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Tausend und eine Nacht, Dritter Band

Gustav Weil: Tausend und eine Nacht, Dritter Band - Kapitel 15
Quellenangabe
typefairy
authorGustav Weil
translatorGustav Weil
year1984
titleTausend und eine Nacht, Dritter Band
firstpub1838
isbn3-86070-308-0
senderhille@abc.de
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Geschichte der Vergiftung des Königs Omar durch die alte Dsat Dawahi.

Wisse, als der König nach seiner Rückkehr vor der Jagd euch nirgends fand und auch ein halbes Jahr lang keine Nachricht von euch erhielt, gab er alle Hoffnung auf, euch wiederzusehen, war sehr betrübt und niedergeschlagen, und weinte Tag und Nacht. Ein Jahr nach eurer Abwesenheit, als wir eines Tages bei ihm saßen, trat eine alte Frau vor ihn, welche wie eine fromme Nonne aussah, und führte fünf Jungfrauen von unbeschreiblicher Schönheit herein; sie hatten den Koran studiert, waren sehr gebildet und in der Geschichte, Philosophie und Moral bewandert. Die Alte war so beredt und sah so gottesfürchtig aus, daß der König sich ihr gleich näherte. Sie pries dann die Gelehrsamkeit und den Geist der Jungfrauen, und bat den König, sich davon zu überzeugen. Der König, ein seliger Vater, freute sich sehr und sagte zu den Jungfrauen: »Jede von euch erzähle mir etwas aus der Geschichte der älteren Völker!«

Jede der fünf Mädchen erzählte dann eine so unterhaltende und belehrende Geschichte aus der alten Zeit, daß der König an ihrer Gelehrsamkeit und Beredtsamkeit nicht mehr zweifelte; er ließ daher der Alten mit den Jungfrauen das Schloß einräumen, das früher von der Königin Ibris bewohnt war, und sie zehn Tage lang mit den kostbarsten Speisen und Getränken bewirten. Die Verehrung des Königs für die Alte nahm immer zu, denn so oft er sie besuchte, fand er sie betend oder mit anderen Andachtsübungen beschäftigt, und in demselben Maße wuchs auch seine Liebe zu den Jungfrauen. Als er sich am ersten Tage nach dem Preis der Mädchen bei der Alten erkundigte, sagte sie ihm: »Die sind weder für Gold, noch für Silber, noch für Kupfer, noch für Getreide, noch für alle denkbaren Schätze feil; die kannst du nicht anders erlangen, als wenn du einen ganzen Monat lang jeden Tag fastest und die Nacht betend durchwachst.«Der Erzähler hat vergessen, daß sie früher, nach Omars Brief, die Einkünfte von Damaskus forderte. Der König willigte ein, und die Alte stieg noch im Ansehen bei ihm. Nach einigen Tagen sagte sie ihm: »Ich will dir dein Fasten erleichtern, gib mir nur ein Glas Wasser!« Als ihr ein Glas Wasser gereicht wurde, murmelte sie ein paar unverständliche Worte her, bedeckte das Glas mit einem Lumpen, versiegelte es und sagte dem König: »Trink dies nach zehn Tagen, so wird alle Liebe zur Welt aus deinem Herzen schwinden, und es wird dir nicht schwer fallen, ganz der Gottesfurcht zu leben; ich gehe indessen zu meinen Freunden, welche als heilige Männer einsam leben, und nach zehn Tagen kehre ich wieder.« Der König nahm das Glas und stellte es in ein Zimmer, zu dem niemand Zutritt hatte, und steckte den Schlüssel zu sich. Er fastete nun zehn Tage nacheinander, trank am elften das Wasser, das ihm die Alte gegeben, und befand sich sehr wohl und gestärkt darauf.

Es sagte der Erzähler, daß der Vezier Dendan zu Dhul Makan also gesprochen: Die Alte kam dann wieder mit einer süßen Speise auf einem grünen Blatt, das aber keinem Baumblatt glich, und grüßte deinen seligen Vater, der sie sehr freundlich bewillkommte, im Namen ihrer Freunde und sagte ihm: »Sie schicken dir diese süße Speise aus jener Welt, du kannst damit dein Fasten brechen.« Der König freute sich sehr, von heiligen Einsiedlern ein Geschenk zu erhalten. Er fastete nun wieder zehn Tag lang, und am elften kam die Alte und sage »Ich habe den göttlichen Männern alles erzählt, was zwischen uns vorgegangen; sie freuen sich sehr über unsere Freundschaft und wünschen die Jungfrauen zu sehen, die ich dir gebracht, um sie Gebete zu lehren, welche dir Glück und Segen bringen; wer weiß, vielleicht erhältst du sie mit vielen Schätzen zurück.« Dein Vater dankte ihr und sagte: »Zwar besitze ich Schätze genug, so daß ich keiner Geschenke bedarf, doch will ich mich deinem Willen nicht widersetzen; wann willst du sie mit dir nehmen?« Die Alte antwortete: »Am siebenundzwanzigsten Tag; ich bleibe dann drei Tage aus und komme gerade zu Ende des Monats mit ihnen zurück, wenn sie durch dein Fasten die Deinigen geworden. Du mußt aber«, fuhr sie fort, »auch einige von deinen Frauen mit ihnen schicken, um ihnen Gesellschaft zu leisten, und um ebenfalls von den frommen Männern gesegnet zu werden.« Der König erwiderte: »Ich werde meine griechische Sklavin Safia mitschicken, denn sie ist über den Verlust ihrer beiden Kinder sehr unglücklich, damit sie gesegnet werde und ihre Kinder wiederfinde.«

Die Alte, welche nichts sehnlicher wünschte, als Safia zu entführen, versprach ihm, sie ihren Freunden zu empfehlen, und so wurde sie mit den übrigen Jungfrauen der Alten überliefert. Ehe diese wegging, überreichte sie dem König einen versiegelten Becher und sagte ihm: »Am dreißigsten Tag geh ins Bad, dann schließe dich in ein einsames Zimmer deines Schlosses ein, trink diesen Becher aus und schlafe ein wenig; du wirst dann erreichen, was du begehrst, und die Wirkung meines Segens wahrnehmen.« Der König dankte ihr freudig, küßte ihr die Hand und bat sie, fortzufahren für ihn zu beten.

Nach drei Tagen, als die Alte mit Safia und den Jungfrauen schon fern war, ging der König ins Bad und trank in seinem Zimmer, was ihm die Alte gegeben und schlief ein. Wir erwarteten den König den ganzen Tag, aber er erschien nicht; da dachten wir, vielleicht schläft er so lange, vom Bad, vielem fasten und beten ermüdet; als wir aber auch am zweiten Tag ihn vergebens erwartete, traten wir in sein Zimmer und fanden sein Fleisch zerrissen, seine Gebeine zerstückelt und voll mit Würmern. Wir untersuchten dann den Becher, der auf dem Tisch stand, und fanden ein Blättchen im Deckel verborgen, auf welchem geschrieben war: »Der Übeltäter Omar ist nicht zu bedauern; so geht es dem, der Prinzessinnen entehrt; ihr habt nicht königlich gegen Ibris gehandelt, die wir im Freien erschlagen fanden, nachdem sie Scharkan aus ihrer Heimat entführt und Omar sie entehrt hatte; drum beschuldigt niemanden über die Ermordung des Königs, es hat ihn kein anderer vergiftet, als die alte gewandte Dsat Dawahi, die nun Safia dem mächtigen König der Griechen zurückbringt, um mit ihm Frieden zu schließen und bei ihm zu bleiben. Wir werden recht bald Krieg gegen euch führen und euer Land verheeren; es soll kein Haus stehen bleiben und keine Seele verschont werden, die Feuer anblasen könnte, mit Ausnahme derjenigen, welche das Kreuz anbeten; ihr sollt die Bestätigung meiner Prophezeiung erfahren.«

