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Tausend und Eine Nacht. Sechster Band

Unbekannte Autoren: Tausend und Eine Nacht. Sechster Band - Kapitel 10
Quellenangabe
authorUnbekannte Verfasser
titleTausend und Eine Nacht. Sechster Band
publisherF. W. Hendel Verlag
year1926
editorKarl Martin Schiller
translatorMax. Habicht Fr. H. von der Hagen und Carl Schall
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180110
projectid6036f1ca
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Dreihundertundeinundneunzigste Nacht.

Das Zauberpferd.

Scheherasade fuhr fort, dem Sultan von Indien ihre angenehmen Geschichten, an denen er so viel Gefallen fand, zu erzählen, und erzählte ihm nun auch die vom Zauberpferde.

»Herr,« fing sie an, »der Nurus, das heißt, der neue Tag, der zugleich der erste Tag des Jahres und des Frühlings ist, ist – wie Euer Majestät weiß – ein so feierliches und uraltes Fest in ganz Persien noch von den ersten Zeiten ihres Götzendienstes her, daß die Religionslehre unseres Propheten, so rein und wahrhaft sie auch ist, ungeachtet ihrer Einführung daselbst bis auf diesen Tag es noch nicht ganz abzuschaffen vermocht hat, obwohl man sagen kann, das es durchaus heidnisch ist, und daß die dabei beobachteten Zeremonieen höchst abergläubisch sind. Um von den großen Städten zu schweigen – es gibt da kein Städtchen, keinen Marktflecken, kein Dorf, keinen Weiler, wo es nicht mit allen nur möglichen Lustbarkeiten begangen würde.

Doch die Lustbarkeiten, die schon am Hofe gefeiert werden, übertreffen alle übrigen durch die Mannigfaltigkeit der neuen und überraschenden Schauspiele, und aus den benachbarten Ländern nicht bloß, sondern auch aus den entferntesten werden Fremde herbeigelockt durch die Belohnungen und durch die Freigebigkeit der Könige gegen diejenigen, welche sich durch ihre Erfindungen und durch ihre Betriebsamkeit auszeichnen, so daß man in allen übrigen Teilen der Welt nichts zu sehen bekommt, was dieser Pracht und Herrlichkeit gleichkäme.

Bei einem dieser Feste war es, wo der König, nachdem die geschicktesten und sinnreichsten Männer des Inlands und Auslands zu Schiras, wo der Hof damals sich aushielt, den König und den Hof mit den ergötzlichsten Schauspielen unterhalten hatten, einen jeden nach seinem Verdienst, und je nachdem er mehr oder weniger seltsame, wunderbare oder befriedigende Dinge hatte sehen lassen, beschenkte, so daß kein einziger ohne eine angemessene Belohnung blieb, während er nun schon im Begriff war, sich zu entfernen und die zahlreiche Versammlung zu entlassen, erschien ein Indier am Fuße seines Thrones und führte ein gesatteltes, gezäumtes und reich angeschirrtes Pferd vor, welches mit vieler Kunst verfertigt und gebildet war, so daß man beim ersten Anblick es für ein wirkliches gehalten haben würde.

Der Indier warf sich vor dem Throne nieder, und als er wieder aufgestanden war, zeigte er dem Könige das Pferd mit folgenden Worten:

»Herr, obwohl ich vor Euer Majestät ganz zuletzt erscheine, um mit den übrigen zu wetteifern, so kann ich gleichwohl versichern, daß Ihr an diesem Festtage gewiß nichts so Wunderbares und Erstaunliches gesehen haben werdet, als das Pferd ist, das ich Euch hier in Augenschein zu nehmen bitte.«

»Ich sehe,« erwiderte der König, »an diesem nichts als die Kunst und Geschicklichkeit, womit der Verfertiger demselben die täuschende Ähnlichkeit eines lebendigen zu geben gewußt hat. Indes ein anderer Künstler könnte vielleicht ein ähnliches verfertigen, welches dasselbe an Vollkommenheit wohl noch übertreffen könnte.«

»Herr,« antwortete drauf der Indier, »es ist nicht sowohl der Bau noch das äußere Ansehen desselben, warum ich mein Pferd vor Eurer Majestät als ein Wunder ausgebe, sondern der Gebrauch, den ich davon zu machen weiß, und den jeder andere so gut wie ich, wenn er von mir das Geheimnis erfahren, davon zu machen imstande ist. Wenn ich mich nämlich hinaufsetze, so kann ich in sehr kurzer Zeit mich an jeden beliebigen Ort auf der Erde, und wäre er auch noch so weit entfernt, hinversetzen. Mit einem Wort, o Herr, darin besteht eben die wunderbare Eigenschaft meines Pferdes – eine Eigenschaft, die noch nie erhört worden, und wovon ich vor Eurer Majestät eine Probe abzulegen mich erbiete, wofern Ihr es befehlt.«

Der König von Persien, der auf alles, was ans Wunderbare grenzte, sehr neugierig war, und der nach so vielen Dingen dieser Art, die er teils schon gesehen, teils zu sehen gesucht und gewünscht hatte, noch nie etwas gesehen oder davon gehört hatte, was diesem nahe gekommen wäre, sagte zu dem Indier, nur ein Versuch der Art, wie er ihn vorgeschlagen, könne ihn von der Vorzüglichkeit seines Pferdes überzeugen, und er sei bereit, einen solchen zu sehen.

Der Indier setzte sogleich seinen Fuß in den Steigbügel, schwang sich mit großer Leichtigkeit aufs Pferd, und als er auch in den anderen Steigbügel den Fuß gesetzt und sich auf dem Sattel recht befestigt hatte, fragte er den König von Persien, wohin es ihn zu schicken ihm gefällig sei.

Etwa drei Stunden von Schiras lag ein hoher Berg, den man von dem großen Platze vor dem königlichen Schlosse, wo der König von Persien sich damals befand, sehr gut sehen konnte. »Siehst du jenen Berg,« sagte der König zu dem Indier, indem er auf denselben hinwies, »dorthin will ich, daß du reiten sollst. Die Entfernung ist nicht groß, doch ist sie hinlänglich, um die Schnelligkeit, womit du hin- und wieder zurückreiten wirst, abnehmen zu können. Und da es nicht möglich ist, dich mit den Augen bis dahin zu verfolgen, so will ich, daß du mir zum sichern Beweise deines Dagewesenseins einen Zweig von einem Palmbaum, der am Fuß des Berges steht, mitbringest.«

Kaum hatte der König seine Willensmeinung in diesen Worten ausgesprochen, als der Indier einen hölzernen Wirbel, der an der Stelle des Nackens am Pferde befestigt war, herumdrehte und ihn dem Sattelknopfe näher brachte. Augenblicklich erhob sich nun das Pferd und entführte mit Blitzesschnelle den Reiter in die Lüfte, und zwar so hoch, daß ihn binnen wenigen Augenblicken selbst die am schärfsten Sehenden aus den Augen verloren zur großen Verwunderung des Königs und seiner Hofleute und unter lautem Geschrei des Erstaunens von seiten aller versammelten Zuschauer.

Der Indier war noch keine Viertelstunde fort, als man ihn in der Luft mit dem Palmzweige in der Hand zurückkehren sah. Endlich sah man ihn oberhalb des Platzes anlangen, wo er sein Pferd unter dem freudigen Beifallruf der Zuschauer einigemal im Kreise herumtummelte, bis er sich vor dem Throne des Königs aus dieselbe Stelle wieder niederließ, von welcher er ausgeritten war, und zwar ohne die mindeste unangenehme Erschütterung. Er stieg nun ab, warf sich vor dem Throne nieder und legte den Palmzweig dem Könige zu Füßen.

Der König von Persien, der mit ebenso großer Verwunderung als Erstaunen Zeuge dieses unerhörten Schauspiels war, welches der Indier ihm gegeben, ward auf einmal von einer heftigen Begierde ergriffen, dies Pferd zu besitzen. Und in der Meinung, er werde bei der Unterhandlung mit dem Indier wenig Schwierigkeiten finden; zumal da er entschlossen war, ihm jede Summe, die er nur irgend fordern könnte, dafür zu geben, so betrachtete er es bereits als das kostbarste Stück seines Schatzes.

»Nach dem äußeren Ansehen deines Pferdes,« sagte er zu dem Indier, »hätte ich nie geglaubt, daß es so hoch geschätzt werden müsse, als es wirklich verdient, wie du mir soeben bewiesen hast. Ich danke dir, daß du mich eines Besseren belehrt hast, und um dir zu zeigen, wie hoch ich es aufnehme, so bin ich bereit, es zu kaufen, wofern es dir feilsteht.«

»Herr,« erwiderte der Indier, »ich zweifelte nicht, daß Euer Majestät, die unter allen gegenwärtigen Königen, die auf Erden sind, dafür gilt, daß sie alle Dinge am besten zu beurteilen und nach ihrem Wert zu schätzen wisse, meinem Pferde diese Gerechtigkeit widerfahren lassen würde, sobald ich Euch gezeigt haben würde, wie sehr es Eurer Aufmerksamkeit würdig ist. Ich hatte sogar vorausgesehen, daß Ihr Euch nicht damit begnügen würdet, es zu bewundern und zu loben, sondern daß Ihr Euch es zu besitzen wünschen würdet, wie Ihr mir soeben angedeutet habt. Ich meinerseits, obwohl ich den Wert desselben so gut kenne wie nur irgend einer und recht gut weiß, daß sein Besitz mir die Mittel gibt, mich in der Welt unsterblich zu machen, hänge gleichwohl nicht so daran, daß ich nicht, um die Begierde Euer Majestät zu befriedigen, mich desselben zu berauben entschließen könnte. Indes mit dieser Erklärung muß ich zugleich noch eine andere verbinden, welche sich aus die Bedingung bezieht, ohne welche ich es nicht wohl ablassen kann – eine Bedingung, die Ihr freilich wohl nicht gut aufnehmen werdet. Euer Majestät wird daher wohl es genehm finden,« fuhr der Indier fort, »wenn ich gestehe, daß ich dies Pferd nicht gekauft, sondern von dem Erfinder und Verfertiger es nur dadurch bekam, daß ich ihm meine einzige Tochter, die er verlangte, zur Ehe gab, wobei er zugleich die Forderung an mich machte, daß ich es nie verkaufen solle, sondern daß, wenn ich es je an einen andern Besitzer abließe, dies nur durch einen Tausch, wie ich ihn für gemessen erachtete, stattfinden könne.«

Der Indier wollte noch weiter sprechen, doch bei dem Worte Tausch unterbrach ihn der König von Persien dadurch, daß er sagte:

»Ich bin bereit, einen solchen Tausch, wie du ihn nur verlangen wirst, einzugehen. Du weißt, mein Reich ist groß und voll großer, mächtiger, wohlhabender und volkreicher Städte. Ich lasse dir nun die Wahl, dir eine derselben zu deinem vollen und unbeschränkten Besitz auf Lebenszeit auszusuchen.«

 

Dreihundertundzweiundneunzigste Nacht.

Dieser Tausch schien dem ganzen persischen Hofe wahrhaft königlich; gleichwohl war er noch weit unter dem, den der Indier in Gedanken hatte. Bei ihm war es auf etwas weit Höheres abgesehen, und er antwortete dem Könige:

»Herr, ich bin Euer Majestät für das mir gemachte Anerbieten unendlich verbunden, und ich kann Euch für Eure Großmut nicht genug danken. Gleichwohl bitte ich Euch, es nicht übelzunehmen, wenn ich so dreist bin, Euch anzuzeigen, daß ich mein Pferd bloß dann zu Eurem Besitz ablassen kann, wenn ich von Eurer Hand Eure Prinzessin Tochter zur Gemahlin erhalte. Ich bin entschlossen, nur um diesen Preis mein Eigentumsrecht aufzugeben.«

Die Hofleute, welche um den König von Persien herumstanden, konnten sich nicht enthalten, bei dieser überspannten Forderung des Indiers ein lautes Gelächter aufzuschlagen. Indes der Prinz Firus Schach, der älteste Lohn des Königs und künftige Thronerbe, hörte ihn nur mit Unwillen an. Doch der König dachte ganz anders und glaubte die Prinzessin von Persien dem Indier aufopfern zu dürfen, um seine Neugier zu befriedigen. Gleichwohl schwankte er lange hin und her, ehe er sich zu dieser Wahl entschloß.

