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Tausend und eine Nacht, Zweiter Band

Gustav Weil: Tausend und eine Nacht, Zweiter Band - Kapitel 18
Quellenangabe
typefairy
authorGustav Weil
translatorGustav Weil
year1984
titleTausend und eine Nacht, Zweiter Band
firstpub1838
isbn3-86070-308-0
senderhille@abc.de
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Geschichte Ilan Schahs und Abu Tamams.

»O König, einst lebte ein reicher, tugendhafter und verständiger Mann in einem Lande, das ein böser, gewalttätiger König beherrschte. Dieser Mann, welcher Abu Tamam hieß, hatte so viel von der Grausamkeit des Königs zu leiden, daß er endlich den Entschluß faßte, seine Heimat zu verlassen und sich unter den Schutz eines gerechten Regenten zu begeben.

Abu Tamam wählte zu seinem Aufenthaltsorte die Residenz Ilan Schahs, ließ sich dort ein Schloß bauen und all sein Gold dahin bringen. Als der König JIan Schah von ihm hörte, ließ er ihn zu sich laden und sagte ihm: »Ich habe vernommen, daß du dich bei uns niederzulassen wünschest, auch hat man mir deinen Verstand, deine Tugend und Freigebigkeit gerühmt; drum sei willkommen, betrachte dieses Land als das deinige, alles, was du bedarfst, steht zu deinen Befehlen, ich bitte dich nur, in meiner Nähe zu leben und in meinem Rate zu sitzen.« Abu Tamam verbeugte sich vor dem König und sagte: »O König, ich werde dir mit meinem Gut und mit meinem Leben dienen; doch erlaube mir, nicht in deiner Nähe zu leben, denn ich fürchte, der Neid wird mir Feinde zuziehen. « Abu Tamam beschenkte hierauf den König und war voller Ehrerbietung gegen ihn, und der König entdeckte bald so viele Tugenden an ihm, daß er ihn sehr lieb gewann, und ihm bald die wichtigsten Regierungsangelegenheiten anvertraute. Die drei Veziere, die bisher alles in Händen hatten und Tag und Nacht beim König waren, zogen sich zurück, und Abu Tamam allein genügte dem König.

Aber die Veziere sagten zueinander: »Was beginnen wir jetzt, da der König sich ganz Abu Tamam hingibt und uns beiseite setzt? Laßt uns beraten, wie wir diesen Fremdling am sichersten aus der Nähe des Königs verbannen.« Jeder machte einen Vorschlag; da sagte einer: »Der König der Türken hat eine Tochter, deren Schönheit weltberühmt ist; wer aber um sie anhält, der wird von ihrem Vater umgebracht. Da nun unser König dieses nicht weiß, so wollen wir zu ihm gehen und ihm so viel von dieser Prinzessin erzählen, bis er für sie eingenommen wird; dann raten wir ihm, Abu Tamam als Gesandten zu ihrem Vater zu schicken; dieser wird Abu Tamam töten lassen, und so schaffen wir uns Ruhe vor ihm.«

Die Veziere gingen eines Tages zum König, als Abu Tamam bei ihm war, und erzählten ihm so viel Schönes von der Prinzessin, daß er sie lieb gewann und sagte: »Wir wollen jemand zu ihrem Vater schicken, der um sie anhalte; wer soll unser Gesandter sein?« Die Veziere antworteten: »Niemand eignet sich besser zu dieser Unterhandlung, als der kluge und gebildete Abu Tamam.« Der König sagte: »Ihr habt recht, Abu Tamam paßt am besten dafür.« Er wandte sich dann zu diesem und fragte ihn, ob er um die türkische Prinzessin für ihn anhalten wolle? Und als er sich dazu bereit erklärte, ließ der König alles, was zur Reise notwendig war, herrichten, und gab ihm viele Geschenke und ein Schreiben an den König von Turkistan mit. Abu Tamam erreichte glücklich die Hauptstadt Turkistans, und sobald der König von Turkistan seine Ankunft vernahm, schickte er ihm einen Diener entgegen, wies ihm eine ehrenvolle Wohnung an, in welcher man ihn drei Tage lang bewirtete. Am vierten Tage ließ der König Abu Tamam zu sich rufen. Abu Tamam verbeugte sich ehrfurchtsvoll und überreichte dem König die Geschenke und den Brief Ilan Schahs. Als der König den Brief gelesen hatte, sagte er: »Wir wollen sehen; geh einmal zu meiner Tochter und unterhalte dich mit ihr.« Die Prinzessin, die schon vorher von Abu Tamams Besuch unterrichtet war, hatte ihren Saal mit den schönsten goldenen und silbernen Gefäßen ausgeschmückt, sich auf einen goldenen Thron gesetzt und den schönsten königlichen Schmuck angezogen.

