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Tausend und eine Nacht, Zweiter Band

Gustav Weil: Tausend und eine Nacht, Zweiter Band - Kapitel 3
Quellenangabe
typefairy
authorGustav Weil
translatorGustav Weil
year1984
titleTausend und eine Nacht, Zweiter Band
firstpub1838
isbn3-86070-308-0
senderhille@abc.de
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Geschichte Ghanems und der Geliebten des Beherrschers der Gläubigen.

Wisse, o glückseliger König, es war in der frühesten Zeit ein Kaufmann, der einen Sohn wie der Vollmond hatte, von beredter Zunge, er hieß Ghanem Ibn Ejub; dieser hatte eine Schwester, die, weil sie so schön und liebenswürdig war, Fitna (Verführung) hieß. Als ihr Vater starb, hinterließ er ihnen viele Reichtümer, unter anderem auch hundert Ballen Perlenmuscheln, Seidenstoffe und Moschus; die Ballen sollten eben durch ihn nach Bagdad gebracht werden und waren schon dahin adressiert, als ihn Gott sterben ließ. Sein Sohn nahm nach einiger Zeit diese Waren, um damit nach Bagdad zu reisen. Dies geschah unter der Regierung des Kalifen Harun Arraschid. Er nahm Abschied von seiner Mutter, Schwester und übrigen Verwandten und Mitbürgern, und machte sich auf die Reise, im Vertrauen auf den erhabenen Gott, der ihm auch eine vollkommen glückliche Reise bis Bagdad in Gesellschaft einiger Kaufleute bestimmte.

Er mietete ein schönes Haus, versah es mit Teppichen, Kissen und Vorhängen, brachte seine Waren, seine Kamele und Maulesel hinein, und blieb zu Hause, um auszuruhen. Die vornehmen Kaufleute kamen und begrüßten ihn. Er nahm dann einen Bündel, worin zehn Stück kostbare Stoffe waren, worauf der Preis geschrieben war, und ging damit auf den Bazar. Die Kaufleute kamen ihm ehrerbietig entgegen und grüßten ihn. Sie legten dann die Waren in den Laden des Obersten des Bazars. Dieser öffnete den Bündel, nahm die Stoffe heraus und verkaufte sie, so daß jeder Dinar zwei gewann. Ghanem freute sich dessen und verkaufte so eine Ware nach der anderen ein ganzes Jahr lang.

Am Anfang des zweiten Jahres wollte er auf den Bazar gehen, fand aber die Tür geschlossen; er fragte daher nach der Ursache, und man sagte ihm, es sei ein Kaufmann gestorben, weshalb alle Kaufleute seiner Beerdigung beiwohnten. »Willst du dir nicht auch dadurch Lohn (im Himmel) erwerben und mitgehen?« Er sagte: »Ja!« und fragte nach dem Versammlungsplatz; man führte ihn dahin; er wusch sich daselbst, ging mit den Kaufleuten nach dem Betorte wo man für den Toten betete, dann zog man vor der Leiche her nach dem Begräbnisplatz, und Ghanem folgte dem Zug.

Man zog mit der Leiche zur Stadt hinaus, durchstreifte die Gräber, bis man an den Begräbnisplatz kam, wo die Verwandten des Verstorbenen schon Zelte über den Gräbern aufgeschlagen hatten; die Wachslichter und Lampen wurden zugerichtet, der Tote wurde beerdigt und der Koran auf dem Grab gelesen. Die Kaufleute setzten sich und Ghanem setzte sich aus Scham zu ihnen; denn er dachte: Ich kann mich doch nicht von ihnen trennen, und nicht früher, als sie, weggehen. So saßen sie und hörten andächtig die Gebete des Korans bis zur Zeit der Abendstunde. Da brachte man das Nachtessen mit süßen Speisen; sie aßen, bis sie genug hatten und wuschen sich die Hände; dann setzten sie sich wieder auf ihren vorigen Platz. Ghanems Gemüt war sehr beunruhigt, denn er fürchtete sich vor Dieben und dachte bei sich: Ich bin hier fremd und als reicher Mann bekannt: wenn ich nun die Nacht außer dem Haus zubringe, könnten Diebe mir meine Ware stehlen. Er stand daher auf, entschuldigte sich bei der Gesellschaft, er habe etwas zu tun, und ging an die Tore der Stadt. Da es aber schon Mitternacht war, fand er die Thore der Stadt geschlossen; niemand ging und kam mehr, die Hunde bellten und die Wölfe heulten. Er kehrte um und sagte: »Es gibt keinen Schutz und keine Macht, außer bei Gott, dem Erhabenen! Ich war um mein Gut besorgt, nun ist das Tor geschlossen und ich muß daher auch für mein Leben fürchten.« Er kehrte also um und forschte nach einem Ort, wo er die Nacht zubringen könne. Da fand er ein Grabmal von vier Mauern umgeben, mit einem Dattelbaum und einer steinernen Tür. Er ging hinein, um zu schlafen, konnte aber vor Angst und Unheimlichkeit, weil er zwischen den Gräbern sich befand, nicht einschlafen. Er stand wieder auf, öffnete die Tür und entdeckte nach dem Tor der Stadt hin in der Ferne ein matt schimmerndes Licht; auch sah er, daß sich dasselbe auf dem Weg, der nach dem Grabmal führte, bewegte. Er fürchtete sich sehr, schloß wieder zu, kletterte auf den Baum und setzte sich auf dessen Krone. Das Licht kam immer näher und Ghanem bemerkte drei schwarze Sklaven: zwei trugen eine Kiste und einer hatte ein Beil in der Hand. Wie sie dem Grabmal ganz nahe waren, sagte der Sklave, der das Beil und einen Korb trug: »Was hast du, Sawab?« Da sagte einer von denen, welche die Kiste trugen: »Was hast du, Kafur?« Er antwortete: »Waren wir nicht diesen Abend da und haben die Tür offen gelassen?« Jener sagte: »Ja« - »Nun«, versetzte dieser, »sie ist geschlossen und verrammelt.« Da sagte der dritte, der auch die Kiste tragen half: »O ihr unverständigen Leute! wißt ihr nicht, daß die Hirten aus Bagdad hier weiden und, sobald es Nacht wird, zuschließen, weil sie sich vor Schwarzen unseresgleichen fürchten, sie möchten sie ergreifen, braten und essen?« Sie sagten: »Du hast recht, obgleich du der Dümmste unter uns bist.« Er erwiderte: »Ihr werdet mir nicht glauben, bis wir ins Grabmal kommen und ich euch die Maus bringe; ich glaube, sobald sie das Licht sah, hat sie sich vor uns gefürchtet und ist aus Furcht auf den Dattelbaum gestiegen.« Als Ghanem diese Worte hörte, dachte er: »O verruchtester aller Sklaven! Gott vergebe dir deine Sünde nicht, mitsamt deinem Verstand und deiner Einsicht! Es gibt keinen Schutz und keine Macht, außer bei Gott, dem Erhabenen! Wie werde ich diesen Sklaven entkommen?« Die beiden Träger sagten dann dem, der das Beil hatte: »Klettre über die Mauer und öffne uns die Tür, Sawab, denn wir sind müde, die Kiste zu tragen. Wenn du die Tür öffnest, sind wir dir eine fette Maus schuldig, die du auch haben sollst, so wie wir eine fangen; wir wollen sie dir selbst sehr kunstvoll backen, so daß kein Tropfen von ihrem Fett verloren geht.« Sawab sagte: »Ich fürchte etwas, das mir mein geringer Verstand eingegeben. Es ist wohl besser, wir werfen die Kiste hinter die Tür, da sie doch unseren Schatz enthält.« Seine Begleiter fragten: »Warum? wenn wir sie hinüberwerfen, wird sie ja zerbrechen.« Er antwortete: »Ich fürchte, es möchten Diebe im Grabmal sein, die uns umbringen und berauben; wenn es Nacht wird, suchen solche Leute diese Plätze und teilen hier ihre Beute.« Die beiden Träger der Kiste antworteten: »Dummkopf! wie sollten sie hierher kommen?« Sie legten dann die Kiste ab, kletterten über die Mauer und öffneten die Tür, während der dritte, mit dem Beil und einem Korb mit Gips beladen, außen stehen geblieben war. Hierauf setzten sie sich und verschlossen die Tür wieder. Einer von ihnen sagte: »O meine Freunde! wir sind nun müde von Gehen, Tragen, öffnen und Wiederverschließen der Tür; es ist schon Mitternacht. Wir haben keine Kraft mehr, die Tür zu öffnen und die Kiste zu verbergen, wir wollen jetzt drei Stunden ausruhen und dann unsere Arbeit verrichten, und jeder von uns erzähle indessen, wie er zum Verschnittenen geworden, und was ihm von Anfang bis zum Ende widerfahren, so daß uns die Zeit angenehm verstreicht, während welcher wir ausruhen.«

