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Tausend und eine Nacht. Band XXI

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band XXI - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band XXI
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150411
modified20180223
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Die Geschichte Bâbā Abdallāhs des Blinden.

Mein Herr und Chalife, ich, der niedrigste deiner Sklaven, ward in Bagdad geboren, wo mir mein Vater und meine Mutter, die kurze Zeit nacheinander starben, ein für mein ganzes Leben hinreichendes Vermögen hinterließen. Ich wußte jedoch seinen Wert nicht zu schätzen, sondern hatte es bald in Üppigkeit und leichtfertigem Wandel verschleudert und kehrte mich nicht an Sparsamkeit oder Vermehrung meines Gutes. Als ich nur noch wenig von meinem Vermögen übrig behalten hatte, bereute ich mein übles Treiben und mühte und plagte mich Tag und Nacht ab den Rest meines Kapitals zu vergrößern, wie denn ein wahres Wort lautet: »Nach der Verschwendung kommt die Einsicht in den Wert.« So brachte ich nach und nach achtzig Kamele zusammen, die ich Kaufleuten vermietete, und auf diese Weise erzielte ich, so oft ich Gelegenheit dazu fand, einen hübschen Gewinn. Außerdem pflegte ich mich selber mit meinen Kamelen zu verdingen, und so kam es, daß ich durch alle die Länder und Gebiete deiner Hoheit reiste. Kurz, ich hoffte, durch das Ausmieten meiner Lasttiere in nicht allzulanger Frist eine reiche Goldernte einzuheimsen.

Einstmals traf es sich nun, daß ich Kaufmannsstoffe nach Basra zur Verschiffung nach Indien geschafft hatte und mit meinen Tieren leer nach Bagdad heimkehrte. Unterwegs zog ich über eine Ebene mit ausgezeichneter Weide, die brach und fern von jedem Dorf lag; ich nahm dort den Kamelen den Sattel ab, fesselte ihnen die Füße und band sie zusammen, damit sie die üppigen Kräuter und Dornen abweiden könnten, ohne dabei sich zu verlaufen. Mit einem Male erschien ein Derwisch, der zu Fuß nach Basra reiste, und setzte sich an meine Seite, um sich nach der Anstrengung auszuruhen. Ich fragte ihn, wohin er zöge und woher er käme, und er richtete die gleichen Fragen an mich. Nachdem wir einander unsere Geschichten erzählt hatten, holten wir unsere Zehrung hervor und frühstückten, indem wir uns beim Essen über verschiedene Sachen unterhielten. Da sagte der Derwisch: »Ich weiß hier in der Nähe eine Stelle, an der ein Schatz verborgen ist, dessen Reichtum so groß ist, daß, würdest du auch deine achtzig Kamele mit den schwersten Lasten von Goldmünzen und Edelsteinen aus ihm beladen, so würde jener Schatz doch keine Abnahme zeigen.« Als ich diese Worte vernahm, freute ich mich mächtig und, da ich aus seiner Miene und Haltung ersah, daß er mich nicht belog, sprang ich auf und rief, indem ich ihm um den Hals fiel: »O Heiliger Gottes, der du dich nicht an die Güter dieser Welt kehrst und auf alle irdische Lust und Pracht verzichtet hast, du hast sicherlich genaue Kenntnis von diesem Schatz, denn nichts bleibt Heiligen wie dir verborgen. Ich bitte dich, sag' mir, wo jener Schatz zu finden ist, damit ich meine achtzig Kamele mit Aschrafīs und Juwelen beladen kann; ich weiß sehr wohl, daß dich nicht nach dem Reichtum dieser Welt gelüstet, doch bitte ich dich, nimm eins meiner achtzig Kamele als Belohnung und zum Dank für deine Güte.