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Tausend und eine Nacht, Zweiter Band

Gustav Weil: Tausend und eine Nacht, Zweiter Band - Kapitel 23
Quellenangabe
typefairy
authorGustav Weil
translatorGustav Weil
year1984
titleTausend und eine Nacht, Zweiter Band
firstpub1838
isbn3-86070-308-0
senderhille@abc.de
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Geschichte Niamahs und Nuams.

Man erzählt (doch nur Gott weiß alles!): Einst lebte in Kufa ein sehr reicher und angesehener Mann, mit Namen Rabia, der Sohn Chaterns, welchem Gott ein Söhnchen geschenkt hatte, das er Niamah nannte. Als er eines Tages auf dem Sklavenmarkte bei einem seiner Freunde saß, wurde eine Frau mit einem kleinen wunderhübschen Töchterchen zum Verkauf ausgerufen. Rabia fragte: »Wie teuer beide? Und als man ihm antwortet: »Fünfzig Dinare«, sagte er dem Makler: »Hier ist das Geld, schreibe den Kaufkontrakt.« Er gab ihm dann auch sein Maklergeld, führte die Frau und ihr Töchterchen in sein Haus und sagte einer seiner Cousinen, welche ihn fragte, was er mit dieser alten Sklavin wollte, er habe sie nur der Kleinen willen gekauft, welche gewiß einst alle Töchter Arabiens und Persiens an Schönheit übertreffen würde. Da sagte sie: »Du hast wohl getan.« Sie fragte dann die Frau nach ihrem und ihres Töchterchens Namen, und sie antwortete: »Ich heiße Taufik und mein Töchterchen heißt Saad.« Jene versetzte: »Du hast wahr gesprochen, denn du bist beglückt durch sie.« Sie fragte dann ihren Vetter, wie er sie nennen wolle. Rabia antwortete: »Wie du willst.« Da sagte sie: »So nenne sie Nuam.« Rabia willigte ein und ließ dann Nuam und Niamah wie Bruder und Schwester beisammen leben, bis sie beide ein Alter von zehn Jahren erreicht hatten. Dann ging Rabia zu seinem Sohne Niamah und sagte ihm: »Mein Sohn, Nuam ist nicht deine Schwester, sondern deine Sklavin, die ich auf deinen Namen getauft, als du noch in der Wiege lagst; drum nenne sie von heute an nicht mehr deine Schwester.« Niamah sagte: »Wenn dem so ist, so will ich sie einst heiraten.« Nach einiger Zeit ging er zu seiner Mutter und erklärte ihr seinen Wunsch, Nuam zu heiraten. Die Mutter sagte: »Sie ist deine Sklavin.« Er heiratete sie und lebte mehrere Jahre in Liebe zu ihr, denn Nuam war das schönste und angenehmste Mädchen in ganz Kufa; auch war sie belesen, spielte allerlei Instrumente und hatte eine schöne Stimme; kurz, sie übertraf in allem ihre Zeitgenossen. Eines Tages, als Niamah mit ihrem Gatten beim Weine saß, ergriff sie die Laute und sang voller Liebe:

»So lange du mein Herr bist, dessen Huld mich beglückt und mein Schwert, das mich gegen jeden Unfall schützt, liebe ich niemanden als dich und bedarf keines andern, wenn ich auch noch so hart bedrängt werde.«

Niamah war entzückt über diese Verse und sagte: »O Nuam, bei meinem Leben, singe noch mehr!« Sie sang noch folgende Verse:

»Bei dem Leben dessen, der mein Herz besitzt, ich werde meinen Neidern und Tadlern zum Trotze nur dir gehorchen, ich werde jeder Ruhe und jeder Freude entsagen, und dir in meinem Inneren ein Grab graben.«

Niamah sagte: »Dein Gesang ist göttlich.« Während sie aber ganz selig beisammen saßen, ging der Statthalter Hadjadj im Schlosse damit um, sich Nuams zu bemächtigen, um sie Abdul Melik, dem Sohne Merwans, dem Fürsten der Gläubigen zu schicken; »denn«, sagte er, »der Kalif hat kein schöneres Mädchen in seinem Schlosse und keines, das besser singt.« Er ließ daher seine alte Haushälterin rufen und sagte ihr: »Geh in die Wohnung Rabias und suche ein Mittel, seiner Sklavin habhaft zu werden, denn es gibt auf dem ganzen Erdboden keine ihresgleichen.« Die Alte gehorchte Hadjadj, zog ein wollenes Kleid an und warf einen Rosenkranz von Perlen und Edelsteinen um den Hals.

