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Tausend und eine Insel

Richard Arnold Bermann: Tausend und eine Insel - Kapitel 9
Quellenangabe
typereport
authorRichard Arnold Bermann
titleTausend und eine Insel
publisherS. Fischer Verlag Berlin
printrun1. bis 6. Auflage
year1927
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140923
projectid608b3a89
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Sterne unter der Erde

Ich bin in Waitomo, auf der Nordinsel von Neuseeland, in dem einsam gelegenen Regierungshotel, das man unbedingt besucht haben muß, wegen der berühmten Höhlen. Am Vormittag werde ich mit einem Haufen australischer Misses in die Ruakurihöhle geführt und langweile mich; am Nachmittag treibt mich die Höhle von Aranui zur Verzweiflung. Es sind Feld-, Wald- und Wiesenhöhlen, möbliert mit Stalaktiten und mit Stalagmiten; es gibt, wie ich vorher hätte wissen können, eine »Kathedrale« und einen »Thronsaal«, auch einen »Vorhang«, alles aus Kalkstein getropft. Wo hätte es je eine Höhle gegeben ohne einen »Vorhang« und ohne eine »Kathedrale«? Es gibt ferner den Feensaal, die Orgel, vergessen wir die Orgel nicht, es gibt die beiden Maoriweiber, die von der Decke hängen, mit den kleinen Kindern auf ihren Rücken, und die Nasen aneinander reiben, es gibt die beiden schnäbelnden Täubchen und, an einer Stelle der Wand, den Namen des Herrn Smith aus Dunedin, der auch hier war und sich mit Bleistift verewigt hat. Ich empfinde, daß ich in den nächsten zwanzig Jahren keine Tropfsteinhöhle mehr zu sehen brauche, sie sind doch alle gleich.

Aber nach dem Abendessen im Hotel, selbstverständlich Lamm mit Krauseminzsauce, kommt der Führer wieder und stellt mit Entschiedenheit die schweren Nagelschuhe vor mich hin, die ich eben ausgezogen habe. Es gibt noch eine dritte Höhle zu besichtigen, und die wird jetzt am Abend besichtigt, also bitte – –

Es scheint, daß ich muß, und gleich darauf stolpere ich hinter dem Führer drein, hinter den australischen Misses, durch einen dunklen Abend, mit einer lästigen Grubenlampe in meiner Hand, und mein Herz ist voll von Verachtung gegen mich selbst.

Wir klettern einen Pfad hinab, durch das weißblühende Geäst der Manukasträucher, und kommen ohne Fehl zu einem Höhleneingang, an dem geschrieben steht, was in dieser Höhle alles verboten ist, und gleich darauf gehen wir durch speckig schillernde nasse Gänge oder durch große, gewölbte Säle mit Hallen, die schön genug wären ohne die Herde der Misses, die stehenbleiben und » wonderful!« rufen, sobald der Führer ihnen gesagt hat: Diese Tropfsteinformation gleicht einem Vorhang. Diese gleicht einer Orgel. Dies ist der Feensaal – –

Und dann, und dann – – Mit einemmal, wie durch große Magie – –

Wir kommen in eine große, trockene Kaverne, in deren Hintergrund eine neue, stärkere Dunkelheit ist, dicht wie ein Samtvorhang. Der Führer, mit einem verheißenden Lächeln, läßt uns unsere Lampen auf den Boden stellen und hält eine kurze Ansprache: »Meine Damen und Herren! Sie werden jetzt eines der großen Wunder der Welt sehen. Sie werden es sehen, wenn Sie kein Wort sprechen werden, keines flüstern, nicht husten, keinen Lärm mit Ihren Händen und Füßen machen. Dieses Wunder hört auf, wenn ein einziger unter Ihnen sagt: Wundervoll! – –

Bitte, folgen Sie mir. Hier hinunter. Achtung, ein paar Stufen. Ich kann das Licht nicht näher bringen. Das ist das letzte Wort, das ich rede – –«

