber; sie stickt seidene Vorhänge, an denen du zehn Dinare verdienst, und bringt jede Woche einen fertig; o welch ein Glück, eine solche Sklavin im Hause zu haben, doch verkaufe sie nur, wem sie will.« Der Makler ging zu Ali Schir, küßte ihm die Hände und sagte: »Mein Herr, kaufe diese Sklavin, denn sie hat dich gewählt.« Ali Schir schlug den Kopf nieder, lachte über sich selbst und dachte: Bei Gott, ich habe noch nicht einmal gefrühstückt! ich schäme mich vor den Kaufleuten, zu sagen: ich habe nicht so viel. Die Sklavin sah ihn an und sagte zum Makler: »Stelle mich ihm vor, damit er Gefallen an mir finde, denn ich will nur ihm verkauft werden.« Der Makler führte sie zu ihm und sagte: »Nun, mein Herr!« Ali gab aber keine Antwort. Da sagte die Sklavin: »O mein Herr, Geliebter meines Herzens! warum kaufst du mich nicht? ich werde dich gewiß glücklich machen.« Ali hob den Kopf zu ihr empor und sagte: »Kann man zu einem Kauf gezwungen werden? du bist mir zu teuer.« - »Nun, mein Herr, so kaufe mich für neunhundert Dinare!« - »Auch so viel kann ich nicht geben.« Sie ging dann immer herunter, bis auf hundert Dinare. Aber Ali sagte: »Ich habe nicht einmal ganz hundert Dinare.« - »Fehlt dir viel daran?« - »Bei Gott, ich besitze keine weiße und keine rote Münze, suche dir einen anderen Käufer.« - »So ergreife nur meine Hand, als wolltest du mich in einem Seitengäßchen untersuchen,« und als er dies tat, zog sie einen Beutel von tausend Dinaren heraus und sagte ihm: »Bezahle neunhundert Dinare meinem Herrn und behalte hundert für uns.« Ali tat so und führte die Sklavin in seine Wohnung. Als sie ein leeres Zimmer fand, ohne Bett, ohne Decke und ohne Gefäße, gab sie ihm tausend Dinare und sagte: »Gehe auf den Bazar und kaufe für dreihundert Dinare Bett und Hausgerätschaften.«

Als Ali wiederkam, sagte sie ihm: »Kaufe für drei Dinare Speisen und Getränke, dann ein Stück Seidenzeug zu einem Vorhang, Gold- und Silberfaden und Seide von sieben Farben.« Sie legte dann die Divane und Teppiche zurecht, zündete Lampen an, setzte sich zu Tisch und unterhielt sich mit Ali bis tief in die Nacht.

Am folgenden Morgen nahm die Sklavin den Vorhang und stickte mit farbiger Seide und Goldfaden um den Rand her allerlei Vögel, in die Mitte jede Gattung wilder Tiere, und arbeitete acht Tage lang daran. Als er fertig war, schnitt sie ihn zurecht, machte ihn rein und glatt, gab ihn ihrem Herrn und sagte: »Verkaufe ihn einem hiesigen Kaufmann; hüte dich aber, ihn einem Umherziehenden zu verkaufen, sonst ist unsere Trennung nahe; denn du hast Feinde, deren Augen auf uns geheftet sind.« Ali verkaufte den Vorhang einem Kaufmann für vierzig Dinare, kaufte wieder Seidenzeuge, Seide, Goldfaden und Lebensmittel, und brachte das übrige Geld zurück. So verfloß ein ganzes Jahr. Als aber am Anfange des zweiten Jahres Ali den Vorhang, wie gewöhnlich, einem Makler zum Ausrufen gab, kam ein Christ vorüber, der sechzig Dinare bot. Der Makler wollte ihn nicht geben, aber der Christ bot immer mehr, bis auf hundert Dinare, und bestach noch den Makler mit zehn Dinaren. Der Makler ging zu Ali und sagte ihm: »Dieser Christ will den Vorhang kaufen: was hast du von ihm zu befürchten?« Auch alle Kaufleute drangen in ihn, bis er mit zitterndem Herzen den Vorhang dem Christen verkaufte, sein Geld nahm und wegging. Aber der Christ folgte ihm. Da fragte ihn Ali: »Was gehst du mir nach?« Er antwortete: »Ich habe oben an dieser Straße etwas zu tun, Gott schütze dich vor jedem Mangel!« Als Ali Schir vor sein Haus kam und den Christen noch auf seinen Versen sah, fragte er ihn wieder : »Was folgest du mir, Tropf?« Der Christ antwortete: »Mein Herr! ich habe Durst, gib mir zu trinken.« Ali dachte: Bei Gott, ich will den Christen nicht beschämen, der einen Trunk Wasser von mir fordert.

Ali ging ins Haus und holte einen Becher Wasser. Da fragte ihn die Sklavin: »Hast du den Vorhang verkauft?« - »Ja.« - »Einem hiesigen Kaufmann oder einem durchziehenden? Schon ahnet mein Herz die Trennung.« - »Ich habe ihn einem hiesigen Kaufmann verkaufte - »Was willst du mit diesem Becher Wasser?« - »Dem Makler zu trinken geben.« Da rief sie: »Es gibt keinen Schutz und keine Macht, außer bei Gott, dem Erhabenen!« und rezitierte folgenden Vers:

»Du, der du Trennung herbeiführst, sachte! Laß dich nicht durch Umarmung täuschen. Sachte, das Glück ist trügerisch und das Ende jeder Vereinigung ist Trennung.«

