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Tausend und eine Nacht, Zweiter Band

Gustav Weil: Tausend und eine Nacht, Zweiter Band - Kapitel 31
Quellenangabe
typefairy
authorGustav Weil
translatorGustav Weil
year1984
titleTausend und eine Nacht, Zweiter Band
firstpub1838
isbn3-86070-308-0
senderhille@abc.de
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Geschichte des falschen Kalifen.

Man erzählt: Als Harun Arraschid eines Nachts sehr übel gelaunt war, ließ er seinen Vezier Djafar rufen und sagte ihm: »Ich fühle mich so beengt, ich will heute nacht auf den Plätzen Bagdads umhergehen und sehen, was meine Untertanen treiben; doch darf uns niemand erkennen, wir wollen uns daher als Kaufleute verkleiden.« Sie legten sogleich ihre kostbaren Kleider ab und zogen Kaufmannskleider an, und der Kalif ging mit Djafar und Masrur, dem Scharfrichter, lange in der Stadt umher, bis sie endlich an den Tigris kamen; da boten sie einem Alten, der in einem Boot saß, einen Dinar an und baten ihn, sie auf dem Strome ein wenig spazieren zu fahren.

Der Alte erwiderte: »Wer kann dies jetzt wagen? Weißt du nicht, daß der Kalif jede Nacht in einem kleine Kahn umherfährt und vor ihm her ausgerufen wird: O ihr Leute, gut und schlecht, groß und klein, vornehm und gering, jung und alt, wer ein Schiff besteigt und den Tigris befährt, wird geköpft oder an den Mastbaum seines Schiffes gehängt. Mir ist sogar, als käme eben jetzt sein Kahn.« Der Kalif sagte: »O Alter, nimm hier zwei Dinare und führe uns in einen dieser Bogen, bis der Kahn des Kalifen vorüber ist.« Der Alte nahm das Gold und sagte: »Gott wird helfen.« Als er aber ein wenig mit ihnen ruderte, da kam ein Kahn daher mit vielen Wachslichtern und Fackeln, und der Alte rief außer sich: »Habe ich euch nicht gewarnt?« Er rief dann: »O Beschützer! entziehe uns deinen Schutz nicht!« und führte sie schnell unter einen Bogen und legte ein schwarzes Tuch über sie. Sie konnten aber durchsehen und bemerkten, wie vorne auf dem Kahne ein Fackelträger stand mit einer goldenen Kohlpfanne, in welcher Aloe brannte. Der Fackelträger hatte ein Oberkleid von rotem Atlas, trug einen Turban von Moßul auf dem Haupt und einen grünen seidenen Beutel, der voll mit Aloe war, das er statt Holz in die Kohlpfanne warf, auf der einen Schulter und auf der anderen ein gelbes, gesticktes Tuch. Auf dem Hinterteil des Schiffs stand wieder so ein Fackelträger, zweihundert Sklaven standen zur Rechten und zur Linken und in der Mitte saß auf einem goldenen Thron ein Jüngling, schön wie der Mond, neben ihm ein Mann, der dem Vezier Djafar glich, und zu Häupten einen Diener, wie Masrur, mit gezogenem Schwert und zwanzig Gesellschafter. Als der Kalif dies sah, sagte er zu Djafar: »Wäre dies vielleicht einer meiner Söhne, Amin oder Mamun?«

