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Tausend und eine Nacht. Band XXI

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band XXI - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band XXI
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150411
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Geschichte des Chwâdsche Hasan des Seilers.

»Wohlthätiger Herr, gehorsam deinem königlichen Befehl, will ich nun deine Hoheit unterweisen, durch welche Mittel und Maßnahmen mir das Schicksal so großes Gut bescherte. Zuvor möchte ich dich jedoch bitten, etwas von zweien meiner Freunde zu vernehmen, die in Bagdad, der Stätte des Friedens, wohnen. Beide leben noch und kennen die Geschichte, die dein Sklave jetzt erzählen wird, sehr gut. Den einen von ihnen nennen die Leute Saad, den andern Saadī. Nun wähnte Saadī, daß niemand in dieser Welt ohne Reichtum glücklich und unabhängig leben könnte und es überdies unmöglich wäre, ohne harte Arbeit, Mühsal, Vorsicht und Klugheit reich zu werden. Im Gegensatz dazu glaubte Saad, der Mensch käme allein durch den Ratschluß des Geschicks und durch das Schicksal und Verhängnis zum Wohlstand. Saad war ein armer Mann, während Saadī reiches Gut besaß; jedoch entstand eine feste Freundschaft unter ihnen, und eine innige Liebe verband beide. In keiner Sache pflegten sie verschiedener Meinung zu sein als allein in diesem Punkte, indem sich Saadī allein auf seine Überlegung und Vorsicht verließ, während Saad auf das Schicksal und Menschenlos baute. Eines Tages, als sie wieder einmal hierüber verhandelten, traf es sich, daß Saadī sagte: »Der ist ein armer Mann, der entweder arm geboren ist und alle seine Tage in Not und Dürftigkeit verbringt, oder wer im Reichtum und Wohlleben geboren ist und in der Zeit seiner Mannheit all sein Gut verschleudert und in schweres Elend gerät; es fehlt ihm dann die Kraft sein Gut wieder zu gewinnen und durch seinen Verstand und Fleiß in Bequemlichkeit zu leben.« Saad versetzte: »Weder Verstand noch Fleiß frommen irgend einem, sondern allein das Schicksal setzt einen instand Reichtum zu gewinnen und behalten. Elend und Not sind nur Zufälle und Vorsicht ist nichts. Manch ein armer Mann ist durch des Schicksals Gunst reich geworden, und viele Reiche sind trotz ihrer Tüchtigkeit und ihres Vermögens in Not und Armut geraten.« Saadī entgegnete: »Du sprichst thöricht; laß uns indessen die Sache einer geeigneten Probe unterwerfen, indem wir uns einen unbemittelten Handwerker aussuchen, der von seinem täglichen Verdienst lebt. Wir wollen ihm etwas Geld geben, worauf er zweifellos seinen Vorrat vermehren und in Ruhe und Bequemlichkeit leben wird; du wirst dich auf diese Weise von der Wahrheit meiner Worte überzeugen.« Als sich nun die beiden auf den Weg machten, schritten sie durch die Gasse, in welcher meine Wohnung stand und sahen mich Seile drehen, ein Handwerk, das mein Vater und Großvater und viele Geschlechter vor mir bereits betrieben hatten. Sie schlossen aus dem Zustand meines Hauses und meiner Kleidung, daß ich ein armer Mann wäre, worauf Saad zu Saadī sagte, indem er auf mich wies: »Wenn du eine Probe auf unsern Streitpunkt machen willst, so sieh jenen Mann. Er wohnt hier seit langen Jahren und verdient durch sein Seilerhandwerk ein dürftiges Brot für sich und die Seinigen. Ich kenne seine Lage seit langem sehr gut; er ist eine passende Person für die Probe, gieb ihm daher einige Goldstücke und versuche die Sache.« Saadī versetzte: »Recht gern; zuvor laß uns jedoch genaue Kenntnis von ihm gewinnen.« Hierauf traten die beiden Freunde an mich heran, und ich verließ meine Arbeit und begrüßte sie. Nachdem sie mir den Salâm erwidert hatten, fragte mich Saad: »Mit Verlaub, wie ist dein Name?« Ich erwiderte: »Ich heiße Hasan, jedoch nennen mich alle Leute wegen meines Seilerhandwerks Hasan den Seiler.« Hierauf fragte mich Saadī: »Wie fährst du bei diesem Handwerk? Mir scheint, du bist guter Dinge und völlig mit ihm zufrieden. Du hast lange und gut gearbeitet und hast sicherlich eine große Menge Hanf und andern Vorrat aufgestapelt. Deine Vorfahren betrieben lange Jahre dieses Handwerk und haben dir jedenfalls viel Kapital und Besitz hinterlassen, die du gut benutzt hast, und in dieser Weise hast du dein Gut sehr vermehrt.« Ich versetzte: »O mein Herr, ich habe kein Geld in der Tasche, von dem ich zufrieden leben oder mir überhaupt genug zu essen kaufen könnte. Meine Lage ist so, daß ich Tag für Tag von Morgen bis Abend Seile drehe und keinen einzigen Augenblick der Ruhe finde; und doch bin ich dabei in großer Not auch nur trocken Brot für mich und meine Familie zu beschaffen. Ich habe ein Weib und fünf kleine Kinder, die noch zu jung sind, um mir in meinem Handwerk zur Seite zu stehen; es ist keine leichte Arbeit ihre täglichen Bedürfnisse zu befriedigen; wie kannst du demnach annehmen, daß ich imstande wäre, große Mengen von Hanf und Material aufzuspeichern? Die Seile, die ich jeden Tag drehe, verkaufe ich sofort, und von dem Geld, daß ich hierdurch verdiene, gebe ich einen Teil für unsere Bedürfnisse aus, und für den andern kaufe ich Hanf, aus dem ich am andern Tage Seile drehe. Indessen, gelobt sei Gott, der Erhabene, daß er uns, trotz dieser meiner dürftigen Lage, mit hinreichendem Brot versieht.« Als ich meine ganze Lage klargelegt hatte, sagte Saadī: »O Hasan, nun bin ich über deine Lage unterrichtet, die allerdings anders ist als ich es vermutete. Wenn ich dir nun einen Beutel von zweihundert Aschrafīs gebe, so wirst du dadurch sicherlich deinen Gewinn sehr erhöhen und imstande sein in Bequemlichkeit und Hülle und Fülle zu leben; was sagst du dazu?« Ich versetzte: »Wenn du mir solch ein Geschenk geben willst, so hoffe ich reicher als alle meine Zunftgenossen zu werden, wiewohl die Stadt Bagdad blüht und volkreich ist.« Da mich nun Saadī für aufrichtig und vertrauenswürdig hielt, zog er aus seiner Tasche einen Beutel von zweihundert Aschrafīs und sagte zu mir, indem er ihn mir reichte: »Nimm dieses Geld und treibe damit Handel. Mag Gott dich fördern, jedoch sieh zu, daß du dieses Geld mit allerlei Vorsicht benutzest und es nicht in Thorheit und Undankbarkeit verschwendest. Ich und mein Freund Saad, wir werden sehr erfreut sein, wenn wir hören, daß es dir wohlergeht; und wenn wir später wieder einmal kommen und dich in blühender Lage sehen, so soll es uns große Genugthuung gewähren.« Infolgedessen nahm ich, o Fürst der Gläubigen, in hoher Freude und dankbaren Herzens den Beutel Gold und steckte ihn in die Tasche, worauf ich Saadī dankte und ihm den Saum seines Gewandes küßte; dann gingen beide wieder fort, und ich machte mich wieder an die Arbeit, doch war ich in großer Verlegenheit und Ratlosigkeit, wo ich den Beutel unterbringen sollte; denn mein Haus enthielt weder Schrank noch Kasten.

