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Tausend und Eine Nacht. Sechster Band

Unbekannte Autoren: Tausend und Eine Nacht. Sechster Band - Kapitel 1
Quellenangabe
authorUnbekannte Verfasser
titleTausend und Eine Nacht. Sechster Band
publisherF. W. Hendel Verlag
year1926
editorKarl Martin Schiller
translatorMax. Habicht Fr. H. von der Hagen und Carl Schall
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180110
projectid6036f1ca
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Unbekannte Verfasser

Tausend und Eine Nacht.
Sechster Band

Arabische Erzählungen

Deutsch von
Max. Habicht
Fr. H. von der Hagen
und
Carl Schall

Neu herausgegeben von
Dr. Karl Martin Schiller

Leipzig
Im F. W. Hendel Verlag

1926

Titelvignetten von Moritz von Schwind.

Titelblatt

 

Inhalt

Geschichte Ganems, des Sohnes von Abu Aïbu
      Dreihundertundneunundvierzigste Nacht.
      Dreihundertundfünfzigste Nacht.
      Dreihundertundeinundfünfzigste Nacht.
Brief des Kalifen Harun Arreschid an den König von Syrien, Mohammed Sinebi
      Dreihundertundzweiundfünfzigste Nacht.
      Dreihundertunddreiundfünfzigste Nacht.
      Dreihundertundvierundfünfzigste Nacht.
      Dreihundertundfünfundfünfzigste Nacht.
Die Abenteuer des Kalifen Harun Arreschid
      Dreihundertundsechsundfünfzigste Nacht.
Geschichte des blinden Baba Abdallah
      Dreihundertundsiebenundfünfzigste Nacht.
      Dreihundertundachtundfünfzigste Nacht.
      Dreihundertundneunundfünfzigste Nacht.
      Dreihundertundsechzigste Nacht.
Geschichte des Sidi Numan
      Dreihundertundeinundsechzigste Nacht.
      Dreihundertundzweiundsechzigste Nacht.
      Dreihundertunddreiundsechzigste Nacht.
      Dreihundertundvierundsechzigste Nacht.
Geschichte des Kodjah Hassan Alhabbal
      Dreihundertundfünfundsechzigste Nacht.
      Dreihundertundsechsundsechzigste Nacht.
      Dreihundertundsiebenundsechzigste Nacht.
      Dreihundertundachtundsechzigste Nacht.
      Dreihundertundneunundsechzigste Nacht
      Dreihundertundsiebenzigste Nacht.
      Dreihundertundeinundsiebenzigste Nacht.
      Dreihundertundzweiundsiebenzigste Nacht.
      Dreihundertunddreiundsiebenzigste Nacht.
      Dreihundertundvierundsiebenzigste Nacht.
Geschichte des Ali Baba und der vierzig Räuber
      Dreihundertundfünfundsiebenzigste Nacht.
      Dreihundertundsechsundsiebenzigste Nacht.
      Dreihundertundsiebenundsiebenzigste Nacht.
      Dreihundertundachtundsiebenzigste Nacht.
      Dreihundertundneunundsiebenzigste Nacht.
      Dreihundertundachtzigste Nacht.
      Dreihundertundeinundachtzigste Nacht.
      Dreihundertundzweiundachtzigste Nacht.
      Dreihundertunddreiundachtzigste Nacht.
      Dreihundertundvierundachtzigste Nacht.
      Dreihundertundfünfundachtzigste Nacht.
      Dreihundertundsechsundachtzigste Nacht.
Geschichte des Ali Kodjah, Kaufmanns zu Bagdad
      Dreihundertundsiebenundachtzigste Nacht.
      Dreihundertundachtundachtzigste Nacht.
      Dreihundertundneunundachtzigste Nacht.
      Dreihundertundneunzigste Nacht.
      Dreihundertundeinundneunzigste Nacht.
Das Zauberpferd
      Dreihundertundzweiundneunzigste Nacht.
      Vierhundertunddreiundneunzigste Nacht.
      Dreihundertundvierundneunzigste Nacht.
      Dreihundertundfünfundneunzigste Nacht.
      Dreihundertundsechsundneunzigste Nacht.
      Dreihundertundsiebenundneunzigste Nacht.
      Dreihundertundachtundneunzigste Nacht.
      Dreihundertundneunundneunzigste Nacht.
      Vierhundertste Nacht.
      Vierhundertunderste Nacht.
      Vierhundertundzweite Nacht.
      Vierhundertunddritte Nacht.

 

Geschichte Ganems, des Sohnes von Abu Aïbu.

Es war einmal in Damaskus ein Kaufmann, der durch seine Betriebsamkeit und seinen Fleiß ein großes Vermögen gesammelt hatte, wovon er sehr anständig lebte. Abu Aïbu – so hieß dieser Kaufmann – hatte einen Sohn und eine Tochter. Der Sohn bekam anfänglich den Namen Ganem, später den Beinamen: der Liebessklave. Er war von schöner Leibesgestalt, und sein Geist, der von Natur herrliche Anlagen hatte, war durch geschickte Lehrer, die ihm sein Vater hielt, sehr gut ausgebildet worden. Die Tochter bekam den Namen Herzensmacht, weil sie von einer so vollkommenen Schönheit war, daß sie jeder, der sie sah, lieben mußte.

Abu Aïbu starb und hinterließ unermeßliche Reichtümer. Hundert Ladungen an Brokat und anderen Seidenstoffen, die sich in seinen Waren- und Lagerhäusern vorfanden, machten bloß den kleinsten Teil davon aus. Die Ladungen waren alle schon fertig gepackt, und aus jedem Ballen las man mit großen Buchstaben geschrieben: »Nach Bagdad.«

Um dieselbe Zeit herrschte in Damaskus, der Hauptstadt Syriens, Mohammed, der Sohn Solimans, mit dem Beinamen Sinebi. Harun Arreschid, mit dem er verwandt war, und der seinen Sitz zu Bagdad hatte, hatte ihm dieses Reich mit Vorbehalt der Zinsbarkeit überlassen.

Nicht lange nach Abu Aïbus Tode unterhielt sich einst Ganem mit seiner Mutter von Familienangelegenheiten, und in Bezug auf die Warenladungen, die sich in dem Lagerhause befanden, fragte er sie, was denn die Aufschrift auf jedem Ballen bedeuten solle. »Mein Sohn,« erwiderte die Mutter, »dein Vater reiste bald in dieses, bald in jenes Land und pflegte vor seiner Abreise jedesmal den Namen der Stadt, wo er hinwollte, auf jeden Ballen zu schreiben. Er hatte eben alles instand gesetzt, um eine Reise nach Bagdad zu machen, und war im Begriff, dahin abzureisen, als er starb ...« Sie vermochte nicht weiter zu sprechen, das noch frische Andenken an den Tod ihres Mannes hemmte ihre Rede und entlockte ihr einen Strom von Tränen.

Ganem konnte die tiefe Rührung seiner Mutter nicht sehen, ohne selber gerührt zu werden. Sie blieben eine Weile stumm und sprachlos. Endlich faßte er sich wieder, und als er seine Mutter wieder imstande sah, ihn anzuhören, nahm er das Wort und sagte: »Da mein Vater diese Waren für Bagdad bestimmt hat und selber nicht mehr imstande ist, diesen Plan auszuführen, so werde ich mich anschicken, diese Reise zu machen. Ich glaube selber, daß es notwendig ist, meine Abreise zu beschleunigen, damit diese Waren nicht etwa zugrunde gehen, oder damit wir nicht die Gelegenheit verlieren, sie vorteilhaft abzusetzen.«

Die Witwe Abu Aïbus, die ihren Sohn zärtlich liebte, ward über diesen seinen Entschluß sehr betrübt. »Mein Sohn,« erwiderte sie, »ich muß dich loben, daß du in die Fußtapfen deines Vaters treten willst; aber bedenke, daß du noch zu jung, ohne Erfahrung und keineswegs an die Beschwerden einer Reise gewöhnt bist. Überdies, willst du mich denn verlassen, um zu dem Schmerz, unter dem ich erliege, noch einen neuen hinzuzufügen? Ist es nicht besser, diese Waren an Kaufleute von Damaskus zu verkaufen und mit einem mäßigen Gewinn vorlieb zu nehmen, als dein Leben der Gefahr auszusetzen?«

Sie mochte immerhin das Vorhaben Ganems durch die triftigsten Gründe bestreiten, er hatte kein Ohr dafür. Die Lust zu reisen und seinen Geist durch eine ausgebreitete Kenntnis der Welt zu vervollkommnen, trieb ihn zur Abreise an und überwog die Vorstellungen, Bitten, ja Tränen seiner Mutter. Er ging auf den Sklavenmarkt, kaufte sich mehrere recht handfeste Sklaven, mietete hundert Kamele, und nachdem er sich mit allem zur Reise Nötigen versehen hatte, machte er sich mit fünf bis sechs Kaufleuten von Damaskus, welche Handelsgeschäfte zu Bagdad hatten, auf den Weg.

Diese Kaufleute, die alle ihre Sklaven und noch mehrere andere Reisende zur Begleitung bei sich hatten, machten eine so ansehnliche Karawane aus, daß sie nichts von den Beduinen zu fürchten hatten, das heißt, von denjenigen Arabern, die kein anderes Gewerbe treiben, als die Ebene zu durchstreifen und die Karawanen anzufallen und zu plündern, wenn sie nicht stark genug sind, ihre Angriffe zurückzuweisen. Sie hatten also bloß die gewöhnlichen Beschwerden einer weiten Reise zu bestehen, die sie gern beim Anblick von Bagdad vergaßen, wo sie glücklich anlangten.

Sie stiegen in dem prächtigsten und besuchtesten Chan der Stadt ab. Doch Ganem, der gern bequem und für sich allein wohnen wollte, nahm darin nicht Herberge, sondern begnügte sich, seine Waren daselbst im Lagerhause zu lassen, damit sie in Sicherheit wären. Er mietete sich in der Nachbarschaft ein schönes, kostbar möbliertes Haus, wobei ein Garten sich befand, der durch die Menge seiner Springbrunnen und Baumgruppen sehr angenehm war.

Einige Tage darauf, als der junge Kaufmann in dies Haus eingezogen war und sich von den Beschwerden der Reise völlig erholt hatte, kleidete er sich sehr gut an und begab sich an den öffentlichen Ort, wo sich die Kaufleute versammelten, um Waren einzukaufen oder zu verkaufen. Ihm folgte ein Sklave, der einen ganzen Ballen von verschiedenen Arten von Stoffen und seinen Schleiertüchern trug.

Die Kaufleute empfingen Ganem sehr höflich, und ihr Vorsteher, an den er sich zuerst wendete, nahm und kaufte den ganzen Ballen nach dem Preise, der auf dem Zettel angegeben war, welcher an jedem Stück befestigt war. Ganem setzte dies Geschäft mit so viel Glück fort, daß er die Waren, die er jeden Tag hintragen ließ, immer alle verkaufte.

