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Tausend und eine Nacht. Band XXI

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band XXI - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band XXI
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150411
modified20180223
projectidbbb389ae
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Sîdī Noomâns Geschichte.

»Gütiger und huldreicher Herr, meine Eltern waren mit Hab und Gut reichlich genug gesegnet, um ihren Sohn bei ihrem Tode mit reichen Mitteln für seine Lebzeiten zu versorgen, daß er seine Tage wie ein Großer in Bequemlichkeit, Annehmlichkeit und Freude verbringen konnte. Ich, ihr einziges Kind, hatte um nichts weder Sorge noch Kummer, bis ich mich eines Tages in der Blüte meiner Jugend entschloß mir eine Frau zu nehmen, ein Weib angenehm und holdselig anzuschauen, damit wir vereint in wechselseitiger Liebe und doppeltem Glück lebten. Gott, der Erhabene, wollte es jedoch nicht, daß ich eine musterhafte Gattin bekäme; vielmehr vermählte mich das Geschick mit einem Kummer und dem schlimmsten Elend. Ich freite ein Mädchen, das in der äußern Erscheinung und Gestalt ein Bild von Schönheit und Anmut war, doch fehlte ihr jegliche holde Gabe des Gemüts oder der Seele. Schon am zweiten Tag nach der Hochzeit begann sich ihre böse Natur zu zeigen. Du weißt sehr wohl, o Fürst der Gläubigen, daß nach der Sitte der Moslems niemand das Antlitz seiner Verlobten vor Vollzug des Ehekontrakts schauen darf, und daß er sich nach der Hochzeit nicht beklagen darf, falls sich seine Gattin als ein Zankteufel oder ein Schrecken erweist; vielmehr muß er so zufrieden, als er es vermag, mit ihr hausen, und muß für sein Geschick dankbar sein, mag es ihm hold oder unhold sein. Als ich zuerst das Antlitz meiner Braut erblickte und es in seinem ausnehmenden Liebreiz sah, freute ich mich über die Maßen und dankte Gott, dem Erhabenen, dafür, daß er mir eine so reizende Gattin geschenkt hatte. Ich ruhte in jener Nacht in Freuden und Liebeswonnen bei ihr; am nächsten Tage aber, als das Mittagsmahl für uns beide aufgetragen ward, fand ich sie nicht bei Tisch und schickte nach ihr, um sie holen zu lassen, worauf sie nach einiger Frist erschien und sich an den Tisch setzte. Ich unterdrückte mein Mißbehagen und entschuldigte ihr Zuspätkommen, um nichts an ihr auszusetzen, wofür ich bald reichlichen Grund hatte. Es traf sich nun, daß sich unter den mancherlei Gerichten, die für uns aufgetragen waren, auch ein feiner Pilau befand, von dem ich, wie es in unserer Stadt üblich ist, mit einem Löffel zu essen begann; sie zog jedoch einen Ohrlöffel aus ihrer Tasche und begann damit den Reis aufzunehmen und ihn Korn für Korn zu essen. Als ich dieses sonderbare Benehmen sah, ward ich vor Staunen starr und es kochte in mir, doch sagte ich in sanftem Ton: »O meine Amine, was ist das für eine Art zu essen? Hast du es so von deinen Angehörigen gelernt oder zählst du Reiskörner, um hernach ein kräftiges Mahl einzunehmen? Du hast während dieser ganzen Zeit nur zehn oder zwanzig Körner gegessen. Oder bist du vielleicht sparsam? Wenn dies der Fall ist, so wisse, daß mir Gott, der Erhabene, reiches Gut beschert hat, und sei darum unbesorgt; thu', mein Liebling, wie alle andern und iß, wie du deinen Gatten essen siehst.