Indessen nahm ich ihn nach Hause und verbarg die Sache vor meiner Frau und meinen Kindern, und als ich allein und unbeobachtet war, nahm ich zehn Goldstücke für meinen Bedarf heraus. Dann band ich den Beutel wieder mit einem Stück Schnur zu und befestigte ihn in den Falten meines Turbans, worauf ich das Tuch um meinen Kopf wand. Alsdann begab ich mich auf den Bazar und kaufte mir einen Vorrat Hanf und etwas Fleisch auf dem Heimweg zum Abendessen, da es geraume Zeit her war, daß wir Fleisch zu kosten bekommen hatten. Als ich nun aber mit dem Fleisch in der Hand einherschritt, kam plötzlich eine Weihe niedergeschossen und hätte mir das Stück Fleisch aus der Hand fortgeschnappt, wenn ich den Vogel nicht mit der andern Hand fortgescheucht hätte. Hierauf stieß er auf der linken Seite nach dem Fleisch, doch trieb ich ihn wieder fort, und so fiel mir bei meinem wilden Umherschlagen nach dem Vogel unglücklicherweise der Turban auf den Boden. Da stieß die verruchte Weihe im Nu auf den Turban nieder und flog mit ihm in ihren Fängen fort, während ich ihr mit lautem Zetergeschrei nachlief. Als die Leute auf dem Bazar mein Geschrei vernahmen, thaten Männer und Frauen und eine Kinderhorde ihr möglichstes, die Weihe fortzutreiben und ihr die Beute aus den Krallen abzujagen, doch schrieen sie und warfen vergeblich Steine nach dem Vogel; er wollte den Turban nicht fallen lassen und flog uns schließlich völlig aus dem Gesicht.

Ich war über den Verlust der Aschrafīs schwer betrübt und bekümmert, als ich nach Hause ging und den Hanf und die Speisen, die ich gekauft hatte, auf dem Kopfe trug. Besonders aber ärgerte und grämte ich mich und war vor Scham dem Tode nahe bei dem Gedanken, was Saadī sagen würde, besonders wenn ich daran dachte, daß er meine Worte anzweifeln und die Geschichte für unwahr halten würde, wenn ich ihm erzählen würde, daß eine Weihe meinen Turban mit den Goldstücken entführt hätte. Denn sicherlich würde er denken, daß ich irgend eine unterhaltende Fabel zu meiner Entschuldigung und ihn zu betrügen ersonnen hätte. Indessen ließ ich mir den Rest der zehn Aschrafīs aufs beste bekommen und lebte für einige Tage prächtig mit Weib und Kindern. Als dann alles Gold ausgegeben und nichts mehr übriggeblieben war, ward ich wieder so arm und bedürftig als wie zuvor; doch war ich zufrieden und dankbar gegen Gott, den Erhabenen, und tadelte nicht mein Los. Er hatte mir in seiner Barmherzigkeit unerwartet diese Börse Gold gesandt und sie wieder fortgenommen, wofür ich dankbar und zufrieden war, denn was Er thut, ist immer wohlgethan.

Mein Weib, das nichts von dem Vorfall mit den Aschrafīs wußte, glaubte, daß ich mich unwohl befände, und um ein ruhiges Leben zu haben, sah ich mich gezwungen, ihr mein Geheimnis anzuvertrauen, überdies kamen auch die Nachbarn zu mir herüber und fragten mich nach meinem Befinden; jedoch empfand ich nicht die geringste Lust ihnen mitzuteilen, was mir widerfahren war. Sie vermochten doch nicht mir das Verlorene wiederzubringen und würden sicherlich über mein Unglück nur Schadenfreude empfunden haben. Als sie indessen in mich drängten, erzählte ich ihnen alles, worauf einige glaubten, ich hätte gelogen, und mich auslachten, während andere mich für verrückt und geistesgestört hielten und meine Worte für das Geschwätz eines Idioten und Traumphantasien ansahen. Die jungen Leute hatten mich zum besten und lachten bei dem Gedanken, daß ich, der sein Lebtag nicht eine einzige Goldmünze gesehen hatte, plötzlich so viele Aschrafīs bekommen haben, und daß eine Weihe sie geraubt haben sollte. Mein Weib glaubte jedoch völlig meiner Geschichte und weinte und schlug sich vor Kummer vor die Brust. So verstrichen sechs Monate, als es sich eines Tages traf, daß die beiden Freunde Saadī und Saad wieder in mein Viertel kamen, und daß Saad zu Saadī sprach: »Sieh, dort ist die Straße, wo Hasan der Seiler wohnt. Komm, laß uns zu ihm gehen und sehen, wie er seinen Vorrat vergrößert und inwieweit er durch die zweihundert Aschrafīs, die du ihm schenktest, seine Lage verbessert hat.« Saadī versetzte: »Wohlgesprochen! Fürwahr, wir haben ihn seit langer Zeit nicht gesehen; ich möchte ihn gern besuchen und würde mich freuen zu hören, daß es ihm gut ergangen ist.« Hierauf schritten beide auf mein Haus zu, wobei Saad zu Saadī sagte: »Fürwahr, ich bemerke, daß er noch ebenso arm und dürftig als zuvor aussieht; er trägt alte und zerlumpte Kleider, nur daß sein Turban etwas neuer und reiner aussieht. Sieh gut zu und überzeuge dich, ob es so ist, wie ich es sage.« Da trat Saadī näher an mich heran und gewahrte ebenfalls, daß meine Lage unverändert war. Alsdann redeten mich beide Freunde an, und nach der üblichen Begrüßung fragte Saad: »O Hasan, wie geht es dir, und wie steht es mit deinem Geschäft? Haben dir die zweihundert Aschrafīs Nutzen gebracht und dein Geschäft verbessert?« Ich versetzte auf seine Worte: »O meine Herren, wie kann ich euch von dem traurigen Mißgeschick, das mich betroffen hat, erzählen? Ich wage vor Scham nicht zu reden, doch kann ich die Sache nicht verborgen halten. Fürwahr, eine wunderbare und seltsame Sache ist mir widerfahren, deren Erzählung euch mit Staunen und Verdacht erfüllen wird, denn ich weiß sehr wohl, daß ihr es nicht glauben werdet, und daß ich euch wie ein Lügner erscheinen muß. Trotzdem muß ich euch alles, so ungern ich es auch thue, erzählen.« Hierauf erzählte ich ihnen den ganzen Vorfall von Anfang bis Ende, vornehmlich aber, wie es mir mit der Weihe ergangen war. Saadī mißtraute mir jedoch und sprach zweifelnd: »O Hasan, du sprichst nur im Scherz und willst uns etwas weismachen. Es fällt schwer, die Geschichte zu glauben, die du uns erzählst. Weihen pflegen nicht mit Turbanen fortzufliegen, sondern nur mit Dingen, die sie zu fressen vermögen. Du willst uns etwas vormachen und gehörst zu denen, die, sobald sich ihnen ein unvorhergesehener Glückszufall ereignet, sofort ihr Geschäft liegen lassen und alles in Freuden vergeuden, so daß sie zum zweitenmal arm werden und hernach gezwungen sind, so gut es geht ihr Leben weiterzuführen. Dies scheint mir, ist besonders der Fall mit dir. Du hast unsre Gabe so schnell als möglich durchgebracht und bist nun so arm als zuvor.« Ich versetzte: »O mein guter Herr, so verhält sich's nicht. Dieser Tadel und diese harten Worte verdiene ich nicht, denn ich bin gänzlich frei von dem, was du mir unterschiebst. Der seltsame Unfall, von dem ich dir erzählte, ist die treueste Wahrheit. Zum Beweis dafür, daß ich nicht lüge, dient das ganze Stadtvolk, das davon weiß. Ich lüge dir wahrhaftig nichts vor; wohl ist es wahr, daß Weihen nicht mit Turbanen fortfliegen, aber solche Unfälle, wunderbar und seltsam wie sie sind, mögen den Menschen, vornehmlich den unglücklichen, widerfahren.« Saad nahm sich ebenso meiner Sache an und sagte: »O Saadī, wir haben oft gesehen und gehört, wie Weihen viele Sachen außer eßbaren Dingen fortschleppen; seine Geschichte widerspricht nicht gänzlich der Vernunft.« Hierauf zog Saadī aus seiner Tasche einen Beutel voll Goldstücken, zählte davon zweihundert ab und gab sie mir mit den Worten: »Hasan, nimm diese Aschrafīs, sieh jedoch zu, daß du sie mit aller Sorgfalt und Vorsicht hütest, und nimm dich ja in acht, daß du sie nicht wie die andern verlierst. Gieb sie in der Weise aus, daß du rechten Nutzen von ihnen ziehst und wie deine Nachbarn vorwärts kommst.« Ich nahm das Gold von ihm und überhäufte ihn mit Danksagungen und Segenswünschen, und als sie ihres Weges gingen, kehrte ich zu meiner Seilerbahn zurück, von der ich zur rechten Zeit nach Hause ging. Da mein Weib und meine Kinder abwesend waren, nahm ich wieder zehn Goldstücke von den zweihundert und band den Rest in ein Stück Tuch. Dann schaute ich mich nach einem sicheren Ort um, wo ich meinen Schatz verbergen könnte, damit mein Weib und meine Kleinen nichts davon erführen und ihre Hand daran legten. Als ich einen großen irdenen Krug voll Kleie in einem Winkel des Zimmers gewahrte, versteckte ich den Lumpen mit den Goldmünzen in ihm und glaubte, ich hätte den Schatz sicher vor Weib und Kindern untergebracht. Bald darauf kehrte meine Frau heim, doch erzählte ich ihr nichts von den beiden Freunden und dem Vorgefallenen, sondern ging auf den Bazar, um Hanf einzukaufen.