Der Prinz Firus Schach, welcher sah, daß sein königlicher Vater wegen der dem Indier zu erteilenden Antwort schwankte, fürchtete, er möchte die Forderung desselben bewilligen – was er als den ärgsten Schimpf für die königliche Würde, für seine Schwester und für seine eigene Person betrachtete. Er nahm also das Wort und sagte, ihm zuvorkommend:

»Herr, Euer Majestät verzeihe, wenn ich frage, ob es möglich ist, daß Ihr auch nur einen Augenblick Euch wegen der abschlägigen Antwort bedenket, welche auf diese unverschämte Forderung eines nichtswürdigen Menschen und Taschenspielers zu erteilen ist, und daß Ihr ihm auch nur einen Augenblick Frist gestattet, sich mit der Hoffnung zu schmeicheln, er werde mit einem der mächtigsten Fürsten der Erde in eine solche Verbindung treten können. Ich bitte Euch, doch zu überlegen, was Ihr nicht bloß Euch selber, sondern auch Eurem Stande und dem hohen Range Eurer Ahnen schuldig seid.«

»Mein Sohn,« erwiderte der König von Persien, »ich nehme dir deine Erinnerung gar nicht übel und weiß dir vielmehr vielen Dank für den Eifer, den du bezeigst, deine Abkunft in demselben Glanze zu erhalten, wie sie bisher gewesen ist, doch du überlegst nicht genug die Vortrefflichkeit dieses Pferdes, noch auch, daß der Indier, der mir diesen Weg zur Erlangung desselben vorschlägt, wofern ich ihn zurückweise, denselben Vorschlag anderswo machen wird, wo man sich über diesen Punkt vielleicht hinwegsetzt. Ich würde dann in Verzweiflung sein, wenn ein anderer Fürst sich rühmen könnte, er habe mich an Großmut übertroffen und mich des Ruhmes beraubt, das Pferd zu besitzen, welches ich für die einzigste und bewundernswürdigste Sache halte, die es auf der Welt gibt. Gleichwohl will ich nicht sagen, daß ich ihm diese Forderung zu bewilligen gedenke. Vielleicht ist er noch nicht mit sich selber eins über seine überspannten Ansprüche, und wenn er nur erst meine Tochter, die Prinzessin, aus dem Spiele läßt, so will ich gern jedes andere Abkommen mit ihm treffen, das er nur wünschen mag. Doch bevor ich in diesem Handel den äußersten Schritt tue, wäre es mir lieb, wenn du das Pferd besichtigtest und selber einen Versuch damit machtest, damit du mir dann deine Ansicht hierüber sagen könntest. Ich zweifle nicht, daß er es dir erlauben wird.«

Da man natürlicherweise das hofft, was man wünscht, so war der Indier, welcher aus dem angehörten Gespräch mutmaßen zu können glaubte, daß der König von Persien nicht ganz abgeneigt sei, ihn für Überlassung des Pferdes in seine Familienverbindung aufzunehmen, und daß der Prinz, anstatt, wie er bisher hatte merken lassen, ihm entgegen zu sein, ihm vielleicht sogar sehr günstig werden könnte, weit entfernt, sich dem Wunsche des Königs zu widersetzen, ja er bezeigte sogar Freude darüber, und zum Zeichen, daß er mit Vergnügen darein willige, kam er dem Prinzen zuvor, indem er dem Pferde sich näherte, um ihm aufsteigen zu helfen und ihm sodann die nötige Anweisung zu geben, um es gut lenken zu können.

Der Prinz Firus Schach stieg indes mit bewundernswürdiger Gewandtheit und ohne Beihilfe des Indiers auf das Pferd hinauf, und kaum hatte er den Fuß in beiden Steigbügeln befestigt, als er auch schon, ohne erst aus die Anweisung des Indiers zu warten, den Wirbel ganz ebenso herumdrehte, wie er es zuvor von jenem gesehen hatte. Augenblicklich führte ihn nun das Pferd mit der Schnelligkeit eines Pfeiles empor, der vom stärksten und gewandtesten Bogenschützen emporgeschossen ist, so daß binnen wenigen Augenblicken der König, der ganze Hof und die ganze zahlreiche Versammlung ihn aus dem Gesicht verlor.

Weder das Pferd noch der Prinz waren mehr in der Luft zu erblicken, und der König von Persien strengte seine Augen vergeblich an, um ihn noch zu entdecken, als der Indier, über das, was soeben vorgegangen, beunruhigt, sich vor dem Throne niederwarf und den König nötigte, die Augen aus ihn zu richten und seiner Rede einige Aufmerksamkeit zu schenken, die er mit folgenden Worten begann:

»Herr, Euer Majestät hat selber gesehen, daß der Prinz mir vermöge seiner Schnelligkeit gar nicht Zeit gelassen hat, ihm die nötige Anleitung zu geben, um mein Pferd regieren zu können. Nachdem er mir zugesehen, wollte er zeigen, daß er meiner Belehrung nicht weiter bedürfe, um fortzureiten und sich in die Luft zu erheben; allein er weiß nicht, daß ich ihm Anleitung geben wollte, wie er das Pferd umlenken und mit ihm wieder auf denselben Fleck zurückkehren könne, von wo er ausgeritten ist. Ich bitte daher Euer Majestät um die Gnade, mich nicht für das verantwortlich zu machen, was etwa seiner Person zustoßen mag. Ihr seid zu gerecht und billig, als daß Ihr das Unglück, das unvermutet etwa sich ereignen könnte, mir zurechnen solltet.«

Die Äußerungen des Indiers betrübten den König von Persien, welcher wohl einsah, daß die Gefahr, worin sein Sohn schwebe, unvermeidlich sei, wenn es wirklich noch ein Geheimnis dabei gäbe, um das Pferd zur Umkehr zu zwingen, und zwar ein ganz verschiedenes von dem, wodurch es zum Aufschwung in die Luft gebracht werden könne. Er fragte ihn daher, warum er ihn nicht in dem Augenblick zurückgerufen, als er ihn fortreiten gesehen.

»Herr,« antwortete der Indier, »Euer Majestät war selber Zeuge von der reißenden Schnelligkeit, womit das Pferd und der Prinz davonflogen; die Bestürzung, die mich ergriff und noch ergriffen hat, raubte mir anfangs den Gebrauch der Sprache, und als ich sie wiedererhielt, war er schon so weit entfernt, daß er meine Stimme nicht mehr gehört haben würde, und hätte er sie auch gehört, so würde er doch das Pferd nicht haben umlenken können, da er das Geheimnis nicht wußte und auch nicht so viel Geduld hatte, um es von mir zu lernen. Indes, Herr,« fuhr er fort, »es steht zu hoffen, daß der Prinz in der Verlegenheit vielleicht den andern Wirbel bemerken und durch Umdrehung desselben bewirken wird, daß das Pferd sogleich emporzusteigen aufhört und sich nach der Erde zu herabsenkt, so daß er es dann mit dem Zügel lenken und sich auf jeden beliebigen Ort niederlassen kann.«

Ungeachtet dieser ganz richtigen Schlußfolgerung des Indiers erwiderte der König von Persien voll Unruhe über die augenscheinliche Gefahr seines Sohnes: »Gesetzt auch, wiewohl die Sache noch sehr unsicher ist, daß mein Sohn den andern Wirbel bemerken und davon den erwähnten Gebrauch machen sollte, so könnte ja aber das Pferd, anstatt sich auf die Erde niederzulassen, auf Felsen herabfallen oder sich mit ihm in den tiefsten Abgrund des Meeres stürzen.«

»Herr,« nahm hierauf der Indier wieder das Wort, »von dieser Besorgnis kann ich Euer Majestät durch die Versicherung befreien, daß das Pferd über die Meere setzt, ohne je hineinzufallen, und daß es seinen Reiter stets dahin trägt, wohin er zu gelangen willens ist, und Euer Majestät kann versichert sein, wofern nur der Prinz den andern schon erwähnten Wirbel bemerkt, das Pferd ihn bloß dahin tragen wird, wohin er will, und es ist nicht zu glauben, daß er sich anderswohin begeben wird als an einen Ort, wo er Hilfe finden und sich zu erkennen geben kann.«

Auf diese Worte des Indiers antwortete der König von Persien: »Wie dem auch sein mag, ich kann den Versicherungen, die du mir gibst, nicht trauen, sondern dein Kopf soll mir für das Leben meines Sohnes haften, wofern ich binnen drei Monaten ihn nicht gesund und lebend zurückkehren sehe oder sichere Nachricht vernehme, daß er noch am Leben ist.«

 

Vierhundertunddreiundneunzigste Nacht.

Er befahl nun, daß man sich seiner Person versichern und ihn in ein enges Gefängnis verschließen solle, worauf er sich in seinen Palast zurückbegab, voll Betrübnis darüber, daß das Nurusfest, welches in ganz Persien so feierlich ist, für ihn und seinen Hof so traurig geendet habe.

Der Prinz Firus Schach war unterdes, wie schon gesagt, mit Blitzesschnelle in die Luft emporgeführt worden und sah sich binnen einer Stunde so hoch erhoben, daß er auf der Erde nichts mehr zu unterscheiden vermochte, und daß ihm die Berge, Ebenen und Täler ineinander zu verlaufen schienen. Jetzt dachte er erst daran, nach demselben Orte wieder zurückzukehren, von welchem er ausgeritten war. Um dies zu bewerkstelligen, glaubte er bloß denselben Wirbel nach der verkehrten Seite umdrehen und zugleich den Zügel umlenken zu dürfen; doch wie groß war sein Erstaunen, als er sah, daß das Pferd ihn dessenungeachtet immer höher trug. Er drehte den Wirbel hin und her, doch alles war fruchtlos. Nun erkannte er den großen Fehler, den er dadurch begangen, daß er sich nicht, bevor er das Pferd bestiegen, von dem Indier die nötige Anweisung zur Lenkung desselben hatte geben lassen. Zugleich übersah er die Größe der Gefahr, worin er schwebte, doch diese Einsicht raubte ihm keineswegs seine Besinnung. Vielmehr sammelte er sich jetzt und nahm so viel als möglich seinen ganzen Verstand zusammen, untersuchte aufmerksam den Kopf und den Hals des Pferdes und entdeckte bei dieser Gelegenheit neben dem rechten Ohre des Pferdes einen anderen kleineren und minder in die Augen fallenden Wirbel. Er drehte diesen Wirbel, und augenblicklich bemerkte er, daß es sich in derselben Linie, in welcher es emporgestiegen war, jedoch minder schnell zur Erde herabsenkte.

An der Stelle des Erdbodens, über welcher der Prinz Firus Schach in senkrechter Linie schwebte, war es bereits seit einer halben Stunde Nacht, als er den Wirbel am Pferde drehte. Sowie nun das Pferd sich herabsenkte, ging auch für ihn allmählich die Sonne unter, bis er sich mitten in der Dunkelheit der Nacht befand, so daß er, anstatt sich nach Bequemlichkeit einen Ort zum Absteigen aussuchen zu können, den Zügel auf den Nacken des Pferdes legte und sich geduldig vollends zur Erde herabtragen ließ, obwohl nicht ohne Besorgnis, ob die Stelle, wo er ankommen würde, eine bewohnte Gegend, eine Wüste, ein Fluß oder das Meer sein würde.

Endlich hielt das Pferd an und stellte sich auf den Boden auf. Es war schon über Mitternacht hinaus. Der Prinz Firus Schach stieg nun ab, jedoch sehr schwach; denn er hatte seit dem Morgen des verflossenes Tages, wo er mit seinem königlichen Vater, um den festlichen Schauspielen beizuwohnen, aus dem Palast gegangen war, nichts zu sich genommen. Das erste, was er in der nächtlichen Dunkelheit tat, war, daß er den Ort kennen zu lernen suchte, wo er sich befände, und da fand sich denn, daß er auf dem stufenförmigen Dache eines prächtigen Palastes stand, welches mit einem marmornen Geländer rings eingefaßt war. Indem er die Terrasse oben untersuchte, entdeckte er eine Treppe, auf welcher man vom Palaste herabsteigen konnte; die Tür dazu war nicht verschlossen, sondern halb offen.

Jeder andere als der Prinz Firus Schach würde es vielleicht nicht gewagt haben, in das tiefe Dunkel, welches auf dieser Treppe herrschte, hinabzusteigen, abgesehen von der Ungewißheit, worin er schwebte, ob er da Freunde oder Feinde finden würde. Indes diese Rücksicht konnte ihn nicht zurückhalten.

»Ich komme ja nicht, um jemandem hier etwas zuleide zu tun,« sprach er bei sich selbst, »und offenbar werden diejenigen, die auf mich zuerst sehen und keine Waffen in meiner Hand erblicken werden, wenigstens so menschlich sein, mich zuvor anzuhören, ehe sie nach meinem Leben trachten.«

Er öffnete die Tür noch weiter, ohne Geräusch zu machen, und stieg dann ebenso vorsichtig herunter, um nur ja keinen Fehltritt zu tun, dessen Geräusch irgend jemanden hätte aus dem Schlafe wecken können. Dies gelang ihm denn auch, und an der einen Stelle der Treppe fand er eine offene Tür, die in einen Saal ging, worin Licht war.

Der Prinz Firns Schach blieb an der Tür stehen, und indem er horchte, hörte er Leute, die im tiefsten Schlummer lagen, laut schnarchen. Er trat einige Schritte weit in den Saal hinein und sah beim Schein einer Laterne, daß die Schlafenden sämtlich schwarze Verschnittene waren, deren jeder einen blanken Säbel neben sich hatte, woraus er schloß, daß es die Wache in dem Vorzimmer einer Königin oder Prinzessin sein müsse, welche Vermutung, wie sich nachher fand, auch ganz richtig war.

Das Zimmer, worin die Prinzessin schlief, folgte gleich hinter dem Saale, wie man aus dem hellen Lichtschimmer abnehmen konnte, der aus jenem durch einen Türvorhang von leichtem Seidenstoff hervordrang.

Der Prinz Firus Schach näherte sich ganz leise dem Türvorhange, ohne die Verschnittenen aufzuwecken, öffnete ihn, und als er hereingetreten war, wendete er, ohne sich bei Betrachtung der Pracht des Zimmers, die wahrhaft königlich war, ihn aber in seiner damaligen Lage wenig rührte, im mindesten aufzuhalten, seine ganze Aufmerksamkeit auf etwas, was ihn weit mehr interessierte. Er sah nämlich darin mehrere Betten stehen, und zwar ein einziges auf der mit Teppichen belegten Erhöhung des Zimmers, die übrigen unten auf dem Fußboden des Gemachs. In den letzteren schliefen Kammerfrauen der Prinzessin, um ihr Gesellschaft zu leisten und ihr bei ihren verschiedenen Bedürfnissen hilfreiche Hand zu leisten, in dem ersteren schlief die Prinzessin.