Sie nahm dann einen Stock in die Hand und einen Wasserschlauch aus Jemen und ging zur Mittagsstunde, immer: »Preis sei Gott! Lob sei Gott! Gott ist groß!« vor sich her murmelnd, vor die Wohnung Niamahs und klopfte an die Tür. Als der Pförtner öffnete und sie fragte, was sie wolle, sagte sie: »Ich bin ein armes, frommes Weib; da jetzt Mittag ist, so wünschte ich in diesem gesegneten Hause zu beten.« Der Pförtner sagte: »Hier ist kein Betort und keine Moschee, hier ist das Haus Niamahs.« Sie versetzte aber: »Ich weiß wohl, daß hier Niamahs Haus ist, öffne nur, ich bin die Haushälterin aus dem Schlosse des Fürsten der Gläubigen.« Der Pförtner wollte sie noch immer nicht hereinlassen, aber die Alte ließ ihn nicht los und sagte: »Eine Frau wie ich, die in allen Häusern der Fürsten und Großen Zutritt hat, soll nicht zu Niamah dürfen?« Niamah, der dies hörte, kam heraus, lachte den Pförtner aus und führte die Alte ins Haus zu Nuam. Die Alte grüßte sehr freundlich und war erstaunt über Nuams Schönheit und sagte: »Gott beschütze dich, der ein so schönes und liebenswürdiges Paar, wie du und dein Gatte, vereint hat.« Sie ging dann in eine Nische, hörte den ganzen Tag nicht auf zu knien und zu beten. Als die Nacht hereinbrach, sagte ihr Nuam: »Nun, Mutter, ruhe deine Füße ein wenig aus.« Die Alte sagte: »O meine Herrin, wer nach jener Welt strebt, muß sich in dieser abmühen; wer hier sich keine Mühe gibt, wird die Ruheplätze jener Welt nicht genießen.« Nuam unterhielt sich dann eine Weile mit der Alten, dann sagte sie zu ihrem Gatten: »O mein Herr, beschwöre diese Alte, einige Zeit bei uns zu wohnen, denn ihr Gesicht deutet auf Frömmigkeit.« - »Nun«, erwiderte Niamah, »so räume ihr ein Gemach ein, in dem sie niemand stört, vielleicht wird uns Gott durch sie segnen und uns nie trennen.« Am folgenden Tage ging die Alte, welche die Nacht betend zugebracht hatte, zu Nuam und Niamah, wünschte ihnen guten Morgen und sagte: »Ich empfehle euch Gott.« Da sagte ihr Nuam: »Wo willst du hin? Mein Mann hat gesagt, ich soll dir ein Zimmer einräumen, wo du allein beten kannst.« - »Gott erhalte ihn«, rief die Alte, »und bewahre euch auf immer seine Huld! Gebt nur eurem Pförtner Befehl, daß er mir nie den Eingang versperre; so Gott will, werde ich nun andere gesegnete Häuser besuchen und überall für euch beten.« Als sie das Haus darauf verließ, weinte Nuam wegen der Trennung, denn sie wußte nicht, weshalb sie gekommen. Die Alte aber begab sich wieder zu Hadjadj, und als dieser sie fragte, wie es gehe, antwortete sie: »Ich habe die Sklavin gesehen, kein Weib hat je so eine Schönheit geboren.« Hadjadj sagte: »Bringst du die Sache zustande, so sollst du reichlich dafür belohnt werden.« Die Alte erbat sich nur eine Frist von einem Monat.

Die Alte besuchte dann oft Niamahs Haus, in welchem man sie immer mehr verehrte und wo sie zu jeder Stunde allen Hausleuten willkommen war. Eines Tages, als sie allein mit Nuam war, sagte sie ihr: »O meine Herrin! Zwar bete ich für dich an jeder heiligen Stätte; es wäre mir aber lieb, wenn du mich einmal zu den Scheichs und frommen Frauen begleiten wolltest, daß auch sie um die Erfüllung deiner Wünsche den Himmel anflehen.« Nuam sagte: »Bei Gott, ich wünsche sehr, einmal mit dir zu gehen.« Sie begab sich hierauf zu ihrer Schwiegermutter und bat sie, sie möchte bei Niamah die Erlaubnis erwirken, mit der Alten und mit ihr auszugehen, um auf den heiligen Stätten mit den Derwischen zu beten. Niamahs Mutter sagte: »Bei Gott! Ich möchte auch mitgehen.« Am folgenden Tage, als Niamah nicht zu Hause war, kam die Alte wieder und sagte zu Nuam: »Komm jetzt zu den Derwischen, du kannst wieder zu Hause sein, ehe dein Herr zurückkommt.« Niamahs Mutter, welche fürchtete, ihr Sohn möchte es erfahren, wollte sich widersetzen; aber die Alte sagte: »Bei Gott! Ich lasse sie nicht niedersetzen, sie soll sie nur stehend sehen, und wir sind bald wieder hier.« So überlistete sie die Alte und führte Nuam in Hadjadjs Schloß, sperrte sie in ein Gemach und benachrichtigte Hadjadj von ihrer Ankunft. Als Hadjadj sie sah, fand er, daß er noch nie ein schöneres Weib gesehen, denn erst zu spät bedeckte sie ihr Gesicht mit einem Schleier. Hadjadj verließ sie keinen Augenblick, ließ sogleich seinen Kämmerer kommen und befahl ihm, von fünfzig Reitern begleitet, die Sklavin auf einem leichten Dromedar nach Damaskus dem Fürsten der Gläubigen zuzuführen; auch übergab er ihm ein Schreiben, das er dem Kalifen aushändigen sollte.