Als Abu Tamam in ihr Zimmer trat, dachte er bei sich selbst: die Weisen haben gesagt: Wer seinen Blick niederschlägt, den trifft nichts Böses; wer seine Hand zurückzieht, dem wird sie nicht abgenommen; und wer seine Zunge bewahrt, hat nichts Schlimmes zu befürchten. Er blieb daher ruhig auf dem Boden sitzen und hob kein Auge auf. Da sagte die Prinzessin: »O Abu Tamam, hebe doch deinen Kopf in die Höhe, sieh mich an und sprich mit mir!« Er sprach aber kein Wort und hob seinen Kopf nicht auf. Sie sagte dann: »Hat man dich nicht hierher gesandt, um mich zu sehen und mit mir zu sprechen?« Aber Tamam gab keinen Laut von sich. Sie sagte ihm dann: »Greife nach diesen Perlen und Edelsteinen, nach diesem Gold und Silber, das um dich herliegt!« Aber Abu Tamam rührte seine Hand nicht. Als die Prinzessin dies sah, sagte sie: »Man hat mir einen blinden, tauben, einfältigen Gesandten geschickt.« Sie entließ Abu Tamam und meldete es ihrem Vater. Dieser ließ Abu Tamam wieder zu sich rufen und sagte ihm: »Warum hast du meine Tochter nicht angesehen, da du doch nur um ihretwillen gekommen bist?« Er antwortete: »Ich habe sie zur Genüge gesehen.« Der König fragte dann wieder: »Warum hast du nichts von den Edelsteinen und anderen Kostbarkeiten genommen, die du gesehen?« Er antwortete: »Es ziemt mir nicht, nach Dingen zu greifen, die nicht mir gehören.« Als der König dies hörte, gewann er ihn sehr lieb, schenkte ihm ein kostbares Kleid und sagte ihm: »Komm und sieh einmal in diesen Brunnen.« Abu Tamam sah einen Brunnen ganz voll mit Menschenköpfen. Da sagte ihm der König: »Das sind die Köpfe der Gesandten, die ich, weil sie keine Bildung besaßen, umbringen ließ: Ich dachte, wenn der Gesandte so ungebildet ist, so muß der, welcher ihn sendet, noch ungebildeter sein, denn der Gesandte ist gleichsam die Zunge dessen, der ihn absendet, und gleicht ihm an Bildung, und den mag ich nicht als Schwiegersohn. Du aber hast durch deine Bescheidenheit unser Herz gewonnen, darum soll auch dein Herr meine Tochter haben.«