Ali ging indessen mit dem Becher hinaus; da er aber den Christen im Hausgang, der ins Wohnzimmer führte, fand, sagte er: »Du Hund kommst ohne Erlaubnis in mein Haus?« Der Christ antwortete: »O mein Herr! es ist ja kein Unterschied zwischen der Haustür und dem Gang, ich werde nicht weiter vorgehen, du bist doch ein gütiger, wohltätiger Mann.« Ali reichte ihm den Becher, der Christ trank ihn aus und gab ihn zurück, wich aber noch nicht von der Stelle. Da fragte ihn Ali: »Warum gehst du nicht deines Weges?« - »Mein Herr! sei nicht wie die, welche, wenn sie einem Wohltaten üben, dieselben dann einem vorwerfen, wie ein Dichter sagt:

»Dahin sind diejenigen, weiche gütig sind gegen die Armen, die an ihrer Tür stehen, jetzt macht man ihnen einen Trunk Wasser zum Vorwurf.«

»Ich habe nun getrunken, ich möchte jetzt auch etwas zu essen, vielleicht hast du ein Stück Brot und Zwiebel.« - »Gehe jetzt ungesäumt deines Weges, es ist nichts im Hause.« - »Wenn du nichts im Hause hast, hier sind hundert Dinare, bringe etwas vom Markte, wäre es auch nur ein Laib Brot, daß wir Brot und Salz zusammen essen.«

Ali dachte: Dieser Christ ist verrückt; bei Gott, ich werde die hundert Dinare nehmen, ihm etwas bringen, das zwei Heller wert ist, und ihn auslachen. Der Christ wiederholte: »Bringe nur etwas, um den Hunger zu stillen, wäre es auch trockenes Brot und Zwiebel, ein Dichter hat gesagt:

»Der Hunger wird mit trockenem Brot gestillt, weshalb soll ich mich grämen? nur der Tod ist gerecht, der verfährt in gleicher Weise mit dem Kalifen und dem ärmsten Menschen.«

Ali sagte ihm dann: »Stehe auf, komm heraus, ich will schließen und dir etwas bringen.« Der Christ ging heraus, Ali legte ein Schloß vor die Tür, steckte den Schlüssel zu sich, lief auf den Bazar und kaufte gebackene Käse, Honig, Bananen und Brot, und brachte es dem Christen. Dieser sagte: »Mein Herr! das ist so viel, daß zehn Menschen daran genug haben; vielleicht wirst du mit mir essen?« Ali weigerte sich, mit ihm zu essen; aber der Christ sagte ihm:»Mein Sohn! kennst du nicht den Spruch der Weisen:

»Wer seinen Gast allein essen läßt, ist ein schlechter Mensch.«

Ali sah sich genötigt, mit dem Christen einiges zu essen, und als er aufhören wollte, nahm der Christ eine Banane, schälte sie, teilte sie in zwei Hälften und tat in die eine Hälfte ein feines Opiumpulver, das einen Elefanten eingeschläfert hätte, tauchte sie in Honig ein und sagte zu Ali: »Bei deinem Glauben, du mußt dies annehmen.« Ali wollte ihn nicht falsch schwören lassen, verschlang die Banane und stürzte um. Der Christ machte sich schnell auf, wie ein kahler Wolf oder eine in die Enge getriebene Katze, nahm den Zimmerschlüssel und lief zu seinem gottlosen Bruder Raschid Eddin, der sich nur zum Scheine für einen Muselmann ausgab. Dieser war es, der zuerst die Sklavin für tausend Dinare kaufen wollte, und als er seinem Bruder erzählte, daß sie ihn verschmäht, sagte ihm dieser: »Warte nur, ich will sie schon durch List ohne Geld bekommen«, und tat hierauf, was wir eben erzählt haben. Raschid Eddin freute sich sehr, als sein Bruder zu ihm kam, bestieg sein Maultier und begab sich in Alis Wohnung mit seinen Dienern und Freunden. Er nahm auch einen Beutel von tausend Dinaren mit, um im Notfall die Polizei zu bestechen. Er öffnete das Zimmer und stürmte mit seinen Leuten über die Sklavin her, drohte ihr mit Schlägen, wenn sie den Mund öffne, schleppte sie mit Gewalt fort und ließ Ali im Gang liegen. Als Raschid sie in seinem Schloß hatte, sagte er ihr: »Nun, Dirne, ich bin der Alte, den du nicht wolltest, und nun habe ich dich ohne Geld.« Sie erwiderte: »Gott wird dich alten Bösewicht schon dafür strafen, daß du mich von meinem Herrn getrennt.« Er aber sagte: »Du sollst nun sehen, was ich tue, du verliebte Dirne! Bei dem Messias und der Jungfrau, wenn du mir nicht gehorchst und meinen Glauben annimmst, so werde ich dich auf alle mögliche Weise peinigen.« - »Und wenn du mich in Stücke reißest«, rief die Sklavin, »so werde ich meinen Glauben nicht aufgeben; vielleicht wird mir Gott bald Hilfe schicken, denn er kann alles, und Körperleiden sind leichter zu tragen, als Verrat gegen den Glauben.« Raschid Eddin rief seine Diener herbei und ließ sie schlagen, bis sie keinen Klaglaut mehr von sich gab; ihr letztes Wort war: »Gott wird mir beistehen, er genügt mir.« Als sein Zorn abgekühlt war, sagte er zu den Sklavinnen: »Schleppt sie an den Füßen in die Küche und gebt ihr nichts zu essen.« Am folgenden Morgen ließ sie der Verruchte wieder vor sich führen, und als sie noch immer keine Christin werden wollte, ließ er sie wieder prügeln und fortschleppen, sie aber rief, als sie sich von den Prügeln erholt hatte: »Es gibt keinen Gott außer Gott, und Mohammed ist Gottes Gesandter!« und flehte des Propheten Fürbitte an.