« Ich glaubte sicherlich, daß sie einige Dankesworte an mich richten würde, jedoch sprach sie nicht die kleinste Silbe und hörte nicht auf ein Korn nach dem andern aufzulöffeln; ja, um mich noch mehr zu erzürnen, machte sie zwischen jedem Korn eine große Pause. Als der nächste Gang Kuchen kam, zerbrach sie lässig etwas Backwerk und steckte eine oder zwei Krumen in ihren Mund; kurz, sie aß weniger als was einen Sperlingsmagen zufriedengestellt hätte. Ich wunderte mich, sie so starrsinnig und eigenwillig zu sehen, doch sprach ich in meiner Unschuld bei mir: »Vielleicht ist sie nicht gewohnt mit Männern zu essen und vornehmlich mag sie verlegen sein in der Gegenwart ihres Gatten wacker zuzulangen; sie wird mit der Zeit wie andere Leute thun.« Ich vermutete auch, sie könnte bereits gegessen und den Appetit verloren haben, oder es könnte vielleicht ihre Gewohnheit gewesen sein allein zu essen. So sagte ich nichts und ging nach dem Essen aus, frische Luft zu schöpfen und Speere zu werfen, ohne noch weiter an den Vorfall zu denken. Als wir beide jedoch wieder beim Mahl saßen, aß meine Frau wie zuvor und verharrte in ihrer Verkehrtheit, so daß ich mich schwer beunruhigte und mich verwunderte, wie sie ohne Nahrung leben konnte. Eines Nachts traf es sich, daß sie sich, im Glauben, ich läge in tiefem Schlafe, heimlich von meiner Seite erhob, wiewohl ich völlig wach war und bemerkte, daß sie sich vorsichtig vom Lager erhob, als fürchtete sie mich zu stören. Ich verwunderte mich über die Maßen, weshalb sie sich aus dem Schlaf erhob, um mich in dieser Weise zu verlassen, und nahm mir vor die Sache klarzustellen. Ich stellte mich deshalb, als ob ich schliefe, und schnarchte, indem ich sie dabei, während ich dalag, beobachtete. Da sah ich, daß sie sich ankleidete und das Zimmer verließ, worauf ich aus dem Bett sprang und, meine Sachen überwerfend und mein Schwert über die Schulter hängend, aus dem Fenster spähte, um zu sehen, wohin sie ginge. Sie schritt über den Hof und öffnete die Straßenthür, worauf sie fortging. Da eilte ich ebenfalls zur Thür hinaus, die sie offen gelassen hatte, und folgte ihr im Mondschein, bis sie einen Totenacker nahe bei unserm Hause betrat. Als ich dies sah, blieb ich außerhalb des Totenackers hart an seiner Mauer stehen und spähte über dieselbe, so daß ich sie belauschen konnte, ohne daß sie mich gewahrte. Und siehe, da sah ich, daß Amine mit einem Ghûl dasaß! Deine Hoheit weiß sehr wohl, daß die Ghûle zur Sippschaft der Teufel gehören, d. h. sie sind unreine Geister, die in Ruinen hausen und einsame Wandrer erschrecken und sie bisweilen ergreifen und sich von ihrem Fleisch nähren. Wenn sie jedoch am Tage keinen Reisenden zu verzehren finden, so gehen sie nachts auf die Totenäcker und graben Leichname aus und verschlingen sie. Ich war deshalb starr vor Schrecken, mein Weib bei einem Ghûl sitzen zu sehen. Hierauf gruben beide einen frischbestatteten Leichnam aus seinem Grab, und der Ghûl und mein Weib Amine rissen Fleischstücke von ihm ab, die sie aß, während sie sich dabei mit ihrem Gefährten vergnügte und mit ihm plauderte. Da ich jedoch in einer Entfernung stand, vermochte ich nicht zu hören, was sie miteinander sprachen. Ich zitterte bei diesem Anblick vor Entsetzen, während sie nach Beendigung ihres Mahles die Knochen in die Grube warfen und die Erde wie zuvor darüber häuften. Während sie noch mit ihrem schmutzigen und ekelhaften Werk beschäftigt waren, verließ ich sie und eilte wieder nach Hause; ich ließ die Straßenthür halb geöffnet, wie meine Frau sie gelassen hatte, und warf mich, in meinem Zimmer angelangt, auf unser Bett, mich schlafend anstellend. Bald darauf erschien Amine und legte sich, nachdem sie ruhig ihre Sachen ausgezogen hatte, an meine Seite, während ich an ihrem Benehmen erkannte, daß sie mich nicht gesehen hatte und auch nicht im geringsten vermutete, daß ich ihr zum Totenacker gefolgt