Der Laternenträger, der Sawab hieß, sprach: »Ich will euch meine Geschichte erzählen;« sie aber sagten: »Sprich!« worauf er, wie folgt, begann: »Wisset, meine Freunde! ich war noch ganz klein, erst fünf Jahre alt, als mich Sklavenhändler aus meinem Land raubten und mich einem Djausch verkauften. Dieser hatte eine kleine Tochter von drei Jahren, mit der ich erzogen wurde. Die Leute hatten ihren Spaß mit mir, wenn ich mit der Kleinen spielte, vor ihr tanzte und sang. So wurde ich zwölf Jahre alt und sie zehn. Noch ließen sie mich bei ihr, bis ich eines Tages zu ihr kam, wie sie an einem einsamen Ort saß, schön gekleidet und geschmückt, duftend von den herrlichsten Wohlgerüchten, als wäre sie eben aus dem Bad gestiegen. Sie hatte ein rundes Gesichtchen wie der Mond in der vierzehnten Nacht, und wir scherzten miteinander, bis wir uns in den Armen lagen. Als dies geschehen, entfloh ich zu einem meiner Freunde. Ihre Mutter kam noch schnell genug, um ihre Verwirrung zu bemerken, war aber tödlich darüber betroffen; doch verbarg sie alles vor ihrem Vater. Mich suchte man zwei Monate lang, bis man mich endlich fand; doch liebte man mich zu sehr, um die Geschichte dem Vater zu entdecken; meine Geliebte aber wurde dem Barbier verlobt, der ihren Vater rasierte.

Dies alles geschah, damit der Vater nichts merken solle. Man sammelte das Nötige zu ihrer Ausstattung, ergriff mich, ohne daß ich mich dessen versah, und verunstaltete mich. Dann machte sie mich, als die Braut ihrem Bräutigam zugeführt wurde, zu ihrem Aga; ich mußte stets vor ihr hergehen, sowohl ins Bad, als in ihr elterliches Haus.

Die frühere Geschichte wurde verschwiegen; ich lernte jedoch nach und nach mein Schicksal ertragen, blieb lange bei ihr und schwelgte in ihren Reizen, küßte und umarmte sie oft, bis sie, ihr Gemahl, ihr Vater und ihre Mutter starben; ich kam dann in den Fiskus, wo ich blieb, bis ich mich zu euch gesellte, meine Freunde! Das ist die Ursache, warum ich so verunstaltet bin.«

Der zweite Sklave sprach dann: »Wisset, meine Brüder! meine Geschichte beginnt mit meinem Alter von acht Jahren, wo ich geraubt wurde; ich log jedes Jahr einmal die Sklavenhändler so an und hetzte sie so hintereinander, bis sie meiner überdrüssig wurden, mich einem Makler übergaben und ausrufen ließen: Wer kauft einen Sklaven mit seinem Fehler? Man fragte den Makler: Worin besteht sein Fehler? Die Antwort war: Er sagt jedes Jahr eine Lüge. Da kam ein großer Kaufmann, der einen Maulesel ritt, zum Makler und fragte: Wie viel ist für diesen Sklaven mit seinem Fehler geboten? Er antwortete: Sechshundert Dirham. Der Kaufmann sagte: Gut, und du sollst auch noch für dich zwanzig Dirham haben. Der Makler brachte ihn zum Sklavenhändler, der von ihm das Geld nahm; ich aber wurde in das Haus des Kaufmanns geführt, woselbst der Makler seinen Lohn empfing. Der Kaufmann aber kleidete mich anständig und behielt mich bei sich ein ganzes Jahr, während dessen ich ihm treu diente. Als das neue Jahr kam, das ein sehr gesegnetes und fruchtbares an allen Gewächsen war, gaben die Kaufleute jeden Tag Mahlzeiten. Nun kam auch die Reihe an meinen Herrn, einen großen Schmaus in einem Garten außerhalb der Stadt zu geben. Allerlei Speisen, und was man sonst nötig hat, wurden aufgestellt, und die Gäste aßen und tranken und unterhielten sich fröhlich bis Mittag. Da brauchte mein Herr etwas aus dem Haus und sagte zur mir: Sklave, nimm den Maulesel, reite nach Hause und bringe mir von deiner Herrin dieses und jenes, und komme schnell zurück. Ich befolgte den Befehl meines Herrn und ritt nach Hause. Als ich in der Nähe des Hauses ankam, schrie und weinte ich so laut, daß alle Leute aus dem Quartier, groß und klein, sich versammelten; auch die Frauen und die Tochter meines Herrn hörten mich schreien, öffneten die Tür und fragten mich, was es gäbe? Ich sagte unter Tränen: Mein Herr saß unter einer alten Mauer, um seine Notdurft zu verrichten, als sie einfiel; wie ich das sah, nahm ich den Maulesel und ritt schnell daher, um es euch zu berichten. Wie die Frau und die Töchter dies hörten, schrien sie, zerrissen ihre Kleider, schlugen sich ins Gesicht, und die Nachbarn und alle Diener liefen wegen ihres lauten Jammers zusammen. Die Frau meines Herrn aber warf, außer sich, alle Gerätschaften des Hauses untereinander, zerstörte alle Gesimse und Divane, zerbrach Fenster und Läden, und beschmierte alles mit Rot und Indigo. Dann sagte sie mir: Wehe dir, Kafur, hilf mir und zerbreche alles dieses Geschirr, die chinesischen Gefäße, Flaschen usw. Ich folgte ihrem Befehl und verwüstete alle Gesimse des Hauses mit allem, was darauf stand, ging auf die Terrasse, zerstörte alles, was nur zu vernichten war von chinesischen Gefäßen im Haus, und schrie: Wehe, mein Herr! Dann ging meine Herrin mit entblößtem Gesicht, nur den Kopf bedeckt,Die Araberinnen entblößen, wie die Jüdinnen, noch eher ihr Gesicht, als ihre Haare. aus dem Haus mit ihren Söhnen und Töchtern, und sagte mir: Kafur, geh vor uns her und zeige uns, wo dein Herr unter der Maurer tot liegt, daß wir ihn unter dem Schutte hervorziehen, in einem Kasten nach Hause tragen und dann mit Pomp beerdigen. Ich schritt vor ihnen her und rief in einem fort. Wehe, mein Herr! Sie aber folgten mir mit entblößtem Gesicht und schrieen: Wehe, Wehe! der Mann. Es blieb kein Mensch aus dem Quartier zurück, kein Mann und keine Frau, kein Mädchen und kein Knabe, keine junge und keine alte, alles ging mit, schrie laut, schlug sich ins Gesicht und weinte heftig. Ich durchzog die Stadt mit ihnen, alle Leute aber fragten, was geschehen sei? Als man ihnen erzählte, was man gehört, sagten die Leute untereinander: Es gibt keinen Schutz und keine Macht, außer bei Gott, dem Erhabenen. Das war ein vornehmer Mann, laßt uns zum Polizeiobersten gehen und ihn davon in Kenntnis setzen.

