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Tausend und eine Nacht, Erster Band

Gustav Weil: Tausend und eine Nacht, Erster Band - Kapitel 25
Quellenangabe
typefairy
authorGustav Weil
translatorGustav Weil
year1984
titleTausend und eine Nacht, Erster Band
firstpub1838
isbn3-86070-308-0
senderhille@abc.de
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Geschichte des jüdischen Arztes.

O König der Zeit! Das Wunderbarste, was mir widerfahren, ist: Als ich in Damaskus war und dort Medizin studierte, kam eines Tages ein Sklave vom Statthalter von Damaskus; ich ging zu ihm und als ich ins Haus kam, sah ich oben im Saal einen Thron, es lag ein schwächlicher junger Mann darauf; doch hatte ich einen so schönen Jüngling noch nie gesehen, ich setzte mich ihm zu Häupten und grüßte ihn. Er winkte mir mit dem Auge. Ich sagte ihm: »Mein Herr, reiche mir deine Hand zu deiner Genesung!« Er streckte mir die linke Hand heraus, worüber ich erstaunte. Ich dachte: Bei Gott! schon dieses große Haus zeigt, daß dies ein vornehmer junger Herr ist; sollte es ihm so an Erziehung fehlen? Ich fühlte seinen Puls, verschrieb ihm ein Rezept und besuchte ihn zehn Tage lang, bis er wieder gesund war, ging dann mit ihm ins Bad, und als ich herauskam, schenkte er mir ein Ehrenkleid und ernannte mich zum Aufseher des Spitals. Als ich mit ihm allein im Bad war und die Pförtnerin und die Diener seine Kleider nahmen und er ganz nackt dastand, sah ich, daß seine rechte Hand ganz vor kurzem erst abgeschnitten worden, und daß dies die Ursache seiner Krankheit war. Ich wunderte mich sehr und bedauerte seine Jugend, und ward ganz niedergeschlagen darüber. Als ich ihn näher betrachtete, sah ich an seinem Körper Spuren von Schlägen; er hatte schon Öle, Salben und Kräuter gebraucht, doch blieb noch ein Mal an der Stirne; dies betrübte mich so sehr, daß er mirs anmerkte und sagte: »O Arzt! wundere dich nicht über mich; ich werde dir seiner Zeit eine wunderbare Geschichte erzählen.« Wir wuschen uns dann, gingen nach Hause zurück, aßen Suppe und ruhten uns aus. Da sagte der Jüngling: »Hast du Lust, in den Gärten spazieren zu gehen?« und als ich ja sagte, befahl er den Sklaven, einiges nötige mitzunehmen, auch ein gebratenes Lamm und Früchte. Wir gingen in einen Garten, spazierten eine Weile umher, dann setzten wir uns und aßen. Als wir vollendet hatten, brachte man uns einige Süßigkeiten, die wir auch verzehrten; ich wollte dann ein Gespräch mit ihm anknüpfen; er kam mir aber zuvor und sagte: »Wisse, o Arzt, ich bin aus Mossul; als mein Großvater starb, hinterließ er zehn Söhne, worunter mein Vater der älteste war; alle zehne wuchsen heran und heirateten, auch mein Vater nahm eine Frau, und Gott bescherte ihm mich, während die übrigen neun Brüder keine Kinder zeugten, und so wuchs ich bei meinen Oheimen auf.

Als ich groß ward und das Mannesalter erreicht hatte, ging ich an einem Freitag in die Moschee zu Mossul mit meinem Vater, und betete das Freitagsgebet. Als das Gebet zu Ende war, blieb ich noch mit meinem Vater und meinen Oheimen in einem Kreise von Leuten; wir saßen beisammen und man sprach von den Wundern der Länder und den Seltenheiten der Städte. Es ward eine Stadt nach der anderen erwähnt, bis auch die Rede auf Kahirah und den Nil kam. Da sagten einige meiner Oheime: »Man behauptet, es gibt auf der Erde kein schöneres Land als Ägypten.« Dies machte mir Lust, Ägypten zu sehen. Andere sagten: Bagdad ist die Stadt des Friedens und die Mutter der Welt. Da sagte mein Vater, der Älteste unter ihnen: »Wer die Stadt Kahirah nicht gesehen, hat die Welt nicht gesehen. Ihre Erde ist Gold, ihre Weiber sind ein Zauber und der Nil ist ein Wunder; das Wasser ist so leicht und so süß und der Grund so weich, wie ein Dichter sagte:

»Ein Fremder kommt, euch heute Glück zu wünschen zur treuen Rückkehr eures Nils. Der Nil ist nichts anderes, als meine Tränen, die ich wegen der Trennung von euch vergieße, ihr lebt in Wonne, ich allein bin der Ausgeschlossene.«

Wenn eure Augen dieses Land gesehen hätten, wie es mit Blüten prangt und mit allerlei Blumen geschmückt ist, und wenn ihr die Insel des Nils seht, wo man eine so reiche Aussicht hat und wenn ihr dann eure Blicke nach dem Teich HabaschEs darf hier nicht an Äthiopien gedacht worden, sondern an einen Teich, der in der Gegend von Kahirah diesen Namen hatte. richtet, so würden eure Augen vor Verwunderung und Entzücken krank werden, und ihr könnt einen so schönen Anblick nicht einmal ganz genießen; die Nilkanäle mit dem Grünen, das sie umarmen, gleichen dem Smaragd, mit silbernem Ranfte eingefaßt. Gott segne den, der diese Verse darüber gedichtet:

»Göttlich war mein Tag am Teiche Habasch, als wir zwischen Licht und Dunkel saßen. Das Wasser zwischen den Pflanzen glich einem Schwerte vor den Augen eines Zitternden.«

Mein Vater fing dann an, Kahirah zu beschreiben, und als er den Nil und den Habaschteich beschrieben, sagte er: »Was ist gegen diese Wonne die, seiner Geliebten entgegenzusehen; wer dies gesehen, gesteht, daß es für das Auge keinen höheren Genuß gibt; und denkt jemand an die Nacht, wo der Nil die gewünschte Höhe erreicht, so gibt er den Weinbecher dem, der ihn überreicht, wieder zurück, und läßt das Wasser wieder zur Quelle fließen (d. h. er mag nichts anderes mehr); und siehst du die Insel Rodah mit ihren schattigen Bäumen, so wirst du in ein freudiges Entzücken versetzt; und stehst du bei Kahirah am Nil, wenn er bei Sonnenuntergang mit dem Gewande der Sonne, wie mit einem Panzer sich umhüllt, so wirst du von einem sanften Zephyr, der die schattigen Ufer umweht, ganz neu belebt.« Als ich diese Schilderung von Ägypten hörte, machte es Eindruck auf mich, ich schlief die ganze Nacht nicht. Sobald daher meine Oheime eine Ladung Waren nach Ägypten bringen wollten, ging ich zu meinem Vater und weinte, bis er auch mir Waren zusammenlegte und mich mit meinen Oheimen schickte; er sagte ihnen aber: »Laßt ihn nicht nach Ägypten gehen, sondern verkauft seine Waren schon in Damaskus.« So reisten wir, als alles bereit war, von Mossul fort, und hielten uns nirgends auf, bis wir nach Haleb kamen; auch da bleiben wir nur einige Tage, und reisten dann nach Damaskus, einer recht schönen, gesegneten und festen Stadt mit Flüssen, Bäumen und Vögeln, wie ein grüner Garten mit allerlei Früchten. Wir kehrten in einem Chan ein. Meine Oheime verkauften meine Waren so gut, daß ich für einen Dinar fünf erhielt. Ich freute mich über den Gewinn, und meine Oheime ließen mich hier und reisten nach Ägypten. Als sie fort waren, mietete ich mir einen großen marmornen Saal mit einem Springbrunnen und Nebenzimmern für zwei Goldstücke monatlich; er war unter dem Namen der Wohnung des Abd Urrhaman bekannt. Ich aß, trank und ging spazieren, legte Hand an mein Geld, bis ich fast alles verschwendet hatte. Als ich eines Tages an der Türe meiner Wohnung saß, kam ein reichgekleidetes hübsches Mädchen in die Nähe; ich hatte nie ein schöneres Mädchen gesehen. Ich winkte ihr mit dem Auge, und ehe ich mich versah, war sie im Zimmer.