Da wir aus diesem Brief die List der Alten erkannten, erzählte Dendan weiter, brachen wir in lautes Geschrei aus, schlugen uns ins Gesicht, zerrissen unsere Kleider und Turbane und weinten; doch alles war vergebens. Nun waren unter den Truppen zwei Parteien, die einen wählten deinen Bruder Scharkan, andere wollten dich zum Sultan; die Sache blieb unentschieden, bis wir endlich nach einem Monat, da wir nichts von dir hörten, uns vereinigten und nach Damaskus ziehen wollten, um deinen Bruder abzuholen; aber gelobt sei Gott, der uns dich auf dem Weg finden ließ. – Als der Vezier mit seiner Erzählung zu Ende war, weinten Dhul Makan und seine Schwester und der Verwalter. Letzerer sagte dann zu Dhul Makan: »Nun hilft alles Weinen nichts, fasse Mut und befestige deine Regierung; wer einen Sohn, wie du bist, hinterläßt, der stirbt nicht.« Dhul Makan beruhigte sich nach und nach und hielt Musterung über die Truppen. Am folgenden Morgen ließ er sich durch den Vezier die Schätze seines Vaters bringen und verteilte sie unter die Truppen, auch schenkte er dem Vezier ein Ehrenkleid, als Zeichen, daß er auf seinem Posten bleibe; die übrigen Großen beschenkte er ebenfalls und teilt auch zuletzt noch die Abgaben von Damaskus, die der Verwalter gebracht hatte, unter den Offizieren aus. Alle beugten sich vor Dhul Makan, wünschten ihm langes Leben und sagten: »Wir haben nie einen so freigebigen König gesehen.« Jeder zog sich dann in sein Zelt zurück, und nach dreitägigem Rasten brachen sie nach Bagdad auf. Die ganze Stadt war bei ihrem Einzug festlich geschmückt. Dhul Makan begab sich in das Schloß seines Vaters, setzte sich auf den Thron, von dem Vezier, dem Verwalter und einigen Offizieren umgeben. Alsbald ließ er seinen Geheimsekretär rufen, um seinem Bruder von allem, was vorgefallen, Bericht zu erstatten, und setzte selbst noch am Schluß des Briefes hinzu: »Bereite dich beim Empfang dieses Briefes mit deiner Armee zu einem Feldzug vor, denn wir wollen vereint gegen die Ungläubigen ausziehen, um den Tod unseres Vaters zu rächen und unsere Schmach zu tilgen.« Er versiegelte dann den Brief, gab ihn dem Vezier Dendan mit den Worten: »Niemand ist geeigneter als du, diesen Brief Scharkan zu überbringen; behandle ihn, weil er älter ist als ich, mit viel Ehrerbietung, und sage ihm, wenn er das Reich seines Vaters wolle, so möge er es haben, und ich übernehme dann die Statthalterschaft von Damaskus, überhaupt sei ich bereit, ihm in allem nachzugeben, was er verlange.« Der Vezier machte sich reisefertig und nahm Abschied von Dhul Makan. Dieser erinnerte sich dann auch des Badheizers, ließ ihm eine hübsche Wohnung einräumen und schickte ihm Kleider; die übrigen schönen Abenteuer des Badheizers werden wir bei einer anderen Gelegenheit erzählen. Als eines Tages Dhul Makan von der Jagd zurückkam, stellte ihm einer seiner Befehlshaber mehrere Pferde und schöne Mädchen vor, er wählte daraus eine, die ihm sehr gut gefiel, und heiratete sie. Bald darauf kam Dendan zurück, meldete ihm die Ankunft seines Bruders Scharkan und bat ihn, ihm entgegenzugehen. Dhul Makan reiste einen Tag weit mit den Vornehmsten des Reichs seinem Bruder entgegen, der am folgenden Morgen an der Spitze aller syrischen Truppen, Reiter und Fußvolk, herangezogen kam. Als Dhul Makan seinen Bruder Scharkan sah, wollte er absteigen, aber dieser gab es nicht zu, sondern stieg selbst ab und ging gegen seinen Bruder hin. Sie umarmten sich und weinten heftig, ritten dann nebeneinander an der Spitze der Armee nach Bagdad und begaben sich in ihres Vaters Schloß, wo sie die Nacht beisammen zubrachten. Am folgenden Morgen erließ Dhul Makan einen Befehl, um alle Truppen zusammen zu berufen für den heiligen Krieg, und bei ihrem Eintreffen wurden sie gut empfangen und reichlich beschenkt. Dhul Makan mußte dann selbst seinem Bruder alle seine Lebensereignisse mitteilen, und das er von den Wohltaten des Badheizers sprach, fragte ihn Scharkan, womit er ihn denn belohnt habe? Dhul Makan antwortete, er wolle damit warten bis nach Beendigung des Kriegs. Scharkan erkundigte sich dann auch nach seiner Schwester und ließ sie durch ihren Gatten, den Verwalter, grüßen. Sie erwiderte seinen Gruß und fragte nach ihrer Tochter Kadha, und als Scharkan ihr sagen ließ, sie sei recht wohl und sehr stark geworden, dankte sie Gott dafür. Scharkan begab sich dann wieder zu seinem Bruder und bat ihn, nicht länger mehr zu zögern, ins Feld zu ziehen. Aber dieser versetzte: »Wir müssen noch warten, bis das Heer aus allen Provinzen versammelt ist.« Inzwischen ließ er den Proviant vorbereiten, besuchte seine Frau noch einmal, die in gesegneten Umständen war, und bestimmte ihr Astrologen und Ärzte. Zwei Monate nach der Ankunft Scharkans, als endlich aller Truppen versammelt waren, brach die Armee auf. Dendan führte den rechten Flügel an, Rustem befehligte die Perser und Bahram die Türken; Dhul Makan ritt im Zentrum; er hatte seinen Bruder Scharkan zur Rechten und den Verwalter zur Linken. So zogen sie einen Monat lang vorwärts, nur von Zeit zu Zeit, weil die Armee gar zahlreich war, ein paar Tage ausruhend, bis sie endlich die griechische Grenze erreichten. Die Einwohner der Dörfer und Flecken entflohen nach Konstantinopel und brachten Kunde vom Anzug des Feindes. Der König von Konstantinopel, Feridun, wandte sich an Dsat Dawahi, welche sich noch bei ihm aufhielt. Diese reiste zu ihrem Sohn, dem König Hardub, zurück und riet ihm, sich dem König Feridun anzuschließen; »seid ihr vereint«, sagte sie, »so glaube ich nicht, daß die Muselmänner etwas gegen uns vermögen werden.« Hardub versammelte alle seine Truppen, nahm alle seine Schätze zusammen und zog zum mächtigen König von Konstantinopel. Als dieser die Ankunft des Königs von Cäsarea vernahm, ging er ihm entgegen und freute sich ebenso sehr mit den zahlreichen Hilfstruppen, die er ihm zuführte, als mit seiner Tochter Safia, welche ihm Dsat Dawahi jetzt erst wieder schenkte. Er ließ Hardub und seiner Mutter seinen schönsten Palast einräumen und schickte Boten nach allen Ländern und Provinzen, um seine Soldaten zusammenzurufen.

Die orientalischen Christen und Franken kamen von allen Meeren und Inseln herbeigelaufen; Engländer, Ungarn, Spanier, Franzosen, Deutsche, Armenier, Genueser und andere stellten sich so zahlreich ein, daß ihnen bald das Land zu eng wurde. Als alle beisammen waren, gab Feridun den Befehl zum Aufbruch, und sie zogen nach zehn Tagen in ein am Ufer des Meeres gelegenes Tal, Numansthal genannt. Hier rasteten sie drei Tage, und als sie am vierten wieder aufbrechen wollten, sahen sie auf einmal die ganze Atmosphäre verdunkelt. Endlich erhob sich ein Staub bis zum Himmel empor, und sie erblickten plötzlich die Reihen der Muselmänner mit den muhamedanischen Fahnen, und blinkende Schwerter und blitzende Lanzen erleuchteten die Dunkelheit. Zuerst kam der Vezier Dendan mit dreißigtausend Syrern, dann Rustem und Bahram mit zwanzigtausend Mann persischer und türkischer Reiterei. Die Christen, deren Armee sich bis ans Meer hin erstreckte, riefen bei diesem Anblick: »O Maria, o Jesu, o heiliges Kreuz!« Das erste Zusammentreffen war den Muselmännern nicht günstig, denn auf den Rat der Alten hatte Feridun zwölfhundert Schiffe voll mit Soldaten vorausgeschickt, die dann auf einmal die Muselmänner im Rücken angriffen, und schon wähnten sie, es werde kein einziger von ihnen entrinnen. Feridun dankte dem Messias, der ihm eine so kluge Frau, wie Dsat Dawahi, beschert, denn die Verwirrung war so groß unter den Muselmännern, daß er sich schon seines Sieges gewiß hielt. Aber bald rückte Dhul Makan mit der großen Armee von hundertundzwanzigtausend Reitern heran, und rief seinen Leuten zu: »Soldaten des Barmherzigen, stürmt los auf die Abtrünnigen, auf die Feinde Gottes!« Von einer anderen Seite drang Scharkan mit einer bedeutenden Truppenabteilung herbei und vereinigte sich mit seinem Bruder. Jetzt stieg der Mut der Muselmänner wieder; Scharkan kämpfte wie ein Löwe und durchbrach die Reihen der Griechen, welche eine Million sechsmalhunderttausend Mann stark waren; zu Tausenden fielen sie vor ihm und dem Verwalter nieder, welcher nicht aufhörte zu rufen: »Gott ist groß!« So verschaffte Gott dem Glauben des Islams den Sieg; die Griechen wurden gegen das Meer zurückgetrieben, bis die Nacht dem Kampf ein Ende machte und die Krieger wie Betrunkene herumtaumelten. Der Löwe des Glaubens, Scharkan, schlief die ganze Nacht nicht, ebenso wenig sein Bruder Dhul Makan; sie ermutigten die Truppen, trennten die Verwundeten von den übrigen und trösteten sie mit dem reichen Lohn, der ihrer am Tage der Auferstehung harre. Von den Muselmännern waren nur dreitausendfünfhundert Mann auf dem Schlachtfeld geblieben, von den Griechen hingegen fünfundvierzigtausend. Dsat Dawahi verzweifelte aber noch nicht; des Abends ließ sie die Befehlshaber der Griechen und den König zu sich rufen und sagte ihnen: »Glaubet nur fest an den Messias und tut Buße, denn schon war der Sieg euer, und, bei dem Messias! Niemand als der Sultan Scharkan konnte die Muselmänner zum Stehen bringen. Morgen aber will ich ihre Reihen durchbrechen; ich will ihnen den wackern Ritter Lukas vorführen, der gar manchen schon erschlagen, der soll Scharkan zu einem Zweikampf herausfordern, und ist er gefallen, so soll auch kein einziger mehr von den seinigen entkommen. Kommt nur her, ich will euch mit heiligem Weihrauch weihen.« Die Feldherren der Griechen verbeugten sich vor ihr, machten das Kreuz und ließen sich von ihr mit einem vom Patriarchen zubereiteten Weihrauch, den er nach allen christlichen Ländern zu versenden pflegte, beräuchern.