Als ich aber das Haus verlassen hatte, wollte es das Unheil, daß ein Verkäufer von Thonerde kam, mit der die Frauen der ärmeren Klassen ihr Haar zu waschen pflegen. Meine Frau hätte gern etwas gekauft, doch hatte sie nicht die geringste Kauri oder Mandel bei sich; da dachte sie nach und sprach bei sich: »Dieser Kleiekrug ist hier nutzlos, ich will ihn gegen den Thon eintauschen.« Ebenso willigte der Thonverkäufer in den Tausch ein und zog mit dem Krug voll Kleie als Preis für den Thon ab. Bald hernach kehrte ich mit einer Last Hanf auf meinem Haupt und mit fünf andern auf den Häuptern von ebenso viel Lastträgern, die mich begleiteten, zurück. Ich half ihnen beim Abnehmen der Lasten und bezahlte und entließ sie, nachdem wir den Vorrat in einem Raum aufgestapelt hatten. Dann streckte ich mich für eine Weile auf den Boden, um mich auszuruhen und schaute nach dem Winkel, in dem der Krug mit Kleie gestanden hatte, doch sah ich, daß er verschwunden war. Die Worte fehlen mir, o Fürst der Gläubigen, dir den Aufruhr der Gefühle zu beschreiben, die mein Herz bei diesem Anblick durchtobten. Ich sprang wie der Blitz auf und fragte meine Frau, wohin der Krug mit Kleie getragen wäre, worauf sie mir erwiderte, daß sie seinen Inhalt für eine Kleinigkeit Thonerde umgetauscht hätte. Da schrie ich: »O Unselige, Elende, was hast du gethan? Du hast mich und deine Kinder ruiniert. Du hast eine Menge Geld an jenen Thonverkäufer fortgegeben.« Alsdann erzählte ich ihr die ganze Begebenheit, wie die beiden Freunde zu mir gekommen wären und ich die hundertundneunzig Aschrafīs in dem Kleiekrug verborgen hätte. Als sie dies vernahm, weinte sie bitterlich, indem sie sich vor die Brust schlug und das Haar raufte, und rief: »Wo soll ich jetzt den Thonverkäufer finden? Es war ein Fremder, den ich nie zuvor in diesem Viertel und in unsrer Straße sah.« Hierauf wendete sie sich zu mir und sagte: »Du hast hierin wie ein Thor gehandelt, daß du mir nichts davon sagtest, und mir nicht Vertrauen schenktest; sonst würde uns dieses Mißgeschick nimmermehr widerfahren sein.« Dann jammerte sie laut und bitterlich, bis ich sagte: »Mach' nicht solch einen Lärm und zeig' dich nicht so aufgeregt, damit dich unsre Nachbarn nicht hören und, wenn sie von unserm Unglück hören, uns auslachen und als Narren verspotten. Es geziemt uns mit Gottes, des Erhabenen, Fügung zufrieden zu sein.«