Der Kämmerer setzte die über die Trennung von ihrem Herrn weinende Sklavin auf ein Dromedar und ritt mit ihr nach Damaskus. Er bat sogleich um Erlaubnis, vor dem Fürsten der Gläubigen zu erscheinen, und als er sie erhielt, überreichte er ihm den Brief Hadjadjs. Als der Kalif den Brief gelesen hatte, fragte er: »Wo ist die Sklavin?« Der Kämmerer antwortete: »Hier ist sie!« und stellte sie dem Kalifen vor, der ihr ein eigenes Gemach einräumen ließ. Der Kalif ging dann zu seiner Gattin und sagte ihr: »Hadjadj hat mir eine Sklavin von den Königstöchtern Kufas für zehntausend Dinare gekauft und mit diesem Schreiben hergeschickt.« Sie antwortete: »Gott vermehre deine Huld!«

Bald danach ging die Schwester des Kalifen zu Nuam und sagte ihr: »Bei Gott! Wer dich in seinem Hause besitzt, ist nicht betrogen und hätte er hunderttausend Dinare für dich gegeben.« Da sagte Nuam: »O du, mit freundlichem Gesichte, wem gehört dieses Schloß? Welcher König wohnt darin?« - »Weißt du nicht, daß es das Schloß meines Bruders, des Fürsten der Gläubigen ist?« - »Nein, bei Gott! Meine Herrin, davon wußte ich nichts.« - »Und hat der Mann, der dich verkauft und das Geld für dich genommen, dir nicht gesagt, daß der Fürst der Gläubigen dich gekauft?« Als Nuam dies hörte, antwortete sie nichts, weinte heftig und dachte: Bei Gott! Die List ist gelungen; wenn ich auch spreche, so wird niemand mir glauben, vielleicht ist Gottes Hilfe nahe.« Sie setzte sich dann, ermüdet von der Reise und von der Sonne verbrannt, auf ein Sofa und die Schwester des Kalifen verließ sie.

Am folgenden Morgen besuchte sie sie wieder und brachte ihr Kleider und einen Schmuck von Edelsteinen. Als bald darauf der Kalif kam und sich neben Nuam setzte, sagte ihm seine Schwester: »Betrachte einmal dieses Mädchen! Gott hat ihr die vollkommenste Schönheit und Anmut geschenkt.« Nuam bedeckte aber ihr Gesicht mit den Händen, obschon der Kalif es zu sehen wünschte. Dieser sagte zu seiner Schwester: »Ich will sie noch drei Tage verschonen, damit sie sich indessen mit dir befreunde.« Als hierauf der Kalif und seine Schwester sich entfernten, dachte Nuam über ihre Lage nach und über ihre Trennung von ihrem Gatten; sie aß und trank nicht und wurde bald fieberkrank und ganz entstellt. Als der Kalif dies hörte, war er sehr betrübt; er schickte ihr die erfahrensten Ärzte, aber niemand konnte sie heilen. - Was aber ihren Herrn Niamah angeht, so hatte sich dieser, als er nach Hause kam, auf sein Bett gesetzt und Nuam gerufen. Als sie nicht antwortete, stand er auf und rief seine Leute, aber niemand kam, denn alle Sklavinnen hatten sich aus Furcht verborgen. Er ging dann zu seiner Mutter, welche ruhig in ihrem Zimmer saß, und fragte sie: »Wo ist Nuam?« Sie antwortete: »Mein Sohn, sie ist bei jemanden, wo sie sicherer ist, als bei mir; sie ist mit der frommen Alten gegangen, um die Derwische zu besuchen: Sie wird bald wiederkehren.« Niamah sagte: »Pflegte sie je so etwas zu tun? Wann ist sie ausgegangen?« - »Diesen Morgen.« - »Wie konntest du ihr dies erlauben?« - »Mein Sohn, sie hat es so gewollt.« Da rief Niamah: »Es gibt keinen Schutz und keine Macht außer bei Gott, dem Erhabenen.« Er ging dann zum Polizeiobersten und sagte ihm: »Du hast mir durch List meine Sklavin aus meinem Hause entführen lassen, ich gehe und beklage mich beim Fürsten der Gläubigen.« Da fragte der Polizeioberste: »Wer hat sie genommen?« Niamah antwortete: »Eine alte Frau, die ein wollenes Kleid und einen Rosenkranz trägt.« - »Führe mich zur Alten und ich schaffe dir deine Sklavin wieder.« - »Aber ich kenne die Alte nicht.« - »Und wie soll ich das Verborgene kennen, das nur vor Gott offen liegt?« So sprach der Polizeioberste, der wohl wußte, daß Hadjadjs Haushälterin die Sklavin entführt hatte. Da sagte Niamah: »Ich fordere meine Sklavin von dir, und Hadjadj soll zwischen uns richten.«

Er ging sogleich ins Schloß zu Hadjadj, dessen Kämmerer ihn alsbald meldete, denn sein Vater war einer der Angesehensten in Kufa, und als Hadjadj ihn fragte, was er wolle, erzählte er ihm seine Geschichte. Hadjadj ließ den Polizeiobersten kommen und sagte ihm: »Ich fordere von dir Niamahs Sklavin: Setze dich zu Pferd und frage der Sklavin auf allen Wegen nach.«