Er betrachtete dann den vollkommen schönen Mann noch einmal und sagte zu Djafar: »Bei Gott! es fehlt ihm gar nichts von dem Aussehen des Kalifen, und der vor ihm Stehende ist ganz wie du, Djafar; der zu Häupten gleicht Masrur und seine Gesellschafter sind wie die meinigen; ich verliere ganz meinen Verstand darüber.« Djafar sagte: »Bei Gott! auch ich, o Fürst der Gläubigen.« Als der Kahn außer Gesicht war, trat der Alte mit seinem Kahn aus dem Bogen hervor und sagte: »Gelobt sei Gott, daß wir glücklich davongekommen sind und uns niemand bemerkt hat.« Der Kalif fragte dann den Alten, ob dieser Kalif jede Nacht den Tigris befahre? Er antwortete: »Ja, mein Herr, das dauert schon ein ganzes Jahr.« Der Kalif bat ihn dann, ihn die kommende Nacht wieder zu erwarten, versprach ihm fünf Dinare und gab sich für einen Fremden aus, der im Quartier Thandal wohne, und sich in Bagdad amüsieren wolle. Als der Alte einwilligte, kehrte der Kalif mit seinem Gefolge wieder in seinen Palast zurück und kleidete sich wieder als Kalif um. Jeder nahm seinen Platz ein, und es erschienen wie gewöhnlich alle Emire, Veziere, Kammerherrn und Adjutanten. Als sich alle entfernt hatten, sagte der Kalif zu Djafar: »Komm, wir wollen wieder den anderen Kalifen sehen.« Djafar und Masrur verkleideten sich wieder als Kaufleute und gingen wohlgelaunt mit dem Kalifen durch die geheime Türe an den Tigris, bestiegen den Nachen des Alten, der sie schon erwartete, und nach einer Weile kam der Kahn des zweiten Kalifen herangefahren. Sie sahen wieder zweihundert andere Mamelucken darin, und die Fackelträger riefen wieder wie gewöhnlich aus: »Niemand befahre den Tigris bei Todesstrafe!« Als der Kalif dies hörte, sagte er zu Djafar: »So etwas hätte ich nie geglaubt, wenn man es mir erzählt hätte; doch ich sehe es ja mit eigenen Augen.« Er gab dann dem Schiffer zehn Dinare und sagte zu ihm: »Führe uns dem Kalifen nach, denn da er im Lichte fährt, wir aber in der Dunkelheit sind, so können wir ihn beobachten, ohne von ihm gesehen zu werden.«

Der Schiffer segelte dem falschen Kalifen im Dunkeln nach, dessen Kahn erst bei den Gärten außerhalb der Stadt vor einem Zaune, wo zwei Diener mit einem gesattelten Maultier standen, stille hielt. Er bestieg dann das Maultier und ritt in der Mitte seiner Gesellschafter weiter. Die Fackelträger und Djausch (Polizeidiener) gingen laut lärmend vor ihm her, und die Dienerschaft war um ihn beschäftigt. Arraschid stieg auch ans Land mit Djafar und Masrur und drängte sich durch die Mamelucken des falschen Kalifen. Aber die Fackelträger, welche mit Erstaunen drei Kaufleute unter ihren Leuten bemerkten, fielen über sie her und führten sie zum falschen Kalifen. Als dieser sie sah, fragte er: »Wie seid ihr hierhergekommen und was hat euch hierhergeführt zu einer solchen Stunde?« Sie sagten: »O Herr, wir sind fremde Kaufleute und gingen, weil heute unser Geburtstag war, hier spazieren; da ergriffen uns deine Leute und führten uns zu dir.« Der falsche Kalif sagte: »Seid nur ruhig, es soll euch nichts geschehen, weil ihr Fremde seid; wäret ihr aus Bagdad, so würden wir euch den Kopf abschlagen lassen.« Er wendete sich dann zu seinem Vezier und sagte ihm: »Nimm diese Leute mit dir, sie sollen diese Nacht unsere Gäste sein.« Sie gingen zusammen, bis sie vor ein großmächtiges Schloß kamen, das bis zu den Wolken reichte, und dergleichen kein Sultan besitzt. Als dessen Tor, welches von Ebenholz und mit Gold beschlagen war, sich öffnete, traten sie in einen Saal mit vielen Springbrunnen, Matten aus feinen Palmblättern, Kissen aus ägyptischen Stoffen, Vorhängen und Teppichen, die jeden in Erstaunen setzten.