Als sie im Zimmer war, fuhr der junge Mann fort, schloß ich die Türe, sie setzte sich, legte ihren Schleier und ihren Mantel ab; ich fand sie schön wie den Mond und sah auch, daß ihre Gestalt vollkommen war, und die Liebe zu ihr bemächtigte sich meiner. Ich stand dann auf und holte Sorbet mit Früchten und anderen Speisen und wir aßen miteinander. Als es Nacht ward, zündeten wir Wachskerzen an, holten die Weingefäße herbei und tranken einen Becher nach dem andern, bis wir berauscht waren; ich brachte dann bei ihr die schönste Nacht zu. Des Morgens legte ich ihr zehn Dinare hin; sie machte aber ein ernstes Gesicht und sagte: »Pfui, ihr Mossulaner! bin ich für Geld bei dir?« Sie nahm dann sogleich zehn Dinare aus ihrer Tasche und schwor, wenn ich sie nicht nehme, daß sie nie wiederkehren werde. Dann sagte sie. »O mein Teurer! erwarte mich in drei Tagen zwischen dem Abend- und Nachtgebete, nimm hier noch zehn Dinare und treffe wieder alle Vorbereitungen hier.« Dann nahm sie Abschied, ging fort und mein Herz folgte ihr. Ich erwartete mit Ungeduld den dritten Tag. Da kam sie nach Sonnenuntergang herrlich geputzt und parfümiert; ich hatte schon nach Lust alles in der Wohnung vorbereitet; wir aßen und tranken, spielten und lachten bis zur Nacht, dann zündeten wir Wachskerzen an und tranken bis wir berauscht waren; wir schliefen dann beisammen bis morgens; da stand sie auf, nahm wieder zehn Dinare heraus und sagte: »Es bleibt beim alten!« Nach drei Tagen kehrte sie wieder und wir lebten wieder auf dieselbe Weise. Als wir am Trinken waren, sagte sie: »Ich beschwöre dich bei Gott, mein Herr, bin ich nicht schön?« Ich antwortete ihr: »Ja, bei Gott!« Da sagte sie: »Erlaubst du nicht, daß ich ein Mädchen mitbringe, schöner und jünger als ich? Du kannst mit ihr spielen, lachen und sie erheitern. Sie ist schon lange betrübt und hat mich schon einige Male gebeten, daß ich sie mitnehme und bei mir übernachten lasse.« Ich antwortete: »Recht gerne, bei Gott!« Des Morgens gab sie mir fünfzehn Dinare; dann sagte sie: »Ich bringe noch jemanden mit, du hast also mehr Ausgaben; die Zusammenkunft bleibt aber wie gewöhnlich.« Sie ging, und am dritten Tage traf ich alle Anstalten in meinem Hause.

Gegen Sonnenuntergang kam sie mit noch einem Mädchen, wie sie gesagt hatte; ich stand auf, zündete Lichter an und ging ihnen freudig entgegen. Das neue Mädchen entschleierte sich und gepriesen sei Gott, der beste Schöpfer.D. h. sie war so schön, daß man den Schöpfer preisen mußte. Wir setzten uns und aßen, ich gab dem noch unbekannten Mädchen zu essen; sie sah mich an und lachte. Als wir gegessen hatten, brachte ich Getränke und Früchte, und meine alte Freundin merkte, daß ich ein Auge auf das neue Mädchen geworfen und ebenso sie auf mich; sie scherzte und sagte lachend: »Sage, mein Teurer! ist das Mädchen, das ich gebracht, nicht schöner und liebenswürdiger, als ich?« Ich sagte: »Ja, bei Gott!« Sie fragte dann: »Willst du bei ihr schlafen?« Ich sagte: »Ja, bei Gott!« Sie sagte: »Bei meinem Leben, so bleibe sie diese Nacht als unser Gast bei uns hier.« Sie stand auf, umgürtete sich und legte das Bett zurecht, ich umarmte das junge Mädchen und schlief die ganze Nacht bei ihr. Als ich des Morgens erwachte, fühlte ich mich ganz naß; ich glaubte, es wäre Schweiß, als ich aber das Mädchen an den Schultern schüttelte, um es aufzuwecken, da rollte ihr Kopf herunter, und ich sah, daß der Hals abgeschnitten war; ich verlor die Besinnung, schrie: »O schöner Beschützer!« (Gott) und stand schnell auf; die Welt war ganz schwarz in meinen Augen, ich suchte meine Freundin, fand sie aber nicht; so dachte ich wohl, daß sie aus Eifersucht dem Mädchen den Hals abgeschnitten; ich sagte: »Es gibt keinen Schutz und keine Macht, außer bei Gott, dem Erhabenen! Was ist nun zu tun? Ich dachte eine Weile nach, denn zog ich meine Kleider aus, denn ich dachte: gewiß wird die Freundin die Verwandten der Erschlagenen gegen mich aufhetzen; denn wer ist gegen Frauenlist sicher? und grub dann mitten im Saal ein Loch, nahm das Mädchen mit ihrem Schmuck und legte es hinein, bedeckte es dann wieder mit Erde und Marmorplatten, wie es war. Ich zog reine Kleider an, legte alles, was ich hatte, in die Kiste, ging aus meiner Wohnung, schloß sie und suchte mir Mut einzureden. Ich gab dem Eigentümer die Miete für ein Jahr und sagte ihm, ich werde zu meinen Oheimen nach Ägypten reisen. Ich mietete Kamele aus dem Chan Sultan und ging fort.