Was aber den betrübten Ali Schir betrifft, so war er bis zum anderen Tag bewußtlos im Hausgang liegen geblieben. Erst nach und nach schwand die Wirkung des Schlafpulvers, er öffnete seine Augen und rief Sumurd; so hieß nämlich seine Sklavin. Als er ohne Antwort blieb, und das Zimmer leer fand, fiel ihm der Christ und die Warnung seiner Sklavin ein. Da weinte er und bereute seinen Ungehorsam, als es zu spät war. Er sprach dann folgenden Vers:

»O Liebesgram! kennst du keine Schonung? Soll mein Herz immer zwischen Qualen und Gefahren schweben? Bemitleidet doch einen Edlen seines Volkes, den die Liebe erniedrigt; einen Reichen, den wieder Armut drückt!«

Er zerriß dann seine Kleider, nahm zwei Steine in die Hände, ging in der Stadt herum und schlug sich damit auf die Brust und rief seine Sklavin bei ihrem Namen; alle Kinder sammelten sich um ihn, und wer ihn kannte, weinte mit ihm. So brachte er den ganzen Tag und den folgenden auf der Straße zu. Da sah ihn ein frommes altes Weib und sagte ihm: »Gott lasse dich genesen! Mein Sohn, seit wann bist du rasend?« Er antwortete, folgende Verse rezitierend:

»Sie sagen, ich sei rasend vor Liebe, und ich antworte: Nur Rasende kennen die Freuden des Lebens. Lasset mein Rasen, bringt mir die, um derentwillen ich rase, und tadelt mich, wenn sie mich nicht heilt.«

Als die Alte merkte, daß er unglücklich liebte, sagte sie ihm: »Erzähle mir deine Geschichte, vielleicht kann ich dir helfen.« Ali erzählte ihr alles, was zwischen ihm und dem Christen vorgefallen. Da sagte sie: »Kaufe einen Korb, wie die Goldarbeiter haben, und fülle ihn mit Ringen, Armbändern und allerlei Frauenschmuck; spare nur kein Geld, ich gehe damit herum, bis ich, so Gott will, Kunde von ihr erhalte.« Ali küßte ihre Hände und holte, was sie ihm befohlen; sie zog ein geflicktes Kleid an, warf ein honigfarbiges Tuch um den Kopf, nahm einen Stock in die Hand und den Korb auf den Kopf und ging in der ganzen Stadt herum, bis sie Gott vor das Schloß des verruchten Naschid führte; da hörte sie ein lautes Schluchzen und Jammern. Die Alte klopfte an der Tür und sagte zur Sklavin, welche herunterkam und ihr öffnete: »Ich habe hier allerlei Schmuck im Korb, wollt ihr etwas kaufen?« Die Sklavin sagte: »Ja«, führte die Alte hinauf in die Küche, hieß sie sitzen, und alle Sklavinnen setzten sich um sie herum. Als sie sie durchmusterte, bemerkte sie auch Alis Sklavin Sumurd unter ihnen, welche weinte. Da fragte die Alte, warum diese Sklavin sich in einem solchen Zustande befinde? Die Sklavinnen erzählten ihr alles und setzten hinzu: »Es geschah nicht durch unseren Willen, sondern unser Herr hat es uns befohlen, der jetzt auf einer Reise ist.« Die Alte bat sie dann, sie möchten, da doch ihr Herr nicht zu Hause sei, Sumurd entfesseln und, bis ihr Herr zurückkomme, freilassen. »Du hast bei Gott recht«, erwiderten die Sklavinnen; sie entfesselten Sumurd und gaben ihr zu essen und zu trinken; die Alte aber seufzte: »O hätte ich doch ein Bein gebrochen und wäre nicht in dieses Haus gekommen!« Sie ging dann zu Sumurd und sagte ihr: »Gott wird dir bald helfen; ich komme von Ali Schir; sei bereit auf morgen, dein Herr wird unter der Bank am Schloß dich erwarten und durch einen Pfiff ein Zeichen geben, laß dich an einem Seil zum Fenster herunter, er wird dich auffangen und fortbringen.«

Hierauf ging die Alte zu Ali Schir und sagte ihm: »Morgen um Mitternacht stelle dich unter das Schloß des verruchten Raschid und pfeife, Sumurd wird sich herunterlassen, nimm sie auf und gehe mit ihr, wohin du willst.« Ali dankte ihr und sprach folgende Verse:

»Gott segne die, welche mir der Geliebten Wohnort zeigt, denn sie bringt mir die süßeste Nachricht; doch weiß ich sie mit nichts anderem zu belohnen, als mit einem Herzen, das die Trennungsstunde zerrissen.«