Über der Tür waren folgende Verse:

»Heil und Friede diesem Palast, über den die Zeit ihre Reize ausgestreut: er enthält so viele Seltenheiten und Wunder, daß keine Feder sie beschreiben kann.«

Der falsche Kalif setzte sich auf einen goldenen Thron, mit einem grünen seidenen Teppich bedeckt und mit Edelsteinen besetzt; seine Gesellschafter setzten sich um ihn herum und das Schwert der Rache stand vor ihm. Der Tisch wurde sogleich gedeckt und die feinsten Speisen aufgetragen.

Nach dem Essen trug man die Tische weg, man wusch sich die Hände, es wurden Weingefäße, Kannen und Becher gebracht. Die Becher machten die Runde, bis die Reihe an Harun Arraschid kam; da dieser aber nicht trinken wollte, fragte der falsche Kalif Djafar: »Warum trinkt dein Freund nicht?« Djafar antwortete: »Er hat seit einiger Zeit sich vom Weine enthalten.« Da sagte der falsche Kalif: »Wir haben noch andere erlaubte Getränke;« und befahl sogleich einem Diener, Apfelmost zu bringen, stellte ihn Harun Arraschid vor und sagte ihm: »So oft die Reihe an dich kommt, kannst du dir davon einschenken.« Die übrigen aber tranken Wein, bis er sich ihres Verstandes bemächtigte.

Im Laufe des Gesprächs sage Harun zu Djafar: »Bei Gott! ich habe keine so kostbaren Gefäße wie dieser Mann, ich möchte doch wissen, wer dieser Jüngling ist.« Als dieser den Vezier mit Harun leise sprechen sah, sagte er: »Lispeln ist unanständig.« Djafar versetzte: »Hier ist nichts Unanständiges; mein Freund sagte nur, er habe den größten Teil der Welt durchreist und in Gesellschaften von Königen gelebt und nirgends eine so glänzende Einrichtung gefunden; doch pflegt man in Bagdad zu sagen, daß zum Wein auch Gesang gehöre.« Der falsche Kalif lächelte und freute sich über diesen Wunsch, und mit einem Zepter, den er in der Hand hatte, schlug er auf ein Kissen. Da öffnete sich eine Türe, es trat ein Diener mit einem Thron von Elfenbein, mit Gold beschlagen, aus einem Nebenzimmer, und ihm folgte ein wunderschönes Mädchen mit einer indischen Laute in der Hand; sie setzte sich auf den Thron, neigte sich zärtlich über ihr Instrument und spielte in vierundzwanzig Tonarten, dann sang sie folgende Verse:

»Die Zunge der Liebe spricht zu dir aus meinem Herzen und sagt dir, daß ich dich liebe; und ich habe zu Zeugen die Glut meines gequälten Herzens, die wunden Augen und die fließenden Tränen. Ich kannte die Liebe nicht, bis ich dich liebte, doch ist der Mensch den göttlichen Beschlüssen untertan.«

Als der falsche Kalif diese Verse hörte, stieß er ein lautes Geschrei aus, zerriß sein Kleid von oben bis herunter und bedeckte sich mit dem Teppich, bis man ihm ein anderes, schöneres Kleid brachte. Dann setzte er sich nieder, und als der Becher an ihn kam, schlug er wieder mit den Zepter auf das Kissen; es öffnete sich eine Tür, ein Diener trat mit einem goldenen Throne heraus und ihm folgte ein Mädchen, noch schöner als das erste; sie setzte sich auf den Thron, nahm eine Laute in die Hand und sang zur Bestürzung aller Neider folgende Verse:

»Wie soll ich Geduld haben, wenn die Flamme der Sehnsucht in meinem Inneren brennt und eine ewige Sintflut aus meinen Augen strömt? Bei Gott, mein Herz ist von solchem Schmerz erfüllt, daß ich am Leben keine Freude mehr habe.«

Der falsche Kalif schrie wieder, zerriß sein Kleid, zog den Teppich über sich her, nahm ein anderes Kleid und klopfte, als der Becher an ihn kam, wieder mit dem Zepter, und abermals erschien ein Diener mit einem Thron und einem Mädchen mit einer Laute, welche folgende Verse sang:

»Kürzt die Trennung ab, denn mein Herz, ich schwör's euch, ist trostlos. Habt Mitleid mit einem Verwirrten, Bestürzten, in Trauer Versunkenen, mit einem von Verlangen nach euch schwer Gefesselten! Mächtige Liebeskrankheit hat ihn entstellt und er fleht Gott um eure Erwiderung an. Der große Schmerz hat mich geläutert und ich flehe Gott nur um eure Liebe an. O Mond, der du in meinem Herzen thronst, wie kann ich an anderen Sterblichen Wohlgefallen finden.«

Der junge Mann schrie wieder und zerriß sein Kleid; dann kam ein anderes Mädchen und sang:

»Wann wird diese Trennung enden und die vergangene Zeit mir wiederkehren? Einst umschloß uns ein Haus, da lebten wir selig, fern von Neid und Mißgunst. Aber das Schicksal wurde treulos gegen uns, es trennte uns und unsere Wohnung ist zur Einöde geworden. Wollt ihr, daß ich meiner Liebe entsage, ihr Tadler? Mein Herz erträgt euern Tadel nicht. Lasset euern Tadel und überlasset mich meiner Leidenschaft, mein Herz hört nicht auf an den Geliebten zu denken, o ihr, die ihr treulos und unbeständig waret, glaubet nicht, daß ich durch eure Trennung aufgehört habe, euch zu lieben.«

Der falsche Kalif schrie wieder, zerriß sein Kleid und fiel in Ohnmacht, und noch ehe man ihn mit dem Teppiche bedeckte, bemerkte Harun Arraschid an seinem Körper viele Wunden. Da sagte er zu Djafar: »Dieser Jüngling ist bei Gott sehr schön, aber er muß ein abscheulicher Verbrecher sein, ohne daß man es weiß, denn er trägt Zeichen vieler Prügel an sich.« Als der falsche Kalif wieder ein anderes Kleid angezogen hatte und sich wieder zu seinen Freunden setzte, fragte er Djafar, was ihn eben sein Freund gefragt habe? Djafar antwortete: »Mein Freund sagt mir, er sei in vielen Ländern gereist und habe in Gesellschaft von Königen und anderen Vornehmen gelebt und nirgends gesehen, daß jemand so seine Kleider zerreiße, von denen jedes fünfhundert Dinare wert ist, das ist eine große Verschwendung.« Der junge Mann versetzte: »Er kümmere sich nicht darum, das Geld ist mein Geld und die Kleider sind meine Kleider, und die zerrissenen machen einen Teil meiner Geschenke an meine Umgebung und Diener aus, denn jedes zerrissene Kleid ist für einen meiner anwesenden Gesellschafter, dem ich dazu noch fünfhundert Dinare schenke.«

Djafar dichtete hierauf folgende Verse:

»Der Edelmut hat in deiner Hand seine Wohnung gebaut, all dein Gut ist den Menschen preisgegeben, und ist die Freigibigkeit in seiner Hand verschlossen, so sind gleichsam deine Finger die Schlüssel zu ihrem Schloß.«

Als der junge Mann Djafars Verse hörte, ließ er ihm tausend Dinare und ein Kleid geben, dann machten die Becher wieder die Runde unter den Gästen. Das sagte der Kalif zu Djafar: »Frage ihn einmal, was die Spuren von Schlägen an seinem Körper bedeuten, wir wollen sehen, was er antwortet.« Djafar entgegnete: »Übereile dich nicht, mein Herr, habe Geduld und sei für dein Leben bedacht!« Aber der Kalif schwur bei seinem und seines Urgroßvaters Abbas Leben, er müsse ihn fragen, oder er werde seinem Atmen ein Ende machen. Der junge Mann, der sie eifrig sprechen hörte, wendete sich zu Djafar und sagte ihm: »Was hast du mit deinem Freunde? Bei Gott! ich will die ganze Wahrheit wissen.« Djafar sagte: »Mein Herr! mein Freund sah Spuren von Schlägen an deinem Körper und er sagte: Bei Gott! sonderbar, der Kalif ist geschlagen worden; er wollte nun wissen, wie das zuging?« Der junge Mann lächelte und sagte: »Meine Geschichte ist wunderbar; wenn man sie mit einer Nadel in die Tiefe des Auges zeichnete, könnte sie jedem zur Belehrung dienen.« Er seufzte dann und sprach folgende Verse:

»Meine Geschichte umfaßt alle Wunder; bei der Liebe, meine Wege sind mir eng geworden; wollt ihr wissen, so schweigt und horcht auf, meine Worte sind bedeutungsvoll und verkünden nur Wahres. Mich hat die Liebesglut verzehrt, denn meine Mörderin übertrifft alle Sterne. Ihr Aug ist schwarz, ihre Wangen sind Rosen, tötend ist für mich der Bogen ihrer Augenbrauen. Mein Herz sagt mir, daß einer von euch unser Herr, der Kalif, der Sohn der Edlen, ist; der andere der verehrte Djafar, der mit recht Herr und Sohn eines Herrn genannt wird; und der dritte Masrur, das Schwert der Rache. Ist, was ich sage wahr, so habe ich meinen Zweck erreicht und meine Freude ist vollkommen.«

Djafar schwor, sie seien es nicht, aber der junge Mann sagte lächelnd: »Ich bin nicht der Fürst der Gläubigen, habe aber diesen Namen angenommen, um meinen Zweck zu erreichen bei den Leuten dieser Stadt; mein Name ist Mohamed Ali, der Sohn Mohameds, des Juweliers; mein Vater war ein sehr vornehmer Mann und hinterließ mir bei seinem Tode ein ungeheures Vermögen. Als ich eines Tages, von meinen Leuten umgeben, in meinem Laden saß, da kam eine Dame, auf einem Maulesel reitend, mit drei Sklavinnen wie der Mond, stieg vor meinem Laden ab, setzte sich zu mir und fragte mich, ob ich Mohamed, der Juwelier, sei? Ich antwortete: »Ich bin dein ergebenster Sklave.« - »Hast du schöne Edelsteine?« - »Meine Herrin! ich will dir alles vorlegen lassen, gefällt dir etwas, so macht es deinen Sklaven glücklich, wo nicht, so bin ich trostlos.«

Ich hatte hundert Schnüre von Edelsteinen und legte sie ihr alle vor, aber es gefiel ihr nichts und sie sagte: »Du mußt noch schönere haben.« Nun hatte ich noch eine Schnur Diamanten, die mein Vater für hunderttausend Dinare gekauft hatte, so groß, wie man sie bei den höchsten Sultanen nicht findet; ich sagte es ihr, und sie wünschte sie zu sehen. Als sie dieselbe sah, sagte sie: »Das ist, was ich schon mein ganzes Leben wünsche. Wie teuer sind sie?« - »Mein Vater hat sie für hunderttausend Dinare gekauft.« - »Nun, du sollst noch fünfzigtausend Dinare daran gewinnen.« - »Der Schmuck und sein Eigentümer stehen dir zu Diensten.« - »Deine Güte soll nicht unbelohnt bleiben; im Namen Gottes, mach dich auf, mein Herr, und komm mit uns, um dein Geld zu holen, dieser Tag ist für uns so rein, wie Milch.« Ich schloß meinen Laden und folgte dem Mädchen, das seinen Maulesel wieder bestieg, in ein prachtvolles Haus, das den höchsten Wohlstand verriet. Das Haustor hatte folgende Inschrift in Gold und Azur:

»O Haus, Trauer finde keinen Zugang zu dir, und das Schicksal bleibe stets deinem Herrn gewogen; du bist eine Freudenstätte für jeden Gast, der an anderen Orten sich beklommen fühlt.«