»Als sie zum Polizeiobersten kamen und ihm die Geschichte erzählten, ritt er selbst aus, nahm Arbeiter mit Hauen und Körben mit; alle folgten mir weheschreiend, ich aber schlug mich immer ins Gesicht, dann eilte ich voraus, schrie in einem fort, streute Erde auf meinen Kopf, ging in den Garten und rief laut: O meine Herrin, meine Herrin! Wehe, Wehe! wer wird sich meiner erbarmen; wäre ich doch statt ihrer umgekommen! Als mein Herr mich sah, erschrak er, wurde blaß und sagte: Was ist dir, Kafur? was gibt's? Ich antwortete: Herr, als du mich nach Hause schicktest, um dir etwas zu holen, sah ich, daß die Mauer des Saales auf meine Herrin und ihre Kinder gefallen war und sie ganz bedeckte. Er fragte: Ist deine Herrin nicht gerettet? Ich antwortete: Nein, bei Gott, Herr! es ist niemand entkommen und meine alte Herrin ist zuerst gestorben. - Ist auch meine kleine Tochter nicht entkommen? - Nein. - Und der Maulesel, der ist doch unbeschädigt? Nein, bei Gott, Herr! die Mauern des Hauses und des Sultans sind über sie gefallen, und über die Schafe, Gänse und Hühner, und alle sind zu einem Haufen Fleisch geworden. Nichts ist verschont geblieben. - Auch nicht dein alter Herr? - Nein, bei Gott! Niemand ist entkommen; es ist von Haus und Bewohnern keine Spur mehr geblieben. - Als mein Herr dieses hörte, befiel Schrecken sein Gesicht, er war nicht mehr seiner mächtig, konnte nicht mehr aufrecht stehen, noch ein Glied rühren, und sein Rücken war wie gebrochen. Er zerriß sogleich seine Kleider riß sich den Bart aus, schlug sich ins Gesicht, bis Blut floß, und schrie: Wehe, O Kinder, O Frau! O Unglück! wem ist je so etwas widerfahren? Seine Freunde, die Kaufleute, klagten und weinten mit ihm, bemitleideten ihn und zerrissen ihre Kleider. Mein Herr trat dann jammernd zum Garten hinaus, und war im Übermaß seines Kummers wie betrunken wegen des großen Unglücks. Die Kaufleute folgten ihm. Auf einmal sahen sie einen mächtigen Staub und hörten ein großes Geschrei und Jammern. Wie sie die Kommenden betrachteten, war es der Polizeioberste mit den Vorgesetzten, dem ganzen Volk und der Familie des Kaufmanns hintendrein; alle aber schrieen und weinten und waren sehr niedergeschlagen. Mein Herr stieß zuerst auf seine Frau und Kinder, sprang, als er sie sah, erschrocken auf sie zu und rief: Wie geht's euch? was ist euch im Haus widerfahren? Sie aber sagten, als sie ihn sahen: Gott sei für deine Rettung gelobt! Sie umgaben ihn fröhlich, seine Kinder hingen sich an ihm fest und schrieen: O Vater, gelobt sei Gott für dein Entkommen! Seine Frau war tief gerührt und kam fast von Sinnen, als sie ihn sah. Endlich sagte sie ihm: Bist du wohl, mein Herr? wie hast du dich gerettet? und was machen deine Freunde, die Kaufleute? Er dagegen fragte: Wie ist es euch im Hause gegangen? Sie antwortete: Wir sind ganz wohl, und unserem Haus ist nichts Böses widerfahren, aber der Sklave Kafur kam zu uns mit entblößtem Haupte und zerrissenen Kleidern und schrie: O mein Herr! und als wir ihn fragten: was gibt's, Kafur? antwortete er: Eine Gartenmauer ist auf meinen Herrn und die übrigen Kaufleute gestürzt und sie sind alle umgekommen. Da sagte mein Herr: Bei Gott! zu mir kam er soeben und schrie: O meine Herrin! o die Kinder meiner Herrin! Alle sind dir gestorben o Herr! Bei diesen Worten erblickte er mich neben sich, wie ich immerfort schrie, Erde auf mein Haupt streute und meinen Turban zerrissen über meinen Hals herunterhängen hatte. Er rief mir zu und sagte zu mir: Wehe dir, verruchter Sklave, Sohn einer Buhlerin, verdammtes Geschlecht! was hast du da für Unheil angestellt? Bei Gott! ich will dir die Haut von den Beinen reißen. Meine Antwort war: Bei Gott, Herr! du kannst mir nichts tun, denn du hast mich mit einem Fehler gekauft, und die Zeugen werden aussagen, daß bedungen worden ist, ich sage jedes Jahr eine Lüge; dies war nur erst eine halbe, und am Ende des Jahres werde ich die andere Lüge sagen, so daß es eine ganze gibt. Er schrie mir zu: Du Hund, Sohn eines Hundes, ist das nur eine halbe Lüge? wahrlich, das ist doch ein großes Unglück. Geh fort von mir, sei frei im Angesicht Gottes. Ich sagte ihm: Bei Gott, ich nehme deine Freiheit nicht an, bis das Jahr zu Ende ist und ich die andere Hälfte gelogen habe. Wenn die Lüge ganz ist, dann kannst du mich auf dem Markt mit meinem Fehler verkaufen, so wie du mich gekauft hast, denn ich treibe kein Handwerk, von dem ich mich ernähren kann, und das, was ich dir hier sage, ist ganz dem Gesetze gemäß.

Während wir so sprachen, kamen das ganze Volk und alle Leute aus dem Quartier, Männer und Weiber, zuletzt auch der Polizeioberste mit seinen Leuten; mein Herr und die übrigen Kaufleute gingen zu ihm, erzählten ihm die Geschichte und sagten ihm, das sei nur eine halbe Lüge; wie sie das hörten, verwunderten sie sich über die Größe derselben, verfluchten und schimpften mich; ich aber lachte und sagte: Wie kann mein Herr mir etwas tun, da er mich mit diesem Fehler gekauft? Als nun derselbe in sein Haus kam und es ganz verwüstet fand, denn ich hatte das meiste und beste zerstört und so viel zerbrochen, daß es ein ganzes Vermögen ausmacht, und ebenso seine Frau, da sagte ihm diese: Kafur hat alles Geschirr und alle chinesischen Gefäße zerbrochen. Sein Zorn nahm zu, er schlug die Hände zusammen und sagte: »Bei Gott, in meinem Leben habe ich keinen größeren Schurken, wie dieser Sklave ist, gesehen, und noch behauptet er, das sei nur eine halbe Lüge; wie muß erst eine ganze sein? Damit würde er eine oder zwei Städte zugrunde richten.« Er ging dann im heftigsten Zorn zum Polizeiobersten, dieser ließ mich eine saubere Bastonnade verschlucken, so daß ich das Bewußtsein verlor. Während ich ohnmächtig dalag, holte er schnell einen Barbier und ließ mich verunstalten; als ich daher wieder zu mir kam, war ich ein Verschnittener, und mein Herr sagte mir: Wie du mein Herz betrübt hast über das Kostbarste, das ich besaß, so bringe ich dich auch um dein Bestes. Dann verkaufte er mich sehr teuer, denn ich war nun ein Verschnittener (also mehr wert); doch hörte ich nicht auf, Unheil zu stiften, und kam von einem Emir zum andern, von einem Großen zum andern, wurde immer verkauft und gekauft, bis ich endlich ins Schloß des Fürsten der Gläubigen kam. Aber meine Seele ist zerknirscht, meine Kraft ist erschöpft.