war. Dies gewährte mir große Beruhigung, wiewohl es mich ekelte, neben einer Kannibalin und Leichenfresserin im Bett zu ruhen. Indessen lag ich, trotz meines Abscheus, still, bis der Muezzin zum Morgengebet rief, worauf ich mich erhob, die Waschung vollzog und mich nach der Moschee auf den Weg machte. Nachdem ich mein Gebet verrichtet und die gebotenen Ceremonien erledigt hatte, streifte ich in den Gärten umher, und beschloß, indem ich mir bei diesem Spaziergang die Sache überlegte, meine Frau von solcher üblen Gesellschaft zu trennen und ihr das Verzehren von Leichenfleisch abzugewöhnen. Mit solchen Gedanken kehrte ich zur Mittagszeit heim, worauf Amine den Dienern befahl die Mahlzeit aufzutragen; dann setzten wir uns an den Tisch, wobei sie wie zuvor den Reis Korn für Korn aufzulöffeln begann. Da sagte ich zu ihr: »O mein Weib, es verdrießt mich sehr, dich wie eine Henne jedes Reiskorn aufpicken zu sehen. Wenn dieses Gericht nicht nach deinem Geschmack ist, so sieh, wie durch Gottes Gnade und des Allmächtigen Huld Gerichte allerlei Art vor uns stehen. Iß von dem, was dir am besten zusagt. Jeden Tag werden auf dem Tisch Gerichte verschiedener Art aufgetragen, und wenn sie dir nicht gefallen, so hast du nur die Speise zu befehlen, nach der deine Seele verlangt. Ich möchte jedoch eine Frage an dich richten. Giebt's nicht Fleisch ebenso reichlich und schmackhaft als Menschenfleisch auf dem Tisch, daß du jedes Gericht, welches dir vorgesetzt wird, verschmähst?«

Ehe ich noch meine Worte beendet hatte, war meine Frau überzeugt, daß ich von ihrem nächtlichen Abenteuer wußte. Sie geriet auf der Stelle in die höchste Wut, ihr Gesicht lohte wie Feuer, ihre Augen traten aus ihren Höhlen hervor, und der Schaum trat ihr in wilder Raserei vor den Mund. Als ich sie in diesem Zustand gewahrte, erschrak ich, und die Sinne und der Verstand verließen mich vor Entsetzen; sie aber griff in ihrer tollen Wut zu einem Gefäß voll Wasser, das neben ihr stand und, ihre Finger in das Wasser tauchend, murmelte sie einige unverständliche Worte, worauf sie mich mit einigen Tropfen besprengte und rief: »Verruchter, der du bist! Für diese deine Frechheit und deinen Verrat verwandle dich auf der Stelle in einen Hund.« Ich ward sogleich verwandelt, und sie ergriff einen Stab und verbläute mich damit unbarmherzig, daß ich beinahe mein Leben ließ. Ich lief von Zimmer zu Zimmer, doch folgte sie mir mit dem Stock und prügelte mich so lange mitleidslos, bis sie völlig erschöpft war. Dann riß sie die Straßenthür halb auf, und als ich nach ihr lief, um mein Leben zu retten, versuchte sie die Thür mit Gewalt zuzuschlagen, um mir die Seele aus dem Leibe zu quetschen. Da ich aber ihre Absicht sah, vereitelte ich sie, doch ließ ich meine Schwanzspitze zurück. Ich heulte hierüber jämmerlich, doch entrann ich, weiter eilend, und schätzte mich glücklich ihr mit heilen Knochen entkommen zu sein. Als ich auf der Straße stand, noch immer winselnd und von Schmerzen gepeinigt, fielen die Straßenhunde, als sie einen fremden Hund erblickten, sofort bellend und beißend über mich her, worauf ich mit eingeklemmtem Schwanz den Bazar entlang raste und in den Laden eines Verkäufers von Schafs- und Ziegenköpfen und -füßen eilte, wo ich mich in einem dunkeln Winkel verkroch. Trotz seiner Gewissensskrupel, die ihn alle Hunde für unrein halten ließen, hatte der Ladeninhaber Mitleid mit meiner erbärmlichen Lage und trieb die bellenden und zähnefletschenden Köter, die mir in seinen Laden folgen wollten, fort. So verbrachte ich, dieser Todesgefahr entronnen, die ganze Nacht in meinem Winkel verborgen.