Bei dieser Unterscheidung konnte der Prinz Firus Schach sich nicht weiter in der Wahl irren, die er zu treffen hatte, wenn er sich an die Prinzessin selber wenden wollte. Er näherte sich nun ihrem Bett, ohne sie oder eine von ihren Kammerfrauen zu wecken. Als er nahe genug war, da erblickte er eine so seltene und überraschende Schönheit, daß er gleich beim ersten Anblick davon bezaubert wurde.

»O Himmel,« rief er in seinem Herzen aus, »hat mich mein Schicksal bloß darum hierher geführt, damit ich meine Freiheit einbüßen soll, die ich so lange und bis diesen Augenblick mir bewahrt habe! Muß ich mich nicht auf unvermeidliche Sklaverei gefaßt machen, sobald sie die Augen aufschlägt – wofern nämlich diese Augen, wie sich erwarten läßt, diesem Verein der seltensten Reize und Schönheiten den höchsten Glanz und die höchste Vollendung geben! Gleichwohl muß ich mich dazu entschließen, weil ich jetzt nicht mehr zurückgehen kann, ohne mein eigener Mörder zu werden, und weil es die Notwendigkeit nun einmal so gefügt hat.«

Nach diesen Betrachtungen ließ sich der Prinz Firus auf seine beiden Kniee nieder, faßte den äußersten Rand des herabhängenden Hemdärmels der Prinzessin, aus welchem ein schön gerundeter, schneeweißer Arm hervorblickte, und zupfte sie ganz leise.

 

Dreihundertundvierundneunzigste Nacht.

Die Prinzessin schlug die Augen auf, und in der ersten Überraschung, einen wohlgebildeten, wohlgekleideten und anstandsvollen Mann vor ihrem Bette zu erblicken, blieb sie eine Weile ganz bestürzt, ohne indes irgend ein Zeichen des Schreckens oder des Entsetzens von sich zu geben.

Der Prinz benutzte diesen günstigen Augenblick, neigte sein Haupt fast bis auf den Fußteppich hinab und sagte, als er es wieder emporhob:

»Verehrungswürdigste Prinzessin, vermittelst eines höchst seltsamen, ja des wunderbarsten Abenteuers, das sich nur denken läßt, sehet Ihr hier zu Euren Füßen flehend einen Prinzen, und zwar den Sohn des Königs von Persien, der sich noch gestern früh bei seinem königlichen Vater mitten unter den Lustbarkeiten eines feierlichen Festes befand, und der sich jetzt in diesem Augenblicke in einem unbekannten Lande befindet, wo er in Lebensgefahr schwebt, wofern Ihr nicht die Güte und Großmut habt, ihm Euren Beistand und Euren Schutz zu gewähren. Ich flehe diesen Euren Schutz an, verehrungswürdige Prinzessin, in dem Vertrauen, daß Ihr mir ihn nicht versagen werdet. Es ist unmöglich, daß mit so viel Schönheit, Reiz und Majestät eine grausame Gesinnung gepaart sein könnte.«

Die Prinzessin, an welche sich der Prinz Firus Schach zu seinem großen Glücke gewendet hatte, war die Prinzessin von Bengalen, die älteste Tochter des Königs dieses Reiches, der ihr diesen Palast nicht weit von seiner Hauptstadt hatte erbauen lassen, wo sie zuweilen hinkam, um die Annehmlichkeiten des Landlebens zu genießen. Nachdem sie ihn mit all der Güte, die er nur irgend wünschen konnte, angehört hatte, antwortete sie ihm mit demselben Wohlwollen:

»Prinz, beruhigt Euch; Ihr befindet Euch nicht in einem Barbarenlande. Gastfreundlichkeit, Menschenfreundlichkeit und Gesittung sind in dem Königreich Bengalen nicht minder einheimisch als in Persien. Übrigens bewillige nicht bloß ich etwa Euch den verlangten Schutz, sondern Ihr habt ihn bereits in diesem Palaste, ja im ganzen Reiche gefunden, wie Ihr mir hierin glauben und Euch auf mein Wort verlassen könnt.«

Der Prinz von Persien wollte der Prinzessin für die Güte und Gnade, die sie ihm erwiesen, danken und hatte sich bereits tief vor ihr verneigt, doch sie ließ ihn nicht zu Worte kommen und sagte:

»Wie groß auch meine Neugier ist, von Euch zu erfahren, durch welches Wunder Ihr in so kurzer Zeit von der Hauptstadt Persiens bis hierher gekommen, und durch welche Zauberei Ihr so insgeheim bis vor mein Bette habt gelangen und die Wachsamkeit meiner Leibwache habt täuschen können, so werdet Ihr gleichwohl der Speise und der Nahrung sehr bedürftig sein, und da ich Euch ganz wie einen willkommenen Gast betrachte, so will ich lieber bis morgen früh warten und für jetzt meinen Frauen befehlen, Euch eines von meinen Zimmern anzuweisen, Euch darin zu bewirten und Euch darin so lange ausruhen zu lassen, bis Ihr imstande sein werdet, meine Neugierde zu befriedigen.«

Die Frauen der Prinzessin, die bei den ersten Worten, die der Prinz Firus Schach zu der Gebieterin sprach, aufgewacht waren und ihn zu ihrer großen Verwunderung zu Häupten des Bettes der Prinzessin erblickten, indem sie gar nicht begreifen konnten, wie er habe dahin kommen können, ohne sie oder die Verschnittenen im Schlafe zu stören – diese Frauen, sag' ich, hatten kaum die Willensmeinung der Prinzessin vernommen, als sie sich eiligst ankleideten und sich augenblicklich zu Vollziehung der ihnen gegebenen Befehle anschickten. Jede von ihnen nahm eine von den vielen Wachskerzen, welche das Zimmer der Prinzessin erhellten, und nachdem der Prinz ehrerbietigst Abschied genommen, gingen sie vor ihm her und führten ihn in ein sehr schönes Gemach, wo die einen ihm eine Lagerstätte bereiteten, während die andern in die Küche und in die Speisekammer gingen.

Obwohl es zu einer ganz ungewöhnlichen Stunde war, so ließen doch die Frauen der Prinzessin von Bengalen den Prinzen Firus Schach nicht lange warten. Sie trugen ihm verschiedene Arten von Speisen in reichlichem Überflusse auf; er wählte sich nach Belieben aus, und als er so viel, als hinlänglich war, um seinen Hunger zu stillen, gegessen hatte, trugen sie die Speisen wieder ab und ließen ihn allein, um sich schlafen legen zu können, nachdem sie ihm mehrere Schränke gezeigt hatten, worin er alles, was er irgend bedürfe, vorrätig finden würde.

Die Prinzessin von Bengalen, die von der reizenden Schönheit, dem Verstande, der Artigkeit und den liebenswürdigen Manieren des Prinzen von Persien, die sie in der kurzen Unterredung mit ihm bemerkt hatte, ganz eingenommen war, hatte noch nicht einschlafen können, als ihre Frauen wieder in ihr Zimmer zurückkehrten, um sich zu legen. Sie fragte dieselben, ob sie die gehörige Sorge für ihn getragen, ob sie ihn befriedigt verlassen hätten, ob ihm noch irgend etwas mangelte, und vor allen Dingen, was sie von ihm dächten.

Die Frauen, nachdem sie die ersten Punkte beantwortet hatten, erwiderten auf die letzte Frage:

»Prinzessin, wir wissen nicht, was Ihr selber von ihm denken möget. Was uns betrifft, so würden wir Euch sehr glücklich preisen, wenn der König, Euer Vater, Euch einen so liebenswürdigen Prinzen zum Gemahl gäbe. Am ganzen Hofe von Bengalen gibt es keinen einzigen, der mit ihm verglichen werden könnte, und wir glauben nicht, daß es in den benachbarten Ländern einen geben möchte, der Eurer würdiger wäre.«

Diese schmeichelhaften Äußerungen mißfielen der Prinzessin von Bengalen nicht, indes, da sie ihre Gesinnungen nicht an den Tag legen wollte, so gebot sie ihnen Stillschweigen.

»Ihr seid alberne Schwätzerinnen,« sagte sie zu ihnen, »legt Euch wieder nieder und laßt mich ebenfalls wieder einschlafen.«

 

Dreihundertundfünfundneunzigste Nacht.

Den folgenden Morgen war das erste, was die Prinzessin nach ihrem Erwachen tat, daß sie sich an ihren Putztisch setzte. Sie hatte bisher noch nie so große Sorgfalt auf ihren Kopfschmuck und Putz verwendet, und noch nie hatten ihre Frauen so viel Geduld nötig gehabt, um eine und dieselbe Sache wiederholt zu machen, bis sie damit zufrieden war.

»Ich habe, wie ich wohl bemerken konnte, dem Prinzen von Persien in meinem Nachtkleide nicht mißfallen,« sagte sie bei sich selbst, »was wird er sich erst wundern, wenn er mich in meinem vollen Staate sehen wird!«

Sie legte nun einen Kopfschmuck von den größten Brillanten, desgleichen ein Halsband, Armbänder und einen Gürtel von ebendenselben Edelsteinen an, alles Stücke von unschätzbarem Werte. Das Kleid, welches sie anzog, war von dem reichsten indischen Stoffe, wie man ihn nur für Könige, Prinzen und Prinzessinnen verfertigt, und von einer Farbe, welche ihre Reize vollends auf das vorteilhafteste erhöhte. Nachdem sie noch ihren Spiegel wiederholt zu Rate gezogen und ihre Frauen einzeln befragt hatte, ob ihr irgend etwas zu ihrem vollständigen Putze fehle, ließ sie sich erkundigen, ob der Prinz von Persien schon wach sei, und da sie nicht zweifelte, daß er sich ihr vorzustellen wünschen würde, so ließ sie ihm melden, daß sie selber kommen würde, und daß sie ihre Gründe habe, um so zu handeln.

Der Prinz von Persien, der so tief in den Tag hineingeschlafen hatte, als ihm vom Nachtschlaf entzogen worden war, und der sich von seiner beschwerlichen Reise vollkommen erholt hatte, war soeben mit dem Ankleiden fertig, als er den Morgengruß der Prinzessin durch eine ihrer Frauen empfing.

Der Prinz ließ der Kammerfrau gar nicht erst Zeit, ihm das mitzuteilen, was sie an ihn auszurichten hatte, sondern fragte sie sogleich, ob die Prinzessin ihm wohl erlauben wolle, seine Aufwartung zu machen und ihr seine Ehrerbietung an den Tag zu legen. Doch als die Kammerfrau ihren Auftrag ausgerichtet hatte, erwiderte er:

»Die Prinzessin darf bloß befehlen, und ich bin bloß hier, um ihre Befehle zu vollziehen.«

Die Prinzessin von Bengalen hatte kaum erfahren, daß der Prinz von Persien sie erwarte, als sie ihm auch schon ihren Besuch abstattete. Nach den ersten gegenseitigen Begrüßungen, nachdem nämlich der Prinz seinerseits tausendmal um Entschuldigung gebeten, daß er sie im ersten Schlaf gestört habe, die Prinzessin dagegen ihn gefragt hatte, wie er die Nacht zugebracht, und wie er sich befinde, setzte sich die Prinzessin auf das Sofa und der Prinz ebenfalls, jedoch in einer ehrerbietigen Ferne von ihr.

Die Prinzessin nahm nun das Wort und sagte: »Prinz, ich hätte Euch in dem Zimmer empfangen können, worin Ihr mich diese Nacht schlafen sahet; doch da der Aufseher meiner Verschnittenen dorthin freien Zutritt hat, in dieses Zimmer aber bloß mit meiner Erlaubnis kommen darf, so habe ich aus ungeduldiger Neugier, um von Euch das seltsame Abenteuer zu erfahren, welches mir das Glück Eurer Bekanntschaft verschafft hat, vorgezogen, zu Euch zu kommen, als an einen Ort, wo uns beide niemand leicht stören wird. Erweiset mir also, ich beschwöre Euch darum, die Gefälligkeit, um die ich Euch bitte.«

Um der Prinzessin von Bengalen zu willfahren, begann nun der Prinz Firus Schach seine Erzählung mit dem feierlichen und alljährigen Nurusfeste in Persien und mit den merkwürdigen Schauspielen, die den Hof von Persien und fast die ganze Stadt Schiras ergötzt hatten; sodann kam er auf das Zauberpferd, welches er ihr beschrieb. Die Erzählung von den Wundern, welche der daraufsitzende Indier vor einer so glänzenden Versammlung gezeigt hatte, überzeugte die Prinzessin, daß man sich in dieser Art auf der Welt nichts Erstaunenswürdigeres denken könne.

»Prinzessin,« fuhr hierauf der Prinz von Persien fort, »Ihr könnt leicht erachten, daß mein königlicher Vater, der keine Ausgabe scheute, um seine Schatzkammer mit den seltensten und merkwürdigsten Sachen, die nur irgend zu seiner Kenntnis gelangen, zu bereichern, von dem lebhaftesten Verlangen entflammt werden mußte, ein Pferd dieser Art dazuzubekommen. Dies war denn auch der Fall, und er fragte ohne Bedenken den Indier, wie hoch er es biete.

Die Antwort des Indiers war höchst überspannt. Er sagte nämlich, er habe das Pferd nicht gekauft, sondern es bloß durch Tausch für seine einzige Tochter erhalten, und da er sich nur unter einer ähnlichen Bedingung desselben entäußern könne, so könne er es ihm nur dann abtreten, wenn er ihm erlaube, die Prinzessin, meine Schwester, zu heiraten.