Hadjadj wendete sich dann zu Niamah und sagte ihm: »Wenn du deine Sklavin nicht wieder findest, so schenke ich dir zehn Sklavinnen aus meinem Schlosse und zehn aus dem Hause des Polizeiobersten; geh jetzt und suche die Sklavin auf.« Niamah ging bestürzt weg, verzweifelte am Leben und brachte die ganze Nacht weinend auf der Straße zu. Am folgenden Morgen kam sein Vater zu ihm und sagte ihm: »Hadjadj hat sich durch List deiner Sklavin bemächtigt, es kann dir schwerlich mehr geholfen werden. « Dies vermehrte noch Niamahs Gram; er wußte nicht mehr, was er sagte, erkannte niemanden mehr und wurde so krank, daß sein Vater an seinem Leben verzweifelte, denn die Ärzte erklärten: »Es gebe für ihn kein anderes Mittel, als seine Sklavin.« Eines Tages hörte Rabia von einem persischen Wundarzte und Sterndeuter sprechen, er ließ ihn rufen und bat ihn, seinen Sohn zu untersuchen. Der Perser ergriff Niamahs Hand und sah ihm ins Gesicht, lachte und sagte zu seinem Vater: »Dein Sohn ist nur herzenskrank.« Er erwiderte: »Du hast recht«, und erzählte ihm die ganze Geschichte. Da sagte der Perser: »Diese Sklavin ist in Baßrah oder Damaskus, und dein Sohn wird nicht genesen, bis er wieder mit ihr vereint wird.« »Wenn du sie vereinen kannst«, sagte Rabia, »so sollst du dein ganzes Leben in Reichtum und Glück zubringen.« Der Perser versetzte: »Die Sache ist nicht so unmöglich.« Er wendete sich dann zu Niamah und sagte: »Fürchte nichts, fasse nur Mut, es soll dir geholfen werden.« Hierauf sagte er zu Rabia: »Gib viertausend Dinare her, dein Sohn soll mit mir nach Damaskus reisen, und bei Gott, ich kehre nicht ohne die Sklavin zurück.« Er wendete sich dann wieder zu Niamah und sagte ihm: »Setze dich aufrecht, im Vertrauen zu dem erhabenen Gott, der dir deine Sklavin wieder geben wird; wir reisen noch heute ab, iß und trink und sei munter, um Kraft zur Reise zu gewinnen.« Der Perser fing dann an, für das Nötige zur Reise zu sorgen, und seine Ausgaben beliefen sich auf zehntausend Dinare, die ihm Niamahs Vater auch noch gab. Er ließ dann Pferde und Kamele kommen; Niamah nahm von seinen Eltern Abschied, und sie reisten zusammen nach Haleb und von da nach Damaskus. Nach drei Tagen mietete der Perser einen Laden und stattete ihn mit kostbaren chinesischen Gefäßen und silbernen Deckeln aus und schmückte das Gesimse mit Gold und kostbaren Stoffen und stellte kristallene Flaschen aus, die allerlei Salben und Getränke enthielten, stellte einen Stuhl mit einem Astrolabium in den Laden und kleidete sich als Arzt. Er zog dann Niamah ein feines leinenes Hemd, zierliche Beinkleider und einen seidenen Schurz an und sagte ihm: »Nenne mich von nun an nicht anders als Vater, und ich nenne dich Sohn.« Alle Bewohner Damasks versammelten sich bald um des Arztes Laden, die einen, um Niamah und die kostbaren Gerätschaften zu sehen, und die andern, um dem Perser ihre Krankheiten zu klagen und Arzneimittel zu kaufen, und da er eines jeden Krankheit erkannte, wurde er auch bald in den vornehmsten Häusern der Stadt bekannt.

Eines Tages saß er in seinem Laden, da kam ein altes Weib auf einem Esel mit einem silbernen Sattel, hielt den Esel vor dem Laden an und winkte dem Arzt, er möge ihr die Hand zum Absteigen reichen. Der Perser reichte ihr die Hand, sie stieg vom Esel ab und sagte: »Bist du der persische Arzt, der von Irak kommt?« - »Ja, der bin ich.« - »Ich habe eine Tochter, für die ich eine Arznei haben möchte. « - »Wie heißt deine Tochter? Ich will ihren Stern beobachten und sehen, zu welcher Zeit die Arznei sie am besten heilt.« - »Meine Tochter heißt Nuam.«

Als der Perser diesen Namen hörte, rechnete er mit den Fingern und sagte dann: »Ich kann ihr nichts verschreiben, bis ich weiß, woher sie ist, weil die Arzneimittel je nach dem Klima wechseln.« - »Meine Tochter«, sagte die Alte, »ist in Kufa in der Provinz Irak aufgewachsen und zählt nun vierzehn Jahre.« - »Und wie lange ist sie schon hier?« - »Wenige Monate erst.« Als Niamah dies hörte, zweifelte er nicht mehr, daß seine Sklavin die Kranke sei, und fiel in Ohnmacht. Jetzt erst bemerkte ihn die Alte und fragte den Perser, ob dieser junge Mann sein Sklave sei. Er antwortete: »Es ist mein Sohn«, und gab ihm die Arzneimittel an, die er für Nuam zusammenbinden sollte. Niamah schrieb schnell auf ein Stückchen Papier:

»Die Sehnsucht nach dem Lande, das du bewohnst, war heftig, meine Seufzer und mein Weheklagen nahmen immer zu!«

steckte das Papier zu den Kräutern, versiegelte es und schrieb darauf: »Ich bin Niamah, der Sohn Rabias aus Kufa«, und übergab es der Alten; diese warf ihm zehn Dinare zu und ging mit den Arzneimitteln ins Schloß, legte sie vor Nuam hin und sagte: »Wisse, meine Gebieterin, es ist ein sehr geschickter persischer Arzt hierhergekommen, dem ich deine Leiden beschrieben habe und der bald deine Krankheit erkannt hat; bei Gott, es gibt in Damaskus keinen besseren Arzt, als er, auch keinen schöneren Mann, als seinen Sohn und keinen hübscheren Laden, als der seinige.« Nuam griff nach den Arzneien, und als sie den Namen ihres Herrn darauf geschrieben sah, wurde sie blaß und dachte: Gewiß hat der Eigentümer des Ladens von mir gehört. Sie sagte dann zur Alten: »Schildere mir einmal den Sohn des Arztes.« - »Er heißt Niamah«, sagte die Alte, »hat ein Mal auf seinen rechten Augenbrauen, ist vollkommen schön und sehr vornehm gekleidet.« Nuam nahm dann die Arzneimittel ein, indem sie lächelnd sagte: »Das ist eine gesegnete Arznei«, und war sehr munter und fröhlich gestimmt. Bald darauf forderte sie zu essen und zu trinken, und die Alte ließ ihr von den Sklavinnen die besten Speisen reichen und sagte: »Das ist ein gesegneter Tag.« In diesem Augenblicke trat der Kalif herein und freute sich sehr, Nuam aufrecht sitzend beim Essen zu finden. Die Alte wünschte ihm Glück zur Genesung Nuams und sagte ihm, daß sie dies einem sehr erfahrenen fremden Arzt verdanke. Der Kalif gab ihr tausend Dinare für ihn und verließ Nuam wieder, und die Alte ging in den Laden des Persers, überreichte ihm die tausend Dinare und sagte ihm, daß sie eine Sklavin des Kalifen wäre, auch übergab sie ihm ein Briefchen, welches Nuam in Eile geschrieben hatte. Der Perser gab den Brief Niamah; dieser öffnete ihn und fand folgende Zeilen darin:

»Von der ihres Glücks beraubten von ihrem Sterne betrogenen und von dem Geliebten ihres Herzens getrennten Sklavin. Dein Brief ist mir zugekommen, und ich antworte darauf: Mögen die Finger, die ihn geschrieben, mir erhalten bleiben, bis sie von den besten Wohlgerüchen tropfen, denn mir war bei dessen Empfang wie der Mutter Moses, als ihr Sohn ihr zurückgebracht wurde, oder wie Jakob, als er Josefs Gewand wiederfand.«

Als Niamah diesen Brief gelesen hatte, stürzten Tränen aus seinen Augen. Da fragte die Alte: »Warum weinst du? Gott lasse deine Augen nie Tränen vergießen!« Der Perser sagte: »Warum soll mein Sohn nicht weinen? Er ist der Herr dieser Sklavin, er ist Niamah, der Sohn Rabias aus Kufa, und nur durch ihn ist sie wieder gesund geworden. Drum, meine Herrin, nimm du die tausend Dinare für dich, du sollst noch viel mehr haben, und blicke uns mit einem Auge des Erbarmens an. Wir erwarten nur von dir ein glückliches Ende in dieser schwierigen Sache.« Sie fragte Niamah: »Bist du ihr Herr?« - »Ja wohl«, antwortete jener. Da sagte sie: »Du sprichst wahr, denn sie denkt stets an dich.« Als Niamah ihr hierauf seine ganze Geschichte von Anfang bis zu Ende erzählte, versprach sie ihm, alles zu seiner Vereinigung mit Nuam aufzubieten. Sie ging dann wieder zu Nuam zurück, sah sie lächelnd an und sagte ihr: »Du hast recht, über deinen Herrn zu weinen und krank zu werden;« Nuam sagte: »Nun ist das Geheimnis aufgedeckt;« aber die Alte versetzte: »Ich werde auf Kosten meines Lebens euch wieder vereinigen. « Sie ging dann wieder zu Niamah und sagte ihm: »Die Sehnsucht deiner Sklavin nach dir ist noch heftiger, als die deinige nach ihr, denn der Kalife will sie sich aneignen. Wenn du ein mutiges Herz hast, so sollst du bald zu ihr gelangen. Ich habe eine List ersonnen, wie ich dich ins Schloß bringe, denn sie kann nicht ausgehen.« Niamah dankte ihr, sie verließ ihn und begab sich wieder zu Nuam und sagte ihr: »Dein Herr vergeht fast vor Liebe zu dir und vor Verlangen, was sagst du dazu?« Nuam antwortete: »Auch ich vergehe fast vor Sehnsucht nach ihm.« Die Alte nahm hierauf einen Bündel mit Frauenkleidern und weiblichen Schmuckgegenständen, ging zu Niamah und sagte ihm: »Laß uns allein in ein Zimmer gehen.« Niamah ging mit ihr in ein Zimmer hinter dem Laden: Hier zog sie ihm Armbänder an, schmückte seine Haare, setzte ihm eine Sternbinde auf, zog ihm ein seidenes Kleid an und was sonst Frauen noch tragen; dann betrachtete sie ihn in dieser Verkleidung und sagte: »Gepriesen sei Gott, der beste aller Schöpfer; bei Allah! du bist schöner als deine Sklavin.« Sie sagte ihm dann: »Geh einmal wie Frauenzimmer, setze den linken Fuß voran, ziehe den rechten langsam nach und bewege deinen Körper ein wenig.« Als Niamah gehörig unterrichtet war, sagte sie ihm: Ach werde morgen Abend kommen und, so Gott will, dich ins Schloß führen, du wirst eine Menge Kämmerer und Diener sehen, verliere nur die Fassung nicht, schüttle mit dem Kopfe, sprich kein Wort, ich will schon mit Gottes Beistand ihre Reden abhalten.«