Ali wartete ungeduldig, bis die bestimmte Stunde herannahte, dann setzte er sich auf die Bank vor dem Schloß, die ihm die Alte bezeichnet hatte, schlief aber ein (gepriesen sei der, welcher nie schläft), denn er hatte vor Kummer schon lange nicht geschlafen. Nun führte das Schicksal gerade diesen Abend an die Bank, auf der Ali lag, einen Dieb, der Ali seinen Turban vom Kopf nahm und ihn selbst aufsetzte. In diesem Augenblick sah Sumurd zum Fenster herunter, und da es sehr dunkel war, hielt sie den Dieb für ihren Geliebten, sie pfiff und der Dieb tat das gleiche. Sie ließ sich daher an einem Strick mit einem haarenen Sack voll Geld herunter, der Dieb fing sie auf und dachte: das ist ein wunderbares Abenteuer, und floh wie der Blitz mit ihr und dem Geld davon. Als er so schnell lief, sagte ihm Sumurd: »Die Alte hat mir gesagt, du seiest wegen der Trennung sehr krank, und nun läufst du wie ein Affe;« aber der Dieb gab ihr keine Antwort. Sie griff ihm dann ins Gesicht und fand einen rauhen Bart, wie ein Panzer, als hätte er Federn geschluckt, die ihm zum Hals heraus wachsen. Sie erschrak und fragte: »Wer bist du?« Der Dieb antwortete: »Ich bin einer der vierzig Kurden jener gefürchteten Räubergesellschaft Ahmed Danafs, die heute Nacht ihre Freude an dir haben wird.« Als sie dies hörte, weinte sie und schlug sich ins Gesicht, denn sie sah wohl, das das Schicksal sie abermals hintergangen, und daß sie von einem Unglück ins andere gestürzt; doch ergab sie sich in Gottes Ratschluß und sagte: »Es gibt keinen Gott außer Gott!« Djawan hatte nämlich zu Ahmed gesagt: »Ich kenne eine Höhle in der Nähe der Stadt, welche vierzig Menschen faßt, ich gehe in die Stadt voraus und stehle etwas und bewirte euch in der Höhle«, nach welcher er seine Mutter vorausgeschickt hatte. Hierauf traf er einen schlafenden Soldaten, dessen Pferd vor ihm angebunden war. Er schlachtete ihn und plünderte ihn aus und nahm das Pferd, kam dann vor das Schloß des Christen, wo er Sumurd auffing.

Er ritt jetzt mit Sumurd nach der Höhle zu seiner Mutter und sagte ihr: »Gib acht auf diese Sklavin, bis ich wiederkehre.« - Als der Kurde wegging, sagte Sumurd: »Was soll nun hier aus mir werden?« Die Alte antwortete: »Warte nur, bis die vierzig Kurden kommen, die mein Sohn hierher bestellt hat, dann wirst du wie ein Schiff im Wasser schwimmen.« Da sagte Sumurd zur Alten: »Komm heraus ins Freie, ich will dich in der Sonne vom Ungeziefer reinigen.« »Recht gern«, sagte die Alte; »bei Gott, meine Tochter, du hast recht, ich war schon lange nicht im Bad, die Schweine ziehen immer mit mir herum, von einem Ort zum andern.« Sumurd reinigte dann die Alte, bis sie einschlief. Da machte sich Sumurd auf, zog die Kleider des Soldaten an, umgürtete sein Schwert und setzte seinen Turban auf, so daß sie ganz wie ein Mann aussah, schwang sich auf sein Pferd, nahm den Sack mit Gold und rief: »O edler Beschützer, nimm mich unter deinen Schutz aus Rücksicht für den Propheten!« Sie dachte dann: »Kehre ich in die Stadt zurück, so könnte einer von den Verwandten des Soldaten mich sehen, und das wäre schlimm«; sie ging daher in die einsame Wüste und ritt zehn Tage lang umher, während derer sie sich von den Pflanzen der Erde nährte. Am elften Tage kam sie vor eine schöne befestigte Stadt; schon hatte sich der kalte Winter von ihr gewandt und der Frühling mit seinen Rosen sie neu belebt.

An den Toren der Stadt fand Sumurd viele Truppen mit ihren Befehlshabern, auch waren alle Bewohner der Stadt auf den Beinen. Sie dachte: hier muß etwas Außerordentliches sich ereignen. Als sie näher kam, marschierten die Truppen ihr entgegen, die Reiter stiegen ab, küßten die Erde vor ihr und riefen: »Gott verleihe dir Sieg, verehrter Sultan, und segne deine Ankunft!« Sumurd fragte erstaunt, was es gebe? Der Oberstkämmerer sagte: »Der Herr, der mit seiner Gnade nicht geizt, hat dich zum Sultan dieser Stadt erhoben. Wisse, daß wenn unser Sultan ohne Erben stirbt, so ziehen die Truppen drei Tage lang vor die Stadt, und wer zuerst von der Seite herkommt, wo du hergekommen, der wird Sultan, und gelobt sei Gott, der uns einen so hübschen, jungen Türken gegeben; denn auch einen Schlechtern, als du, hätten wir als Sultan anerkennen müssen.« Die kluge Sumurd sagte ihnen: »Glaubt nicht, daß ich zur niedern Klasse der Menschen gehöre: ich bin von vornehmer Abkunft, habe mich aber mit meinen Leuten entzweit und sie verlassen; seht nur meinen Sack mit Gold, aus dem ich schon auf meiner ganzen Reise den Armen Almosen spende.« Alle Leute freuten sich; auch Sumurd, denn sie dachte: bin ich einmal so weit, so werde ich mich auch wieder mit meinem Herrn vereinigen, so Gott will.

Sie zog dann an der Spitze der Truppen in die Stadt und stieg vor dem Schloß ab; da umarmten sie alle Fürsten und Großen, setzten sie auf den Thron und verbeugten sich vor ihr. Sie ließ dann die Schatzkammer öffnen und allen Soldaten Geschenke austeilen; man wünschte ihr Glück und ein dauerndes Reich, und schwur ihr Gehorsam. Alle Herzen verehrten sie wegen ihrer Freigibigkeit; sie hob die Zölle auf, schenkte allen Gefangenen die Freiheit, schaffte das Unrecht ab, so daß jedermann sie liebgewann. Sobald sie aber an ihren Herrn dachte und an die glücklichen mit ihm verlebten Tage, weinte sie und recitierte folgende Verse:

»Mein Liebesschmerz ist frisch, trotz der langen Trennung, meine Tränen mehren sich und verwunden mein Auge. Ich weine, weil Liebesglut mich schmerzt, denn Trennung tut dem Liebenden weh.«