Er hatte bloß noch einen einzigen Ballen übrig, den er aus dem Lagerhause nach seiner Wohnung hatte bringen lassen, als er einst wieder nach dem öffentlichen Versammlungsplatze der Kaufleute ausging. Er fand da alle Kaufläden verschlossen. Die Sache schien ihm so seltsam, daß er sich nach der Ursache erkundigte, wo er denn erfuhr, daß einer der ersten Kaufleute, der ihm aber nicht weiter bekannt war, gestorben sei, und daß seine sämtlichen Handelsfreunde und Mitkaufleute der Sitte gemäß zu seinem Begräbnis mitgegangen wären.

Ganem erkundigte sich nach der Moschee, wo das Gebet für ihn gehalten werden und von wo aus die Leiche nach dem Begräbnisplatze getragen werden sollte, und als man ihm dieselbe bezeichnet hatte, schickte er seinen Sklaven mit dem Pack Waren wieder zurück und nahm seinen Weg nach der Moschee. Er kam dort an, ehe noch das Gebet ganz geendigt war, welches man in einem ganz mit schwarzem Atlas ausgeschlagenen Saale hielt. Hierauf hob man die Leiche auf, und die ganze Verwandtschaft nebst Ganem und den übrigen Kaufleuten folgten ihr bis zum Begräbnisorte, welcher außerhalb der Stadt und sehr weit entfernt war. Es war dies ein steinernes, oben kuppelförmiges Gebäude, welches zur Aufnahme der Leichen der gesamten Familie des verstorbenen bestimmt war; da es sehr klein war, so hatte man ringsumher Zelte aufgeschlagen, damit das ganze Leichengefolge sich während der Zeremonieen darunter aufhalten könnte. Man öffnete das Grab, legte die Leiche hinein und verschloß es dann wieder. Hierauf setzten sich der Imam und die übrigen Diener der Moschee im Kreise auf die Teppiche unter dem Hauptzelte und sagten die üblichen Gebete her; auch lasen sie die für Totenbestattung vorgeschriebenen Kapitel des Korans her. Die Verwandten und die Kaufleute folgten ihrem Beispiele und setzten sich rings im Kreise hinter sie.

Es war beinahe Nacht geworden, als alles geendigt war. Ganem, der sich auf eine so lange Feierlichkeit nicht gefaßt gemacht hatte, fing an unruhig zu werden, und seine Unruhe stieg, als er sah, daß man der in Bagdad bestehenden Sitte zufolge ein Mahl zu Ehren des Verstorbenen auftrug. Man sagte ihm zugleich, daß die Zelte nicht bloß gegen die Sonnenglut ausgespannt worden wären, sondern auch gegen den Nachttau, weil man erst gegen den Morgen nach der Stadt zurückkehren würde. Diese Nachricht beunruhigte Ganem. »Ich bin hier ein Fremder,« dachte er bei sich selber, »und gelte für einen reichen Kaufmann. Es können Diebe meine Abwesenheit benutzen und mein Haus plündern; selbst meine Sklaven können sich durch eine so schöne Gelegenheit reizen lassen, sie dürfen bloß mit dem Gelde, das ich für die Waren empfangen, die Flucht ergreifen, und wo soll ich sie dann suchen?« Lebhaft mit diesen Gedanken beschäftigt, aß er ganz flüchtig einige Bissen und stahl sich dann unvermerkt aus der Gesellschaft hinweg.

Um rascher fortzukommen, beschleunigte er seine Schritte, indes, wie es oft wohl zu gehen pflegt, daß man umsoweniger vorwärtskommt, je eilfertiger man ist, so ging es auch diesmal; er schlug einen falschen Weg ein und verirrte sich im Finstern, so daß es fast schon Mitternacht war, als er am Stadttore ankam. Zum größten Unglück fand er es verschlossen. Dieser widerwärtige Zufall setzte ihn von neuem in Verlegenheit und nötigte ihn, einen Ort aufzusuchen, wo er den noch übrigen Teil der Nacht zubringen könnte, und zu warten, bis man das Tor öffnen würde. Er trat in einen Begräbnisplatz ein, der so groß war, daß er sich von der Stadt bis dahin erstreckte, wo er eben herkam. Hier ging er vorwärts bis an einen kleinen von einer hohen Mauer umgebenen Platz, welcher der Privatbegräbnisort einer Familie war, und auf welchem ein Palmbaum stand. Es gab außerdem da noch eine Menge anderer Privatbegräbnisse, deren Türen nicht immer fest zugeschlossen waren. Da nun Ganem gerade den Platz, wo der Palmbaum stand, offen fand, so ging er hinein und schloß die Tür hinter sich zu, legte sich dann aufs Gras und tat alles mögliche, um einschlafen zu können, doch seine Unruhe, sich außer seiner Wohnung zu sehen, hinderte ihn daran. Er stand auf, spazierte einigemal nach der Tür hin auf und nieder und öffnete sie endlich, ohne zu wissen, warum. In diesem Augenblick sah er von weitem ein Licht, das auf ihn zuzukommen schien. Bei diesem Anblick ward er von Furcht ergriffen, er schlug die Tür wieder zu, die nur durch eine Klinke sich schloß, und stieg geschwind auf den Palmbaum, der ihm in der Angst der sicherste Zufluchtsort zu sein schien.

Er war kaum oben, als er beim Scheine des Lichts, das ihn so erschreckt hatte, ganz deutlich drei Männer, die der Kleidung nach Sklaven zu sein schienen, in den Begräbnisplatz, worin er sich befand, hereintreten sah. Der eine ging mit einer Laterne voran, und die beiden andern gingen hinter ihm her mit einem Kasten von fünf bis sechs Fuß Länge, den sie auf ihren Schultern trugen. Sie setzten ihn nieder, und einer von den drei Sklaven sagte hierauf zu seinen beiden Gefährten: »Brüder, wenn ihr mir folgt, so lassen wir den Kasten hier und nehmen unsern Weg nach der Stadt zurück.« – »Nein, nein,« antwortete ein anderer, »wir dürfen die Befehle unserer Gebieterin nicht so schlecht vollziehen, es könnte uns einst reuen, sie so vernachlässigt zu haben, wir wollen lieber diesen Kasten vergraben, wie uns befohlen ist. Doch,« fuhr der Verschnittene fort, »schlage ich vor, uns vorher auszuruhen und uns gegenseitig die Ursache unsrer Verstümmelung zu erzählen.« Sie genehmigten diesen Vorschlag, und der eine erzählte seine Geschichte, welche indes von den andern für unbedeutend erklärt wurde. Nun aber begann der zweite Sklave und sprach: »Wisset, lieben Brüder, daß, soweit ich mich erinnern kann, ich acht Jahre alt war, als ich wenigstens jährlich einmal die Sklavenhändler belog, und zwar dergestalt, daß sich stets ein Streit zwischen ihnen entspann. Da wurde mein Herr über mich ergrimmt, ging zu einem Makler und befahl ihm, mich zum Verkaufe auszubieten und meinen Hehler, daß ich ein Lügner wäre, dabei zu bemerken. Dieses tat er denn auch, und bald nahte sich ihm ein sehr reicher, angesehener Mann und fragte ihn: »Wieviel soll ich Euch geben für diesen Sklaven, ungeachtet seines Hehlers?« – »Gib sechshundert Drachmen,« war die Antwort. »Die sollst du haben,« erwiderte jener, »und noch zwanzig darüber für dich.« Der Handel ward geschlossen, der Makler nahm das Geld nebst seinem Lohn in Empfang und brachte mich zu meinem neuen Herrn. Dieser bekleidete mich angemessen, und ich bediente ihn zu seiner Zufriedenheit bis zum Anfang des neuen Jahres. Dieses zeigte sich so ergiebig und fruchtreich, daß die reicheren Einwohner vor Freude darüber sich gegenseitig Feste gaben. Einst traf auch die Reihe meinen Herrn, und er veranstaltete ein solches auf einem Landgute unweit der Stadt, wohin er alles Nötige bringen ließ. Die Gesellschaft war bald eingerichtet; man aß, man trank, alles war frohen Mutes. Gegen Mittag fiel meinem Herrn ein, daß ich ihm etwas Wichtiges aus der Stadt holen sollte. »Geh,« sagte er, »besteige mein Maultier, hole das Nötige bei meiner Frau und beeile deine Rückkehr.« Ich befolgte seinen Befehl und begab mich auf den Weg. Doch als ich dem Hause nahe kam, bemächtigte sich meiner die Lust zum Lügen. Ich fing daher an erbärmlich zu schreien, Tränen flossen aus meinen Augen, und bald umringten mich die Leute des Stadtviertels, groß und klein. Da erkannten die Frau und die Töchter meines Herrn meine Stimme; sie öffneten die Türe und fragten mich, was es gäbe. – »Ach,« rief ich, »mein armer unglücklicher Herr! Er setzte sich, um auszuruhen, an eine alte Mauer; kaum hatte er sich niedergelassen, als sie umfiel und ihn unter ihren Trümmern begrub. Als ich dieses Ereignis sah, bestieg ich schnell das Maultier, um euch davon zu benachrichtigen.« – Bei diesen Worten stießen alle ein fürchterliches Klagegeschrei aus, zerrissen ihre Kleider und schlugen sich ins Angesicht. Nun gesellten sich noch die Nachbarn und die Dienerschaft hinzu; die Gattin meines Herrn aber geriet in eine Art von Wahnsinn. Sie kehrte alles im Hause von unten zu oben, zerschlug die kostbarsten Gerätschaften, zertrümmerte die Fenstergitter und beschmutzte ihr Angesicht mit Asche. Dann rief sie mir zu: »Wehe dir, Kafur, ob deiner Nachricht! Komm, hilf mir zerstören und zerbrich dieses Porzellan und diese Schüsseln!« Ich kam zu ihr und vernichtete alles, was ich nur im ganzen Hause sah, indem ich immerfort ausrief: »Ach, mein armer Herr!« Hierauf ging sie unverschleiert aus dem Hause, begleitet von ihren Kindern, und sagte mir: »Kafur, geh nur voran und zeige mir den Ort, wo dein Herr unter der Mauer liegt, damit wir ihn aus dem Schutt hervorziehen und würdig bestatten können.« Ich ging also voran, beständig Ausrufungen des Schmerzes ausstoßend, und es blieb niemand in dem Stadtviertel, der sich nicht dem Trauerzuge anschloß und mit uns wehklagte. So gingen wir durch die Stadt, und die Leute, die uns begegneten, nachdem sie die Ursache unsers Jammers erfahren hatten, riefen aus: »O wie schade um diesen Mann! Er war so reich, so wohltätig und gut! Doch müssen wir zunächst zum Statthalter gehen und ihn von diesem Vorfall benachrichtigen.«