« So sprach ich mit meiner Zunge, in meinem Herzen wurmte es mich jedoch schwer, zu denken, daß ich mich von einer einzigen Kamelladung Gold und Edelsteine trennen müßte. Jedoch tröstete ich mich damit, daß die andern neunundsiebzig Kamellasten genug Schätze enthalten würden, um mein Herz zufrieden zu stellen. Wie ich nun so in meinen Gedanken hin- und herschwankte, indem ich in dem einen Augenblick damit einverstanden war, in dem andern es wieder bereute, bemerkte der Derwisch meine Gier und Habsucht und meinen Geiz und versetzte: »Nicht so, mein Bruder; ein Kamel genügt mir nicht, daß ich dir diesen ganzen Schatz zeigen sollte. Ich will dir nur unter einer einzigen Bedingung die Stelle zeigen; nämlich, daß wir beide die Kamele dorthin treiben und sie mit dem Schatz beladen; du sollst mir dann die eine Hälfte geben und die andere Hälfte für dich behalten. Mit vierzig Kamellasten kostbarer Erze und Edelsteine kannst du dir tausendmal mehr Kamele kaufen.« Als ich sah, daß es unmöglich war ihn abzuweisen, rief ich: »Es sei so! Ich willige in deinen Vorschlag ein und will nach deinem Wunsch thun.« Denn in meinem Herzen hatte ich die Sache wohl erwogen und ich wußte sehr gut, daß vierzig Kamellasten Gold und Edelsteine für mich und viele Generationen meiner Nachkommen ausreichen würden. Auch fürchtete ich, daß, wenn ich es ihm abschlüge, ich es für immer bereuen würde, einen so großen Schatz aus der Hand fahren gelassen zu haben. Indem ich also in alle seine Worte einwilligte, trieb ich alle meine Tiere zusammen und machte mich zugleich mit dem Fakir auf den Weg. Nachdem wir eine kurze Strecke zurückgelegt hatten, gelangten wir in eine Schlucht zwischen zwei hohen halbmondförmigen Felsenwänden, die so eng war, daß die Tiere gezwungen waren hintereinander zu schreiten; weiterhin verbreiterte sie sich jedoch, und wir vermochten ohne Mühe in das tiefer gelegene Wadi hinunterzuziehen. Kein menschliches Wesen war in dieser Wildnis irgendwo zu sehen oder zu hören, so daß wir ungestört waren und ohne Besorgnis nichts befürchteten. Alsdann sagte der Derwisch: »Laß deine Kamele hier und folge mir.« Ich that nach seinem Geheiß und folgte ihm, nachdem ich die Kamele hatte niederknieen lassen. Nachdem wir uns eine kurze Strecke vom Halteplatz entfernt hatten, holte er einen Feuerstein und Stahl hervor und schlug damit Feuer, worauf er etwas Reisig, das er zusammengelesen hatte, anzündete. Dann warf er eine Handvoll starkduftenden Weihrauch in die Flammen und murmelte Zauberworte, die ich nicht verstehen konnte. Mit einem Male stieg eine Rauchwolke auf und verhüllte, hochemporwirbelnd, die Berge; als sich der Dampf dann wieder verzog, erblickten wir einen mächtigen Felsen mit einem Fußweg, der zu seiner senkrechten Wand emporführte. Hier zeigte die Wand eine offene Thür, durch die man tief im Berge einen prächtigen Palast gewahrte, das Werk der Dschinn, denn kein Mensch hätte etwas dergleichen zu erbauen vermocht. Nach großer Anstrengung betraten wir ihn und fanden einen endlosen Schatz in ihm, der mit der größten Ordnung und Regelmäßigkeit in Haufen aufgestapelt war. Als ich einen Haufen Aschrafīs gewahrte, fiel ich über ihn her wie sich ein Geier auf seine Beute, das Aas, stürzt, und begann die Säcke nach Herzenslust mit Goldstücken zu füllen. Die Säcke waren groß, doch war ich gezwungen sie nur im Verhältnis zur Kraft meiner Tiere vollzustopfen. Der Derwisch machte sich in der gleichen Weise zu schaffen, doch füllte er seine Säcke allein mit Juwelen und Edelsteinen, indem er mir riet dasselbe zu thun. So schüttete ich denn die Goldstücke wieder aus und füllte meine Säcke allein mit den wertvollsten Steinen an. Als wir unser Bestes gethan hatten, luden wir die wohlgefüllten Säcke auf den Rücken der Kamele und machten uns fertig zur Abreise. Bevor wir jedoch das Schatzhaus verließen, in dem tausende goldene Gefäße von ausgesuchter Form und Arbeit standen, ging der Derwisch in eine verborgene Kammer und holte aus einem silbernen Schrein eine kleine goldene Büchse mit einer Salbe, die er, nachdem er sie mir gezeigt