Als Sumurd im Schloß war, bestimmte sie allen Sklavinnen und Favoritinnen einen guten Gehalt, lebte aber von ihnen getrennt, ließ sich nur von jungen Eunuchen bedienen und gab vor, sie wolle nur dem Gottesdienst leben. Sie fastete und betete viel, so daß alle Leute sie für sehr religiös hielten. So lebte sie ein ganzes Jahr, ohne etwas von ihrem Herrn zu vernehmen. Sie ließ dann die Veziere und Kammerherrn rufen und Baumeister und Feldmesser kommen, um unter dem Schloß eine Rennbahn zu bauen, die eine Meile lang und ebenso breit sein sollte. Als dieses in der kürzesten Zeit, nach ihrem Wunsche, vollendet war, ließ sie sich auf dieser Rennbahn ein großes Zelt errichten, ihren Thron dahin bringen und einen großen Tisch herrichten, zu dem sie alle Großen des Reiches einlud. Als diese erschienen, teilte sie viele Geschenke unter sie aus und sagte: »Ich wünsche, daß ihr am Neumond ausrufen lasset: Heute soll niemand in der Stadt seinen Laden öffnen, alle Leute sollen an der königlichen Tafel speisen.« Als der Neumond kam, vollzogen die Veziere den Befehl des Sultans und ließen ausrufen, daß, wer seinen Laden öffne und nicht an der Tafel des Sultans sich einfinde, gehängt würde. Die Leute kamen haufenweise herbeigeströmt, und Sumurd sah auf ihrem Thron zu, wie sie am Tisch saßen und allerlei Speisen aßen, so viel jeder Lust hatte; ihr Thron war so gestellt, daß jeder glaubte, der Sultan sehe nur auf ihn. Die Veziere sagten den Leuten: »Schämt euch nicht, esset nur, der König hat seine Freude daran.« So sättigten sich alle und wünschten dem Sultan viel Glück und sagten beim Weggehen: »In unserm Leben haben wir keinen Sultan gesehen, der so die Armen liebt; Gott erhalte ihn lange!«

Als die Leute den Tisch verließen, begab sich auch Sumurd wieder ins Schloß und freute sich mit dem, was sie getan, und dachte: So Gott will, werde ich auf diese Weise Nachricht von meinem Herrn erhalten. Am folgenden Neumonden wurden wieder dieselben Anstalten getroffen. Als Sumurd die Gäste, einen nach dem andern, betrachtete, bemerkte sie den Christen, der den Vorhang von ihrem Herrn gekauft hatte, und durch den sie ihrem Herrn entrissen worden; sie dachte: Nun beginnt schon die Erfüllung meiner Wünsche. Der Christ streckte eben die Hand nach einer Schüssel Reis mit Zucker, die etwas weit von ihm stand, so daß er sich vordrängen mußte; da sagte ihm sein Tischgenosse: »Warum ißt du nicht, was vor dir steht?« Der Christ erwiderte: »Ich will von keiner anderen Schüssel.« - »Nun, so iß davon«, versetzte sein Nachbar, »Gott lasse es dir übel bekommen!« Ein Haschischfresser sagte: »Lasse ihn, damit ich auch mit ihm esse.« Der andere erwiderte: »Diese Speise ist nicht für euresgleichen du verdammter Haschischfresser, das ist ein Gericht für Emire, lasset es stehen, bis es zu denen gelangt, für die es bestimmt ist.« Der Christ hörte aber nicht darauf, sondern nahm schnell einen Bissen aus der Schüssel und warf ihn in den Mund, und wollte schon nach einem zweiten greifen, als Sumurd einige Soldaten rief und ihnen sagte: »Bringt mir den Mann her, der eine Schüssel mit Reis vor sich hat, und werft ihm den Bissen aus der Hand!« Vier Soldaten vollzogen ihren Befehl und stellten ihn Sumurd vor. Als die Leute dies sahen, hörten sie auf zu essen; einer seiner Tischnachbarn sagte: »Es geschieht ihm recht, warum muß er nach einer Schüssel greifen, die nicht für ihn war;« ein anderer sagte: »Ich habe mich mit der stehenden Mehlspeise begnügt!« Der Haschischfresser sagte: »Gelobt sei Gott, daß ich noch nichts gegessen habe, ich wartete nur, bis er die Schüssel vor sich stellte, um mit ihm zu essen!« Alle waren begierig zu sehen, was ihm geschehen würde. Sumurd sagte zu ihm: »Wehe dir, du Blauäugiger! Wie heißt du und wie kommst du hierher?« Der Christ, welcher einen weißen Turban auf dem Haupt hatte, verleugnete seinen Namen und sagte: »Ich heiße Ali, bin ein Weber und in Handelsgeschäften hier.« Sumurd ließ sich eine geomantische Tafel und eine kupferne Feder bringen, zeichnete einen Affen, blickte eine Weile darauf hin, hob dann den Kopf in die Höhe und sagte: »Du lügst, Hund! Du bist ein Christ, heißt Bersum und hast ein ganz anderes Geschäft vor; sage nur die Wahrheit, oder bei der Majestät des Herrn, ich lasse dir den Hals abschlagen.« Der Christ kam in Verlegenheit, und alle Anwesenden sagten: »Unser König kann wahrsagen.« Sie forderte dann den Christen noch einmal auf, die Wahrheit zu gestehen, und er sagte: »Gnade, o König, ich bin ein Christ.«