Als die beiden Sklaven, seine Freunde, dies hörten, lachten sie laut über ihn und sagten: »Du bist ein Taugenichts! Sohn eines Taugenichts! Du hast eine abscheuliche Lüge ersonnen.« Dann sprachen sie zum dritten Sklaven: »Erzähle du nun deine Geschichte.« Dieser sagte: »Höret, Freunde, was ihr erzählt habt, ist nichts neben dem, was ich euch über meine Verunstaltung erzählen will, denn, bei Gott! ich hatte mehr (als diese Strafe) verdient, denn ich habe das ganze Haus meines Herrn geschändet, doch meine Geschichte ist lang, es ist jetzt keine Zeit, sie zu erzählen; denn seht, meine Vettern! der Tag ist schon nahe; wenn er anbricht und man diese Kiste bei uns sieht, so sind wir verraten und kommen ums Leben. Jetzt schnell die Ihre geöffnet, wenn wir in unser Schloß kommen, werde ich euch erzählen, wie ich Verschnittener geworden bin.« Er kletterte dann über die Mauer, öffnete die Tür, legte das Licht ab, und sie gruben ein Grab so lang und so breit, als die Kiste, zwischen vier Gräbern. Kafur schaufelte die Erde auf und Sawab trug sie in Körben weg, bis sie die Tiefe eines halben Mannes gegraben hatten, dann legten sie die Kiste in das Grab, bedeckten sie wieder mit Erde, gingen weg und schlossen das Grabmal wieder. Ghanem sah bald nichts mehr von ihnen. Als er sich nun sicher und allein wußte, wurde er begierig, zu wissen, was in der Kiste sei. Er wartete ein wenig, bis die Morgenröte heranbrach und es hell wurde, dann stieg er vom Baum herunter, scharrte die Erde mit der Hand weg, bis er zur Kiste gelangte, schlug das Schloß mit einem großen Stein auf, nahm den Deckel herunter, sah hinein und erblickte ein Mädchen, das von einem Schlaftrunk betäubt, leise atmete; sie war sehr schön und reizend, hatte einen reichen Schmuck, der das Reich eines Sultans wert war, und den man gar nicht mit Geld schätzen konnte. Ghanem merkte wohl, daß man sich gegen sie verschworen und ihr einen Schlaftrunk gegeben hatte. Er suchte ihr zu helfen, indem er sie aus der Kiste herauszog und auf den Rücken ins Freie legte. Als sie frische Luft schöpfte und ihr der Wind in die Nase und andere Atmungswerkzeuge blies, fing sie an zu nießen, zu würgen und zu husten. Mit einem Mal fiel ihr ein Stück kretensisches Bendi aus dem Hals, so groß, daß, wenn ein Elefant daran gerochen hätte, er auch von einer Nacht zur anderen hätte schlafen müssen. Sie öffnete hierauf ihre Augen, warf ihre Blicke umher und sagte mit klarer Stimme: »Wehe dir, Wind! der den Durstigen nicht labt, - o Rose der Getränkten - wo bist du, Blume des Gartens!« Niemand antwortete: sie rief weiter: »O Morgenröte! Perlenbaum! Licht der Leitung! Morgenstern! Wehe dir, Luft! Freude! Süßigkeit! Anmut! (lauter Namen ihrer Sklavinnen) sprecht doch!« Niemand aber antwortete: sie warf dann ihre Blicke umher und sagte: »Wehe mir! ihr begrabt mich zwischen den Gräbern! O du, der das Verborgene kennt und alles vergilt am Auferstehungstag! Wer hat mich aus meinen Gemächern zwischen diese vier Gräber gebracht?« Ghanem stand ihr zur Seite, während sie so sprach; endlich sagte er ihr: »O meine Gebieterin! laß die Gemächer, Schlösser und Gräber! hier steht dein durch Liebe verzauberter Sklave Ghanem, Sohn Ejubs, den der, der alle Geheimnisse kennt, zu dir geschickt hat, um dich aus dieser Not zu retten, und durch den alle deine Wünsche in Erfüllung kommen mögen.« Hierauf schwieg er. Sie aber sah endlich ihre Lage ein und sagte: »Es gibt keinen Gott, außer Gott, und Mohammed ist sein Prophet.« Sie wandte sich dann zu Ghanem, bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen und fragte mit süßer Stimme: »O gesegneter Jüngling! wie bin ich hierher gekommen? ich bin eben erst erwacht.« Er antwortete: »Meine Gebieterin! drei Sklaven haben dich in dieser Kiste hierher gebrachte,« und er erzählte ihr alles, was vorgefallen und wie er die Nacht hier zugebracht und sie vom Tode gerettet habe. Er verlangte ihre Geschichte zu wissen, sie aber sprach: »Gelobt sei Gott, der mich in die Hand eines Mannes, wie du bist, gegeben hat! Stehe jetzt auf, lege mich in die Kiste, bringe mich auf die Straße und miete den ersten Esel- oder Mauleseltreiber, daß er die Kiste in dein Haus bringe; wenn wir dort angekommen, so ist alles gut, dann sollst du meine Geschichte hören, und es wird dir um meinetwillen gut gehen.« Er freute sich, ging zum Grabmal hinaus, und schon leuchtete der Tag recht hell. Die Leute gingen schon aus und ein. Er mietete einen Mann mit einem Maulesel, brachte ihn ans Grabmal, lud ihm die Kiste auf, in die er das Mädchen getan, das er schon heftig liebte, und ging freudig mit ihr davon; denn sie war zehntausend Dinare wert und hatte allerlei Schmuck an, der mit großen Schätzen nicht hätte bezahlt werden können. Er konnte nicht erwarten, bis er nach Hause kam, die Kiste ablud, sie öffnete und das Mädchen herausnahm. Als sie sich umsah, fand sie eine anständige Wohnung mit Teppichen von angenehmer Farbe belegt, und merkte, daß Ghanem ein vornehmer Kaufmann war; sie sah auf allerlei Waren und Ballen, und dachte: »Der muß ein reicher Mann sein.« Sie entschleierte dann ihr Gesicht und sah immer mehr, daß er ein hübscher Mann war; ihr Herz glühte in Liebe zu ihm. Sie sagte ihm: »O Herr, laßt uns doch etwas essen!« Ghanem antwortete: »Bei meinem Haupte und meinen Augen!« Er ging dann auf den Markt und kaufte gebratenes Hammelfleisch und eine Schüssel süße Speise, nahm auch Früchte und Wachslichter mit usw., auch Wein und allerlei Wohlgerüche, und brachte alles nach Hause. Als das Mädchen ihn sah, lachte es und grüßte ihm freundlich entgegen und umarmte ihn, seine Liebe zu ihr wuchs immer mehr und bemächtigte sich seines ganzen Herzens. Sie aßen und tranken und scherzten miteinander, bis es Nacht wurde; ihre Liebe aber war gleich stark, denn sie waren beide jung und schön. Als es Nacht war, stand der zärtlich liebende Ghanem auf, zündete Wachslichter und Lampen an und brachte Wein und Weingefäße herbei; sie setzten sich zusammen; er schenkte ihr ein und gab ihr zu trinken, dann füllte sie den Becher und gab ihn Ghanem; sie scherzten und lachten und rezitierten Verse, waren höchst vergnügt und ihre Liebe wurde immer heftiger. (Gelobt sei der, der den Herzen Liebe einflößt!) So fuhren sie fort, bis nahe am Morgen, da bemächtigte sich ihrer der Schlaf, sie legten sich jedes an einen besonderen Platz schlafen. Des Morgens stand Ghanem auf, ging auf den Markt und kaufte wieder, was er brauchte, an Gemüse, Fleisch und Wein usw. und brachte es nach Hause. Sie setzten sich wieder zusammen, aßen, bis sie satt waren; Ghanem ließ Wein bringen, wovon sie tranken, bis ihre Wangen sich rot färbten und ihre Augen schwarz wurden. Ghanem brannte vor Begierde, das Mädchen zu küssen, und sprach zu ihr: »Erlaube mir doch, dich zu küssen, denn mich verzehrt die Sehnsucht nach dir!« Sie antwortete: »Warte, Ghanem, bis ich trunken bin und nichts mehr von mir weiß, dann kannst du es ohne mein Wissen tun.«

Mit diesen Worten stand sie auf, in ihren Blicken war auch ein Schmachten der Liebe sichtbar, Ghanem entbrannte nur um so heftiger in Sehnsucht nach ihr. Er sprach: »Herrin, gestatte mir, was ich von dir gefordert.« Sie aber antwortete: »Ich darf nicht; denn um meinen Gürtel ist ein hartes Wort geschrieben. « Ghanems Herz brach, sein Schmerz war groß, als er seinen Wunsch unbefriedigt sah, und er sprach folgende Verse:

»Ich bat die, die mich liebeskrank gemacht, um einen Kuß, um zu genesen; sie aber antwortete: Nein, nein, niemals! Ich sagte zu ihr: Ich bitte dich, laß es gern geschehen. Sie aber antwortete: Nur mit Gewalt. Ich erwiderte ihr: Nicht mit Gewalt, sondern mit deiner Einwilligung. Endlich sagte sie: Tue es heimlich. Ich antwortete: Nein, es muß mit deinem Wissen geschehen.«

Ghanems Leidenschaft wurde immer heftiger und sein Herz mächtig von Liebe entflammt. Sie aber sträubte sich immer und sagte: »Ich kann dir's nicht gewähren.« Sie unterhielten sich so liebend miteinander, und Ghanem schwamm im Meer der Liebestrunkenheit, sie aber blieb immer würdevoll und unerbittlich, bis die Nacht sie überfiel, die den Saum des Schlafs über die Menschen herabhängt. Dann stand Ghanem auf, zündete die Lampen und Wachslichter an, brachte alles wieder in Ordnung, nahm ihre Füße, küßte sie und fand sie wie frische Butter; er streichelte sein Gesicht darauf und sagte mit Tränen in den Augen: »O meine Herrin! habe doch Mitleid mit dem Gefesselten deiner Liebe und mit dem Getöteten deiner Augen. Mein Herz wäre ja ganz gesund ohne dich!« Sie erbarmte sich seines Kummers und sagte ihm: »O mein Herr! Licht meiner Augen! bei Gott! ich liebe dich und halte fest an dir, doch nimmermehr darfst du mich küssen.« Er sagte: »Und was hindert mich?« Sie antwortete: »Ich will dir heute Nacht meine Geschichte erzählen, du wirst mich dann entschuldigen.«

Sie suchte ihn dann durch Liebkosungen und Versprechungen zu beruhigen, und als er nach einem Monat wieder zudringlicher wurde, sagte sie: »Du sollst es endlich wissen und meinen Rang erkennen.« Sie nahm dann ihren Gürtel und sprach: »Lese, Herr, was hier geschrieben steht.« Ghanem nahm ihn und las die in Gold gestickten Worte: »Ich gehöre dir und du gehörst mir, o Vetter des Propheten.« Als er dies gelesen hatte, ließ er die Hand fallen und bat sie, ihm ihre Geschichte mitzuteilen.