Indessen genügten mir die zehn Aschrafīs, die ich von den zweihundert genommen hatte, mein Geschäft weiter fortzuführen und für kurze Weile mit mehr Bequemlichkeit zu leben. Jedoch grämte ich mich stets und wußte nicht, was ich zu Saadī sagen sollte, wenn er wieder zu mir käme; denn, da er mir das erste Mal nicht geglaubt hatte, war ich überzeugt, daß er mich nun laut für einen Lügner und Betrüger erklären würde. Eines Tages kamen denn auch die beiden, Saad und Saadī, zu meinem Hause heranspaziert, indem sie sich unterhielten und dabei wie gewöhnlich über mich und meinen Fall disputierten. Sobald ich sie von fern gewahrte, verließ ich meine Arbeit, um mich zu verstecken, da ich vor Scham nicht vorzutreten und sie anzureden vermochte. Als sie dies bemerkten, ohne den Grund hiervon zu begreifen, traten sie in meine Wohnung und begrüßten mich mit dem Salâm, worauf sie mich nach meinem Ergehen fragten. Ich war so verlegen und beschämt, daß ich meine Augen nicht zu erheben wagte, und erwiderte ihnen mit gesenkter Stirn den Gruß. Verwundert über meine traurige Lage, fragten sie mich: »Steht alles gut mit dir? Warum bist du in dieser Lage? Hast du guten Gebrauch von dem Geld gemacht oder hast du es in leichtsinnigem Leben vergeudet?« Ich versetzte: »O meine Herren, die Sache mit den Aschrafīs verhält sich folgendermaßen: Als ihr mich verließt, ging ich mit dem Beutel voll Geld nach Hause, und da ich fand, daß alle ausgegangen waren, nahm ich zehn Goldstücke und that den Rest zugleich mit dem Beutel in einen großen irdenen Krug voll Kleie, der seit langer Zeit in einem Winkel des Zimmers gestanden hatte, um die Sache vor meinem Weib und meinen Kindern geheim zu halten. Als ich jedoch auf dem Bazar war, mir etwas Hanf zu kaufen, kehrte meine Frau zurück, und gleich hernach kam ein Mann zu ihr, der Walkererde zum Haarwaschen verkaufte. Da sie dieselbe brauchte, jedoch nichts zum Bezahlen hatte, ging sie zum Mann heraus und sagte: »Mir ist alles Geld ausgegangen, doch besitze ich etwas Kleie; sag' mir, willst du sie für deine Thonerde nehmen?« Der Mann willigte ein, und so nahm meine Frau die Erde von ihm und gab ihm dafür den Krug voll Kleie, mit dem er dann seines Weges ging. Wenn ihr nun fragt: »Warum vertrautest du die Sache nicht deinem Weibe an und sagtest ihr, daß du das Geld in den Krug gethan hättest?« so antworte ich meinerseits, daß ihr mir einschärftet, das Geld diesmal aufs sorgfältigste zu hüten und in acht zu nehmen. Ich glaubte, ich hätte das Gold an der sichersten Stelle untergebracht, und mochte meinem Weibe nichts davon sagen, damit sie nicht etwas davon nähme und es für den Haushalt ausgäbe. O meine Herren, ich bin von eurer Güte und Huld überzeugt, doch Armut und Notdurft stehen in meinem Schicksalsbuch geschrieben. Wie kann ich da auf Reichtum und Wohlergehen hoffen? So lange ich jedoch den Odem des Lebens atme, werde ich eure hochherzige Huld nicht vergessen.« Da sagte Saadī: »Mir scheint, ich habe vierhundert Aschrafīs zwecklos ausgegeben, indem ich sie dir schenkte; die Absicht jedoch, in der ich sie dir gab, war die, daß du aus ihnen Nutzen ziehen solltest, und nicht, um Ansprüche auf dein Lob und deine Danksagungen zu erheben.« So empfanden beide Mitleid mit mir und bedauerten mich in meinem Mißgeschick, worauf Saad, ein rechtschaffener Mann, der mich seit manchem Jahr kannte, eine Bleimünze, die er von der Straße aufgehoben hatte und in seiner Tasche trug, hervorholte und, nachdem er sie Saadī gezeigt hatte, zu mir sagte: »Siehst du dieses Bleistück? Nimm es, und durch die Gunst des Schicksals sollst du sehen, was für Segen es dir bringen wird.« Als Saadī es gewahrte, lachte er und spottete darüber und sagte foppend: »Was für einen Nutzen soll Hasan von diesem Deut Blei haben, und wozu soll es ihm dienen?« Saad versetzte jedoch, indem er mir das Bleistück reichte: »Achte nicht auf Saadīs Worte, sondern behalte es. Laß ihn lachen, wenn es ihm beliebt; eines Tages wird es, so Gott will, der Erhabene, geschehen, daß du durch dasselbe ein reicher und großer Mann werden wirst.«