Sumurd befahl ihren Dienern, ihm die Haut abzuziehen, ihn mit Stroh auszustopfen und an das Tor der Rennbahn aufzuhängen; dann sollte er außerhalb der Stadt verbrannt, in eine Grube geworfen und mit allerlei Unrat bedeckt werden. Als dies im Angesicht aller Leute geschah, sagten sie: »Das ist recht, wie schlecht ist ihm der Bissen bekommen.« Ein anderer sagte: »Ich will von meiner Frau geschieden werden, wenn ich je wieder verzuckerten Reis esse.« Niemand wagte sich dann mehr an den Platz, wo diese Schüssel stand, und bald darauf gingen alle Leute auseinander. Am dritten Neumond wurde der Tisch wieder gedeckt und mit allerlei Speisen beladen; Sumurd saß wieder auf ihrem Thron und die Truppen standen wie gewöhnlich vor ihr und fürchteten ihre Strenge. Die Bewohner der Stadt setzten sich um den Tisch herum, mehrere betrachteten die Stelle, wo die Reisschüssel stand, und einer sagte zum andern: »Hüte dich wohl, davon zu essen, du wirst sonst gehängt.« Als alle Leute den Wink Sumurd erwarteten, um die Mahlzeit zu beginnen, sah sie vom Thron herab einen Mann mit Ungestüm herbeikommen; und siehe da, es war der Kurde, der sie gestohlen und den Soldaten umgebracht hatte. Dieser Kurde ging nämlich, als er seine Mutter verließ, zu seinen Kameraden zurück und sagte ihnen: »Ich habe gestern Abend reichen Gewinn gemacht: ich habe einen Soldaten getötet und sein Pferd genommen, und noch in der Nacht einen Sack mit Gold erhalten und ein Mädchen, das auch so viel wert ist; ich habe alles in der Höhle bei meiner Mutter.« Seine Freunde gingen gegen Ende des Tages ihm freudig in die Höhle nach, fanden aber die Höhle ganz leer; er fragte seine Mutter, wo die Beute hingekommen? und sie erzählte ihm, was vorgefallen. Da nagte er an seinen Händen vor Reue und sagte: »Bei Gott! ich werde dieser Dirne nachsetzen und sie ergreifen, und wäre sie in der Schale einer Pistazie verborgen, und meinen Rachedurst an ihr löschen.« So reiste er dann umher, bis er in diese Stadt kam, und da er in der ganzen Stadt keinen einzigen Mann fand, so erkundigte er sich darüber bei den Frauen, welche an den Fenstern waren; und als man ihm sagte, daß jeden Neumond alle Männer beim König speisen, ließ er sich die Rennbahn zeigen und eilte dahin. Er fand keinen leeren Platz mehr, als den, wo der Reis aufgestellt war; er setzte sich dahin und streckte die Hand darnach aus; da riefen ihm die Leute zu: »Was willst du tun? du wirst gehängt!« Der Kurde antwortete: »Ich will an dieser Schüssel mich satt essen«, und streckte die Hand darnach aus. Sein Nachbar, der Haschischfresser, wurde nüchtern, verließ seinen Platz, setzte sich weit weg und sagte: »Ich will nichts mit dieser Schüssel zu tun haben.« Aber der Kurde schob mit der Hand eine Quantität heraus, welche die halbe Schüssel leerte.

Er nahm dann einen zweiten Bissen, trotz der Mahnung seines Nachbars, welcher ihn aufforderte, sich über die Geschichte dieser Schüssel belehren zu lassen. Der Haschischfresser sagte: »Lasse ihn, ich fühle schon den Geruch eines Gehängten.« Dem Kurden aber rief er zu: »Iß, Gott mag dir es übel bekommen lassen!« Als er aber den dritten Bissen nehmen wollte, sagte Sumurd ihren Adjutanten: »Bringt mir schnell den Mann her, noch ehe er den Bissen verzehrt.« Sie eilten auf ihn zu und führten ihn vor Sumurd. Die Leute riefen alle: »Er verdient sein Schicksal: wir haben ihn gewarnt, er wollte aber keinen Rat annehmen: dieser Platz ist von Dämonen bewohnt und dieser Reis bringt jedem, der davon ißt, Unglück.« Sumurd fragte den Kurden: »Wie heißt du? was ist dein Handwerk und was tust du hier?« Er antwortete: »Ich heiße Osmann, bin ein Gärtner und suche etwas Verlorenes.« Die Königin ließ sich die geomantische Tafel bringen, schrieb etwas darauf, schaute hinein, hob den Kopf in die Höhe und sagte: »Wehe, dir! du lügst, diese Tafel sagt mir: du heißest Djewan, du bist ein Dieb, ein Kurde, ein Mörder; sage die Wahrheit, du Schwein, sonst lasse ich dir den Kopf abhauen.«

Der Kurde wurde ganz blaß bei diesen Worten, doch lächelte er und glaubte, daß wenn er die Wahrheit gestehe, er davon käme. Er sagte: »O König! wenn ich aufrichtig bin und zu Gott mich bekehre -« Sumurd ließ ihn nicht ausreden und sagte: »Ich darf keine Schlange auf dem Wege der Muselmänner lassen, führt ihn weg, zieht ihm die Haut ab und verfahrt mit ihm, wie mit seinem Vorgänger.« Als dies geschehen war, ließ sie die Mahlzeit fortsetzen. Der Nachbar des Gehängten drehte der Reisschüssel den Rücken und sagte: »Mein Auge darf das deinige nicht sehen.« Als gegessen war, trennte man sich, Sumurd ging wieder in ihr Schloß und entließ die Mamelucken. Am vierten Neumond versammelten sich die Leute wieder in der Rennbahn und erwarteten Sumurd, die wieder ihren Thron einnahm und den Leuten zusah. Der Platz, wo die Schüssel stand, war so leer, daß noch vier Menschen hätten davor sitzen können. Als Sumurd dies mit Erstaunen bemerkte, trat ein Mann eilig herbei, und da er keinen leeren Platz mehr fand, setzte er sich dahin, wo die Schüssel mit Reis stand. Sumurd betrachtete ihn und erkannte den gottlosen Raschid Eddin. Sie dachte: Ach, wie will ich mein Herz kühlen!

