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Tausend und eine Nacht, Zweiter Band

Gustav Weil: Tausend und eine Nacht, Zweiter Band - Kapitel 32
Quellenangabe
typefairy
authorGustav Weil
translatorGustav Weil
year1984
titleTausend und eine Nacht, Zweiter Band
firstpub1838
isbn3-86070-308-0
senderhille@abc.de
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Geschichte Haruns mit dem Kadhi Abu Jusuf.

Es wird ferner erzählt: Djafar brachte einst eine Nacht in Gesellschaft Haruns zu, da sagte ihm dieser: »Ich habe gehört, du habest die Sklavin N. N. gekauft, die ich schon längst besitzen möchte, denn sie ist sehr schön und liebenswürdig, verkaufe sie mir doch wieder!« Djafar antwortete: »Sie ist mir nicht feil.« - »So schenke mir sie.« - »Ich verschenke sie auch nicht.« - »Wenn du sie mir nicht verkaufst und nicht verschenkst, so lasse ich mich dreimal von Subeida scheiden.« - »Und wenn ich sie dir schenke, so lasse ich mich dreimal von meiner Gattin scheiden.« Als sie aber aus ihrer Trunkenheit erwachten, merkten sie, daß sie sich in eine ernste Sache verwickelt hatten, und wußten nicht, wie sich wieder herauswinden. Das sagte Harun: »Das ist ein Fall, den nur Abu Jusuf lösen kann.« Als darauf Abu Jusuf noch um Mitternacht gerufen wurde, stand er erschrocken auf und sagte: »Gewiß ist etwas Wichtiges im Islam vorgefallen.« Er bestieg schnell ein Maultier, hieß einen Jungen ihm mit Gerste folgen, um sie dem Tiere vorzulegen, während er sich beim Kalifen aufhalten werde. Als er zum Kalifen kam, stand dieser vor ihm auf und ließ ihn neben sich auf den Divan sitzen, was sonst niemand, außer ihm, durfte, und sagte ihm: »Ich habe dich wegen einer wichtigen Angelegenheit rufen lassen«, und erzählte ihm, was zwischen ihm und Djafar sich ereignet. Der Kadhi sagte: »O Fürst der Gläubigen! das ist die leichteste Sache von der Welt; Djafar soll dir die Hälfte der Sklavin verkaufen und die andere Hälfte schenken, dann seid ihr beide von eurem Eide freigesprochen.«

Der Kalif freute sich sehr mit dieser Lösung und sagte: »Ich liebe die Sklavin so sehr, daß ich sie sogleich hier haben möchte.« Als die Sklavin erschien, sagte er: »Ich möchte sie gleich heiraten, ich habe keine Geduld zu warten, bis die gesetzliche Frist abgelaufen ist.« - »Auch dafür weiß ich Rat«, sagte der Kadhi; »laß einen deiner Mamelucken kommen, der noch nicht frei ist.« Als ein solcher erschien, sagte der Kadhi zu dem Kalifen: »Erlaube mir, die Sklavin mit ihm zu verheiraten; er soll aber, sobald die Ehe geschlossen ist, ihr einen Scheidebrief geben; du kannst sie dann sogleich heiraten, weil nach einer geschlossenen, aber nicht vollzogenen Ehe keine Frist vorhanden ist.« Da der Kalif auf diese Weise gern seine Einwilligung gab, schloß der Kadhi den Ehekontrakt, sagte dann dem Mamelucken: »Du sollst hundert Dinare haben, gib der Sklavin einen Scheidebrief.« Aber der Mameluck weigerte sich; man versprach ihm tausend Dinare, er sagte aber: »Hängt die Scheidung vom Kalifen, vom Kadhi oder von mir ab? ich lasse mich, bei Gott! nicht scheiden.« Der Kalif geriet in heftigen Zorn, aber der Kadhi sagte: »Erschrick nicht, du kannst ihre Ehe ungültig machen: schenke nur den Mamelucken, der doch dein Eigentum ist, der Sklavin, so ist ihre Ehe gelöst.«Weil keine Frau ihren Sklaven heiraten darf, oder sie müßte ihm zuerst die Freiheit schenken. Da stand der Kalif auf und sagte: »Ein Mann deinesgleichen verdient zu meiner Zeit Kadhi zu sein.« Er ließ dann Schüsseln voll Gold holen, legte sie vor ihn hin und fragte ihn, ob er etwas bei sich habe, um dieses Gold hineinzutun? Da erinnerte sich der Kadhi des Gerstensacks, ließ ihn sich bringen und trug ihn mit Gold gefüllt fort. Am folgenden Morgen sagte er zu seinen Schülern: »Wer nichts gelernt hat, der lerne etwas, seht einmal, wieviel Gold ich für die Lösung von drei Fragen erhalten habe.« Und du, gebildeter Leser! denke über diese anmutige Geschichte nach, du findest manches Schöne darin; du siehst, was sich der Vezier Djafar gegen den Kalifen erlauben durfte, wie gelehrt der Kalif, und wie noch gelehrter sein Kadhi war. Gottes Erbarmen sei mit ihnen!

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