Ich nahm das Stück Blei und steckte es in meine Tasche, worauf sich die beiden von mir verabschiedeten und ihres Weges gingen. Sobald sie mich verlassen hatten, machte ich mich wieder ans Werk und drehte Seile, bis die Nacht hereinbrach; und als ich meine Sachen auszog, um mich zu Bett zu legen, fiel das Stück, das Blei, das mir Saad gegeben hatte, aus der Tasche, worauf ich es aufhob und es achtlos in eine kleine Wandnische legte. In derselben Nacht aber traf es sich, daß einer meiner Nachbarn, ein Fischer, eine kleine Geldmünze nötig hatte, um sich etwas Garn zum Ausbessern seines Schleppnetzes zu kaufen, was er während der dunkeln Stunden zu thun gewohnt war, um vor Anbruch der Dämmerung Fische zu fangen und von dem Erlös seines Fanges für sich und seine Familie Lebensmittel zu kaufen. Da er noch in der Nacht aufzustehen pflegte, befahl er seiner Frau die Runde bei ihren Nachbarn zu machen und eine Kupfermünze zu borgen, um sich das erforderliche Garn zu kaufen; und die Frau ging von Haus zu Haus, doch konnte sie nirgends einen Heller geborgt erhalten, bis sie schließlich müde und enttäuscht heimkehrte. Da fragte sie der Fischer: »Warst du auch bei Hasan dem Seiler?« Sie versetzte: »Nein, ich hab es nicht bei ihm versucht. Sein Haus ist das entlegenste aller Nachbarhäuser, und glaubst du wohl, daß ich, wenn ich dorthin gegangen wäre, etwas gebracht haben würde?« Da rief der Fischer: »Fort mit dir, du faulstes aller Weiber und nichtsnutzige Trottel! Mach' dich auf der Stelle auf den Weg, vielleicht hat er ein Kupferstück uns zu borgen.« Infolgedessen verließ ihn die Frau murrend und brummend und rief, an meine Thür pochend: »O Hasan, mein Mann ist in großer Verlegenheit um einen Heller, den er braucht, um sich etwas Garn zum Ausbessern seiner Netze zu kaufen.« Da fiel mir die Münze ein, die mir Saad gegeben und die ich beiseite gelegt hatte, und ich rief ihr zu: »Gedulde dich, meine Frau wird herauskommen und dir das Verlangte geben.« Als meine Frau von dem Lärm aus dem Schlaf erwachte, sagte ich ihr, wo die Münze zu finden wäre, worauf sie dieselbe holte und der Frau gab, die sich mächtig freute und sagte: »Du und dein Gatte, ihr habt meinem Mann große Güte bezeugt, wofür ich dir verspreche, daß alle Fische, die er beim ersten Wurf fängt, euch gehören sollen. Ich bin überzeugt, daß mein Ehemann, wenn er mein Versprechen vernimmt, in dasselbe einwilligen wird.« Als dann die Frau mit dem Geldstück zu ihrem Mann zurückkehrte und ihm mitteilte, was sie versprochen hatte, war er damit einverstanden und sagte zu ihr: »Du hast recht und verständig gehandelt, dieses Versprechen zu geben.« Nachdem er sich dann etwas Garn gekauft und die Netze ausgebessert hatte, erhob er sich noch vor Anbruch der Dämmerung und eilte zum Strom, um wie gewöhnlich zu fischen. Als er das Netz zum erstenmal ausgeworfen hatte und es wieder einzog, fand er, daß es nur einen einzigen Fisch enthielt, in der Dicke von ungefähr einer Spanne, worauf er denselben als meinen Anteil beiseite legte. Dann warf er das Netz wieder und wieder aus und fing bei jedem Zug eine Menge großer und kleiner Fische, doch keiner erreichte die Größe des zuerst gefangenen. Sobald dann der Fischer heimgekehrt war, brachte er mir unverzüglich den Fisch, den er für mich gefangen hatte, indem er sagte: »Mein Nachbar, meine Frau versprach dir in der vergangenen Nacht alle Fische meines ersten Zuges; dies ist aber der einzige Fisch, den ich bei dem ersten Wurf fing. Hier ist er, und ich bitte dich, nimm ihn als ein Zeichen des Dankes für deine Güte in der letzten Nacht an, und als Erfüllung des Versprechens. Wenn mir Gott, der Erhabene, ein ganzes Netz voll Fische beschert hätte, so wären alle dein gewesen, jedoch ist es dein Schicksal, daß dieser Fisch beim ersten Fang allein ans Land gezogen ward.« Ich versetzte: »Der Heller, den ich dir gestern Nacht gab, war nicht so wertvoll, um etwas dafür als Entgelt zu verlangen.« So weigerte ich mich den Fisch anzunehmen, doch wollte er ihn nicht wieder zurücknehmen, und nach vielem Hin- und Herreden willigte ich endlich ein, da er behauptete, es wäre mein Fisch, und gab ihn meiner Frau mit den Worten: »Frau, der Fisch ist der Lohn für die Bleimünze, die ich vergangene Nacht unserm Nachbar dem Fischer gab. Saad erklärte, ich sollte durch diese Münze großen Reichtum und Gut im Überfluß gewinnen.« Alsdann erzählte ich meiner Frau, wie mich meine beiden Freunde besucht und was sie gesagt und gethan hatten, und insbesondere, wie mir Saad die Bleimünze geschenkt hatte. Sie verwunderte sich, nur einen einzigen Fisch zu sehen, und fragte: »Wie soll ich ihn kochen? Mir scheint es am besten, ihn aufzuschneiden und für die Kinder zu kochen, da wir nichts an Gewürzen und Zuthaten haben, ihn in anderer Weise herzurichten.« Als sie dann den Fisch aufschlitzte und ihn reinigte, fand sie in seinem Magen einen großen Diamanten, den sie für ein Stück Glas oder Krystall hielt; denn sie hatte zwar oft von Diamanten erzählen gehört, doch nie einen mit ihren Augen gesehen. Sie gab ihn daher dem jüngsten Kind als Spielzeug, und als die andern ihn sahen, wollten sie ihn alle, wegen seines Glanzes und Schimmers, haben, und jedes Kind behielt ihn für eine Weile, bis die Nacht anbrach und die Lampe angezündet ward, worauf sie sich rings um den Stein drängten und, seine Schönheit bewundernd, jauchzten und vor Entzücken schrieen. Als meine Frau den Tisch aufgetragen hatte und wir uns zum Nachtmahl niedersetzten, legte der älteste Knabe den Diamanten auf den Tisch, und sobald wir unsre Mahlzeit beendet hatten, stritten und balgten sich die Kinder wie zuvor um den Stein. Zuerst gab ich auf ihr Lärmen und Toben nicht acht, als es aber zu laut und lästig ward, fragte ich meinen ältesten Buben, weshalb sie sich stritten und solchen Skandal vollführten. Er erwiderte: »Wir streiten uns um ein Stück Glas, das so hell wie die Lampe scheint.« Da befahl ich ihm, es zu zeigen, und, mich höchlichst über sein sprühendes Licht verwundernd, fragte ich meine Frau, woher sie das Stück Krystall erhalten hätte. Sie versetzte: »Ich fand es im Bauch des Fisches, als ich ihn ausnahm.« Ich glaubte jedoch immer noch, es wäre nichts andres als Glas, bis ich meiner Frau befahl, die Lampe hinter dem Herd zu verstecken. Als sie die Lampe aus dem Gesicht entfernt hatte, war der Glanz des Diamanten so hell, daß wir sehr gut ohne ein anderes Licht sehen konnten, weshalb ich den Stein auf den Herd legte, damit wir bei seinem Schein arbeiten könnten, und bei mir sprach: »Die Münze, die mir Saadī ließ, hat den Nutzen gebracht, daß wir nicht länger einer Lampe bedürfen; zum wenigsten erspart sie uns Öl.« Als aber die Kleinen mich die Lampe auslöschen und das Glas an ihrer Stelle gebrauchen sahen, sprangen und tanzten sie vor Freude und jauchzten und schrieen in heller Lust, so daß sie alle Nachbarn hören konnten. Ich schalt sie deshalb und schickte sie zu Bett, worauf wir uns ebenfalls niederlegten und bald einschliefen. Am nächsten Tag erwachte ich in der Frühe und machte mich an die Arbeit, ohne mich weiter um das Glasstück zu kümmern.

In unsrer Nähe aber wohnte ein reicher Jude, ein Juwelier, der allerlei Edelsteine kaufte und verkaufte; und als er und sein Weib in der Nacht zu schlafen versuchten, vermochten sie es nicht wegen des Lärms und Geschreis der Kinder. Sie waren für viele Stunden gestört und der Schlaf überkam ihre Augen nicht, so daß am nächsten Morgen die Frau des Juweliers zu unserm Hause kam, um sich in ihrem Namen und für ihren Gatten den Juwelier über den Lärm und das Geschrei zu beklagen. Ehe sie jedoch noch ein Wort des Tadels vorbringen konnte, ahnte mein Weib schon den Grund ihres Kommens und sprach zu ihr: »O Rahel, ich fürchte, meine Kinder belästigten dich während der letzten Nacht durch ihr Lachen und Geschrei. Ich bitte dich hierfür um Nachsicht; aber du weißt, daß Kinder bei der geringsten Kleinigkeit bald weinen und bald lachen. Komm herein und sieh dir den Grund ihrer Aufregung an, für die du mich ganz mit Recht zur Rede stellen willst.« Da folgte die Jüdin meiner Frau ins Haus und sah das Stück Glas, um dessentwillen die Kleinen solchen Lärm und Aufruhr angerichtet hatten. Als sie den Diamanten erblickte, ward sie von Staunen erfüllt, da sie eine reiche Erfahrung in Edelsteinen aller Art besaß. Alsdann erzählte ihr meine Frau, wie sie ihn im Bauch des Fisches gefunden hatte, worauf die Jüdin zu ihr sagte: »Dieses Stück Glas ist besser als alle andern Glassorten. Ich habe ebenfalls solch ein Stück, das ich bisweilen trage; wenn du es verkaufen willst, so will ich es dir abkaufen.« Als die Kinder ihre Worte vernahmen, begannen sie zu weinen und riefen: »Ach liebe Mutter, wenn du das Glas nicht verkaufst, so wollen wir dir versprechen hinfort keinen Lärm mehr zu machen.« Als nun die Frauen sahen, daß sie sich in keiner Weise von ihm trennen lassen wollten, schwiegen sie, doch wisperte die Jüdin meiner Frau vor dem Fortgehen noch ins Ohr: »Sieh zu, daß du zu keinem etwas von der Sache sagst, und wenn du es verkaufen willst, so laß es mich wissen.«