Die Geschichte dieses Mannes ist wunderbar. Als er nämlich von seiner Reise zurückkam und Sumurd und einen Sack voll Gold vermißte, zerriß er seine Kleider, schlug sich ins Gesicht, riß sich den Bart aus und schickte seinen Bruder Bersum aus, um ihr nachzuspähen. Als er auch von diesem nichts hörte, ging er selbst, um ihn aufzusuchen, und das Schicksal trieb ihn in die Stadt, wo Sumurd regierte, gerade am ersten Tage des Monats; er fand die Stadt leer und sah nur Frauen an den Fenstern, die ihm den Befehl des Sultans mitteilten und ihm rieten, auf die Rennbahn zu gehen. Als er aber die Hand ausstrecken und essen wollte, ließ ihn Sumurd ergreifen und vor sich führen. Sie sagte: »Wehe dir! wie heißt du? was ist dein Geschäft und warum bist du hierhergekommen?« Er antwortete: »O Herr! ich heiße Rustum und bin ein armer Derwisch.« Sie ließ sich wieder Tafel und Feder bringen, schrieb etwas, schaute hinein, hob dann den Kopf auf und sagte: »Du Hund! lügst vor Königen; du heißt Raschid Eddin und dein Geschäft ist, muselmännischen Sklavinnen aufzupassen und sie zu rauben; du stellst dich als Muselmann und bist innerlich ein Christ; sage nur die Wahrheit, sonst, bei der Majestät des Herrn! schlage ich dir den Hals ab.« Raschid sagte stammelnd: »Du sprichst wahr, o König der Zeit!« Sie ließ ihn dann hinstrecken und ihm auf jeden Fuß hundert Prügel geben und auf seinen Körper ebenso viele; die Haut abziehen und mit Werg ausstopfen, und ihn endlich außerhalb der Stadt verbrennen, in eine Grube werfen und mit Unrat zudecken. Nach der Mahlzeit ging sie wieder in ihr Schloß und sagte: »Gelobt sei Gott, daß ich mein Herz gekühlt an denen, die mir Böses getan.« Dann fiel ihr aber ihr Herr Ali Schir ein; sie dachte: wie lange währt die Trennung! und weinte, bis sie in Ohnmacht fiel. Als sie wieder zu sich kam, flehte sie Gottes Gnade an und dachte: vielleicht wird Gott mich doch bald mit ihm vereinigen, denn er ist allmächtig, und rezitierte folgende Verse:

»Du bist mein einziges Verlangen, nach dir gehen alle meine Wünsche; deine Nähe ist mein Paradies. Bei dir ist ewige Wonne, fern von dir die Hölle. Ich werde nie aufhören, dich mit rasender Liebe im Herzen zu tragen. Ich gefalle mir in meiner Liebe, obschon die Tränen, die sie mir entlockt, alle meine Geheimnisse verraten. Ich will als Märtyrer durch das Schwert des Geliebten umkommen, das schon manche der Besten hinweggerafft. Heil dem Auge, das sich an deinem Anblick sättigen kann; mein Herz schmachtet darnach und ist vor Sehnsucht außer sich.«

Sumurd lebte noch einen ganzen Monat, sich des Tags mit den Regierungsangelegenheiten beschäftigend und des Nachts weinend und trauernd. Als wieder Neumond war, fanden die gewöhnlichen Festlichkeiten statt, und der Platz, vor welchem der Reis stand, blieb leer. Sumurd hatte die Augen nach der Rennbahn gerichtet, um zu sehen, wer kommen würde, und betete im Stillen: Gütiger Gott, der du Jakob seinen Sohn Joseph wiedergabst, schenke mir meinen Herrn Ali Schir wieder, du bist ja allmächtig. Kaum hatte sie so gebetet, da schlich ein schmächtiger Mann wie eine Jungfrau herbei; er war sehr blaß und doch der Schönste unter allen Männern; da er keinen leeren Platz mehr fand, setzte er sich vor die Reisschüssel. Sumurd faßte ihn genau ins Auge und erkannte ihren Herrn Ali Schir. Sie wollte vor Freude laut schreien, faßte sich aber aus Scham vor den Leuten und blieb ruhig auf ihrem Thron sitzen, so daß niemand etwas merkte. Die Ursache von Ali Schirs Ankunft war folgende: Als er auf der Bank erwachte, nachdem der Kurde Sumurd entführt hatte, fand er sich ohne Kopfbedeckung und merkte, daß ihm jemand im Schlaf seinen Turban gestohlen hatte; er sagten den Spruch, den jeder ohne Scham im Munde führen mag: »Wir sind Gottes und kehren zu ihm zurück.« Er ging dann zur Alten, die ihm von Sumurd Nachricht gegeben, klopfte an ihre Tür, und als sie herauskam, weinte er vor ihr, bis er in Ohnmacht fiel. Als er wieder zu sich kam, erzählte er ihr, was ihm geschehen. Aber die Alte schmähte ihn, machte ihm Vorwürfe und schlug ihn, bis er aus der Nase blutete und wieder in Ohnmacht fiel.

