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Tausend und eine Nacht, Zweiter Band

Gustav Weil: Tausend und eine Nacht, Zweiter Band - Kapitel 21
Quellenangabe
typefairy
authorGustav Weil
translatorGustav Weil
year1984
titleTausend und eine Nacht, Zweiter Band
firstpub1838
isbn3-86070-308-0
senderhille@abc.de
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Geschichte des Gefangenen, den Gott befreite.

Ein König, der ein hohes Schloß hatte, von welchem man auf das Gefängnis sehen konnte, hörte einst in der Nacht, wie jemand rief: »Allah, dessen Hilfe jedem nahe ist, befreie mich!« Der König geriet in Zorn und dachte, der Dummkopf hofft, daß seine Schuld ihm erlassen werde. Er erkundigte sich nach den Eingekerkerten, und als man ihm sagte, daß in diesem Gefängnis nur Verbrecher, auf denen eine Blutschuld hafte, eingesperrt seien, ließ er den Mann vor sich kommen und sagte ihm: »Du einfältiger Mensch! Wie kannst du bei der Größe deines Verbrechens aus diesem Gefängnis befreit zu werden hoffen?« Er übergab ihn dann seinen Soldaten und befahl ihnen, ihn vor der Stadt aufzuhängen. Als diese ihn in der Nacht zur Stadt hinausführten, wurden sie von bewaffneten Räubern überfallen. Die Soldaten ließen den Verurteilten los, und er floh in einen Wald. Aber bald fiel ein furchtbarer Löwe über ihn her, warf ihn zu Boden, riß dann einen Baum aus der Wurzel und legte ihn auf den Mann und lief fort, um sein Weibchen zu holen. Dessen ungeachtet vertraute der Mann noch auf Gottes Hilfe. Als er die Blätter des Baumes zurückschob, sah er sehr viele Gebeine von Menschen, die der Löwe zerrissen hatte. Er sah auch einen Haufen Gold auf der Erde liegen, den er zu sich steckte. Nach und nach gelang es ihm, unter dem Baume hervorzukriechen und aus dem Walde zu entfliehen. Er drehte sich, aus Furcht vor dem Löwen, weder rechts noch links, bis er vor ein Städtchen kam, da legte er sich ermattet nieder und ruhte aus bis Tagesanbruch, dann vergrub er sein Gold, ging ins Städtchen und lebte dort mit Gottes Hilfe von dem Golde, das er später holte.

Als der Jüngling diese Erzählung vollendet hatte, sagte der König: »Wie lange willst du uns mit deinen Reden betören, jetzt ist die Zeit da, wo du gehängt werden sollst.« Aber im Augenblick, wo man ihn auf Befehl des Königs hängen wollte, kam der Räuberhauptmann an, der den Jungen erzogen hatte. Als er das Zusammenlaufen des Volks sah, fragte er nach der Ursache, und man sagte ihm: »Der König läßt einen jungen Verbrecher hinrichten.« Der Räuberhauptmann, der auch den Jüngling sehen wollte, erkannte ihn wieder, umarmte ihn und küßte ihn auf den Mund und sagte: »Diesen Jüngling habe ich als Kind unter dem Berge N. N., in ein seidenes Kleid gehüllt, gefunden und habe ihn zu mir genommen. Als wir aber eines Tages eine Karawane angriffen, die uns in die Flucht trieb und manche der Unsrigen verwundete, wurde er gefangen genommen, seit damals suche ich ihn überall und konnte nichts mehr von ihm hören.« Als der König dies hörte und überzeugt war, daß dieser Jüngling sein Sohn, stieß er ein lautes Geschrei aus, fiel über den Jüngling her, umarmte und küßte ihn und sagte weinend: »Ich wollte meinen eigenen Sohn umbringen und wäre dann vor Reue darüber gestorben.« Er entfesselte dann den Prinzen, nahm die Krone von seinem Haupte und setzte sie ihm auf. Die Neuigkeit wurde mit Trommeln und Trompeten bekannt gemacht, die Stadt wurde geschmückt, und es war ein so freudiges Lärmen an diesem Tage, daß die Vögel sich kaum in der Luft halten konnten. Auch seine Mutter kam herbei, als sie von dem Vorgefallenen Kunde erhielt und umarmte ihren Sohn, und die Truppen und das ganze Volk zog mit ihm nach dem Palast. Der König schenkte dann allen Gefangenen Freiheit und ließ sieben Tage als Festtage feiern. Am achten Tage setzte er seinen Sohn neben sich und ließ alle seine Freunde und die Obern der Stadt und die Veziere herbeirufen, welche vor Scham und Furcht dem Tode nahe waren. Diesen sagte der Prinz: »Seht ihr, schlechte Veziere, nun Gottes Werk? Seht ihr, daß seine Hilfe nahe war!« Als die Veziere verstummten, sagte der König: »Ich sehe, daß sich heute alles freut, sogar die Vögel in der Luft, nur ihr seid niedergeschlagen; das ist schon ein Beweis von Groll gegen mich. Hätte ich euch Gehör geschenkt, so müßte ich jetzt vor Verzweiflung und Reue sterben.« Der Prinz sagte hierauf zu seinem Vater: »Ohne deine ruhige Überlegung und deine gute Meinung von den Menschen wäre dir dieses hohe Glück nicht zuteil geworden, lange Trauer und Reue hätten sich vielmehr angehäuft, die dem sich Übereilenden nie entgehen.«

Der König ließ dann den Räuberhauptmann kommen, machte ihm viele Geschenke und sagte: »Wer den König liebt, der beschenke diesen Mann;« worauf er von allen so reichlich beschenkt wurde, bis er nichts mehr annehmen konnte; auch erhielt er die Polizeipräfektur der Stadt, in welcher er wohnte. Bald nachher ließ der König neun Galgen neben dem schon errichteten aufstellen und sagte zu seinem Sohne: »Du warst unschuldig, diese schlimmen Veziere haben dich bei mir verleumdet.« Der Prinz versetzte: »Mein Verbrechen bestand in meiner Treue gegen dich; weil ich ihre Hände aus deinen Schätzen vertrieb, beneideten sie mich und wünschten meinen Tod.« »Darum sei auch jetzt ihre Strafe nahe«, sagte der König; »denn ihr Verbrechen ist zu groß; um dich zu vernichten, scheuten sie nicht, meine Ehre bei allen Königen zu schänden.« Er wandte sich dann zu den Vezieren und sagte ihnen: »Wehe euch! Womit könnt ihr euch entschuldigen?« Da erwiderten sie: »O König! Es bleibt uns keine Entschuldigung. Wir waren dem Jungen nicht gut und wollten sein Unglück, aber es traf uns selbst; wir gruben ihm eine Grube und fielen selbst hinein.« Hierauf erteilte der König den Befehl, sie zu hängen: »Denn«, sagte er, »Gott ist gerecht und sein Urteil ist wahr.« Der König lebte dann mit seiner Gattin und seinem Sohne in Lust und Freude, bis der Zerstörer aller Erdenfreuden auch sie erreichte. Gepriesen sei Allah, der allein Unsterbliche, dem allein Ruhm gebührt, und sein Erbarmen sei mit uns bis in die Ewigkeit. Amen.

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