Sobald der folgende Morgen heranbrach, rüsteten sich die griechischen Ritter wieder zum Kampf, und ihr König teilte Geschenke unter ihnen aus, malte ein Kreuz auf ihr Gesicht, beräucherte sie mit dem oben erwähnten, von dem Patriarchen zubereiteten Räucherwerk und segnete sie. Dann ließ er Lukas rufen, welcher Messiasschwert genannt wurde, und beräucherte und besalbte ihn. Dieser war der tapferste Mann, der geschickteste Bogenschütze und der beste Schläger mit Lanze und Schwert in ganz Griechenland; er war gräßlich anzusehen, sein Gesicht glich dem eines Esels, seine Gestalt der eines Affen. Seine Züge hatten den Ausdruck eines Lauschers, seine Nähe war bitterer als die Trennung Liebender und der Unglaube war auf seinem ganzen Wesen gestempelt. Feridun sagte ihm: »Ich wünsche, daß du Scharkan herausforderst, und uns durch seinen Tod Ruhe verschaffst.« Der Verruchte bestieg sogleich seinen Renner; er hatte ein rotes Kleid an und einen goldenen Panzer und trug eine Lanze mit drei Spitzen, die wie Feuer strahlten. Er ritt, wie Iblis auf dem Rücken des Satans am Tage des Gerichts, von dreitausend der tapfersten Ritter umgeben, und ließ in arabischer Sprache vor sich her ausrufen: »O ihr Anhänger Muhameds, lasset euern wackersten Helden, das Schwert des Islams, den König von Damaskus in die Schranken treten, und wer von uns siegt, dem unterwerfe sich die Armee seines Gegners.« Kaum waren diese Worte gesprochen, so flog ein mächtiger Staub in die Höhe und Scharkan kam herbeigeritten, dem sein Bruder mitgeteilt hatte, daß ein griechischer Ritter ihn herausgefordert und geschworen hatte, alle Muselmänner zu vertilgen; er kam wie ein grimmiger Löwe, oder wie ein wütender Leopard, auf einem Renner, so leicht wie eine Gazelle, dahergesprengt, und rief Lukas zu: »Du hast, Verruchter, den tapfern Helden herausgefordert: nun, bei der Ehre des Herren und des leitenden Propheten, hier stehe ich kampfgerüstet; du sollst deine Kühnheit büßen.« Lukas, der diese Worte nicht verstand, machte das Kreuz und drang mit dem Schwert in der Hand auf Scharkan ein. Er wußte mit einer solchen Schnelligkeit das Schwert aus der einen Hand in die andere zu werfen und es an allen Seiten zu fassen, daß die Muselmänner sehr für Scharkan fürchteten. Aber im Augenblick, wo der Feind Gottes Scharkan einen Hieb versetzen wollte, faßte dieser das Schwert auf und entriß es seinem Gegner. Alle Zuschauer riefen erstaunt: »So was kann kein Mensch!« Scharkan rief dann mit lauter Stimme: »Bei dem, der die sieben Himmel gewölbt, und die Erde wie einen Teppich ausgebreitet und Berge mit Festigkeit darauf erhoben, ich will diesen Verruchten, zur Verwunderung aller, die zusehen oder einst davon lesen werden, erschlagen.« Er versetzte ihm dann einen Hieb auf die rechte Seite der Stirn, gerade an der Stelle, wo ihm Feridun ein Kreuz gemalt hatte, und Gott sandte schnell seinen Geist in die Hölle. (Wehe einem solchen Aufenthaltsorte!) Als Lukas getötet war, schlugen sich die Christen ins Gesicht, machten das Kreuz, erhoben ein lautes Wehegeschrei und drangen in Masse mit Schwert und Lanze gegen Scharkan vor; aber die Muselmänner eilten diesem zu Hilfe, und das Handgemenge wurde allgemein; Schwert traf auf Schwert, Häupter flogen vom Rumpfe, Staub umhüllte die Erde, Seelen trennten sich vom Körper, Pferde flogen, als hätten sie Flügel statt Füße, bis endlich die Nacht heranbrach, die beide ermatteten Armeen trennte und der Kampfplatz mit Erschlagenen und Verwundeten bedeckt war. Scharkan begab sich zu seinem Bruder und ließ den Vezier und den Verwalter rufen, und sagte ihnen: »Freilich ist uns Gott der Erhabene bisher gegen unsere Feinde beigestanden, doch, da unser Feind vom Meer her immer Verstärkung erhält, so müssen wir zuletzt unterliegen, wenn wir nicht auf ein Mittel denken, ihn auf einmal zu vernichten; aber gelobt sei Gott, der Herr der Welten, der uns ein Mittel eingibt, die Ungläubigen auszurotten. Geh' du, mächtiger Verwalter, mit zwanzigtausend Mann von der syrischen Reiterei eine Strecke von sieben Pharasangen das Meer entlang, dann machst du einen Umweg durch das Gebirge und näherst dich weiter unten wieder dem Meer, so daß ihr nur zwei Pharasangen weit hinter dem Feind steht; dort bleibt ihr verborgen. Du hörst am folgenden Morgen das Schlachtgetümmel, ich werde zuerst mit meiner Armee weichen, um den Feind vorwärts zu locken, auf einmal kehre ich mich dann wieder dem Feind zu, du wirst unsere Fahnen sehen, auf denen die Inschrift leuchtet; Es gibt keinen Gott, außer Gott, und Muhamed ist sein Gesandter; dann schwinge auch du die grüne Fahne und rufe: Gott ist groß! und überfalle den Feind von hinten, so daß du den Flüchtlingen den Rückzug auf ihre Schiffe abschneidest.« Der Verwalter machte sich auf den Weg und verbarg sich am bestimmten Orte. Des Morgens früh griffen die Christen wieder schnell zu den Waffen, entblößten ihr Haupt, pflanzten das Kreuz auf die Schiffe, traten ans Land mit ihren Pferden und begannen die Schlacht von neuem. Die Todesmühle rollte umher, Häupter fielen vom Rumpf, Augen wurden ausgestochen, Arme abgehauen, Herzen ausgerissen, Pferde schwammen im Blut. Die Muselmänner priesen den Barmherzigen und die Christen Messias. Da Scharkan absichtlich zurückwich, riefen die Christen schon: »O Diener des Messias, der Sieg ist unser, die Muselmänner fliehen, Marias Sohn, der schon in der Wiege sprach, hat uns geholfen.« Der König Hardub schickte sogleich einen Eilboten nach Konstantinopel, um der Hauptstadt seinen Sieg zu verkünden, und ließ dem König Feridun sagen: »Das Räucherwerk des Patriarchen, das unsere Krieger ausdufteten, hat uns geholfen;« auch schwor er bei allen christlichen Wundern, bei seiner Tochter Ibris und bei dem Taufwasser, er wolle alle Muselmänner ausrotten.

Als der Bote mit dieser Nachricht fort war, schrie der Anführer der Armee: »Rächet Lukas!« Der König der Griechen schrie: »Rächet die teure Ibris!« Aber auf einmal rief Scharkan den Seinigen zu: »O ihr Knechte des gerechten Gottes, hebt euer Schwert gegen die Ungläubigen auf! O Muselmänner, hier sind die Gottesleugner vor euch, vernichtet sie im Namen des Allmächtigen und aus Liebe zu unserem Propheten Muhamed. Wie sind ja die an Einheit Glaubenden; fürchtet das Feuer der Hölle und schont euer Leben im Kampf gegen die Ungläubigen nicht: denn vor euch blüht das Paradies.« Als Scharkan nach dieser Anrede aufs neue den Feind angriff, bemerkte er vor sich einen jungen, geschmeidigen Ritter, der mit vielem Mut sich gegen die tapfersten Armenier schlug und mitten im Schlachtgetümmel, sowohl durch seine Kühnheit und Tapferkeit, als durch seine schöne Gestalt und sein blitzendes Auge, die allgemeine Bewunderung erregte. Scharkan ging auf ihn zu und sagte: »Wer bist du, Ritter, der du mit solchem Eifer Gottes Willen erfüllst?« Der Ritter antwortete: »Wie schnell hast du mich vergessen?« Er nahm das Visier vom Gesicht, und siehe da, es war Dhul Makan. Scharkan freute sich sehr, ihn gefunden zu haben, weil er seiner Jugend willen gar zu besorgt für ihn war, und besonders als König für ihn fürchtete, denn der Tod des Königs entscheidet oft eine ganze Schlacht; er bat ihn, nun in seiner Nähe zu bleiben und sich nicht allein so großer Gefahr auszusetzen. Dhul Makan erwiderte: »Das ist mein erster Feldzug, darum wollte ich so viel als möglich deinem Beispiel folgen.« Als die Griechen unerwartet mit erneuter Wut angegriffen wurden, ergriffen sie die Flucht und eilten ihren Schiffen zu; aber sie fielen den verborgenen zwanzigtausend syrischen Reitern, welche der Verwalter und der Vezier anführten, in die Hände, so daß sie von allen Seiten eingeschlossen waren, und die Muselmänner ein furchtbares Gemetzel unter ihnen anrichteten. Mehr als hunderttausend dieser Schweinsseelen schickte Gott in die Hölle und nur zwanzig christliche Schiffe entkamen. Die Muselmänner machten eine unermeßliche Beute; sie nahmen fünfzehnhundert Schiffe voll mit Geld, goldenen und silbernen Gerätschaften, Waffen und Pferden, so daß sie in höchster Freude dem erhabenen Gott dankten. Die zwanzig Schiffe, welche entkamen, flüchteten nach Konstantinopel. Dort war schon die Nachricht eingetroffen, daß die Griechen gesiegt, und die Alte hatte gesagt: »Ich habe es wohl gewußt, daß mein Sohn keine muselmännische Armee fürchtet, auch habe ich viele Gebete deshalb an den Messias gerichtet.« Die Stadt wurde beleuchtet, man war vergnügt und trank brav Wein; aber auf einmal wurde diese Freude in Trauer verwandelt, als die flüchtigen Schiffe mit dem König Hardub ankamen und den Ausgang der Schlacht berichteten. Nun wurde geklagt und gewimmert; Feridun war wie vom Schlage getroffen, warf seine Krone zur Erde und fiel in Ohnmacht, als er hörte, daß außer diesen paar Schiffen, alles verloren sei, und rief: »Wehe uns! gewiß zürnt uns Messias.« Der Patriarch trat dann zu ihm und sagte: »Das Räucherwerk war nicht für die ganze Armee hinreichend, darum ist sie geschlagen worden; nun aber will ich recht viel in der Kirche beten, bis alle Muselmänner vernichtet sind.«

Dann trat die alte Dsat Dawahi zu Feridun und sagte: »Verzweifle nicht, du kannst ja viele andere Truppen zusammenbringen, ich werde nun eine List gebrauchen, die uns helfen muß. Ich will mich bei dem Anführer der muselmännischen Truppen einschleichen, vielleicht kann ich ihn, wie seinen Vater, ermorden, und dann soll kein einziger von seiner ganzen Armee in seine Heimat zurückkehren! Ich brauche nur hundert Syrer, die, wie ich, dem Messias zu Ehren ihr Leben zu opfern bereit sind.« Der König brachte hundert eifrige Christen zusammen und beredete sie, der Alten ins Lager der Muselmänner zu folgen, indem er jedem einen Zentner Gold und denen, die Geld geringschätzten, den Lohn des Messias versprach. Die Alte kochte allerlei Kräuter und packte sie zusammen, zog über ihre Kleider eine große Kutte mit weiten Ärmeln an, wie die syrischen Derwische sie zu tragen pflegten, und ging so zu Feridun. Kein Mensch erkannte sie in diesem Aufzug, bis sie sich entschleierte; jeder bestärkte sie dann in diesem Vorsatz und wünschte ihr den Beistand des Messias. – Diese verruchte Dsat Dawahi war eine sehr gewandte, belesene und gelehrte Frau; sie hatte Astrologie und alle möglichen Zauberkünste studiert, und war voll List und Trug; auch ihr Äußeres war so abscheulich, wie ihr Inneres; sie war kahl, bucklig, aussätzig, sah gelb aus und triefte immer und überall; schon in ihrer Jugend hatte sie eine Pilgerfahrt nach dem Heiligen Tempel unternommen, um die Religion und die Gebräuche der Muhamedaner kennenzulernen; dann nahm sie das Judentum an, bis sie auch im jüdischen Glauben unterrichtet war. Sie hielt sich fast immer bei ihrem Sohn, dem König Hardub, auf, der sehr viele Sklavinnen hatte, denen sie Unterricht erteilt und die sie, je nachdem sie ihr gefielen, ihrem Sohn empfahl. Dieser begab sich nach seiner Mutter Abreise zu Feridun und stellte ihm die Gefahr vor, die sie bedrohte, wenn die muselmännische Armee vorwärts rückte und die Hauptstadt belagerte. Feridun, der seine gefährliche Lage einsah, sandte Boten nach allen seinen Provinzen, um alle noch vorhandenen Truppen aus den verschiedenen Festungen zusammen zu berufen. Dsat Dawahi hatte sich indessen auf den Weg gemacht und, sobald sie in der Stadt war, ihre Begleiter als muselmännische Kaufleute verkleidet und ihnen zweihundert Maulesel, mit allerlei syrischen Waren beladen, mitgegeben. Auch hatte sie sich von Feridun einen Brief geben lassen, worin er ihnen als muselmännische Kaufleute überall freien Durchzug mir ihren Waren, ohne daß sie irgend einen Zoll zu entrichten haben, gestattete. Die Alte rieb sich dann die Stirn mit einem wollenen Tuch, bis sie ganz rot wurde, legte Ketten an ihre Füße, bis sie in die Nähe der Muselmänner kam, dann nahm sie sie weg und schmierte das Mal, das sie zurückließen, mit Blut ein; sie ließ sich dann auch von ihren Begleitern schlagen, bis man die Spuren der Prügel auf ihrem Leib sah. Sie befahl ihnen dann, die muselmännische Glaubensformel auszusprechen. »Das ist kein Sünde,« sagte sie, »weil die Not euch dazu zwingt; wenn wir nun zu den Muselmännern kommen«, fuhr sie fort, »so überlaßt alle eure Waren dem ersten Muselmann, der euch anhält, laßt euch zum König führen und sagt ihm: Selbst die ungläubigen Griechen nahmen nichts von uns und ihr Muselmänner wollt uns berauben? Seht hier den Freibrief des Kaisers der Christen! Saget ihm ferner, ihr wärt in Konstantinopel gewesen, und nachdem ihr eure Geschäfte vollendet, habe euch auf einmal eine Statue folgenderweise angeredet: Gott hat mir die Sprache verliehen, um euch in eurem Glauben zu stärken, euch den Untergang der Christen und die Eroberung Konstantinopels durch das Schwert Gottes, den tapfern Scharkan, zu verkünden; ferner um euch zu sagen, daß ihr drei Tage weit von hier im Gebirge ein Kloster finden werdet, wo durch die List eines verruchten Mönchs schon viele Jahre ein frommer Derwisch schmachtet; befreit ihn und führt ihn zu den Muselmännern zurück, so will ich schon das weitere einleiten.« Nach dieser Verabredung ließ sie sich in eine Kiste legen und in das muselmännische Lager tragen.