hatte, in seine Tasche steckte. Alsdann streute er wieder Weihrauch ins Feuer und murmelte seine Zauberformeln und Beschwörungen, worauf sich die Thür schloß und der Felsen wie zuvor ward. Dann teilten wir die Kamele, indem er die eine Hälfte und ich die andere nahm, und nun zogen wir wieder im Gänsemarsch durch die enge und düstre Schlucht, bis wir auf die offene Ebene gelangten. Hier trennte sich unser Weg, indem er sich nach Basra wandte, während ich die Richtung nach Bagdad einschlug. Beim Abschiednehmen überschüttete ich den Derwisch, der mir alle diese Reichtümer und Schätze im Werte von tausendmaltausend Goldstücken verschafft hatte, mit Danksagungen, und sagte ihm, von tiefster Dankbarkeit bewegt, Lebewohl. Dann umarmten wir uns und schlugen ein jeder seinen Weg ein. Kaum hatte ich mich jedoch von dem Fakir verabschiedet und mich mit meinem Kamelzug eine kleine Strecke von ihm entfernt, da versuchte mich der Satan mit Habgier, so daß ich bei mir sprach: »Der Derwisch steht in der Welt allein ohne Freunde und Verwandte und ist gänzlich irdischen Dingen entfremdet. Was sollen ihm da diese Kamellasten schmutzigen Gewinns nützen? Überdies, von der Sorge für die Kamele erfüllt, um nichts von dem Trug des Reichtums zu sagen, mag er sein Gebet und seine Andacht vernachlässigen; es geziemt sich mir daher, ihm einige meiner Tiere abzunehmen.« Mit diesem Entschluß ließ ich meine Kamele halten und eilte, nachdem ich ihre Vorderfüße gefesselt hatte, hinter dem Heiligen her und rief seinen Namen. Er hörte mein lautes Rufen und wartete alsbald auf mich. Als ich mich ihm genähert hatte, sprach ich zu ihm: »Als ich dich verlassen hatte, kam mir ein Gedanke in den Sinn; ich gedachte nämlich, daß du ein Einsiedler bist, der sich fern von irdischen Dingen hält und reines Herzens ist und sich nur mit Gebet und Andacht abgiebt. Die Sorge für alle diese Kamele aber wird dir nur Mühe und Verdruß und Plackerei verursachen und dir kostbare Zeit vergeuden. Besser wäre es daher, du gäbest sie zurück und setztest dich nicht diesen Verdrießlichkeiten und Gefahren aus.«

Der Derwisch versetzte: »O mein Sohn, du sprichst die Wahrheit; die Sorge für all diese Tiere wird mir nichts als Kopfschmerzen eintragen, nimm daher von ihnen soviel als du begehrst. Ich dachte nicht an die Last und Plackerei, als bis du mich darauf brachtest. Jetzt aber bin ich davor gewarnt; mag dich daher Gott, der Erhabene, in seinen heiligen Schutz nehmen!« Demzufolge nahm ich zehn Kamele von ihm und war drauf und dran wieder meines Weges zu ziehen, als mir der Gedanke plötzlich aufstieg: »Dieser Fakir gab unbekümmert zehn Kamele auf, besser wäre es, noch mehr von ihm zu fordern.« Hierauf näherte ich mich ihm und sprach: »Du wirst kaum imstande sein mit dreißig Kamelen fertig zu werden; gieb mir, ich bitte, noch zehn.« Der Derwisch erwiderte: »O mein Sohn, thu', was du begehrst. Nimm noch zehn Kamele, zwanzig werden mir genügen.« Ich that nach seinen Worten und trieb die zwanzig Kamele fort, sie meinen vierzig beigesellend. Dann aber erfaßte mich wieder der Geist der Habsucht, und der Gedanke quälte mich immer heftiger noch einmal zehn Kamele von seinem Teil zu bekommen. Ich lenkte deshalb zum drittenmal meine Schritte zu ihm zurück und bat ihn noch um zehn Kamele und, nachdem ich diese erhalten hatte, schmeichelte ich ihm auch noch die letzten zehn Kamele ab. Der Derwisch trennte sich willig von seinem letzten Kamel, worauf er seine Säume schüttelte und sich zum Aufbruch anschickte. Meine verruchte Gier ließ mich jedoch nicht los und, wiewohl ich die achtzig Kamele, beladen mit Aschrafīs und Juwelen, erhalten hatte und glücklich und zufrieden mit Schätzen für achtzig Geschlechter hätte heimkehren können, versuchte mich Satan noch weiter und reizte mich ebenso die Büchse mit Salbe ihm fortzunehmen, die, wie ich glaubte, etwas noch kostbareres als Rubinen enthält. Als ich ihn umarmt und ihm Lebewohl gesagt hatte, hielt ich deshalb eine Weile an, worauf ich ihn fragte: »Was willst du mit der kleinen Salbenbüchse thun, die du als dein Teil an dich genommen hast? Ich bitte dich, gieb sie mir ebenfalls.