Die Dame stieg ab, ging hinein und hieß mich sitzen, bis der Geldwechsler käme. Ich setzte mich vor die Türe; nach einer Weile kam aber eine Sklavin heraus und sagte: »Mein Herr! komm herein in den Gang, es paßt sich nicht, daß du so vor der Türe sitzt.« Ich setzte mich auf eine Bank im Hausgang. Da kam wieder ein Mädchen und sagte. »Komm und setze dich an die Türe des Saals, bis man dir dein Geld gibt.« Ich setzte mich, wo sie mich hinwies; da sah ich einen goldenen Thron mit einem Teppich darauf und einem seidenen Vorhang davor. Dieser wurde aufgehoben und ich erkannte die Dame wieder, welche die Juwelen von mir gekauft; sie hatte den Schmuck am Hals, ihr Gesicht war freundlich strahlend wie der Mond, und so schön, daß ich ganz von Sinnen kam. Sobald sie mich bemerkte, stand sie auf, ging mir entgegen und sagte: »O Licht meiner Augen, wird ein hübscher Mann wie du sich der Liebenden nicht erbarmen? Wisse daß ich dich liebe und den Augenblick nicht erwarten konnte, bis ich dich bei mir sah.« Sie neigte sich dann zu mir hin und erlaubte mir, sie zu küssen.

Als ich sie aber umarmen wollte, sagte sie: »O mein Herr! Willst du, daß ich auf eine ungesetzliche Weise mich dir hingebe? Gott verdamme jeden, der solche Schandtat begeht und böse Nachreden nicht fürchtet. Wisse, daß mich noch kein Mann berührt hat, obschon ich hier in der Stadt gar nicht unbekannt bin; weißt du, wer ich bin? mein Name ist Dunja, die Tochter Jahjas, und Schwester Djafars, des Barmekiden.« Als ich bei diesen Worten mich durch ihr Entgegenkommen entschuldigte, fuhr sie fort: »Fürchte nichts, meine Absicht ist, dir Gutes zu erzeigen, ich bin Herrin meiner selbst, und der Kadhi soll als mein Sachwalter unsere Ehe schließen, wenn du mich heiraten willst.« Sobald ich mich bereit erklärte, ihr Gatte zu werden, ließ sie den Kadhi und zwei Zeugen rufen und traf die nötigen Vorbereitungen zur Vermählung. Als sie erschienen, sagte sie ihnen: »Mohamed Ali wünscht mich zur Gattin zu haben und gibt mir diese Kette als Morgengabe, und ich nehme sein Anerbieten an.« Der Ehekontrakt wurde sogleich geschrieben, es wurde Wein gebracht, die Becher gingen im Kreise umher, und als der Wein in unserem Kopf glühte, ließ sie eine Lautenspielerin kommen, welche folgende Verse sang:

»Alle Hoffnungen meines Herzens gehen nach dir, es wünscht nichts, als deine Liebe zu erhalten. O Freunde! wie wenig verdiene ich die Trennung von meinem Geliebten; habt Mitleid mit dem Liebeskranken!«

Die Sklavin entzückte uns durch ihren schönen Gesang, und auf Dunjas Befehl folgten ihr noch neun Sklavinnen, welche nicht minder schön sangen; zuletzt nahm Dunja die Laute und sang:

»Ich schwör bei deinem geschmeidigen Wuchs, daß mir die Trennung von dir eine Höllenqual wäre; drum, o holder Mond, Herr der Menschheit, beglücke mich mit deiner Liebe und laß mich bei klarem Wein eine selige Nacht in deiner Nähe zubringen.«

Hierauf nahm ich die Laute, spielte ein wenig und sang folgende Verse:

»Gepriesen sei der Herr, der dir die höchste Anmut verliehen, so daß ich dein Gefangener wurde; o du, dessen Blick jedem Sterblichen den Verstand raubt, schütze mich doch gegen den Zauber deiner Augen! Auf deinen Wangen ist Feuer und Wasser vereint und aus ihrer Mitte blühen frische Rosen empor. Du bist die Hölle und das Paradies meines Herzens, bist ihm zugleich süß, aber auch bitter.«

Diese Verse machten Dunja viele Freude; sie entließ dann die Sklavinnen, ich blieb allein bei ihr und brachte an ihrer Seite die schönste Nacht meines Lebens zu.