Am nächsten Morgen in der Frühe ging der Fleischer aus, um seine gewohnte Ware, Schafsköpfe und -Füße, einzukaufen. Als er mit einem großen Vorrat zurückkehrte, begann er die Sachen zum Verkauf im Laden auszulegen, worauf ich mich, als ich sah, daß sich ein ganzes Rudel Hunde, angezogen von dem Fleischgeruch, vor seinem Laden versammelt hatte, ebenfalls zu ihnen gesellte. Wie mich nun der Ladeninhaber unter dem Hundegesindel erblickte, sprach er bei sich: »Dieser Hund hat seit gestern, als er vor Hunger heulend hergelaufen kam und sich in meinem Laden versteckte, nichts zu fressen bekommen.« Dann warf er mir ein hübsches Stück Fleisch hin, jedoch verschmähte ich es und lief wedelnd zu ihm heran, damit er meinen Wunsch bei ihm zu bleiben und in seinem Laden Schutz zu finden erkennete; er glaubte jedoch, ich hätte genug gefressen und langte nach einem Stock, mit dem er mich bedrohte und fortscheuchte. Als ich sah, daß der Fleischer sich nicht um mich kümmerte, lief ich fort und schweifte hin und her, bis ich zu einer Bäckerei gelangte und vor der Thür stehen blieb, durch die ich den Bäcker beim Frühstück sitzen sah. Wiewohl ich kein Zeichen machte, daß ich etwas zu fressen verlangte, warf er mir ein Stück Brot hin; anstatt aber es aufzuschnappen und gierig zu verschlingen, wie es alle Hunde zu thun pflegen, näherte ich mich ihm mit dem Stück und schaute ihm ins Gesicht, indem ich zum Dank mit dem Schweif wedelte. Der Bäcker fand an meinem wohlerzogenen Benehmen Gefallen und lächelte mich an, worauf ich, wiewohl ich nicht im geringsten hungrig war, nur um ihn zufrieden zu stellen, das Brot langsam und gemächlich, Bissen für Bissen, zu verzehren begann, um ihm meinen Respekt zu bezeugen. Er fand hierdurch noch mehr Gefallen an meinem Benehmen und wünschte mich in seinem Laden zu behalten, während ich mich, als ich diese seine Absicht bemerkte, an die Thür setzte und ihn aufmerksam ansah, so daß er erkannte, daß ich nichts als seinen Schutz von ihm begehrte. Dann streichelte er mich und nahm mich in seine Obhut und ließ mich seinen Vorrat hüten; doch wollte ich sein Haus nicht eher betreten, bis er mir vorangeschritten war; ebenso zeigte er mir, wo ich des Nachts zu liegen hatte und fütterte mich zu jeder Mahlzeit gut und bewirtete mich aufs gastlichste. In gleicher Weise beobachtete ich jede seiner Bewegungen und legte mich nieder und erhob mich ganz nach seinem Geheiß; und wenn er seine Wohnung verließ oder irgendwohin ging, nahm er mich stets mit. Wenn ich schlief und er ausging und mich nicht fand, so blieb er stets auf der Straße stehen und rief mich »Bacht! Bacht!«Glück! denn diesen glückbedeutenden Namen hatte er mir gegeben. Sobald ich seinen Ruf vernahm, kam ich dann herausgesprungen und sprang lustig vor der Thür. Und wenn er ausging, um frische Luft zu schöpfen, schritt ich neben ihm, indem ich ihm bald voranlief, bald wieder seinen Sohlen folgte und alle Augenblicke in sein Gesicht schaute.