Die sämtlichen Hofleute, welche den Thron des Königs, meines Vaters, umgaben, lachten ganz laut auf, als sie diesen überspannten Vorschlag vernahmen, und ich insbesondere empfand einen so heftigen Unwillen darüber, daß ich ihn nicht verhehlen konnte, und zwar umsoweniger, da ich bemerkte, daß mein Vater wegen der zu erteilenden Antwort zweifelhaft war. Ich glaubte wirklich schon den Augenblick vor mir zu sehen, wo er ihm das, was er wünschte, gewähren würde, wenn ich ihm nicht lebhaft den Nachteil vorstellte, der daraus für seinen Ruhm erwachsen würde. Meine Gegenvorstellungen waren indes nicht imstande, ihn ganz von dem Gedanken abzubringen, meine Schwester, die Prinzessin, einem so verächtlichen Menschen aufzuopfern. Er glaubte, ich würde vielleicht auf seine Ansicht noch eingehen, wenn ich mich nur wie er davon überzeugen könnte, wie unschätzbar das Pferd wegen seiner ganz einzigen Eigenschaft sei. Aus dieser Rücksicht wünschte er, daß ich es in Augenschein nehmen, es besteigen und selber einen Versuch damit machen möchte.

Meinem Vater zu Gefallen stieg ich auf das Pferd, und sobald ich darauf war, so machte ich es ganz so, wie ich es den Indier hatte machen sehen, um sich mit dem Pferde emporzuschwingen, ohne weiter mir irgend eine Anweisung von ihm geben zu lassen, und augenblicklich ward ich in die Lüfte mit einer Schnelligkeit emporgeführt, die weit größer war als die eines Pfeiles, der von dem stärksten und geübtesten Bogenschützen emporgeschnellt wird.

 

Dreihundertundsechsundneunzigste Nacht.

Binnen kurzer Zeit war ich so weit von der Erde entfernt, daß ich keinen Gegenstand mehr zu unterscheiden vermochte, und es kam mir vor, als wäre ich schon so nahe am Himmelsgewölbe, daß ich bereits fürchtete, ich würde mir den Kopf daran zerstoßen.

Bei der reißend schnellen Bewegung, womit ich emporgeführt wurde, war ich lange Zeit wie außer mir und außerstande, auf die gegenwärtige Gefahr zu achten, welcher ich in mehr als einer Hinsicht ausgesetzt war. Ich wollte den Wirbel, den ich anfangs gedreht, wieder rückwärts drehen, aber ich sah davon nicht die Wirkung, die ich erwartet hatte. Das Pferd fuhr noch immer fort, mich zum Himmel emporzutragen und mich so immer mehr von der Erde zu entfernen. Ich bemerkte endlich einen andern Wirbel und drehte ihn, und das Pferd begann nun, anstatt noch mehr zu steigen, sich zur Erde herabzusenken, und da ich mich sehr bald im Dunkel der Nacht befand und es unmöglich war, das Pferd so zu lenken, daß es mich an einen Ort niedersetzte, wo für mich keine Gefahr vorhanden war, so hielt ich den Zügel ganz locker und stellte mein Schicksal ganz dem Willen Gottes anheim.

Das Pferd erreichte endlich den Boden, ich stieg ab, untersuchte den Ort und befand mich auf dem Stufendache dieses Palastes. Ich bemerkte die Tür zu einer Treppe, welche halb offen stand, ich stieg ohne Geräusch hinab, und eine offene Tür mit einem matten Lichtschimmer war vor mir. Ich steckte den Kopf hinein, und da ich schlafende Verschnittene darin sah und dahinter ein helles Licht, welches durch einen Türvorhang schimmerte, so gab mir die dringende Not, worin ich mich befand, ungeachtet der unvermeidlichen Gefahr, die mir bevorstand, wenn die Verschnittenen erwachten, die Kühnheit, ich möchte sagen, die Verwegenheit ein, ganz leise vorwärts zu gehen und den Türvorhang zu öffnen.

Es ist nicht nötig, Prinzessin, Euch noch das übrige zu erzählen; Ihr wißt es ja selber. Es bleibt mir bloß noch übrig, Euch für Eure Güte und Großmut zu danken und Euch zu bitten, mir anzuzeigen, wodurch ich Euch meine Erkenntlichkeit für eine so große Wohltat dergestalt an den Tag legen kann, daß Ihr damit zufrieden seid. Da ich dem Völkerrecht zufolge ohnehin bereits Euer Sklave bin, und da ich Euch also meine Person nicht mehr anbieten kann, so bleibt mir nur noch mein Herz anzubieten übrig. Doch was sage ich? Mein Herz gehört mir ja nicht mehr, Ihr habt es mir bereits durch Eure bezaubernden Reize entrissen, und anstatt es von Euch zurückzuverlangen, überlasse ich es Euch mit Freuden. Erlaubet mir daher, Euch zu erklären, daß ich Euch ebensosehr für die Gebieterin meines Herzens als meines Willens anerkenne.«

Diese letzten Worte sprach der Prinz mit einem Ton und mit einer Miene, welche die Prinzessin von Bengalen über die Wirkung, welche ihre Reize hervorgebracht, keinen Augenblick in Zweifel ließen. Sie nahm übrigens an der Erklärung des Prinzen, als zu übereilt, keinen Anstoß, und die Röte, die ihr darüber ins Gesicht stieg, machte sie in den Augen des Prinzen nur noch schöner und liebenswürdiger.

Als der Prinz von Persien seine Rede geendigt hatte, nahm die Prinzessin von Bengalen das Wort und sprach:

»Prinz, wenn Ihr mir einerseits durch Erzählung der seltsamen und wunderbaren Dinge, die ich soeben vernommen, viel Vergnügen gemacht habt, so konnte ich andererseits nicht ohne Entsetzen Euch in der höchsten Region der Luft schwebend denken, und obwohl ich so glücklich bin, Euch gesund und lebend vor mir zu sehen, so habe ich doch nicht eher zu zittern aufgehört, als bis Ihr mir erzähltet, daß das Pferd des Indiers Euch so glücklicher Weise auf das Terrassendach meines Palastes niedergesetzt habe. Dasselbe konnte ja ebensogut an tausend anderen Orten geschehen; indes ich freue mich, daß der Zufall mir den Vorzug und die Gelegenheit gegeben hat, Euch kennen zu lernen. Derselbe Zufall hätte Euch leicht anderswohin führen können, allein nirgends würdet Ihr lieber gesehen sein als hier.

Darum, mein Prinz, würde ich mich für sehr empfindlich beleidigt halten müssen, wenn ich glauben könnte, daß Ihr den Gedanken, als wäret Ihr mein Sklave, im Ernst geäußert hättet, und wenn ich ihn nicht vielmehr Eurer Höflichkeit als Eurer innern aufrichtigen Gesinnung zuschreiben müßte. Die Aufnahme, die Ihr gestern bei mir fandet, wird Euch hinlänglich gezeigt haben, daß Ihr hier ebenso frei seid als mitten am Hofe von Persien.

Was Euer Herz betrifft,« fuhr die Prinzessin von Bengalen in einem Tone fort, worin eben nichts Zurückweisendes lag, »so bin ich überzeugt, daß Ihr nicht bis jetzt gewartet haben werdet, um darüber zu verfügen, und daß Eure Wahl gewiß nur auf eine solche Prinzessin gefallen ist, die es verdient; es würde mir daher sehr leid tun, wenn ich Euch Anlaß geben sollte, eine Untreue an ihr zu begehen.«

Der Prinz Firus Schach wollte der Prinzessin beteuern, daß er mit noch freiem Herzen von Persien hierher gekommen sei; allein in dem Augenblick, wo er das Wort nehmen wollte, meldete eine von den Frauen der Prinzessin, daß das Mittagessen aufgetragen sei.

Diese Unterbrechung befreite den Prinzen und die Prinzessin von einer Erklärung, die beide auf gleiche Weise in Verlegenheit gesetzt haben würde, und deren sie doch nicht weiter bedurften. Die Prinzessin von Bengalen war nämlich von der Aufrichtigkeit des Prinzen von Persien vollkommen überzeugt, und was den Prinzen betrifft, so schloß er, obwohl die Prinzessin sich nicht weiter erklärt hatte, dennoch aus ihren Worten und aus dem geneigten Wesen, womit sie ihn angehört hatte, daß er alle Ursache habe, mit seinem Glück zufrieden zu sein.

Da die Kammerfrau der Prinzessin bereits den Türvorhang offen hielt, so sagte die Prinzessin von Bengalen, indem sie aufstand, zu dem Prinzen von Persien, der dasselbe tat: sie pflege sonst nicht so frühzeitig zu Mittag zu speisen, indes da sie befürchte, daß man ihm gestern eine sehr schlechte Abendmahlzeit vorgesetzt, so habe sie das Mittagessen früher als gewöhnlich auftragen lassen. Mit diesen Worten führte sie ihn in einen prächtigen Saal, wo die Tafel gedeckt und mit einer Fülle der trefflichsten Speisen besetzt war. Sie setzten sich zur Tafel, und sobald sie Platz genommen hatten, begannen die Sklavinnen der Prinzessin, die in großer Zahl, alle sehr schön und reich gekleidet, dastanden, ein anmutiges Konzert von Singstimmen und Instrumenten, das die ganze Mahlzeit über dauerte.

Da das Konzert sehr mild und sanft und überhaupt so ausgeführt wurde, daß es den Prinzen und die Prinzessin nicht weiter an der Unterhaltung hinderte, so ging ein großer Teil der Zeit damit hin, daß die Prinzessin dem Prinzen vorlegte und ihn zum Essen aufforderte, während andrerseits der Prinz der Prinzessin immer das Beste vorzulegen suchte, um ihr in Worten und Manieren zuvorzukommen, welches ihm denn neue Artigkeiten und Verbindlichkeiten von seiten der Prinzessin zuzog, und in diesem gegenseitigen Austausch von Artigkeiten und Aufmerksamkeiten machte die Liebe nach beiden Seiten hin größere Fortschritte, als es bei einer absichtlichen Zusammenkunft unter vier Augen der Fall gewesen sein würde.

Endlich standen beide von der Tafel auf. Die Prinzessin führte den Prinzen von Persien in ein großes, prächtig gebautes, mit Gold und Himmelblau symmetrisch verziertes und reich ausgeschmücktes Gemach. Sie setzten sich darin aufs Sofa, welches eine sehr anmutige Aussicht nach dem Garten des Palastes hatte, den der Prinz Firus Schach um der mannigfaltigen Blumen, Gebüsche und Bäume willen bewunderte, die von den in Persien gewöhnlichen ganz verschieden waren und ihnen an Schönheit nichts nachgaben.

»Prinzessin,« sagte der Prinz, »ich glaubte sonst, es gäbe auf der Welt nirgends außer Persien prächtige Paläste und bewundernswürdige Gärten, die der Majestät von Königen würdig wären, indes ich sehe, daß überall, wo große Könige sind, sie sich Wohnungen zu erbauen wissen, die ihrer Größe und Macht angemessen sind, und wenn auch in der Bauart derselben und in anderen Nebensachen einige Verschiedenheit obwaltet, so sind sie doch in der Größe und in der Pracht einander ähnlich.«

»Prinz,« erwiderte die Prinzessin von Bengalen, »da ich von den Palästen Persiens keinen Begriff habe, so kann ich auch nicht über Eure Vergleichung derselben mit dem meinigen urteilen und Euch meine Ansicht darüber sagen; allein wie aufrichtig Ihr auch immer sein möget, so kann ich mich doch kaum überreden, daß diese Vergleichung ganz richtig ist. Erlaubet mir daher zu glauben, daß Eure Höflichkeit einen großen Anteil daran hat. Gleichwohl will ich meinen Palast vor Euch nicht gerade verachten, denn Ihr habet einen zu guten Geschmack, als daß Ihr nicht ein richtiges Urteil darüber fällen solltet; allein ich versichere Euch, daß ich ihn nur höchst mittelmäßig finde, wenn ich ihn mit dem Palaste des Königs, meines Vaters, vergleiche, welcher diesen hier an Größe, Schönheit und Reichtum weit übertrifft. Ihr selbst mögt mir sagen, was Ihr davon denkt, wenn Ihr denselben gesehen haben werdet. Denn da der Zufall Euch einmal in die Hauptstadt dieses Reiches geführt hat, zweifle ich nicht, daß Ihr nicht auch den König, meinen Vater, gern sehen und begrüßen möchtet, damit er Euch die Ehre erweise, die einem Prinzen von Eurem Range und Verdienst gebühret.«

 

Dreihundertundsiebenundneunzigste Nacht.

Indem die Prinzessin in dem Prinzen von Persien die Neugierde rege machte, den Königspalast von Bengalen zu sehen und darin den König, ihren Vater, zu begrüßen, so hoffte sie, daß, wenn es ihr gelänge, ihr Vater beim Anblick eines so wohlgebildeten, klugen, vollkommenen und mit den vorzüglichsten Eigenschaften ausgestatteten Prinzen sich vielleicht entschließen würde, ihm eine Heiratsverbindung anzutragen und ihm sie selber zur Gemahlin vorzuschlagen; und da sie außerdem überzeugt war, daß sie dem Prinzen von Persien nicht gleichgültig sei, und daß dieser eine solche Verbindung nicht ablehnen würde, so hoffte sie, auf diesem Wege zum Ziel ihrer Wünsche zu gelangen und dabei zugleich jenen Wohlanstand zu beobachten, der einer Prinzessin, die in allem ganz von dem Willen ihres königlichen Vaters abhängig erscheinen wollte, zu beobachten geziemt. Doch der Prinz von Persien antwortete ihr über diesen Punkt nicht ganz so, wie sie es erwartet hatte.