Da mir Gott eine glückliche Reise bestimmt hatte, fuhr der junge Mann fort, kam ich zu meinen Verwandten nach Kahirah und sah, daß sie ihre Waren auf bestimmte Termine verkauft hatten; sie waren erstaunt mich zu sehen, und freuten sich mit mir; ich sagte ihnen, daß ich Verlangen nach ihnen hatte, weil so lange keine Nachricht kam, sagte ihnen aber nicht, daß ich mein Vermögen mitgenommen. Ich blieb bei ihnen, vergnügte mich in Kahirah, aß und trank und verschleuderte mein übriges Geld. Als meine Oheime abreisen wollten, verbarg ich mich; sie suchten mich, fanden mich aber nicht. Da dachten sie, er wird wieder nach Damaskus zurückgekehrt sein, und reisten ab. Ich blieb nach ihnen noch drei Jahre in Kahirah, bis ich gar nichts mehr übrig hatte. Ich hatte jedes Jahr mein Mietgeld nach Damaskus geschickt, nun aber konnte ich dies nicht, denn es blieb mir nur noch das Nötige zur Reise. Ich mietete Kamele, reiste ab, und Gott ließ mich glücklich nach Damaskus kommen; ich ging in meine Wohnung; der Hausherr, ein Juwelenhändler, freute sich mit mir; als ich das Zimmer öffnete und die Siegel aufriß, auskehrte und abstaubte, da fand ich unter den Gegenständen, auf welchen ich mit dem Mädchen geschlafen, eine goldene Kette mit einem Schlosse aus zehn Edelsteinen von solcher Pracht, um den Verstand zu verlieren; als ich es sah, nahm ich es, und bewahrte es auf und weinte eine Weile. Ich reinigte dann das Zimmer und richtete es wieder so her, wie es früher war. Nach zwei oder drei Tagen ging ich ins Bad und ruhte aus, wechselte meine Kleider, aber es blieb mir gar nichts mehr zu leben übrig. Als ich dann auf den Bazar kam, reizte mich der Teufel und das Schicksal und die Bestimmung, bis ich den Halsschmuck mit den Edelsteinen nachher in ein Tuch wickelte, wieder auf den Bazar ging und ihn dem Makler gab. Als er ihn sah, küßte er mir die Hand und sagte: »Guten Morgen! Der ist, bei Gott, schön! Das ist ein guter, gesegneter Anfang!« Er ließ mich dann in dem Laden des Eigentümers meiner Wohnung sitzen und hieß mich Geduld haben, bis die Versteigerung begonnen. Dann nahm der Makler den Schmuck und rief ihn ganz heimlich im Verborgenen aus; ich wußte nicht, was er machte. Der Schmuck war sehr kostbar, und es ward 2000 Dinare darauf geboten. Aber der Makler kam zu mir und sagte: »Mein Herr, wollt ihr ihn für fünfzig Dinare geben? Wir glaubten, es sei gutes Gold, nun ist es aber falsch.« Ich sagte: »Nimm fünfzig Dinare dafür, ich wußte, daß es Kupfer war.« Als der Makler dies hörte, merkte er wohl, daß hier etwas ungerechtes vorgefallen mit dem Schmuck; er ging mit mir fort; besprach sich mit dem Obersten des Bazars, ging zum Polizeiobersten der Stadt und erzählte ihm, der Schmuck sei ihm gestohlen worden, er habe den Dieb als Kaufmann verkleidet gefunden. Als ich zu Hause saß und an nichts dachte, kamen auf einmal die Polizeidiener und führten mich zum Polizeiobersten. Dieser fragte mich nach dem Schmuck; ich sagte, was ich dem Makler gesagt; er lachte und schloß daraus, daß ich ihn gestohlen. Ich ward sogleich entkleidet und geprügelt. Ich mußte dann vor Schmerzen lügen und sagen: »Ich habe ihn gestohlen«. Da schrieb man mein Geständnis auf und hieb mir die Hand ab; ich lag einen halben Tag in Ohnmacht; man gab mir dann Wein zu trinken. Mein Hausherr trug mich fort und sagte: »Mein Sohn! du bist ein vornehmer junger Mann, hast eigenes Vermögen, was brauchst du zu stehlen und dir dadurch die Liebe aller Leute zu entfremden? Nun bist du ein verdächtiger Mensch; verlaß mich also, suche dir eine andere Wohnung und ziehe in Frieden!« Mein Herz brach, ich bat ihn, mir noch drei Tage Frist zu gönnen, und er willigte ein und ging fort; ich blieb in traurigem Nachdenken versunken und dachte: nie werde ich mit abgeschnittener Hand nach Hause zurückkehren können; ich weinte sehr heftig.