So verstrich einige Zeit, während welcher ich bei ihm in aller Annehmlichkeit lebte, bis es sich eines Tages traf, daß eine Frau in seinen Laden trat, um ihr Brot zu kaufen, und ihm einige Dirhem dafür bezahlte, von denen der eine schlechte Münze war, während die andern gut waren. Mein Meister prüfte alle Silberstücke und, als er an das falsche Stück kam, gab er es ihr zurück, indem er dafür einen richtigen Dirhem verlangte. Die Frau zankte jedoch und wollte den Dirhem nicht zurücknehmen, indem sie hoch und teuer schwur, er wäre echt. Da sagte der Bäcker: »Der Dirhem ist ohne Zweifel wertlos; sieh, mein Hund dort ist nur ein Tier, doch paß auf, er wird dir sagen, ob es falsches oder richtiges Silber ist.« Dann rief er mich beim Namen »Bacht! Bacht!« worauf ich zu ihm herangesprungen kam. Indem er nun alle Goldstücke vor mich auf den Boden warf, sagte er: »Hier, betrachte diese Dirhem, und so ein falsches Stück darunter ist, leg' es abseits von den andern.« Ich prüfte die Silberstücke der Reihe nach, bis ich das falsche Geldstück fand, worauf ich es auf eine Seite und all die guten auf die andere Seite that; dann legte ich meine Pfote auf das falsche Geldstück und blickte, mit meinem Schwanzstummel wedelnd, meinem Herrn ins Gesicht. Der Bäcker war entzückt über meinen Scharfsinn, während sich die Frau außerordentlich hierüber verwunderte und ihren falschen Dirhem mit einem guten umtauschte. Als sie dann fortgegangen war, rief mein Herr alle Nachbarn und Gevattern zusammen und erzählte ihnen diese Begebenheit, worauf sie vor mir gute und schlechte Münzen auf den Boden warfen, um mich auf die Probe zu stellen und mit ihren eigenen Augen zu sehen, ob ich so klug wäre, wie mein Herr behauptete. Viele Male hintereinander las ich so die falschen Münzen aus den richtigen heraus und legte meine Pfote auf dieselben, ohne mich auch nur ein einziges Mal zu irren; und alle gingen staunend fort und erzählten es jedem einzigen, den sie sahen, so daß sich die Kunde von mir in der ganzen Stadt verbreitete und ich den ganzen Tag über gute und schlechte Dirhem voneinander auszulesen hatte.