»Prinzessin,« erwiderte er, »Eurer Versicherung zufolge zweifle ich keinen Augenblick, daß der Palast des Königs von Bengalen den Vorzug vor dem Eurigen verdient. Was Euren Vorschlag betrifft, daß ich Eurem königlichen Vater meine Aufwartung machen solle, so würde ich mir nicht bloß ein Vergnügen, sondern selbst eine große Ehre daraus machen, ihn in Ausführung zu bringen. Indes, Prinzessin, Ihr möget hierin selber entscheiden. Würdet Ihr mir wohl raten, vor der Majestät eines so großen Fürsten wie ein bloßer Abenteurer ohne Gefolge und die für meinen Stand erforderliche Begleitung zu erscheinen?«

»Prinz,« antwortete die Prinzessin, »das darf Euch keine Unruhe machen, Ihr dürft hier bloß wollen, und es wird Euch nicht an Gelde fehlen, um Euch ein so großes Gefolge anzuschaffen, als Euch beliebt; ich selbst will es Euch herbeischaffen. Wir haben hier Kaufleute von Eurer Nation in sehr großer Anzahl, und Ihr dürft bloß bestimmen, wieviel Euch erforderlich scheint, um Euch einen sehr anständigen Hofstaat zu bilden.«

Der Prinz Firus Schach erriet die Absicht der Prinzessin von Bengalen, und der sichtbare Beweis, den sie ihm von ihrer Liebe gab, erhöhte die Leidenschaft, die er bereits für sie gefaßt hatte; indes wie heftig diese auch war, so ließ sie ihn doch nicht seine Pflicht vergessen. Er antwortete ihr also ohne Bedenken:

»Prinzessin, ich würde Euer höfliches Anerbieten, wofür ich Euch nicht genug danken kann, herzlich gern annehmen, wofern mich die Unruhe, worin sich mein königlicher Vater wegen meiner Entfernung befinden muß, nicht daran durchaus hinderte. Ich würde der Güte und Zärtlichkeit, die er stets gegen mich bewiesen, unwürdig sein, wenn ich nicht sogleich zurückkehrte und mich zu ihm begäbe, um seine Unruhe zu stillen. Ich kenne ihn und bin überzeugt, daß, während ich das Glück gehabt, der Unterhaltung mit einer so liebenswürdigen Prinzessin zu genießen, er in die tödlichste Betrübnis versunken ist und jede Hoffnung, mich wiederzusehen, aufgegeben hat. Ich hoffe, Ihr werdet so gerecht sein, von mir zu glauben, daß ich nicht wohl, ohne undankbar und strafbar zu sein, es aufschieben kann, ihm durch meine Wiedererscheinung das Leben wiederzugeben, welches ein längerer Aufschub meiner Rückkehr ihm leicht für immer rauben könnte.

Nachdem dies geschehen sein wird, Prinzessin,« fuhr der Prinz von Persien fort, »und Ihr mich dann noch für würdig achtet, um nach dem Glück einer Verbindung mit Euch streben zu können, so werde ich, da mein Vater mich stets versichert hat, er werde mich in der Wahl einer Gemahlin nie zwingen, ohne Mühe von ihm die Erlaubnis erhalten, hierher zurückzukehren, nicht als Unbekannter, sondern als Prinz, und in seinem Namen den König von Bengalen zu bitten, durch eine Heiratsverbindung zwischen uns ein Bündnis mit ihm zu schließen. Ich bin überzeugt, daß er selber den ersten Schritt dazu tun wird, sobald ich ihm die Großmut gemeldet haben werde, womit Ihr mich in meinem Unfall aufgenommen habt.«

Bei der Art und Weise, womit sich der Prinz von Persien hierüber erklärte, war die Prinzessin von Bengalen zu vernünftig, um noch weiter in ihn zu dringen, daß er sich dem Könige von Bengalen zeigen oder irgend etwas, das seiner Ehre und Pflicht zuwiderliefe, tun möchte, allein sie war wegen seiner baldigen Abreise, die er vorhatte, sehr bekümmert, und sie fürchtete, daß, wenn er so bald wieder von ihr Abschied nähme, er, anstatt sein ihr getanes Versprechen zu halten, es vielmehr, sobald er sie nicht mehr sähe, gänzlich vergessen würde. Um ihn davon abzubringen, sagte sie zu ihm:

»Prinz, indem ich Euch den Vorschlag machte, Euch in die gehörige Verfassung zu setzen, um den König, meinen Vater, sehen und sprechen zu können, war es nicht meine Absicht, einer so gegründeten Einwendung, als Ihr mir soeben machtet, und die ich nicht voraussehen konnte, zu widersprechen. Ich würde mich selber an dem Vergehen mitschuldig machen, das Ihr dann begehen würdet, wofern ich auch nur den geringsten Gedanken daran gehabt hätte; indes ich kann es nicht bewilligen, daß Ihr so bald schon an Eure Rückreise denket, wie es doch der Fall zu sein scheint. Erweiset mir auf meine Bitte wenigstens den Gefallen, Euch noch so viel Frist zu gestatten, um Euch hier umsehen zu können, und da einmal mein Glücksstern gewollt hat, daß Ihr gerade in das Königreich Bengalen und nicht mitten in eine Wüste oder auf den Gipfel eines steilen Gebirges, von wo kein Hinabweg möglich ist, gelangt seid, so fordere ich Euch auf, Euch doch wenigstens hier so lange aufzuhalten, um von hier einige umständlichere Nachrichten an den persischen Hof zurückzubringen.«

Diese Äußerungen der Prinzessin von Bengalen bezweckten weiter nichts, als daß der Prinz Firus dadurch, daß er sich etwas länger in ihrer Umgebung aufhielte, allmählich für ihre Reize noch leidenschaftlicher eingenommen würde. Sie hoffte zugleich, daß dadurch sein brennendes Verlangen, nach Persien zurückzukehren, sich etwas abkühlen und er sich zuletzt entschließen würde, öffentlich zu erscheinen und sich dem Könige von Bengalen vorzustellen. Der Prinz von Persien konnte nach dem günstigen Empfang und der Aufnahme, die er bei ihr gefunden, ihr nicht füglich die Gefälligkeit, die sie von ihm verlangte, abschlagen. Er war so artig, ihr dies zu bewilligen, und die Prinzessin dachte von nun an bloß darauf, ihm seinen Aufenthalt durch alle nur erdenklichen Vergnügungen so angenehm als möglich zu machen.

Mehrere Tage nacheinander gab es nun nichts als Feste, Bälle, Konzerte, glänzende Gastmahle oder köstliche Zwischenmahlzeiten oder Jagden im Tiergarten des Schlosses, worin es alle Arten von Rotwild, Hirsche, Hinden, Damhirsche, Rehböcke und dergleichen in Bengalen einheimische Tiere gab, deren Jagd gefahrlos war und der Prinzessin besonders zusagte.

Am Schluß jeder Jagd pflegten der Prinz und die Prinzessin an irgend einer Stelle des Tiergartens zusammenzutreffen, wo man für sie einen großen Teppich mit Polsterkissen ausbreitete, damit sie desto bequemer sitzen konnten. Während sie nun hier ihre Lebensgeister erfrischten und sich von der heftigen Anstrengung, die sie gehabt, wieder zu erholen suchten, unterhielten sie sich über allerlei Gegenstände. Vor allen Dingen suchte die Prinzessin geflissentlich das Gespräch auf die Größe, die Macht, die Reichtümer und die Regierung Persiens hinzulenken, damit sie von den Äußerungen des Prinzen ihrerseits Anlaß nehmen könnte, mit ihm von dem Königreich Bengalen und dessen Vorzügen zu sprechen und dadurch ihn zu einem längeren verweilen darin zu bewegen; allein es erfolgte gerade das Gegenteil von dem, was sie sich vorgesetzt hatte.

Der Prinz von Persien machte ihr wirklich ohne alle Übertreibung eine so vorteilhafte Schilderung von der Größe des persischen Reiches, von dessen Pracht und Überfluß, von dessen Kriegsmacht und Land- und Seehandel bis in die entferntesten und unbekanntesten Länder und von der Menge der großen Städte darin, die fast ebenso bevölkert waren als seine Residenzstadt, wo er selber vollständig eingerichtete Paläste besaß, die er je nach den verschiedenen Jahreszeiten bewohnen und somit eines ewigen Frühlings genießen konnte, daß die Prinzessin, noch ehe er seine Schilderung geendigt hatte, das Königreich Bengalen als dem persischen Reiche weit nachstehend betrachtete. Dies ging so weit, daß, als er nach Endigung seiner Erzählung sie um eine Schilderung der Vorzüge des Reiches von Bengalen bat, sie sich erst nach inständigen Bitten von seiten des Prinzen dazu entschließen konnte.

Die Prinzessin erfüllte also dem Prinzen diesen Wunsch, allein indem sie mehrere entschiedene Vorzüge, die das Königreich Bengalen vor dem persischen Reiche offenbar voraushatte, in den Schatten zu stellen suchte, ließ sie ihn so deutlich ihre Neigung merken, ihn dahin zu begleiten, daß er wohl abnehmen konnte, sie würde gleich bei dem ersten Antrage, den er ihr in dieser Hinsicht machen würde, sogleich einwilligen. Indes er hielt es nicht für angemessen, dies früher zu tun, als bis er aus Gefälligkeit so lange bei ihr gewesen sein würde, daß sie nicht wohl, ohne das größte Unrecht zu begehen, ihn noch länger bei sich festhalten oder hindern konnte, seiner unerläßlichen Pflicht Genüge zu leisten und sich zu seinem königlichen Vater zurückzubegeben.

 

Dreihundertundachtundneunzigste Nacht.

Zwei volle Monate hindurch überließ sich der Prinz Firus Schach ganz dem Willen der Prinzessin von Bengalen, indem er bei allen Lustbarkeiten erschien, die sie nur irgend ersann und ihm zu Ehren geben mochte, als hätte er hinfort nichts weiter zu tun, als mit ihr auf diese Weise sein Leben hinzubringen. Sobald indes diese Zeitfrist verstrichen war, erklärte er ihr ganz ernsthaft, daß er schon zu lange seine Pflicht versäumt habe und sie nunmehr um die Erlaubnis bitten müsse, dieselbe erfüllen zu dürfen, indem er ihr nochmals das Versprechen wiederholte, daß er unverzüglich, und zwar in einem ihrer und seiner würdigen Aufzuge, wiederkommen und bei dem Könige von Bengalen um ihre Hand anhalten würde.

»Prinzessin,« fügte der Prinz hinzu, »meine Worte mögen Euch vielleicht Verdacht erregen, und auf meine Bitte um die erwähnte Erlaubnis mögt Ihr mich vielleicht schon in die Reihe jener treulosen Liebenden gestellt haben, die den Gegenstand ihrer Liebe vergessen, sobald sie von ihm entfernt sind; indes zum Beweise der Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit meiner Liebe zu einer so liebenswürdigen Prinzessin, als Ihr seid, die mich, wie ich nicht mehr zweifeln darf, wiederliebt, würde ich es wagen, um die Erlaubnis zu bitten, Euch mitnehmen zu dürfen, wenn ich nicht fürchten müßte, daß Ihr mein Begehren als eine Beleidigung aufnehmen könntet.«

Da der Prinz Firus Schach bemerkte, daß die Prinzessin bei diesen letzten Worten errötete und ohne das mindeste Zeichen von Unwillen bei sich hin und her schwankte, welchen Entschluß sie fassen sollte, so fuhr er fort:

»Prinzessin, was die Einwilligung des Königs, meines Vaters, und den Empfang, mit dem er Euch in seine Familienverbindung aufnehmen wird, anbetrifft, so kann ich Euch vollkommen darüber beruhigen. Was aber den König von Bengalen betrifft, so müßte er nach all den Beweisen von Zärtlichkeit, Freundschaft und Achtung, die er Euch stets erwiesen und noch erweiset, ein ganz anderer sein, als Ihr mir ihn geschildert habt, das heißt, er müßte ein Feind Eurer Ruhe und Eures Glücks sein, wenn er die Gesandtschaft, die mein königlicher Vater an ihn senden wird, um seine Genehmigung zu unserer Vermählung zu erhalten, nicht wohlwollend aufnehmen sollte.«

Die Prinzessin von Bengalen antwortete auf diese Äußerung des Prinzen weiter nichts; doch ihr Stillschweigen und ihre zur Erde gesenkten Augen verrieten deutlicher als jede Erklärung, daß sie keine Abneigung dagegen habe, ihn nach Persien zu begleiten, und daß sie darein willige. Die einzige Schwierigkeit, die sie noch an der Sache zu finden schien, bestand darin, daß der Prinz von Persien noch nicht genug geübt sei, um das Pferd lenken zu können, und daß sie fürchtete, mit ihm wieder in dieselbe Verlegenheit zu geraten, als die war, da er allein den Versuch gemacht hatte. Indes der Prinz Firns Schach wußte ihr so gut diese Furcht zu benehmen, indem er sie überzeugte, daß sie sich ihm ganz anvertrauen und daß er seit dem letzten Vorfalle es mit dem Indier selber in Lenkung des Pferdes aufnehmen könne, so daß sie von nun an bloß darauf dachte, mit ihm so geheime Maßregeln für ihre Abreise zu treffen, daß niemand von ihrem Plane das mindeste ahnen könnte.