Der Jude saß in seinem Laden, als seine Frau zu ihm kam und ihm von dem Glasstück erzählte. Er versetzte: »Geh sofort zu ihr zurück und biete ihr einen Preis dafür, indem du ihr sagst, es sei für mich. Fang mit einem geringen Gebot an und biete so lange mehr, bis du es bekommst.« Da kehrte die Jüdin zu meinem Haus zurück und bot zwanzig Aschrafīs, was meine Frau für eine große Summe für solch eine Kleinigkeit hielt; indessen mochte sie das Geschäft nicht abschließen. In demselben Augenblick verließ ich meine Arbeit und kehrte zum Mittagsmahl heim, als ich die beiden Frauen auf der Schwelle stehen und reden sah; und meine Frau hielt mich an und sagte: »Diese unsre Nachbarin bietet zwanzig Aschrafīs für das Glasstück, doch habe ich ihr bis jetzt noch keine Antwort gegeben. Was sagst du dazu?« Da gedachte ich der Worte Saads, daß mir seine Bleimünze großen Reichtum eintragen würde, während die Jüdin, als sie mein Zaudern sah, glaubte, ich wollte nicht in den Preis einwilligen, und zu mir sagte: »O Nachbar, wenn du dich von dem Stück Glas nicht für zwanzig Goldstücke zu trennen vermagst, so will ich dir fünfzig bieten.« An dieser ihrer Bereitwilligkeit, mit der sie den Preis von zwanzig auf fünfzig Goldstücke steigerte, erkannte ich, daß dieses Glas sicherlich hohen Wert hatte, und schwieg, ohne ein Wort zu sprechen. Als sie sah, daß ich noch immer still war, rief sie: »So nimm hundert; dies ist sein voller Wert, und ich weiß nicht einmal, ob mein Gatte mit einem so hohen Preis einverstanden sein wird.« Ich versetzte: »O meine gute Frau, was sollen diese närrischen Worte; ich will es nicht billiger als für hunderttausend Goldstücke verkaufen, und nur aus dem Grunde, daß du unsre Nachbarin bist, lasse ich es dir zu dem Preis.« Die Jüdin erhöhte ihr Angebot nach und nach bis zu fünfzigtausend Aschrafīs, worauf sie sagte: »Ich bitte dich, warte bis morgen und verkaufe es nicht eher, damit mein Mann herüberkommen und es sich besehen kann.« Ich erwiderte: »Sehr gern; laß deinen Gatten nur herkommen und es besehen.«

Am nächsten Tage kam der Jude zu meinem Haus, und ich zeigte ihm den Diamanten, der in meiner Hand wie eine Lampe blitzte und leuchtete. Als er sich überzeugt hatte, daß alles, was ihm seine Frau von seinem Wasser und Glanz erzählt hatte, völlig der Wahrheit entsprach, nahm er den Stein in die Hand und, ihn prüfend und hin- und herdrehend, verwunderte er sich höchlichst über seine Schönheit und sagte: »Meine Frau bot dir fünfzigtausend Goldstücke dafür; ich will jedoch noch zwanzigtausend dazulegen.« Ich erwiderte: »Deine Frau hat dir sicherlich die Summe genannt, die ich festsetzte; ich verlangte hunderttausend Aschrafīs und nichts weniger, und ich lasse keinen Deut und Titel von diesem Preise ab.« Der Jude that sein möglichstes, den Stein für einen billigeren Preis zu kaufen, doch antwortete ich nur: »Es macht nichts aus; wenn du dich nicht mit mir einigen willst, so muß ich ihn einem andern Juwelier verkaufen.« Schließlich willigte er ein und wog mir zweitausend Goldstücke als Anzahlung dar, indem er sprach: »Morgen will ich dir den Betrag bringen und den Diamanten abholen.« Ich willigte hierin ein, und so kam er am andern Tage und wog mir die volle Summe von hunderttausend Aschrafīs dar, die er unter seinen Freunden und Geschäftsteilhabern aufgebracht hatte. Dann gab ich ihm den Diamanten, der mir so außerordentlichen Reichtum eingebracht hatte, und dankte ihm und pries Gott, den Erhabenen, für dieses unverhoffte große Glück und hoffte bald meine Freunde Saad und Saadī zu sehen und ihnen in gleicher Weise zu danken. Zuerst setzte ich mein Haus instand und gab meiner Frau Geld für die Hausbedürfnisse und Kleidung für sie und ihre Kinder; überdies kaufte ich mir eine prächtige Wohnung und richtete sie aufs beste ein. Dann sagte ich zu meiner Frau, die an nichts als an prächtige Kleider und gutes Essen und ein Leben herrlich und in Freuden dachte: »Es geziemt uns nicht dieses Handwerk aufzugeben; wir müssen etwas Geld beiseite legen und das Geschäft weiterführen.« Hierauf begab ich mich zu allen Seilern in der Stadt und kaufte für viel Geld mehrere Manufaktoreien, worauf ich sie in Betrieb setzte und über jeden Betrieb einen intelligenten und zuverlässigen Menschen als Aufseher setzte, so daß es jetzt in ganz Bagdad keinen Bezirk und kein Viertel giebt, in denen sich nicht Seilerbahnen und Werkstätten von mir befänden. Ferner besitze ich in jeder Stadt und jedem Distrikt vom Irâk Niederlagen, die alle unter der Obhut ehrlicher Aufseher stehen; und so kommt es, daß ich solchen großen Reichtum erworben habe. Schließlich kaufte ich ein anderes Haus zu meinem eigenen Geschäftshaus, eine zerfallene Stätte mit einem daranstoßenden ziemlich ausgedehnten Gelände. An Stelle des alten Hauses, das ich niederriß, erbaute ich das neue und geräumige Gebäude, auf das deine Hoheit gestern zu schauen geruhte. Dort sind all meine Arbeitsleute untergebracht, und ebenfalls werden dort meine Geschäftsbücher und Rechnungen geführt. Außer meiner Warenniederlage enthält es noch einfach eingerichtete Wohnzimmer für mich und meine Familie. Nach einiger Zeit verließ ich mein altes Haus, in dem mich Saad und Saadī hatten arbeiten sehen und zog in das neue Haus um und wohnte dort. Nicht lange nach dieser Übersiedelung dachten meine beiden Freunde und Wohlthäter daran mich wieder einmal zu besuchen. Sie verwunderten sich sehr, als sie in meine alte Werkstätte traten und mich daselbst nicht fanden, und als sie die Nachbarn fragten, wo der und der Seiler lebte, und ob er noch lebe oder gestorben sei, antworteten ihnen die Leute: »Er ist jetzt ein reicher Kaufmann und heißt nicht mehr einfach »Hasan«, sondern »Meister Hasan der Seiler«. Er hat sich ein prächtiges Haus erbaut und wohnt in dem und dem Viertel.« Da machten sich die beiden Freunde auf mich zu suchen und waren über die gute Nachricht erfreut, wiewohl Saadī auf keine Weise glauben wollte, daß all mein Reichtum, wie Saad es behauptete, von dem kleinen Bleistück herrührte. Nachdem er die Sache hin und her überlegt hatte, sagte er zu seinem Freunde: »Es freut mich sehr von dem Glück zu hören, das Hasan widerfahren ist, obwohl er mich zweimal betrogen und vierhundert Goldstücke von mir empfangen hat, durch die er dieses große Gut gewann. Denn es ist absurd zu denken, es könnte von der Bleimünze, die du ihm gabst, herrühren. Trotzalledem vergebe ich ihm und trage ihm nichts nach.« Saad versetzte jedoch: »Du irrst dich. Ich kenne Hasan seit langem als einen braven und wahrhaften Mann. Er würde dich nicht täuschen; was er uns erzählte, ist die lauterste Wahrheit. Ich bin überzeugt, daß er all dieses Gut und diesen Reichtum allein durch die Bleimünze gewonnen hat; jedoch werden wir bald hören, was er uns zu erzählen hat.« Unter solchem Gespräch gelangten sie in die Straße, in der ich jetzt wohne, und als sie dort ein großes, prächtiges und neuerbautes Haus gewahrten, schlossen sie, daß es das meinige wäre. Sie pochten deshalb an, und als der Pförtner ihnen öffnete, verwunderte sich Saadī solche Pracht und so viele Leute darin sitzen zu sehen, und er fürchtete, daß sie aus Versehen das Haus irgend eines großen Emirs betreten hätten. Alsdann faßte er sich ein Herz und fragte den Pförtner: »Ist dies die Wohnung des Chwâdsches Hasan el-Habbâl?« Der Thürsteher versetzte: »Jawohl, es ist sein Haus. Er ist zu Hause und befindet sich in seinem Bureau; bitte, tritt ein, einer der Sklaven wird ihn von deinem Kommen unterrichten.«