Hierauf erzählte sie, wie folgt: »Wisse, ich bin die Geliebte des Kalifen, des Fürsten der Gläubigen; mein Name ist Kut Alkulub und ich wurde im Schlosse des Kalifen erzogen. Als ich heranwuchs und der Kalif mich und meine mir von Gott erhaltene Schönheit und Anmut sah, liebte er mich sehr, bestimmte mir eine eigene Wohnung und gab mir zehn Sklavinnen zu meiner Bedienung, auch schenkte er mir den Schmuck, den du hier siehst. Als eines Tages der Kalif abgereist war, kam die Frau Subeida zu einer meiner Dienerinnen und sagte: Ich möchte was von dir. Die Sklavin sagte: Was, o Herrin! Subeida aber sprach: Wenn deine Herrin schläft, so stecke ihr dieses Stück Bendj in die Nase oder mische es in ihr Getränk; ich werde dir Geld genug geben. Die Sklavin antwortete: Recht gern; freute sich des Geldes und nahm den Bendj; auch war sie froh, denn sie war früher der Frau Subeida Sklavin gewesen, kam und warf den Bendj in mein Getränk, worüber ich schlaftrunken wurde und auf den Boden fiel. Ich war wie tot und ganz in einer anderen Welt. Als diese List gelungen war, legte sie mich in diese Kiste, ließ dann die Sklavin heimlich kommen und bestach sie, ebenso die Pförtnerin; so wurde ich in der Nacht, wo du auf dem Dattelbaum schliefest, hinausgetragen, und man verfuhr mit mir, wie du gesehen hast, bis du mir als Retter nahtest, mich hierherbrachtest und so treulich verpflegtest. Das ist meine Geschichte. Wie es dem Kalifen inzwischen gegangen, weiß ich nicht. Du kennst nun meinen Rang und wirst meine Geschichte geheimhalten.«

Als Ghanem hörte, daß sie des Kalifen Geliebte sei, fuhr er zurück aus Ehrfurcht vor dem Kalifen, setzt sich allein auf eine Seite des Gemachs, machte sich Vorwürfe und flößte seinem Herzen Stärke ein. Seine Liebe zu einem Gegenstand, den er nicht sein nennen durfte, machte ihn ganz verwirrt; im heftigen Schmerz und in seinen Klagen über das Schicksal sprach er folgende Verse:

»Das Herz des Geliebten vergeht in Sehnsucht wegen seiner Freundin, er ist seines Verstandes wegen ihrer wunderbaren Schönheit beraubt; man fragte ihn: Wie schmeckt die Liebe? und er antwortete: Die Liebe ist süß, doch ist vieles Bittere dabei.«

Kut Alkulub stand dann auf und umarmte ihn und die Liebe zu ihr wurde immer mächtiger in seinem Herzen, denn sie gestand ihm auch die ihrige. Er tat sich aber alle Gewalt an, aus Furcht vor dem Kalifen; sie unterhielten sich, im Meer ihrer Liebe versunken, miteinander, bis der Tag anbrach. Dann stand Ghanem auf, kleidete sich an und ging, wie gewöhnlich, nach dem Markt, kaufte ein, was er brauchte, und kehrte wieder nach Hause zurück, wo er Kut Alkulub weinend fand. Als sie ihn aber sah, hörte sie auf zu weinen und sagte lächelnd zu ihm: »Es ist mir bange während deiner Abwesenheit geworden, o Geliebter meines Herzens! Bei Gott, die Stunde, die du fern von mir zubringst, wird mir zu einem Jahr. Ich habe dir nun meinen Zustand dargestellt, laß uns jetzt an die Vergangenheit nicht weiter denken und ganz dem Augenblicke leben.« Ghanem sprach: »Seit ich weiß, daß du dem Beherrscher der Gläubigen gehörst, ist es mir nicht mehr erlaubt, dir nahe zu kommen. Ein Hund darf nicht eines Löwen Platz einnehmen.« Er riß sich dann von ihr los und setzte sich auf die Matte. Durch Ghanems Weigerung aber wurde ihre Liebe nur noch heftiger, sie setzte sich an seine Seite, unterhielt ihn und scherzte mit ihm; er wurde liebestrunken und schmachtete in Sehnsucht. Sie sang dann folgende Verse:

»Das Herz der Gefesselten wird bald zerbröckeln; wie lange noch dieses Abwenden von mir? wie lange noch? O du, der du mich von mir ohne meine Schuld abwendest! pflegen doch liebende Gazellen sich zu vereinigen; weite Trennung und lange Entfernung, so viel kann kein Mensch ertragen.«

Sie vermischten dann ihre Tränen und tranken, bis es Nacht wurde. Dann stand Ghanem auf und sprach: »Wir müssen uns trennen und dürfen nicht länger zusammenleben; denn was dem Beherrscher der Gläubigen gehört, muß für den Sklaven heilig sein.« Sie sagte: »Herr, tue dies nicht; laß kommen, was das Schicksal über uns verhängt;« er aber weigerte sich. Die Liebesflamme entbrannte immer mehr in ihrem Herzen, sie hing sich an ihn und sagte: »Bei Gott! wir wollen uns nicht mehr trennen.« Er besiegte aber ihre Leidenschaft, und näherte sich ihr nun nicht mehr anders als in Ehrfurcht, die der Geliebten des Kalifen gebührt. Ihre Sehnsucht aber nahm immer zu und wuchs während der drei Monate, die sie zusammen verlebten. Kut Alkulub sang endlich mit müdem Herzen folgende Worte:

»Wunder der Schönheit! Wie lange noch diese Härte? Was ist der Grund, daß du dich von mir abwendest? Du umfassest alle Arten und Zweige der Schönheit und Anmut, flößest jedem Herzen Liebespein ein und vertreibst den Schlaf aus jedem Auge.«

So lebten sie lange in diesem Zustand, o König der Zeit! und Ghanem hielt sich in Ehrfurcht von ihr fern. Das ist's, was den liebeskranken Ghanem angeht; was aber die Frau Subeida betrifft, so war sie mit Kut Alkulub in der Abwesenheit des Kalifen so verfahren; nun er aber zurückkehren sollte, war sie verlegen, irgend eine List zu erdenken, um dem Kalifen zu antworten, falls er nach ihr fragte. Sie eröffnete ihr Geheimnis einer alten Frau, die sie bei sich hatte, und sagte ihr: »Was soll ich tun, da Kut Alkulub dahin ist?« Als die Alte dies hörte, sagte sie: »Wisse, meine Gebieterin, die Ankunft des Kalifen ist nahe. Schicke zum Schreiner, daß er eine Menschenfigur aus Holz mache, und laß ein Grab mitten im Schloß graben, wir begraben hier diese Figur, bauen ein Grabmal hierher und zünden Wachslichter und Lampen an; du aber befiehlst allen, die im Schloß sind, daß sie sich schwarz kleiden, und sagst deinen Sklavinnen und Dienern, daß, sobald sie die Rückkehr des Kalifen erfahren, sie Kot in den Eingang (des Palasts) werfen, und wenn er dann fragt, warum das geschehe, so sagt ihm. Kut Alkulub ist gestorben; Gott vermehre deinen Lohn ihretwillen! Sagt auch, Ihr habt sie hier im Schloß begraben. weil sie Euch so teuer war. Wenn der Kalif dies hört, wird er weinen, und es wird ihm ihretwillen leid tun; er wird den Koran für sie lesen lassen und an ihrem Grab wachen; vielleicht wird er auch sagen: Meine Base, die Frau Subeida, hat vielleicht dies aus Eifersucht gegen Kut Alkulub getan. Die Raserei wird vielleicht so stark bei ihm werden, daß er sie wird ausgraben lassen: wenn dies geschieht und er diese Figur sieht, die einem Menschen gleicht und in das schönste Leichengewand eingehüllt sein wird, so wird er auf sie zulaufen wollen; halte ihn alsdann zurück, rufe deine Leute und sage ihm: Es ist eine Sünde, ein totes Mädchen zu sehen; er wird dann glauben, daß sie wirklich tot sei, sie wieder beerdigen lassen und dir für deine Tat danken. Auf diese Weise hilfst du dir aus dieser Verlegenheit.«