Als dieser davon unterrichtet war, bestieg er ein Pferd, nahm Leute mit sich, welche die gesetzmäßigen Waschungen an dem Toten verrichten sollten, und nun setzte sich der Zug in Bewegung, meinen Schritten folgend. Nun fing ich an, etwas schneller voranzueilen, indem ich stets mein Haupt mit Staub bestreute und jammerte. Als ich in das Landhaus trat und mein Herr sah, wie ich mich gebärdete, fing ich an zu rufen: »Ach, meine arme unglückliche Frau! Wer wird sich jetzt meiner annehmen?« Bei diesen Worten erstaunte mein Herr, wurde blaß und sprach: »Was hast du, Kafur, was bringst du für Nachricht?« – »Ach, mein Herr,« rief ich, »da du mich schicktest, das Verlangte zu holen, so eilte ich hinzukommen und betrat das Haus; als ich aber in den großen Saal kam, fand ich die Decke über deiner Frau und deinen Kindern eingestürzt.« – »Was,« rief er, »ist nicht meine Frau oder eins von meinen Kindern gerettet?« – »Nein,« sagte ich, »sogar die Großmutter ist erschlagen; sie bilden nur noch einen Haufen vom Leichen.« Bei diesen Worten fühlte sich mein Herr fast erstickt vor Schmerz; er zerriß die Kleider, raufte seinen Bart, schlug sich ins Gesicht, bis das Blut floß, und schrie: »Meine arme Frau, meine armen Kinder! Welches Unglück!« Seine Genossen klagten mit ihm. Hierauf trat er aus seinem Garten, und seine Freunde folgten ihm. An der Pforte angelangt, erblickten sie in einiger Entfernung eine Staubwolke, aus der lautes Angstgeschrei ertönte. Dies waren der Statthalter mit seinen Leuten und die Familie meines Herrn. Dieser ging ihnen entgegen, und die ersten, denen er begegnete, waren seine Frau und seine Kinder. Als er sie sah, blieb er bestürzt stehen und sprach: »Wie geht es denn zu Hause? Was ist euch denn begegnet?«, und als jene ihn erblickten, riefen sie aus: »Gott sei Dank, daß du gerettet bist!« Sie warfen sich an seinen Hals und konnten es nicht fassen, ihn wiederzusehen. »Wie bist du denn noch gerettet worden?« fragten sie ihn. »Und ihr,« unterbrach er sie, »wie seid ihr denn dem Tode entgangen?« – »O wir sind alle munter und gesund, uns ist nichts Übles begegnet; nur daß Kafur mit entblößtem Haupt, zerrissnen Kleidern und mit großem Geschrei eintrat und uns erzählte, du wärst mit deinen Freunden von einer Mauer erschlagen worden.« Mein Herr sagte nun zu seiner Frau: »Soeben war Kafur hier und berichtete mir euren Tod mit demselben Angstgeschrei«, und als er sich umwandte, sah er mich an seiner Seite noch damit beschäftigt, Staub auf mein Haupt zu streuen und meine Turbanbinde weinend zu zerreißen. Er rief mich an, und ich näherte mich ihm. »Wehe dir,« rief er aus, »du schlechter Sklave, du Abkömmling eines verruchten Geschlechts! Was sind das für falsche Erzählungen, durch die du uns in Verzweiflung gestürzt hast! Lebendig will ich dich schinden lassen.« Ganz ruhig gab ich zur Antwort: »Dazu hast du kein Recht. Du bist vor meinen Fehlern gewarnt worden und hast mich dennoch gekauft. Zeugen können bestätigen, daß ich jedes Jahr eine Lüge vorbringe, und das war nur eine halbe; bis zum Schluß des Jahres wird die andere Hälfte folgen.« – »Du Hundesohn,« rief mein Herr aus, »das ist nur eine halbe Lüge? Ein schreckliches Unglück ist es. Geh, verlaß mich, ich will nichts mehr von dir wissen.« – »Ich aber kann dich nicht freigeben, bis das Jahr um ist,« erwiderte ich, »dann kannst du auf den Markt gehn und mich mit Angabe meines Fehlers verkaufen, denn ich verstehe kein Handwerk, womit ich mich ernähren könnte; es ist gesetzlich, daß du mich unter einem Jahre nicht entlassen kannst.« – Als wir noch so sprachen, kam auch der Statthalter mit seinen Leuten näher, und mein Herr unterrichtete ihn von dem Vorfalle. Alle fanden das gräßlich und verfluchten mich; ich aber war ganz heiter und sagte: »Wie kann mein Herr mich schlagen lassen, da er doch von meinen Fehlern Kenntnis hatte.« – Jetzt begaben sie sich nach Hause, wo mein Herr alles verwüstet fand, und zwar war ich derjenige, welcher das meiste zerstört hatte. Bei diesem Anblick schlug er die Hände zusammen: »Bei Gott, solange ich lebe, habe ich niemanden gesehen, der diesem Bösewicht von Sklaven glich! Der hätte mit einer ganzen Lüge eine ganze Stadt zerstört.« Nun wandte er sich an den Statthalter und ließ mir eine derbe Tracht Prügel geben, bis ich endlich in Ohnmacht sank. In diesem Zustande kamen die Leute und verstümmelten mich. Nun verkaufte er mich zu einem höheren Preise, aber ich hörte nicht auf, Zwietracht zu stiften, bis ich in das Haus des Fürsten der Gläubigen gelangte.«

Als die beiden anderen Sklaven diese Erzählung gehört hatten, lachten sie über ihn. Darauf sollte auch der dritte seine Geschichte erzählen, dieser aber sagte: »Ich habe weit Ärgeres begangen, doch jetzt ist nicht die Zeit zum Erzählen. Wenn ihr mir folgt, so vergraben wir erst den Kasten.« Sie fingen nun an, mit Werkzeugen, die sie zu diesem Zwecke mitgebracht, die Erde aufzuwühlen, und als sie eine tiefe Grube gemacht hatten, setzten sie den Kasten hinein und bedeckten ihn mit der Erde, die sie aufgewühlt hatten, hierauf gingen sie aus dem Begräbnisplatze fort und wieder nach Hause.

 

Dreihundertundneunundvierzigste Nacht.

Ganem, der oben auf dem Palmbaum alles, was die Sklaven sprachen, gehört hatte, wußte nicht, was er von diesem Abenteuer denken sollte. Er mutmaßte, der Kasten müsse wohl etwas Kostbares enthalten, und die Person, welcher er gehöre, müsse ihre Gründe haben, ihn auf dem Totenacker verstecken zu lassen. Er beschloß, sich auf der Stelle hierüber Aufklärung zu verschaffen, und stieg vom Palmbaum herab. Der Weggang der Sklaven hatte ihm jede Furcht benommen. Er fing an, an dem Grabhügel zu arbeiten, und wußte so gut seine Hände und Füße zu benutzen, daß er in kurzer Zeit den Kasten von der Erde entblößt hatte; indes er fand ihn durch ein großes Vorlegeschloß verschlossen. Er ärgerte sich außerordentlich über dies neue Hindernis, welches ihn abhielt, seine Neugierde zu befriedigen. Indes er verlor den Mut nicht, und als unterdessen der Tag anbrach, so entdeckte er auf dem Begräbnisplatze mehrere große Kieselsteine. Er suchte sich einen derselben aus und zersprengte ohne sonderliche Mühe das Vorlegeschloß; hierauf öffnete er voll Ungeduld den Kasten. Allein wie groß war Ganems Erstaunen, als er, anstatt, wie er erwartet hatte, Geld darin zu finden, ein junges Mädchen von unvergleichlicher Schönheit darin antraf. An ihrer frischen und rosigen Gesichtsfarbe und mehr noch an ihrem sanften und regelmäßigen Atemholen erkannte er, daß sie noch voll Leben sei; nur konnte er nicht begreifen, warum sie doch, im Fall sie bloß schlief, bei dem Geräusch, das er beim Aufsprengen des Vorlegeschlosses gemacht hatte, nicht erwacht war. Sie hatte ein so prächtiges Kleid, diamantene Armbänder und Ohrgehänge nebst einem Halsbands von so großen und feinen Perlen, daß er keinen Augenblick zweifelte, es müsse eine von den vornehmsten Frauen des Hofes sein. Beim Anblick einer solchen Schönheit ward Ganem nicht bloß von Mitleid und jener natürlichen Neigung, andern in Gefahr beizustehen, sondern von einem stärkeren Gefühl, welches er sich nicht erklären konnte, angetrieben, dieser jungen Schönen alle die Hilfe zu leisten, die in seiner Macht stand.

Vor allen Dingen verschloß er die Tür des Begräbnisortes, welche die Sklaven offen gelassen hatten. Sodann kehrte er zurück, faßte die Dame unter den Armen, zog sie aus dem Kasten heraus und legte sie auf die frisch aufgewühlte Erde hin. Sie war kaum in diese Lage gebracht und der frischen Luft ausgesetzt, als sie nieste und nach einer kleinen Anstrengung mit dem Kopfe durch den Mund eine Flüssigkeit von sich gab, die ihr, wie es schien, bisher den Magen beschwert hatte. Sodann blinzelte sie, rieb sich die Augen und rief mit einer Stimme, von der Ganem, den sie nicht sehen konnte, ganz bezaubert wurde: »Gartenblume, Korallenzweig, Zuckerrohr, Tageslicht, Morgenstern, Zeitvertreib, so redet doch, wo seid ihr?« Dies waren nämlich die Namen von Sklavinnen, die ihr gewöhnlich aufwarteten. Sie rief nach ihnen und wunderte sich sehr, daß niemand antwortete. Endlich schlug sie die Augen auf, und als sie sich auf einem Totenacker erblickte, wurde sie von Furcht ergriffen. »Was ist das?« rief sie noch stärker als zuvor; »stehen die Toten auf? Sind wir schon am jüngsten Tage? Welch eine seltsame Veränderung seit gestern abend!«

Ganem wollte die junge Schöne nicht länger in dieser Unruhe lassen. Er trat mit aller nur möglichen Ehrerbietung und auf die artigste Weise vor sie hin und sagte zu ihr: »Edle Frau, ich kann Euch nur sehr schwach die Freude schildern, die ich darüber empfinde, daß ich hier zugegen war und Euch diesen Dienst leisten konnte, und daß ich Euch alle die Hilfe anbieten kann, deren Ihr in Eurem jetzigen Zustande bedürfet.«

