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Tausend und eine Nacht, Zweiter Band

Gustav Weil: Tausend und eine Nacht, Zweiter Band - Kapitel 30
Quellenangabe
typefairy
authorGustav Weil
translatorGustav Weil
year1984
titleTausend und eine Nacht, Zweiter Band
firstpub1838
isbn3-86070-308-0
senderhille@abc.de
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Geschichte des Ishak Al Moßuli.

Ishak Al Moßuli erzählt: Ich verließ eine Nacht den Kalifen Mamun, um nach Hause zu gehen, da sah ich an einer Mauer einen großen Korb mit vier Handhaben hängen, der mit Seide ausgefüttert war, ich dachte: das bedeutet etwas; nachdem ich eine Weile darüber nachdachte, hieß mich mein Verstand, in meiner Trunkenheit, mich hineinzusetzen. Sobald aber die, welche Wache hielten, mich bemerkten, zogen sie den Korb hinauf und vier Mädchen sagten zu mir: »Geh nur fröhlich mit uns, du bist willkommen.« Ein Mädchen mit einem Wachslicht ging mir voran ins Haus und führte mich in einen Saal mit Teppichen und Divanen, dergleichen ich nur im Palast des Kalifen gesehen. Als ich eine Weile dasaß, wurden von einer Seite des Saales Vorhänge aufgehoben, es traten Dienerinnen mit Wachslichtern heraus und andere mit Kohlenpfannen, voll Weihrauch und Aloe, und in ihrer Mitte befand sich ein Mädchen wie der aufgehende Mond. Sie bewillkommte mich, hieß mich sitzen und fragte mich, was ich wollte. Als sie hörte, wie ich hergekommen, sagte sie: »Es geschieht dir nichts, ich hoffe, du wirst mit dem Ausgang zufrieden werden.« Sie fragte mich dann, was ich für ein Geschäft treibe, und ich sagte ihr, ich sei ein Kleiderhändler aus Bagdad. Sie bat mich dann, ihr einige Gedichte vorzutragen; ich sagte aber: »Ich weiß wenig Gedichte, bin auch zu schüchtern, ich möchte lieber dich zuerst hören.« Da rezitierte sie Verse von den besten alten und neuen Dichtem; ich hörte zu und wußte nicht, was mir besser gefiel, ihre eigene Schönheit, oder die Gedichte, die sie so schön vortrug. Sie sagte dann: »Lege jetzt deine Befangenheit ab und rezitiere auch etwas.« Ich rezitierte einige alte Verse, die ihr wohl gefielen, und sie sagte: »Ich hätte nicht gedacht, bei Handelsleuten so etwas zu finden.«

Sie ließ dann Speisen bringen, zerschnitt sie und legte sie mir vor. Auch wurden allerlei Wohlgerüche im Saale verbreitet und die feinsten Früchte, die man nur beim Sultan findet, aufgetragen und auch Wein herumgereicht. Dann sagte sie: »Jetzt unterhalte mich auch und erzähle mir etwas Schönes.« Ich erzählte ihr manche alte Geschichte, die ihr so viel Freude machte, daß sie sagte: »Ich wundere mich sehr, wie ein Kaufmann Erzählungen weiß, die eines Königs würdig sind.« Ich sagte: »Ich hatte einen Nachbarn, der Gesellschafter von Königen war und von dem ich sie gehört.« Sie lobte mein Gedächtnis, erzählte auch etwas, und so wechselten wir miteinander beim Duft des Aloeholzes, bis der größte Teil der Nacht vorüber war, und ich befand mich in einer Lage, um die mich selbst Mamun würde beneidet haben, wenn er sie gekannt hätte. Sie sagte dann: »Du gehörst gewiß zu den feinsten und gebildetsten Männern; es ist nur schade, daß du keine Verse singen kannst.« Ich sagte: »Bei Gott! ich war früher sehr geübt darin, habe aber den Gesang wieder aufgegeben; doch lechzt noch mein Herz danach und ich wünschte sehr, einige Lieder zu hören, um die Nacht dabei zu durchwachen.« Sie sagte: »Mir ist, als wünschtest du, daß eine Laute gebracht werde.« Ich erwiderte: »Du bist gütig, und ich werde dir sehr verbunden sein.« »Nun«, versetzte sie, »du bist mein Gast und ich darf dir nichts versagen.« Sie ließ sich eine Laute bringen, und ihr Spiel war ebenso kunstvoll, als ihre Stimme wohlklingend und ausgebildet. Als sie ein Lied gesungen hatte, fragte sie mich: »Weißt du, von wem diese Verse und die Melodie dazu sind?« Ich sagte: »Nein.« Da versetzte sie: »Das Gedicht ist von N. N., und die Musik von Ishak Al Moßuli.« Ich sagte: »O möchte ich dein Lösegeld werden, ist das von Ishak?« Sie erwiderte: »Ishak ist der Meister in dieser Kunst, und wie wäre es erst, wenn du diese Melodie von ihm selbst hörtest?« - »Gepriesen sei Allah!« rief ich hierauf, »der diesem Manne mehr (Talent) verliehen, als jedem andern.« So fuhren wir dann in unserer Unterhaltung fort, bis die Morgenröte heranbrach; da kam eine Alte, welche ihre Amme zu sein schien, und sagte:»Nun ist's Zeit.«