Die Frau Subeida fand diese Worte gut, schenkte ihr ein Ehrenkleid und eine Summe Geld und befahl ihr, so zu tun, wie sie gesagt. Die Alte ging sogleich zum Schreiner und bestellte die oben erwähnte Figur, und brachte sie, als dies fertig war, der Frau Subeida; diese hüllte sie in ein Leichengewand, zündete Wachslichter und Lampen an, legte Teppiche um das Grab herum, kleidete sich schwarz und befahl den Mädchen, dasselbe zu tun. Auf einmal war die Nachricht im Schloß verbreitet: Kut Alkulub seit tot. Als der Kalif nachher von seiner Reise zurückkehrte und in das Schloß kam, wo er alle Diener und Sklavinnen schwarz gekleidet sah, zitterte sein Herz, das nur von Kut Alkulub eingenommen war. Er ging zur Frau Subeida, die auch schwarz gekleidet war, und fragte nach der Ursache, und man erzählte ihm, Kut Alkulub sei gestorben. Er war sehr betrübt und fiel in Ohnmacht. Als er wieder zu sich kam, erkundigte er sich nach ihrem Grab; die Frau Subeida aber sagte: »Wisse, o Fürst der Gläubigen! Weil sie mir so teuer war, ließ ich sie im Schloß begraben.« Der Kalif ging in seinen Reisekleidern zum Grab, wo er die aufgelegten Teppiche, Wachslichter und Lampen sah.

Er dankte ihr zwar für ihre Tat, doch zweifelte er noch immer und wußte nicht, ob er ihr glauben solle oder nicht. Er ließ daher das Grab aufgraben und sie herausnehmen; wie er aber das Totengewand sah, fürchtete er sich vor Gott, wie es die Alte vorhergesagt, und befahl, daß man sie wieder an ihren Ort zurücklege, ließ sogleich die Geistlichen und Koranleser rufen, um den Koran zu lesen, setzte sich neben ihr Grab und weinte, bis er in Ohnmacht fiel. Einen ganzen Monat brachte er er so an ihrem Grab zu.

Während der Kalif so am Grabe schlief und die Veziere und Großen alle nach Hause gegangen waren, saßen zwei Sklavinnen bei ihm, eine zu Häupten und eine zu Füßen. Wie er erwachte und die Augen öffnete, hörte er, wie eine Sklavin zur anderen sagte: »Wehe dir, Cheisaran!« Diese erwiderte: »Was ist, Kadhib?« Sie sagte: »Unser Herr weiß nicht, was vorgefallen; er wacht hier an einem Grab, in dem nur eine hölzerne Figur liegt, die ein Schreiner gemacht.« Cheisaran fragte: »Und was ist denn aus Kut Alkulub geworden?« Kadhib antwortete: »Wisse, die Frau Subeida hat ihr durch eine Sklavin einen Schlaftrunk geschickt, und als dieser wirkte, hat sie sie in eine Kiste gelegt und durch Sawad und Kafur in ein Grabmal werfen lassen.« Da sagte Cheisaran: »Kut Alkulub ist also nicht gestorben?« Jene antwortete: »Nein, bei Gott, sie ist dem Tode entronnen: ich habe gehört, wie die Frau Subeida gesagt hat, sie wohne schon seit vier Monaten bei einem jungen Kaufmann, Ghanem, der Damaszener genannt, während unser Herr hier für nichts seine Nächte durchweinte.« Als die Sklavinnen ihr Gespräch, das der Kalif angehört hatte, vollendeten, und er daraus die wahre Geschichte erfuhr und wußte, daß dieses Grab nur zum Schein und zum Betrug hier war, erzürnte er sich sehr und ging zu den Großen seines Reiches. Sein Vezier Djafar kam ihm entgegen und küßte die Erde vor ihm; der Kalif sagte im Zorn: »Geh, Djafar! frage nach dem Hause des Ghanem, Sohn Ejubs, dringe in sein Haus und bringe mir meine Sklavin Kut Alkulub und auch ihn, daß ich ihn strafe!« Djafar ging nach dem Haus Ghanems, der Polizeioberste und die ganze Welt begleitete ihn. Ghanem kam eben mit einem Topf voll Fleisch zurück, das er mit Kut Alkulub essen wollte; als sie jedoch ihre Blicke umherwarfen, sahen sie das Haus von dem Vezier, dem Polizeiobersten, von Dienern und Mamelucken mit gezogenem Schwert umgeben, wie das Weiße vom Auge das Schwarze umgibt. Sie merkte gleich, daß der Kalif Nachricht von ihr erhalten, und war ihres Untergangs gewiß; sie wurde blaß, verlor ihre Reize, sah ihren Geliebten an und rief ihm zu: »O mein Geliebter, rette dein Leben!« Er sagte: »Wie soll ich entfliehen, da mein Geld und mein ganzes Vermögen hier im Hause sind?« Sie antwortete: »Zaudere nicht, sonst verlierst du Gut und Leben.« Er sagte: »O Geliebte! Licht meines Auges! wie soll ich's machen, um zu fliehen? Sie haben ja schon das Haus umzingelt.« Sie erwiderte: »Fürchte nichts!« Hierauf entkleidete sie ihn, zog ihm alte zerlumpte Kleider an, entstellte sein Gesicht, nahm den Topf, in welchem er das Fleisch gebracht hatte, und legte ihn auf seinen Kopf, tat ein Stück Brot und eine Schüssel Speise hinein und sagte: »Geh durch diese List fort und denke meiner nicht; ich weiß, was ich vom Kalifen zu erwarten habe.« Ghanem befolgte ihren Rat, ging mit dem Topf fort und wurde nicht erkannt; Gott beschützte ihn und bewahrte ihn vor allem Bösen, als Lohn für seine guten Vorsätze.

Als der Vezier Djafar an das Haus kam, stieg er vom Pferd ab, ging ins Haus und sah daselbst Kut Alkulub, die sich putzte und schmückte, und eine große Kiste mit Gold, Schmuck, Edelsteinen und anderen leichten, aber doch wertvollen Dingen vollpackte. Sie stand vor Djafar auf, küßte die Erde vor ihm und sprach: »Herr, der Kalam (göttliche Feder) hat geschrieben, was Gott beschlossen.«d. h. es ist Gottes Wille, daß ich durch deine Hand sterbe. Er antwortete: »Bei Gott! der Kalif hat bloß den Tod über Ghanem verhängt.« Sie sagte: »Wisse, er hat Waren zusammengepackt und ist damit nach Damaskus gereist; ich habe keine Nachricht von ihm. Ich wünsche nun, daß du diese Kiste aufbewahrest und zum Fürsten der Gläubigen bringen lassest.« Er antwortete: »Ich bin bereit, zu gehorchen.« Er ließ dann die Kiste aufladen, ging mit Kut Alkulub, welche von allen sehr ehrerbietig behandelt wurde, zum Kalifen, nachdem Ghanems Haus geplündert worden, und erzählte dem Kalifen, was vorgefallen. Der Kalif ließ Kut Alkulub in ein finsteres Gemach sperren, gab ihr eine alte Frau, mit dem Befehl, für ihre Bedürfnisse zu sorgen, denn er glaubte an ihre Schuld; er schrieb dann einen Befehl an den Statthalter von Damaskus, Mohammed, Sohn Suleimans, folgenden Inhalts: »Bei Empfang dieses Befehls nimm Ghanem, Sohn Ejubs, fest und sende ihn mir!« Als dieser den Befehl erhielt, küßte er ihn, legte ihn auf sein Haupt, und ließ auf allen Straßen ausrufen: »Wer plündern will, der gehe in das Haus Ghanems.« Sie gingen in sein Haus und fanden daselbst eine Mutter und eine Schwester, die ihm schon ein Grab gemacht hatten und über ihn weinten. Sie wurden ergriffen und ihr Haus geplündert, ohne daß sie wußten, warum. Dann wurden sie zum Sultan geführt, der sie nach Ghanem fragte. Sie antworteten ihm: seit einem Jahr hätten sie nichts mehr von ihm gehört; worauf sie wieder nach Hause geführt wurden.

Was aber den liebeskranken Ghanem angeht, so hatte er, als er seines Glücks beraubt wurde und über seine Lage nachdachte, solange geweint, bis ihm fast das Herz sprang und er auf sein Gesicht zu Boden stürzte; dann reiste er weit umher, bis er einst müde und hungrig in ein Dorf kam. Er ging daselbst in die Moschee, setzte sich auf einen Teppich und lehnte sich an die Wand an; in dieser Lage blieb er bis den anderen Morgen, sein Herz aber klopfte ihm vor Hunger, vom vielen Schweiß war seine Haut mit Ungeziefer bedeckt, er verbreitete einen üblen Geruch und war unkenntlich geworden.