Hierauf traten die beiden Freunde ein, und sobald ich sie erblickte, erkannte ich sie und, mich erhebend, eilte ich auf sie zu und küßte ihnen den Saum ihres Gewandes. Sie wollten mir um den Hals fallen und mich umarmen, doch gestattete ich es ihnen in meiner Bescheidenheit nicht. Dann führte ich sie in einen großen und geräumigen Saal und forderte sie auf den höchsten Ehrenplatz einzunehmen. Sie wollten mich zwingen mich auf den obersten Platz zu setzen, doch rief ich: »O meine Herren, ich bin um nichts besser als der arme Seiler Hasan, der euern Wert und eure Güte nicht vergessen hat und stets für euer Wohlergehen betet, und der nicht verdient an einem höhern Platz als ihr zu sitzen.« Da setzten sie sich, und ich nahm ihnen gegenüber Platz, worauf Saadī sagte: »Mein Herz ist über die Maßen erfreut, dich in dieser Lage zu sehen, denn Gott hat dir alles, was du wünschest, gegeben. Ich zweifle nicht, daß du allen diesen Reichtum und Überfluß durch die vierhundert Goldstücke, die ich dir gab, erworben hast. Aber sag' mir die Wahrheit, weshalb betrogst du mich zweimal und sprachst die Unwahrheit zu mir?« Saad, der mit stillem Unwillen diese Worte vernahm, fiel, ehe ich noch zu antworten vermochte, ein: »O Saadī, wie oft versicherte ich dich, daß alles, was Hasan zuvor über den Verlust der Aschrafīs sagte, wahr und ohne Falsch ist?« Alsdann begannen beide miteinander zu streiten, während ich, nachdem ich mich von meiner Überraschung erholt hatte, rief: »O meine Herren, was nützt dieses Streiten? Erzürnt euch nicht, ich bitte euch, um meinetwillen. Alles was mir widerfuhr, habe ich euch mitgeteilt, und es liegt wenig daran, ob ihr meinen Worten Glauben schenkt oder nicht. Vernehmt jetzt meine Geschichte der vollen Wahrheit gemäß.« Hierauf erzählte ich ihnen die Geschichte von dem Bleistück, das ich dem Fischer gegeben hatte, und von dem in dem Fischbauch gefundenen Diamanten; kurz, ich erzählte ihnen alles, wie deine Hoheit es soeben von mir vernommen hat. Als Saadī mein ganzes Abenteuer vernommen hatte, versetzte er: »O Chwâdsche Hasan, es erscheint mir außerordentlich wunderbar, daß sich ein so großer Diamant in einem Fischbauch gefunden haben sollte; ebenso, wie ich es für unmöglich halte, daß eine Weihe mit deinem Turban fortflog, und daß deine Frau einen Krug voll Kleie für Walkererde umtauschte. Du behauptest, daß deine Geschichte wahr ist, jedoch vermag ich immer noch nicht deinen Worten zu glauben und bin der festen Überzeugung, daß dir die vierhundert Goldstücke all diesen Reichtum eingetragen haben.« Als dann die beiden Freunde aufstanden sich zu verabschieden, erhob ich mich ebenfalls und sprach: »O meine Herren, ihr habt mich sehr beehrt, indem daß ihr mein armes Haus zu besuchen geruhtet. Ich bitte euch nun meine Speise zu kosten und diese Nacht unter dem Dach eures Sklaven zuzubringen; morgen möchte ich euch dann auf dem Strom zu einem Landhaus führen, das ich vor kurzem kaufte.«

Nach einigem Weigern willigten sie hierin ein, worauf ich ihnen, nachdem ich die Befehle für das Abendessen erteilt hatte, das Haus und seine Einrichtung zeigte und sie mit gefälligen Worten und angenehmen Geplauder unterhielt, bis ein Sklave erschien und meldete, daß das Essen aufgetragen sei. Ich führte sie in den Saal, in dem die Tische, beladen mit allerlei Gerichten, aufgestellt waren; überall standen Wachskerzen, die mit Kampfer parfümiert waren, und vor den Tischen waren Musikanten versammelt, die sangen und auf allerlei Musikinstrumenten spielten, während am obern Ende des Saals Männer und Frauen tanzten und viel Unterhaltung bereiteten. Nach dem Abendessen gingen wir zu Bett und standen am andern Morgen in der Frühe auf, worauf wir uns nach Verrichtung des Morgengebets in ein großes und gut hergerichtetes Boot setzten. Die Ruderknechte ruderten uns mit der Strömung hinunter, so daß wir bald an meinem Landsitz landeten. Dann spazierten wir zusammen über die Ländereien und betraten das Haus, wo ich ihnen unsre neuen Gebäude und alles, was zu ihnen gehörte, zeigte, was ihr höchstes Staunen erregte. Von dort begaben wir uns in den Garten und sahen dort in Reihen, entlang den Steigen, Fruchtbäume aller Art mit reichen Früchten schwer behangen stehen, die vom Strom her vermittelst ziegelsteinerner Leitungen bewässert wurden. Rings herum standen blühende Gesträuche, deren Duft den Zephyr in Wonne versetzte; hier und dort ließen Springquellen ihre Wasserstrahlen hoch in die Luft steigen, und Vögel sangen mit süßen Stimmen im Laubgezweig, den Einen, den Ewigen lobpreisend; kurz, der Anblick und die Wohlgerüche erfüllten die Seele von allen Seiten mit Freude und Fröhlichkeit. Meine zwei Freunde schritten in Freude und Entzücken umher, indem sie mir wieder und wieder dafür, daß ich sie an einen so lieblichen Ort geführt hatte, dankten und sprachen: »Gott lasse dir's in deinem Hause und Garten wohlergehen!« Schließlich geleitete ich sie zu dem Fuß eines hohen Baumes nahe einer der Gartenmauern und zeigte ihnen ein kleines Sommerhaus, in dem ich mich auszuruhen und zu erholen pflegte, und das mit goldgestickten Polstern, Diwanen und Kissen ausstaffiert war.