Es gelang, und schon am folgenden Morgen kurz vor Tagesanbruch, während ihr ganzer Palast noch im tiefsten Schlafe lag, begab sie sich mit dem Prinzen auf die Terrasse, und dieser wendete das Pferd nach der Gegend von Persien hin und stellte es so, daß die Prinzessin sich mit Leichtigkeit auf das Hinterkreuz desselben setzen konnte. So stieg er zuerst hinauf, und nachdem die Prinzessin zu größerer Sicherheit seine Hand erfaßt und sich mit aller Bequemlichkeit hinter ihn gesetzt und ihm angezeigt hatte, daß er jetzt aufbrechen könnte, drehte er denselben Wirbel, den er vormals in der Hauptstadt von Persien herumgedreht, und das Pferd führte sie in die Lüfte empor.

Das Pferd eilte mit der gewohnten Schnelligkeit, und der Prinz Firus Schach lenkte es so, daß er etwa binnen dritthalb Stunden die Hauptstadt Persiens erblickte. Er stieg weder auf dem großen Platze, von wo er abgegangen war, noch in dem Palaste des Sultans, sondern in einem Lustschlosse ab, das nicht weit von der Stadt entfernt war. Hier führte er die Prinzessin in das schönste Zimmer und sagte ihr, daß er, um ihr die gebührenden Ehrenbezeigungen zu verschaffen, den Sultan, seinen Vater, von ihrer Ankunft benachrichtigen gehen und daß sie ihn nach kurzer Frist wiedersehen würde, unterdes aber gebe er dem Kastellan des Schlosses, der zugegen war, Befehl, es ihr an keiner Sache, deren sie irgend bedürfen würde, fehlen zu lassen.

Nachdem der Prinz die Prinzessin in ihrem Zimmer verlassen hatte, befahl er dem Kastellan, ihm ein Pferd satteln zu lassen. Das Pferd wurde ihm herbeigeführt, er schwang sich hinauf, und nachdem er den Kastellan zur Prinzessin zurückgeschickt hatte mit dem Befehl, ihr vor allen Dingen aufs schleunigste Frühstück vorsetzen zu lassen, ritt er von dannen. Unterwegs und in den Straßen der Stadt, durch die er reiten mußte, um nach dem Palaste zu gelangen, wurde er von dem Volke, das seit seinem Verschwinden bereits gezweifelt hatte, ihn je wiederzusehen, und dessen Traurigkeit sich jetzt in Freude verwandelte, mit lautem Beifallruf begrüßt. Der Sultan, sein Vater, hielt eben eine öffentliche Sitzung, als er in der Mitte der ganzen Ratsversammlung, die so wie der Sultan seit jenem Tage seines Verschwindens Trauer angelegt hatte, plötzlich erschien. Der Sultan umarmte ihn beim Empfange mit Tränen der Freude und der Zärtlichkeit und fragte ihn neugierig, was aus dem Pferde des Indiers geworden sei.

Die Frage veranlaßte den Prinzen, dem Sultan, seinem Vater, die Verlegenheit und Gefahr, worin er sich befunden, als ihn das Pferd in die Lüfte geführt hatte, zu erzählen, ferner, wie er sich aus derselben gezogen und sodann in das Schloß der Prinzessin von Bengalen gelangt sei, welche gute Aufnahme er daselbst gefunden, aus welchem Grunde er sich länger, als ihm geziemte, bei ihr aufgehalten, wie gefällig sie sich gegen ihn bewiesen, und wie sie sich zuletzt sogar von ihm hatte bewegen lassen, ihn nach Persien zu begleiten, nachdem sie ihm ihre Hand versprochen.

»Und Herr,« so schloß der Prinz seinen Bericht, »nachdem ich ihr ebenfalls versprochen, daß Ihr mir Eure Einwilligung nicht versagen würdet, habe ich sie auf dem Pferde des Indiers mit hierher gebracht. Sie wartet in einem der Lustschlösser Euer Majestät, wo ich sie gelassen habe, bloß auf die Nachricht, daß mein ihr gegebenes Versprechen kein leeres gewesen.«

Bei diesen Worten warf sich der Prinz vor dem Sultan, seinem Vater, nieder, um ihn zu erweichen; doch dieser hielt ihn davon zurück, umarmte ihn nochmals und sagte:

»Mein Sohn, ich genehmige nicht bloß deine Vermählung mit der Prinzessin von Bengalen, sondern ich will ihr auch sogar persönlich meinen Besuch abstatten, ihr für das, was ich ihr schuldig bin, meinen Dank abstatten, sie in meinen Palast hierher führen und noch heute die Hochzeit feiern.«

Nachdem der Sultan wegen seines Besuchs, den er der Prinzessin von Bengalen abstatten wollte, die nötigen Befehle erlassen, befahl er sofort, daß man die Trauerkleider ablegen und die öffentlichen Lustbarkeiten durch den Klang von Pauken, Trompeten und Trommeln und anderer kriegerischer Musik beginnen sollte, zugleich befahl er, den Indier aus dem Gefängnis herauszulassen und vor ihn zu führen.

Der Indier ward herbeigeführt und ihm vorgestellt. Der Sultan sagte zu ihm:

»Ich hatte mich deiner Person versichern lassen, damit dein Leben, obwohl dies Opfer weder meinem Zorn noch meiner Betrübnis genügt haben würde, mir für das Leben meines Sohnes Bürgschaft leisten möchte. Danke Gott dafür, daß ich ihn jetzt wiedergefunden habe. Geh, nimm dein Pferd wieder und laß dich nie mehr vor mir blicken.«

Als der Indier sich von dem Angesicht des Sultans entfernt und von denen, die ihn aus dem Gefängnis gelassen, erfahren hatte, daß der Prinz Firus Schach zurückgekehrt sei und die Prinzessin auf seinem Zauberpferde mitgebracht habe, ferner, an welchem Orte er abgestiegen und sie zurückgelassen, und daß der Sultan bereits Anstalten träfe, sie abzuholen und sie nach seinem Palaste zu führen, säumte er nicht, ihm und dem Prinzen zuvorzukommen. Er begab sich eiligst und ohne Zeit zu verlieren nach dem Lustschlosse, wendete sich an den Kastellan und sagte ihm, er käme im Namen des Sultans und des Prinzen von Persien, um die Prinzessin von Bengalen hinter sich aufs Pferd zu nehmen und sie durch die Luft zu dem Sultan zu führen, der – wie er versicherte – auf dem Platze vor seinem Palaste sie erwartete, um sie zu empfangen und seinem Hofe und der Stadt Schiras dies Schauspiel zu geben.

Der Indier war dem Kastellan nicht unbekannt, welcher wußte, daß der Sultan ihn hatte verhaften lassen, und der Kastellan machte umsoweniger Schwierigkeit, seinen Worten Glauben beizumessen, da er ihn in Freiheit sah. Er stellte sich nun der Prinzessin von Bengalen vor, und diese hatte kaum vernommen, daß er insbesondere im Namen des Prinzen käme, als sie auch schon einwilligte, den Wunsch des Prinzen – wie sie glaubte – zu erfüllen.

Der Indier freute sich innerlich über die Leichtigkeit, womit ihm die Ausführung seines boshaften Planes gelang, stieg aufs Pferd, hob die Prinzessin mit Hilfe des Kastellans hinter sich auf dasselbe, drehte den Wirbel, und sogleich führte das Pferd ihn und die Prinzessin hoch in die Lüfte empor.

 

Dreihundertundneunundneunzigste Nacht.

In demselben Augenblick kam der Sultan von Persien in Begleitung seines ganzen Hofes aus seinem Palaste, um sich nach dem Lustschlosse zu begeben, und der Prinz von Persien eilte soeben voraus, um die Prinzessin von Bengalen auf den Empfang vorzubereiten, als der Indier absichtlich mit seiner Beute über die Stadt hinschwebte, um gleichsam dem Sultan und dem Prinzen Trotz zu bieten und sich für die ungerechte Behandlung, die er erlitten, zu rächen.

Als der Sultan von Persien den Entführer bemerkte, den er bald erkannte, so machte er mit umso größerer Bestürzung halt, da es unmöglich war, jenen für die entsetzliche Beschimpfung, die er ihm so vor aller Augen antat, irgend zu züchtigen. Er stieß nebst seinen Hofleuten und allen denen, welche Zeugen einer so ausgezeichneten Unverschämtheit und einer so beispiellosen Bosheit waren, tausend Verwünschungen gegen ihn aus. Doch der Indier ließ durch diese Schmähungen, deren dumpfer Laut bis zu ihm hinaufdrang, sich nicht im mindesten rühren, sondern setzte seine Reise fort, während der Sultan von Persien in seinen Palast zurückkehrte, voll der tödlichsten Kränkung darüber, daß er eine so abscheuliche Beleidigung erleiden und den Urheber derselben zu bestrafen außerstande sein sollte.

Indes wie groß war erst die Betrübnis des Prinzen Firus Schach, als er mit eigenen Augen, ohne es im geringsten hindern zu können, sehen mußte, wie der Indier ihm die Prinzessin von Bengalen entführte, die er so leidenschaftlich liebte, daß er nicht mehr ohne sie zu leben vermochte. Bei diesem Anblick, auf den er gar nicht gefaßt war, blieb er wie starr und unbeweglich. Doch ehe er noch überlegt hatte, ob er in die heftigsten Schmähworte gegen den Indier ausbrechen oder das traurige Los der Prinzessin beklagen oder sie um Verzeihung bitten solle wegen der zu wenigen Vorsicht, womit er für sie gesorgt, die sich ihm so ganz auf eine Weise hingegeben hatte, die ihre Liebe zu ihm genugsam bewies – hatte das Pferd, welches die beiden mit unglaublicher Schnelligkeit davontrug, sie bereits seinen Augen entzogen. Was sollte er nun tun? Sollte er in den Palast des Sultans, seines Vaters, zurückkehren, sich in sein Zimmer verschließen und sich in seine Betrübnis versenken, ohne einen Schritt zur Verfolgung des Entführers zu tun, um die Prinzessin aus seinen Händen zu befreien und ihn nach Gebühr zu bestrafen? Sein Edelsinn, seine Liebe, sein Mut ließen dies nicht zu, und er setzte also seinen Weg nach dem Lustschlosse fort.

Bei seiner Ankunft trat ihm der Kastellan, der seine Leichtgläubigkeit und, daß ihn der Indier hintergangen, nunmehr einsah, mit Tränen in den Augen entgegen, warf sich ihm zu Füßen, klagte sich selber des Verbrechens an, das er begangen zu haben vermeinte, und verurteilte sich selber zum Tode, den er von der Hand des Prinzen erwartete.

»Steh auf,« sagte der Prinz zu ihm, »nicht dir lege ich die Entführung der Prinzessin zur Last, sondern mir allein und meiner Einfalt. Geh jetzt, ohne Zeit zu verlieren, und suche mir ein Derwischkleid, doch hüte dich, jemandem zu sagen, daß es für mich ist.«

Nicht weit von dem Lustschlosse lag ein Derwischkloster, dessen Scheich oder Oberer ein Freund des Kastellans war. Der Kastellan ging zu diesem, vertraute ihm fälschlicherweise, ein bedeutender Hofbeamter, dem er große Verbindlichkeiten schuldig, sei in Ungnade gefallen, und er wünsche ihm gern dazu behilflich zu sein, daß er sich dem Zorne des Sultans entziehen könne, und so bekam er denn ohne Schwierigkeit, was er wollte, und brachte dem Prinzen Firus Schach eine vollständige Derwischkleidung. Der Prinz legte sofort seine Kleidung ab und zog diese an. Nachdem er sich nun so verkleidet und für seine Ausgaben und Reisebedürfnisse sich mit einer Schachtel voll Perlen und Diamanten, die er eigentlich zu einem Geschenk für die Prinzessin von Bengalen bestimmt gehabt, versehen hatte, entfernte er sich bei Anbruch der Nacht aus dem Lustschlosse, ohne zu wissen, welchen Weg er einschlagen solle, doch fest entschlossen, nicht eher zurückzukehren, als bis er seine Prinzessin gefunden hätte und sie wieder zurückbrächte.

Um indes wieder auf den Indier zurückzukommen, so lenkte dieser das Zauberpferd dergestalt, daß er noch an demselben Tage sehr zeitig in einem Gehölz nahe an der Hauptstadt des Königreichs Kaschmir anlangte. Da ihn hungerte und er vermutete, daß die Prinzessin von Bengalen wohl ein gleiches Bedürfnis empfinden möchte, so stieg er in diesem Gehölze ab und ließ die Prinzessin daselbst auf einem grünen Rasenplatze an einem sehr kühlen und silberhellen Bache.

Während der Abwesenheit des Indiers hätte die Prinzessin von Bengalen, die sich in der Gewalt eines unwürdigen Entführers sah, dessen Gewalttätigkeit sie fürchtete, sich gern geflüchtet und einen Zufluchtsort aufgesucht, doch da sie am Morgen bei ihrer Ankunft im Lustschlosse nur einen sehr leichten Imbiß zu sich genommen hatte, so fühlte sie sich, als sie ihren Plan ausführen wollte, so schwach, daß sie genötigt war, ihn aufzugeben und sich aus keine weitere Hilfe als auf ihren Mut zu verlassen, doch mit dem festen Entschlusse, lieber den Tod zu erleiden, als sich einer Untreue gegen den Prinzen von Persien schuldig zu machen. Darum ließ sie sich vom Indier zum Essen nicht zweimal nötigen, sondern aß mit und bekam davon so viel Kraft, um dem Indier auf seine unverschämten Reden, die er am Schlusse der Mahlzeit zu führen anfing, mutig zu antworten. Da sie sah, daß der Indier nach einigen Drohungen sich anschickte, ihr Gewalt anzutun, stand sie auf, um Widerstand zu leisten, und stieß ein heftiges Geschrei aus. Dies Geschrei lockte augenblicklich einen Trupp Reiter herbei, die sie und den Indier umringten.