Als Morgens die Leute aus dem Ort zum Morgengebet kamen, fanden sie ihn sehr schwach und leidend vor Hunger, doch sah man an ihm noch Spuren eines früheren Wohlstandes. Als sie ihr Gebet verrichtet hatten, brachten sie ihm Wasser, womit er Hände und Füße wusch; sie brachten ihm auch ein altes Kleid, an dem die Ärmel zerfetzt waren, zogen es ihm an und sagten ihm: »Fremder, woher bist du, und warum bist du so schwach?« Er öffnete seine Augen und weinte, antwortete aber nicht; als einer von ihnen merkte, daß er hungrig war, brachte er Honig und Brot, und er aß davon ein wenig. Sie blieben dann bei ihm sitzen, bis die Sonne aufging, dann begaben sie sich zur Arbeit. Ghanem blieb so einen Monat bei ihnen und war immer schwächer und kränker. Die Leute weinten über ihn und beschlossen untereinander, ihn nach Bagdad ins Spital bringen zu lassen. Während dies vorfiel, kamen zwei Bettlerinnen zu ihnen; diese waren seine Mutter und seine Schwester. Als Ghanem sie sah, gab er ihnen das Brot, das er neben sich liegen hatte, und sie brachten die Nacht bei ihm zu, ohne daß er sie erkannte. Am folgenden Tage kamen die Bewohner jenes Orts mit einem Kamel und seinem Herrn, und sagten diesem: »Lade diesen Kranken auf dein Kamel und wenn du nach Bagdad kommst, so lege ihn an der Tür des Spitals ab, vielleicht wird er geheilt, und dir bleibt der Lohn dafür.« Er antwortete: »Ich werde es tun.« Sie trugen dann Ghanem mit dem Teppich, auf dem er saß, aus der Moschee, seine Mutter und seine Schwester sahen ihn wieder, erkannten ihn aber immer noch nicht; doch sagten sie, als sie ihn näher betrachteten: »Dieser Kranke gleicht unserm Ghanem, wäre er es wohl selbst?« Ghanem kam indessen nicht eher zu sich, bis er schon auf dem Kamel festgebunden war; er weinte und jammerte; auch seine Mutter und Schwester weinten aus Mitleid mit ihm, ohne ihn zu erkennen. Sie reisten dann nach Bagdad, wohin auch der Kameltreiber Ghanem brachte.

Er wurde daselbst vor der Tür des Spitals abgelegt, wo er bis den nächsten Morgen liegen blieb. Die Leute, die vorübergingen, blieben stehen, als sie einen Mann sahen, der so abgemagert war, daß er einem Zahnstocher glich. Endlich kam der Aufseher des Marktes hinzu, trieb die Leute von ihm weg und sagte: »Ich will durch diesen Jüngling das Paradies verdienen; denn wenn er ins Spital gebracht wird, so bringen sie ihn an einem Tag um. « Er befahl daher seinen Jungen, ihn in sein Haus zu bringen, ließ ihm frisches Bett und Kissen geben, und sagte zu seiner Frau: »Pflege diesen Fremden recht gut!« Sie aber erwiderte: »Recht gerne!« schob ihre Ärmel zurück, machte Wasser warm, wusch ihm die Hände, Füße und den ganzen Körper, und zog ihm ein Kleid von einer ihrer Sklavinnen an, gab ihm einen Becher Wein und bespritzte ihn mit Rosenwasser. Er aber klagte und jammerte um seine Geliebte Kut Alkulub, und seine Trauer um dieselbe war sehr groß.

Was aber Kut Alkulub angeht, so blieb diese achtzig Tage an dem finstern Ort, wohin sie der Kalif in seinem Zorn hatte einsperren lassen. Eines Tages ging der Kalif an ihrem Zimmer vorüber, und hörte, wie sie Verse rezitierte. Dann sprach sie folgendes:

»O mein Geliebter! o Ghanem! wie schön bist du! Wie rein ist dein Herz! Du tust Gutes denen, die dir Böses tun, und achtest das Heiligtum dessen, der das deinige nicht schont: du beschützest die Frau dessen, der dich und die deinigen gefangennehmen ließ. Aber gewiß wirst du einst mit dem Fürsten der Gläubigen vor einem gerechten Richter stehen, und du wirst dann gerecht erscheinen an dem Tage, wo Gott Richter sein wird, und seine Engel Zeugen!«

Als der Kalif dies hörte, merkte er, daß ihr Unrecht geschehen, und ging in sein Schloß zurück, von wo aus er ihr seinen Diener Masrur schickte. Als sie vor dem Kalifen erschien, beugte sie ihr Haupt, weinte und war sehr betrübt. Der Kalif sprach zu ihr: »O Kut Alkulub! ich sehe, daß du mich tadelst, als Ungerechten anklagst, und höre dich sagen: ich tue Böses dem, der mit Gutes erwiesen: wer ist's, der meinen Harem gehütet?« Sie antwortete: »Ghanem, Sohn Ejubs, der Gefesselte, der Beraubte; denn ich schwöre dir bei deiner Gnade, er hat die Ehrfurcht vor deiner Sklavin nicht verletzt.« Der Kalif sprach: »Es gibt keinen Schutz und keine Macht, außer bei Gott, dem Erhabenen! O Kut Alkulub! wünsche dir, was du willst, du sollst es erhalten.« Sie antwortete: »Ich fordere Ghanem, meinen Geliebten.« Der Kalif gewährte ihr ihren Wunsch. Sie sagte weiter: »Wirst du, wenn er erscheint, mich ihm zur Frau geben?« Der Kalif erwiderte: »Das geschehe, und ich werde gewiß mein Wort heilig halten.« Sie versetzte: »Erlaube mir, ihn zu suchen, vielleicht wird mich Gott mit ihm vereinen.« Der Kalif antwortete: »Tu, was dir gut scheint!« Sie ging freudig weg, nahm tausend Dinare mit, besuchte die Scheichs und gab Almosen für ihn.

Am folgenden Tag begab sie sich wieder auf den Markt der Kaufleute, gab dem Aufseher einige Dirham, und sagte ihm: »Verteile sie unter die Fremden.« Die folgende Woche ging sie wieder auf den Markt mit tausend Dinaren; es war der Markt der Goldarbeiter und Juweliere. Sie rief den Aufseher, gab ihm tausend Dinare und sprach zu ihm: »Verteile sie unter die Fremden.« Der Aufseher sagte ihr: »Herrin, in meinem Hause befindet sich ein junger Fremder, willst du nicht mit mir gehen, um ihn zu sehen?« (Dies war nämlich Ghanem, den der Aufseher nicht kannte, und den er für einen Verschuldeten hielt.) Als sie dies hörte, klopfte ihr das Herz und ihr Inneres kam in Bewegung. Sie sagte: »Schicke jemanden mit mir in dein Haus.« Er gab ihr einen kleinen Jungen mit, der sie in sein Haus führte, und sie dankte ihm dafür. Als sie ins Haus trat, grüßte sie seine Frau und diese küßte die Erde vor ihr; denn sie erkannte sie. Kut Alkulub fragte dann: »Wo ist der Fremde, der bei dir wohnt?« Sie antwortete weinend: »Hier ist er auf dem Bett, meine Herrin; er sieht wohl wie einer aus der niederen Volksklasse aus, doch trägt er noch Spuren des Wohlstandes an sich.« Kut Alkulub blickte nach ihm hin, er war aber so mager und entstellt geworden, daß sie ihn nicht erkannte; sie weinte und sprach: »Der unglückliche junge Mann!« wußte aber nicht, daß es Ghanem war; doch hatte sie Mitleiden mit ihm, machte ihm Wein und verschiedene Arzneien zurecht. Nachdem sie eine Weile zu seinen Häupten gesessen war, ritt sie wieder in ihr Schloß und besuchte ihn jeden Markttag. Eines Tages kam der Aufseher mit Ghanems Mutter und Schwester und sagte zu Kut Alkulub: »O Herrin, das Paradies wird dir nicht verschlossen sein;Man ist in Europa der irrigen Meinung, daß die mohammedanische Religion den Frauen das Paradies verschließe. sieh, soeben ist eine hübsche Frau mit ihrer Tochter in unsere Stadt gekommen, an denen noch Spuren früheren Glücks und Wohlstandes sichtbar sind; sie tragen aber härene Kleider und eine Reisetasche um den Hals, ihre Augen weinen und ihr Herz ist betrübt. Ich habe sie dir gebracht, damit du sie beherbergest und sie vor dem Betteln bewahrest.« Sie antwortete: »Du machst mir Lust, sie zu sehen; wo sind sie?« Er erwiderte freudig: »Ich will sie dir herführen«, und brachte sie wirklich in das Zimmer, wo auch Kut Alkulub war. Als diese Ghanems Mutter und Schwester sah und sehr schön fand, hatte sie Mitleid mit ihnen und sprach: »Bei Gott! das sind vornehme Frauen, man sieht es ihnen wohl an.« Die Frau des Aufsehers sagte: »Wir lieben die armen Leute des himmlischen Lohnes willen. Wer weiß, ob nicht die Tyrannei diese überfallen, ihre Güter geraubt und ihre Wohnung verwüstet hat.« Die beiden Frauen weinten dann heftig, dachten an ihren früheren Wohlstand und ihre jetzige Armut, erinnerten sich an Ghanem, weinten und Kut Alkulub weinte mit ihnen. Die Mutter Ghanems aber sprach: »Wir beten zu Gott, daß er uns mit dem vereinige, den wir aufsuchen, nämlich mit meinem Sohne Ghanem, Sohn Ejubs.« Als Kut Alkulub dies hörte, wußte sie, daß die eine Frau die Mutter ihres Geliebten, und die andere seine Schwester sei; sie weinte, bis sie in Ohnmacht fiel, und als sie wieder zu sich kam, ging sie auf die beiden zu und sagte: »Fürchtet nichts, seid nicht betrübt! dieser Tag ist der erste eures Glücks und der letzte eures Elends.«