Ich war zwei Tage krank, sagte der junge Mann dem jüdischen Arzte; am dritten Tage kam auf einmal mein Hausherr mit Polizeidienern nebst dem Kaufmanne, der den Schmuck von mir gekauft und gesagt hatte, er sei ihm gestohlen worden; auch er wurde von fünf Mann Soldaten bewacht. Sie blieben an der Türe meiner Wohnung stehen. Ich fragte, was sie wollten, und sie säumten keinen Augenblick, legten mich in Ketten, fesselten mich und sagten: »Der Schmuck, den du hattest, gehört dem Statthalter von Damaskus, welcher erklärt hat, dieser Schmuck fehle ihm schon drei Jahre und seine Tochter dazu.« Als ich dies hörte, ward ich ganz betroffen; ich ging sogleich mit abgeschnittener Hand mit ihnen, bedeckte mein Gesicht und beschloß, dem Befehlshaber die Wahrheit zu erzählen; wird er verzeihen, gut; wo nicht, so mag er mich umbringen lassen. Als wir zum Befehlshaber gelangten und er mich sah, sagte er den Kaufleuten: »Laßt ihn los! ist er es, der meinen Schmuck verkaufte?« Sie sagten: »Ja!« Da versetzte der Statthalter: »Der hat ihn nicht gestohlen, warum habt ihr dem armen Manne die Hand ungerechter Weise abgeschnitten?« Dies gab mir Mut, und ich sagte dann auch: »Mein Herr, ich habe ihn nicht gestohlen; sie haben sich gegen mich verschworen; und dieser Kaufmann hier hat gesagt, ich habe ihn ihm gestohlen, er gehöre ihm; und nur weil der Polizeioberst mich so arg prügeln ließ, entschloß ich mich, um der Prügel los zu werden, gegen mich selbst zu lügen.« Er sagte: »Es soll nicht zu deinem Schaden gereichen;« und winkte sogleich dem Kaufmann, der den Schmuck mir weggenommen, und sagte: »Du mußt ihn für die abgehauene Hand entschädigen, ober ich lasse dich prügeln, bis keine Haut mehr an dir bleibt!« Er rief den Leuten, die vor ihm standen, zu, und sie ergriffen den Kaufmann und gingen mit ihm fort. Als ich nun allein beim Befehlshaber geblieben, sagte er: »Mein Sohn! sag mir die Wahrheit! erzähle mir, wie es mit diesem Schmuck gegangen, lüge aber nicht! nur die Wahrheit kann dich retten.« Ich antwortete ihm: »Bei Gott, es war gleich meine Absicht, dir alles zu erzählen.« Hierauf erzählte ich ihm die ganze Geschichte des Mädchens; wie sie mir noch ein Mädchen mit diesem Schmuck gebracht, wie sie dann eifersüchtig geworden und sie in der Nacht getötet habe und davongegangen sei, und ich nicht wisse, wer sie war. Ich sagte ihm die reine Wahrheit. Als er dies hörte, schüttelte er den Kopf, fing an zu weinen und schlug die Hände übereinander und sagte: »Ich gehöre Gott an, und nehme zu ihm meine Zuflucht.« Dann wandte er sich zu mir und sagte: »Mein Sohn, ich will dir die ganze Sache klar machen.«