Er verschwindet in einem nach abwärts führenden Höhlengang. Wir nach, über ein paar Steinstufen. Irgendein Gefühl sagt mir, daß es nicht weit in die Tiefe geht, dann höre ich das ganz sanfte, milde Fließen eines ruhigen Wassers und sehe vor mir einen tiefschwarzen Schimmer, so etwas wie blankgeschliffene Nacht. Wir alle stehen und atmen nicht; es ist eine Art tiefer, unterirdischer Stille, als ob hier noch nie ein Laut geklungen hätte. Und nun, da die Augen wieder zu sehen trachten, fangen sie den leisesten Schimmer eines opalisierenden Lichtes auf. Ich sehe nicht nur, daß ich am Ufer eines unterirdischen Stromes stehe, eines ungeheuer groß scheinenden, leise fließenden Wassers, sondern daß auch ein Boot da ist, düster wie Charons Nachen. Der Führer, neben mir, berührt meinen Arm und hilft mir ins Boot. Seine Finger sagen: nur leise! Dann sitzen wir alle. Der Führer steht. Seine Hände, die seltsam schimmern, greifen in die tiefe Dunkelheit über seinem Kopf. Ah! Dort über dem Nachen ist ein Drahtseil gespannt, der Führer zieht das Boot weiter, indem er seine Hände das Seil entlang tasten läßt; so fahren wir, ohne daß ein Ruder im Wasser plätschern müßte.

Und nun sind wir aus der tiefdunklen Hafenbucht, in der das Boot war, herausgefahren in die große Höhle des versenkten Flusses – und es ist, bei Gott, schwer, nicht plötzlich aufzuschreien. Ich sehe, zufällig, das unsägliche Wunder zuerst im Wasser. Dieses samtschwarze, pechdichte, unheimlich glucksende Wasser ist voll von Sternen! Ich blicke aufwärts, und ich sehe, daß ganz dicht über meinem Kopf die Milchstraße ist, mit Myriaden und Myriaden von Sternen, die bläulich und grünlich schimmern wie der Mond oder auch rötlich wie der Mars. Wenn ich sage: Himmel, Milchstraße – meine ich das nicht poetisch oder vergleichsweise, es ist in dieser niederen Höhle wirklich ein Nachthimmel, nur so vollgepackt mit Sternen, wie noch nie ein Himmel war; an manchen Stellen ist er dunkel, als läge eine Wolke darüber, an anderen ist es, als hinge ein Christbaum, mit der Spitze nach unten, vom Himmel ins Wasser, ein unerhört leuchtender Christbaum, nur mit Sternen geschmückt.

Wie der Führer, gespenstisch groß im blaugrünen Schimmer dieses Sternenlichts, unser schwarzes, stilles Boot langsam, langsam vorwärts zieht, glaube ich irrsinnig zu werden, geworden zu sein, zu bleiben. Ich weiß nicht mehr, ob der Himmel oben oder unten ist, denn aus der unheimlichen Tiefe des Wassers scheinen mir die gleichen Sterne entgegen. Langsam legt sich der Taumel der Sinne, so daß ich beobachten kann. Nein, wir sind wirklich nicht im Freien, sondern in der Tiefe einer Höhle. Diese Christbäume, die von der Decke hängen, sind natürlich Stalaktiten, illuminiert mit diesen wunderbaren Sternen der Unterwelt – –

Und dann sehe ich über mir ein anderes Licht, durch das phantastische Spitzengerank der riesigen Farne scheinend, die den Eingang der Höhle umrahmen. Hier fließt der Waitomofluß unter die Erde. Waitomo bedeutet: Wasser, das verschwindet. Ich kann, mich zurückwendend, die Sterne der Tiefe sehen, magisch im Wasser widerspiegelt, und, vorwärts, aufwärts blickend, den wirklichen Nachthimmel, die wirklichen Sterne des Universums, und ich schwöre, daß sie minder schön erscheinen, minder geheimnisvoll und minder zahlreich als die Konstellationen der Unterwelt – –

In diesem Augenblick können zwei australische Misses einfach nicht mehr gebändigt werden. Die eine, die mit dem Zwicker, sagt: » Delightful!« – » Wonderful!« sagt ihre Freundin. Und nun – –