Von jenem Tage an behandelte mich der Bäcker noch freundlicher, und alle seine Freunde und Bekannten lachten und sagten: »Fürwahr, du hast in diesem Hund einen ausgezeichneten Geldwechsler!« Einige beneideten sogar meinen Herrn wegen seines Glücks, daß er mich in seinem Laden hatte, und versuchten oft mich fortzulocken, doch behielt mich der Bäcker bei sich und erlaubte mir nie von seiner Seite zu gehen; denn die Kunde von mir brachte ihm aus den fernsten Vierteln der Stadt eine Menge Kunden. Nicht allzulange hernach kam eine andere Frau Brot in unserm Laden zu kaufen und zahlte dem Bäcker sechs Dirhem, von denen einer wertlos war. Mein Herr reichte sie mir zur Prüfung, und sofort nahm ich den falschen heraus und blickte, indem ich meine Pfote auf ihn legte, der Frau ins Gesicht. Sie wurde hierdurch verwirrt und gestand, daß das Geldstück falsch war, indem sie mich zugleich rühmte, daß ich es herausgefunden hatte. Dann ging sie fort, doch gab sie mir Zeichen ihr vom Bäcker unbemerkt zu folgen. Nun hatte ich in einem fort Gott, den Erhabenen, gebeten, mir irgendwie wieder meine menschliche Gestalt zu geben, und hoffte, daß irgend ein frommer Diener Gottes meine traurige Lage bemerken und mir Hilfe bringen würde. Als sich deshalb die Frau mehrmals umwendete und nach mir umsah, war ich überzeugt, daß sie meinen Zustand erkannte. Ich hielt deshalb meine Augen auf sie gerichtet, worauf sie nach wenig Schritten wieder zurückkam und mir winkte sie zu begleiten. Ich verstand ihr Zeichen und, dem Bäcker, der mit dem Heizen seines Ofens beschäftigt war, entwischend, folgte ich ihr auf den Fersen. Sie freute sich über die Maßen, als sie mich ihr folgen sah, und kehrte geradeswegs mit mir heim. Nachdem sie in ihr Haus getreten war, verschloß sie die Thür und führte mich in ein Zimmer, in dem ein hübsches Mädchen in einem gestickten Anzug saß, die ich nach ihrem Gesicht für die Tochter der Alten hielt. Da nun aber das Mädchen in der Zauberei sehr erfahren war, sagte ihre Mutter zu ihr: »O meine Tochter, hier ist ein Hund, der schlechte Dirhem von guten ausliest. Als ich von diesem Wunder vernahm, glaubte ich von vornherein, das Tier müßte ein Mensch sein, den irgend ein gemeiner und grausamer Schurke in einen Hund verwandelt hätte. Ich nahm mir vor das Tier mir heute anzusehen und es beim Brotkaufen zu prüfen, und siehe, der Hund bestand die Probe aufs beste. Sieh dir diesen Hund genau an, meine Tochter, und prüfe, ob es ein Tier oder ein durch Zauberei verwandelter Mensch ist.« Das junge Mädchen, das ihr Gesicht verschleiert hatte, betrachtete mich hierauf aufmerksam und sagte dann: »O meine Mutter, es ist so, wie du sagst, und ich will es dir sofort beweisen.« Alsdann erhob sie sich von ihrem Sitz und nahm ein Gefäß mit Wasser, in das sie ihre Hand tauchte, worauf sie mich mit einigen Wassertropfen besprengte und dabei sprach: »Wenn du als Hund geboren bist, so bleib' ein Hund, bist du aber als Mensch geboren, so nimm durch die Kraft dieses Wassers deine menschliche Gestalt wieder an.« Und sofort ward ich aus der Gestalt eines Hundes wieder in ein Menschenbild verwandelt und stürzte dem Mädchen zu Füßen, den Boden vor ihr küssend und ihr dankend. Indem ich dann den Saum ihres Gewandes küßte, rief ich: »O meine Herrin, du bist über die Maßen gütig zu einem dir Unbekannten und Fremden gewesen. Wie kann ich Worte finden dir zu danken und dich zu segnen, wie du es verdienst? Sag' mir nun, ich bitte dich, wie und wodurch ich dir meine Dankbarkeit beweisen kann. Von diesem Tage an bin ich dir zu Dankbarkeit verpflichtet und bin dein Sklave geworden.