Es war der Sultan des Königreichs Kaschmir, der, mit seinem Gefolge von der Jagd zurückkehrend, zum Glück für die Prinzessin gerade an diesem Orte vorüberritt, und der auf den vernommenen Lärm herbeigeeilt war. Er wandte sich an den Indier mit der Frage, wer er sei, und was für Ansprüche er an die Schöne mache, die er da vor sich sähe. Der Indier antwortete unbesonnenerweise, es sei seine Frau, und der Streit, den er mit ihr habe, gehe niemanden weiter etwas an.

Die Prinzessin, welche weder den Rang noch den Stand dessen kannte, der so zur glücklichen Stunde zu ihrer Befreiung erschien, strafte den Indier Lügen und sagte:

»Gnädiger Herr, wer Ihr auch sein möget, den der Himmel mir zu meiner Rettung sendet, habt Mitleid mit einer Prinzessin und glaubt diesem Betrüger nicht. Gott behüte, daß ich je die Frau eines elenden und verächtlichen Indiers werden sollte. Es ist ein abscheulicher Zauberer, der mich heute dem Prinzen von Persien, dem ich zur Gemahlin bestimmt war, geraubt und mich auf diesem Zauberpferde, welches Ihr da sehet, hierher geführt hat.«

Die Prinzessin von Bengalen bedurfte nicht erst vieler Worte, um den Sultan von Kaschmir zu überzeugen, daß sie die Wahrheit rede. Ihre Schönheit, die Würde ihres ganzen Wesens, ihre Tränen sprachen für sie; sie wollte noch weiter sprechen, allein der Sultan von Kaschmir, der über die Unverschämtheit des Indiers mit Recht ergrimmte, ließ, ohne weiter auf sie zu hören, ihn auf der Stelle umbringen und befahl, daß ihm der Kopf abgehauen werden solle. Dieser Befehl ward um so leichter vollzogen, da der Indier, der diesen Raub gleich bei seinem Heraustritt aus dem Gefängnis begangen, keine Verteidigungswaffen bei sich hatte.

Die Prinzessin von Bengalen war kaum von den Nachstellungen des Indiers befreit, so geriet sie auch schon in andere, die für sie nicht minder betrübend waren. Der Sultan ließ ihr sogleich ein Pferd geben, führte sie nach seinem Palaste, räumte ihr darin das prachtvollste Zimmer nach dem seinigen ein und gab ihr eine große Anzahl von Sklavinnen zur Bedienung sowie auch Verschnittene zu ihrer Bewachung. Er führte sie in dieses Zimmer und sagte daselbst zu ihr, ohne ihr Zeit zu lassen, ihm für diese großen Verpflichtungen zu danken:

»Prinzessin, ich zweifle nicht, daß Ihr Ruhe nötig haben werdet, ich lasse Euch daher jetzt ungestört, um sie zu genießen. Morgen werdet Ihr vielleicht eher imstande sein, mir das Nähere über Euer seltsames Abenteuer zu erzählen.« Mit diesen Worten entfernte er sich.

 

Vierhundertste Nacht.

Die Prinzessin von Bengalen hatte eine unaussprechliche Freude darüber, daß sie in so kurzer Zeit von den Nachstellungen eines Menschen befreit worden war, den sie nur mit Abscheu betrachten konnte, und sie schmeichelte sich mit der Hoffnung, der Sultan werde seiner Großmut die Krone aufsetzen und sie dem Prinzen von Persien wieder zurücksenden, sobald sie ihm erzählt haben würde, inwiefern sie diesem angehöre, und ihn um diese Gnade gebeten haben würde. Allein es fehlte viel, daß diese ihre Hoffnung in Erfüllung gegangen wäre.

Der König von Kaschmir hatte nämlich den Beschluß gefaßt, sich schon den folgenden Tag mit ihr zu vermählen, und hatte schon bei Tagesanbruch durch den Klang von Pauken, Trommeln, Trompeten und anderen Fröhlichkeit erweckenden Instrumenten, die nicht bloß im Palaste, sondern durch die ganze Stadt ertönten, den Anfang der Vermählungslustbarkeiten ankündigen lassen. Die Prinzessin von Bengalen erwachte von dem Lärm dieser rauschenden Musik und schrieb die Ursache desselben eher jedem andern als dem wirklichen Anlaß desselben zu. Doch als der Sultan von Kaschmir, welcher befohlen hatte, es ihm zu melden, sobald sie einen Besuch anzunehmen imstande sein würde, kam und sie besuchte und, nachdem er sich nach ihrem Befinden erkundigt, ihr anzeigte, daß dieser Trompeten- und Paukenklang, den sie höre, die Feier ihrer Hochzeit verkünden solle, und sie zugleich an derselben teilzunehmen bat, so war ihre Bestürzung so groß, daß sie in Ohnmacht fiel.

Die Frauen der Prinzessin, welche zugegen waren, eilten ihr zu Hilfe, und der Sultan selber bot alles auf, um sie wieder zum Leben zu bringen; doch sie blieb lange in diesem Zustande, ehe sie wieder zur Besinnung kam. Endlich kam sie wieder zu sich, und um nun nicht ihr dem Prinzen Firus Schach gegebenes Wort brechen zu dürfen, noch auch in die Vermählung zu willigen, die der Sultan von Kaschmir, ohne sie erst zu fragen, beschlossen hatte, faßte sie den Entschluß, sich zu stellen, als wäre in der Ohnmacht ihr Verstand verwirrt worden. Sie fing nun an, in Gegenwart des Sultans die ungereimtesten Reden zu führen, ja sie stand sogar auf, um auf ihn loszustürzen, so daß der Sultan durch diesen unangenehmen Zufall sehr überrascht und betrübt wurde. Da er sah, daß sie nicht wieder zu Verstande kam, ließ er sie mit ihren Frauen allein, denen er anempfahl, nicht von ihrer Seite zu weichen und die eifrigste Sorge für ihre Person zu tragen. Den ganzen Tag über ließ er sich sehr oft nach ihrem Befinden erkundigen, und jedesmal meldete man ihm entweder, es sei mit ihr noch immer beim alten, oder, das Übel habe zugenommen, anstatt abzunehmen. Das Übel schien am Abend sogar noch heftiger zu werden, als es am Tage gewesen war, und so konnte denn der Sultan diese Nacht nicht das Glück genießen, das er sich versprochen hatte.

Die Prinzessin von Bengalen fuhr mit ihren närrischen Reden und andern Zeichen einer großen Geistesverwirrung nicht bloß den folgenden Tag fort, sondern auch die folgenden Tage ging es ebenso, bis endlich der Sultan von Kaschmir sich genötigt sah, die Ärzte seines Hofes zu versammeln, mit ihnen über diese Krankheit zu sprechen und sie zu fragen, ob sie nicht Mittel dagegen wüßten.

Die Ärzte erwiderten nach einer gemeinsamen Beratung einstimmig, es gebe mehrere Arten und Grade von dieser Krankheit, von denen einige ihrer Natur nach geheilt werden könnten, andere dagegen ganz unheilbar wären, und sie könnten nun nicht wissen, von welcher Art die Krankheit der Prinzessin von Bengalen sei, ohne sie zuvor gesehen zu haben. Der Sultan befahl daher den Verschnittenen, einen nach dem andern, und zwar jeden nach seinem Range, in das Zimmer der Prinzessin einzuführen.

Die Prinzessin, welche dies vorausgesehen hatte und nun befürchtete, daß, wenn sie die Ärzte sich nahe kommen und sich von ihnen an den Puls fühlen ließe, auch der unerfahrenste zuletzt merken würde, daß sie völlig gesund und daß ihre Krankheit bloße Verstellung sei, tat folgendes. Sowie einer zu ihr eintrat, geriet sie in eine so heftige Wut und Abneigung gegen denselben und tat so, als wollte sie ihm, wenn er näher käme, das Gesicht zerkratzen, daß auch nicht ein einziger sich dieser Gefahr auszusetzen wagte.

Einige von denen, die sich für geschickter als andere ausgaben und sich rühmten, Krankheiten beim bloßen Anblick beurteilen zu können, verordneten ihr gewisse Tränke, die sie ohne Schwierigkeit einnahm, da sie ja versichert war, es stände in ihrer Gewalt, sich so lange krank zu stellen, als sie Lust habe und es für nötig erachte, und daß diese Getränke ihr überdies nicht schaden könnten.

 

Vierhundertunderste Nacht.

Als der Sultan von Kaschmir sah, daß die Ärzte seines Hofes in Hinsicht aus die Heilung der Prinzessin nichts ausgerichtet hatten, berief er die seiner Hauptstadt, deren Wissenschaft, Geschicklichkeit und Erfahrung keinen bessern Erfolg hatte. Endlich ließ er die Ärzte aus den übrigen Städten seines Reichs, und zwar diejenigen, welche in ihrem Fache die berühmtesten waren, zu sich berufen. Indes sie fanden bei der Prinzessin keine günstigere Aufnahme als die früheren, und alles, was sie verordneten, blieb ohne Erfolg. Zuletzt fertigte er in die Länder, Reiche und an die Höfe der benachbarten Fürsten Eilboten mit förmlichen Anfragen an die berühmtesten Ärzte ab mit dem Versprechen, daß er diejenigen, die nach seiner Hauptstadt kommen wollten, reichlich bezahlen und den, der die Kranke heilen würde, fürstlich belohnen werde.

Mehrere dieser Ärzte unternahmen wirklich die Reise, doch auch nicht ein einziger konnte sich rühmen, glücklicher gewesen zu sein als die Ärzte des Landes und des Hofes, und kein einziger konnte ihren Verstand wieder zurechtbringen – weil dies überhaupt nicht von ihnen, noch auch von ihrer Kunst, sondern von dem Willen der Prinzessin selber abhing.

In dieser Zwischenzeit hatte der Prinz Firus Schach, als Derwisch verkleidet, mehrere Länder und deren Hauptstädte durchstreift, und zwar, abgesehen von den Beschwerden der Reise, mit umso betrübterem Herzen, da er nicht wußte, ob er nicht gerade eine entgegengesetzte Richtung eingeschlagen habe, als er sollte, um von dem gesuchten Gegenstände Nachricht zu erfahren.

Indem er fortwährend auf alle Neuigkeiten, die man sich in den Städten, durch welche er reiste, erzählte, aufmerksam war, gelangte er endlich in eine große Stadt Indiens, wo man sehr viel von einer Prinzessin von Bengalen sprach, die an demselben Tage, den der Sultan von Kaschmir zur Vermählung mit ihr bestimmt gehabt, an ihrem Verstande verwirrt worden sei. Bei der Nennung der Prinzessin von Bengalen vermutete er sogleich, daß es diejenige sei, um derentwillen er diese Reise machte, und zwar umsomehr, da er am Hofe von Bengalen nie von einer andern Prinzessin außer der seinigen je das geringste gehört hatte. Im Vertrauen auf dies allgemein verbreitete Gerücht nahm er nun seinen Weg nach dem Königreich Kaschmir und dessen Hauptstadt. Bei seiner Ankunft in dieser Stadt kehrte er in einem Chan ein, wo er noch an demselben Tage die Geschichte der Prinzessin von Bengalen und das traurige, obwohl verdiente Ende des Indiers erfuhr, der sie auf dem Zauberpferde entführt hatte – ein Umstand, der ihn nicht länger zweifeln ließ, daß es wirklich die Prinzessin sei, die er suchte, und daß folglich der Sultan umsonst sein Geld an die Ärzte verschwendet hatte, die sie nicht zu heilen vermochten.

Sobald der Prinz von Persien sich von allen einzelnen Umständen unterrichtet hatte, ließ er sich den folgenden Tag schon die Kleidung eines Arztes machen, und in dieser Kleidung und in dem langen Bart, den er sich unterdessen hatte wachsen lassen, ging er durch die Straßen und gab sich für einen Arzt aus. Voll Ungeduld, seine Prinzessin zu sehen, säumte er nicht, nach dem Palaste des Sultans zu gehen, wo er mit einem der Hofbeamten zu sprechen verlangte. Man wies ihn an den Oberaufseher der Verschnittenen, zu welchem er sagte, man werde es ihm vielleicht als eine Keckheit auslegen, daß er als Arzt komme und sich erbiete, mit der Heilung der Prinzessin noch einen Versuch zu machen, nachdem so viele vor ihm dazu nicht imstande gewesen wären, indes er hoffe, vermöge gewisser eigentümlicher Mittel, die er kenne und bewährt gefunden habe, bei ihr jene Heilung zu bewirken, welche die früheren nicht hätten bewirken können. Der Oberaufseher der Verschnittenen sagte zu ihm, daß er sehr willkommen sei, und daß der Sultan ihn sehr gern sehen würde und, wenn es ihm gelänge, die frühere Gesundheit der Prinzessin wieder herzustellen, er eine Belohnung erwarten dürfe, die der Freigebigkeit des Sultans, seines Herrn, angemessen sein werde. »Wartet ein wenig,« fuhr er fort, »ich werde augenblicklich wieder bei Euch sein.«

Es war schon lange Zeit her, daß kein Arzt sich mehr angeboten hatte, und der Sultan von Kaschmir hatte zu seiner großen Betrübnis fast schon die Hoffnung verloren, die Prinzessin von Bengalen jemals wieder zu ihrer vorigen Gesundheit zurückkehren zu sehen, und zugleich auch die Hoffnung, ihr durch eine Verheiratung mit ihr den hohen Grad seiner Liebe an den Tag zu legen. Darum befahl er dem Oberhaupt seiner Trabanten, den angemeldeten Arzt schnell vor ihn zu führen.