« Da sich der Fakir jedoch um keinen Preis von ihr trennen wollte, gelüstete mich um so mehr nach ihrem Besitz und ich beschloß, ihm die Büchse mit Gewalt zu nehmen, falls er sie mir nicht aus freien Stücken gäbe. Als er meine Absicht bemerkte, zog er die Büchse aus seiner Brusttasche und reichte sie mir mit den Worten: »O mein Sohn, wenn du diese Salbenbüchse haben willst, so gebe ich sie dir aus freien Stücken; zuerst mußt du jedoch die Kraft der Salbe, die sie enthält, kennen lernen.« Ich erwiderte ihm: »Da du mir all diese Güte erwiesen hast, so bitte ich dich, gieb mir über diese Salbe Auskunft und sag' mir, was sie für Eigenschaften besitzt.« Er versetzte: »Die Wunderkräfte dieser Salbe sind außerordentlich seltsam und eigentümlich. Wenn du dein linkes Auge schließest und das Lid mit der geringsten Kleinigkeit von der Salbe einreibst, so werden dir alle Schätze der Welt, die jetzt vor deinen Blicken verborgen sind, zu Gesicht kommen. Reibst du jedoch dein rechtes Auge mit ihr ein, so wirst du alsbald auf beiden Augen stockblind.« Als ich dies vernahm, beschloß ich diese Wundersalbe zu erproben und sagte zu ihm, indem ich die Büchse in seine Hand legte: »Ich sehe, du verstehst diese Sache sehr gut; ich bitte dich daher, mir etwas Salbe mit deiner eigenen Hand auf mein linkes Augenlid zu streichen.« Hierauf schloß der Derwisch mein linkes Auge und rieb mit seinem Finger ein wenig von der Salbe über das Lid; und, sobald ich dann das Auge öffnete und um mich schaute, sah ich die verborgenen Schätze der Erde in zahllosen Mengen, so wie es mir der Fakir gesagt hatte. Alsdann schloß ich mein rechtes Auge und bat ihn ebenfalls auf das rechte Augenlid etwas von der Salbe zu streichen. Der Derwisch entgegnete: »O mein Sohn, ich sagte dir zuvor, daß du stockblind werden würdest, wenn ich dein rechtes Augenlid mit der Salbe einreibe. Scheuche diesen thörichten Gedanken von dir; warum solltest du dieses Übel zwecklos über dich bringen?« Er sprach die Wahrheit; in meinem verfluchten Mißgeschick wollte ich seinen Worten jedoch kein Gehör schenken und gedachte bei mir: »Wenn das Bestreichen meines linken Augenlids mit der Salbe solche Wirkung hervorgebracht hat, so wird der Erfolg sicherlich noch viel wunderbarer sein, wenn ich mein rechtes Auge damit einreibe. Der Kerl ist falsch gegen mich und verheimlicht mir den wahren Sachverhalt.« Nachdem ich solche Gedanken bei mir erwogen hatte, lachte ich und sprach zu dem Heiligen: »Du hintergehst mich, damit ich keinen Nutzen aus dem Geheimnis ziehen kann, denn das Einreiben des rechten Augenlids mit der Salbe hat noch eine größere Wirkung als das Bestreichen des linken, und du willst mir die Sache verbergen. Es ist unmöglich, daß dieselbe Salbe so entgegengesetzte Eigenschaften und so verschiedene Kräfte besitzt.« Der Derwisch versetzte: »Gott, der Erhabene, ist mein Zeuge, daß die Wunderkräfte der Salbe keine andern sind, als die, von denen ich zu dir sprach. O mein teurer Freund, schenke mir Glauben, denn ich sprach nichts als die lauterste Wahrheit zu dir.