Während die Alte gegen Scharkan neue Ränke schmiedete, feierten die Muselmänner ihren Sieg und teilten untereinander die unermeßliche Beute, die sie gemacht; sie nahmen die besten und größten Schiffe der Griechen, füllten sie mit Soldaten und Lebensmitteln, und bohrten die übrigen in den Grund. Dhul Makan, welcher wohl einsah, daß die Muselmänner ihren Sieg nur seinem Bruder zu verdanken hatten, bat ihn, an seiner Stelle die Regierung zu übernehmen, während er nun den Kampf gegen die Ungläubigen fortsetzen und für seinen Vater zehn griechische Könige und fünfzigtausend Soldaten töten wolle. Aber Scharkan sagte: »Ich werde, bis wir Konstantinopel einnehmen – dauert es auch Jahre lang – nicht in meine Heimat zurückkehren, so sehr ich mich auch nach meiner wunderschönen Tochter Kadha sehne.« Dhul Makan versetzte hierauf: »Auch ich verlange sehr nach meiner Sklavin, die ich in gesegneten Umständen verlassen; ich weiß nicht, was mir Gott bescheren wird; doch, wenn mir Gott einen Sohn beschert, wirst du ihm deine Tochter zur Frau geben?« Scharkan reichte seinem Bruder die Hand, als Zeichen seiner Zusage. Sie beschlossen sodann, mit einem Teil ihrer Truppen zu Land gegen Konstantinopel vorzurücken und einen Teil zu Wasser dahin zu senden. Nachdem sie viele Wüsten und Einöden durchwandert hatten, kamen sie endlich in eine grüne, fruchtbare Ebene mit vielen Quellen und Bächen. Hohe Bäume sproßten empor, unter deren Schatten Gazellen weideten und auf deren Zweige die Vögel sangen; die Rose, von einem sanften Zephyr angeweht, schaukelte sich wie ein Trunkener, Veilchen und Basilienkraut erquickten mit ihrem lieblichen Duft den Wanderer. Als Dhul Makan diese schöne Ebene sah, sagte er zu seinem Bruder: »Bei Gott! die Gegend von Damaskus ist nicht so schön: wir wollen drei Tage hier verweilen und neue Kräfte schöpfen.« Man hatte kaum ihr Zelt aufgeschlagen, da vernahmen sie ein Geschrei in der Ferne.

Scharkan fragte, was es gäbe? Man sagte ihm: eine Karawane syrischer Kaufleute ist angekommen, denen wahrscheinlich die Soldaten einen Teil ihrer Waren, die sie aus dem Land der Ungläubigen mitgebracht, weggenommen; nun rufen sie nach Hilfe und wollen vor den König geführt werden. Scharkan sagte: »Man bringe sie her!« Die verkleideten Christen kamen und erzählten, was sie die Alte gelehrt, zeigten Scharkan den Freibrief, den ihnen der Kaiser der Griechen gegeben und sagten: »O König der Zeit! die Ungläubigen haben uns nichts genommen, und nun sollen wir von Muselmännern beraubt werden?« Scharkan erwiderte: »Eure Ware soll euch zurückgegeben werden; doch habt ihr Unrecht getan, Waren ins Land der Ungläubigen zu bringen.« Da sagten sie: »Gott hat uns dahin geführt, um etwas zu erlangen, was noch niemand vor uns erlangt hat; doch was wollen wir dir nur allein sagen, sonst könnten wir, und wer nach uns jene Gegend bereist, untergehen.« Scharkan führte sie hierauf in sein Zelt, wo sie ihm und Dhul Makan, der auch zugegen war, die Lüge vom frommen Derwisch auf eine so rührende Weise erzählten, daß beide Brüder vor Mitleid weinen mußten. Scharkan fragte dann: »Habt ihr ihn befreit, oder schmachtet er noch im Kloster?« – »Wir haben ihn befreit«, antworteten die Kaufleute, »und den Anführer des Klosters, aus Furcht verraten zu werden, getötet, und sind schnell entflohen, obschon wir gehört, daß in diesem Kloster viele Schätze verborgen sind.« Bei diesen Worten öffneten sie die Kiste, die sie bei sich hatten, und holten die Alte hervor, die wie eine dürre Gurke aussah.

Scharkan und sein Bruder weinten sehr heftig bei dem Anblick der mageren und ausgetrockneten Dsat Dawahi, deren ganzer Körper von vielen erlittenen Qualen Zeugnis ablegte; ehrfurchtsvoll näherten sie sich ihr und küßten ihre Hände und Füße. Dsat Dawahi sagte ihnen: »Laßt eure Tränen, ich klage euch ja nichts, ich bin ja zufrieden mit dem, was der Herr über mich verhängt, ich sehe mein Unglück als eine Versuchung vom Allmächtigen an; denn wer sein Unglück nicht standhaft trägt, gelangt nicht ins Paradies, und wenn ich mich nach meiner Heimat zurücksehnte, so war es nur, um im heiligen Kampf unter den Hufen der Pferde zu sterben.« Scharkan stand dann auf und ließ ihr etwas zu essen bringen; aber sie schlug es ab und sagte: »Gott weiß, ich faste schon vierzehn Tage, wie soll ich jetzt aufhören, da mich Gott von meiner großen Pein befreit: ich werde nichts essen bis Abends.« Des Abends brachten sie ihr wieder zu essen, da sagte sie: »Noch ist's nicht Zeit. ich muß zuerst den allmächtigen Gott anbeten;« und so betete sie die ganze Nacht und die drei folgenden durch, und flößte Dhul Makan so viel Ehrfurcht ein, daß er ihr ein Zelt neben dem seinigen aufschlagen ließ; auch Scharkan hatte eine so hohe Meinung von ihr, daß er selbst über sie wachte und sie bediente. Am vierten Tag forderte sie zu essen; man brachte ihr allerlei Gerichte, sie nahm aber bloß Brot mit etwas Salz und fastete dann wieder. Scharkan, der ihr zusah, sagte zu seinem Bruder: »Dieser Mann entsagt so sehr allen weltlichen Genüssen, daß, wäre nicht der heilige Krieg, ich bei ihm bleiben und mit ihm beten würde.« Dhul Makan und der Vezier waren auch so sehr für sie eingenommen, daß sie beschlossen, diese Nacht bei ihr zuzubringen, damit sie für sie bete.

Dhul Makan und der Vezier trafen das verruchte Weib, als alle Leute schliefen, so andächtig betend, daß sie sich bis Mitternacht nicht nach ihnen umsah. Erst nach Mitternacht unterbrach sie ihr Gebet und fragte sie, was sie wollten? Dhul Makan bat sie, sie möchte ihm die Geschichte ihrer Gefangenschaft erzählen, und für ihn beten, das bringe ihm mehr Glück, als der Besitz von Konstantinopel. »Bei Gott!« erwiderte sie, »wäret ihr nicht die Fürsten der Muselmänner, ich würde euch nichts erzählen, weil ich keinem Menschen, sondern nur Gott meine Not klage. Wisset, ich lebte lange bescheiden nach Gottes Willen mit anderen vornehmen Leuten in Jerusalem; da ging ich eines Nachts am Wasser spazieren, sah mein Bild und wurde eitel und hochmütig. Um diese Sünde, die mein Herz zu verderben drohte, zu büßen, reiste ich ein Jahr lang umher und betete Gott an jedem heiligen Ort an; da kam ich auch in das Gebirge, wo das Kloster eines Einsiedlers, Matruch genannt, liegt. Der Einsiedler kam mir entgegen, küßte mir Hände und Füße und sagte mir: »Ich sehne mich schon lange nach dem Land der Muselmänner; kehre bei mir ein, morgen reise ich mit dir.« Hierauf führte er mich ins Kloster, brachte mich in ein dunkles Zimmer, schloß die Tür und ließ mich vierzig Tage eingesperrt ohne Speise und ohne Trank, Am einundvierzigsten Tag kam der Patriarch Astimerus mit seiner schönen Tochter Tamthil und zehn Dienern ins Kloster, und Matruch erzählte ihm, wie er mich behandelte. Als aber Matruch mit dem Patriarchen, der meine Leiche sehen wollte, in mein Zimmer trat und mich noch lebendig und eifrig betend fand, lief er weg und schrie: »Das ist ein Zauberer.« Astimerus aber blieb und ließ mich durch seine Leute so tüchtig durchprügeln, daß ich mir den Tod wünschte und dachte: so wird mein Dünkel bestraft. Sie legten mich dann in Ketten und führten mich in ein noch dunkleres Gefängnis. Alle drei Tage schickten sie mir ein Laibchen Gerstenbrot, und alle paar Monate sah ich den Patriarchen mit seiner Tochter im Kloster. Letztere ist, seitdem sie herangereist, als Mann gekleidet: denn sie ist das schönste Mädchen in Griechenland, und ihr Vater fürchtete, der König möchte von ihr hören und sie zur Gattin verlangen, obschon sie sich dem Messias geweiht. In diesem Kloster hat der Patriarch alle seine Schätze verborgen, die ihr wohl eher als die Ungläubigen zu besitzen verdient. Ich blieb fünfzehn Jahre eingesperrt und sah häufig die bezaubernde Tamthil und die unbeschreiblichen Kostbarkeiten, die im Kloster verborgen sind. Morgen Nacht wird nun Tamthil wieder mit ihrem Vater ins Kloster kommen; wenn ihr wollt, so gehe ich mit euch, ihr werdet ein Mädchen finden, das die schönsten Lieder singt und eines Königs würdig ist; nur schade, daß ihre Stimme nicht den Koran zu lesen sich erhebt; auch werde ich euch die Schätze zeigen, deren ihr euch bemächtigen könnt. Doch fürchte ich sehr«, fuhr sie fort, »wenn der Patriarch eure Armee sieht, möchte er sich fürchten, mit seiner Tochter ins Kloster zu kommen.« Die Prinzen hörten der häßlichen Alten mit Erstaunen und Entzücken zu, ließen den Verwalter rufen und befahlen ihm, morgen früh mit der Armee gegen Konstantinopel aufzubrechen; sie aber wollten in drei Tagen ihm nachfolgen und nur mit hundert tapferen Rittern zurückbleiben; sie baten ihn jedoch, ihre Abwesenheit der Armee zu verheimlichen.