« Alsdann erzählte ich ihr meine ganze Geschichte und berichtete ihr von Amines Gottlosigkeit und den Übelthaten, die sie mir angethan hatte; und ich dankte ihrer Mutter dafür, daß sie mich in ihr Haus genommen hatte. Hierauf sagte das Mädchen zu mir: »O Sîdī Noomân, ich bitte dich, danke mir nicht so überschwenglich, denn ich bin sehr froh und glücklich, diesen Dienst einem, der es so wie du verdient, erwiesen zu haben. Ich bin mit deiner Frau Amine lange Zeit, bevor du sie heiratetest, bekannt gewesen. Ebenso wußte ich, daß sie die Zauberei verstand, und ebenso weiß sie von meiner Kunst, denn wir beide trieben sie zusammen bei derselben Lehrmeisterin. Wir trafen uns oft im Bad als Freundinnen, doch da sie unmanierlich und boshaft war, lehnte ich weiteren Verkehr mit ihr ab. Denke jedoch nicht, daß es mir genügt, dich wieder in deine ursprüngliche Gestalt verwandelt zu haben; nein, ich muß für das Unrecht, das sie dir angethan hat, Rache nehmen. Dies will ich durch dich thun, daß du ihr Meister wirst und in deinem Hause Herr und Gebieter bist. Warte eine Weile, bis ich wiederkomme.«

Mit diesen Worten schritt das Mädchen in ein anderes Zimmer, während ich sitzen blieb und mit ihrer Mutter plauderte, wobei ich ihre Trefflichkeit und Güte gegen mich rühmte. Ebenso erzählte die Matrone sonderbare und merkwürdige Wunderdinge, die ihre Tochter in reiner Absicht und mit erlaubten Mitteln verrichtet hatte, bis das Mädchen mit einem Eimer in der Hand zurückkehrte und sagte: »O Sîdī Noomân, meine Zauberkunst sagt mir, daß Amine zu dieser Stunde abwesend ist doch bald wieder heimkehren wird. Sie heuchelt vor den Dienstleuten Kummer über die Trennung von dir und gab an, du seiest plötzlich, als du mit ihr bei Tisch saßest, aufgesprungen und in einer wichtigen Sache ausgegangen, als mit einem Male ein Hund durch die offene Thür ins Zimmer gesprungen wäre und sie ihn mit einem Stecken fortgetrieben hätte.« Alsdann gab sie mir einen Krug voll Wasser und sagte: »O Sîdī Noomân, geh' jetzt nach Hause und warte, den Krug bei dir behaltend, geduldig auf Amines Heimkehr. Sie wird bald zurückkehren, und wenn sie dich sieht, wird sie einen heftigen Schreck bekommen und dir schnell zu entrinnen suchen. Bevor sie dir jedoch fortläuft, sprenge einige Tropfen Wasser aus diesem Krug auf sie und sprich den Zauber, den ich dich lehren werde. Ich habe dir nichts weiter zu sagen, denn du wirst mit eigenen Augen sehen, was dann geschehen wird.« Nach diesen Worten lehrte mich das Mädchen gewisse Zauberformeln, die ich mir fest ins Gedächtnis einprägte, worauf ich mich verabschiedete und beiden Lebewohl sagte. Als ich nach Hause kam, verlief die Sache so, wie es mir die junge Zauberin gesagt hatte. Nach kurzem Warten erschien Amine und zitterte vor Schrecken, als sie mich mit dem Krug in der Hand gewahrte. Ehe sie jedoch fortzulaufen vermochte, besprengte ich sie schnell mit einigen Tropfen und sprach dazu die Zauberformeln, worauf sie auf der Stelle in eine Stute verwandelt ward, dasselbe Tier, das deine Hoheit gestern zu bemerken geruhte. Ich verwunderte mich höchlichst, diese Verwandlung zu sehen, und führte die Stute, sie bei der Mähne ergreifend, in den Stall, wo ich ihr einen Halfter anlegte. Dann überhäufte ich sie mit Tadel für ihre Bosheit und ihr gemeines Betragen und peitschte sie aus, bis mein Arm erlahmte. Alsdann beschloß ich sie jeden Tag auf dem Platz im Galopp herumzutummeln und ihr so die gerechteste Strafe zu geben.«