Abu Tamam erhielt vom König der Türken viele Geschenke und ein Schreiben an Ilan Schah, in welchem er ihm die Hand der Prinzessin aus Rücksicht für ihn und seinen Gesandten zusagte. Ilan Schah war außer sich vor Freude, als Abu Tamam zurückkehrte und ihm die Geschenke und den Brief des Königs der Türken überreichte, denen er bald seine schöne Prinzessin nachfolgen ließ. Diese fand Ilan Schah über alle Erwartung reizend, und er achtete und liebte Abu Tamam noch mehr als früher. Dies vermehrte aber den Neid und den Zorn der Veziere, die untereinander sagten: »Wenn wir nicht eine andere List gegen Abu Tamam ersinnen, so sterben wir vor Ärger.« Nach einer langen Beratung gingen sie zu zwei Jungen, die, immer um den König waren und während seines Schlafes ihm zu Häupten standen, schenkten jedem von ihnen tausend Dinare und sagten: »Nehmet dieses Geld für euch und leistet uns einen Dienst dafür.« Die Jungen fragten: »Was ist euer Begehren?« - »Dieser Abu Tamam«, antworteten die Veziere, »hat uns von unserm Amte verdrängt, und geht das noch lange so fort, wird er uns ganz aus der Nähe des Königs verstoßen. Wir wünschen daher, daß, wenn der König sich niederlegt, einer von euch dem anderen sage: Der König hat sich Abu Tamam ganz hingegeben, und der Verdammte meint es doch schlecht mit ihm. Der andere frage dann: Und worin besteht seine Schlechtigkeit? Darauf erwidere der erste: Er schändet die Ehre des Königs, indem er überall erzählt, der König von Turkistan habe alle Gesandten, die bei ihm um seine Tochter anhielten, umbringen lassen, und nur ihm das Leben geschenkt, weil seine Tochter ihn liebte, und darum habe sie auch eingewilligt, dem König Ilan Schah ihre Hand zu geben. Der eine frage dann wieder: Weißt du das gewiß? Und der andere antworte: Bei Gott, das ist jedem bekannt, nur fürchtet man sich, dem König so etwas zu sagen: Weißt du nicht, daß, so oft der König auf die Jagd geht oder eine Reise macht, Abu Tamam die Königin besucht und allein bei ihr bleibt?« Die Jungen versprachen den Vezieren ihren Beistand, und eines Nachts, als der König sich zur Ruhe begab, aber noch nicht eingeschlafen war, sagten sie, was die Veziere sie gelehrt hatten. Der König dachte, als er ihr Gespräch hörte: Diese Knaben haben gewiß keine schlimme Absicht; wenn sie das nicht von jemanden gehört hätten, so würden sie es nicht sagen. Er geriet daher in so heftigen Zorn, daß er gleich am folgenden Morgen Abu Tamam rufen ließ und ihm, als er allein bei ihm war, sagte: »Was verdient ein Mann, der die Ehre seines Herrn schändet?« Abu Tamam antwortete: »Der verdient, daß auch die seinige nicht geschont werde.« Dann fragte der König wieder: »Und was verdient der, welcher in den Palast des Königs kommt und treulos gegen ihn handelt?« Abu Tamam antwortete: »Er verdient nicht, länger zu leben.«

Der König spie Abu Tamam ins Gesicht und sagte: »Du hast beides getan«, stieß ihm einen Dolch in den Leib und ließ ihn in einen Brunnen werfen, der im königlichen Palast war. Nachdem er ihn aber getötet hatte, fühlte er schwere Reue, wurde sehr traurig und mißvergnügt, und wenn ihn jemand nach der Ursache seiner Verstimmung fragte, schwieg er, und aus Liebe zu seiner Gattin sagte er auch ihr den wahren Grund nicht. Die Veziere aber freuten sich sehr über den Tod Abu Tamams und dachten wohl, daß des Königs Trauer aus seiner Reue entspringe. Der König belauschte nun häufig in der Nacht seine Jungen, um zu hören, was sie ferner von seiner Gattin sagen würden. Als er eines Nachts heimlich vor der Türe ihres Zimmers stand, da sah er, wie sie viel Gold vor sich hinlegten, damit spielten, und einer von ihnen sagte: »Wehe uns, was nutzt uns dieses Gold? Wir verraten uns doch, wenn wir etwas dafür kaufen, es hat uns nur zu einem Verbrechen geführt, denn wir sind die Mörder Abu Tamams.« Darauf versetzte der andere: »Hätten wir gewußt, daß ihn der König so schnell umbringen lassen würde, so wäre keine solche Anklage unsern Lippen entschlüpft.«

Als der König dies hörte, verlor er seine Fassung, stürzte auf sie los und sagte: »Wehe euch, was habt ihr getan? Erzählt mir!« Sie riefen: »O König, Gnade!« Der König sagte: »Gott und ich, wir begnadigen euch, wenn ihr mir die Wahrheit gesteht.« Da verbeugten sie sich vor ihm und sagten: »Bei Gott, o König, die Veziere haben uns dieses Geld gegeben und uns gebeten, wir möchten Abu Tamam verleumden, damit du ihn tötest; alles, was wir gesagt haben, ist uns von den Vezieren eingegeben worden.« Als der König dies hörte, riß er sich fast den Bart aus und biß sich fast die Finger ab, aus Reue über seine Übereilung.