Das Mädchen stand auf und sagte mir: »Verrate nicht, was hier im Vertrauen vorgefallen!« Ich sagte: »O könnte ich für dich sterben! du brauchst mir dies nicht anzuempfehlen.« Ich verließ sie und folgte einer Sklavin, die mir die Tür öffnete, ging nach Hause, betete und schlief. Bald kam aber ein Bote von Mamun und ich mußte den ganzen Tag bei ihm zubringen. Abends erinnerte ich mich der verflossenen Nacht und dachte: ich wäre ein Tor, wenn ich mir nicht wieder eine solche Nacht zu verschaffen suchte. Ich setzte mich wieder in den Korb und wurde wieder wie am vorigen Abend hinaufgezogen. Das Mädchen erschien und sagte: »Du bist pünktlich.« Ich erwiderte: »Mir selber erschien ich nachlässig.« Wir brachten dann die Nacht wieder mit Rezitationen, Gesängen und Erzählungen zu. Als die Morgenröte leuchtete, ging ich nach Hause, betete das Morgengebet und schlief. Da kam wieder ein Bote von Mamun, um mich zu holen, und ich brachte den Tag bei ihm zu. Des Abends sagte mir der Kalif: »Bleib hier und erwarte mich, bis ich wiederkomme.« Sobald er aber weg war, dachte ich mit so vielem Entzücken an die vergangenen Nächte, daß ich, des Kalifen Befehl nicht achtend, schnell aufsprang und nach dem Korbe lief. Als ich wieder hinaufgehoben wurde, sagte mir das Mädchen: »Nun, Freund, du scheinst unser Haus zu deiner Herberge machen zu wollen?« Ich erwiderte: »O könnte ich mein Leben für das deinige geben! doch das Recht der Gastfreundschaft dauert drei Tage, kehre ich wieder, so hast du das Recht, mein Blut zu vergießen.« Wir unterhielten uns dann wieder, wie in den frühern Nächten. Als die Zeit zum Weggehen nahe war, dachte ich: Mamun wird mich gewiß fragen, wo ich gewesen, und nicht ablassen, bis ich ihm alles erzähle; ich sagte daher meiner Wirtin: »Ich sehe, daß du eine Freundin von Gesang bist; ich habe einen Vetter, schöner und gebildeter als ich, und niemand kann besser, als er, Ishaks Lieder singen; darf ich ihn dir nicht bringen?« Sie sagte: »Bist du ein Schmarotzer und wirst zudringlich?« Ich antwortete: »Du hast zu gebieten.« Da sagte sie: »Wenn dein Vetter so ist, wie du ihn schilderst, so will ich ihn kennen lernen.« Als dann der Tag graute, verließ ich sie wieder und ging nach Hause. Aber bald stürmten Mamuns Diener in mein Haus und schleppten mich fort.

Mamun saß aufgebracht in seinem Divan und sagte als ich hereintrat: »Ishak, wirst du mir ungehorsam?« Ich antwortete: »Nein, bei Gott!« - »So erzähle die Wahrheit!« - »Recht gerne, doch allein.« Mamun entfernte die Anwesenden durch einen Wink, und ich erzählte ihm mein Abenteuer, sagte ihm auch, daß ich dem Mädchen versprochen habe, ihn zu ihr zu bringen. Mamun sagte: »Du hast wohl getan«, denn sein Herz entbrannte schon so sehr vor Sehnsucht nach ihr, daß er kaum die Nacht erwarten konnte, bis ich ihn an den Korb begleitete. Als wir an die Mauer kamen, fanden wir zwei Körbe und wir wurden beide hinaufgehoben. Das Mädchen kam uns freudig entgegen und grüßte uns. Sie erzählte dann manches und rezitierte Gedichte und Mamun fand Wohlgefallen an ihr und auch sie schien sehr vergnügt; dann ließ sie Wein bringen, ergriff die Laute und sang etwas. Sie fragte mich hierauf: »Ist dein Vetter auch Kaufmann?« Ich sagte: »Ja.« Bald aber hatte Mamun so viel Wein getrunken, daß er, obschon ich ihn gebeten hatte, mich nicht bei meinem Namen zu rufen, in seinem Entzücken ausrief: »O Ishak, singe mir doch auch ein Lied.« Das Mädchen erkannte dadurch mich und den Kalifen, und zog sich in ein Nebengemach zurück. Als ich gesungen hatte, sagte mir der Kalif: »Sieh einmal, wer der Herr dieses Hauses ist?« Da sprang eine Alte herbei und sagte: »Es gehört Hasan, dem Sohne Sahals.« Der Kalif befahl ihr, ihn zu holen. Als die Alte nach einer Weile mit Hasan kam, fragte ihn Mamun: »Hast du eine Tochter?« Er sagte: »Ja, sie heißt Chadidja.« - »Ist sie verheiratet?« - »Nein« - »Nun, so halte ich um sie an.« - »Sie ist deine Sklavin und steht dir zu Gebote.« - »Ich nehme sie zur Gattin, lasse dir diesen Morgen noch dreißigtausend Dinare als Morgengabe bringen, und du führst mir sie noch diese Nacht zu.« Als wir hierauf weggingen, verbot mir der Kalif, von der Sache etwas zu erzählen; ich schwieg auch bis zu Mamuns Tod. Ich hatte in meinem Leben nicht so viel genossen, als in diesen vier Tagen, des Tags in Mamuns, und des Nachts in Thadidjas Gesellschaft; aber, bei Gott! ich habe nie einen Mann wie Mamun gefunden, noch ein Mädchen, das Thadidja an Geist, Schönheit und Beredsamkeit gleichkäme.

Die nächste Nacht begann Schehersad folgende Erzählung:

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