Der Prinz von Persien wurde nun dem Sultan von Kaschmir in der Tracht und Verkleidung eines Arztes vorgestellt, und der Sultan ließ, ohne weiter mit unnützen Reden die Zeit zu verlieren, nachdem er ihm zuvor angezeigt hatte, daß die Prinzessin von Bengalen den Anblick keines Arztes ertragen könnte, ohne in eine heftige Wut zu geraten, die ihr Mel nur noch vermehrte, ihn sofort in ein in der Höhe angebrachtes Gemach hinaufsteigen, von wo er sie durch ein Gitterfenster unbemerkt beobachten konnte.

Der Prinz Firus Schach stieg hinauf und erblickte seine liebenswürdige Prinzessin nachlässig dasitzend, indem sie mit Tränen in den Augen ein Lied sang, worin sie ihr unglückliches Los beklagte, welches sie für immer vielleicht ihres zärtlich geliebten Gegenstandes beraubt habe.

Der Prinz, von der traurigen Lage gerührt, worin er seine teure Prinzessin erblickte, bedurfte keiner andern Kennzeichen, um einzusehen, daß ihre Krankheit bloß Verstellung sei, und daß sie bloß aus Liebe zu ihm sich diesen grausamen Zwang auflege. Er stieg aus dem verborgenen Gemach wieder herab, meldete dem Sultan, von welcher Art die Krankheit der Prinzessin und daß sie gar nicht unheilbar sei, und sagte zugleich, daß er, wofern er ihre Heilung bewirken solle, durchaus mit ihr allein und unter vier Augen sprechen müsse; was übrigens ihre Anwandlungen beim Anblick eines jeden Arztes anbeträfe, so hoffe er, daß sie ihn günstig aufnehmen und anhören würde.

 

Vierhundertundzweite Nacht.

Der Sultan ließ die Tür, welche in das Zimmer der Prinzessin führte, öffnen, und der Prinz Firus Schach trat hinein. Sobald ihn die Prinzessin, die ihn für einen Arzt hielt, weil er eine solche Kleidung trug, erscheinen sah, stand sie wie eine Wütende auf, drohte ihm und überhäufte ihn mit Schmähungen. Dies hinderte ihn indes nicht, ihr näher zu treten, und als er nahe genug war, um sich ihr verständlich zu machen, so sagte er, da er doch bloß von ihr allein verstanden werden wollte, in leisem Tone und ganz ehrerbietig zu ihr:

»Prinzessin, ich bin kein Arzt; erkennet, ich bitte Euch darum, in mir den Prinzen von Persien wieder, der zu Eurer Befreiung erscheint.«

Beim Ton der Stimme und beim Anblick seiner Gesichtszüge, die sie ungeachtet des langen Bartes, den der Prinz sich hatte wachsen lassen, wiedererkannte, beruhigte sich die Prinzessin von Bengalen und zeigte sogleich auf ihrem Gesicht die Freude, welche die unerwartete Erfüllung eines sehnlichen Wunsches hervorzubringen pflegt. Die freudige Überraschung machte sie eine Weile sprachlos und gab dem Prinzen Gelegenheit, ihr die Verzweiflung zu schildern, in die er in jenem Augenblick versetzt worden, wo der Indier sie vor seinen Augen entführt hatte, ferner den Entschluß, den er gefaßt, alles im Stich zu lassen, um sie aufzusuchen, in welchem Winkel der Erde sie auch immer sein möchte, und nicht eher zu ruhen, als bis er sie gefunden und den Händen des Treulosen entrissen hätte, endlich, durch welchen Glückszufall er nach einer langweiligen und ermüdenden Reise sie zu seiner Freude im Palast des Sultans wiedergefunden. Als er seine Erzählung geendigt hatte, bat er die Prinzessin, ihn mit wenigen Worten davon zu unterrichten, was ihr von ihrer Entführung an bis zu dem gegenwärtigen Augenblicke alles begegnet sei, indem er sie versicherte, daß er diese Nachrichten haben müsse, wenn er die erforderlichen Maßregeln ergreifen solle, um sie nicht länger unter der Tyrannei des Sultans von Kaschmir zu lassen.

Die Prinzessin beeilte sich nun, dem Prinzen zu erzählen, wie sie durch den von der Jagd zurückkehrenden Sultan von Kaschmir aus der Gewalt des Indiers befreit worden, wie grausam sie gleich den folgenden Tag durch des Sultans an sie getane Erklärung behandelt worden sei, und wie schleunig er sich entschlossen habe, sie noch an demselben Tage zu heiraten, ohne zuvor dem Anstande gemäß sich um ihre Einwilligung beworben zu haben. Dieses gewaltsame und tyrannische Verfahren, fügte sie hinzu, habe ihr eine Ohnmacht zugezogen, nach welcher sie keinen besseren Ausweg vor sich gesehen als den, welchen sie eingeschlagen, um sich dem Prinzen zu erhalten, dem sie ihr Herz und ihr Wort gegeben, und lieber zu sterben, als sich einem Sultan hinzugeben, den sie nicht liebe, noch auch je lieben könne.

Der Prinz von Persien, dem die Prinzessin nichts weiter zu sagen brauchte, fragte sie, ob sie wohl wisse, was nach dem Tode des Indiers aus dem Zauberpferde geworden sei.

»Ich weiß nicht,« antwortete sie, »welchen Befehl der Sultan hierüber erteilt haben mag, aber demzufolge, was ich ihm darüber gesagt habe, läßt sich erwarten, daß er es nicht vernachlässigt haben wird.«

Da der Prinz Firus Schach nicht zweifelte, daß der Sultan von Kaschmir das Pferd würde haben sorgfältig aufbewahren lassen, so teilte er der Prinzessin seinen Plan mit, daß er nämlich vermittelst des Pferdes sie wieder nach Persien zurückzuführen wünsche. Nachdem er mit ihr über die deshalb zu ergreifenden Maßregeln übereingekommen war und ihr anempfohlen hatte, daß sie, anstatt wie bisher im bloßen Nachtkleide zu bleiben, sich den folgenden Tag völlig ankleiden solle, um den Sultan, wenn er ihn zu ihr hereinführen würde, mit Artigkeit zu empfangen, ohne deshalb aber mit ihm das geringste zu sprechen, entfernte sich der Prinz von Persien wieder.

Der Sultan von Kaschmir war höchst erfreut, als ihm der Prinz von Persien meldete, was er gleich bei seinem ersten Besuche für die allmähliche Wiederherstellung der Prinzessin von Bengalen gewirkt hatte. Als aber den folgenden Tag ihn die Prinzessin auf eine Art empfing, die ihn überzeugte, daß ihre Wiederherstellung wirklich so weit vorgerückt sei, als jener es ihm gesagt, so hielt er ihn für den ersten Arzt in der Welt.

Wie er die Prinzessin nun in diesem Zustande sah, begnügte er sich, ihr an den Tag zu legen, wie sehr er sich freue, sie in einem Gemütszustande anzutreffen, der zu ihrer baldigen und völligen Wiederherstellung Hoffnung gebe, und nachdem er sie ermahnt hatte, ihrerseits zu den Bemühungen eines so geschickten Arztes mitzuwirken, um das, was er so schön begonnen, bald zur Vollendung zu bringen, und ihm zugleich ihr ganzes Vertrauen zu schenken, entfernte er sich wieder, ohne von ihr irgend ein Wort der Erwiderung zu erwarten.

Der Prinz von Persien, welcher den Sultan von Kaschmir begleitet hatte, ging mit ihm aus dem Zimmer der Prinzessin und fragte ihn unter dem Gehen, ob er wohl sich unterstehen dürfe, die Frage zu tun, durch welches Abenteuer eine Prinzessin von Bengalen so fern von ihrem Vaterlande sich so ganz allein im Königreiche Kaschmir befinde; er tat nämlich, als wüßte er es nicht, und als hätte ihm die Prinzessin nichts davon gesagt, auch fragte er überhaupt bloß darum, um das Gespräch auf das Zauberpferd zu lenken und aus seinem Munde zu erfahren, was aus demselben geworden sei.

Der Sultan von Kaschmir, der nicht ahnen konnte, aus welchem Grunde der Prinz von Persien diese Frage an ihn tat, machte ihm kein Geheimnis daraus. Er sagte ungefähr dasselbe, was er schon von der Prinzessin gehört, und was das Zauberpferd anbelangte, so hatte er es als eine große Seltenheit, doch ohne zu wissen, wie es wohl zu brauchen sei, in seinen Schatz bringen lassen.

»Herr« – nahm jetzt der vermeintliche Arzt das Wort –, »die Nachricht, welche ich soeben von Euer Majestät erhalten habe, gibt mir ein Mittel an die Hand, um die Heilung der Prinzessin zu vollenden. Da sie auf diesem Pferde hierher gekommen und dieses Pferd bezaubert ist, so hat sie etwas von diesem Zauber angenommen, welcher nunmehr bloß durch gewisse Räucherungen, die mir bekannt sind, vertrieben werden kann. Wenn Euer Majestät sich dieses Vergnügen machen und zugleich dem ganzen Hofe und den Bewohnern dieser Hauptstadt ein höchst überraschendes Schauspiel geben will, so lasset morgen das Pferd mitten auf den Platz, der vor Eurem Palaste ist, stellen und verlasset Euch im übrigen ganz auf mich. Ich verspreche, vor Euren Augen und vor der ganzen Versammlung binnen wenigen Augenblicken die Prinzessin von Bengalen so gesund an Geist und Körper zu machen, als sie es nur je in ihrem Leben gewesen ist, und damit die Sache auf eine so glänzende Weise vor sich gehe, als sich gebührt, so wäre es am besten, wenn die Prinzessin so prächtig als möglich gekleidet und mit den kostbarsten Juwelen Euer Majestät geschmückt erschiene.«

Der Sultan von Kaschmir würde in der Tat gern noch schwerere Opfer gebracht haben, als die waren, die der Prinz von Persien von ihm verlangte, um zu dem Genuß dessen zu gelangen, was er nun schon so nahe vor sich sah.

Den folgenden Tag ward daher das Zauberpferd auf seinen Befehl aus dem Schatze hervorgeholt und ganz früh auf den großen Platz vor dem Palaste aufgestellt. Das Gerücht davon verbreitete sich schnell in der ganzen Stadt, und da diese Vorbereitungen etwas ganz Außerordentliches ankündigten, was da vorgehen würde, so lief das Volk haufenweise aus allen Teilen der Stadt herbei. Die Leibwachen des Sultans waren rings aufgestellt, um Unordnungen zu verhüten und um einen großen Raum rings um das Pferd her frei zu erhalten.

Der Sultan von Kaschmir erschien gleichfalls, und als er, umgeben von den bedeutendsten Großen und Beamten seines Hofes, auf einer erhöhten Bühne Platz genommen hatte, kam die Prinzessin von Bengalen in Begleitung aller ihrer Frauen, die ihr der Sultan beigegeben hatte, näherte sich dem Zauberpferde und stieg mit Hilfe ihrer Frauen auf dasselbe hinauf. Als sie sich auf dem Sattel festgesetzt, ihre Füße in beide Steigbügel gesteckt und den Zügel in die Hand genommen hatte, ließ der angebliche Arzt mehrere Räucherpfannen voll glühender Kohlen, die er hatte herbeibringen lassen, rings um das Pferd aufstellen, und in die Runde herumgehend, warf er in eine jede derselben ein Gemisch des auserlesensten Räucherpulvers. Hierauf schien er ganz in sich gekehrt zu sein und ging dann mit niedergesenkten Augen und die Hände auf die Brust gelegt dreimal um das Pferd im Kreise herum, indem er tat, als murmelte er gewisse Worte vor sich hin, und während nun von den Räucherpfannen insgesamt der dichteste und süßduftendste Rauch aufstieg und die Prinzessin und das Pferd so einhüllte, daß man sie kaum selber sehen konnte, benutzte er den günstigen Augenblick, schwang sich behende hinter sie aufs Pferd, faßte den Wirbel an und drehte ihn, und während das Pferd sich mit ihnen in die Lüfte erhob, rief er mit lauter Stimme und so deutlich, daß der Sultan es vernehmen konnte, die Worte:

»Sultan von Kaschmir, wenn du künftig einmal Prinzessinnen, die deinen Schutz anflehen, heiraten willst, so unterlasse ja nicht, dich zuvor um ihr Jawort zu bewerben!«

Auf diese Weise also gelang es dem Prinzen von Persien, die Prinzessin von Bengalen wiederzuerlangen und zu befreien. Er führte sie binnen kurzer Zeit und noch an demselben Tage nach der Hauptstadt Persiens zurück, wo er nicht im Lustschlosse, sondern in der Mitte des Palastes vor den Zimmern seines königlichen Vaters abstieg. Der König von Persien verschob nun die Feier der Vermählung seines Sohnes mit der Prinzessin von Bengalen nicht längere Zeit, als gerade zu den Vorkehrungen nötig war, durch die er die Zeremonie noch glänzender machen und den innigen Anteil, den er selber daran nahm, mehr an den Tag legen wollte.

 

Vierhundertunddritte Nacht.

Sobald die Zahl der zu den Lustbarkeiten bestimmten Tage verflossen war, war die erste Sorge des Königs von Persien, eine feierliche Gesandtschaft zu ernennen und an den König von Bengalen abzusenden, um ihm von allem, was vorgefallen, Bericht abzustatten und um seine Einwilligung und Bestätigung der Verbindung einzuholen, in die er mit ihm durch diese Heirat getreten war. Der König von Bengalen aber, nachdem er von dem Hergange der ganzen Sache unterrichtet worden, machte sich eine Ehre und ein Vergnügen daraus, diese Bestätigung zu erteilen.

 

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