Am folgenden Morgen brach die Armee, unter der Anführung des Verwalters, Bahrams und Rustems, gegen Konstantinopel auf, während die Prinzen, der Vezier, die Alte, hundert Ritter und viele Diener mit Mauleseln, um die Schätze des Patriarchen damit fortzuschaffen, den Weg nach dem Kloster einschlugen. Die Alte hatte aber schon zum voraus auf den Flügeln eines Vogels dem Kaiser von Konstantinopel Nachricht von allem gegeben und ihn gebeten, heimlich durch das Gebirg zehntausend Mann nach dem Kloster zu schicken, die sie mit den Prinzen überfallen sollten. »Ich werde«, sagte sie am Schluß des Briefs, »den Muselmännern die goldenen Kreuze und andere Kostbarkeiten überliefern, auch werde ich, um sie desto sicherer zu täuschen, den Einsiedler Matruch ermorden lassen; dieser muß als Opfer für das Christentum fallen, weil es dann um alle Muselmänner geschehen sein wird.« Sobald der Kaiser diesen Brief erhielt, sandte er zehntausend wohlbewaffnete Reiter mit Proviant versehen ab, und in zwei Tagen waren sie in der Nähe des Klosters. Indessen führte die Alte die Prinzen und den Vezier ins Kloster und als ihnen der Einsiedler Matruch entgegenkam, rief ihnen die Alte zu: »Bringt diesen Verruchten um!« und im Augenblick versetzte ihm Scharkan mit dem Schwert einen Todesstreich. Die Alte führte sie dann in das Gemach, wo allerlei Kostbarkeiten des Klosters verborgen waren. Die Muselmänner freuten sich sehr, packten alles in die Kisten, die sie mitgebracht hatten, und luden sie auf ihre Maulesel. Da aber Tamthil mit ihrem Vater, aus Furcht vor den Muselmännern, nicht kam, wartete Scharkan noch drei Tage; dann sehnte er sich so sehr nach seinen Truppen zurück, daß er sich von Dhul Makan überreden ließ, abzureisen und lieber nach der Eroberung von Konstantinopel wieder Tamthil aufzusuchen. Die Alte, um keinen Verdacht zu erregen, hielt sie nicht länger auf, aber kaum waren sie vom Berg herunter in das enge Tal gekommen, als sie von zehntausend Ungläubigen umzingelt wurden. Scharkan konnte sich nicht erklären, wieso diese Truppen auf einmal hierher gelangten, noch wer sie hierher geleitet; sein erster Gedanke war nun, die Zugänge des Tales zu verteidigen, aber Dendan, welcher behauptete, schon einmal bei einer Belagerung Konstantinopels mit seinem Vater in dieser Gegend gewesen zu sein, sagte, man müsse sich sobald als möglich durchschlagen, der Feind würde sonst den Berg vor der Schlucht besetzen und sie mit Steinen totwerfen. Die Alte rief: »Was bedeutet diese Furcht? Seid ihr nicht entschlossen, euch auf dem Pfad Gottes zu opfern? war ich doch fünfzehn Jahre unter der Erde eingekerkert, ohne über Gottes Ratschluß zu murren; darum kämpft nur: wer als Märtyrer stirbt, dem weist der einzige Gott das Paradies zur Wohnung an.« Diese Worte belebten den muselmännischen Mut so sehr, daß Scharkan es wagte, mit Ungestüm auf den Feind einzudringen und mit seiner Handvoll Ritter den hartnäckigsten Kampf zu bestehen.

Auch Dhul Makan schlug die Köpfe der Christen fünf- und zehnweise herunter und die Alte spornte ihren Eifer stets durch Zeichen und Worte an. Der Kampf dauerte den ganzen Tag, und als die Nacht heranbrach, zog sich Scharkan mit den Seinigen, von denen aber nur noch fünfundvierzig übrig waren, in eine Höhle zurück. Er war eine Weile sehr bestürzt, weil er die Alte nicht wiedersah, aber auf einmal kam die Verruchte mit dem Haupt des griechischen Feldherrn in der Hand. Dieser war von einem Türken getötet worden und Gott hatte schnell seinen Geist in die Hölle geschickt, aber die Christen fielen über den Türken her und hauten ihn in Stücke, während Gott seine Seele ins Paradies sandte. Die Verruchte schnitt dann den Kopf des Feldherrn ab, und brachte ihn den Prinzen höchst erfreut und erzählte ihnen, sie habe heute den Märtyrertod gesucht und nicht geruht, bis sie den Feldherrn der Ungläubigen getötet.

Sie redete ihnen dann wieder zu, nur den Mut nicht zu verlieren, sie wolle noch diese Nacht auf einem kurzen Weg die muselmännische Armee von ihrer Lage benachrichtigen und mit zwanzigtausend Mann zurückkommen, die diese Ungläubigen aufreiben sollten. Als Scharkan fragte, wie sie entkommen wolle, da doch alle Ausgänge des Tales bewacht wären? lachte sie und sagte: »Gott wird mich den einen unsichtbar machen und den anderen den Mut nehmen, mir etwas zuleid zu tun.« Scharkan versetzte hierauf: »Bei Gott! du hast recht, ich habe auch heute gemerkt, daß Gott dich beschützt; es wäre gut, wenn du bald gingest.« – »Ich gehe gleich, und wenn du mitkommen willst, so mache ich dich auch unsichtbar; auch dein Bruder kann uns begleiten, doch mehr als zwei kann ich nicht schirmen.« – »Was mich betrifft, so werde ich von meinen Gefährten mich nicht trennen, wenn aber mein Bruder und der Vezier mit dir gehen wollen, so mögen sie es zum Wohl der Muselmänner tun und morgen mit zehntausend Mann zurückkehren.« – »So warte eine Weile, ich will vorausgehen und sehen, wo die Ungläubigen lagern und ob sie schlafen, ich komme dann wieder und hole deinen Bruder und den Vezier ab.« – Während nun die Alte im feindlichen Lager mit den Griechen verabredete, daß sie sie mit dem Sultan Dhul Makan und dem Vezier frei durchziehen lassen und erst, wenn sie mitten unter ihnen sich befänden, sie gefangennehmen möchten, begab sich Scharkan zu seinem Bruder und rühmte den Mut und die Heldenkraft des Derwisches, der den obersten Feldherrn getötet, und als die Alte zurückkam und ihnen vollkommenes Gelingen ihrer Unternehmung versprach, entschloß sich Dhul Makan und der Vezier, ihr zu folgen, denn das ihnen bestimmte Geschick mußte sie ereilen. Als sie nun an den Ungläubigen, welche den Ausgang des engen Tales bewachten, vorüberkamen, widersetze sich ihnen, der schlauen Verabredung mit der Alten gemäß, niemand, so daß Dhul Makan ausrief: »Es gibt keinen Gott, außer Gott, und Mohammed ist ein Gesandter Gottes! das ist ein offenbares Wunder, wie nur Heilige zu wirken imstande sind; dieser Derwisch muß einer der eifrigsten Diener Gottes sein.« Der Vezier sagte hierauf: »Bei Gott! ich glaube, alle diese Griechen sind blind, daß sie uns so ungehindert durchziehen lassen.«

Aber auf einmal sprangen die Ungläubigen über den Vezier und den Prinzen her, legten sie in Ketten und fragten: »Ist noch sonst jemand bei euch?« Sie antworteten, indem sie auf die Alte hindeuteten: »Hier ist noch ein Mann;« aber die Griechen sagten: »Wir sehen niemanden«, und die Alte verschwand vor ihren Augen, so daß der Vezier und der Prinz glaubten, sie haben sich durch irgend eine Sünde oder ein Vergehen gegen den Derwisch selbst in dieses Unglück gestürzt; besonders der Vezier, der früher einmal einige Zweifel gegen die Aufrichtigkeit der Alten geäußert hatte, machte sich bittere Vorwürfe.

