Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Gustav Weil >

Tausend und eine Nacht, Zweiter Band

Gustav Weil: Tausend und eine Nacht, Zweiter Band - Kapitel 15
Quellenangabe
typefairy
authorGustav Weil
translatorGustav Weil
year1984
titleTausend und eine Nacht, Zweiter Band
firstpub1838
isbn3-86070-308-0
senderhille@abc.de
Schließen

Navigation:

Geschichte des Königs Dadbin.

O König! (Gott erhalte lange dein Reich!) Einst regierte ein König im Lande Tabaristan, welcher Dadbin hieß; er hatte zwei Veziere: der eine nannte sich Surchan und der andere Kardan. Ersterer hatte eine Tochter, welche Arwa hieß und das schönste und tugendhafteste Mädchen ihrer Zeit war. Sie fastete viel und weihte ihre ganze Zeit der Andacht. Bald hörte auch der König Dadbin so viel von ihren Reizen und Tugenden, daß sein Herz für sie eingenommen wurde und er seinen Vezier rufen ließ und ihm sagte, er wünsche seine Tochter zu heiraten. Der Vezier erwiderte: »O König, erlaube mir, den Willen Arwas zu erfragen; wenn sie deine Gattin werden will, so habe ich nichts dagegen.« Der König sagte: »Eile nur!« Der Vezier ging hierauf zu seiner Tochter und sagte ihr: »Der König hat bei mir um dich angehalten, willst du ihm deine Hand reichen?« Sie antwortete: »O mein Vater, ich habe keine Lust, zu heiraten, und willst du mir je einen Gatten geben, so gib mir einen, der unter mir steht, damit er nicht stolz auf mich herabsehe und sich noch anderen Frauen zuwende; verheirate mich ja nicht mit einem, der höher steht als ich, und mich wie eine Sklavin behandeln könnte, « Der Vezier kehrte zum König zurück und brachte ihm die Antwort seiner Tochter. Aber diese Antwort vermehrte nur noch die Leidenschaft des Königs, und er sagte dem Vezier: »Gibst du mir sie nicht gutwillig, so nehme ich sie mit Gewalt. « Der Vezier ging wieder zu seiner Tochter und hinterbrachte ihr des Königs Worte. Da aber Arwa in ihrer Weigerung verharrte, und der König immer heftiger wurde und dem Vezier mit Gewalt drohte, eilte dieser schnell nach Hause und entfloh mit seiner Tochter. Als der König dies hörte, schickte er Truppen aus, um ihn aufzufangen, und stellte sich selbst an ihre Spitze. Er holte bald den Vezier ein, tötet ihn mit einem Hammer, nahm die Tochter mit Gewalt in sein Schloß und heiratete sie. Arwa ertrug ihr Unglück mit Geduld und Ergebung in Gottes Willen und hörte nicht auf, zu beten und zu fasten. Nach einiger Zeit, als der König eine Reise unternehmen mußte, ließ er den Vezier Kardan kommen und sagte ihm: »Ich vertraue dir meine Gattin, die Tochter des Veziers Surchan, an; gib wohl acht auf sie und bewache sie mit deinen eigenen Augen, denn ich habe auf der Welt nichts Teureres, als sie.« Kardan fühlte sich durch dieses Vertrauen sehr geehrt und erklärte sich bereit, des Königs Befehle zu vollziehen.