Um der schönen Frau Zutrauen zu sich einzuflößen, sagte er ihr zuerst, wer er wäre, und durch welchen Zufall er auf diesen Begräbnisort geraten sei; sodann erzählte er ihr die Ankunft der drei Sklaven, und wie sie den Kasten vergraben hätten. Die Frau, welche sich beim Anblick Ganems das Gesicht mit ihrem Schleier verhüllt hatte, wurde von lebhaftem Dankgefühl gegen ihn ergriffen und sagte: »Ich danke Gott, daß er mir einen so wackern Mann, wie Ihr seid, zugesandt hat, um mich vom Tode zu befreien. Doch da Ihr ein so mildtätiges Werk einmal angefangen habt, so beschwöre ich Euch, es nicht unvollendet zu lassen. Gehet, ich bitte Euch darum, in die Stadt und holet einen Mauleseltreiber, der mich hier wegholt und in demselben Kasten nach Eurer Wohnung führe. Denn wenn ich mit Euch zu Fuße von hier wegginge, so könnte jemandem unterwegs meine Kleidung, die sich von der Kleidung der übrigen Frauen in der Stadt unterscheidet, auffallen und ihn bewegen, mir nachzugehen, was ich aber um äußerst wichtiger Gründe willen zu vermeiden suchen muß. Sobald ich in Eurem Hause bin, werdet Ihr aus der Erzählung meiner Geschichte erfahren, wer ich bin; unterdes aber seid versichert, daß Ihr nicht eine Undankbare zu Dank verpflichtet habt.«

Der junge Kaufmann zog, bevor er die schöne Frau verließ, den Kasten aus der Grube heraus, schüttete diese mit Erde wieder zu, legte die Frau dann wieder in den Kasten und machte diesen wieder so zu, daß man nicht merkte, daß das Schloß daran zersprengt sei; damit indes die Frau nicht ersticken möchte, ließ er einen kleinen Ritz offen, durch welchen sie frische Luft schöpfen konnte. Beim Weggehen aus dem Begräbnisplatze zog er die Tür hinter sich zu, und da das Stadttor bereits offen war, so fand er bald, was er suchte. Er kehrte nun nach dem Totenacker zurück, half dem Maultiertreiber den Kasten auf seinen Maulesel laden und sagte, um ihm jeden Verdacht zu benehmen, er sei in der Nacht mit einem andern Maultiertreiber hier angekommen, und dieser hätte in der Eile, um schnell umkehren zu können, den Kasten auf dem Begräbnisplatze abgeladen.

Ganem, der seit seiner Ankunft in Bagdad sich nur mit seinem Handel beschäftigt hatte, hatte noch nie die Macht der Liebe empfunden; jetzt fühlte er sie zum erstenmal. Er hatte die junge Schöne nicht ansehen können, ohne von ihrer Schönheit ganz geblendet zu werden, und die Unruhe, die er empfand, als er von fern dem Maultiertreiber folgte, sowie die Besorgnis, daß ihm unterwegs irgend etwas zustoßen könnte, was ihm seine Eroberung entreißen könnte, gaben ihm über seinen innern Zustand Aufschluß. Seine Freude war unbeschreiblich, als er glücklich bei seiner Wohnung angelangt war und den Kasten abladen sah. Nachdem er den Maultiertreiber entlassen und durch einen seiner Sklaven die Haustür hatte verschließen lassen, öffnete er den Kasten, half der jungen Schönen heraussteigen, bot ihr die Hand und führte sie nach seinem Zimmer, indem er sie wegen dessen bedauerte, was sie in diesem engen Verschluß ausgestanden habe. »Wenn ich etwas ausgestanden habe,« sagte sie hierauf, »so bin ich durch das, was Ihr für mich getan, und durch das Vergnügen, das ich empfinde, mich in Sicherheit zu sehen, hinlänglich dafür entschädigt.«

Das Zimmer Ganems, so reich möbliert es auch war, zog minder die Aufmerksamkeit der Schönen auf sich als der schlanke Wuchs und der edle Anstand ihres Befreiers, dessen Artigkeit und verbindliches Wesen ihr das lebhafteste Dankgefühl einflößten. Sie setzte sich auf ein Sofa, und um dem Kaufmann an den Tag zu legen, wie sehr sie den ihr geleisteten Dienst anerkenne, nahm sie ihren Schleier ab. Ganem fühlte seinerseits die Gunst, die eine so liebenswürdige Dame ihm dadurch erzeigte, daß sie ihn ihr entschleiertes Gesicht sehen ließ, in ihrer ganzen Größe, oder vielmehr er fühlte, daß er für sie bereits die leidenschaftlichste Zuneigung hegte. Wie viel Verbindlichkeiten sie ihm auch schuldig sein mochte, er fühlte sich durch eine so köstliche Gunstbezeigung nur zu sehr belohnt.

Die Schöne erriet Ganems Gesinnungen, ward aber darüber nicht unruhig, weil er sich in ehrerbietiger Ferne hielt. Da er mutmaßte, daß sie wohl zu essen wünschen möge, und keinem andern das Geschäft übertragen wollte, einen so reizenden Gast zu bewirten, so ging er in Begleitung eines Sklaven zu einem Speisewirt und bestellte eine Mahlzeit, von dem Speisewirt begab er sich dann zu einem Obsthändler, wo er sich die schönsten und vortrefflichsten Früchte auslas; ebenso kaufte er sich von dem köstlichsten Wein und von demselben Brote, das der Kalif auf seiner Tafel speiste.

Sobald er in seine Wohnung zurückgekehrt war, errichtete er mit eigener Hand von den eingekauften Früchten eine Pyramide und setzte diese selber in einer Schüssel von dem feinsten Porzellan vor sie hin, indem er zu ihr sagte: »Edle Frau, unterdes, bis eine nahrhaftere und Eurer würdige Mahlzeit bereitet sein wird, wählet und nehmet, ich bitte Euch, einige von diesen Früchten hier.« Er wollte vor ihr stehen bleiben, doch sie erklärte, daß sie nicht eher etwas anrühren würde, als bis er sich gesetzt haben und mit ihr essen würde. Er gehorchte, und als sie einige Stücke gespeist hatten, bemerkte Ganem, daß der Schleier, den die Dame neben sich aufs Sofa hingelegt, mit einem Saume von goldgestickten Buchstaben eingefaßt war, und bat um die Erlaubnis, diese Stickerei besehen zu dürfen. Die schöne Frau nahm und überreichte ihm den Schleier mit der Frage, ob er auch wohl lesen könne, »verehrungswürdige Frau,« erwiderte er mit Bescheidenheit, »ein Kaufmann, der nicht wenigstens lesen und schreiben könnte, würde sehr schlecht seine Geschäfte betreiben.« – »Nun gut,« erwiderte sie, »so leset die Worte, die hier in den Schleier gestickt sind; es ist dies zugleich ein Anlaß für mich, Euch meine Geschichte zu erzählen.«

Ganem nahm den Schleier und las folgende Worte: »Ich gehöre dir und du gehörst mir, o Abkömmling von dem Oheim des Propheten!« Dieser Abkömmling von dem Oheim des Propheten war der Kalif Harun Arreschid, der damals regierte und von Abbas, dem Oheim Mohammeds, abstammte.

Als Ganem den Sinn dieser Worte begriffen hatte, rief er traurig aus: »Ach, gnädige Frau, ich habe Euch soeben das Leben wiedergegeben, und diese Schrift gibt mir den Tod! Ich verstehe die geheime Bedeutung derselben zwar nicht ganz, doch sehe ich nur zu wohl ein, daß ich der unglückseligste aller Menschen bin. verzeihet mir, edle Frau, die Freiheit, die ich mir nehme, es Euch zu sagen: ich konnte Euch nicht sehen, ohne Euch mein Herz zu schenken, Ihr selber wißt, wie wenig es in meiner Macht stand, es Euch zu versagen, und das ist es, was meiner Verwegenheit zur Entschuldigung gereichen wird. Ich nahm mir vor, das Eurige durch meine Verehrung, meine Sorgfalt, meine Gefälligkeiten, meinen Eifer, meine Unterwürfigkeit und meine Beharrlichkeit zu rühren, und kaum habe ich diesen schmeichelhaften Plan gefaßt, als ich auch schon meine Hoffnungen wieder dahinsinken sehe. Ich kann nicht dafür stehen, daß ich ein so großes Unglück lange zu ertragen imstande sein werde; allein, was auch immer daraus entstehen mag, ich werde wenigstens den Trost haben, für Euch zu sterben. Gebt mir, edle Frau, ich beschwöre Euch, völlige Aufklärung über mein trauriges Schicksal.«

Er konnte diese letzten Worte nicht ohne Tränen aussprechen. Die schöne Frau ward davon gerührt. Anstatt über die Erklärung, die sie soeben vernommen, sich zu beklagen, empfand sie vielmehr eine geheime Freude darüber; denn ihr Herz hatte sich bereits von ihm einnehmen lassen. Jedoch verhehlte sie es, und als ob sie auf Ganems Rede gar nicht acht gegeben, antwortete sie ihm: »Ich hätte mich wohl gehütet, Euch meinen Schleier zu zeigen, wenn ich geglaubt hätte, daß er Euch so großes Mißvergnügen machen würde, und ich sehe nicht ab, wie das, was ich Euch gesagt, Euer Los so beklagenswert machen könne, als Ihr Euch einbildet. Ihr müßt nämlich wissen,« fuhr sie fort, »um Euch meine Geschichte zu erzählen, daß ich Herzenspein heiße – ein Name, der mir bei meiner Geburt gegeben wurde, weil man glaubte, daß mein Anblick dereinst viel Leid verursachen würde. Er wird Euch nicht unbekannt sein, da in ganz Bagdad niemand ist, der nicht wüßte, daß der Kalif Harun Arreschid eine Favoritin hat, die so heißt. Man brachte mich schon in meiner frühsten Jugend in den Palast und erzog mich mit aller Sorgfalt, die man nur irgend auf Personen meines Geschlechts, die darin zu bleiben bestimmt sind, zu verwenden pflegt. Ich machte in alledem, was man mich lehrte, nicht üble Fortschritte, und dies nebst einem Zuge von Schönheit erwarb mir die Freundschaft des Kalifen, der mir ein besonderes Zimmer neben dem seinigen einräumte. Der Kalif ließ es bei dieser Auszeichnung nicht bewenden. Er ernannte zwanzig Frauen mir zur Aufwartung nebst ebensovielen Verschnittenen und machte mir seitdem so ansehnliche Geschenke, daß ich mich bald reicher sah als irgend eine Königin auf der Welt. Ihr könnt leicht denken, daß Sobeïde, die Gemahlin und Verwandte des Kalifen, mein Glück nicht ohne Eifersucht ansehen konnte. Obwohl Harun ihr alle mögliche Achtung erzeigte, so suchte sie doch jede Gelegenheit auf, mich ins Verderben zu stürzen. Bisher hatte ich mich immer vor ihren Fallstricken zu hüten gewußt, doch endlich unterlag ich dem letzten Anschlage ihrer Eifersucht, und ohne Euch würde ich in diesem Augenblick meinem unvermeidlichen Tode entgegensehen. Es ist mir unzweifelhaft, daß sie eine meiner Sklavinnen bestochen hat, die mir gestern abend im Zitronenwasser ein Pulver beibrachte, welches einen so tiefen Schlaf verursacht, daß man mit denen, die es zu sich genommen, nach Belieben schalten kann, und zwar ist dieser Schlaf von der Art, daß sieben bis acht Stunden hindurch nichts ihn zu verscheuchen imstande ist. Ich habe umsomehr Grund, dies zu vermuten, da ich von Natur einen so leichten Schlaf habe und bei dem geringsten Geräusch erwache. Sobeïde hat zu Ausführung ihres boshaften Planes die Abwesenheit des Kalifen benutzt, der vor einigen Tagen an der Spitze seines Heeres ins Feld gezogen ist, um die Kühnheit einiger benachbarten Könige zu bestrafen, die sich zum Kriege gegen ihn verbunden haben. Ohne diesen günstigen Zufall würde meine Nebenbuhlerin, so wütend sie sein mag, dennoch nichts gegen mein Leben zu unternehmen gewagt haben. Ich weiß nicht, was sie tun wird, um dem Kalifen die Kenntnis von diesem ihren Verfahren zu entziehen; indes Ihr sehet wenigstens, wie wichtig es für mich ist, daß Ihr die Sache als Geheimnis bewahret. Mein Leben steht auf dem Spiele, und solange der Kalif von Bagdad abwesend ist, werde ich in Eurer Wohnung nicht sicher sein. Euch selbst muß daran liegen, mein Abenteuer geheimzuhalten, denn wenn Sobeïde erführe, welche Verpflichtung ich gegen Euch habe, sie würde Euch selber für meine Lebensrettung bestrafen. Nach der Rückkehr des Kalifen werde ich weniger Vorsichtsmaßregeln zu beobachten haben. Ich werde dann schon Mittel und Wege finden, ihn von dem Vorgefallenen zu unterrichten, und ich bin überzeugt, daß er eifriger als ich selber bemüht sein wird, einen Dienst zu vergelten, der mich seiner Liebe wiederschenkt.«