»Wisse, daß das Mädchen, das dich zuerst besucht hat, meine ältere Tochter ist: ich hatte sie sehr streng bewachen lassen. Sie heiratete dann einen Vetter in Ägypten, der aber bald starb, und sie kam zurück, nachdem sie in Ägypten ganz verdorben war. Sie ging nun drei-, viermal zu dir, und brachte dir zuletzt auch meine mittlere Tochter, ihre Schwester. Diese beiden waren von einer Mutter, und liebten einander so sehr, daß sie keinen Augenblick voneinander getrennt bleiben konnten. Als sie nun dies Abenteuer mit dir hatte, offenbarte sie es ihrer Schwester, welche sie zu begleiten wünschte, und da du es ihr erlaubtest, nahm sie sie mit; dann ward sie eifersüchtig und schlachtete sie, und kam wieder nach Hause, ohne daß ich von etwas wußte. Erst als man an jenem Tage zu Tische ging, vermißte ich meine Tochter, und als ich nach ihr fragte, fand ich meine ältere Tochter weinend und voll Verzweiflung; sie sagte mir: »Mein Vater, ich weiß nur, daß, als man zum Gebete rief, sie ganz angekleidet mit Mantel und Kette und sonstigem Schmuck ausging.« Ich verließ sie, wartete geduldig, sagte niemandem etwas, um kein Aufsehen zu erregen; und so vergingen Tage und Nächte; der älteren Schwester trockneten die Tränen nicht mehr von jenem Tage an, sie aß und trank nicht mehr, so daß auch sie uns das Leben betrübte und verleidete. Sie sagte: »Bei Gott! ich werde immer weinen, bis ich den Todeskelch leere.« Sie peinigte sich lange und ward immer trauriger. Dies ist nun vorüber. Du siehst, was Menschen, wie mir und dir widerfahren kann; ich sehe, wie diese Welt nur eine Täuschung ist und wie der Mensch in ihr nur ein Bild ist. Nun, mein Sohn! möchte ich, daß du mir sogleich gehorchst: da doch das Schicksal dich deiner Hand beraubte. So nimm mein Haus an und heirate meine jüngste Tochter, die von einer anderen Mutter ist; ich will dir viele Güter und Waren als Mitgift geben und auch ein gutes Einkommen bestimmen! Du sollst die Stelle eines Sohnes bei mir einnehmen.« Ich sagte: »Mein Herr; wodurch verdiene ich dies? ich willige gerne ein.« Er ging dann sogleich mit mir in sein Haus, ließ Zeugen rufen und den Ehe-Kontrakt mit seiner Tochter schreiben und ich ward ihr Gatte; er nahm dann von jenem Kaufmann viele Güter und schenkte sie mir und ich war in der schönsten Lage bei ihm; am Anfang des Jahres hörte ich, daß mein Vater gestorben; ich sagte es ihm, und er schickte einen Diener nach Ägypten, um vom Sultan Firmane zu holen, die er dann mit einem Boten nach Mossul schickte, um mir das ganze Vermögen meines Vaters zu holen. Nun lebte ich sehr vergnügt; und dies ist die Ursache, warum ich meinen rechten Arm an der Brust liegen ließ, du wirst mich also wohl entschuldigen, o Arzt!« Ich wunderte mich sehr über diese Geschichte, blieb noch einige Tage bei ihm, bis er zum zweiten Mal ins Bad ging, dann schenkte er mir eine bedeutende Summe, gab mir Lebensmittel mit und sagte mir Lebewohl. Ich reiste von da gegen Osten, kam nach Bagdad, durchzog das persische Irak, bis ich zu euch hierher kam und hier recht glücklich lebte; da widerfuhr mir diese Nacht die Geschichte mit dem Buckligen. Nun, ist meine Geschichte nicht wunderbarer, als die des Buckligen?«

Als der König von China die Geschichte des jüdischen Arztes gehört, schüttelte er den Kopf und sagte: »Nein, bei Gott! diese Geschichte ist nicht wunderbarer, als die des Buckligen; ich werde also euch alle Vier umbringen lassen, weil ihr gemeinschaftlich den Buckligen umgebracht, und Geschichten erzählt habt, die nicht befremdender sind, als die seinige. Nun bleibt nichts übrig, als daß du, Schneider, als Urheber alles Unglücks noch eine recht wunderbare, entzückende Geschichte erzählst, schöner als die des Buckligen, sonst laß' ich euch alle hinrichten.«

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