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Tausend und eine Nacht, Vierter Band

Gustav Weil: Tausend und eine Nacht, Vierter Band - Kapitel 7
Quellenangabe
typefairy
authorGustav Weil
translatorGustav Weil
year1984
titleTausend und eine Nacht, Vierter Band
firstpub1838
isbn3-86070-308-0
senderhille@abc.de
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Geschichte des Königs und des Wanderers.

Wisse, o König! Einst herrschte im äußersten Westen ein König, der sehr gewalttätig war, und sowohl seine Untertanen, als Fremde, die in sein Land kamen, unterdrückte. Jeder Fremde fürchtete sich, sein Land zu betreten, denn es wurde ihm nur der fünfte Teil seines Besitzes gelassen und die übrigen vier Fünfteile für den König weggenommen. Es traf sich nun, daß einst ein Wanderer, der von Jugend auf nur dem Gottesdienst lebte, auf seinen Reisen auch die Residenz dieses Königs besuchte. Sobald er ans Tor kam, fielen die Beamten, die die vier Fünftel einzunehmen hatten, über ihn her und untersuchten sein Gepäck; sie fanden aber nur zwei Kleider auf ihm, von denen sie ihm das eine auszogen, nachdem sei ihn vorher tüchtig durchprügelten. Der fromme Wanderer schrie: »Wehe euch, ihr Übeltäter, ich bin ein armer Pilger, was tut ihr mit meinem Kleid? Laßt mir es, oder ich verklage euch beim Regenten.« Sie antworteten: »Wir handeln nach dem Befehl des Regenten; tue, was du willst!« Da dachte der Wanderer bei sich selbst: Ich will einmal zum Regenten gehen und sehen, ob diese Leute die Wahrheit sagen. Er erkundigte sich nach dem königlichen Palast; aber als er hineintreten wollte, hielten ihn die Pförtner auf und mißhandelten ihn. Nun dachte er: Es bleibt mir nichts anderes übrig, als zu warten, bis der König ausgeht, dann will ich ihm klagen, was mir widerfahren. Während er so dachte, hörte er, wie jemand aus dem Palast sagte: »Der König geht auf die Jagd.« Da freute er sich sehr und stellte sich auf den Weg, wo der König vorbeireiten mußte, grüßte ihn und sagte: »O König, höre meine Klage! Ich bin ein armer Wanderer, werde überall gut behandelt, wohin ich mich wende; als ich aber hierher kam, fielen deine Leute über mich her, schlugen mich und zogen mir ein Kleid aus; nun bitte ich dich um deinen Beistand.« Da sagte der König: »Wer hieß dich als Fremder meine Stadt betreten?« Der Wanderer antwortete: »Ich habe gefehlt, o König, ich will nie mehr diese Stadt betreten, laß mir nur mein Kleid zurückgeben.« Der König versetzte: »Du beklagst dich, daß wir dir dein Kleid genommen und freuest dich nicht, daß dein Leben verschont geblieben; morgen will ich dir auch das Leben nehmen.« Hierauf ließ ihn der König einsperren. Der Wanderer bereute es, nicht sein Leben gerettet und lieber sein Kleid aufgegeben zu haben. Als es Nacht wurde, betete er: »O Gott, du kennst meine Lage diesem Tyrannen gegenüber, ich flehe dich an, rette mich aus seiner Hand und bestrafe diesen gewalttätigen Mann, der Arme und Fremde unterdrückt: Du bist doch der gerechte und allwissende Richter.« Der Gefängniswärter, der dieses Gebet hörte, dachte, als um Mitternacht ein Brand ausbrach, der den König mit seiner ganzen Familie verzehrte und die ganze Stadt in Asche verwandelte, das ist gewiß nur in Folge des Gebets des Wanderers geschehen; er befreite ihn daher und rettete sich mit ihm in eine andere Stadt. – »So, mächtiger Herr, enden ungerechte Tyrannen: Sie werden hier von allen verflucht, und Gottes Strafe harrt ihrer in jenem Leben. Wir aber, o König, danken morgens und abends dem Herrn, daß er uns einen so edlen und beschützenden Herrn geschenkt. Wir waren nur darüber betrübt, daß er dir einen Erben versagt, und fürchteten, es möchte dir jemand folgen, der die Treue gegen uns verletzt. Nun hat aber der gnädige Gott uns auch von dieser Sorge befreit, indem er dich mit einem Sohne gesegnet, den er in dauerndem Ruhm und Glück dir nachfolgen lasse!« Der fünfte Vezier begann: »Gepriesen sei der allmächtige Gott, der edle Gaben spendet denen, die in reiner Absicht ihn anflehen, der seine Huld schenkt denen, die durch einen religiösen Lebenswandel ihm ihre Dankbarkeit bezeigen: So hat auch Gott dich, o König! der du die höchsten Tugenden besitzest, nach langer Hoffnungslosigkeit noch mit einem Sohne gesegnet, mit dem wir uns herzlich freuen, weil wir stets befürchteten, du möchtest ohne Nachkommen sterben, wir aber in Fehde und Zwiespalt zuletzt untergehen, wie die Raben durch den Falken.« Der König fragte: »Wie war das?«

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