Am folgenden Morgen holte ihn die Alte ab und führte ihn ins Schloß. Als der Pförtner ihn am Haupttor anhielt, sagte sie: »Verruchter Sklave, was berührst du sie? Es ist Nuams Sklavin, die der Kalif sehen will.« Sie führte ihn dann bis zur Türe, welche ins Innere des Schlosses führt, sagte ihm: »Jetzt, Niamah, stärke dein Herz und sei mutig! Geh zur sechsten Türe hinein, fürchte nichts, es ist die rechte; man wird viel um dich herum im Saale reden, halte dich nirgends auf und sprich kein Wort.« Als aber Niamah weitergehen wollte, hielt ihn eine Wache an und fragte die Alte: »Was ist das für ein Mädchen?« Die Alte antwortete: »Es ist eine Sklavin, die unsere Herrin kaufen will.« Der Diener versetzte aber: »Es darf niemand herein ohne Erlaubnis des Kalifen, geh nur mit ihr zurück.« Da erwiderte die Alte: »Nimm deinen Verstand in den Kopf, alter Graukopf! Wisse, daß der Kalif mit ganzem Herzen an Nuam hängt, die nun wieder hergestellt ist, versage dieser Sklavin den Eingang nicht, damit Nuam nicht böse werde, denn, bei Gott, wenn sie dir zürnt, so steht es in ihrer Macht, dir den Kopf abschneiden zu lassen. Geh nur, Sklavin!« sagte sie dann zu Niamah, »höre ihn nicht an und sage Nuam nicht, daß der Hüter dich nicht hat hereinlassen wollen.« Niamah bedeckte sein Haupt, ging ins Schloß, aber statt zur Rechten einzuschlagen, wendete er sich links, und statt zur sechsten Türe hineinzugehen, öffnete er die siebente Türe. Da kam er in ein Gemach, dessen Boden mit seidenen Teppichen belegt war und dessen Wände seidene, golddurchwirkte Vorhänge verzierten, und in welchem Weihrauchgefäße mit Aloe, Ambra und Moschus umherstanden. Während Niamah, in Gedanken vertieft, sich auf dem Divan niederließ, der am obern Ende des Gemaches stand, und nicht ahnte, was das dunkle Geschick über ihn verhängt, trat die Schwester des Kalifen mit einer Sklavin zu ihm herein und fragte ihn erstaunt: »Wer bist du und was führt dich hierher?« Als Niamah verstummte, fuhr sie fort: »Bist du eine von des Kalifen Sklavinnen und zürnte er dir, so will ich dir seine Huld wieder verschaffen.« Als Niamah noch immer nicht antwortete, sagte sie zu ihrer Sklavin: »Stelle dich vor die Tür und lasse niemanden herein!« Sie näherte sich dann Niamah, dessen Schönheit sie bewunderte, und sagte: »O Mädchen! Sage mir, wer du bist, wie du heißt und was dich hierher geführt, denn ich habe dich noch nie in unserem Schlosse gesehen.« Als aber Niamah auch jetzt noch keine Antwort gab, geriet sie in Zorn, fuhr mit der Hand nach Niamahs Gesicht und wollte ihm seinen Schleier herunterreißen. Da rief Niamah: »Ich bin ein Sklave, kaufe mich und gewähre mir Schutz!« Da sagte sie: »Sei ohne Furcht, sage mir nur, wer du bist und wer dich hierhergebracht.« Da sagte Niamah: »O meine Herrin! Ich bin unter dem Namen Niamah aus Kufa bekannt und habe mich meiner Sklavin Nuam willen, welche durch List mir entrissen wurde, trotz aller Gefahr hierher begeben. « Als sie dies hörte, rief sie ihre Sklavin und befahl ihr, Nuam zu rufen. Zu dieser war vorher die Alte gekommen und hatte sie gefragt, ob Niamah bei ihr wäre und als die Sklavin nichts von ihm wußte, sagte jene: »Gewiß hat er das rechte Zimmer verfehlt und ist in ein anderes gekommen.« Nuam rief: »Dann ist es um uns geschehen.« In diesem Augenblick trat die Sklavin herein und sagte Nuam, sie möchte zur Schwester des Kalifen kommen. Die Alte rief: »Unser Geheimnis ist entdeckt, gewiß ist Niamah in das Zimmer der Schwester des Kalifen gekommen.« Nuam ging zur Schwester des Kalifen, die ihr sagte: »Dein Herr ist bei mir, er scheint das rechte Zimmer verfehlt zu haben, doch fürchtet nichts.« Diese Worte beruhigten Nuam, die dann zu ihrem Herrn hintrat.