Als die schöne Favoritin Harun Arreschids ausgesprochen hatte, nahm Ganem das Wort und sagte: »Gnädige Frau, ich sage Euch tausendfachen Dank für die Aufklärung, die Ihr mir auf meine Bitte gegeben, und ich bitte Euch, zu glauben, daß Ihr hier völlig in Sicherheit seid. Die Gefühle, die Ihr mir eingeflößt, bürgen Euch für meine Verschwiegenheit; indes was die meiner Sklaven betrifft, so gestehe ich Euch, daß man sich nicht ganz darauf verlassen kann. Sie könnten leicht die mir schuldige Treue aus den Augen setzen, wenn sie wüßten, durch welchen Zufall und an welchem Orte ich Euch zu treffen das Glück gehabt; indes dies können sie unmöglich ahnen, ja ich glaube Euch sogar versichern zu können, daß sie nicht die mindeste Neugier haben werden, danach zu forschen. Es ist etwas so Gewöhnliches an jungen Männern, daß sie sich schöne Sklavinnen zu verschaffen suchen, daß sie sich gar nicht wundern werden, Euch hier zu sehen, in der Meinung, Ihr wäret eine solche Sklavin, die ich eben erst gekauft hätte; auch werden sie denken, ich hätte meine Gründe gehabt, um Euch auf diese Art und Weise, als es geschehen ist, in meine Wohnung zu bringen. Seid also darüber ganz ruhig und versichert, daß man Euch mit all der Ehrerbietung dienen wird, die der Favoritin eines so mächtigen Fürsten gebührt. Indes aus welchem hohen Standpunkt der Größe er auch stehen mag, so werdet Ihr mir dennoch erlauben, Euch, edle Frau, zu versichern, daß nichts mich je dazu vermögen wird, das Geschenk zu widerrufen, welches ich Euch mit meinem Herzen gemacht habe. Ich weiß wohl, daß ich nie jene Vorschrift vergessen darf: »Was dem Herrn gehört, ist dem Sklaven verwehrt«; jedoch ich liebte Euch, bevor Ihr mir noch gesagt hattet, daß Ihr bereits an den Kalifen versagt wäret, und es hängt nicht mehr von mir ab, eine Leidenschaft zu unterdrücken, die in ihrem Aufkeimen bereits alle die Stärke einer durch die vollkommenste Gegenliebe erhöhten Neigung hat. Ich wünsche, daß Euer erhabener und nur zu glücklicher Geliebter für Euch an der Bosheit Sobeïdens dadurch Rache nehme, daß er Euch an seine Seite zurückrufe, und wenn Ihr Euch dann seinen Wünschen wiedergegeben sehen werdet, so wünsche ich, daß Ihr Euch bisweilen des unglücklichen Ganem erinnern möget, dessen Herz Ihr ebensowohl erobert habt als das des Kalifen. So mächtig dieser Fürst auch ist, so wird er doch – wofern Ihr anders Gefühl für zärtliche Liebe habet – mich, wie ich hoffe, nicht ganz aus Eurem Gedächtnis verdrängen können. Er kann Euch nicht feuriger lieben, als ich Euch liebe, und ich werde nicht aufhören, für Euch zu erglühen, in welchen Winkel der Erde ich auch nach Eurem Verluste hingehen mag, um zu sterben.«

Herzenspein bemerkte, daß Ganem vom tiefsten Schmerz durchdrungen war, und ward davon gerührt; doch da sie die Verlegenheit voraussah, worein sie geraten würde, wenn sie die Unterhaltung über diesen Gegenstand fortsetzte, die sie leicht dahin führen könnte, ihre Neigung, die sie für ihn fühlte, zu verraten, so sagte sie zu ihm: »Ich sehe wohl, daß dies Gespräch Euch zu sehr betrübt; wir wollen es daher lassen und von der unendlichen Verpflichtung sprechen, die ich zu Euch habe. Ich kann Euch nicht meine Freude beschreiben, wenn ich daran denke, daß ich ohne Eure Hilfe jetzt das Tageslicht nicht mehr sehen würde.«

Zum Glück für beide klopfte man in diesem Augenblick an die Tür. Ganem stand auf, um zu sehen, was es wäre, und es fand sich, daß es einer von den Sklaven war, der ihm die Ankunft des Speisewirts meldete. Ganem, der zu größerer Vorsicht seine Sklaven nicht in das Zimmer, worin Herzenspein war, eintreten lassen wollte, nahm dem Speisewirt seine Speisen ab und setzte sie selber seinem schönen Gaste vor, die im Herzen von seiner zuvorkommenden Sorgfalt gegen sie entzückt war.

Nach der Mahlzeit trug Ganem die Speisen wieder ab, so wie er sie aufgetragen hatte, und als er sie an der Tür des Zimmers dem Sklaven übergeben hatte, sagte er zu Herzenspein: »Gnädige Frau, Ihr werdet jetzt vielleicht gern ruhen wollen? Ich verlasse Euch daher, und sobald Ihr etwas Ruhe genossen habt, werdet Ihr mich wieder zu Euren Befehlen bereit sehen.« Nachdem er dies gesprochen, ging er fort und kaufte zwei Sklavinnen, ferner auch zwei Päckchen, wovon das eine die feinste Leinwand, das andere alles das enthielt, was irgend zum Putz für eine Favoritin des Kalifen erforderlich war. Er führte die beiden Sklavinnen nach seiner Wohnung und stellte sie der schönen Herzenspein mit den Worten vor: »Edle Frau, eine Person Eures Standes bedarf zum wenigsten zwei Sklavinnen zur Bedienung, genehmiget also, daß ich Euch diese beiden hier übergebe.«

Herzenspein bewunderte Ganems zarte Aufmerksamkeit und sagte zu ihm: »Herr, ich sehe wohl, daß Ihr nicht der Mann seid, der etwas bloß halb zu tun pflegt. Ihr vermehrt durch Euer gegenwärtiges Benehmen die Verbindlichkeiten, die ich Euch schuldig bin; indes hoffe ich, daß ich nicht als eine Undankbare sterben werde, und daß der Himmel mich bald in den Stand setzen wird, Euch alle Eure großmütigen Handlungen vergelten zu können.«

 

Dreihundertundfünfzigste Nacht.

Sobald die beiden Sklavinnen sich in ein benachbartes Zimmer, wohin der junge Kaufmann sie gewiesen, begeben hatten, setzte er sich zu Herzenspein aufs Sofa, jedoch in gehöriger Entfernung von ihr, um ihr seine Ehrerbietung an den Tag zu legen. Er brachte das Gespräch wieder auf seine Liebe und sagte ihr die rührendsten Dinge in Beziehung auf die unüberwindlichen Hindernisse, die ihm jede Hoffnung benähmen. »Ich wage selbst nicht einmal zu hoffen,« fuhr er fort, »durch alle meine Zärtlichkeit auch nur den schwächsten Funken von Teilnahme in Eurem Herzen zu wecken, welches für den mächtigsten Fürsten der Erde bestimmt ist. Ach, in meinem Unglück würde es ein Trost für mich sein, wenn ich mir schmeicheln dürfte, daß Ihr meine unendliche Liebe zu Euch nicht mit gleichgültigen Augen angesehen hättet!« – »Herr,« erwiderte Herzenspein ... »Ach, gnädige Frau,« unterbrach sie Ganem bei diesem Worte, »Ihr beweiset nun schon zum zweitenmal mir die Ehre, mich mit dem Worte Herr anzureden. Beim ersten Male hinderte mich die Anwesenheit der Sklavinnen, Euch meine Gedanken hierüber zu sagen; allein, um Gottes willen, edle Frau, gebet mir nicht mehr den Ehrentitel, der mir nicht zukommt. Behandelt mich, ich bitte Euch darum, ganz wie Euren Sklaven; ich bin es ja und werde nie aufhören, es zu sein.«

»Nein, nein,« unterbrach ihn jetzt Herzenspein, »ich werde mich wohl hüten, einen Mann, dem ich mein Leben verdanke, so zu behandeln. Ich wäre undankbar, wenn ich etwas spräche oder täte, was für Euch nicht angemessen wäre. Lasset mich also den Gefühlen meiner Dankbarkeit folgen und fordert nicht von mir, daß ich zum Lohne für Eure Wohltaten unhöflich mit Euch umgehe. Ich werde dies niemals tun: ich bin zu sehr von Eurem ehrerbietigen Betragen gerührt, als daß ich es je mißbrauchen könnte, und ich gestehe Euch, daß ich Eure zarte Sorgfalt keineswegs mit gleichgültigen Augen ansehe. Mehr kann ich Euch nicht sagen; Ihr kennt ja die Gründe, welche mir zu schweigen gebieten.«

Ganem ward von diesen Äußerungen ganz bezaubert; er weinte vor Freude darüber, und da er nicht Worte finden konnte, um ihr seinen Dank genugsam ausdrücken zu können, so begnügte er sich, ihr zu sagen: wenn sie wisse, was sie dem Kalifen schuldig sei, so wisse er seinerseits ebenfalls, daß, »was dem Herrn gehöre, dem Sklaven verboten sei.«

Da er die Annäherung der Nacht bemerkte, stand er auf, um Licht zu holen. Er brachte es selber und zugleich einen kleinen Imbiß der zu Bagdad bestehenden Sitte gemäß, wo man, nachdem man eine gute Mittagsmahlzeit genossen, des Abends bloß etwas Wein und Früchte zu sich nimmt und sich bis zum Schlafengehen mit angenehmen Gesprächen unterhält.