Ilan Schah ließ dann die Veziere kommen und sagte ihnen: »Ihr gottlosen Veziere! Glaubtet ihr, Gott wurde eure Schandtat nicht sehen? Nun soll das Unglück euch treffen. Wißt ihr nicht, daß, wer seinem Nächsten eine Grube gräbt, selbst hineinstürzt? Ihr sollt von mir die Strafe dieser Welt erhalten, und morgen wird euch Gott noch in jener Welt verdammen.« Er ließ ihnen dann vor seinen Augen den Kopf abschlagen, ging zu seiner Gattin und klagte sich selbst des Unrechts an, das er gegen Abu Tamam begangen. Die Königin und der ganze Hof trauerten um Abu Tamam, den der König aus dem Brunnen holen und dem er im Palast ein Grabmal errichten ließ.

»Du siehst, o glückseliger König«, sagte der Jüngling, »was Neid und Bosheit vermag, und wie Gott die List der Veziere zu ihrem eigenen Unheil enden ließ; ich hoffe, daß Gott mir auch über die, welche mein Ansehen beim König beneiden, den Sieg verschaffen und dem König die Wahrheit offenbaren wird. Ich fürchte gar nicht für mein Leben, sondern nur für die Reue des Königs, wenn er sich von meiner Unschuld zu spät überzeugt haben wird, ich würde schweigen, wenn ich mir einer Schuld bewußt wäre.« Diese Worte machten einen tiefen Eindruck auf den König; er beugte den Kopf eine Weile zur Erde und ließ den Jüngling wieder ins Gefängnis zurückführen.

Am neunten Tage sagten die Veziere zueinander: »Der Jüngling macht uns viel zu schaffen, sooft der König ihn umbringen lassen will, bezwingt er ihn mit einer Erzählung; was fangen wir an, um ihn endlich einmal aus dem Wege zu räumen?« Endlich kamen sie überein, sie wollten sich an die Königin wenden. Sie gingen zu ihr und sagten: »Du weißt nicht, in welcher Lage du bist, dein Einschließen nützt dir nichts; der König ißt und trinkt, und geht, wie immer, seinem Vergnügen nach und vergißt ganz, daß die Leute deine Liebe zu diesem Jünglinge in Liedern mit Musikbegleitung zum Gegenstande ihres Spottes machen. So lange der beim Leben bleibt, wird das Gerede nicht aufhören, sondern immer zunehmen.« Die Königin erwiderte: »Bei Gott, ihr habt meinen Zorn gegen ihn erregt; aber was soll ich tun?« - »Geh zum König«, versetzten die Veziere, »weine vor ihm und sage: Die Frauen kommen zu mir und erzählen mir, wie man in der ganzen Stadt von mir spricht; was hast du davon, diesen Jüngling leben zu lassen? Willst du ihn nicht töten, so töte mich, damit einmal das Gerede aufhöre!« Die Königin machte sich auf, zerriß ihre Kleider und ging zum König. Als die Veziere zugegen waren, warf sie sich vor ihm hin und sagte: »O König, fürchtest du die Schande nicht? Es ziemt Königen gar nicht, so wenig eifersüchtig gegen ihre Frauen zu sein. Du kümmerst dich um nichts, und die ganze Stadt, Männer und Frauen, machen sich über uns lustig. Entweder töte den Jüngling, daß das Gerede aufhöre, oder wenn du dich dazu nicht entschließen kannst, so töte mich!« Der König geriet in heftigen Zorn und sagte: »Ich sehe, daß es keine Ruhe gibt, wenn ich ihn leben lasse; ich will ihn heute umbringen, geh nur in dein Gemach und sei zufrieden.« Er ließ dann den Jüngling rufen, und als er erschien, riefen ihm die Veziere zu: »Wehe dir, dein Tod ist nahe, die Erde sehnt sich danach, deinen Leib zu verzehren.« Der Jüngling aber entgegnete: »Der Tod ist nicht in euren Worten und nicht in eurem Neid, er ist ein auf der Stirne geschriebenes Urteil; steht er auf meiner Stirne, so wird er eintreffen, da hilft keine Vorsicht und kein Bemühen, wie es uns die Geschichte des Königs Ibrahim und seines Sohnes lehrt.« - »Was war das für eine Geschichte?« fragte der König. Da erzählte der Jüngling:

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