Als Niamah seine Sklavin sah, sprang er auf und umarmte sie. Nach einer Weile sagte die Schwester des Kalifen: »Setze dich, Nuam, daß wir überlegen, wie wir glücklich aus unserer Not kommen, denn, bei Gott, es soll euch nichts Böses widerfahren.« Sie hieß dann ihre Sklavin Speisen und Wein bringen und ließ die Becher unter ihnen herumgehen, bis sie allen Kummer vergaßen. Während des Trinkens fragte die Schwester des Kalifen Niamah: »Liebst du Nuam?« Er antwortet: »Die Liebe hat mir die Kraft gegeben, mein Leben für sie zu wagen.« Sie fragte dann Nuam: »Liebst du deinen Herrn?« Sie antwortete: »Nur Liebe zu ihm hat meinen Körper geschwächt und mich ganz entstellt.« Da sagte jene: »Bei Gott, ihr seid ein hübsches Liebespaar, seid nur munter und frohen Mutes!« Nuam ließ sich dann eine Laute bringen, stimmte sie und sang folgende Verse:

»Du rufst aus jedem Herzen die tiefsten Gefühle hervor, Geliebter, dessen Schönheit den leuchtenden Mond beschämt und den heranbrechenden Morgen. Sei mir hold, denn die Liebe beherrscht mich ganz; verlasse mich nicht, du bist ja edel.«

Nuam überreichte dann die Laute ihrem Herrn und bat ihn, auch einige Verse zu singen; worauf er begann:

»Der Mond wäre dir ähnlich, wenn er nicht zuweilen Flecken hätte, die Sonne würde dir gleichen, wenn sie sich nie verfinsterte. O Geliebte, der die Sonne zu dienen bereit ist, aus deinen Augen fahren Blitze, die mir das Gesicht rauben. «

Er trank dann den Becher aus, füllte einen anderen und überreichte ihn der Schwester des Kalifen; sie trank, nahm die Laute, stimmte sie und sang:

»Gram und Schmerz wohnen in meinem Herzen, und eine mächtige Glut tobt in meiner Brust. Vor vielen Leiden wurde ich krank, und mein abgemagerter Körper offenbart meine Leiden.«

Sie füllte dann den Becher wieder, gab ihn Niamah, welcher mit Begleitung der Laute noch folgende Verse sang:

»O Geliebte, der ich mein Herz geschenkt und von der ich es nicht losreißen kann, obgleich sie mich quält, die mein Leben mit sich nahm, als sie von mir schied, sei gnädig ehe ich sterbe, denn mein Tod ist nahe.«

Nachdem sie noch einige Zeit auf diese Weise sich belustigten, erschien der Fürst der Gläubigen; sie standen auf und verbeugten sich vor ihm. Als der Kalif Nuam mit der Laute in der Hand sah, sagte er: »Nun ist der Kummer und der Schmerz verschwunden!« Er bemerkte auch Niamah und fragte seine Schwester, wer sie sei? Sie antwortete: »Es ist eine Sklavin, an die Nuam gewöhnt ist, sie kann nicht essen und nicht trinken, wenn diese Sklavin nicht bei ihr ist.« Sie rezitierte dann folgenden Vers:

»Es sind zwei Gegensätze, die ein schönes Ganzes bilden, die Schönheit des Einen tritt durch die des Anderen hervor.«

Da sagte der Kalif: »Bei Gott, sie gleicht ihr an Schönheit, morgen lasse ich ihr ein Gemach neben dem Nuams einräumen und aus Liebe zu Nuam ihr kostbare Kleider und Teppiche, und was sie sonst bedarf, gehen.« Die Schwester des Kalifen setzte dann ihrem Bruder Speisen vor, er ließ sich neben Nuam nieder, füllte einen Becher und bat sie zu singen. Nuam begann:

»O Krone aller Könige der ganzen Erde, wessen Ruhm gleicht dem deinigen? O Einziger in Edelmut und Freigebigkeit, König aller Könige, der du unermüdlich spendest, ohne Dank zu verlangen, möge der Herr dich allen Feinden zum Trotz in fortdauerndem Sieg und Glück erhalten.«