Sie setzten sich nun beide zu Tafel. Anfangs sagten sie einander in Bezug auf die Früchte, die sie sich gegenseitig darreichten, allerlei Artigkeiten; hierauf lud die Vortrefflichkeit des Weines sie allmählich zum Trinken ein, und kaum hatten sie zwei- bis dreimal getrunken, als sie es sich auch schon zum Gesetz machten, nicht mehr zu trinken, ohne zuvor ein Lied gesungen zu haben. Ganem sang einige Verse, die er aus dem Stegreif dichtete, und welche die Stärke seiner Liebe ausdrückten; Herzenspein, durch sein Beispiel aufgemuntert, dichtete und sang ebenfalls Lieder, die auf ihr Abenteuer Bezug nahmen, und in denen stets etwas lag, das Ganem zu seinen Gunsten auslegen konnte. Übrigens wurde – dies einzige abgerechnet – die Treue, zu der sie gegen den Kalifen verpflichtet war, sorgfältig darin beobachtet. Der Imbiß dauerte sehr lange, und die Nacht war schon sehr weit vorgerückt, ehe sie daran dachten, sich zu trennen. Zuletzt zog sich jedoch Ganem auf sein Zimmer zurück und ließ die schöne Herzenspein in dem ihrigen, in welches die neugekauften Sklavinnen sofort eintraten und sie auskleideten.

So lebten sie miteinander mehrere Tage lang. Der junge Kaufmann ging bloß aus, wenn ihn Geschäfte von der äußersten Wichtigkeit fortriefen; außerdem benutzte er auch noch die Zeit, wo die schöne Frau schlummerte, denn er konnte es nicht über das Herz bringen, auch nur einen einzigen von den Augenblicken zu verlieren, die er bei ihr zubringen durfte. Er war stets bloß mit seiner liebenden Herzenspein beschäftigt, welche ihrerseits, von ihrer Neigung fortgerissen, ihm gestand, daß sie nicht geringere Liebe für ihn empfinde als er für sie. Indes, wie sehr sie auch ineinander verliebt waren, so war doch der bloße Gedanke an den Kalifen imstande, sie in den gehörigen Schranken zu halten, was denn ihre Leidenschaft noch mehr erregte.

Während Herzenspein sozusagen aus den Händen des Todes entrissen worden war und ihre Zeit bei Ganem so angenehm hinbrachte, war Sobeïde im Palaste Harun Arreschids nicht ohne einige Verlegenheit.

Die drei Sklaven, welche sie zu Werkzeugen ihrer Rache gebrauchte, hatten kaum den Kasten – ohne zu wissen, was darin sei, und ohne sich auch nur darum zu kümmern als Leute, die blindlings ihre Befehle zu erfüllen gewohnt waren – fortgetragen, als sie auch schon von der grausamsten Unruhe ergriffen wurde. Tausend ängstliche Gedanken störten ihre Ruhe. Sie konnte auch nicht einen Augenblick des Schlummers genießen, und die ganze Nacht dachte sie nur auf Mittel und Wege, ihr Verbrechen zu verbergen. »Mein Gemahl,« sagte sie bei sich selbst, »liebt die Herzenspein mehr, als er jemals eine seiner Favoritinnen geliebt hat. Was soll ich ihm nun bei seiner Rückkehr antworten, wenn er sich bei mir nach ihr erkundigt?« Zwar fielen ihr mehrere listige Auswege bei, doch keiner genügte ihr; immer fand sie einige Schwierigkeiten dabei, und so wußte sie nicht, wozu sie sich entscheiden sollte. Sie hatte in ihrer Umgebung ein bejahrte Frau, die sie von früher Kindheit an erzogen hatte. Diese ließ sie bei Tagesanbruch zu sich kommen, entdeckte ihr das Geheimnis und sagte dann zu ihr: »Meine gute Mutter, du hast mich immer mit deinen guten Ratschlägen unterstützt; doch jetzt in diesem Falle bedarf ich derselben gerade am meisten, da es hier darauf ankommt, meinen Geist, der von einer tödlichen Unruhe erfüllt ist, zu beruhigen und mir ein Mittel an die Hand zu geben, wie ich den Kalifen zufriedenstellen soll.«

»Meine teure Gebieterin,« erwiderte die alte Dame, »es wäre viel besser gewesen, wenn du dich in diese Verlegenheit gar nicht erst gesetzt hättest; doch da die Sache einmal geschehen ist, so ist darüber weiter nichts zu sagen. Man muß jetzt bloß darauf denken, wie wir den Beherrscher der Gläubigen täuschen können, und mein Rat ist, daß du ein Stück Holz in Gestalt eines Leichnams ausschnitzen lässest; wir hüllen dies dann in alte Leinwand ein, legen es in einen Sarg und lassen es an irgend einer Stelle im Palaste begraben; sodann mußt du unverzüglich ein kuppelförmiges Grabdenkmal von Marmor über die Begräbnisstätte erbauen und ein Leichengerüst errichten lassen, das mit schwarzem Tuche überhangen und mit großen Leuchtern und dicken Wachskerzen rings umstellt sein muß. Auch mußt du nicht vergessen,« fuhr die bejahrte Frau fort, »sowohl selber Trauer anzulegen, als auch deine Frauen und die der Favoritin sowie auch deine Verschnittenen und alle Palastbeamten Trauerkleider anlegen zu lassen. Wenn dann der Kalif zurückkehren und seinen ganzen Palast sowie auch dich in Trauer sehen wird, wird er nicht unterlassen, nach der Ursache davon zu fragen. Dann wirst du eine gute Gelegenheit haben, dir bei ihm ein Verdienst zu erwerben, wenn du ihm sagst, daß du um seinetwillen der schönen Herzenspein, die eines plötzlichen Todes gestorben, diesen letzten Dienst erwiesen. Du mußt ihm dann erzählen, daß du der Favoritin hättest ein Grabmal erbauen und ihr alle die Ehre erzeigen lassen, die er ihr selbst, wäre er zugegen gewesen, nur irgend hätte antun können. Da seine Liebe zu ihr so groß gewesen ist, so wird er gewiß hingehen und an ihrem Grabe Tränen vergießen; vielleicht auch wird er gar nicht glauben wollen, daß sie wirklich gestorben sei, sondern wohl gar argwöhnen, du hättest sie aus Eifersucht aus dem Palaste fortgeschafft, und diese Trauer sei ein bloßer Kunstgriff, um ihn zu täuschen und an allen Nachforschungen zu hindern. Es ist sogar wahrscheinlich, daß er sie aufgraben und den Sarg öffnen lassen wird; wenn er dann aber das hölzerne Leichenbild erblickt, so wird er von ihrem Tode sicher überzeugt zu sein glauben und dir zugleich für alles das, was du getan, großen Dank wissen. Was das Holzbild betrifft, so nehme ich es auf mich, ein solches durch einen Bildhauer hiesiger Stadt, der nie erfahren soll, zu welchem Zweck, ausschnitzen zu lassen. Du aber mußt der Dienerin, welche gestern abend der Herzenspein das Zitronenwasser gereicht hat, anbefehlen, daß sie ihren Mitdienerinnen melde, sie habe soeben ihre Gebieterin tot im Bette gefunden, sie habe dir bereits davon Anzeige gemacht, und du hättest bereits an Mesrur die nötigen Befehle zu ihrer Ankleidung und Beerdigung erlassen.«

Als die alte Dame ihren Vortrag geendigt, zog Sobeïde aus ihrem Schmuckkästchen einen kostbaren Diamantring, steckte ihn derselben an den Finger, umarmte sie und sagte voll Freude zu ihr: »Ach, meine gute Mutter, wie vielen Dank bin ich dir schuldig: mir wäre ein so sinnreiches Auskunftsmittel nie eingefallen. Es muß dies durchaus gelingen, und ich fühle, daß ich mich wieder zu beruhigen anfange; ich verlasse mich also wegen der Bestellung des Holzbildes ganz auf dich, und das übrige werde ich selber jetzt sogleich anordnen.«

Das Holzbild wurde mit aller nur möglichen Sorgfalt fertiggemacht und hierauf von der alten Dame selber in Herzenspeins Zimmer getragen, wo sie es wie einen Toten einhüllte und in einen Sarg legte. Hierauf ließ Mesrur, welcher selber im Irrtum war, den Sarg mit der Scheinleiche aufheben, und diese wurde sodann mit allen üblichen Zeremonieen beerdigt, und zwar unter lautem Weinen der Frauen der Favoritin, unter denen gerade die, welche ihr das Zitronenwasser gereicht, die übrigen durch ihr Geschrei und ihr Wehklagen noch mehr anfeuerte.

Noch an demselben Tage ließ Sobeïde den Hofbaumeister des Kalifen kommen, und den Befehlen zufolge, die sie ihm erteilte, wurde das Grabdenkmal in sehr kurzer Zeit fertig. Fürstinnen von solcher Macht wie die Gemahlin des Fürsten, dessen Herrschaft von Osten bis nach Westen reichte, finden stets in Hinsicht der Vollziehung ihrer Befehle pünktlichen Gehorsam. Auch hatte sie sogleich nebst ihrem ganzen Hofe Trauer angelegt, was denn bewirkte, daß die Nachricht von dem Tode der Favoritin sich in der ganzen Stadt verbreitete.