Es traf sich aber, daß, als wir im Sommerhause saßen, um uns auszuruhen, zwei meiner Knaben, die ich mit ihrem Erzieher des Luftwechsels halber auf meinen Landsitz geschickt hatte, im Garten herumschweiften und nach Vogelnestern suchten. Mit einem Male gewahrten sie ein großes Nest hoch im Gipfel und versuchten den Stamm zu erklimmen und es herunterzuholen; da sie sich jedoch wegen ihres Mangels an Kraft und ihrer Ungeübtheit nicht so hoch hinaufzuwagen getrauten, befahlen sie einem jungen Sklaven, der stets an ihrer Seite war, den Baum zu erklimmen. Der Sklave that nach ihrem Geheiß; als er jedoch ins Nest blickte, verwunderte er sich über die Maßen, daß es hauptsächlich aus einem alten Turban gemacht war. Er brachte den Stoff herunter und überreichte ihn den Knaben, von denen der älteste ihn aus seinen Händen nahm und ihn zu mir in die Laube brachte, um ihn mir zu zeigen. Indem er ihn mir zu Füßen legte, sagte er in heller Lust: »O mein Vater, schau, dieses Nest ist aus Tuch gemacht.«

Saad und Saadī verwunderten sich höchlichst bei diesem Anblick und staunten mehr und mehr, als ich in dem Stoff nach genauer Prüfung den Turban erkannte, auf den die Weihe niedergeschossen war und den sie mir geraubt hatte. Ich sagte zu meinen beiden Freunden: »Prüft diesen Turban genau und überzeugt euch, daß es derselbe ist, den ich auf dem Haupt trug, als ihr mich zum erstenmal mit eurer Gegenwart beehrtet.« Saad versetzte: »Ich weiß es nicht;« Saadī sagte jedoch: »Wenn du in ihm die hundertundneunzig Goldstücke findest, dann hast du die Gewißheit, daß es dein Turban ist.« Ich erwiderte: »O mein Herr, ich weiß es gewiß, daß es derselbe Turban ist.« Wie ich ihn aber in der Hand hielt, fühlte ich, daß er schwerer war, und beim Öffnen seiner Falten fiel etwas, das in einem der Enden des Tuchs eingebunden war, heraus; und siehe, als ich den Wickel öffnete, fiel der Beutel mit den Goldstücken heraus. Ich zeigte ihn Saadī und rief: »Kannst du diesen Beutel nicht wiedererkennen?« Er versetzte: »Fürwahr, es ist derselbe Beutel mit den Aschrafīs, den ich dir bei unsrer ersten Begegnung gab.« Alsdann öffnete ich ihn und schüttete das Gold auf einen Haufen auf den Teppich, worauf ich ihn bat sein Geld zu zählen; und er kehrte jedes Goldstück um und um und zählte genau einhundertundneunzig Aschrafīs heraus. Tief beschämt und verwirrt, rief er nun: »Jetzt glaube ich deinen Worten; indessen mußt du doch einräumen, daß du die Hälfte deines wunderbaren Reichtums durch die zweihundert Goldstücke, die ich dir bei unserm zweiten Besuch gab, erworben hast und die andere Hälfte durch die Bleimünze, die du von Saad erhieltest.« Hierauf gab ich ihm keine Antwort, während die beiden Freunde nicht aufhörten über die Sache miteinander zu streiten. Dann setzten wir uns zu Speise und Trank, und als wir unsern Hunger gestillt hatten, legte ich mich mit meinen Freunden in der kühlen Laube zu einem Schläfchen nieder. Als aber die Sonne nahe dem Untergang war, saßen wir auf und ritten nach Bagdad, den Sklaven voran. Bei unserm Eintreffen in der Stadt fanden wir alle Läden geschlossen, so daß wir nirgends Korn und Futter für unsere Pferde zu erhalten vermochten und ich zwei Sklaven, die neben uns hergelaufen waren, nach Proviant ausschickte. Einer derselben fand im Laden eines Kornhändlers einen Krug voll Kleie und brachte ihn uns unter dem Versprechen, am andern Morgen den Krug wiederzubringen. Dann fing er an im Dunkeln die Kleie mit der Hand herauszuschaufeln und den Pferden vorzulegen, bis seine Hand mit einem Male auf ein Stück Tuch stieß, in dem sich etwas Schweres befand. Er brachte es mir, so wie er es gefunden hatte, und sagte: »Schau, ist dies nicht dasselbe Tuch, von dessen Verlust du so oft zu uns sprachst? Ich nahm es und erkannte zu meinem höchsten Staunen, daß es dasselbe Stück Tuch war, in das ich die hundertundneunzig Aschrafīs gebunden hatte, bevor ich sie in dem Topf Kleie versteckt hatte. Dann sprach ich zu meinen Freunden: »O meine Herren, es hat Gott, dem Erhabenen, gefallen, bevor wir voneinander scheiden, meine Worte zu bezeugen und zu bekräftigen, daß ich euch nur die lauterste Wahrheit berichtet hatte.« Hierauf wendete ich mich zu Saadī und sagte: »Schau hier die andere Geldsumme, die hundertundneunzig Aschrafīs, die du mir gabst, und die ich in dieses Stück Tuch band, das ich jetzt wieder erkenne.« Alsdann ließ ich den irdenen Krug holen, damit sie ihn sähen, und ließ ihn zu meiner Frau tragen, damit sie ebenfalls Zeugnis ablegte, ob es derselbe Kleiekrug wäre, den sie für die Walkererde umgetauscht hatte, oder nicht.« Sie ließ uns sofort sagen: »Fürwahr, ich erkenne ihn genau, es ist derselbe Krug, den ich mit Kleie gefüllt hatte.« Da gestand Saadī ein, daß er unrecht gehabt hatte, und sagte zu Saad: »Jetzt weiß ich, daß du die Wahrheit sprachst, und bin überzeugt, daß Reichtum nicht aus Reichtum kommt; allein aus Gottes, des Erhabenen, Gnade wird ein armer Mann reich.« Dann bat er mich für sein Mißtrauen und seinen Zweifel um Verzeihung. Wir nahmen seine Entschuldigungen an und zogen uns zur Ruhe zurück, und am andern Morgen in der Frühe sagten mir meine beiden Freunde Lebewohl und zogen mit der vollen Überzeugung heim, daß ich kein Unrecht gethan und nicht das Geld, das sie mir schenkten, verschwendet hatte.«

Als der Chalife Hārûn er-Raschîd die Geschichte des Chwâdsche Hasan bis zu Ende vernommen hatte, sagte er: »Ich kenne dich seit langer Zeit aus dem guten Ruf, den du bei dem Volk hast, die dich, einer wie der andre, für einen braven und aufrichtigen Mann erklären. Überdies befindet sich derselbe Diamant, durch den du so großen Reichtum erlangt hast, jetzt in meiner Schatzkammer; ich möchte deshalb sogleich zu Saadī senden, damit er ihn mit seinen eigenen Augen sieht und sich überzeugt, daß die Leute nicht durch Geld reich oder arm werden. Du aber geh' nun zu meinem Schatzmeister und erzähl' ihm deine Geschichte, daß er sie zum ewigen Gedächtnis niederschreibt und das Schriftstück in die Schatzkammer zu den Diamanten legt.«

Alsdann entließ der Chalife mit einem Wink den Chwâdsche Hasan; und ebenso küßten Sîdī Noomân und Bâbā Abdallāh den Fuß des Thrones und gingen ihres Weges.

 

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