Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Gustav Weil >

Tausend und eine Nacht, Zweiter Band

Gustav Weil: Tausend und eine Nacht, Zweiter Band - Kapitel 14
Quellenangabe
typefairy
authorGustav Weil
translatorGustav Weil
year1984
titleTausend und eine Nacht, Zweiter Band
firstpub1838
isbn3-86070-308-0
senderhille@abc.de
Schließen

Navigation:

Geschichte des Prinzen Bahsad.

O Herr! Es war vor alter Zeit ein König, der einen Sohn hatte, dem keiner seiner Zeitgenossen an Schönheit glich. Er liebte die Geselligkeit und verkehrte viel mit Kaufleuten. Einst war der Prinz in Gesellschaft und hörte, wie jemand sagte, er sei der schönste Mensch seiner Zeit. Hierauf sagte ein anderer: »Die Tochter des Königs N. N. ist schöner als er.« Sobald der Prinz dieses hörte, verlor er den Verstand, sein Herz pochte heftig, er rief den Fremden zu sich und bat ihn um den Namen der Prinzessin, deren Schönheit er so über die seinige erhoben hatte. Als der Fremde sie nannte, wurde der Prinz ganz blaß und sein Herz beschäftigte sich nur noch mit ihr. Der König, der davon unterrichtet wurde, sagte ihm: »Mein Sohn! Du kannst das Mädchen, das du liebst, erlangen; habe nur Geduld, ihr Vater wird sie dir gern zur Gattin geben, wenn ich um sie anhalte.« Der Prinz sagte: »Ich habe keine Geduld.« Der König schickte sogleich zu dem Vater der Schönen und hielt bei ihm um die Hand seiner Tochter an. Dieser forderte hunderttausend Dinare als Morgengabe. Als aber der König das Geld, das er in seinem Schatze hatte, zusammenzählte, da fehlte noch einiges an den hunderttausend Dinaren; er sagte daher zu seinem Sohne: »Habe Geduld, bis ich das fehlende Geld zusammenbringe, dann schicke ich es deinem Schwiegervater und lasse deine Geliebte holen.« Aber der Prinz geriet in heftigen Zorn und sagte: »Ich warte nicht länger!« nahm Schwert und Lanze, bestieg sein Pferd und wurde Straßenräuber. Eines Tages fiel er aber eine starke Karawane an, wurde überwunden, gefangen und gefesselt vor den König jenes Landes geführt. Als der König den schönen Jüngling sah, sagte er ihm: »Du siehst keinem Räuber gleich; gestehe mir die Wahrheit, Junge! Wer bist du?« Der Prinz schämte sich aber, die Wahrheit zu gestehen und wollte lieber sterben. Da sagte der König zu seinen Räten: »Wir wollen uns mit diesem Jungen nicht übereilen, denn Übereilung bringt Reue; es genüge uns, ihn einstweilen in Verhaft zu nehmen.« Inzwischen wurde Bahsad in seinem Lande vermißt, und sein Vater schickte Boten nach allen Seiten, um ihn aufzusuchen. Als auch bei dem König, der ihn gefangen hielt, nach ihm gefragt wurde, rief er: »Gelobt sei Gott, daß ich mich nicht übereilt habe.« Er ließ sogleich Bahsad rufen und sagte ihm: »Warum wolltest du dich selbst in den Abgrund stürzen?« Er antwortete: »Aus Furcht vor der Schande.« - »Fürchtest du dich so sehr vor der Schande«, versetzte der König, »so hättest du dich nicht so übereilen sollen; hast du nicht gewußt, daß Übereilung Reue bringt? Auch ich würde es jetzt bereuen, wenn ich mich übereilt hätte.« Er schenkte ihm dann ein Ehrenkleid, und versprach ihm das Fehlende zur Morgengabe, auch schickte er sogleich zu des Prinzen Vater, um ihn vom Wohle seines Sohnes zu unterrichten, und redete Bahsad zu, selbst wieder zu seinem Vater zurückzukehren. Aber Bahsad sagte: »O König! Vollende deine Wohltat und schicke mich gleich zu meiner Braut, denn das wird lange dauern, bis ich nach Hause komme und mein Vater ihr einen Boten schickt und dieser wieder zurückkehrt.«

Der König wunderte sich über des Prinzen Ungeduld und sagte ihm lächelnd: »Ich fürchte sehr, deine Übereilung möchte dich straucheln machen und dem Ziele deiner Wünsche entrücken.« Indessen gab er ihm doch ein Empfehlungsschreiben an den Vater des Mädchens. Als der Prinz zum König kam und das Schreiben überreichte, machte ihm der König mit den Großen seines Reichs einen Gegenbesuch und erwies ihm viel Ehre. Auch ließ der König dem Empfehlungsschreiben des Königs und dem Wunsche des Vaters gemäß die Vorkehrungen zur Hochzeit beschleunigen. Am Hochzeittage war der Prinz aber so ungeduldig, seine Braut unverschleiert zu sehen, daß er durch ein Loch sah, das in der Wand war, welche ihn von seiner Braut trennte. Dies bemerkte seine Schwiegermutter und es mißfiel ihr so sehr, daß sie sich von einem Diener zwei eiserne Stangen bringen ließ, und als der Jüngling wieder ans Loch kam, ihm die Augen ausstieß. Der Jüngling stieß ein jämmerliches Geschrei aus, fiel in Ohnmacht und alle Freude wurde in Trauer verwandelt.

»Du siehst, o König!« sagte der Gefesselte, »was das Ende der Übereilung ist; die Ungeduld dieses Prinzen hat ihm lange Reue zugezogen; ebenso bereute nachher seine Schwiegermutter ihre unbesonnene Tat, als es zu spät war. Drum, o König! Laß mich nicht zu schnell umbringen, du kannst mich ja immer noch töten lassen.« Als der König dies hörte, legte sich sein Zorn wieder und er ließ den Jüngling wieder ins Gefängnis zurückführen.

Am fünften Tage kam der fünfte Vezier, der Djahbur hieß, verbeugte sich vor dem König und sagte: »O König! Deine Ehre erheischt, daß, wenn jemand in deine Wohnung blickt, du ihm sogleich die Augen ausstechen lassest; was mußt du erst dem tun, den du mitten in deinem Zimmer auf deinem Bett gefunden, in der Absicht, deinen Harem zu entehren, und dazu, wenn es noch ein Mensch von niederer Herkunft ist? Tilge einmal diese Schmach durch seinen Tod, wir raten dir dazu aus Eifer für die Befestigung des Reichs und aus Liebe zu dir; dieser Mensch verdient keine Stunde mehr zu leben.« Diese Worte reizten des Königs Zorn, er ließ den Jüngling wieder vor sich führen und sagte ihm: »Wehe dir! Du hast ein großes Verbrechen begangen, du lebst schon zu lange, ich lasse dich jetzt umbringen; denn solange du lebst, haben wir keine Ruhe.« Der Jüngling sagte: »O König! Bei Gott, ich bin unschuldig, darum wünsche ich zu leben, denn nur der Unschuldige kann trotz aller Strafen sich doch aufrecht erhalten; der Schuldige aber nimmt, auch wenn er noch lange lebt, doch zuletzt ein trauriges Ende. Das lehrt uns die Geschichte des Königs Dadbin und seines Veziers.« Der König wünschte diese Geschichte zu hören, und der Jüngling begann:

 << Kapitel 13  Kapitel 15 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.