Ganem war einer der letzten, der es erfuhr; denn er ging, wie schon gesagt, fast gar nicht aus. Indes erfuhr er es dennoch eines Tages. »Edle Frau,« sagte er zu der schönen Favoritin des Kalifen, »man hält Euch in ganz Bagdad für tot, und ich zweifle nicht, daß Sobeïde selber es glaubt. Ich preise den Himmel, daß ich die Ursache und der glückliche Augenzeuge davon bin, daß Ihr noch lebet; und wollte Gott, daß Ihr dies falsche Gerücht benutzen, Euer Los an das meinige knüpfen und Euch mit mir weit von hier weg entfernen möchtet, um hinfort über mein Herz zu herrschen! Doch wohin führt mich mein süßer Phantasietraum? Ich vergesse, daß Ihr dazu geboren seid, um das Glück des mächtigsten Fürsten der Erde auszumachen, und daß Harun Arreschid allein Euer würdig ist. Selbst wenn Ihr ihn mir zum Opfer bringen, wenn Ihr mir folgen wolltet, dürfte ich dies Opfer annehmen? Nein ich muß vielmehr stets daran denken, daß, was dem Herrn gehört, dem Sklaven verwehrt ist.«

Obwohl die liebenswürdige Herzenspein gegen die zärtlichen Regungen, die sie selber geweckt hatte, nicht unempfindlich war, so gewann sie es doch über sich, dieselben nicht zu erwidern. »Herr,« sagte sie zu ihm, »wir können Sobeïdens Triumph nicht hindern; indes lassen wir sie nur machen, ich hoffe, auf diesen Triumph wird bald große Betrübnis folgen. Der Kalif wird zurückkehren, und wir werden Mittel und Wege finden, ihn insgeheim von allem, was vorgefallen, zu unterrichten. Gleichwohl wollen wir größere Vorsichtsmaßregeln als je anwenden, daß sie nicht erfährt, daß ich am Leben bin; was dann die Folgen sein würden, habe ich Euch schon gesagt.«

Nach Verlauf von drei Monaten kehrte der Kalif glorreich und als Sieger nach Bagdad zurück, voll Sehnsucht, Herzenspein zu sehen und ihr seine neuen Lorbeeren darzubringen, tritt er in seinen Palast. Er wundert sich, alle seine Hausbeamten, die er da zurückgelassen, in Trauerkleidern zu sehen; er erschrickt, ohne zu wissen, warum, und seine Unruhe verdoppelt sich, als er zu den Zimmern Sobeïdens kommt und diese Fürstin mit allen Frauen ihres Gefolges in Trauerkleidern ihm entgegenkommen sieht. Er fragt sehr ängstlich nach dem Anlaß dieser Trauer, und Sobeïde erwidert: »Beherrscher der Gläubigen, ich habe sie für Eure Sklavin Herzenspein angelegt, die so plötzlich gestorben ist, daß kein Heilmittel gegen ihr Übel angewendet werden konnte.« Sie wollte weiter sprechen, doch der Kalif ließ ihr keine Zeit dazu. Er ward von dieser Nachricht so ergriffen, daß er einen lauten Schrei ausstieß und ohnmächtig in die Arme Giafars, seines Wesirs, fiel, welcher ihn begleitete. Endlich erholte er sich von dieser Ohnmacht wieder und fragte mit einer Stimme, welche seine tiefe Betrübnis ausdrückte, wo seine geliebte Herzenspein denn begraben worden sei. »Herr,« sagte Sobeïde zu ihm, »ich selber habe ihre Leichenfeier besorgt und nichts gespart, um sie so prächtig als möglich zu machen; auch habe ich über ihrer Begräbnisstätte ein marmornes Grabdenkmal errichten lassen und werde Euch, wenn Ihr es wünscht, hinführen.«

Der Kalif wollte nicht, daß Sobeïde sich selber damit bemühen möchte, sondern ließ sich durch Mesrur hinführen. Er ging hin so, wie er war, das heißt, in seinem Kriegskleide. Als er das mit schwarzem Tuch überhangene Leichengerüst und die umhergestellten Wachskerzen und die ganze Pracht des Grabdenkmals sah, wunderte er sich, daß Sobeïde die Totenfeier ihrer Nebenbuhlerin mit so viel Pomp hatte begehen lassen, und da er von Natur sehr argwöhnisch war, so traute er dieser Großmut seiner Gemahlin nicht und dachte, seine Geliebte möge wohl nicht tot sein, sondern Sobeïde habe vielleicht seine lange Abwesenheit benutzt und sie aus dem Palast verwiesen und denen, welche sie abführen sollten, anbefohlen, sie so weit hinwegzubringen, daß man nie mehr von ihr das geringste hörte. Weiter hatte er keinen Verdacht; denn er glaubte nicht, daß Sobeïde so bösartig sei, daß sie auf das Leben seiner Favoritin einen Anschlag gemacht haben sollte.

Um sich über den wahren Bestand der Sache Aufschluß zu verschaffen, ließ der Fürst das Leichengerüst wegnehmen und das Grab und den Sarg in seiner Gegenwart öffnen. Doch als er das Linnentuch erblickte, worein das Holzbild gehüllt war, so wagte er nicht, weiter vorzudringen. Der religiöse Kalif fürchtete die Vorschriften der Religion zu verletzen, wenn er es zugäbe, daß man den Körper der Verstorbenen anrührte, und diese gewissenhafte Bedenklichkeit überwog bei ihm die Liebe und die Neugierde. Er zweifelte jetzt nicht mehr an Herzenspeins Tode, er ließ den Sarg verschließen, das Grab wieder zuschütten und das Leichengerüst wieder in den vorigen Zustand setzen.

Der Kalif, welcher dem Grabe seiner Favoritin einige Aufmerksamkeit schenken zu müssen glaubte, schickte nach den Dienern der Religion, nach den Palastbeamten und den Vorlesern des Korans, und während man sie zusammenholte, blieb er im Grabdenkmale und benetzte mit seinen Tränen die Erde, welche das Scheinbild seiner Geliebten bedeckte. Als die sämtlichen Diener, die er hatte berufen lassen, versammelt waren, trat er an ihre Spitze; sie reihten sich um ihn her und sagten lange Gebete, worauf die Vorleser mehrere Kapitel des Korans vorlasen.

Diese Feierlichkeit wurde einen ganzen Monat hindurch tagtäglich des Morgens und des Nachmittags wiederholt, und zwar immer in Gegenwart des Kalifen, des Großwesirs Giafar und der Oberhofbeamten, die sämtlich in Trauer erschienen, so wie der Kalif, der während dieser Zeit nicht aufhörte, das Andenken seiner Favoritin mit Tränen zu ehren, und der von nichts anderem etwas hören wollte.

 

Dreihundertundeinundfünfzigste Nacht.

An dem letzten Tage des Monats dauerten die Gebete und Vorlesungen aus dem Koran von früh an bis zum Anbruch des folgenden Tages, und nachdem alles geendigt war, ging jeder nach Hause. Harun Arreschid, der von einem so langen Nachtwachen sehr ermüdet war, ging in sein Zimmer, um auszuruhen, und schlummerte auf einem Sofa zwischen zwei Frauen seines Palastes ein, von denen die eine ihm zu Häupten, die andere ihm zu Füßen saß, und die beide während seines Schlummers sich mit Stickerei beschäftigten und ein tiefes Schweigen beobachteten.

Die, welche zu Häupten saß und Morgendämmerung hieß, sagte, als sie den Kalifen einschlafen sah, zu der andern: »Morgenstern« – denn so hieß diese – »es gibt etwas Neues. Der Beherrscher der Gläubigen, unser Herr und Gebieter, wird bei seinem Erwachen eine große Freude empfinden, wenn er erfahren wird, was ich ihm zu sagen habe. Herzenspein ist nicht tot; sie ist frisch und gesund.« – »O Himmel,« rief Morgenstern voll Entzücken aus, »sollte es möglich sein, daß die schöne, reizende und unvergleichliche Herzenspein noch auf der Welt wäre?« Morgenstern sprach diese Worte mit einer so lebhaften und so lauten Stimme, daß der Kalif erwachte. Er fragte, warum man ihn im Schlafe gestört. »Ach, Herr,« erwiderte Morgenstern, »verzeiht mir diese Unbedachtsamkeit! Ich konnte nicht mit Ruhe die Nachricht anhören, daß Herzenspein noch lebe; ich ward von solchem Entzücken hingerissen, daß ich mich nicht halten konnte.« – »Nun, was ist denn aus ihr geworden,« sagte der Kalif, »wenn es wahr ist, daß sie nicht tot ist?« – »Beherrscher der Gläubigen,« antwortete Morgendämmerung, »ich habe diesen Abend durch einen Unbekannten einen Brief ohne Unterschrift, doch von Herzenspeins eigener Hand geschrieben, erhalten, worin sie mir ihr trauriges Abenteuer meldet und mir aufträgt, Euch davon zu unterrichten. Bevor ich mich meines Auftrags entledige, wollte ich bloß warten, bis Ihr einige Ruhe genossen hättet, deren Ihr nach einer solchen Anstrengung sehr zu bedürfen schienet, und...« – »Gib mir diesen Brief her,« unterbrach sie hastig der Kalif, »du hast nicht gut getan, daß du die Abgabe desselben aufschobst.«

Morgendämmerung überreichte ihm sogleich den Brief; er öffnete ihn voll Ungeduld. Herzenspein gab hier einen ausführlichen Bericht von allem, was vorgefallen war, aber sie ließ sich etwas zu sehr über die zuvorkommende Sorgfalt aus, welche Ganem gegen sie gezeigt hatte. Der Kalif, der von Natur eifersüchtig war, wurde, anstatt von der Grausamkeit Sobeïdens gerührt zu werden, bloß über die Untreue erbittert, welche Herzenspein, wie er meinte, an ihm begangen habe. »Ei, was ist das?« rief er aus, nachdem er den Brief gelesen; »die Treulose lebt seit vier Monaten bei einem jungen Kaufmann, dessen aufmerksame Sorgfalt sie noch gegen mich herauszupreisen wagt! Seit dreißig Tagen bin ich bereits wieder in Bagdad, und erst heute fällt ihr ein, mir Nachricht von sich zu geben? Während ich alle meine Tage unter Tränen um sie hinbringe, verbringt sie die ihrigen in Untreue gegen mich! Wohlan, ich will an der Treulosen und an dem jungen Kaufmann, der mich so keck zu beleidigen gewagt, Rache nehmen.« Mit diesen Worten stand der Fürst auf und ging in einen großen Saal, worin er gewöhnlich die Großen seines Hofes zu sprechen und zu empfangen pflegte. Die vordere Tür desselben ward geöffnet, und sogleich traten die Hofleute herein, die auf diesen Augenblick bloß gewartet hatten. Der Großwesir Giafar erschien und warf sich vor dem Throne nieder, auf dem der Kalif saß; hierauf stand er auf und stellte sich vor seinen Herrn hin, welcher mit einer Miene, die augenblicklichen Gehorsam verlangte, zu ihm sprach: »Giafar, deine Gegenwart ist erforderlich zur Vollziehung eines höchst wichtigen Befehls, den ich dir jetzt erteilen werde. Nimm vierhundert Leute von meiner Leibwache mit dir und erkundige dich zuerst, wo ein gewisser Kaufmann von Damaskus namens Ganem, der Sohn des Abu Aïbu, wohnt. Sobald du es erfahren hast, begib dich nach seinem Hause und laß es dem Boden gleichmachen, doch zuvor bemächtige dich der Person Ganems und führe ihn hierher nebst meiner Sklavin Herzenspein, die seit vier Monaten bei ihm wohnt. Ich will sie züchtigen und zugleich an dem Verwegenen, der die Ehrerbietung gegen mich aus den Augen zu setzen gewagt hat, ein Beispiel ausstellen.«

Der Großwesir, nachdem er diesen bestimmten Befehl empfangen, verneigte sich tief gegen den Kalifen und legte die Hand auf den Kopf zum Zeichen, daß er lieber diesen verlieren, als ungehorsam sein wolle, und entfernte sich sodann. Das erste, was er tat, war, daß er bei dem Vorsteher oder Altesten der Seiden- und Schleierhändler sich nach Ganem, hauptsächlich nach der Straße und dem Hause, worin er wohnte, erkundigen ließ. Der Hofbeamte, dem er dies aufgetragen, meldete ihm sehr bald, daß er seit einigen Monaten sich gar nicht mehr sehen lasse, ohne daß man wisse, welche Ursache ihn zu Hause zurückhalte, wofern er nämlich noch am Orte sei. Derselbe Beamte bezeichnet auch dem Großwesir den Ort, wo Ganem wohnte, und sogar den Namen der Witwe, die ihm ihr Haus vermietet hatte.