Sie befahl dann dem Aufseher, ihnen hübsche Kleider anzuziehen und sie ins Bad zu führen, recht auf sie acht zu geben und ihnen höchst ehrerbietig zu begegnen; zu dem Zwecke gab sie ihm eine bedeutende Summe Geldes. Am folgenden Tage ritt Kut Alkulub wieder nach dem Hause des Aufsehers und ging zu seiner Frau. Diese stand vor ihr auf, küßte ihre Hände und dankte für ihre Wohltaten. Sie sah Ghanems Mutter und Schwester, die des Aufsehers Frau ins Bad gebracht und denen sie andere Kleider angezogen hatte, so daß man ihnen wohl ihren früheren Wohlstand ansah. Kut Alkulub setzte sich zu ihnen und unterhielt sich eine Weile mit ihnen, dann fragte sie des Aufsehers Frau nach ihrem Kranken; diese aber antwortete: »Sein Zustand ist immer derselbe«, und setzte hinzu: »Kommt, wir wollen einmal nach ihm sehen!« Sie traten alle vier zu ihm und setzten sich nieder. Als Ghanem, der sehr dünn und mager geworden war, sie hörte, kam er wieder zu sich, hob seinen Kopf vom Kissen auf und rief: »O Kut Alkulub!« Diese betrachtete ihn näher und schrie: »Hier bin ich.« Er sagte zu ihr: »Komm näher.« Sie fragte: »Bist du Ghanem, Sohn Ejubs?« Er antwortete: »Ja, ich bin es.« Als sie dies hörte, fiel sie in Ohnmacht. Auch seine Mutter und Schwester riefen: »O Freude!« und waren außer sich. Nach einer Weile kamen sie wieder zu sich, da sagte Kut Alkulub: »Gelobt sei Gott, der mich mit dir, deiner Mutter und Schwester vereinigt!« Sie trat näher und erzählte ihm, was vorgefallen mit dem Kalifen, und sagte: »Ich hatte ihm die Wahrheit entdeckt, er wünscht nun dich zu sehen, und hat mich dir geschenkt«, und er freute sich sehr darüber. Dann sagte Kut Alkulub: »Bleibt ihr alle hier, bis ich wiederkehre.« Mit diesen Worten erhob sie sich, ging in ihr Schloß und holte die Kiste, die sie aus Ghanems Hause gerettet hatte, nahm Geld heraus und sagte dem Aufseher. »Nimm dieses Geld und kaufe den Frauen vier Paar Kleider und zwanzig Tücher, und was sie sonst brauchen.« Hierauf führte sie die Frauen mit Ghanem ins Bad, ließ sie bedienen und ihnen gekochtes Fleisch, Galangal und Ninupharwasser reichen, das sie genossen, als sie aus dem Bad kamen und sich angezogen hatten.

Kut Alkulub blieb drei Tage bei ihnen, und gab ihnen gekochtes Fleisch und Hühner zu essen und Zuckerwasser zu trinken. Nach Verfluß von drei Tagen hatten sie sich wieder erholt; sie führte sie abermals ins Bad, vertauschte ihre Kleider mit besseren und ließ sie im Hause des Aufsehers. Sie selbst aber ging ins Schloß und bat den Kalifen, vor ihm erscheinen zu dürfen. Er ließ sie vor, sie aber küßte die Erde vor ihm und erzählte ihm die ganze Geschichte, wie Ghanem mit seiner Mutter und Schwester anwesend seien. Als der Kalif dies hörte, befahl er dem Diener: »Bring sie mir!« Djafar ging zu Ghanem; Kut Alkulub aber war ihm schon vorangeeilt und hatte zu ihm gesagt, daß der Kalif nach ihm verlange. Sie empfahl ihm, recht beredt und vernünftig zu sprechen, und sagte: »Wisse, daß du zu jemanden kommst, der über dein Leben und Gut verfügen kann.« Sie hieß ihn ein vollständig neues Kleid anziehen, und nun kam auch Djafar auf seinem nubischen Maulesel geritten. Ghanem stand auf, ging ihm entgegen und grüßte ihn, und schon war der Stern seines Glücks in hellem Glanz aufgegangen. Er ging dann mit Djafar zum Fürsten der Gläubigen, küßte die Erde vor ihm und sah alle Fürsten, Veziere, Kammerherrn, Adjudanten, Türken, Deilamiten, Araber und Perser; er sprach einige süße, beredete Worte, dann neigte er sein Haupt zur Erde und rezitierte folgende Verse:

»Ich gebe mein Leben hin für den erhabenen König, bei dem schöne und gute Handlungen sich aufeinander folgen. Das Feuer, das für seine Gäste brennt, erinnert an die Hölle und der Tau seiner mildtätigen Hand an die Sündflut. Man kümmert sich hier weder um den Kaiser, noch um einen persischen Großen. Alle Fürsten legen vor der Schwelle seines Palasts beim Gruße die Edelsteine ihrer Kronen nieder, und werfen sie einen Blick auf ihn, so fallen sie aus Ehrfurcht vor ihm auf ihr Gesicht! Alle Wüsten sind für deine Truppen zu eng, und du schlägst deine Zelte hinter Saturn auf. Möge der König aller Könige dich in deiner Macht erhalten! denn dein Herz ist stark und deine Regierung gut; durch dich wird Gerechtigkeit in allen Ländern verbreitet, gleichviel, ob sie dir nahe oder ferne liegen.«

Der Kalif bewunderte seine Beredsamkeit und liebliche Sprache, hieß ihn näher treten und sprach zu ihm: »Erzähle deine Geschichte!« Er erzählte ihm, was ihm in Bagdad widerfahren, wie er auf dem Grabmal geschlafen und die Kiste genommen, nachdem die Sklaven weggegangen waren, und alles, was ihm von Anfang bis zum Ende zugestoßen. Als der Kalif merkte, daß er aufrichtig war, machte er ihm Ehrengeschenke, behielt ihn in seiner Nähe und sagte ihm: »Verzeihe mir meine Schuld!« Er verzieh es ihm und sagte: »Gehört nicht der Sklave mit allem, was er besitzt, seinem Herrn?« Der Kalif freute sich darüber, machte ihm viele Geschenke, setzte ihm viele Einkünfte fest und räumte ihm ein eigenes Schloß ein, wohin er mit seiner Mutter und Schwester Fitnah (bedeutet Verführung) sich begab. Als der Kalif hörte, daß diese durch ihre Schönheit eine wahre Verführung sei, hielt er um sie bei Ghanem an, der ihm zur Antwort gab: »Sie ist ja deine Sklavin und ich bin dein Sklave.« Der Kalif dankte und gab ihm hunderttausend Dinare, ließ den Kadi kommen und die Zeugen, und man schrieb an einem Tag den Ehevertrag zwischen Ghanem und Kut Alkulub, und zwischen dem Kalifen und Fitnah, und ihre Vermählung wurde an demselben Tage gefeiert. Des Morgens ließ der Kalif die ganze Geschichte Ghanems niederschreiben und in der Schatzkammer aufbewahren, damit auch seine Nachfolger sie lesen.

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