Der Kalif rief, als er diese Verse gehört hatte: »Bei Gott, schön, Nuam, wie beredt ist deine Zunge!« Nachdem sie nun so bei Wein und Gesang den größten Teil der Nacht zugebracht hatten und in der besten Laune waren, sagte dem Kalifen seine Schwester: »Höre, o Fürst der Gläubigen, eine Erzählung, die ich in Büchern glaubwürdiger Männer gelesen: Man behauptet (doch nur Gott weiß alles), es war in der Stadt Kufa ein junger Mann, welcher Niamah hieß; er hatte eine Sklavin, die er sehr liebte und von der er wieder geliebt wurde, denn sie wurden wie Geschwister zusammen erzogen. Als sie seine Gattin wurde, verfolgte sie das Schicksal mit seinen Unfällen und verhing Trennung über sie; sie wurde aus seinem Hause gestohlen und der Dieb verkaufte sie einem König für zehntausend Dinare. Aber ihr Herr liebte sie so sehr, daß er seine Heimat und seine Familie verließ und ihr nachreiste, bis er Mittel fand, sie wieder zu sehen.«

»Als Niamah mit der größten Gefahr endlich zu seiner Gattin gelangte und kaum neben ihr saß, da trat der König herein und gab ohne Zögern den Befehl, beide umzubringen: Was sagst du, o Fürst der Gläubigen, zu einer solchen Ungerechtigkeit?« - Der Kalif antwortete: »Diese Geschichte ist wunderbar, der König hätte bei aller Macht doch gnädig sein sollen, er hätte bedenken sollen, daß die Liebe alles entschuldigt, auch hätte er nicht vergessen sollen, daß die Schuldigen in seinem Hause waren und nie seiner Strafe entgehen könnten; sodann hätte er ihm ja die Sklavin abkaufen können, darum hat er eine Tat begangen, die einem König nicht ziemt.« Da sagte ihm seine Schwester: »Mein Bruder! Ich beschwöre dich bei dem Herrn des Himmels und der Erde, höre ein Lied von Nuam.« Diese sang dann mit Erlaubnis des Kalifen folgende Verse:

»Das Schicksal war, wie immer, treulos, es macht das Herz krank und sorgenvoll, trennt die Liebenden, daß viele Tränen über die Wangen herabstürzen. Wir waren glücklich und das Glück vereinigte uns oft, nun vergieße ich aber blutige Tränen über meinen Verlust, bei Tag und bei Nacht.«

Der Kalife war entzückt über dieses Lied. Da sagte ihm seine Schwester: »Wer ein Urteil über sich selbst gesprochen hat, der muß es auch vollziehen. Du hast nun über dich selbst geurteilt.« Dann sagte sie zu Niamah und Nuam: »Stehet auf!« Als diese sich erhoben, fuhr sie fort: »O Fürst der Gläubigen! Diese Geschichte ist Nuam widerfahren. Hadjadj hat sie gestohlen und dir geschickt, er hat in seinem Briefe gelogen, als er schrieb, er habe sie für zehntausend Dinare gekauft; und hier steht ihr Herr Niamah vor dir: Ich beschwöre dich nun bei Hamsa und Abbas (den Oheimen des Propheten), vergib ihnen ihre Schuld, vereinige sie wieder, vollbringe dadurch eine verdienstvolle Tat, die dir reichen Lohn bringen wird. Sie sind nun in deiner Macht, haben aber schon von deinen Speisen gegessen und von deinem Weine getrunken; ich bitte dich daher, schenke ihnen das Leben.«

Der Kalif sagte: »Du hast recht, ich habe geurteilt und darf von meinem Spruche nicht abgehen.« Dann sagte er zu Nuam: »Ist dieser Mann dein Herr?« Sie antwortete: »Ja, o Fürst der Gläubigen.« Er fragte dann Niamah: »Wieso hast du ihren Aufenthalt erfahren, und wer hat dir diesen Ort beschrieben?« Er antwortete: »Fürst der Gläubigen, höre meine Worte: Ich schwöre dir bei den reinen Vätern und Ahnen, daß ich dir nichts verheimliche.« Er erzählte ihm dann die ganze Geschichte, was der Arzt für ihn getan, wie ihn die Alte ins Schloß gebracht und er das rechte Zimmer verfehlt habe. Nachdem der Kalif seine Geschichte mit Erstaunen angehört hatte, ließ er den Perser rufen, ernannte ihn zum Schloßintendanten, schenkte ihm ein Ehrenkleid und eine hübsche Sklavin; »denn«, sagte er, »wer so zu raten weiß, muß bei uns bleiben.« Er zeigte sich auch sehr großmütig gegen Niamah und die Alte, behielt sie sieben Tage in Freude und Festlichkeiten bei sich, dann ließ er sie nach Kufa reisen zu Niamahs Eltern, wo sie höchst glücklich beisammen lebten, bis der Zerstörer aller Vereinigungen und Freuden sie heimsuchte.

Schehersad begann nun mit folgenden Worten eine neue Erzählung:

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