Als der König abgereist war, dachte der Vezier: Ich muß doch einmal die Frau sehen, die der König so sehr liebt. Er verbarg sich an einem Ort, wo er sie unbemerkt sehen konnte, und fand sie so unaussprechlich reizend, daß er vor Liebe ganz außer sich kam. Seiner selbst nicht mehr Herr, schrieb er ihr: »O habe doch Mitleid mit mir, deine Liebe tötet mich.« Sie antwortete ihm aber: »Ich bin ein anvertrautes Gut bei dir, mißbrauche das Vertrauen des Königs nicht, setze dein Inneres nicht mit dem Äußeren in Widerspruch, begnüge dich mit deiner gesetzmäßigen Frau und besiege deine sündhafte Leidenschaft, sonst mache ich dich vor allen Menschen zuschanden.« Als dem Vezier an der Tugend der Königin kein Zweifel mehr blieb, bereute er seine Kühnheit und fürchtete sich vor dem König. Er beschloß daher, Arwa durch List zu verderben, um nicht selbst beim König angeklagt zu werden. Sobald dieser von der Reise zurückkehrte und den Vezier nach den Angelegenheiten seines Reichs fragte, antwortete dieser: »Es steht alles gut, nur etwas Schlimmes habe ich entdeckt, das ich gern dem König zu verschweigen wünschte; doch fürchte ich ein anderer möchte mir zuvorkommen und ich dem König dann als ein treuloser Ratgeber und Vertrauter erscheinen.« Der König sagte: »Sprich nur, du bist mein treuer, aufrichtiger Ratgeber; ich habe vollen Glauben an alles, was du mir berichtest.« Da sagte der Vezier: »O König, die Frau, die du so von ganzem Herzen liebst, und die so viel von Religion, vom Fasten und Gebete spricht, ist eine Heuchlerin und eine Betrügerin.«

Der König fragte erschrocken: »Was hat sich ereignet?« worauf der Vezier antwortete: »Wisse, daß, nachdem du eine Weile abwesend warst, jemand zu mir kam und sagte: O Vezier, folge mir! Du sollst etwas sehen. Er führte mich an die Türe des königlichen Schlafgemaches, und ich sah, wie deine Gattin neben dem Sklaven ihres Vaters saß, und schloß aus ihrer Vertraulichkeit, was keiner Erwähnung bedarf. Das ist's, mein Herr, was ich dir zu hinterbringen hatte.« Der König sprang zornig auf und sagte einem seiner Diener: »Geh in das Gemach der Königin und bring sie um.« Aber der Diener erwiderte: »O König (Gott erhalte dich lange!), lasse deine Gattin nicht auf solche Weise sterben, laß sie lieber von einem Diener auf ein Kamel laden und in eine abgelegene Wüste bringen: ist sie schuldig, so wird sie Gott verderben, ist sie unschuldig, so wird er sie retten, und der König hat sich nicht an ihr versündigt. Bedenke, daß dir diese Frau so teuer war, daß du ihren Vater aus Liebe zu ihr getötet hast.« Der König stimmte dem Schloßverwalter bei und befahl einem seiner Sklaven, die Königin auf einem Kamel ohne Lebensmittel in eine abgelegene Wüste zu führen und sie dann ihrer Pein zu überlassen. Der Sklave vollzog des Königs Befehl und ließ Arwa ohne Speise und Wasser in der Wüste. Als diese sich ganz verlassen sah, bestieg sie einen Hügel, legte einige Steine zurecht, stellt sich darauf und betete zu Gott.