Als Ali sich wieder erholte, sprach er folgende Verse:

»Wie bitter ist die Trennung den Liebenden und wie süß das Wiedersehenl Gott vereinige alle Liebenden, und beginne mit mir, denn ich bin dem Tode nahe.«

Die Alte bemitleidete ihn wieder und sagte: »Bleibe hier, bis ich Kundschaft einziehe.« Sie blieb bis Mittag aus, kam wieder und sagte: »Ali, wenn du über den Verlust Sumurds sterben willst, so stirb nur, denn du siehst sie nie wieder; wisse, daß die Bewohner des Schlosses morgens das Fenster ausgehoben fanden, das auf die Straße geht und Sumurd mit einem Geldsack vermissen. Ich habe schon an der Tür des Schlosses den Polizeiobersten und die Pedellen gesehen; es gibt keinen Schutz und keine Macht, außer Gott, dem Erhabenen.« Als Ali Schir dies gehört, entbrannte eine mächtige Flamme in seinem Herzen, er wurde heftig krank und die Ärzte verzweifelten an seinem Leben. Aber die Alte brachte ihm Ärzte und kochte ihm ein ganzes Jahr lang Suppen, bis er sich wieder erholte. Am Anfang des zweiten Jahres sagte die Alte: »Mein Sohn, wenn du hier bleibst, wirst du deine Geliebte nie wieder finden: mache dich auf und reise umher, vielleicht kannst du etwas von ihr erfahren.« Sie flößte ihm Lebensmut ein, führte ihn ins Bad, gab ihm Wein zu trinken und einen Hahn zu essen und pflegte ihn so lange, bis er wieder ganz bei Kräften war; dann reiste er lange umher, bis er in die Stadt Sumurds kam. Schon streckte er die Hand aus, um zu essen; seine Tischnachbarn bemitleideten ihn und sagten: »Iß nicht von dieser Schüssel.« Er erwiderte: »Laß mich nur essen, sie mögen mir tun, was sie wollen, vielleicht bekomme ich Ruhe von diesem qualvollen Leben.« Er aß drei Bissen nacheinander; Sumurd wollte ihn zu sich rufen lassen, aber sie dachte: er soll sich zuerst sättigen; alle Leute waren begierig zu sehen, was ihm geschehen würde. Als er sich satt gegessen hatte, sagte die Königin zu einem ihrer Verschnittenen: »Geh zu dem jungen Mann, der Reis gegessen, und sage ihm: der König will zu deinem Besten mit dir sprechen, und bringe ihn in artiger Weise hierher.« Der Verschnittene ging zu ihm und sagte ihm: »Der König will mit dir sprechen, freue dich nur!«

Als Ali vor Sumurd geführt wurde, schrieen alle Leute: »Es gibt keinen Schutz und keine Macht, außer Gott, dem Erhabenen! wie wird es ihm wohl gehen?« Doch sagte einer: »Es wird ihm gut gehen sonst hätte der König nicht gewartet, bis er sich satt gegessen.« Ali verbeugte sich vor Sumurd und grüßte sie. Sumurd erwiderte freundlich seinen Gruß und fragte ihn: »Wie heißt du? was ist dein Geschäft und warum bist du hierher gekommen?« Ali antwortete: »O König! mein Name ist Ali Schir; ich bin ein Kaufmann aus Torasan und suche meine Sklavin. Das ist meine Geschichte.« Er weinte dann heftig bis er in Ohnmacht fiel. Sumurd ließ ihn mit Rosenwasser bespritzen, bis er sich wieder erholte; dann ließ sie sich wieder Tafel und Feder bringen schrieb etwas hinein und sagte: »Du hast wahr gesprochen, Gott wird dich bald mit ihr vereinen; verzage nicht.« Sie befahl dann einem Diener, ihn ins Bad zu führen und nachher auf einem von des Königs Pferden ins Schloß zu bringen. Viele Leute sagten spottend untereinander: »Das ist schön, der Sultan ist mit einem Bettler zusammen.« Manche sagten: »Gewiß, weil der Fremde so schön ist, ich wußte es gleich, sonst hätte er nicht gewartet, bis er sich gesättigt hat.« Dann trennten sich die Leute und Sumurd konnte die Nacht nicht erwarten, um mit dem Geliebten ihres Herzens allein zu sein. Als endlich der Mond zu leuchten anfing, ließ sie ihn holen und empfing ihn auf dem Thron, vor welchem Wachslichter brannten und den die Sterne beleuchteten. Ali verbeugte sich vor ihr und wünschte ihr Glück. Sie aber wollte eine Weile Scherz mit ihm treiben. Sie sagten ihm: »Iß etwas Hahn und Fleisch und trinke Wein mit Zucker, denn du bist müde; dann komm her.« Als er gegessen und getrunken hatte, rief sie ihn zu sich und ließ sich ihre Füße von ihm kneipen. Dann forderte sie ihn auf, sich zu ihr auf den Thron zu setzen, und als er sich sträubte, umarmte sie ihn und sagte: »Ich bin deine Sklavin Sumurd.«

Am folgenden Morgen ließ Sumurd die Befehlshaber der Truppen und die Großen des Reichs versammeln und sagte ihnen: »Ich werde eine Reise nach dem Lande dieses Mannes machen, wählt einen Stellvertreter, der bis zu meiner Rückkehr über euch regiere.« Als die Wahl vorüber war, begann sie sich zur Reise vorzubereiten, nahm Lebensmittel, Gold und allerlei Kostbarkeiten, reiste mit Ali Schir in seine Heimat, ging in sein Haus, teilte viele Geschenke aus und gab viele Almosen, gebar ihm mehrere Kinder und lebte höchst glücklich mit ihm, bis der Zerstörer aller Freuden, der alles trennende Tod, sie überfiel.

 << Kapitel 35  Kapitel 37 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.