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Tausend und eine Nacht. Band XXI

Max Henning: Tausend und eine Nacht. Band XXI - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
authorUnbekannte Autoren
titleTausend und eine Nacht. Band XXI
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
yearo.J.
firstpub1895
translatorMax Henning
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20150411
modified20180223
projectidbbb389ae
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Das nächtliche Abenteuer des Chalifen Hārûn er-Raschîd.

Ich vernahm, o glückseliger König, daß der Chalife Hārûn er-Raschîd eines Nachts gar keinen Schlaf zu finden vermochte. Als er am Morgen aufstand, ward er von Unruhe gequält, so daß seine ganze Umgebung beunruhigt wurde, denn die Leute richten sich immer nach der Weise des Fürsten; sie frohlocken über seine Freude und grämen sich über seinen Gram, wiewohl sie nicht die Ursache hiervon kennen. Wie nun der Chalife so unruhig war, ließ er den Eunuchen Mesrûr rufen, und als dieser vor ihm erschien, rief er ihm zu: »Hol' mir unverzüglich meinen Wesir Dschaafar den Barmekiden.« Infolgedessen eilte Mesrûr hinaus und kehrte mit dem Wesir zurück. Als Dschaafar den Fürsten der Gläubigen allein antraf, was sich selten ereignete, und beim Nähertreten gewahrte, daß er sich in verdüsterter Stimmung befand und seine Augen nicht aufschlug, blieb er stehen, bis sein Gebieter geruhen würde ihn anzuschauen. Schließlich richtete der Fürst der Gläubigen seinen Blick auf Dschaafar, doch wendete er sein Haupt sofort wieder zur Seite und saß regungslos wie zuvor da. Wie nun der Wesir im Gesicht des Chalifen nichts gewahrte, das ihn persönlich betraf, faßte er sich ein Herz und redete ihn folgendermaßen an: »O Fürst der Gläubigen, will deine Hoheit geruhen mir die Frage zu verstatten, woher diese deine Traurigkeit rührt?« Da versetzte der Chalife mit einer etwas heiterern Stirne: »O Wesir, meine Stimmung ist in der letzten Zeit trübe gewesen, und ich kann nur durch merkwürdige Geschichten und Verse erheitert werden; wenn du daher nicht in einer dringenden Angelegenheit hergekommen bist, so wirst du mich erfreuen, wenn du mir etwas zur Verscheuchung meines Kummers erzählst.« Der Wesir erwiderte: »O Fürst der Gläubigen, es ist mein Amt dir zu dienen, und so möchte ich dich daran erinnern, daß dieser Tag dazu bestimmt ist, daß du dich über die gute Verwaltung deiner Hauptstadt und ihres Bezirks unterrichtest. Dies wird, so Gott will, dein Gemüt zerstreuen und deine trübe Stimmung verscheuchen.« Der Chalife entgegnete: »Du thust gut, mich hieran zu erinnern, denn ich hatte es gänzlich vergessen. Geh' daher fort und wechsle deine Kleidung, während ich das Gleiche thue.«

Hierauf legten beide die Tracht fremder Kaufleute an und schritten durch eine Privatthür des Palastgartens ins Freie. Nachdem sie einen Rundgang um die Stadt gemacht hatten, gelangte sie zum Ufer des Euphrat in einiger Entfernung von dem auf jener Seite gelegenen Thor, ohne daß sie irgend welche Unordnung wahrgenommen hätten; alsdann setzten sie auf dem ersten besten Boot, das sie fanden, über den Strom und machten einen zweiten Rundgang auf der andern Seite, bis sie über die Brücke, welche die beiden Hälften der Stadt Bagdad verband, schritten. Am Brückenkopf stießen sie auf einen blinden Scheich, der sie um ein Almosen ansprach, worauf der Chalife sich umwendete und ihm einen Dinar in die Hand legte. Da faßte der Bettler seine Hand und, ihn festhaltend, sagte er: »O gütiger Mann, wer immer du sein magst, den Gott antrieb mir ein Almosen zu geben, weise nicht die Bitte ab, die ich an dich richte; gieb mir einen Backenstreich, denn ich verdiene dies und noch eine größere Strafe.« Nach diesen Worten ließ er die Hand des Chalifen los, damit er ihn schlüge; in der Furcht jedoch, der Fremde könnte, ohne dies zu thun, weitergehen, hielt er ihn an seinem langen Gewand fest.