Um diese Zeit hatte ein Kameltreiber des Königs Chosru Kamele verloren und der König ihm gedroht, wenn er sie nicht fände, würde er ihn umbringen lassen. Der Kameltreiber suchte daher überall und vertiefte sich in die Wüste, bis er an die Stelle kam, wo die Königin betete; er wartete, bis sie ihr Gebet vollendet hatte, dann näherte er sich ihr, grüßte sie und fragte: »Wer bist du?« Sie antwortete: »Ein Sklavin Gottes.« - »Und was tust du an diesem entlegenen Ort?« - »Ich bete Gott an.« Der Kameltreiber fand sie so schön, daß er nicht umhin konnte, ihr zu sagen: »Höre, willst du mich heiraten? Ich werde dich mit Liebe und Zärtlichkeit behandeln und in deinem Gottesdienste dir beistehen.« Sie antwortete aber: »Ich will nicht heiraten, ich will allein mit meinem Herrn in seinem Dienste leben; willst du mir aber eine Gnade erweisen und mir in meinem Gottesdienste beistehen, so führe mich an einen Platz, wo es Wasser gibt.« Der Kameltreiber führte sie an einen Bach und setzte seinen Weg fort; aber kaum war er einige Schritte weiter gegangen, da fand er durch ihren Segen seine Kamele wieder. Als er zum König zurückkehrte und dieser ihn fragte, ob er die Kamele wiedergefunden, erzählte er ihm von dieser Frau und sprach so viel von ihrer Schönheit und Anmut, daß der König für sie eingenommen wurde und selbst mit wenigen Leuten zu ihr ritt. Sobald er sie sah, war er entzückt von ihren Reizen, denn er fand sie noch viel schöner, als sie ihm geschildert worden. Er näherte sich ihr und sagte: »Ich bin der große König Chosru, willst du mich zum Gatten?« Sie antwortete: »Ich lebe hier in dieser Wüste von den Menschen getrennt, was willst du von mir?« Er antwortete: »Ich muß dich heiraten und wenn du mir nicht folgen willst, so werde ich hier bei dir wohnen und Gott mit dir anbeten.« Er ließ dann sogleich ein Zelt für sie aufschlagen und ein anderes für sich, dem ihrigen gegenüber, und ließ ihr Speisen reichen. Da dachte sie: Dieser Mann ist ein König, ich darf ihn nicht von seinen Untertanen und seinem Reiche trennen. Sie ließ ihm daher durch die Dienerin, welche ihr zu essen brachte, sagen, er möchte doch zu seinen Frauen zurückkehren, sie wolle lieber allein Gott anbeten. Als die Dienerin dies dem König hinterbrachte, ließ er ihr sagen, er habe keine Freude mehr an seinem Königreiche, er wolle auch diese Wüste bewohnen und Gott mit ihr anbeten. Arwa, von den ernsten Absichten des Königs überzeugt, konnte ihm nicht länger widerstehen; sie sagte ihm daher: »Ich will, deinem Wunsche gemäß, deine Gattin werden, doch unter der Bedingung, daß du den König Dadbin und seinen Vezier und Pförtner kommen lassest; ich werde in deiner Gegenwart auf eine Weise mit ihnen sprechen, daß du mich gewiß noch mehr lieben wirst.« Auf Chosrus dringende Fragen erzählte sie ihm dann ihre ganze Geschichte vom Anfang bis zum Ende und seine Liebe zu ihr wurde noch größer und er sagte ihr zu, was sie begehrte.

Chosru ließ dann Arwa in einer Sänfte nach dem Schlosse bringen, heiratete sie und verlieh ihr den höchsten Rang in seinem Harem. Bald nachher schickte er eine zahlreiche Armee zu Dadbin und ließ ihn, seinen Vezier und den Pförtner holen, ohne ihnen zu sagen, was er von ihnen wolle; für Arwa ließ er vor dem großen Sitzungssaal ein Zelt aufschlagen, das mit einem Vorhange bedeckt war, und als Dadbin und sein Vezier neben Chosru Platz nahmen, hob Arwa den Vorhang ihres Zeltes auf und sagte: »Kardan, steh auf! Du verdienst nicht, in der Nähe eines Mannes, wie der mächtige König Chosru, zu sitzen.« Als der Vezier Kardan dies hörte, zitterte er am ganzen Körper und stand voller Angst auf. Da sagte sie ihm: »Ich beschwöre dich bei dem, der dich hierher gebracht, sprich die Wahrheit: Was hat dich dazu bewogen, mich zu verleumden und mich von meinem Hause und meinem Gatten zu trennen? Hier helfen keine Lügen mehr.« Der Vezier, der jetzt Arwa an ihrer Stimme erkannte, dachte, daß hier nur die Wahrheit frommen könne; er beugte daher den Kopf zur Erde und sagte weinend: »Wer ein Unrecht begeht, dem wird es wieder vergolten, wenn es auch lange ansteht. Bei Gott, ich habe schwer gesündigt, Furcht, Leidenschaft und ein schweres Verhängnis, dem ich nicht entgehen konnte, haben mich dazu veranlaßt; diese Frau ist rein und unschuldig.« Als der König Dadbin dies hörte, schlug er sich ins Gesicht und sagte zu Kardan: »Gott töte dich, wenn du ungerechterweise mich von meiner Gattin geschieden hast.« Aber Chosru sagte: »Gott wird dich verderben, du hast es durch deine Übereilung verdient. Hättest du dich besonnen und ihre Schuld geprüft, so wäre es dir leicht gewesen, die Lüge von der Wahrheit zu unterscheiden. Dieser Vezier wollte deinen Untergang; wo blieb aber dein Verstand und deine Besonnenheit?«