Auf diesen Bericht, auf den man sich verlassen konnte, brach der Großwesir unverzüglich mit den Soldaten, die ihm der Kalif beigegeben, auf und begab sich zu dem Polizeirichter, den er zum Mitgehen aufforderte; und von einer großen Menge von Maurern und Zimmerleuten begleitet, die mit allen zur Abbrechung eines Hauses nötigen Werkzeugen versehen waren, gelangte er vor Ganems Wohnung an. Da das Haus einzeln lag, so verteilte er die Soldaten ringsumher so, daß der junge Kaufmann ihm nicht wohl entschlüpfen konnte.

Herzenspein und Ganem waren soeben mit der Mittagsmahlzeit fertig, und die erstere hatte sich gerade an ein Fenster gesetzt, welches nach der Straße hinausging. Sie hört plötzlich einen Lärm, blickt durchs Fenster, und da sie den Großwesir mit seinem ganzen Gefolge herannahen sieht, so schließt sie sogleich, daß es auf sie und auf Ganem abgesehen sei. Sie merkte jetzt, daß ihr Briefchen an Ort und Stelle angelangt sei; allein sie hatte sich auf eine solche Antwort nicht gefaßt gemacht, sondern gehofft, daß der Kalif die Sache ganz anders aufnehmen werde. Sie wußte nämlich nicht, seit wie lange dieser Fürst schon wieder zurück war, und obwohl sie an ihm einen Hang zur Eifersucht kannte, so hatte sie doch von dieser Seite her nichts gefürchtet. Indes der Anblick des Großwesirs und der Soldaten flößte ihr Furcht ein, und zwar nicht für ihre Person, sondern für Ganem. Was ihre Person betraf, so zweifelte sie nicht, daß sie sich würde rechtfertigen können, wofern der Kalif sie nur würde anhören wollen; doch was Ganem betraf, den sie minder aus Dankbarkeit als aus Neigung liebte, so sah sie voraus, daß sein erzürnter Nebenbuhler ihn zu sehen verlangen und ihn wegen seiner Jugend und guten Gesichtsbildung verdammen würde. Ganz von diesem Gedanken eingenommen, wendete sie sich zu dem jungen Kaufmann und sagte: »Ach, Ganem, wir sind verloren; man will Euch und mich verhaften.« Er blickte sogleich durchs Gitterfenster und erschrak, als er die Wache des Kalifen mit blanken Säbeln und den Großwesir nebst dem Polizeirichter an ihrer Spitze erblickte. Bei diesem Anblick erstarrte er und vermochte kaum ein einziges Wort hervorzubringen. »Ganem,« sagte die Favoritin, »wir dürfen jetzt keinen Augenblick verlieren. Wenn Ihr mich liebt, so leget schnell die Kleidung eines Eurer Sklaven an, reibt Euch das Gesicht und die Hände mit Kaminruß schwarz und nehmet dann einige von diesen Schüsseln aus den Kopf; man wird Euch dann vielleicht für einen Burschen des Speisewirts halten und Euch hindurchlassen. Sollte man Euch fragen, wo der Herr des Hauses sei, so sprechet nur ganz dreist, er sei drinnen.« – »Ach, gnädige Frau,« sprach Ganem, der minder für sich als für Herzenspein besorgt war, »Ihr denket bloß an mich; aber ach, was soll aus Euch werden?« – »Darum kümmert Euch nur nicht,« erwiderte sie, »dafür werde ich schon sorgen. Für das, was Ihr in diesem Hause zurücklasset, werde ich Sorge tragen, und ich hoffe, daß Euch dereinst alles treulich wiedererstattet werden wird, wenn der Zorn des Kalifen sich gelegt hat; doch vermeidet die erste Heftigkeit desselben. Die Befehle, die er in der ersten Aufwallung gibt, sind immer unheilvoll.« Die Betrübnis des jungen Kaufmanns war so groß, daß er nicht wußte, wozu er sich entschließen sollte, und er würde sich ohne Zweifel von den Soldaten des Kalifen haben überraschen lassen, wenn Herzenspein ihn nicht gedrängt hätte, daß er sich verkleiden solle. Er gab endlich ihren inständigen Bitten nach, zog ein Sklavenkleid an und schwärzte sich mit Ruß. Es war auch gerade Zeit; denn schon pochte man an die Tür, und sie hatten nur noch so viel Zeit, sich zärtlich zu umarmen. Beide waren so von Schmerz durchdrungen, daß sie kein Wort zueinander zu sprechen vermochten; so war ihr Abschied. Ganem ging endlich mit einigen Schüsseln auf dem Kopfe hinaus. Man hielt ihn wirklich für einen Speisewirtsburschen und hielt ihn nicht an; sondern im Gegenteil, der Großwesir, der ihm zuerst begegnete und sich gar nicht träumen ließ, daß er eben der sei, den er suchte, trat beiseite und ließ ihn vorbei, und ebenso machten auch die andern, die hinter dem Großwesir hergingen, ihm Platz und begünstigten seine Flucht. In größter Eile erreichte er nun eines von den Stadttoren und flüchtete sich hinaus.

Während er sich nun den Verfolgungen des Großwesirs entzog, trat dieser in das Zimmer, wo Herzenspein auf dem Sofa saß, und worin eine große Menge von Kästen stand, die mit den Sachen Ganems und mit dem Gelds, das er aus seinen Waren gelöst hatte, angefüllt waren.

Als Herzenspein den Großwesir hereintreten sah, warf sie sich mit ihrem Gesichte zur Erde und blieb in dieser Lage, gleichsam als sei sie den Tod zu erleiden bereit, indem sie zu ihm sagte: »Herr, ich bin bereit, mich dem Urteilsspruch zu unterwerfen, den der Beherrscher der Gläubigen über mich ausgesprochen hat; Ihr dürft mir ihn bloß ankündigen.« – »Gnädige Frau,« antwortete Giafar, indem er sich ebenfalls so lange niederwarf, bis sie wieder aufgestanden war, »Gott behüte, daß irgend jemand an Euch seine Hand legen sollte! Ich habe nicht die Absicht, Euch das mindeste Mißvergnügen zu machen; sondern ich habe bloß den Befehl, Euch zu bitten, daß Ihr gefälligst Euch mit mir nach dem Palast verfügen möchtet und zugleich den Kaufmann, der in diesem Hause wohnt, mit Euch dahin zu bringen.« – »Herr,« erwiderte die Favoritin, indem sie aufstand, »laßt uns gehen, ich bin bereit, Euch zu folgen. Was indes den jungen Kaufmann betrifft, dem ich das Leben verdanke, so ist er nicht mehr hier, sondern beinahe seit einem Monat nach Damaskus abgereist, wohin ihn seine Geschäfte riefen, und er hat mir bis zu seiner Rückkehr diese Kästen, welche Ihr hier sehet, zur Aufsicht übergeben. Ich beschwöre Euch, sie gefälligst nach dem Palast schaffen zu lassen und Befehl zu geben, daß sie in Sicherheit gebracht werden, damit ich das Versprechen halte, welches ich ihm getan, daß ich nämlich dafür alle mögliche Sorge tragen würde.«

»Es soll sogleich geschehen, gnädige Frau,« erwiderte Giafar. Und augenblicklich ließ er Träger kommen und befahl ihnen, die Kästen zu nehmen und zu Mesrur zu tragen.

Als die Träger weggegangen waren, sagte er dem Polizeirichter etwas ins Ohr und gab ihm den Auftrag, das Haus der Erde gleichzumachen und zuvor überall darin Ganem aufsuchen zu lassen, den er noch irgendwo versteckt glaubte, obwohl Herzenspein ihm das Gegenteil versichert hatte. Sodann ging er fort und führte die junge Schöne nebst ihren beiden Sklavinnen fort. Auf die Sklaven Ganems nahm man keine Rücksicht weiter; sie mischten sich daher unter die Menge, und man weiß nicht, was aus ihnen geworden ist.

Giafar hatte kaum das Haus verlassen, als die Maurer und Zimmerleute es abzubrechen anfingen, und sie taten so eifrig ihre Schuldigkeit, daß binnen einer Stunde keine Spur mehr davon zu sehen war. Unterdes ließ der Polizeirichter, welcher aller Nachforschungen ungeachtet Ganem nicht hatte finden können, dem Großwesir, noch ehe er den Palast erreicht hatte, Nachricht davon geben. »Nun,« sagte Harun Arreschid, als er ihn in sein Gemach hereintreten sah, »hast du meine Befehle vollzogen?« – »Ja, Herr,« erwiderte Giafar, »das Haus, worin Ganem wohnt, ist bis auf den Grund zerstört, und ich bringe Euch hier Herzenspein, Eure Favoritin; sie steht vor der Tür Eures Gemaches, und ich werde sie hereintreten lassen, sobald Ihr es befehlt. Was den jungen Kaufmann anbetrifft, so hat man ihn nirgends finden können, obwohl man ihn überall gesucht hat. Herzenspein versichert, daß er bereits seit einem Monat nach Damaskus abgereist ist.« –

Nie glich ein Zorn demjenigen, den der Kalif äußerte, als er erfuhr, daß Ganem fort sei. Was seine Favoritin betrifft, so war er so sehr von dem Gedanken, daß sie ihm untreu gewesen, eingenommen, daß er sie weder sehen noch sprechen wollte. »Mesrur,« sagte er zu dem Oberhaupt der Verschnittenen, welcher zugegen war, »nimm diese Undankbare, die treulose Herzenspein, und sperre sie in den finstern Turm.« Dieser Turm lag innerhalb der Ringmauern des Palastes und diente gewöhnlich als Kerker für die Favoritinnen, die dem Kalifen irgend Anlaß zur Unzufriedenheit gegeben.

Mesrur, welcher gewohnt war, die Befehle seines Herrn, wie hart sie auch sein mochten, ohne Widerrede zu vollziehen, gehorchte diesem nur höchst ungern. Er gab der Herzenspein sein Bedauern deshalb zu erkennen, die sich umsomehr darüber betrübte, da sie gehofft hatte, der Kalif würde sich nicht weigern, mit ihr zu reden. Indes mußte sie ihrem traurigen Schicksale nachgeben und Mesrur folgen, der sie in den finstern Turm führte und dort verließ.

Unterdes hatte der erbitterte Kalif seinen Großwesir entlassen und schrieb, bloß seiner Leidenschaft Gehör gebend, eigenhändig folgenden Brief an seinen Vetter und zinspflichtigen Vasallen, den König von Syrien, der zu Damaskus seinen Sitz hatte:

 

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