Überrascht von den Worten des blinden Bettlers, versetzte der Chalife: »Ich vermag dir deine Bitte nicht zu erfüllen und will das Verdienst meiner Mildthätigkeit nicht verringern, indem ich dich behandle, wie du es von mir verlangst.« Mit diesen Worten suchte er von dem Blinden loszukommen, während der Blinde, der dies infolge seiner langen Erfahrung von seinem Wohlthäter erwartete, ihn mit aller Kraft festzuhalten suchte und rief: »O mein Herr, vergieb mir meine Kühnheit und Hartnäckigkeit; jedoch flehe ich dich an mir entweder einen Backenstreich zu verabfolgen oder dein Almosen zurückzunehmen, denn ich mag es nur unter dieser Bedingung annehmen, ohne einen heiligen, vor Gottes Angesicht gelobten Eid zu brechen. Wüßtest du den Grund hiervon, so würdest du mit mir übereinstimmen, daß es eine leichte Strafe ist.«

Da der Chalife nicht länger aufgehalten sein mochte, gab er dem Drängen des Blinden nach und versetzte ihm einen leichten Schlag, worauf der Bettler ihn sogleich losließ und ihm dankte und Segen erflehte. Als sich dann der Chalife und der Wesir eine kurze Strecke vom Blinden entfernt hatten, sagte der Chalife: »Dieser blinde Bettler muß unbedingt guten Grund haben, sich in solcher Weise gegen alle, die ihm Almosen spenden, zu benehmen, und ich möchte ihn gern erfahren. Geh' daher zu ihm zurück, sag' ihm, wer ich bin, und befiehl ihm, um die Zeit des Nachmittagsgebets in meinem Palast zu erscheinen, damit ich mit ihm reden und hören kann, was er zu erzählen hat.« Hierauf kehrte Dschaafar zu dem blinden Bettler zurück und gab ihm eine milde Gabe, indem er ihm einen neuen Backenstreich versetzte; dann teilte er ihm den Befehl des Chalifen mit und kehrte sofort zu seinem Herrn zurück.

Als die beiden die Stadt erreichten, fanden sie auf einem Platz eine große Volksmenge, die einen hübschen und wohlgestalteten Jüngling betrachtete, der auf einer Stute saß und sie im Galopp rings um den Platz tummelte, indem er das Tier dabei so grausam spornte und peitschte, daß es von Schweiß und Blut bedeckt war. Als der Chalife dies gewahrte, empörte er sich über die Grausamkeit des Jünglings und hielt an, um die Zuschauer zu fragen, ob sie wüßten, weshalb er die Stute in solcher Weise folterte; er konnte jedoch nichts anders erfahren, als daß er seit einer Weile Tag für Tag um dieselbe Zeit die Stute in dergleichen Weise behandelt hätte. Da befahl der Chalife beim Weitergehen seinem Wesir sich den Platz zu merken und dem Jüngling zu befehlen, sich am andern Tage zu derselben Stunde, zu der er den Blinden bestellt hatte, bei ihm einzufinden. Ehe der Chalife jedoch seinen Palast erreichte, gewahrte er in einer Straße, durch die er seit Monaten nicht mehr gekommen war, ein neuerbautes Haus, das ihm der Palast eines Großen seines Reiches zu sein schien. Er fragte den Wesir, ob er den Besitzer des Hauses kenne, worauf Dschaafar es verneinte, jedoch versetzte, sich danach erkundigen zu wollen. Er fragte deshalb einen Nachbarn, der ihm erwiderte, daß der Hausbesitzer ein gewisser Chwâdsche Hasan wäre, mit dem Beinamen El-Habbâl, der Seiler; er hätte den Mann in den Tagen seiner Armut sein Handwerk betreiben sehen und wüßte nicht, wie sich das Schicksal und Verhängnis mit ihm befreundet hätte; jedoch hätte der Chwâdsche so außerordentlichen Reichtum gewonnen, daß er instand gesetzt wäre alle die Kosten, die ihm durch den Bau seines Palastes erstanden waren, ehrlich und reichlich zu zahlen. Der Wesir kehrte mit diesem Bescheid zum Chalifen zurück und gab ihm einen ausführlichen Bericht von dem Vernommenen, worauf der Fürst der Gläubigen rief: »Ich muß diesen Chwâdsche Hasan den Seiler sehen. Geh' zu ihm, Wesir, und befiehl ihm zu derselben Zeit zu meinem Palast zu kommen, die du für die beiden andern angegeben hast.«