Chosru fragte dann Arwa, welche Strafe er über die Angeklagten verhängen sollte. Sie antwortete: »Urteile nach Gottes Ausspruch: Der Mörder soll wieder getötet werden und dem Übeltäter soll wie dem Wohltäter Gleiches mit Gleichem vergolten werden.« Sie ließ dann den König Dadbin mit einem Hammer totschlagen und sagte: »Das ist für den Mord meines Vaters.« Den Vezier Kardan aber ließ sie auf ein Kamel laden und in die Wüste führen, in welche sie einst ausgesetzt worden, und sagte ihm: »Bist du schuldig, so wirst du in der Wüste vor Hunger und Durst umkommen, bist du unschuldig, so kannst du ebenso gut wie ich gerettet werden.« Dem Diener aber, der den Rat gegeben hatte, sie in die Wüste zu führen, schenkte sie ein kostbares Kleid und sagte ihm: »Ein Mann wie du verdient in der Nähe von Königen angesehen zu leben, denn du hast gut und wahr gesprochen.« Kaum hatte sie so gesprochen, da ernannte ihn Chosru zum Statthalter über eine seiner Provinzen.

»Du siehst, mächtiger König«, sagte der Jüngling, »daß, wer Gutes übt, auch wieder Gutes findet, und daß der Unschuldige kein böses Ende zu fürchten hat. Auch ich bin unschuldig, drum hoffe ich, daß dir Gott die Wahrheit zeigen und mir gegen meine Feinde und Verleumder den Sieg verschaffen wird.« Als der König dies hörte, legte sich sein Zorn; er ließ den Jüngling ins Gefängnis zurückführen und sagte: »Wir wollen warten bis morgen.«

Am sechsten Tage waren die Veziere außer sich vor Ärger darüber, daß sie noch immer ihren Zweck nicht erreicht; auch fingen sie an, für sich selbst zu fürchten. Drei von ihnen gingen daher zum König, verbeugten sich vor ihm und sprachen: »O König, wir sagen dir aus Liebe zu dir und deinem Reiche: Du hast diesen Jüngling schon zu lange leben lassen; wir wissen nicht, was du dabei gewinnst, ein Tag nach dem anderen geht vorüber und das Gerede und die entehrenden Vermutungen nehmen immer zu; drum laß ihn endlich einmal umbringen.« Als der König dies hörte, sagte er: »Bei Gott, ihr habt recht und sprecht wahr.« Er ließ den Jüngling wieder vorführen und sagte: »Wie lange soll ich mich noch über dich bedenken? Ich sehe keine Hilfe für dich, alle meine Räte dürsten nach deinem Blute.« Der Jüngling aber versetzte: »Ich erwarte Hilfe von Gott, nicht von seinen Geschöpfen; und steht der mir bei, so kann mir niemand schaden; auch fürchte ich niemand, denn mein ganzer Sinn ist mit ihm. Wer von Menschen Hilfe erwartet, dem geht es, wie dem König Bacht Saman.« Als der König die Geschichte Bacht Samans hören wollte, erzählte der Jüngling:

 << Kapitel 14  Kapitel 16 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.