Scharkan, der glücklicherweise zurückgeblieben war, machte sich am folgenden Morgen auf, betete, frühstückte etwas, rüstete seine Soldaten wieder zum Kampf gegen die Ungläubigen und flößte ihnen durch das Versprechen eines himmlischen Lohnes viel Mut ein. Als sie aber in die Nähe der Griechen kamen, riefen diese ihnen zu: »Wehe euch, Muselmänner! wir haben ja euern Sultan und euern Vezier gefangen, kommt also mit in unsere Hauptstadt, vielleicht wird unser Kaiser euch begnadigen und Frieden mit euch schließen: das ist wohl das beste, was euch zukommen kann; wollt ihr nicht, so sind wir bereit, euch zu bekämpfen, bis wir euch gänzlich aufgerieben.« Scharkan war sehr bestürzt, als er dies hörte, und weinte heftig über die Gefangenschaft seines Bruders und des Veziers, für deren Rettung ihm wenig Hoffnung übrig blieb. Gewiß, dachte er, haben sie dem Derwisch nicht die gebührende Ehrfurcht erwiesen; es gibt keinen Schutz und keine Hilfe, als bei dem allmächtigen Gott; wir sind Gottes und kehren zu ihm wieder zurück! Indessen drang er auf die Griechen, die ihn von allen Seiten umzingelten, mutig ein und tötete viele von ihnen. Keiner der Seinigen fürchtete den Tod und niemand sann auf die Flucht, bis die Erde mit Leichen bedeckt war und ein ganzes Meer von Blut sich darüber ausdehnte, Der Kampf dauerte den ganzen Tag, erst abends zog sich Scharkan mit den wenigen Seinigen wieder in die Höhle zurück, nachdem er an diesem Tag fünfunddreißig seiner besten Begleiter verloren hatte, Er war höchst bestürzt über seinen Verlust und wußte kein anderes Mittel, als sich ganz dem Willen Gottes hinzugeben. Am folgenden Morgen sagte er den paar Leuten, die noch bei ihm waren: »Bei Gott! wenn wir nur den Eingang der Höhle verteidigen; vielleicht hat Gott doch den Derwisch zu unserer Armee gelangen lassen, daß er bald mit zehntausend Mann Hilfstruppen wieder zurückkehre.« Dieser Rat wurde von seinen Gefährten gutgeheißen; sie blieben am Eingang der Höhle stehen und trieben den ganzen Tag durch die Griechen zurück, die sich derselben bemächtigen wollten, und töteten gar manchen von ihnen. – In der darauffolgenden Nacht sagten die Griechen unter sich: »Wie lange wollen wir noch hier verweilen, um gegen die fünfundzwanzig Mann zu kämpfen, die noch bei Scharkan übrigbleiben? Wohlan! laßt uns, wenn sie sich nicht ergeben, ihre Höhle in Brand stecken, so daß sie ein Raub der Flammen werden und aller Welt zur Lehre dienen; der Messias verdamme sie, sie sind alle so tapfer, daß wir ihnen nicht anders beikommen können.« Sie trugen dann Holz zusammen vor den Eingang der Höhle und zündeten es an. Scharkan rief in der höchsten Not die Worte aus, deren sich niemand zu schämen hat: »Es gibt keinen Schutz und keine Hilfe, außer bei Gott, dem Erhabenen!« Schon wollten einige Griechen mit dem Schwert auf ihn eindringen, als der Befehlshaber ihnen zurief: »Laßt ihn leben, wir wollen ihn gefangen dem Kaiser nach Konstantinopel bringen, er mag mit ihm nach Wunsch verfahren.« Scharkan und die noch übrigen Moslime wurden hierauf gefesselt und einer starken Wache übergeben. Als in der Nacht aber die Griechen alle betrunken waren und auf den Boden hingestreckt lagen, sprengte Scharkan in der Verzweiflung die Ketten, dann nahm er dem Wächter die Schlüssel zu den übrigen Ketten aus der Tasche und entfesselte Dhul Makan, den Vezier und die fünfundzwanzig Mann, die noch bei ihm waren, und sagte zu seinem Bruder: »Ich will nun drei von den Wachen töten, und wir ziehen ihre Kleider an und gehen dann unbemerkt zu unserer Armee.« Aber Dhul Makan konnte diesem Entschluß nicht beistimmen; »denn«, sagte er, »leicht möchte ihr Geschrei, wenn du sie tötest, die übrigen aufwecken: es ist besser, wir machen nur, daß wir so aus dieser Schlucht herauskommen.« So gingen sie denn in der größten Angst mitten durch die Griechen durch; Gott nahm sie unter seinen Schutz und ließ keinen von den betrunken umherliegenden Griechen erwachen. Als sie glücklich aus der Enge waren und sich auch mit Pferden und Waffen versehen hatten, sagte Scharkan: »Mein Rat ist nun, wir gehen auf diesen Hügel und rufen alle auf einmal: Gott ist groß, hier ist die muselmännische Armee, ihr Feinde Gottes. Die Griechen werden in ihrer Trunkenheit und in der dunklen Nacht sich nicht zu helfen wissen, und sich selbst untereinander morden.« Dhul Makan widersprach auch diesem Rat und schlug vor, lieber ganz still und leise, ohne ein Wort zu sprechen, ihre Armee einzuholen; »denn«, sagte er, »wie leicht könnten wir, wenn wir sie aufwecken, von ihren leichtfüßigen Rossen wieder eingeholt werden, und Gott, gepriesen sei sein Name! hat gesagt: stürzt euch nicht selbst in Gefahr.« Aber Scharkan sagte: »Es wird uns nichts geschehen, so Gott will«, und beredete die übrigen, mit ihm den Hügel zu ersteigen und so laut zu schreien: »Gott ist groß!« daß der ganze Berg zitterte, und Bäume und Steine mit ihnen aus Gottesfurcht einstimmten. Als die Griechen dies hörten, riefen sie: »Bei dem Messias, der Feind hat uns überfallen!« Sie umgürteten ihre Schwerter und erschlugen einer den anderen, bis so viele von ihnen fielen, daß nur Gott ihre Zahl kennt. Als aber der Anführer der Griechen nach den Gefangenen sehen wollte und keine Spur mehr von ihnen fand, sagte er: »Wehe euch, gewiß haben die Gefangenen uns überlistet, nun eilt ihnen nach und sucht sie noch im Gebirge einzuholen.« Die Griechen faßten Mut und bestiegen ihre Pferde, und es dauerte nicht lange, da hatten sie die Muselmänner so eng umzingelt, wie ein Armband den Arm umfaßt. Dhul Makan sagte seinem Bruder: »Du siehst, daß, was ich befürchtet habe, nun eingetroffen ist, jetzt bleibt uns nichts übrig, als im heiligen Kampf umzukommen.«

Während aber Dhul Makan und Scharkan in der größten Bedrängnis fest entschlossen waren, für Gottes Sache zu sterben, wurde auf einmal von dem lauten Ruf: Allah Akbar! (Gott ist groß!) die Erde erschüttert, und zwanzigtausend Reiter verbreiteten die ganze Nacht durch ein schreckliches Blutbad unter den Griechen. Erst als der Morgen leuchtete, erkannte Scharkan seine eigene Armee, an deren Spitze Bahram und Rustem standen, welche von ihren Pferden abstiegen und vor ihm und seinem Bruder sich verbeugten. Folgendes ist die wunderbare Ursache ihrer Ankunft: Bahram, Rustem und der Verwalter waren mit wehenden Fahnen, wie wir schon berichtet, bis vor Konstantinopel gezogen. Als die auf den Wällen und Zitadellen Wache haltenden Griechen das Gewieher der Pferde hörten und einen dicken Staub, dann eine Armee, tobend wie der Ozean und zahlreich wie ein Schwarm Heuschrecken, sahen, deren Stimme sich bis zum Himmel erhob, benachrichtigten sie den Kaiser davon, und in einem Augenblick waren die Wälle mit unzählbaren Soldaten besetzt. Der Verwalter sagte dann zu Bahram und Rustem: »Mir wird bang vor dieser Masse Feinde, wie leicht könnten sie durch Spione entdecken, daß die Prinzen und der Vezier nicht bei uns sind und mit doppeltem Mut uns überfallen; ich rate daher, daß ihr mit zehntausend Reitern nach dem Kloster ziehet, um die Prinzen und den Vezier zu holen, dann haben wir nichts mehr zu befürchten.« So wählten sie jeder zehntausend Reiter und machten sich auf den Weg nach dem Kloster. Auch die Alte hatte sich, nachdem sie Dhul Makan den Griechen überliefert, nach Konstantinopel begeben, in der Absicht, den Muselmännern die Gefangenschaft ihres Sultans zu melden und sie dadurch in die größte Bestürzung zu versetzen, damit die Griechen, denen sie Nachricht davon geben wollte, sie um so leichter besiegen könnten. Sie begegnete unterwegs Rustem und Bahram und glaubte anfangs, sie seien auf der Flucht und vor Konstantinopel geschlagen worden; bald aber bemerkte sie, daß alle ihre Fahnen unverletzt geblieben, und sie dachte wohl, sie würden ihre Freunde aufsuchen; sie erzählte ihnen daher, wie sie von einer griechischen Armee überfallen worden und wie Scharkan nur noch mit fünfundzwanzig Mann übrig geblieben. Bahram und Rustem dankten der Alten für ihre Nachricht und beschleunigten ihren Marsch so sehr, daß sie, wie schon erwähnt, noch zur rechten Zeit eintrafen, um die Muselmänner zu retten, die dann mit ihnen vereint ihren Zug nach Konstantinopel antraten. Scharkan rezitierte folgende Verse nach der gewonnenen Schlacht:

»Sei gepriesen, o du, dem allein das höchste Lob geziemt; du hast mit deiner Huld mich reichlich beschenkt, mir ein Königreich und ein Schwert der Kraft und des Sieges verliehen. Du hast aus der größten Gefahr mich errettet und die Griechen mit blutbeflecktem Gewand zurückgetrieben; dort liegen sie nun hingestreckt, von Blut, nicht vom Wein berauscht. Von den Unsrigen sind aber nur wenige gefallen und diese besitzen nun im ewigen Paradies Schlösser am Ufer klarer Bäche.«

Die Alte, welche, nachdem sie Rustem und Bahram verlassen, ihren Weg nach Konstantinopel fortsetzte, begab sich zum Verwalter, der sie freundlich bewillkommte, und erzählte ihm, wie sie Rustem und Bahram auf dem Weg begegnet, setzte aber hinzu: sie sei in großer Angst um ihretwillen, weil sie auf eine weit zahlreichere Armee Ungläubiger stoßen würden, und rate ihm daher, mit einem Teil seiner Armee ihnen nachzufolgen, um sie vor dem Untergang zu bewahren.

Die Muselmänner weinten über das traurige Los, das ihren Brüdern bevorstand, und bedauerten besonders den tapferen Bahram. Der Verwalter wählte dann zehntausend seiner besten Reiter und sandte sie mit einem der tapfersten Helden, sein Name war Kadasch, den übrigen Truppen nach. Am folgenden Tag, als Kadasch der Armee der Muselmänner begegnete, hielt er sie anfangs für feindliche Truppen und schrie: »Es gibt keinen Schutz und keine Hilfe, außer bei Gott, dem Allmächtigen! Nichts kann Gottes Bestimmung ändern.« Dhul Makan, der sich ebenfalls vom Feind angegriffen glaubte, sagte zu seinem Bruder: »O sähe ich doch noch einmal den frommen Derwisch, daß er mich segne! dann will ich gern als Märtyrer sterben.« Als aber die Truppen einander näherkamen und auf den Fahnen die Inschrift sahen: »Es gibt keinen Gott, außer Gott, Muhamed ist Gottes Gesandter«, eilte Scharkan, wie der Blitz, zu ihrem Anführer Kadasch, der ihm die Ursache seiner Ankunft meldete und sich sehr freute, die Prinzen, den Vezier und die beiden Heerführer noch beim Leben zu finden. Diese erkundigten sich dann nach dem Derwisch und riefen aus: »Das ist ein heiliger Mann, er hat in einem Tag eine Reise von zehn Tagen zurückgelegt!« Sie zogen dann weiter gen Konstantinopel, bis sie auf einmal einen mächtigen Staub erblickten, der die ganze Atmosphäre verdüsterte und ein lautes Kriegsgeschrei vernahmen. Scharkan sagte: »Ich fürchte, das ist ein Wehgeschrei der Muselmänner, die von den Griechen geschlagen wurden.« Er eilte den Ankommenden entgegen und sah an ihrer Spitze den Derwisch, der ihnen zurief: »Helft uns, o ihr Helden des einzigen Gottes! die verdammten Hunde, die Griechen, haben das muselmännische Lager überfallen, als es sich sicher in seinen Zelten glaubte, und die schrecklichste Niederlage hat es getroffen,« Scharkan stieg erschrocken von seinem Pferd ab und küßte dem Derwisch ehrfurchtsvoll Hände und Füße. Das gleiche tat sein Bruder, nur der Vezier blieb auf seinem Pferd sitzen und sagte: »Bei Gott! ich traue dem Derwisch nicht, er hat uns kein Glück gebracht; laßt ihn sagen, was er will, ich fürchte, er ist ein Verräter, wie der, welcher unsern König Omar vergiftet.« Scharkan machte ihm aber Vorwürfe über seinen ungerechten Verdacht und behauptete, daß er ohne Gottes Hilfe in so kurzer Zeit keine so große Strecke hätte zurücklegen können. Er ließ der Alten dann ein nubisches Maultier vorführen, aber sie wollte nicht reiten, sondern lief wie ein Fuchs neben Scharkans Pferd her und rezitierte mit lauter Stimme Stellen aus dem Koran, bis sie zur flüchtigen Armee der Muselmänner kamen, unter welcher die Griechen zerstörend umherwüteten.