« Ich wollte jedoch immer noch nicht seinen Worten glauben, indem ich wähnte, daß er mich belog und mir die Hauptkraft der Salbe verheimlichte. Erfüllt von diesem thörichten Gedanken, bedrängte ich ihn heftig und bat ihn mir die Salbe auf mein rechtes Augenlid zu streichen, während er sich von neuem weigerte und sprach: »Du siehst, wie gütig ich gegen dich gewesen bin; weshalb sollte ich dir nun solch ein grausames Übel zufügen? Sei versichert, daß es dir dein Lebenlang Kummer und Elend bringen würde; ich bitte dich bei Gott, dem Erhabenen, gieb deine Absicht auf und schenke meinen Worten Glauben.« Jemehr er sich jedoch weigerte, desto inständiger bestand ich darauf, bis ich zum Schluß mich bei Gott verschwor und sprach: »O Derwisch, alles was ich verlangte, gewährtest du mir freiwillig und jetzt habe ich allein noch diese Bitte an dich zu richten. Um Gott, widersprich mir nicht, und erfülle mir dies als deine letzte Huld, und was mir auch immer widerfahren mag, ich will dich dafür nicht zur Verantwortung ziehen. Mag das Schicksal Gutes oder Schlimmes beschließen!« Als der Heilige sah, daß seine Weigerung nichts frommte und daß ich ihn durch mein heftiges Drängen belästigte, legte er die winzigste Kleinigkeit Salbe auf mein rechtes Augenlid, und als ich nun meine Augen weit aufthat, siehe, da war ich auf beiden Augen stockblind; ich vermochte wegen der schwarzen Finsternis vor ihnen nichts zu sehen, und seit jenem Tag bin ich blind und hilflos, wie du mich antrafst. Als ich merkte, daß ich blind geworden war, rief ich: »O unseliger Derwisch, was du voraussagtest, ist eingetreten.« Dann verfluchte ich ihn und sprach: »Wollte der Himmel, daß du mich nie zu dem Schatz geführt oder mir solchen Reichtum gegeben hättest! Was nützt mir nun all dieses Gold und alle diese Juwelen? Nimm deine vierzig Kamele zurück und mach' mich wieder gesund.« Er versetzte jedoch: »Welches Übel fügte ich dir denn zu? Ich erwies dir mehr Güte als sonst ein Mensch einem andern. Du wolltest nicht auf meine Worte hören, sondern verhärtetest dein Herz und giertest danach diesen Reichtum zu gewinnen und die verborgenen Schätze der Erde zu schauen. Du begnügtest dich nicht mit dem, was du besaßest, sondern zweifeltest an meinen Worten im Glauben, ich betröge dich. Dein Fall ist völlig hoffnungslos, denn du wirst nie dein Augenlicht wieder gewinnen; nein, nimmermehr.« Unter Thränen und Jammern sagte ich nun: »O Fakir, nimm deine achtzig Kamele, beladen mit Gold und Edelsteinen, zurück und zieh deines Weges; ich spreche dich von aller Schuld frei, nur bitte ich dich bei Gott, dem Erhabenen, mir, so du es vermagst, mein Augenlicht wieder zu schenken.« Er erwiderte mir jedoch kein Wort, sondern verließ mich in meiner elenden Lage und führte, indem er die achtzig mit den Schätzen beladenen Kamele vor sich her trieb, die Lasten nach Basra. Ich schrie laut und flehte ihn an, mich aus der todbringenden Wildnis mit sich zu nehmen oder mich auf den Pfad irgend einer Karawane zu setzen. Er achtete jedoch nicht auf mein Schreien sondern ließ mich daselbst zurück. Als mich der Derwisch verlassen hatte, wäre ich fast vor Kummer und Schmerz über den Verlust meines Augenlichts und meiner Schätze und an den Qualen des Durstes und Hungers gestorben. Glücklicherweise zog jedoch am nächsten Tage eine Karawane von Basra jene Straße, deren Kaufleute Mitleid mit mir empfanden, als sie mich in solchem Zustand gewahrten, und mich mit sich nach Bagdad nahmen. Hier vermochte ich nichts zu thun als mein Brot zu erbetteln, um mein Leben zu fristen; und so ward ich ein Bettler und gelobte vor Gott, dem Erhabenen, als Bestrafung für meine unselige Habsucht und verruchte Gier von jedem, der sich meiner erbarmte und mir ein Almosen schenkte, eine Ohrfeige zu erbitten. Deshalb bedrängte ich dich gestern auch mit solcher Hartnäckigkeit.«