Mit diesen Worten verstummte Sîdī Noomân, nachdem er seine Geschichte zu Ende erzählt hatte. Dann aber sagte er: »O Fürst der Gläubigen, ich hoffe, du bist mit meiner Aufführung nicht unzufrieden, sondern würdest solch ein Weib mit einer noch größern Strafe belegen.« Alsdann küßte er den Saum des Gewandes des Chalifen und schwieg, worauf Hārûn er-Raschîd, als er sah, daß er seine Erzählung beendet hatte, rief: »Fürwahr, deine Geschichte ist außerordentlich merkwürdig und seltsam! Die Missethat deines Weibes findet keine Entschuldigung und die Strafe, die du über sie verhängtest, scheint mir gerecht und richtig bemessen zu sein; jedoch möchte ich dich noch um ein Ding befragen; wie lange willst du sie in dieser Weise züchtigen, und wie lange soll sie in ein Tier verwandelt bleiben? Es wäre besser, du suchtest das Mädchen auf, durch dessen Zauberkunst dein Weib verwandelt ward, und bittest sie, ihr wieder die menschliche Gestalt zurückzugeben. Und doch fürchte ich wiederum sehr, daß diese Zauberin, diese Ghûle, wenn sie wieder ihre weibliche Gestalt erlangt hat, zu ihren Beschwörungen und Zauberformeln greift und dir noch ein schlimmeres Unheil als zuvor anthut, von dem du nicht wieder befreit wirst.«

Und so ließ der Fürst der Gläubigen, wiewohl er von Natur mild und mitleidsvoll war, die Sache auf sich beruhen und wendete sich zu dem dritten Mann, den der Wesir vor ihn gebracht hatte, und sprach zu ihm: »Als ich in dem und dem Viertel ging, war ich erstaunt dein Haus zu sehen, das so groß und prächtig ist. Als ich mich dann bei dem Stadtvolk erkundigte, versetzten mir die Leute allzumal, daß der Palast einem gewissen Chwâdsche Hasan gehörte, und fügten noch hinzu, du wärest vordem sehr arm gewesen und hättest in großer Not gelebt, doch hätte Gott, der Erhabene, deine Lage verbessert und hätte dir jetzt Gut in solcher Menge verliehen, daß du den schönsten Palast erbaut hättest. Wiewohl du aber solch einen fürstlichen Wohnsitz hättest und solch überreiches Gut besäßest, so hättest du doch deine frühere Lage nicht vergessen, und du vergeudetest deinen Reichtum nicht in schwelgerischem Leben, sondern vermehrtest ihn durch erlaubten Handel. Deine ganze Nachbarschaft spricht Gutes von dir, und kein einziger hat etwas Schlechtes gegen dich vorzubringen. Ich möchte nun etwas Genaues hierüber von dir erfahren und von deinen eigenen Lippen hören, wie du diesen großen Reichtum gewannst. Ich habe dich vor mich befohlen, damit ich mich über all dieses mit meinen eigenen Ohren überzeugte, weshalb du dich nicht zu fürchten brauchst mir deine Geschichte zu erzählen; ich wünsche nichts von dir als deine Geschichte kennen zu lernen. Genieße nach Herzenslust den Reichtum, den dir Gott, der Erhabene, in seiner Gnade verlieh und laß sich deine Seele daran erfreuen.« Also sprach der Chalife, und die huldreichen Worte beruhigten den Chwâdsche Hasan. Indem er sich vor dem Fürsten der Gläubigen niederwarf, küßte er den Teppich am Fuß des Thrones und rief: »O Fürst der Gläubigen, ich will dir einen getreuen Bericht über mein Abenteuer geben, und Gott, der Erhabene, sei mein Zeuge, daß ich nichts zuwider deinen Gesetzen und gerechten Befehlen begangen habe, sondern daß all mein Reichtum allein von Gottes Güte und Gnade herrührt.« Hierauf befahl Hārûn er-Raschîd dem Mann von neuem unverzagt zu erzählen, und so begann er in folgenden Worten seine Geschichte:

 

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