Auch diese Niederlage der Muselmänner war wieder das Werk der verfluchten Dsat Dawahi, die, nachdem sie Rustem und Bahram begegnet war und dann auch noch Kadasch mit zehntausend Mann von der Armee getrennt hatte, dem Kaiser schrieb: »Wisse, daß ich Scharkan, seinen Bruder, den Sultan, und den Vezier durch List gefangen und durch falsche Botschaft die muselmännische Armee bestürzt und zerteilt habe; überfalle also im stillen mit allen Truppen der Stadt das noch übrige muselmännische Lager, du kannst es ganz aufreiben, der Messias hat dich mit seiner Gnade überschüttet.« Als der Kaiser diesen Brief gelesen, ließ er ihren Sohn, den König Hardub, rufen und teilte ihm den Brief seiner Mutter mit; sie machten dann das Kreuz und sagten: »Gott erhalte dieses Weib.« Hardub gab sogleich den Feldherren Befehl zum Aufbruch, und diese fielen unter ihrem ungläubigen Feldgeschrei über die Muselmänner her. Der Verwalter rief grimmig seinen Truppen zu: »Wenn ihr flieht, so seid ihr verloren, haltet ihr aber eine Weile tapfer aus, so wird sich Gott eurer erbarmen.« Die Muselmänner griffen nun, Gottes Einheit verkündigend, nach dem Schwert, während die griechischen Priester das Kreuz in die Höhe schwangen, Die Herde des Barmherzigen, von fliegenden Engeln umschwärmt, mischte sich unter die Truppe des Satans, und den ganzen Tag durch flogen die Köpfe vom Rumpf herunter. Während der Nacht umgaben die Griechen die Muselmänner von allen Seiten, und als der Morgen graute, erneuerte sich der Kampf, bis das Schlachtfeld von Leichen bedeckt und ein Teil des muselmännischen Lagers erstürmt war; da ergriffen die übrigen Muselmänner die Flucht, und der Feind verfolgte sie mit dem Schwert in der Hand, Aber in diesem Augenblick stieß Scharkan mit den übrigen Feldherren zu den Fliehenden, und sie wendeten sich vereint mit frischer Kraft gegen die Ungläubigen, die, als sie die Fahnen des Islams erblickten, Johannes, Maria und das heilige Kreuz anriefen und zur Hauptarmee zurückkehrten, deren rechten Flügel der Kaiser und deren linken Hardub befehligte. Scharkan stellte seine Truppen auch in Schlachtordnung und sagte zu seinem Bruder: »Nun wünschte ich nur, daß irgend eine Herausforderung von seiten der Griechen zu einem Zweikampf stattfände.« Kaum hatte er diese Worte gesagt, als ein alter, ehrwürdiger, in weiße Wolle gekleideter Mann auf einem kostbaren Maulesel aus den Reihen der Griechen hervortrat und den Muselmännern laut zurief: »Ich bin ein Gesandter, dem ihr vergönnen müßt, seine Botschaft zu verkünden; ich komme mit einem Antrag von dem Kaiser, der euch Frieden und Heil bringt; versprecht mir Sicherheit, so steige ich ab und teile ihn euch mit.« Als Scharkan ihm Sicherheit gewährte, stieg er ab und sagte: »Ich komme vom Kaiser, dem ich vorgestellt habe, wie sündhaft es ist, so viel Blut vergießen zu lassen, da man doch lieber einen Zweikampf den Streit entscheiden lassen könne; er gab mir recht und sagte: »Ich will gern mein Leben für meine Armee opfern, der Anführer der Muselmänner mag dasselbe tun, und wer von uns siegt, dem muß die Armee des Besiegten sich ergeben; auch will der König Hardub mit dem Bruder des Anführers sich schlagen, beide Armeen mögen ganz ruhig zusehen.« Scharkan antwortete: »O Priester! wir nehmen diese Herausforderung an, sage es deinem Kaiser; doch sind wir heute von der Reise zu sehr ermüdet, wir wollen diese Nacht ausruhen und morgen früh soll der Kampf stattfinden.« Der Priester ging freudig zum Kaiser, und da dieser ein sehr tapferer Ritter und ein sehr gewandter Schütze war, und sehr gut mit Schwert und Lanze umzugehen wußte, hoffte er schon durch seinen Sieg über Scharkan, die Zierde des Islams, sich alle Muselmänner zu unterwerfen, und brachte daher eine sehr vergnügte Nacht zu.

Kaum leuchtete der Morgen, da kam der Kaiser auf einem der besten Pferde herangeritten, in einem chinesischen, vergoldeten Panzer, der so stark mit Edelsteinen besetzt war, daß er wie ein Spiegel glänzte, mit einem Schwert und einer Lanze von fränkischer Arbeit bewaffnet; er entblößte sein Gesicht und rief: »Wer mich kennt, der weiß, wer ich bin, wer mich nicht kennt, dem sage ich: ich bin der Kaiser Feridun.« Er hatte kaum diese Worte gesprochen, als Scharkan auf einem kostbaren Pferd, reich bepanzert, mit einem indischen juwelenbesetzten Schwert in der Hand, herbeisprengte. Der Kaiser rief ihm zu: »Du Verruchter! glaubst du, ich werde wie einer der Ritter vor dir weichen, denen du seither begegnet bist?« Sie griffen dann einander an, als wenn zwei Berge zusammenstießen oder zwei Meere einander entgegenwogten. Bald näherten sie sich, bald gingen sie wieder auseinander, bald scherzten sie, bald machten sie Ernst, und die Griechen sowohl als die Muselmänner hofften, ihr Held werde doch zuletzt siegen. Schon neigte sich die Sonne zum Untergang, und noch war der Kampf unentschieden. Der Kaiser bat dann um Waffenstillstand und sagte zu Scharkan: »Du bist wahrlich ein wackerer Ritter, doch deine Leute, die hinter dir stehen, sagen, du seist nicht von edler Geburt, sie behaupten, du stammest von einem Sklaven her.« Scharkan geriet durch diesen Schimpf in Zorn und wollte sich umdrehen, um zu sehen, wer so etwas gesagt; aber der Kaiser benützte diesen Augenblick, um mit dem Schwert nach ihm zu schlagen: zwar bückte sich Scharkan schnell hinter den Sattelknopf, um dem Hieb auszuweichen, doch erhielt er eine so schwere Wunde in die Brust, daß er laut schrie und in Ohnmacht fiel. Dhul Makan eilte mit dem Vezier und den besten Reitern herbei, aber auch der Kaiser hatte seine Truppen zu Hilfe gerufen, so daß das Handgemenge allgemein wurde und bis tief in die Nacht hinein dauerte, Als endlich die Finsternis die beiden Heere trennte, begaben sich alle Priester und Feldherren zum Kaiser, um ihm zu seinem Sieg Glück zu wünschen; und er versprach ihnen, am folgenden Tag Dhul Makan herauszufordern; dann, sagte er, werden bald alle Muselmänner die Flucht ergreifen. Im Lager der Muselmänner hatten sich indessen Dhul Makan, der Vezier und die Feldherren um Scharkan versammelt; sie ließen Ärzte kommen, um ihn zu pflegen, und wachten die ganze Nacht bei ihm. Auch die Alte kam herbei und weinte und seufzte, berührte Scharkans Wunde und las den Koran, bis er endlich des Morgens die Augen öffnete und wieder sprach. Dhul Makan war außer sich vor Freude und sagte: »Gewiß verdankt er seine Genesung dem Segen des Derwisch.« Scharkan erkundigte sich dann nach der Armee und hörte, wie sie um seinetwillen trauere. Er dankte Gott für seine Genesung und beschwor seinen Bruder Dhul Makan, auf den Kampfplatz zu eilen, wo beide Armeen schon schlagfertig einander gegenüber standen. Als Dhul Makan auf das Schlachtfeld kam, fragte er: »Wo ist der Kaiser Feridun, daß ich ihn zu Boden werfe?« Feridun wollte zu ihm hervortreten, aber der König Hardub hielt ihn zurück mit den Worten: »Gestern hast du gekämpft, heute ist die Reihe an mir.« Er bestieg noch ein besseres Pferd, als das des Kaisers; sein Wiehern entzückte jedes Ohr, es lief schneller als der Wind und leichter als der Blitz. Aber nicht lange dauerte der Kampf, bald versetzte Dhul Makan dem König einen Hieb mit seinem Schwert, daß sein Kopf vom Rumpf flog. Die Griechen eilten zu spät ihrem König zu Hilfe, der Vezier Dendan kam mit zwanzigtausend Reitern herbei und rief ihnen zu: »Rächet Omar und Scharkan!« und Gott verlieh den Gläubigen einen vollständigen Sieg; viele Feinde wurden niedergemäht oder gefangen genommen und die übrigen in die Stadt zurückgetrieben, die sie schnell hinter sich schlossen.