Der Wesir that nach dem Geheiß seines Herrn, und am nächsten Tage nach der Stunde des Nachmittagsgebets, als sich der Chalife in sein Privatgemach zurückgezogen hatte, führte Dschaafar die drei Leute, von denen wir zuvor gesprochen hatten, herein und stellte sie dem Chalifen vor. Alle warfen sich ihm zu Füßen nieder, und als sie sich wieder erhoben hatten, fragte der Fürst der Gläubigen den blinden Scheich nach seinem Namen, der ihm erwiderte, er heiße Bâbā Abdallāh. Da sagte der Chalife: »O Abdallāh, deine Art gestern, ein Almosen zu erbitten, erschien mir so sonderbar, daß ich dir deine Bitte, wenn nicht aus gewissen Rücksichten, nicht erfüllt hätte; ja, ich hätte dich sogar verhindert, dem Volk weitern Anstoß zu geben. Jetzt habe ich dich hierher befohlen, um von dir zu erfahren, was dich bewog, den übereilten Eid, von dem du mir sprachst, zu schwören, damit ich besser urteilen kann, ob du gut oder übel daran thatest, und ob ich zulassen soll, daß du weiter in einem Thun beharrst, das meiner Meinung nach ein so verderbliches Beispiel geben muß. Gesteh' mir offen, wie solch ein thörichter Gedanke in deinen Kopf kam, und verheimliche nichts, denn ich will die lauterste Wahrheit hören.«

Erschreckt von diesen Worten, warf sich Bâbā Abdallāh mit seinem Angesicht zum zweitenmal dem Chalifen vor die Füße auf den Boden und, als er sich wieder erhob, sprach er: »O Fürst der Gläubigen, ich bitte deine Hoheit um Verzeihung für meine Vermessenheit in dem, was ich verlangte, und daß ich dich fast zwang ein Ding zu thun, das fürwahr dem gesunden Verstand widerspricht. Ich gestehe meine Schuld ein; da ich jedoch damals deine Hoheit nicht erkannte, so erbitte ich deine Gnade und bitte dich meine Unkenntnis deines hohen Ranges zu berücksichtigen. Was nun aber mein überspanntes Treiben anlangt, so räume ich gern ein, daß es den Menschen absonderlich vorkommen muß. In dem Auge Gottes ist's jedoch eine leichte Strafe, die ich mir für ein gewaltiges Verbrechen, dessen ich schuldig bin, auferlegte, und für das ich, auch wenn mir alle Leute auf der Welt einen Backenstreich gäben, nicht hinreichend büßte. Deine Hoheit soll selber urteilen, wenn ich meine Geschichte nach deinem Geheiß erzählt und dir meine Schuld mitgeteilt habe.

 

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