Als der Blinde seine Geschichte beendet hatte, sprach der Chalife: »O Bâbā Abdallāh, die Sünde war groß, und mag sich Gott deiner erbarmen! Jetzt bleibt dir nichts weiter übrig, als daß du deine Geschichte den Frommen und Einsiedlern erzählst, daß sie ihre hilfreichen Gebete für dich erheben. Sorge dich hinfort nicht weiter um dein täglich Brot; ich habe mich entschlossen dir für deinen Unterhalt täglich aus meiner königlichen Schatzkammer eine Gabe von vier Dirhem zu schenken, so lange als du lebst. Sieh jedoch zu, daß du nicht weiter in meiner Stadt umhergehst und Almosen erbettelst.« Da bedankte sich Bâbā Abdallāh bei dem Fürsten der Gläubigen und sprach: »Ich will thun, wie du es mich heißest.«

Als der Chalife Hārûn er-Raschîd die Geschichte von Bâbā Abdallāh und dem Derwisch vernommen hatte, wendete er sich zu dem jungen Mann, den er die Stute in vollem Galopp hatte reiten und grausam peitschen und mißhandeln sehen. Er redete ihn an und fragte ihn: »Wie heißest du?« worauf der Jüngling, seine Stirn senkend, erwiderte: »O Fürst der Gläubigen, mein Name ist Sîdī Noomân.« Alsdann sagte der Chalife: »Höre, Sîdī Noomân! Ich habe oft den Reitern zugesehen, wie sie ihre Rosse übten, und habe oft das Gleiche gethan, doch nie gewahrte ich jemand, der so erbarmungslos wie du sein Roß ritt, denn du peitschtest deine Stute und gabst ihr zugleich die Sporen, beides in der grausamsten Weise. Alle Leute standen da und schauten dir starr vor Staunen zu, vornehmlich jedoch ich selber, der ich wider meinen Willen veranlaßt wurde anzuhalten und die Anwesenden nach der Ursache hiervon zu fragen. Keiner vermochte mir jedoch die Sache aufzuklären, und alle sagten mir, daß du Tag für Tag deine Stute in dieser brutalen Weise zu reiten pflegtest, worüber ich mich um so mehr verwunderte. Ich frage dich nunmehr nach dem Grund dieser unbarmherzigen Grausamkeit, und du sieh zu, daß du mir alles erzählst und nichts vorenthältst.«

Als Sîdī Noomân den Befehl des Fürsten der Gläubigen vernahm und sah, daß es sein fester Entschluß war die ganze Sache zu hören, und daß er ihn nicht eher fortlassen würde, als bis er alles erklärt hatte, wechselte er die Farbe seines Antlitzes und stand vor Furcht und Zittern sprachlos wie eine Bildsäule da. Da sagte der Fürst der Gläubigen zu ihm: »O Sîdī Noomân, fürchte nichts, sondern erzähl' mir deine ganze Geschichte. Betrachte mich als einen deiner Freunde, sprich ohne Vorbehalt und erkläre mir den ganzen Sachverhalt, wie du es thun würdest, wenn du zu deinen vertrauten Freunden zu sprechen hättest. Überdies, solltest du dich fürchten, mir etwas anzuvertrauen, und vor meinem Unwillen bangen, so gewähre ich dir Indemnität und Gnade.« Bei diesen ermunternden Worten des Chalifen faßte Sîdī Noomân wieder Mut und versetzte mit gefalteten Händen: »Ich vertraue in dieser Sache nichts zuwider dem Gesetz und Brauch deiner Hoheit begangen zu haben und gehorche gern deinem Geheiß und will dir meine ganze Geschichte beichten. Habe ich mich in irgend einer Sache vergangen, so verdiene ich deine Strafe. Es ist wahr, daß ich täglich die Stute geübt und mit ihr rings um den Plan galoppiert bin, wie du es mich thun sahst; und ich peitschte sie und bohrte ihr die Steigbügel mit aller Macht in die Flanken. Du verspürtest Mitleid mit der Stute und glaubtest, ich sei grausam, indem ich sie so mißhandelte, jedoch, wenn du mein ganzes Abenteuer vernommen hast, so wirst du, so Gott will, einräumen, daß dies nur eine geringfügige Strafe für ihre Schuld ist, und daß nicht sie dein Mitleid und deine Gnade verdient, sondern ich. Mit deiner Erlaubnis will ich nun meine Geschichte beginnen.« Der Chalife Hārûn er-Raschîd erteilte dem Jüngling Erlaubnis zu sprechen, worauf der Reiter der Stute also erzählte:

 

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