Nach geendigtem Kampf kehrte Dhul Makan zu seinem Bruder zurück und freute sich sehr, als er ihn viel besser fand; der Derwisch saß neben ihm und las ihm Legenden von den Propheten und Gesetzprobleme vor. Scharkan sagte zu seinem Bruder: »Ich wußte, daß ihr heute siegen würdet, ich vernahm euern Ruf: Allah Akbar! Doch verdankt ihr euren Sieg nur dem frommen Derwisch, der den ganzen Tag für euch gebetet hat!« Scharkan ließ sich nun die Einzelheiten der Schlacht erzählen, und als die als Derwisch verkleidete Alte den Tod ihres Sohnes vernahm, vergoß sie viele Tränen, welche die Muselmänner für Freudentränen hielten, und schwor bei sich, Scharkan statt ihres Sohnes zu töten. Die Muselmänner verhielten sich nun ruhig, bis Scharkans Wunde geheilt war; dann ließ er der Armee bekannt machen, daß er am folgenden Morgen selbst die Belagerungsarbeiten leiten würde. Als aber in der Nacht ein jeder sich zur Ruhe begeben hatte und nur einige Diener in Scharkans Zelt schliefen, schlich die Alte wie eine Schlange zu ihm, zog einen vergifteten Jatagan aus dem Busen hervor, welcher einen Felsen hätte flüssig machen können, bedeckte Scharkan mit ihrer linken Hand Mund und Nase und schnitt ihm mit der Rechten in den Hals, bis sie seinen Kopf ganz vom Rumpf trennte; sie tat dasselbe den Dienern, die umherlagen, verließ das Zelt und dachte bei sich selbst: Das ist noch nicht genug für meinen Sohn, ich muß auch noch den Sultan ermorden. Als sie aber nach seinem Zelt ging, fand sie es so gut bewacht, daß sie sich fürchtete, sich demselben zu nähern. Sie wandte sich hierauf gegen das Zelt des Veziers und erschrak, als sie ihn noch wach und den Koran lesend fand. Der Vezier bewilIkommte sie und lud sie ein, bei ihm zu bleiben; sie sagte aber: »Ich bin auf dem Weg, einen Heiligen zu besuchen, da ich aber im Vorübergehen dich hörte im Koran lesen, wollte ich dir nur schnell gute Nacht wünschen.« Der Vezier dachte: Bei Gott! ich habe Lust, mit ihr einen Heiligen zu besuchen und folgte ihr, als sie ihn verließ. Sie bemerkte es aber und, aus Furcht, verraten zu werden, sagte sie: »O Vezier! bleibe du hier und lese fort den Koran, ich darf dich nicht ohne Erlaubnis mitnehmen; wenn aber der Heilige diese Nacht es erlaubt, so komme ich morgen früh und führe dich zu ihm.« Der Vezier wagte es nicht, ihr zu widersprechen, doch überfiel ihn ein geheimer Schauer; er suchte vergebens einzuschlafen, es wurde ihm so bange, daß er aufstand und zu Scharkan ging in der Absicht, die Nacht durch sich mit ihm zu unterhalten. Als er aber in Scharkans Zelt kam, sah er es mit Blut gefüllt und fand ihn und alle Diener getötet, Da stieß er einen so heftigen Schrei aus, daß alle Soldaten erwachten; auch der Sultan kam herbeigelaufen, und alle Anwesenden weinten laut, als sie sahen, was geschehen war und riefen: »Es gibt keinen Schutz und keine Hilfe, außer bei Gott, dem Erhabenen!« Dhul Makan lag in Ohnmacht, und als er wieder zu sich kam, zerriß er seine Kleider und schlug sich ins Gesicht, bis das Blut herausspritzte; dann sagte er zum Vezier: »Wer mag wohl diesen Mord begangen haben, und warum sehe ich den Derwisch nicht hier?« Der Vezier sagte: »Niemand anders als der Derwisch hat dieses Unheil angerichtet, ich fühlte im ersten Augenblick schon eine Abneigung gegen ihn.« Er erzählte dann, wie der Derwisch in der Nacht in sein Zelt geschlichen und es nicht zugeben wollte, daß er ihm folge. Am folgenden Tag rückten die Muselmänner, nach Scharkans Beerdigung, bis vor die Tore Konstantinopels, welche verschlossen blieben, und kein Grieche ließ sich auf den Wällen blicken. Dhul Makan schwor aber, nicht zu weichen, bis er für seinen Bruder Rache genommen, Konstantinopel zerstört und alle christlichen Könige getötet haben würde, und müßte er auch Jahre hier lagern. Er ließ sich daher die Schätze bringen, die sie im Kloster erbeutet hatten, teilte sie unter die Truppen aus und befahl ihnen, einen Teil des Empfangenen ihren Familien zu schicken, weil sie doch noch lange hier bleiben würden. Er bat dann den Vezier Dendan, seiner Schwester Nushat Assaman zu schreiben, sie wegen des Verlustes ihres Bruders Scharkan zu trösten und ihr die Erziehung und Bildung seines Sohnes recht ans Herz zu legen. Er ließ hierauf den Anführer der Karawane kommen, übergab ihm den Brief an seine Schwester und empfahl ihm noch mündlich, daß seine Schwester auch über sein eigenes Kind wachen möge, da doch seine Frau, die er in gesegneten Umständen verlassen, wohl jetzt niedergekommen sein müsse.

Nachdem die Karawane abgereist war, gab Dhul Makan den Truppen Befehl, die Mauern der Stadt von allen Seiten zu umzingeln. Sie waren aber höchst betroffen, als kein Grieche drei Tage lang sich auf den Wällen zum Kampf sehen ließ, und ihre Bestürzung war nicht gering, als sie die Stadt so gut befestigt fanden, daß sie nicht wußten, wie hineindringen. Folgendes ist der Grund, warum kein Grieche drei Tage lang auf den Wällen erschien. Nachdem die Alte Scharkan ermordet hatte, näherte sie sich leise den Mauern, gab sich der griechischen Wache zu erkennen und ließ sich an einem Strick hinaufziehen. Sie eilte zum Kaiser und fragte, ob es wahr sei, daß ihr Sohn erschlagen worden? Als der Kaiser ihre Frage bejahte, weinte und jammerte sie so lange, bis alle Anwesenden mit ihr weinten. Sie erzählte dann dem Kaiser, wie sie Scharkan und seine Diener getötet, schwor aber, nicht eher zu ruhen, bis sie auch noch den Sultan Dhul Makan, den Vezier und die obersten Feldherren durch irgend eine List umbringe; »Scharkans Kopf allein«, sagte sie, »kann den meines Sohnes nicht aufwiegen. Ich will«, fuhr sie fort, »ein Jahr lang über meinen Sohn trauern, alle Glocken abschneiden und alle Kreuze zerbrechen, und solange sollt ihr auch den Krieg einstellen. Die Muselmänner können jahrelang vor der Stadt lagern, sie werden sich vergebens abmühen, sie einzunehmen.«

Die Alte ließ sich dann Tinte und Papier reichen und schrieb den Muselmännern: »Wisset, daß ich schon früher euern König Omar mitten in seinem Schloß ermordet, daß ich dann, als Derwisch gekleidet, viele der eurigen vor der Höhle beim Kloster erschlagen und daß ich zuletzt noch Scharkan und seine Diener getötet habe; wäre mir das Schicksal geneigt gewesen, so hätte ich auch noch den Sultan und den Vezier getötet. Wollt ihr euch nun vor weiterem Unglück schützen, so zieht ab und kehrt in eure Heimat zurück; wo nicht, so möget ihr jahrelang hier zu eurem Verderben vergebens lagern.« Diesen Brief ließ sie nach dreitägiger Trauer mit einem Pfeil zu den Muselmännern hinüberschleudern. Als die Muselmänner den Brief an einem Pfeil sahen, brachten sie ihn dem Sultan und dieser bat den Vezier, ihn zu lesen. Da rief der Vezier: »Bei Gott! Ich fühlte immer eine geheime Abneigung gegen diese Person, die nun durch ihre List uns schon zweimal ins Unglück stürzte.« Dhul Makan schwor bei Gott, nicht von hier zu weichen, bis er diese Alte an das Tor Konstantinopels angenagelt, und versprach seinen Truppen, alle Schätze der Hauptstadt unter sie zu verteilen. Die Belagerung dauerte schon ein ganzes Jahr, und Dhul Makan hörte nicht auf zu weinen und zu trauern, trotz aller Trostworte des Veziers, bis endlich Turbedan, der Anführer der Karawane, von Bagdad zurückkam und ihm einen Brief von seiner Schwester Nushat Assaman mitbrachte, worin sie ihm schrieb: »Nach vielen Grüßen wisse, mein Bruder, daß dir Gott einen sehr hübschen Sohn geschenkt hat, den ich Kana ma kana (was geschehen ist, ist geschehen) genannt habe. Es ist ein wunderbares Kind, das einst gewiß recht berühmt werden muß. Ich habe auf allen Kanzeln für euch beten lassen, daß es euch gut gehe. Sowohl ich als die Frauen der Feldherren und Soldaten, befinden uns wohl; es regnet häufig und alles ist sehr wohlfeil bei uns. Deinem Freund, dem Badheizer, geht es auch recht gut, er lebt in großem Wohlstand und hat viele Diener und Sklaven; er möchte gern wissen, was aus dir geworden, aber wir haben ihm alles verschwiegen. Friede sei mit dir!« Dhul Makan dankte Gott für diese Nachricht und sagte dem Vezier: »Nun ist das Jahr vorüber, wir wollen die Trauer ablegen und nur noch am Jahrestag des Todes meines Bruders Scharkan ein heiliges Totenfest auf seinem Grab feiern.« Dhul Makan ließ nun neben dem Grabmal seines Bruders Zelte aufschlagen und darin ein großes Mahl geben, wozu viele von der Armee eingeladen wurden, welche den Koran verstanden, und man brachte bei Wachslichtern die ganze Nacht damit zu, den Koran zu lesen und Gott zu preisen. Des Morgens näherte sich Dhul Makan weinend dem Grab seines Bruders und sprach folgende Verse:

»Untröstlich ist mein Herz, weil der leuchtende Vollmond ins Grab gesunken, tadelt immerfort, nur heute tadelt mein Aug nicht, wenn es blutige Tränen weint. Ohne Abschied trennten wir uns und lange werden wir uns nicht wiedersehen. Manchen Unfall habe ich standhaft getragen, aber für diesen Schlag gibt es in dieser Welt kein Heilmittel mehr.«

Diese Verse rührten alle Anwesenden, auch der Vezier weinte und rezitierte einige Trauergedichte, die aufs neue viele Tränen hervorriefen und eine allgemeine Verwünschung der Alten zur Folge hatten.

Als Dhul Makan und der Vezier nach vollendeter Feierlichkeit sich wieder in ihr Zelt begaben, besprachen sie sich wegen der Belagerungsarbeiten; Dhul Makan verhehlte dem Vezier seinen Mißmut über den sich so sehr in die Länge ziehenden Krieg nicht, und bat ihn, ihm zu seiner Zerstreuung eine schöne Liebesgeschichte oder irgend andere Abenteuer von alten Königen zu erzählen. Der Vezier antwortete: »Wenn dir eine Erzählung Zerstreuung und Erheiterung gewähren kann, so soll es dir daran nicht fehlen, denn ich habe gar manche Nacht deinen seligen Vater mit allerlei Geschichten und Erzählungen unterhalten; ich will dir diese Nacht die Geschichte zweier Liebender erzählen.« Dhul Makan bestimmte ihm die Stunde dazu und war sehr ungeduldig, bis sie herannahte. Sobald es dunkel wurde, ließ er Wachslichter und Lampen anzünden, allerlei Speisen und Getränke auftragen und die besten Räucherwerke anzünden. Dann schickte er nach dem Vezier und lud auch Bahram, Rustem, Derkasch und den Verwalter ein, und bat ersteren, als Gott den Vorhang der Nacht über sie geworfen, nunmehr seine Erzählung zu beginnen. Der Vezier begann:

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