O hört, o hört dies: wie diese banalen Stimmen das Wunder beim Namen nennen, endet es auf einmal; das Licht dieser unterirdischen Sterne erlischt ganz plötzlich, als ob einer einen elektrischen Schalter geknipst hätte, nur ein schwacher Schimmer, ein mattes Phosphoreszieren bleibt zurück; diese Sterne unter der Erde ertragen die menschliche Stimme nicht und keine touristische Banalität; wenn du nur flüsterst: wunderbar! – so hast du das Wunder schon verscheucht, den Zauber entzaubert. Oh, die herrliche, herrliche Scheu und Keuschheit dieser schimmernden Nacht! Oh, welche Erinnerung an dieses samtschwarze, mit Sternen bestickte Schweigen – –

In dieser Höhle von Waitomo, über dem stillen Fluß, der durch das köstlich verwachsene Felsentor ins Erdinnere fließt, existiert ein geheimnisvolles Lebewesen, das es nur hier gibt und sonst nirgends auf der Welt: Bolitophila luminosa. Es ist ein Glühwurm, aber kein Glühkäfer, und ist zoologisch mit den Glühwürmern unserer Juninächte nicht verwandt. Ich habe später mit einer gemeinen Lampe ein Stück dieses unterirdischen Himmels bestrahlt und gefunden, daß eine schleimige Masse, ein formloses Stück Gelatine, am Kalkfelsen klebt. Es ist die Larve einer kleinen Fliege, die selbst ein wenig leuchtet, aber nicht so stark. Die Larven der Bolitophila, zu Hunderttausenden, kleben an dieser Felsendecke, über dem unterirdischen Fluß, oder an den Tropfsteingehängen, und von jeder einzelnen dieser Larven hängen lange graue Fäden straff und gerade hinab; es sieht nicht aus wie Spinnweben, es sind lauter feste, schwere, abwärts hängende Schnüre. Manche Zoologen sagen, daß das Insekt mit diesen Fäden winzige Wassermücken fängt, die das Licht des kleinen amorphen Körpers anlockt; andere sagen, daß man noch nie die Spur einer Mückenleiche in diesen Schnüren verfangen sah und daß niemand wirklich weiß, wie diese Larven leben, obwohl man ihren weiteren Weg durch die Puppe zur Fliege kennt. Sicher ist eines: daß die hängenden Fäden die Vibration jedes Lautes auffangen und daß die wunderherrliche kleine lebende Glühlampe erlischt, wenn in der Höhle ein anderer Ton aufklingt als nur das kleine melodische Glucksen eines von der Decke fallenden Wassertropfens. Ich habe später, auf eigene Faust experimentierend, durch rasch in eine Richtung gerufene Worte das magische Licht an dieser Stelle völlig zum Erlöschen gebracht, an jener gedämpft, an anderen geschont, so daß ich beinahe Muster in diesen Himmel sprechen konnte; es scheint möglich, nur mit der menschlichen Stimme ihn zu schattieren, vielleicht Schriftzüge zu schreiben. Schweigt man dann wieder, dann werden die tausend, tausend Sterne allmählich wieder hell. Das Licht einer Lampe läßt den Sternenschein fast gänzlich erlöschen, die Höhlenwölbung erscheint dann als weißlicher Kalkstein, völlig behängt mit den ordentlich parallelen kleinen Fangschnüren.

Diese Höhle des unterirdischen Himmels ist, sähe man nichts als sie allein, eine kleine Reise zu den Antipoden wohl wert. Es ist eine von den wenigen wirklich großen Erinnerungen, die das Reisen dem Weltfahrer so spärlich gibt, zu vergleichen nur mit dem halben Dutzend ganz großer Dinge: der Tadsch Mahal, der Omar-Moschee, dem Parthenon, dem Großen Cañon von Colorado – –

Immer werde ich an diesen Heimweg denken, durch den nächtlichen Busch, in dem manchmal ein schläfriger Vogel eine Skala sang; und darüber der Himmel, der wirkliche, mit diesen Sternen, die ich nie, nie wieder ansehen werde, ohne an die Höhle von Waitomo erinnert zu werden. Kann es sein, daß auch diese Sterne, die geheimnisvollen Sterne der Unendlichkeit, nichts sind als schöne und lauernde Ungeheuer, die unsichtbare Fangfäden durch den Kosmos herabhängen lassen, um zu fangen und zu verschlingen, was etwa aus der Tiefe aufwärts fliegen möchte, zu dem bläulichen Licht empor, das Segen und Schönheit zu versprechen scheint und das nichts ist als der tückisch wartende letzte Tod?

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