Über Nacht dichtete ich folgende Verse:

»O Nacht, daure ewig fort, ich will keinen Morgen, denn mir genügt das Licht ihres mir nahen Antlitzes. In ihren Umarmungen blüht das höchste Glück, dem wir ewige Dauer wünschten.«

Ich blieb dann einen ganzen Monat bei ihr, ließ meinen Laden geschlossen und sah meine Leute gar nicht. Eines Tages sagte sie mir: »O Licht meiner Augen! ich will heute ins Bad gehen, bleibe du hier, bis ich wiederkehre.« Ich sagte: »Recht gerne;« aber erst als ich schwor, daß ich nicht von der Stelle weichen wollte, ging sie mit ihren Sklavinnen ins Bad. Kaum war sie ans Ende der Straße gelangt, so öffnete sich die Türe, es trat eine Alte herein und sagte mir: »Mein Herr! die Frau Subeida wünscht dich zu sehen, denn sie hat viel von deinem schönen Gesang gehört.« Ich sagte: »Ich weiche nicht von hier, bis meine Gattin wiederkommt.« Da erwiderte die Alte: »Mache dir die Frau Subeida nicht zur Feindin, komm und sprich sie, du kannst gleich wiederkehren.« Ich ging sogleich der Alten nach zur Frau Subeida. Diese sagte mir: »Bist du der Geliebte der Frau Dunja?« - »Ich bin dein Sklave.« - »Man hat dich mit Recht als den schönsten Mann beschrieben, doch singe etwas, daß ich auch deine Stimme höre.« - »Recht gern.« Da ließ sie eine Laute bringen, und als ich einige Verse sang, sagte sie: »Gott erhalte deinen Körper gesund und schenke dir ein frohes Leben, denn deine Schönheit und Anmut sind vollkommen; doch gehe jetzt nach Hause, ehe die Frau Dunja wiederkehrt.« Ich küßte die Erde vor ihr, und die Alte führte mich bis zur Türe.

Als ich aber nach Hause kam, war meine Frau schon zurück und lag schlafend auf dem Sofa. Ich setzte mich ihr zu Füßen und liebkoste sie; da öffnete sie ihre Augen, trat mich mit ihren Füßen vom Sofa herunter und sagte: »Du hast deinen Eid gebrochen und bist zur Frau Subeida gegangen; bei Gott, wenn ich nicht einen Auflauf befürchtete, so würde ich ihr Schloß verwüsten.« Dann rief sie einen Sklaven und sagte ihm: »Schlage diesem treulosen Lügner den Kopf ab! ich habe nichts mehr mit ihm gemein.«

Der Diener kam und verband mir die Augen und wollte mir den Kopf abschlagen; da liefen alle Sklavinnen, groß und klein, zu Dunja und sagten: »Er ist nicht der erste, der gefehlt hat, auch ist sein Verbrechen so groß nicht, daß er den Tod verdiene.« Dunja besann sich ein wenig dann sagte sie: »Bei Gott« so will ich ihm wenigstens ein Merkzeichen hinterlassen,« und gab den Befehl, mich zu prügeln, - daher kommen die Male, die man noch auf meinen Rippen bemerkt - und ließ mich aus ihrem Palast werfen. Ich schleppte mich langsam bis zu meiner Wohnung, ließ einen Wundarzt kommen, dem ich meine Wunden zeigte. Dieser pflegte mich und gab sich viele Mühe, mich zu heilen. Als ich vollkommen genesen war, ging ich ins Bad, öffnete meinen Laden wieder, verkaufte alles, was darin war, und kaufte mir vierhundert Mamelucken, wie kein König sie beisammen hat, von denen ich jeden Tag zweihundert mit mir nehme; ich ließ mir auch einen Kahn für zwölfhundert Dinare bauen und nahm ein großes Gefolge von verschiedenem Range zu mir, gab mich für den Kalifen aus und ließ ausrufen: »Wer auf dem Tigris fährt, verliert sogleich den Kopf.« Und so lebe ich schon ein ganzes Jahr, ohne etwas von Dunja zu hören. Er trug dann weinend folgende Verse vor:

»Bei Gott! ich werde sie nie vergessen und nie einer anderen mich nähern. Sie gleicht vollkommen dem Monde; gepriesen sei Allah, der sie geschaffen. Sie hat mir Trauer, Schlaflosigkeit und Liebeskrankheit verursacht und mein Herz durch ihre Reize in Verwirrung gebracht.«

Als Harun Arraschid dies hörte, rief er erstaunt aus: »Gepriesen sei der Herr, der nichts ohne Grund geschehen läßt!« dann verließ er den jungen Mann und nahm sich vor, ihn reichlich zu beschenken. Sobald er mit Djafar und Masrur wieder ins Schloß kam, kleidete er sich um und sagte zu Djafar: »Bring mir den jungen Mann her, bei dem wir die Nacht zugebracht.«

Als Djafar zu dem Jüngling kam und ihn einlud, sich zu Harun Arraschid zu begeben, ging er erschrocken mit ihm, und als er vor den Kalifen kam, erkannte er ihn sogleich. Er trat verlegen vor ihn, verbeugte sich, grüßte ihn als Beschützer des Glaubens, wünschte ihm dauernden Ruhm und unausgesetztes Glück, frei von jedem Mißgeschick. Dann rezitierte er noch folgende Verse:

»Mögen deine Tore stets wie die Kaaba aufgesucht werden, und ihr Staub auf jeder Stirne sichtbar sein! In allen Ländern sage man: Dies ist die heilige Stätte, und du bist Ibrahim.«Im Tempel zu Mekka ist ein kleiner Platz, der von den Pilgern hoch verehrt und die Stätte Abrahams (Ibrahim) genannt wird.

Der Kalif lächelte ihm freundlich zu, erwiderte seinen Gruß, ließ ihn neben sich sitzen und sagte ihm: »O Mohamed Ali! ich wünsche noch einiges von deiner gestrigen Geschichte zu hören, denn sie ist wunderbar.« Der Jüngling rief: »Gnade, o Fürst der Gläubigen, reiche mir dein Tuch als Zeichen der Sicherheit!« Der Kalif gewährte ihm sein Verlangen und ließ sich noch einmal das Nähere seiner Abenteuer mit Dunja erzählen; und da er daraus schloß, daß er Dunja noch heftig liebe, fragte er ihn: »Soll ich sie dir wieder verschaffen, armer Mann?« - »O Fürst der Gläubigen!« erwiderte der Jüngling, »du könntest dich zu keiner bessern Zeit und an keinem geeignetern Orte wohltätig erweisen.« Der Kalif sagte dann zu Djafar: »Bring deine Schwester Dunja, Tochter des Veziers lahia, her!« Djafar gehorchte, und als seine Schwester vor den Kalifen kam, fragte er sie, auf den Jüngling hindeutend, ob sie diesen Mann kenne? Sie antwortete: »Woher sollen Frauen mit fremden Männern bekannt sein?« Der Kalif erwiderte lächelnd: »Wir sind von der ganzen Geschichte genau unterrichtet; es kommt alles ans Licht, wenn es auch noch so tief verborgen liegt.« Da sagte sie: »Es war so im Buche der Bestimmung geschrieben; ich bitte nun Gott und dich um Verzeihung für das Geschehene.« Der Kalif lachte, ließ den Kadhi und Zeugen rufen und einen neuen Ehekontrakt schreiben, und machte Mohamed Ali zu einem seiner vertrauten Gesellschafter. Sie lebten glücklich miteinander zum Ärger aller Neider. Doch, nur Gott ist allwissend!

Nach einer kleinen Pause begann Schehersad die

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